Von Amazonen, Partisaninnen und Flintenweibern

Die Geschichtsschreibung war noch bis vor kurzem Männerdomäne, die Rolle von kämpferischen Frauen wurde unterschätzt. Sie wurden entweder belächelt oder in den Bereich der Mythen verwiesen.

Von Rosa Hannreich
Kolumbianische Guerillera mit dem berühmten sowjetischen Sturmgewehr AK-47, der „Kalaschnikow“.

Der erste Eintritt von Frauen in die Universitäten ist noch keine 100 Jahre her. Durch die Teilnahme von Frauen verändern sich die Forschungsfragen der Wissenschaften deutlich. Eines der Hindernisse bei der Rekonstruktion von Geschichte allgemein und Frauengeschichte speziell ist, dass die Geschichtsschreibung und -forschung bis vor kurzem ausschließlich von Männern vorgenommen wurde, die Frauen generell keine bedeutende Rolle beigemessen haben. Historiographiekritik, das Hinterfragen von scheinbar als gesichert geltenden Behauptungen in den Geschichtskonstruktionen sowie die Arbeit mit Primärquellen und der Archäologie war und ist immer ein wichtiger Bestandteil von Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Auch wenn von alteingesessenen Historikern gerne belächelt oder in den Bereich der Mythen verwiesen, so ist die Existenz von kämpferischen Frauen heute nicht mehr wegzudiskutieren und stellt ein historisches Kontinuum dar. Selbst die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist eigentlich keine Novität, so waren bei den Hethitern Frauen den Männern rechtlich gleichgestellt und traten auch in politischen Funktionen (mit eigenen Siegeln) auf, ein für indogermanische Gesellschaften und andere Kulturen des Alten Orients eher untypisches Muster.

Betrachten wir das Phänomen „bewaffnete Frau“ nun aus einer globalen Perspektive, so scheint sie allerorts präsent zu sein: Ob die Jagdgöttin Artemis aus der griechischen Mythologie, die matriarchal organisierten Amazonen Kleinasiens, die mit dem Schwert kämpfenden Frauen der Wikinger und Samurai oder autochthone Frauen in Lateinamerika mit den gefürchteten Giftpfeilen oder Speeren: Wehrhafte Frauen, die ihre Waffen beherrschten, waren seit jeher Teil der gesellschaftlichen Realität. Auf den wahren Kern der mythisch überformten Überlieferungen wird immer wieder hingewiesen. Archäologische Ausgrabungen in Südrussland und der Ukraine (600-300 v.u.Z.) brachten Funde von skythischen und sarmatischen Frauen, die mit Rüstungen und Waffen bestattet worden waren.

Erst in den 1990er Jahren wurden die Petroglyphen der Chiribiquete-Kultur in Kolumbien entdeckt. Diese stellen vermutlich die weltweit größte Fundstätte von Felsmalereien dar. Die Darstellungen auf den Felswänden zeigen auch Kriegerinnen in besonderer Machtstellung, die mit Speerschleudern bewaffnet sind. Der spanische Eroberer Orellana und der Welser Hauptmann von Hutten berichten über diese Region von Speerhagelangriffen durch große Frauen und bezeichnen diese als „Amazonen“.

Die Wissenschaft muss ihren Kenntnisstand ständig erweitern. Doch wird diese inzwischen wissenschaftlich belegbare Tatsache heute auch in der Öffentlichkeit als solche wahrgenommen? Welche Mechanismen führen dazu, dass der Krieg als rein männliche Angelegenheit angesehen wird?

Die männerzentrierte und eurozentrisch verzerrte Historiografie der vergangenen Jahrhunderte, die mit dem klerikalen Dogma für die Frauen: „Kinder Küche Kirche“ verwoben ist, hat dazu beigetragen, dass kämpferische Frauen der Vergangenheit bewusst ausgegrenzt wurden und in Vergessenheit geraten sind. Der Ethnozentrismus blendet Beispiele außereuropäischer Kulturen aus und erklärt „die Anderen“ zu „geschichtslosen Völkern“. Der Antifeminismus verstärkte diese Tendenzen noch und verdrängt jede Darstellung von Frauen, die ein striktes Rollenkorsett durchbrechen. Sehr oft wurden Frauen, die zur Selbstverteidigung gegen Unrecht oder aus politischer Überzeugung zu den Waffen griffen, dämonisiert oder im besten Falle zu skurrilen Außenseiterinnen ernannt, denen im Zuge der Ausschmückung und Verfälschung ihrer Biografien alle möglichen negativen Eigenschaften angedichtet wurden. Das Schreiben über eine selbstbestimmte Akteurin der Geschichte konnte der Zensur durch die Obrigkeit oft nur dann standhalten, wenn ihre besondere Schönheit oder tugendhaften Charakterzüge übermäßig betont wurden.

Auf der anderen Seite erlebt die „Amazone“ heute ein unfreiwilliges Revival als „Actionvamp“ und Sexualobjekt: Kaum ein Blockbuster oder Videogame kommt ohne eine schwerbewaffnete Superheldin (mit den Maßen einer Barbiepuppe) aus. Der Archetyp der Kämpferin lässt sich also selbst aus dem Bewusstsein der überfütterten westlichen Wohlstandsgesellschaft nicht so einfach verdrängen und wird in Form von sexistisch überzeichneten Comic-, Actionfilm- und Videogame-Heldinnen fürs Geschäft ausgeschlachtet. Romantisierende Vorstellungen von Krieg und Gewalt werden mitgeliefert und das Klischee der Frau als unberechenbare und gefährliche Feindin bedient.

Aus historischer Perspektive waren Frauen also an bewaffneten Konflikten immer schon aktiv beteiligt, sie nahmen unterschiedlichste Positionen im Kriegsgeschehen ein: Bei der täglichen Versorgung, dem Waffenschmuggel, als Strateginnen oder mit der Waffe an der Front – ob als Männer verkleidet oder nicht. Waren im frühen neuzeitlichen Europa Frauen noch Teil der regulären Armeen, teils als Organisatorinnen des alltäglichen Überlebens – aber auch in Ausnahmefällen wie Jeanne d’ Arc als Kämpferin (mit eigens für sie angefertigter Ritterrüstung) und Anführerin einer Truppe –, so wurden sie im Zuge der „militärischen Revolution“ gegen Ende des 16. Jahrhunderts aus den Heeren ausgeschlossen. Sowohl die Kirche als auch der sich entwickelnde moderne Staat hatten in ihrer Ideologie keinen Platz mehr für die wehrhaften Frauen, sie wurden dämonisiert und fielen der Inquisition zum Opfer, wie auch Jeanne d’ Arc.

Zur Zeit der frühen Conquista der Amerikas führten mächtige Kazikinnen und Kriegerinnen wie Gaitana (Kolumbien) oder Zulia (Kolumbien/Venezuela) riesige Heere gegen die Eroberer aus Europa an. In der Karibik waren es Rebellinnen afrikanischer Herkunft wie z.B. „Nanny of the Maroons“ in Jamaika, die herausragende Rollen im Widerstand gegen die SklavenInnenhaltergesellschaft einnahmen und am Aufbau wehrhafter Gegenkulturen mitwirkten.

Im afrikanischen Königreich Dahomey (17. bis 19. Jh., heute Benin), welches stark in den SklavenInnenhandel verwickelt war, beschäftigte der König eine weibliche Kampfeinheit als Leibwache. Auch in Asien, im thailändischen Phuket, existierte im 17. Jahrhundert eine Frauenarmee und im 19. Jahrhundert gab es die chinesische Frauenarmee von Hong Xiuquan vom „Himmlischen Reich des Großen Friedens“.

Bei den zahlreichen Revolutionen, Entkolonialisierungs- und Unabhängigkeitskriegen in den Amerikas kämpften Frauen aller Ethnien und Klassen, vor allem aber indigene Frauen an allen Fronten und mit Waffen. In manchen Fällen erhielten sie für ihren Mut und ihre kriegerischen Leistungen besondere Auszeichnungen, wie etwa Manuela Saénz (Ecuador), Juana Azurduy (Bolivien, Argentinien) oder Maria Quitéria (Brasilien). Das wahre Ausmaß der Frauenbeteiligung geriet aber im Nachhinein komplett in Vergessenheit. Auch in der Unionsarmee im Amerikanischen BürgerInnenkrieg (1860-1865) waren Abolitionistinnen wie die Afroamerikanerin Harriet Tubman, aber auch mindestens 400 andere als Männer verkleidete Frauen in Kampfhandlungen verwickelt. Manche von ihnen erhielten auch Pensionen – bis man sie als Frauen entlarvte.

Die Tradition von weiblichen Kämpferinnen setzte sich im 20. Jahrhundert bei den zahlreichen Revolutionen, revolutionären Bewegungen und Unabhängigkeitskämpfen fort. So kämpften in der mexikanischen Revolution (ca. 1910-1920) Frauen in den Armeen von Zapata und Villa, aber auch bei den anarchistischen Magonisten. Als Soldaderas fanden zumindest Erstere ihren Platz in der Geschichte, wenn auch in diskriminierender Weise zu sexualisierten „Adelitas“ und Prostituierten romantisiert. Aus der kubanischen Revolution sind die Guerilleras wie Tanja nicht wegzudenken, es gab auch ein Frauen-Bataillon, von „Tété“ Delsa Estelle Puebla geleitet. Eine Anekdote besagt, dass sie bei einem Scharmützel auch dann noch weiterkämpften, als die Männer schon aufgegeben hatten. Frauen wie María Sanchez, Vilma Espín oder Haydée Santamaria sind in Kuba fixer Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses, wenn auch in der europäischen Rezeption eine einseitige Fixierung auf die männlichen barbudos, die „Bärtigen“, besteht.

In Europa kämpften etwa die anarchistischen mujeres libres (die „freien Frauen“, ca. 20.000) und andere Frauen im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) gegen den Faschismus und entwickelten dann die Theorie des doppelten Kampfes, der sich sowohl gegen die patriarchalen Strukturen als auch gegen die Ausbeutung durch kapitalistische Strukturen richtete. Im Zweiten Weltkrieg tauchen dann Frauen erneut in den regulären Armeen auf, diesmal in wirklich großem Umfang: Ganze Regimente von Frauen kämpften in der Roten Armee, den Männern gleichgestellt, als Scharfschützinnen, Panzerfahrerinnen und Kampfpilotinnen gegen den Nationalsozialismus. Auch die Streitkräfte der USA schufen eine eigene Einheit, die Women Airforce Service Pilots, die allerdings nach Kriegsende wieder abgeschafft wurde. Zahlreiche Jüdinnen schlossen sich dem bewaffneten Widerstand als Partisaninnen an oder nahmen an den Aufständen in Ghettos und KZs teil, wie Niuta „Wanda“ Tejtelbojm.

Der Frauenanteil der linksgerichteten Revolutionen und revolutionären Bewegungen in Mittelamerika, etwa in Nicaragua und El Salvador, wird auf ca. 30% geschätzt. Doch während in Kuba die Ex-Kombattantinnen ihr emanzipatorisches Konzept im Zuge einer permanenten Revolution teilweise realisieren konnten („Revolution in der Revolution“), wurde die post-revolutionäre Phase im Falle von niedergeschlagenen oder nur teilweise erfolgreichen Revolutionen für viele Veteraninnen zum Problem. Die Einstellung der Führungselite zur Frauenfrage ist dabei wegweisend: sozialistische oder kommunistische Gesellschaftskonzepte, durch eine feministische Perspektive ergänzt, förderten die gleichberechtigte Integration der Frau in die Gesellschaft tendenziell, doch sind sie weit davon entfernt, eine Garantie gegen den Sexismus und patriarchale Praktiken zu sein.

Aber auch in den Unabhängigkeitsbewegungen anderer Regionen wie Eritrea, Äthiopien oder Sri Lanka kämpften Frauen im 20. Jahrhundert aktiv in den irregulären Einheiten. Erhalten die Vorgänge in diesen Regionen ohnehin wenig Beachtung, so gilt dies umso mehr für die beteiligten Kombattantinnen und ihre mit Ambivalenzen behaftete Position in der Öffentlichkeit.

Frauen kämpfen aber auch mit der Waffe in der Hand gegen Gewalt, die gegen sie ausgeübt wird. Ein besonders erschütterndes Beispiel für den bewaffneten Kampf einer einzelnen Frau gegen Feminizid und die patriarchalen Strukturen in Indien ist Phoolan Devi (1963-2001), die später als Parlamentarierin Opfer eines Attentates wurde.

Besonders für den deutschsprachigen Raum könnte eine weitere Ebene genannt werden, die am Ausschluss und der Tabuisierung der kämpferischen Frau aus dem kollektiven Gedächtnis beteiligt ist: Zum einen das in der Österreich-Ideologie des Austrofaschismus propagierte rückwärtsgewandte Frauenbild (die Gleichheitsklausel wurde aus der Verfassung herausgestrichen), zum anderen jene im Nationalsozialismus gepflegte Verherrlichung von nordischen Walküren. Als Gegenstück wurde das Schreckbild der sowjetischen „Flintenweiber“ geschaffen und ab 1941 alle sowjetischen Frauen in Uniformen zum Abschuss freigegeben. Doch auch von ihren eigenen Kollegen erfuhren sie wenig Respekt. Man unterstellte ihnen, sie wären nur auf der Suche nach einem hochrangigen Offizier. Darüber lagert sich die unrühmliche Erinnerung daran, dass Frauen im NS-Regime ebenfalls an den Fronten der „Blitzkriege“ präsent waren, wenn auch nicht gleichberechtigt: Ab 1944 erklärte das Oberkommando der Wehrmacht alle an den Fronten eingesetzten Frauen ebenfalls zu Kombattantinnen (ca. 0,5 Mio.).

Heute lassen die meisten Staaten Frauen in ihren Streitkräften zu, sehen jedoch Einschränkungen bei den Kampfhandlungen vor. In einigen Ländern besteht Wehrpflicht für Frauen. Das sind Bolivien, Burma, China, Elfenbeinküste, Eritrea, Israel, Kuwait, Libyen, Malaysia, Nordkorea, Sudan, Taiwan und Tschad. Die potenzielle Kampfkraft der proletarischen Frauen ist heute begehrt, der Job bei einer konsolidierten Armee wird aber meist aus dem Zwang zum Broterwerb erwogen und nicht auf Grund des Anspruchs, die Gesellschaftsstrukturen zu verändern.

Wie sieht nun aber der Alltag von Frauen bei den Rebellenarmeen oder Guerillatruppen aus, die gegen einen übermächtigen Staat ankämpfen? Wie viel Spielraum gibt es für Gleichberechtigung und Respekt, wo beginnt Diskriminierung zu wirken? Was passiert, wenn Frauen die Waffen niederlegen? Wie stark das Verdrängen der kämpferischen Frauen aus dem öffentlichen Bewusstsein wirkt, zeigt sich nicht zuletzt an den Schwierigkeiten, die den Frauen nach dem Rückzug aus den unmittelbaren Kampfhandlungen und dem „Feld“ begegnen. Hier wird besonders deutlich, welch ungerechter Doppelstandard bei der Bewertung von Männern und Frauen herrscht. Aber auch Männer, die Krieg und Gewalt ablehnen, haben mit nicht minderen Problemen zu rechnen.

Rosa Hannreich Echandía-Suárez hat Geschichte / Genderstudies studiert und verfasste eine Diplomarbeit mit dem Titel „Kolumbiens vergessene Heroinen: Frauen im Widerstand gegen Conquista und Kolonialismus in der Neuzeit“ .

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