Vom Ziegenhirten zum Wissenschaftler

Als Kind war Turoop Losenge aus dem Norden Kenias ein schlechter Hirte. Heute führt er als Universitätsprofessor ein Leben in zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Ein Porträt von Anja Bengelstorff.

Turoop Losenge© Bettina Rühl

Als Turoop Losenge nach sechs Stunden Autofahrt verstaubt und durchgeschüttelt in seinem Heimatdorf Ngeriyoi im Norden des Landes aus dem Jeep steigt, führt ihn sein Weg zuerst zum Kraal. Der Kraal ist ein Gehege für Ziegen und Schafe, in das die Tiere über Nacht zum Schutz vor Löwen und Hyänen gesperrt werden. Tiere sind der Lebensmittelpunkt, die Identität und der kostbarste Besitz für das halbnomadische Volk der Samburu im unterentwickelten Norden Kenias. Auch Losenge besitzt einige dieser Ziegen und Schafe. Aber er weiß weder, welche es sind noch wie viele. Für die Samburu ein Sakrileg. „Sie denken, ich bin nicht clever“, sagt er in einem Ton aus Amüsiertheit, Unverständnis und einem winzigen Anflug von Scham. „Sie glauben, ich verliere meine Identität, wenn ich meine Tiere nicht kenne.“

Der erste Professor. Losenge ist 45 Jahre alt und Professor für Gartenbau an der Jomo-Kenyatta-Universität für Landwirtschaft und Technologie in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Er arbeitet etwa 500 Kilometer entfernt von seinem Geburtsort Ngeriyoi, der aus Lehmhütten besteht und in dem es bis heute keinen Stromanschluss, kein fließendes Wasser, keine Schule, keine Krankenstation oder befestigte Straße gibt. Losenge ist der erste und bisher einzige Samburu, der es zu einem Professorentitel gebracht hat. Es gibt etwa 360.000 Samburu; die Ethnie ist mit den besser bekannten Maasai eng verwandt.

Vor Losenges Haus auf dem Universitätsgelände in Nairobi grasen weder Ziegen noch Schafe. In den Uni-Labors forscht er über Pflanzenkrankheiten bei Tomaten. Seine Frau Susan, auch eine Samburu, ist Finanzexpertin mit Masterabschluss. Besonders für eine Samburu-Frau ist dieser Bildungsgrad noch immer sehr selten. Für Losenge kam nur eine gebildete Frau in Frage. Die beiden haben drei Söhne, elf, fünf und zwei Jahre alt.

Der schlechteste Hirte. Als der Professor ein kleiner Bub war, eröffneten katholische Missionare die erste Schule in der Gegend. Mit den Dorfältesten kamen sie überein, dass jede Familie einen Buben zur Schule schickt. Losenges Vater, heute wahrscheinlich über 90 Jahre alt und Analphabet, zeigte auf Losenge, weil er der schlechteste Hirte war. „Alle kleinen Buben mussten Ziegen hüten, aber ich habe es nie gemocht“, erinnert er sich. „Es war sehr anstrengend, den Tieren hinterherzulaufen. Wir hatten den ganzen Tag nichts zu essen und ich hatte Angst vor den wilden Tieren, von denen es damals hier noch viele gab.“

Die Schule wurde für Losenge zum Refugium. Keiner in seinem Dorf hatte dafür Verständnis. In der siebten Klasse wurde ihm klar: Wenn er nach der Schule nicht wieder Hirte werden wollte, war Bildung der einzige Ausweg. Als ihm vom Staat nach dem Gymnasium auf Grund seines Notendurchschnittes Gartenbau als Studienfach zugeteilt wurde, hatte der Nomadensohn keine Ahnung, was das bedeutete. Er wäre lieber Anwalt oder Ingenieur geworden. Doch das Fach begann, ihm Spaß zu machen. Bis heute versteht kaum einer im Dorf, was eine Universität ist. Für die Leute ist Losenge „Lehrer in der Stadt“.

Hohe Erwartungen. Aus dem unbegabtesten Ziegenhirten von Ngeriyoi ist ein Wissenschaftler geworden, der einen Teil seines Studiums in Deutschland abgeschlossen hat und heute mit Universitäten in Deutschland Krankheiten von Lebensmittelpflanzen untersucht, der zwei Jahre lang in den USA geforscht und gelehrt hat. An seiner Universität in Kenia hat er einen Lehrstuhl auf Lebenszeit inne. Im Dorf schütteln sie den Kopf über Losenge, weil er in der Stadt offenbar nicht genug Geld verdient, um sich eine große Rinderherde leisten zu können.

„Ich bin gern zu Hause im Dorf“, sagt Losenge: „Aber die Leute erwarten zu viel von mir. Jeder fragt mich nach Geld.“ Geld für Schulgebühren, Arztkosten, eine Reparatur. Manche Nachbarn haben große Rinderherden. „Sie sagen mir, sie könnten doch keine Kuh verkaufen, wenn ich durch mein Gehalt Geld verdiene, das weniger Bedeutung hat als eine Kuh“, seufzt Losenge. Bei den Samburu ist die Vorstellung von Privatbesitz schwach ausgeprägt. Die Gemeinschaft ist wichtig: In gewissem Sinne gehört alles jedem. Einander zu helfen ist selbstverständlich.

Zwei Welten. Losenge hat Ngeriyoi für eine moderne Welt hinter sich gelassen, in der er Konkurrenzdruck ausgesetzt ist und sich an seiner Arbeitsleistung messen lassen muss. Gleichzeitig ringt er darum, bei den Samburu akzeptiert zu sein, denn dort hat er seine Wurzeln. „Ich habe es nie bereut, mich für Bildung entschieden zu haben: Es war für mich der einzige Weg. Ich bin stolz darauf, was ich erreicht habe, und froh, sowohl mit der akademischen als auch der traditionellen Welt verbunden zu sein.“

Andrea Bengelstorff arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin in Kenia und schreibt für deutschsprachige Medien.

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