Von Okigwe nach Ober-Grafendorf

In Österreich sind einige afrikanische Priester tätig. Die Geschichte von Emeka Emeakaroha, zuständig für die Pfarren Ober-Grafendorf und Weinburg, erzählt viel über diesen Kulturaustausch der besonderen Art. Simon Loidl berichtet.

Voller Einsatz: Der gebürtige Nigerianer Emeka Emeakaroha ist in Österreich als Priester, Lehrer und Feuerwehrmann tätig.© Privat

Fad ist einem als Priester in Österreich nicht“, sagt Emeka Emeakaroha lachend, während er sich in seinem Arbeitszimmer in der niederösterreichischen Pfarre Ober-Grafendorf bei St. Pölten hinsetzt. Wie jeden Tag steht auch heute ein Termin nach dem anderen im Kalender des aus Nigeria stammenden Geistlichen. Nur mit Mühe konnte er eine Dreiviertelstunde für unser Gespräch freischaufeln.

Vor 21 Jahren ist Emeka Emeakaroha nach Österreich gekommen. Derzeit arbeiten mehrere dutzend afrikanische Priester in Österreich, die meisten kommen aus Nigeria, Kenia, Ghana und anderen christlich geprägten Ländern des Kontinents. Der Großteil lebt in Wien, Innsbruck und Graz – dort, wo die Universitäten sind.

Zu vielen hat Emeakaroha Kontakt, immer wieder treffen einander die in Österreich wirkenden Priester mit afrikanischen Wurzeln. Vor zwei Jahren hatte er zu einem gemeinsamen Gottesdienst nach Ober-Grafendorf eingeladen. Damals waren etwa 30 afrikanische Priester anwesend, die zusammen die Messe feierten. Die Erfahrungen der Männer sind dabei recht unterschiedlich, was natürlich auch mit den Wirkungsstätten zu tun hat – die Seelsorgearbeit in einer Landgemeinde unterscheidet sich stark von jener in einer Großstadt.

Emeakaroha gehört dazu. Der gebürtige Nigerianer ist mitten drin im Landleben: Seit ein paar Jahren ist der 45-Jährige neben Ober-Grafendorf auch für die Pfarrgemeinde des etwa fünf Kilometer südlicher gelegenen Weinburg zuständig. In beiden Pfarren betreut er mehrere Vereine: Kindergruppen, Jungschar, MinistrantInnen, Katholische Jugend, Katholisches Bildungswerk, Seniorengruppen, eine Bücherei – und überall sind Veranstaltungen zu organisieren.

Etwa 50 Taufen und Begräbnisse führt Emeakaroha jedes Jahr durch. Außerdem unterrichtet er am Stiftgymnasium in Lilienfeld Religion. „Die Arbeit in der Schule ist für mich ein schöner Ausgleich zur Arbeit in der Pfarre“, sagt Emeakaroha. Und neben alledem ist der vielbeschäftigte Priester auch noch bei der Feuerwehr aktiv. Österreichs erster afrikanischer Feuerwehrmann – drei Mal sei er schon im Fernsehen gewesen, erzählt er stolz.

Gastspiel als Anfang. Als er vor 21 Jahren nach Österreich kam, hätte er sich nicht gedacht, dass er so lange bleiben würde. Zwischen seiner Heimatdiözese Okigwe im südostnigerianischen Bundesstaat Imo und der Diözese St. Pölten besteht eine Partnerschaft. 1995 ergab sich dadurch die Gelegenheit, in Österreich zu studieren. Der in dem Dorf Umunohu aufgewachsene Theologiestudent war vom Leiter des bischöflichen Seminars zusammen mit einem anderen Studenten für das Programm vorgeschlagen worden.

Die beiden traten damals die Reise nach Österreich an, ohne zu wissen, was sie dort erwartete. Und Emeakaroha entschied sich zu bleiben. Die mehr als zwanzig Jahre seither wären eine spannende Zeit mit Höhepunkten und Tiefpunkten gewesen, erzählt er. Anfangs hätte er sich überhaupt nicht vorstellen können, es länger hier auszuhalten, hatte Heimweh. Gleichzeitig hätte er einige der schönsten Augenblicke seines Lebens in Österreich erlebt – die Priesterweihe im Dom zu St. Pölten etwa, zu der seine ganze Familie aus Nigeria anreiste. Auch Emeakarohas Großvater, der Oberhaupt in Umunohu war, nahm damals den Weg auf sich, um dabei zu sein.

Offene Dorfgemeinschaft. Angesprochen auf das Thema Rassismus sagt Emeakaroha, dass er selbst in all den Jahren nie direkt damit konfrontiert gewesen wäre. Er räumt ein, dass das vermutlich damit zu tun hätte, dass er sich zunächst fast nur in studentischen Kreisen und später vorwiegend im kirchlichen Bereich bewegte.

Nur in Wien wäre er einige Male von der Polizei aufgehalten und kontrolliert worden, als er in den ersten Monaten seines Aufenthalts in Österreich dort einen Deutschkurs gemacht hatte. „Die haben halt ihre Arbeit gemacht“, meint er nachsichtig.

Er wäre über die Offenheit der Menschen in Ober-Grafendorf überrascht gewesen. Als er sich 1999 zum ersten Mal als neuer Kaplan in der Kirche präsentierte, applaudierten die Leute sogar. Nach dem Gottesdienst hießen ihn viele persönlich willkommen. Vermutlich wären einige darüber überrascht gewesen, dass er so gut Deutsch sprach. Das war vor allem für ältere Menschen wichtig, die befürchtet hatten, er werde sie nicht verstehen. Deshalb betone er jedes Mal, wenn er als offizieller österreichischer „Integrationsbotschafter“ Vorträge zu diesem Thema halte, dass das Beherrschen der deutschen Sprache das Allerwichtigste sei: „Wenn du mit den Menschen sprechen kannst, dann verschwinden viele Vorbehalte sofort. Die Sprache ist ein Schlüssel, der einem viele Türen öffnet.“

Buch über Erfahrungen. Emeka Emeakaroha hat jahrelang immer wieder im Freundeskreis oder bei Veranstaltungen über seine Erfahrungen als Afrikaner in Österreich gesprochen – bis ihn ein Bekannter eines Tages aufforderte, ein Buch darüber zu schreiben.

In „Erfahrungen eines Afrikaners in Österreich“ (Eigenverlag, 2007) erzählt Emeakaroha mit viel Humor über die Hürden, die er nehmen musste, um in Österreich heimisch zu werden. Nachdem das Buch erschienen war, hätten sich viele Menschen bei ihm gemeldet und gesagt, dass es ihnen ganz ähnlich gegangen wäre. Oder dass sie nun besser verstehen würden, wie sich Afrikanerinnen und Afrikaner, die nach Österreich kommen, fühlen müssen.

Emeakaroha will irgendwann wieder nach Nigeria zurückzukehren. Wann das sein wird, weiß er allerdings nicht. „Jetzt bin ich hier und mache meine Arbeit in den beiden Gemeinden. Diese ist für mich sehr wichtig.“

Immer noch quält ihn manchmal Heimweh: „Weihnachten ist immer eine ganz schwierige Zeit.“ Zuhause in Nigeria habe es immer große Familienfeiern gegeben. Er hat acht Geschwister, und zu Weihnachten kommen alle zusammen: Geschwister, Tanten, Onkel, Cousinen und deren Kinder: „Da laufen dann mehr als 30 Menschen im Hof herum“. Er sei daran gewöhnt gewesen, „dass es rund geht zu Weihnachten“. Hier lebe er nun mal allein im Pfarrhof. Das Fest während der Weihnachtsmesse sei zwar sehr schön, doch danach gehen alle nach Hause. „Das ist eine Zeit, in der mir die Heimat fehlt.“

Simon Loidl ist freier Journalist und Historiker, er lebt in Wien.

nach oben