Abschied von Herbert Berger

Herbert Berger – ein Aufrechter (1933-2021)

Ein Nachruf von Ralf Leonhard und Gundi Dick.

Herbert Berger 1933-2021. Foto: Adalbert Krims

Wie gelingt es, den Menschen Herbert Berger mit seiner vielseitigen Persönlichkeit zu beschreiben? Ein roter Faden zog sich durch sein Leben: er war zutiefst davon überzeugt, dass Sozialismus und Christentum nicht nur miteinander vereinbar sind, sondern vielmehr Hand in Hand gehen sollen. Und er hat diese Überzeugung gelebt: in der Kirche, in Chile, in der Nicaragua-Solidarität und in der SPÖ. Und er nahm in Kauf, auch anzuecken, dort wo allzu orthodox gedacht wurde. Er war ein überzeugter Vertreter der Befreiungstheologie, die mit der Bischofskonferenz von Medellín 1968 eine Art offiziellen Stempel erhalten hatte.

Der Sohn eines Fleischhauers und einer tiefgläubigen Mutter aus der Gegend von Krems wollte Missionar werden. Nach Theologiestudium in Wien und Priesterweihe (1959) hielt es ihn nur acht Jahre als Kaplan und Religionslehrer in Wien und Niederösterreich. Sein Wunsch war, nach Lateinamerika zu gehen. Die belgische Universitätsstadt Löwen, wo er 1967 endlich an einem Vorbereitungskurs teilnehmen konnte, war damals bereits ein Zentrum befreiungstheologischen Denkens.

Ein Jahr später kam Berger als katholischer Priester nach Chile und erfuhr in den Armenvierteln der Hauptstadt Santiago eine tiefgehende Politisierung.

Herbert Berger begann in der Legua, einem dieser Armenviertel Santiagos, zu arbeiten. In dieser Zeit begann sich der Wahlsieg der Volksfront unter dem späteren Präsidenten Salvador Allende bereits abzuzeichnen.

Vom Elend betroffen widmete sich Herbert Berger als Kaplan und Sozialarbeiter mehr und mehr den sozialen Bedürfnissen der Menschen. Sein Wunsch war es, auf Dauer in Chile zu leben und sich in der Bewegung für den politischen und gesellschaftlichen Aufbau eines Sozialismus zu engagieren.

Solidarisch auch in Not. Doch die Mobilisierung gegen die sozialistische Regierung Allendes überschattete die Aufbruchsstimmung, der blutige Militärputsch von Augusto Pinochet am 11. September 1973 bereitete ihr ein Ende.

Berger und viele andere mussten untertauchen, er konnte schließlich in die österreichische Botschaft flüchten.

Bevor er im November das Land verlassen musste, verhalf er noch verfolgten Chileninnen und Chilenen zum Botschaftsasyl. Seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) die Tore für 500 chilenische Flüchtlinge öffnete.

Zurück in Österreich unterstützte er chilenische Exilierte, gründete die Chile-Solidaritätsfront und die Arbeitsgemeinschaft Christen für Chile und arbeitete über Jahrzehnte federführend mit. Er war Mitbegründer des Hilfskomitees für Nicaragua sowie des Österreichischen Informationsdienstes für Entwicklungspolitik (später Südwind).

Ein gemeinsamer Weg. Seine politische und humanistische Gesinnung teilte er mit seiner Ehefrau Sigrun, die er seit der Jugendzeit kannte. Ihre gemeinsamen Interessen und ihr Wunsch, einen Beitrag zur Veränderung der Welt zum Besseren zu leisten, verband sie. Seite an Seite arbeiteten sie in den Armenvierteln von Santiago, gemeinsam flüchteten sie nach dem Putsch.

In den 1980er Jahren, nachdem Herbert das Priesteramt zurückgelegt hatte, konnten sie heiraten. Sigrun brachte mehrere Kinder aus erster Ehe mit, und Herbert Berger hatte in Chile Marcelo adoptiert. Im Jahr 2002 brachten sie im Mandelbaum Verlag das Buch „Zerstörte Hoffnung, gerettetes Leben. Chilenische Flüchtlinge und Österreich“ heraus – ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument.

Seelenverwandter Cardenal. Im revolutionären Nicaragua (1979-1990) fand Herbert Berger im Priesterpoeten Ernesto Cardenal (1925-2020) einen Seelenverwandten, der das Evangelium als sozialrevolutionäre Botschaft interpretierte. Er konnte bei Kreisky, der den Ehrenvorsitz des österreichischen Solidaritätskomitees für Nicaragua übernahm, durchsetzen, dass das Land nicht fallen gelassen wurde, auch als es unter zunehmendem Druck der USA immer stärker in die wirtschaftlich-militärische Abhängigkeit von der Sowjetunion abdriftete.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dr.-Karl-Renner-Instituts und später als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ) konnte Herbert Berger institutionell viel bewegen und blieb nach seiner Pensionierung 1998 ein wichtiger Akteur in der österreichischen Lateinamerika-Solidarität. Von 2003 bis 2010 engagierte er sich im Vorstand des Wiener Regionalvereines von Südwind.

Herbert Berger war ein aufgeschlossener Gesprächspartner, mit dem man auch kontrovers diskutieren konnte.

Wir verlieren einen Humanisten, der das Seine zur Verbesserung der Welt geleistet hat. Er starb am 3. April 2021 aufgehoben im Kreise seiner Familie.

Ralf Leonhard/Gundi Dick


Gundi Dick ist seit Jahrzehnten entwicklungs- und frauenpolitisch aktiv. Sie verband mit Herbert Berger eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit, u.a. im Vorstand des Südwind Wien.

Ralf Leonhard ist Journalist und lebt in Wien. Er kannte Herbert Berger über 40 Jahre lang.

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