Vom Sklavenverlies in den Souvenirladen

Die „Sklaveninsel“ Gorée vor der Küste der senegalesischen Hauptstadt Dakar ist Tourismushochburg, Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Kontroversen und wichtiger Erinnerungsort.

Von Richard Solder
Die Insel Gorée von der Fähre aus gesehen.

Klick, Klick, Klick. Bereits im Hafen von Dakar dokumentiert Irène Hochauer-Kpoda alles um sich herum. Mit ihrem Tablet macht sie Fotos und Videos von der Fähre, den anderen im Hafen liegenden Schiffen, von den Hochhäusern der Stadt, die hinter dem Hafengebäude hervorragen. Irène wirkt aufgeregt. Für die in Burkina Faso Gebürtige, die in Österreich lebt, ist es ein spezieller Tag: In 20 Minuten, wenn die Fähre die 3,5 Kilometer zwischen der senegalischen Hauptstadt und dem kleinen Eiland zurückgelegt hat, wird sie auf der Insel Gorée sein. Darauf wartet Irène schon lange.

Gorée ist weltweit als Sklaveninsel berühmt. Sie liegt im westlichsten Eck Afrikas, an einem strategischen Punkt, der ideal für den Handel zwischen europäischen Kolonialreichen und ihren Dependancen in Westafrika und der „Neuen Welt“ in Lateinamerika war. Die Insel wurde bereits Mitte des 15. Jahrhunderts von den Portugiesen besiedelt. In den folgenden Jahrhunderten wechselte das kolonial geprägte Gorée 17 Mal den Besitzer. Historikerinnen und Historiker nahmen lange an, dass Millionen Sklavinnen und Sklaven auf die einen Kilometer lange und 300 Meter breite Insel gebracht und über den Atlantik verschifft wurden. Mittlerweile geht die Forschung allerdings davon aus, dass jährlich „nur“ eine dreistellige Zahl an Sklavinnen und Sklaven hier war. Andere Sklavenumschlagplätze waren weitaus bedeutender.

Doch das pittoreske Gorée ist trotz allem ein starkes Symbol: 1978 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt, pilgern jährlich tausende Besucherinnen und Besucher hierher. Papst Johannes Paul II. war schon auf Gorée, genauso wie Nelson Mandela und US-Präsidenten von George W. Bush bis Barack Obama. Afroamerikanische Familien beginnen hier die Suche nach ihren Vorfahren.

Familienangelegenheit. Irène Hochauer-Kpoda ist Gorée ein Begriff, seit sie ein Kind war und in Burkina Faso gelebt hat: „Mein Vater hat mir damals davon erzählt, nachdem er die Insel einmal besucht hat. Sie hat ihn sehr beeindruckt.“ Seit elf Jahren lebt Irène mittlerweile in Österreich. Sie arbeitet beim Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) und dem Verein Barka Barka, der sich ihrem Geburtsland Burkina Faso widmet. Im Rahmen des internationalen Projektes „Parlez-vous global?“ ergab sich die Chance, mit einer Arbeitsgruppe nach Senegal zu kommen – inklusive Abstecher nach Gorée.

Als Irène schließlich gemeinsam den anderen in der Maison des Esclaves steht, ist das Lächeln aus dem Gesicht der Frohnatur verschwunden. In einer Führung wird beschrieben, wie die Sklavinnen und Sklaven hausen mussten. Auf engstem Raum wurden sie zusammengepfercht. Hier wird noch sehr wohl davon gesprochen, dass Gorée ein Sklaven-Umschlagplatz im großen Stil war.

Irène hält immer noch das Tablet fest in ihren Händen. Als sie in die Zellen geht, schaut sie sich alles ganz genau an, streicht über die kalten Steinwände und kämpft mit den Tränen. „Ich will dort stehen, wo die Menschen damals gestanden sind und unvorstellbares Leid über sich ergehen lassen mussten. Ich will die Mauern berühren, die sie berührt haben.“

Zurück in der Sonne. Vor dem Sklavenhaus, auf den hübschen Sträßchen Gorées, wirken Irène und die anderen betroffen von dem Erlebten. Doch Zeit zum Reflektieren gibt es kaum: Der lokale Fremdenführer, der die Gruppe schon von der Fähre zur Maison des Esclaves gebracht hat, will noch die anderen Sehenswürdigkeiten zeigen – und zwar im Eiltempo. Neben einer Kanone aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und einem der afrikanischen Diaspora gewidmeten Monument auf der Spitze eines Hügels führt er an Aussichtspunkte – und zu Händlerinnen und Händlern mit touristischer Ware. Je länger die Tour dauert, umso mehr geht es um Bilder, Ketten, Ohrringe und Souvenirs. 

Auch Irène ist ein paar westafrikanische Francs losgeworden. Auf das eigentliche Thema der Reise, die Sklaverei, muss sie sich nach all dem Trubel erst wieder rückbesinnen. Der touristische Spießroutenlauf hat ihren Tag allerdings nicht getrübt. Sie ist zufrieden mit ihrer ganz persönlichen Begegnung mit Gorée. Und was sagt sie eigentlich zur akademischen Kontroverse? Macht es für sie einen Unterschied, dass auf der kleinen Insel wohl deutlich weniger Sklaven waren als lange angenommen? „Nein“, sagt sie, ohne lange nachdenken zu müssen. „Jeder Ort, an dem Sklaven gehandelt wurden, ist wichtig. Gorée ist in jedem Fall ein wichtiges Stück Geschichte.“ 

Der Autor nahm an einer vom internationalen Schulprojekt „Parlez-vous global?“ bezahlten Studienreise teil.
www.parlezvousglobal.org/de

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