Verlorene Illusionen

Von Peter Nowak · · 2000/03

Der anfänglichen Begeisterung für den entwicklungspolitischen Schwerpunkt der EXPO 2000 folgt Ernüchterung. Die Standplätze sind zu teuer. Die Arbeit von NGOs wird vereinnahmt und gleichzeitig klargestellt, dass es keine Alternativen zum technokratischen

In den 70er-Jahren galten sie als absolute Avantgardisten in der Musikszene. Ihr Name war vor 25 Jahren in umweltbewegten Kreisen eine Provokation. „Kraftwerk“ heißt die Band, die 1974 mit „Autobahn“ und 1978 mit „Mensch-Maschine“ Musikgeschichte geschrieben hat. 1999 sorgten die Ausnahmemusiker wieder für Schlagzeilen. Für das stattliche Honorar von 400.000 DM komponierten sie ein 24 Sekunden langes Jingle für die EXPO 2000 in Hannover.

Neben „Kraftwerk“ werden viele andere nonkonformistische KünstlerInnen der verschiedensten Sparten auf der Weltausstellung ihren Auftritt haben. Warum auch nicht? Auch der überwiegende Teil der Alt-AktivistInnen aus Umwelt- und Internationalismusbewegungen sitzt mit im EXPO-Boot.

Noch 1988 wurde in Westberlin jeder Dialog mit IWF und Weltbank abgelehnt. Heute sitzt ein Teil der Protestgeneration als Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (NGO) mit den Reichen und Mächtigen dieser Welt am Runden Tisch. Dort haben sie nichts mitzubestimmen und allein die Dialogatmosphäre lässt Gedanken an grundsätzlichen Widerstand erst gar nicht aufkommen.

In den 90er-Jahren begann der Aufstieg der NGOs und ihrer – den Protestbewegungen entstammenden – Moderatoren. Als Durchbruch der NGO-Bewegung kann der Umweltgipfel von Rio gesehen werden, der unter dem Motto „Mensch – Natur – Technik“ stand. Das Motto der EXPO ist dasselbe, was sicher einigen ehemaligen Bürgerinitiativlern die konstruktive Mitarbeit erleichtert hat. So erklärte Misereor-Chef Reinhard Hermle, dass die Weltausstellung mit dem Rekurs auf Rio und Agenda 21 einen faszinierenden Ansatz habe und einen entwicklungspolitischen Kernpunkt treffe. Doch was die Umsetzung betrifft, sind ihm mittlerweile Zweifel gekommen. „Das große Geld kommt von Gruppen, die Interesse haben, eine industrielle Leistungsschau daraus zu machen.“

Hermle ist nicht der einzige NGO-Vertreter, der längst offen zugibt, viele Illusionen bezüglich der EXPO verloren zu haben.

Noch vor einigen Monaten entgegneten viele in der EXPO-Vorbereitung involvierte NGO-VertreterInnen aus dem Internationalismus-Bereich ihren Kritikern, dass die Weltausstellung doch gerade für die Länder des Südens eine enorme Chance wäre. Mittlerweile hat die Realität jedoch derartige Argumente obsolet werden lassen. Insbesondere für die ärmeren Länder ist ein Standpreis von durchschnittlich 360.000 DM kaum erschwinglich. Anders noch als bei der vorherigen EXPO in Lissabon, als die Europäische Union die Hallenmiete übernommen hatte, müssen in Hannover die ausstellenden Länder selber dafür aufkommen. Selbst die USA hat aus finanziellen Gründen ihre Teilnahme an der EXPO storniert.

Ernüchterung auch bei Hella Lipper von der Nord-Süd-Initiative „Germanwatch“, die zur kritischen Beobachtung der EXPO-Aktivitäten und Effektivierung ihrer Lobbyarbeit ein „EXPO-Watch-Büro“ in Hannover eingerichtet hat. „Entschuldung, Sozialklauseln für die Wirtschaft oder Handelsfragen werden bei der EXPO völlig ausgeblendet. Die Auswirkungen unseres Lebensstils auf die Länder des Südens werden nicht thematisiert“, so lautet ihr kritisches Fazit.

Die Verwunderung, wenn sie denn echt ist, muss bei den gestandenen NGO-VertreterInnen schon überraschen. Sollten sie die EXPO wirklich mit einer alternativen Ökomesse verwechselt haben, nur weil dort auch Ökodörfer und Windanlagen zu bestaunen sein werden?

Oder wurde im Zeichen der postmodernen Beliebigkeit einfach akzeptiert, dass Bio- und Gentechnologie sowie Atomkraft auf der EXPO als Wohltaten verkauft werden?

Kann jemand von den kritischen Begleitern das Hohelied auf den Freihandel überhört haben, das auf der Weltausstellung gesungen wird? Die NGOs haben sich in der Zwischenzeit bei der Auseinandersetzung um ökologische Basisbanalitäten wie die Verwendung von umweltfreundlichem Geschirr auf der EXPO aufgerieben und selbst dabei gegen die Sponsoren den Kürzeren gezogen. Pappbecher mit dem Coca-Cola-Logo konnten nicht verhindert werden.

Die EXPO will mit ihren technokratischen Vorstellungen und ihrer Vereinnahmungsstrategie suggerieren, dass es zur heutigen Weltordnung keine Alternative gibt. Joe Hierlmeyer vom Buko-Schwerpunkt-Weltwirtschaft sprach vom „TINA“-Denken; „there is no Alternative“. Alles ist machbar, wenn sich alle ganz pragmatisch und konstruktiv um Lösungen bemühen. Wer davon profitiert und wer dabei verliert, wagt kaum jemand noch zu fragen.

Doch auch die EXPO-Macher samt ihrer kritischen NGO-Begleiter könnten sich verrechnen. Die Zigtausenden, die im letzten November auf den Straßen von Seattle gegen die Welthandelsorganisation (WTO) protestierten, haben die zahlreichen NGO-Vertreter am meisten überrascht und manche haben dabei sogar wieder Lust auf Widerstand bekommen. Die kleine Anti-EXPO-Szene in Deutschland zumindest hat durch Seattle Rückenwind bekommen und hofft auf eine Fortsetzung in Hannover.

Der Autor ist freier Journalist und schreibt u.a. für die taz, Neues Deutschland und Frankfurter Rundschau zu ökologischen Themen.

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