Zwischen den Fronten

Von Redaktion · · 2014/11

Im September ist die UN-Friedensmission in der Zentralafrikanischen Republik gestartet. Doch es mangelt an Ressourcen. Nach nur wenigen Wochen flammte wieder Gewalt zwischen den verfeindeten Milizen Séléka und Anti-Balaka auf. Eine Analyse von Simone Schlindwein.

Es sind noch nicht einmal alle UN-Blauhelme in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) eingetroffen, gab es erneut heftige Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Bangui: Ein pakistanischer UN-Soldat wurde getötet, sechs UN-Polizisten wurden verletzt. Mindestens ein Dutzend Zivilisten kamen ums Leben, Häuser wurden abgefackelt. Die Anti-Balaka-Miliz wollte Übergangspräsidentin Catherine Samba-Panza stürzen und rebellierte vor ihrer Residenz. Fast ein Jahr nach dem Beginn des Bürgerkrieges installiert die UNO nun ihre Friedensmission.

Bis zu 12.000 Blauhelme sollen den Frieden sichern – eine Herkulesaufgabe. Eine der vielen Herausforderungen für die Vereinten Nationen: Der Staat in Zentralafrika stürzte im März 2013 wie ein Kartenhaus zusammen, als die Rebellen der Séléka (Allianz) aus dem Norden kommend die südlich gelegene Hauptstadt Bangui einnahmen und Diktator François Bozize stürzten. Dieser floh ins Nachbarland Kamerun.

Unter dem Druck internationaler Akteure ließen sich die Séléka-Führer auf eine Übergangsregierung ein, in welcher sie mit ihrem Anführer Michel Djotodia den Präsidenten stellten.

Der Séléka gelang es nicht, in dem kleinen Land mit rund 4,5 Millionen EinwohnerInnen für Sicherheit zu sorgen. Ihre Kämpfer plünderten, töteten und vergewaltigten. Gegen die Besatzer lehnte sich Ende 2013 die Jugend, zusammengeschlossen unter dem Namen Anti-Balaka (Anti-Balle-AK47) auf. Sie griffen zu Messern, Spitzhacken und Äxten und gingen gegen die Séléka und die muslimische Minderheit vor. Es kam zu Massakern mit mehreren Tausenden Toten – wie viele es genau waren, ist unklar. Sogar von Kannibalismus wurde berichtet.

Durch das Land zieht sich eine natürliche Grenze: die Sümpfe, die die Sahelzone vom tropischen Sub-Sahara-Afrika trennen. Die Völker im Norden sind traditionell Halbnomaden, die mit ihren Rinderherden durch die Einöde ziehen. Sie orientieren sich Richtung Norden, allein schon deswegen, weil die Straßen gen Süden während der Regenzeit nicht passierbar sind. Sie sind vorwiegend Muslime und sprechen Arabisch.

Die Séléka sind Krieger aus dem Norden. Deswegen wurden sie im katholischen, frankophonen Bangui als Fremde wahrgenommen. Die Anti-Balaka werfen allerdings pauschal Musliminnen und Muslimen vor, die Séléka zu unterstützen. In der Folge mussten unzählige Musliminnen und Muslime in den Norden fliehen. Dieser Massenexodus führte zu einer faktischen Teilung des -Landes.

Die seit Beginn des Jahres stationierte 6.000 Mann starke Friedenstruppe der Afrikanischen Union (AU), MISCA, aus Ländern wie Ruanda, Burundi, Gabun oder Kamerun sowie die über tausend französischen Soldaten konnten die Massenflucht nicht stoppen. Die MISCA schaffte es nicht, die Entwaffnung der Milizionäre durchzusetzen.

In Anbetracht der Unterversorgung der MISCA-Einheiten mit Benzin, Munition und Lebensmittel wurde schnell klar: eine robuste UN-Mission muss her. MINUSCA heißt die im April vom UN-Sicherheitsrat beschlossene Mission. Doch die Stationierung verläuft in einer Art, wie man sie von der UN gewohnt ist: in Zeitlupe.

Mitte September erst trafen die ersten 1.800 Blauhelme aus Pakistan, Indonesien, Marokko und Bangladesch ein. Weitere sollen zu Beginn des nächsten Jahres folgen. Die AU-Truppen wurden in die MINUSCA integriert. Sie tauschten ihre grünen gegen blaue Berets. Auch 600 Soldaten aus europäischen Ländern landeten im Juni im Land.

Am Beispiel der MISCA in der ZAR wurden zum ersten Mal die Grenzen des neuen afrikanischen Sicherheitskonzepts offensichtlich: Die AU bemüht sich, schnelle Eingreiftruppen zu etablieren. Probleme sollen so in Zukunft von afrikanischen Akteuren gelöst werden. Auf dem Papier gibt es diese Eingreiftruppen schon. Doch die AU scheitert an der Logistik: Die USA mussten mit Frachtflugzeugen helfen.

Jetzt sollen die Vereinten Nationen die Logistik übernehmen. Doch auch der UNO sind die Hände gebunden. Im Nachbarland, der Demokratischen Republik Kongo, unterhält sie die mit einem 1,4 Milliarden Dollar Jahresbudget teuerste Mission weltweit. Auch im Südsudan muss sie aufstocken. Ähnlich wie in der ZAR gibt es auch hier kaum passierbare Straßen in der Regenzeit. Ausrüstung und Lebensmittel für Millionen Vertriebenen oder für Blauhelme müssen per Luft transportiert werden. Das ist aufwändig und teuer. Transportmaschinen mussten aus Kongo abgezogen werden, um sie in Südsudan und in der ZAR einzusetzen. 

Ähnlich wie in den beiden krisengeschüttelten Nachbarländern ist es bereits jetzt ersichtlich, dass das Engagement der UNO in der Zentralafrikanischen Republik ein langfristiges sein wird, notgedrungen.

Bereits jetzt ist fraglich, ob der im Juli unterzeichnete Friedensvertrag zwischen Séléka und Anti-Balaka einen Frieden herstellt, den die UN stabilisieren könnte. Denn: Beide Unterzeichner, Djotodia für die Séléka und Edouard Ngaissona von der Anti-Balaka, repräsentieren in Wahrheit nicht ihre jeweiligen Milizen, sondern nur jeweils deren moderate Flügel. Bereits kurz nach der Unterzeichnung wandten sich die radikalen Flügel der Séléka ab. Sie befürworten eine Teilung des Landes, hieß es.

Als Premierminister wurde im August der Muslim Mahamat Kamoun ernannt. Doch Séléka-Gruppen lehnten ihn ab. Es kam erneut zu blutigen Kämpfen, auch jeweils innerhalb der Séléka und zwischen verschiedenen Anti-Balaka-Milizen. „Es wird ein steiniger Weg“, gibt MINUSCA-Chef Babacar Gaye zu. „Unser klares Ziel ist es, die Bevölkerung zu schützen“, betont der Senegalese.

Die humanitäre Lage ist nach wie vor katastrophal. Die UN-Hilfswerke melden, dass 1,7 Millionen Menschen von Lebensmittellieferungen abhängig sind. Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung. Die Landwirtschaft ist zusammengebrochen. Den UN-Hilfswerken fehlen die Ressourcen. Akute Krisen wie in Syrien und im Irak erschweren es, die Mittel aufzubringen.

Ziel der UN-Mission soll es sein, die Milizen zu entwaffnen und für Sicherheit zu sorgen, um einen demokratischen Prozess einzuleiten. Wahlen müssen durchgeführt, eine neue Armee aufgebaut und trainiert werden. Sprich: Die UN muss helfen, einen funktionierenden Staat zu errichten – das ist ein langfristiges Unterfangen. Ob es dafür die nötige internationale Unterstützung geben wird, ist derzeit fraglich.

Simone Schlindwein lebt als Journalistin in Uganda und reist regelmäßig in die Zentralafrikanische Republik.

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