Per Gesetz in Richtung Regenbogen

Von Milena Österreicher · ·

Anson Samuel

Anson Samuel ist 37 Jahre alt und kommt aus einer katholischen Familie in Mumbai, Indien. Er absolvierte das Priesterseminar und gleichzeitig ein Physik- und Philosophiestudium. Währenddessen arbeitete er mit Jugendlichen in einem Zentrum zur Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Religion. Danach ging er ein Jahr lang ehrenamtlich als Lehrer in den Nord-Osten Indiens, in eine gebirgige Region in der Nähe von Assam.
2015 kam er nach Wien und studierte Theologie und Musik. Weil Samuel der soziale Aspekt hier fehlte, gründete er 2019 mit einem Freund den Verein The Upper Room zur Förderung von interkulturellem und interreligiösem Dialog, u.a. über künstlerische Betätigungen, wie Musicals.
Seit Herbst 2023 ist Samuel Stadtjugendreferent bei der Diözese Linz und Geistlicher Assistent der Katholischen Jugend OÖ. Sein Herzensanliegen ist bei all seinem Engagement die Schaffung von intersektionalen Safe Spaces, Räume für queere und von Diskriminierung betroffene Menschen.

Was bedeutet Ihnen Ihr Glaube?
Zu glauben bedeutet Vertrauen zu haben – in die Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit. Das ist für mich Gott.

Welchen Rat geben Sie Menschen, die von anderen diskriminiert werden?
Ich versuche ihnen klarzumachen, dass es in Wahrheit nicht um sie als Person geht. Oft wird man zur Projektionsfläche der Ängste und Vorurteile von anderen. Das heißt nicht, dass man Angriffe einfach hinnehmen soll. Man sollte sich der Diskriminierung bewusst sein und sie möglichst nicht internalisieren.

Was führt Ihrer Meinung nach zur Ablehnung von queeren Menschen?
Ich denke, viele schaffen es nicht, den Sprung von einem negativen Vorurteil zu einer echten Begegnung des Gegenübers zu machen.

Was machen Sie, wenn Sie fühlen, dass Sie bei einem Gegenüber mit Ihrer Meinung auf Widerstand stoßen?
Wenn ich erkenne, dass sich jemand meinen Argumenten völlig verschließt, versuche ich zur Einigung zu kommen, dass wir uns nicht einigen werden. Wenn nötig nehme ich dann Abstand – auch, um mich selbst zu schützen. 

Worauf achten Sie, wenn Sie jemandem zum ersten Mal begegnen?
Ich schätze sehr, wenn ich Aufrichtigkeit und Hingebungsfähigkeit bei wem anderen spüre.

Was macht Sie zufrieden?
Essen und für andere kochen – insbesondere indische Gerichte.

Die Antwort auf welche Frage wünschen Sie sich gerade am meisten?
Wie lange Menschensich bestimmten Weltanschauungen hingeben können, ohne zu merken, dass sie andere dadurch verletzen. Sei es in Beziehungen oder in Bezug auf globale Themen wie Krieg und Klimakrise.

Wovon braucht die Welt am meisten um eine bessere zu werden?
Begegnungen von Menschen, die einander wertschätzen, so wie sie sind. Wir brauchen eine Welt, die keine Safe Spaces mehr braucht, weil sie einer ist.

Welche gute Tat kann jede:r hierzulande heute noch tun?
Nicht Angst davor haben mit kleinen Schritten zu beginnen. Mich inspirieren die Worte des persischen Dichters Rumi: Du bist nicht ein Tropfen im Ozean, du bist der gesamte Ozean in einem Tropfen.

Mexiko steuert auf Kontinuität zu

Von Milena Österreicher · ·

Susanne Weigelin-Schwiedrzik nimmt in ihrem neuen Buch China in den Fokus und schaut sich an, welche Veränderungen sich aktuell auf geopolitischer Ebene abzeichnen. 

Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine stehen internationale Machtkämpfe wieder im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die in Wien lebende deutsche Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik widmet sich in ihrem Buch „China und die Neuordnung der Welt“ (Mitherausgeber ist Hannes Androsch) diesen Verschiebungen, wobei die Volksrepublik China gleich an mehreren Fronten eine wichtige Rolle spielt.

Etwa im Ukraine-Krieg, bei dem China versucht eine „mittlere Position“ einzunehmen: Während Russland historisch zu den wichtigsten Partnern Chinas gehört, ist auch die Ukraine, als Teil der neuen Seidenstraße, in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden.

China und die Ukraine haben sich in Verträgen gegenseitig zugesichert die territoriale Integrität des anderen – im Falle Chinas heißt das inklusive Taiwan –  zu unterstützen. 

Peking bekannte sich zur territorialen Souveränität der Ukraine, ohne aber zu konkretisieren, wie es im Kriegsfall reagieren würde.

Vermittler und Konfliktpartei
China habe Interesse an einem baldigen Ende des Krieges und könnte als außenstehender geopolitischer Akteur moderierend eingreifen und Strukturen für Aushandlungen zur Verfügung stellen, so Weigelin-Schwiedrzik. Die erfolgreiche Vermittlerrolle im Ukraine-Krieg könnte China erhebliches diplomatisches Kapitel einbringen. Bisher haben die chinesischen Friedenspläne allerdings noch nicht gefruchtet.

Im südchinesischen Meer hingegen sei China, so Weigelin-Schwiedrzik, selbst Teil des Territorialkonflikts um Taiwan und stehe den weltpolizeilichen Ansprüchen der USA gegenüber. Überzeugend legt die Autorin dar, wie Peking sein strategisches Machtkalkül hinter einem nationalistischen Wiedervereinigungsnarrativ verschleiert.

Europäische Position entscheidend
Mit ihrer tiefen Kenntnis internationaler Politik entwirrt Weigelin-Schwiedrzik komplexe Dreiecksbeziehungen zwischen China, Russland, den USA und der EU. Trittsicher nimmt sie dabei die übergeordnete Frage in Angriff, wie die Welt nach einem möglichen Ende der geopolitischen Vormachtstellung der USA aussehen könnte.

Überraschenderweise fällt ausgerechnet dem vermeintlich schwachen Europa eine zentrale Rolle bei der diplomatischen Aushandlung dieser neuen Weltordnung zu. Wie sich Europa zu China positioniere, könnte mittelfristig über Krieg und Frieden auf der Welt entscheiden, so die Autorin.

Sie verzichtet in diesem Buch auf wissenschaftlichen Jargon und schreibt damit für ein breites Publikum: von politischen Entscheidungsträger:innen bis hin zu interessierten Lai:innen. Mit ihrer jahrzehntelangen Expertise im Bereich Sinologie liefert Weigelin-Schwiedrzik tiefgehende Hintergründe zur Logik chinesischer Außenpolitik und verschafft Leser:innen einen einzigartigen Überblick, der sonst nicht in dieser Qualität zu finden ist.

Zur Autorin
Susanne Weigelin-Schwiedrzik ist Sinologin und Politikwissenschaftlerin und war bis 2020 Professorin für Sinologie an der Universität Wien. In den 1970er Jahren reiste sie zum ersten Mal nach China und erlebte dort das Ende der Kulturevolution und das Ableben Mao Zedongs und die Folgen aus nächster Nähe. Als ausgewiesene Expertin für internationale Beziehungen ist die eine gefragte Interviewpartnerin im In- und Ausland.

Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Hannes Androsch (Hrsg.):
China und die Neuordnung der Welt
Brandstätter Wien, 2023, 216 Seiten, € 22

Sebastian Rosenauer ist freier Journalist und schreibt für verschiedene österreichische Medien.

Superkraft Empathie

Von Milena Österreicher · ·

Wer glutenfreie oder vegane Knödel mag, aber keine dementsprechenden Semmelknödel zur Hand hat, nimmt einfach Reis-, Mais- oder Quinoawaffeln. Der Geschmack erinnert an Popcorn und die fluffige Konsistenz steht den klassischen Knödeln um nichts nach.

Für 4 Personen, fertig in 30-40 Minuten

250 g oder 1 Packung Reis-, Mais- oder Quinoawaffeln
1 Ei (für die vegane Variante Eiersatz, z.B. 2 TL eingeweichte Leinsamen)
2 EL Wasser/ Milch oder Reismilch
2-3 EL glutenfreies Mehl
1-2 TL Salz
½ Zwiebel und 1 TL Butter/Margarine nach Belieben
Pfeffer, Muskat, Currypulver, Bärlauch, Petersilie Zwiebel oder andere Kräuter/Gewürze nach Geschmack Zwiebel mit dem Fett glasig anbraten und auskühlen lassen.
Derweil die Waffeln mit der Hand in kleine Stücke zerbröseln – nicht mit dem Stabmixer, da werden sie zu fein und später nicht fluffig.
Ei oder Eiersatz verquirlen und mit der Flüssigkeit (Wasser oder Milch/-ersatz) und Salz mischen.
Über die zerbröselten Waffeln schütten und mit den Händen gut mischen. Dann zusammenpressen und mind. 10 Minuten stehen lassen.
Zwiebel und je nach Geschmack Pfeffer, Muskat oder Currypulver, Bärlauch, oder andere Kräuter/Gewürze zugeben und mit dem Mehl vermengen.
Wenn die Masse dann recht hart ist, noch Flüssigkeit dazutun, wenn sie sehr weich ist, noch Mehl zugeben.
Hände in kühles Wasser tauchen, kleine Knödel formen und diese in wallendem Salzwasser ca. 10 Minuten gar kochen bis sie weich sind.
Optional kann man auch einen großen, länglichen Knödel machen, den mit ein paar Tropfen Wasser in einen Frischhaltebeutel stecken, ein paar kleine Löcher reinstechen und verschlossen bei 600 Watt ca. 8-10 Minuten in der Mikrowelle oder in einem Dampfgarer dämpfen. 

Dazu passt – fast alles! Redakteurin Christina Schröder hat sich die Knödel diesmal mit Butterfisolen schmecken lassen. Guten Appetit!

Ran an den Rhabarber

Von Milena Österreicher · · 2024/Mar-Apr

In Bezug auf Ihre Lebenserfahrungen: Was würden Sie Ihrem 15-jährigen Ich mit auf den Weg geben?

Ich würde fragen: „Willst du dich gemeinsam mit mir um den Strom beim Südwind Straßenfest kümmern?“ Das wollte ich auch von meinem 15-jährigen Neffen wissen, seither ist er begeistert dabei.

Worauf achten Sie, wenn Sie jemandem zum ersten Mal begegnen?

Ich höre zu, ich frage nach der Geschichte meines Gegenübers.

Eine Frage an Sie als Techniker: Was sollte erfunden werden?

Eine Künstliche Intelligenz, die den Namen verdient.

© Christina Schröder / SWM

Rupert Helm ist 1956 geboren und in Eidenberg/OÖ im Mühlviertel aufgewachsen. Im Stahlkonzern Voest machte er eine Lehre zum Werkzeugmacher, später arbeitete er in der Linzer Schiffswerft. Schon früh fing er an sich bei der Katholischen Arbeiterjugend (KAJ) zu engagieren. Er übernahm die Funktion Bundessekretär der KAJ in Wien. Später wurde er Geschäftsführer der Südwind Buchwelt; bis heute ist er im Aufsichtsrat.
Helm war an der Gründung von Fairtrade Österreich beteiligt und zehn Jahre lang im Vorstand. 2001 machte er sich mit seiner EDV-Firma Marmara selbstständig. Bis 2015 war er zudem kaufmännischer Leiter des Südwind-Magazins und prägte unser Medium über Jahre hinweg mit.
Seit 1986 (!) ist er an der Organisation des Südwind Straßenfestes beteiligt – zuerst stemmte er diese allein, später, im Team, übernahm er die Elektrik. 2023 wurde er für sein Engagement mit dem Südwind-Preis „Die Seglerin“ ausgezeichnet.

Was macht für Sie einen Tag zu einem guten Tag?

Wenn ich etwas für andere tun kann: Sei es einen Fahrradrahmen schweißen oder eine Adressdatenbank organisieren.

Was macht Sie wütend?

Strukturelle Ungerechtigkeit und, wenn ich sehe, wie bestimmte Personen öffentliche Kassen ausrauben.

Welche Fähigkeit wünschen Sie sich?

Ich würde gerne die Steirische so wie der Musiker und Komponist Herbert Pixner spielen können.

Wovon braucht es mehr in der Welt, damit diese eine bessere wird?

Strukturelle Gerechtigkeit!

Welche gute Tat kann jede:r hierzulande heute noch tun?

Wir sollten sparsam sein im Ressourcenverbrauch: uns nicht zu breit machen in der Welt. Und wir sollten uns selbst nicht zu wichtig nehmen.

Was hätte ich Sie fragen sollen und was ist die Antwort darauf?

Worum geht es im Leben: Schöne Begegnungen und gute Gespräche.

Lokalaugenschein in der Kosmetikmanufaktur

Von Milena Österreicher · · 2024/Mar-Apr

Um die dringendsten Probleme der Welt bildlich darzustellen, haben sich rund 50 weltweit renommierte Fotograf:innen und ebenso viele Wissenschaftler:innen zusammengetan. In Zürich in der Schweiz fand dazu das „Open Your Eyes“-Fotofestival als Ausstellung im öffentlichen Raum statt. Fast eine halbe Million Besucher:innen machten sich dabei vergangenen Herbst in Gassen, Gärten und Plätzen ein Bild von den SDGs, den Nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen. In Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich wurden diese während des Festivals auch im Rahmen von Vorträgen thematisiert.

Der ausführliche Ausstellungskatalog, gedruckt auf umweltfreundlichen Graspapier und produziert von der österreichischen Edition Lammerhuber, vereint 84 Fotos und zahlreiche Texte auf Deutsch und Englisch zu den SDGs, sowie zu den Fotograf:innen und ihren Motiven.

Verein Open Your Eyes Fotofestival
Open Your Eyes
Zürich 2023, 272 Seiten, € 35
Zum Bestellen: edition.lammerhuber.at

Neujahrsvorsatz: Lebensmittelabfälle reduzieren

Von Milena Österreicher · ·

Wie der neue argentinische Präsident mit einem radikalen Rezept das Land umkrempeln will.

„Wirf alles auf den Grill“, heißt es am Río de la Plata, wenn es ums Ganze geht. Und das macht Javier Milei. Die beiden Filetstücke des neuen Präsidenten Argentiniens: die schwarze Null im Staatshaushalt und die Senkung der Inflation.

Bei seinem Amtsantritt am 10. Dezember 2023 kündigte Milei harte Monate mit einen enormen Anstieg der Inflation an. Unmittelbar danach ordnete der libertäre, also freiheitliche Politiker die Abwertung des Pesos um 55 Prozent gegenüber dem Dollar und das Auslaufen sämtlicher Preisregulierungsvereinbarungen an. Außerdem halbierte er die Zahl der 18 Ministerien auf neun und strich alle öffentlichen Investitions- und Bauprojekte. Das sei notwendig, um das Haushaltsdefizit zu reduzieren und die Inflation langfristig zu senken, so Milei.

Neoliberales Dekret und Megagesetz
Am 20. Dezember erließ er ein 86-seitiges Dekret. Unter anderem wird das Arbeitsrecht geändert: u.a. werden Entlassungen erleichtert und Abfertigungen gekürzt. Staatliche Unternehmen sollen in Aktiengesellschaften umgewandelt und privatisiert werden. Der Erwerb von Land wird für ausländische Investor:innen erleichtert.

Am 27. Dezember legte Milei dem Kongress einen Megagesetzesentwurf vor. Er umfasst 664 Artikel und sieht neben umfangreichen Privatisierungs-, Wirtschafts-, Wahl-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen eine tiefgehende Umstrukturierung der staatlichen Verwaltung vor. Und das Gesetz würde es dem Präsidenten ermöglichen bis zum Ende seiner vierjährigen Amtszeit mit Sondervollmachten regieren zu können.

Dekret und Megagesetz unterscheiden sich darin, ob der Kongress den Maßnahmen, Deregulierungen oder Reformen zustimmen muss oder nicht. Die von Milei dekretierten Anordnungen traten bereits wenige Tage nach der Unterzeichnung in Kraft und bleiben es so lange, bis beide Kammern des Kongresses mehrheitlich dagegen gestimmt haben. Allerdings kann die Justiz nach einer Klage eine einstweilige Verfügung gegen einzelne Artikel erlassen. Im Gegensatz dazu muss der Kongress das gesamte Paket oder einzelne Teile des Megagesetzes billigen.

Bisher hat sich der Kongress nicht mit dem Dekret befasst, da sich die dafür zuständige Kommission noch nicht gebildet hat. Allerdings hat die Justiz bereits einige einstweilige Verfügungen erlassen, beispielsweise bei den Änderungen zum Arbeitsrecht. Gegenwärtig debattiert der Kongress den Megagesetzesentwurf, bei dem Milei nur auf eine kleine Minderheit von eigenen Mandatsträger:innen setzen kann. Dabei zeichnet sich eine Zustimmung zu zahlreichen Artikeln aber auch eine klare Ablehnung der Sonderbevollmächtigung des Präsidenten ab.

Rekord-Inflation statt Bremse
Mit der Peso-Abwertung und dem Ende der Preisregulierungsvereinbarungen war ein Inflationsschub erwartet worden. Alles, was importiert wird, wurde sofort teurer. Zuvor regulierte Preise, wie etwa für Benzin, zogen nach. Die jährliche Inflationsrate stieg auf 211 Prozent im Jahr 2023, den höchsten Jahreswert seit 1990.

Die von Milei im Wahlkampf versprochene Dollarisierung und Abschaffung der Zentralbank ist nicht vom Tisch. Was ihn daran hindert, ist der schlichte Mangel an der US-Währung und die enorme Menge an Pesos, die in Form von Schuldtiteln bei den Zentral- und Privatbanken lagern. Eine schnelle Annullierung dieser Schuldtitel würde einen Run auf den Dollar auslösen und das Land noch tiefer in die finanzielle Bredouille stürzen. Noch ist der Präsident damit beschäftigt, die Hinterlassenschaften seines Amtsvorgängers wegzuräumen. Ob Mileis Alles-oder-Nichts-Strategie aufgeht, wird sich zeigen.

Jürgen Vogt lebt seit 2005 in Buenos Aires und ist u. a. Korrespondent der deutschen Tageszeitung Taz.

Myanmar wieder Opium-Hauptproduzent

Von Milena Österreicher · ·

Über die Klimaerhitzung wird breit diskutiert. Allerdings waren viele Fakten schon vor über 50 Jahren bekannt – Politik und Wirtschaft haben sie nicht ernstgenommen.

1972 wurde „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht – ein Bericht, in Auftrag gegeben vom Club von Rom. Dieser Zusammenschluss von Expert:innen verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern wurde 1968 gegründet. Schon damals war das Ziel der gemeinnützigen Organisation, sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit einzusetzen.

Fünf Tendenzen mit globaler Wirkung wurden mit einem computergestützten Weltmodell untersucht: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffreserven und Zerstörung von Lebensraum.

Die Schlussfolgerungen des Berichts: Wenn die Zunahme von Weltbevölkerung, Umweltverschmutzung, Industrialisierung, Rohstoffverbrauch sowie der Nahrungsmittelproduktion anhalten, werden in den nächsten 100 Jahren die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde erreicht sein. Es wurden auch Möglichkeiten aufgezeigt, das exponentielle Wirtschaftswachstum einzubremsen und einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand zu erreichen. Aber nur technische Lösungen (grünes Wirtschaftswachstum, Geburtenkontrolle, Reduktion des Rohstoffverbrauchs und der Schadstoffe) würden nicht ausreichen, um die entsprechenden Kipppunkte zu vermeiden.

Warnung vor Kollaps ab 2030
2004 ergab ein 30-Jahre-Update, dass durch Weiterführen des „business as usual“ in den meisten Szenarien ein Überschreiten der Wachstumsgrenzen und ein möglicher Kollaps ab 2030 zu erwarten sei. Auch bei energischem Umsetzen von Umweltschutz– und Effizienzstandards kann diese Tendenz in vielen Bereichen nur abgemildert, aber nicht mehr verhindert werden. Erst die Simulation einer überaus ambitionierten Mischung aus Einschränkung des Konsums, Kontrolle des Bevölkerungswachstums, Reduktion des Schadstoffausstoßes und zahlreichen weiteren Maßnahmen ergibt eine nachhaltige Gesellschaft bei knapp acht Milliarden Menschen.

Zum 40-Jahre-Update wurden die wichtigsten Tendenzen bestätigt. Zum Gegensteuern müsse die Weltbevölkerung begrenzt, sowie die Volkswirtschaften radikal umgebaut werden; d. h. Abkehr vom marktradikalen Denken und vom liberalen Welthandel, Einführung höherer Steuern und eines Grundeinkommens – damit soll ein allgemeines Wohlergehen erreicht werden.

Die als notwendig für ein nachhaltiges Weltsystem vorgeschlagenen radikalen Einschnitte in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen wurden vielfach als überschießend kritisiert, was letztlich zum fortgesetzten „business as usual“ mit nur kleineren Korrekturen führte.

Entscheidende Veränderungen oder massive Verschlechterung
50 Jahre später – 2022 – betont „Earth for all“ wieder die Notwendigkeit einschneidender Maßnahmen in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Die klare Zielrichtung ist die Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich. Eine ausreichende Deckung der Grundbedürfnisse soll weltweit für max. acht bis neun Mrd. Menschen noch in diesem Jahrhundert erreicht werden: Das heißt, Hunger und Armut abschaffen, Ungerechtigkeit zwischen den Staaten und Ungleichheit innerhalb der Staaten verringern, Geschlechtergerechtigkeit weltweit herstellen und gleichzeitig Klima- und Umweltschutz und langfristige Nachhaltigkeit in allen Sektoren, v. a. in der Landwirtschaft, umsetzen.

Zwei Szenarien werden modelliert: „Zu wenig – zu spät“. Mit weniger einschneidenden Maßnahmen wird die Welt zwar nicht untergehen, aber die Lebensbedingungen werden für die Mehrheit gravierend schlechter werden.

Neue Wege für eine Zukunft für alle
Das andere Szenario könnte mit fünf Kehrtwendungen eine humane Zukunft für alle ermöglichen. Dazu wird in „Earth for all“ angeführt:

1. Armut überwinden: Erteilung von Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds (Kunstgeld für die Schaffung von Währungsreserven eines Staates), Förderung von jungen Industrien in den ärmeren Ländern (z. B. Energiewende) durch die Welthandelsorganisation und Entlastung durch umfassende Schuldenerlässe für arme Länder.

2. Ungleichheit abbauen: höhere Besteuerung von Kohlenstoff- und Ressourcenverbrauch, Stärkung der Arbeitnehmer:innenrechte und Einführung eines Bürgerfonds (Zahlungen für den Natur- und Ressourcenverbrauch), aus dem eine Grunddividende an alle ausbezahlt wird.

3. Frauen befähigen und stärken: Gleichstellung der Geschlechter in Gesellschaft und Wirtschaft sowie Einführung eines universellen Rentensystems.

4. Ernährungssystem umgestalten: Bis 2030 sollen zumindest 50% der Ackerlandes  nachhaltige Landwirtschaft betreiben, mit Umstellung auf regenerative Formen und Wechsel zu gesunder Ernährung.

5. Energiewende: Netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2050, Abschaffung aller Subventionen auf fossile Brennstoffe, globale Elektrifizierung, massive Investitionen in Speicherung erneuerbarer Energien.

Zugleich muss sich das Wirtschafts- und Finanzsystem grundlegend in Richtung einer Gemeinwohl-Ökonomie ändern.

Richard Langthaler war von Ende der 1960er Jahre bis heute mit Entwicklungszusammenarbeit und dem Thema der globalen Entwicklung beschäftigt – mit der grundsätzlichen Einstellung, dass in den Industrieländern ein Minus-Wachstum zugunsten einer nachholenden Entwicklung im Globalen Süden stattfinden sollte.

Für den Artikel wurde neben den Büchern der jeweilige zusammenfassende Überblick in WIKIPEDIA (Stand Okt. 2023) verwendet. Leider sind die Berichte (es handelt sich ja um komplexe Computersimulationen) zum Teil sehr technisch geschrieben.

Literatur:
Die Grenzen des Wachstums.
Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Dieter Heck. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, ISBN 3-421-02633-5; Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1973, ISBN 3-499-16825-1

Buchcover von "Earth for All. Ein Survivalguide für unseren Planeten"

Earth for All. Ein Survivalguide für unseren Planeten. Club of Rome (Hg.), oekom Verlag 2022, 256 Seiten; ISBN 978-3-96238-387-9

Jung und reich: Ecuadors neuer Präsident

Von Milena Österreicher · ·

Von: Marina Wetzlmaier
Betreff: So süß!

Liebe Redaktion,

„das Glück kommt zu denen, die ehrlich sind“, steht auf einem Plakat in einer U-Bahn-Station in Taipei, der Hauptstadt von Taiwan. Eine freundliche Aufforderung, ein Ticket zu kaufen. Oder besser gesagt: eine niedliche. Vom Plakat winken vier Comicfiguren: zwei Hunde, eine Katze und ein Tier, das einem Fuchs ähnelt. Mit ihren Knopfaugen und dem fröhlichen Lächeln kann man ihnen wohl keine Bitte abschlagen.

Auf einem weiteren Plakat machen sie darauf aufmerksam, dass man auf andere Fahrgäste Rücksicht nehmen soll. Solche Bilder begegnen mir überall in der Stadt. Ein rundlicher Pinguin mit Krawatte ziert das Schaufenster einer Bank, und ich ertappe mich dabei, wie ich Getränke nur deshalb kaufe, weil ein drolliges Tier darauf abgebildet ist. Dahinter steckt ein Konzept aus Japan, das „kawaii“ genannt wird. In Taiwan sagt man „ke ai“ (可愛), was „niedlich“ oder „süß“ bedeutet.

Angewendet wird es nicht nur in Kultur und Konsum, sondern sogar in der Politik. So hat die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) für den Wahlkampf 1998 eine Plüschpuppe ihres Kandidaten – und späteren Präsidenten – Chen Shui-bian kreiert. Auch das Nationaltier Taiwans ist „ke ai“: der Taiwanische Schwarzbär.

Liebe Grüße,

Marina

Im Sahel schließen die Schulen

Von Milena Österreicher · ·

Der deutsche Wissenschaftler Ladislaus Ludescher kritisiert nach einer Studie eine mediale Vernachlässigung u. a. im ORF. Ukraine-Krieg & Co lässt er als „Ausrede“ nicht gelten.

Was sagt Ihre Studie über ZIB 1 und orf.at konkret aus?
Sie zeigt, dass der Globale Süden in beiden Medien stark vernachlässigt wird. In den Untersuchungszeiträumen, 2022 bzw. Juni 2022, wurden dem Globalen Süden in beiden Formaten weniger als 10 Prozent der zur Verfügung stehenden Sendezeit bzw. der Berichte gewidmet. Obwohl dort etwa 85 Prozent der Weltbevölkerung leben.

Hat Sie das Ergebnis überrascht?
Einerseits ja, weil ich für Österreich einen etwas kosmopolitischeren Blick erwartet hätte. Immerhin haben verschiedene Organisationen der Vereinten Nationen ihren Sitz in Wien. Andererseits hatte ich zuvor schon eine ganze Reihe von deutschen und ausländischen Medien untersucht. Leider zeigte sich das Ergebnis der medialen Vernachlässigung des Globalen Südens bisher in allen ausgewerteten Nachrichten der sogenannten Leitmedien.

Forscher Ladislaus Ludescher.

Redaktionen verweisen auf große Themen wie den Krieg in der Ukraine oder jetzt Nahost. Ist eine „Konkurrenz“ zu News aus dem Globalen Süden verständlich oder sehen Sie das als Ausreden?
Einerseits ist es verständlich bzw. auch menschlich, dass man sich für das, was einem geografisch oder kulturell näher liegt, eher interessiert als für das, was vielleicht weiter weg ist. Das darf aber nicht dazu führen, dass Themen des Globalen Südens ausgeklammert oder völlig an den Rand gedrückt werden.

An welche Themen denken Sie etwa?
Der Bürgerkrieg in Tigray in Äthiopien gilt als tödlichster Konflikt des 21. Jahrhunderts. Schätzungen zufolge sind in diesem bis zu 600.000 Menschen gestorben. Dem Ukraine-Krieg wurden im Jahr 2022 in der ZIB 1 über 1.500 Sendeminuten gewidmet, dem Krieg in Tigray aber lediglich etwa eine einzige Minute. Das Missverhältnis, in welchem Umfang über beide Kriege berichtet wurde, ist einfach eklatant evident und erschütternd.
Durch Themen wie Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg hat die Marginalisierung des Globalen Südens in der Tat zugenommen. Es ist aber nicht so, dass es vorher ausgewogen gewesen wäre. Ich habe, zum Beispiel, die Berichterstattung der deutschen Tagesschau für die vergangenen 16 Jahre ausgewertet. Der Globale Süden wurde da immer schon drastisch vernachlässigt. Und wenn sogenannte Leitmedien berichten, dann vorwiegend negativ.

Wie könnte man die Situation aus Ihrer Sicht verbessern?
Zunächst einmal sollte in den Redaktionen eine höhere Sensibilität für dieses Missverhältnis aufgebracht werden. Das wäre ein erster Schritt. Natürlich müssen auch genügend finanzielle Möglichkeiten zur Verfügung stehen, damit Journalistinnen und Journalisten aus dem Globalen Süden berichten und Beiträge mit hoher Qualität liefern können.
Durch den Ausbau der Zusammenarbeit von deutschsprachigen Medien wie dem ZDF und ORF mit Medien im Globalen Süden könnten Ressourcen gebündelt und die Berichterstattung kostengünstiger und effizienter gemachen werden. Die Schweizer Tagesschau griff im vergangenen Jahr zum Beispiel wiederholt auch auf Reporterinnen und Reporter von deutschen Medienhäusern zurück, die über den Ukraine-Krieg berichteten.

Was sollen Konsument:innen machen, die das Missverhältnis in der Medienberichterstattung stört?
Sie sollten mit Redaktionen Kontakt aufnehmen und ihnen mitteilen, dass sie sich einen höheren Anteil an Nachrichten aus dem Globalen Süden wünschen. Sie können auch eine Petition unterzeichnen, in der genau dies gefordert wird. Eine Radikalforderung wäre es, eine Quote für Nachrichten aus dem Globalen Süden einzuführen.

Wie würde eine solche aussehen?
Je nach Beschluss würde das bedeuten, dass zum Beispiel ein Viertel der Berichterstattung dem Globalen Süden gewidmet sein müsste. Ich persönlich sehe diesen Schritt aber sehr kritisch. Wir sind in Deutschland wie auch in Österreich völlig zu Recht darauf stolz, dass Medien frei und unabhängig arbeiten können. Eine „Vorgabe von oben“, auch wenn sie sehr gut gemeint wäre, wäre ein Eingriff in die Pressefreiheit. Ich denke, dass ein Wandel hier aus Einsicht, auf freiwilliger Basis erfolgen sollte.

Wieso ist Ihnen das Thema so ein Anliegen?
Das Thema Globaler Süden bzw. soziale Gerechtigkeit hat mich schon immer interessiert. Pointiert gesagt verletzt es mein Gerechtigkeitsempfinden sehr stark, wenn ich sehe, dass einem so großen Teil der Welt so wenig mediale Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Es gibt den für manche Menschen vielleicht trivial klingenden, deswegen aber nicht weniger wahren Satz: „Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.“ Als Bewohner:innen des Globalen Nordens, also der Länder mit großer ökonomischer und politischer Macht, liegt es, so sehe ich das zumindest, in unserer Verantwortung, diese Einflussmöglichkeiten zum Positiven zu nutzen. Man könnte auch pointiert fragen: Wer auf der Welt, wenn nicht wir?

Gibt es einen Austausch zu diesem Thema mit Medien oder Forscher:innen im Globalen Süden?
Bisher leider noch nicht.

Welches Medium in Deutschland oder Österreich ist für Sie ein gutes Beispiel, dass es auch ausgeglichener geht?
Einen deutlich höheren Anteil des Globalen Südens weisen zum Beispiel die deutsche Tageszeitung Taz oder das ARTE Journal auf.
Dann gibt es natürlich noch Medien, die allgemein global orientiert sind, wie zum Beispiel der Weltspiegel (ARD) und das Auslandsjournal (ZDF) in Deutschland oder das „Weltjournal“ (ORF) und das Südwind-Magazin in Österreich. In diesen Medien gibt es auch Beiträge über den Globalen Süden abseits der sogenannten drei „Ks“, Kriege, Katastrophen, Krankheiten; das liegt einfach auch daran, dass sie dem Globalen Süden genügend Platz einräumen, um auch über positive Entwicklungen zu berichten. Positive Beispiele sind aber sehr wichtig, damit die Medienrezipierenden in Anbetracht von Negativnachrichten nicht fatalistisch werden.

Welche Medien konsumieren Sie persönlich?
Aus beruflichen Gründen verfolge ich natürlich die sogenannten Leitmedien. Daneben informiere ich mich aber zum Teil auch über die genannten Medien mit Blick auf den Globalen Süden. Gerne höre ich außerdem Deutschlandfunk, der teilweise sehr gut gemachte Beiträge hat.
Leider verfolge ich Medien aus dem Globalen Süden selbst nicht regelmäßig. Ich hatte schon die Idee, eine Analyse der Berichterstattung von Medien aus dem Globalen Süden durchzuführen. Bedauerlicherweise ist es nicht immer so leicht, an die entsprechenden Medien zu gelangen, gerade an Printausgaben. Es wäre aber sicherlich sehr spannend zu sehen, wie die Nachrichtenwelt im Globalen Süden medial vermittelt bzw. wahrgenommen wird.

Interview: Richard Solder

Ladislaus Ludescher hat Germanistik, Geschichte und Europäische Kunstgeschichte in Heidelberg studiert. Aktuell habilitiert er an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die deutsch-amerikanischen Literatur- und Kulturbeziehungen und insbesondere die in- und ausländische Medienanalyse.

Tipp: Das Forschungsprojekt von Ladislaus Ludescher bietet die Möglichkeit, das Thema mittels einer Ausstellung zu veranschaulichen. Die Ausstellung „Vergessene Welten und blinde Flecken“ ist als Wanderausstellung konzipiert und kann an die Gegebenheiten der Ausstellungsorte adaptiert werden. Eine Ausleihgebühr fällt nicht an.

Togotia: Comeback für vergessenes Gemüse

Von Milena Österreicher · ·

Junge Umweltaktivist:innen in den Philippinen kämpfen gegen ein Kohlekraftwerk, Atomenergie und Falschinformationen. Lokalaugenschein im Dorf Lamao.

Viele der jungen Aktivist:innen waren noch Kinder, als das Kohlekraftwerk direkt neben ihrem Heimatdorf Lamao in der Provinz Bataan im Norden der Philippinen errichtet wurde (siehe auch hier). „Durch die Luftverschmutzung, die vom Kraftwerk ausgeht, leiden unsere Familien an Atemwegs- oder Hauterkrankungen“, berichtet Enrique Beren. Der 22-Jährige vertritt gemeinsam mit Jade Esguerra, 20 Jahre alt, die Organisation „Young Bataeños for Environmental Advocacy Network“ (Young BEAN) nach außen.

Die Bewohner:innen von Lamao wollen Entschädigungen erkämpfen, die Jugendlichen fordern auf Perspektive mehr: nämlich ein Ende der fossilen Energie. Young BEAN ist in der gesamten Provinz vernetzt und führt Informationskampagnen und Protestaktionen durch. Außerdem helfen sie in Notsituationen.

Mehr Naturkatastrophen
Beim Lokalaugenschein des Südwind-Magazins Anfang August führen sie gerade eine Spendensammlung durch und schnüren Lebensmittelpakete für rund 200 Familien: je fünf Kilo Reis, ein halbes Kilo Zucker, zwei Packungen Instantnudeln und Löskaffee.

Taifun „Doksuri“ hat Ende Juli starken Regen und Überschwemmungen in der Region verursacht. Viele Familien wurden in Evakuierungszentren untergebracht. „Sie bekommen staatliche Hilfe“, berichtet die Umweltaktivistin Veronica Cabe. „Andere Menschen wollten ihre Häuser aber nicht verlassen und haben nichts. Für diese sind wir mit den Hilfspaketen da“, erzählt Cabe weiter. Sie ist Koordinatorin der lokalen Organisation Nuclear and Coal-Free Bataan Movement und unterstützt die jungen Aktivist:innen bei ihren Projekten. Nicht nur Naturkatastrophen, sondern auch große Infrastruktur- und Energieprojekte bereiten den Umweltschützer:innen Sorgen.

Grüne Energie?
Die Regierung unter Präsident Ferdinand Marcos Jr. hat zwar angekündigt, keine neuen Kohlekraftwerke zu bauen und mehr in Erneuerbare Energie zu investieren. Bestehende Kraftwerke, wie jenes neben dem Dorf Lamao, dürfen jedoch weiterhin betrieben und ausgebaut werden.

Außerdem ist Atomkraft als alternative Energiequelle im Gespräch. Konkret soll das Kraftwerk Bataan Nuclear Power Plant (BNPP) in Betrieb genommen werden. In den 1970er Jahren ließ der damalige Diktatur Ferdinand Marcos dieses Atomkraftwerk errichten. Sicherheitspannen, die hohen Kosten und nicht zuletzt der Widerstand einer Anti-Atombewegung haben die Inbetriebnahme bisher verhindert.

Gefährliches Engagement
Die rund 100 Aktivist:innen von Young BEAN wollen andere junge Menschen über die Risiken von Atomkraft informieren. Denn: „Jugendliche sind besonders anfällig für Falschinformationen, die von allen möglichen Seiten dazu kommen“, so Sprecherin Jade Esguerra. Mit ihrem Engagement ist sie in ihrer Generation in der Minderheit. „Aktivismus hat einen schlechten Ruf“, erklärt Young-BEAN-Sprecher Enrique Beren.

Die Philippinen gehören zu den gefährlichsten Ländern für Umweltaktivist:innen, wie der Mord an Gloria Capitan im Jahr 2016 zeigt. Die mehrfache Großmutter war im Kampf gegen Kohlekraft in Bataan aktiv und wurde 2016 vor ihrem Geschäft von Unbekannten erschossen. Elf Morde an Umweltschützer:innen gab es laut der Menschenrechtsorganisation Global Witness im Jahr 2022. Die Täter:innen können zumeist nicht ausgeforscht werden.

Auch Beren hat bereits anonyme Drohungen erhalten. Er habe „ein mulmiges Gefühl“. Sich nicht zu engagieren sei für ihn aber keine Option: „Wissen über die Ursachen der Klimakrise zu haben, aber nicht zu handeln, ist wertlos. Wir kämpfen weiterhin für die Umwelt und unsere Familien.“

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin mit philippinischen Wurzeln. Anfang August besuchte sie, wie schon in den Jahren davor, das Dorf Lamao, um für das Südwind-Magazin zu berichten.

Was eine entwicklungspolitische Tagung in Wien bewegen kann

Von Milena Österreicher · ·

… erklärt Martin Mayr, ein österreichischer Entwicklungshelfer von Horizont 3000, der in Brasilien lebt, im Online-Interview.

In der Mai-Ausgabe des Südwind-Magazins haben wir vom jahrelangen Kampf von 120 kleinbäuerlichen Familien gegen das Soja-Unternehmen „Estrondo“ im brasilianischen Cerrado, dem neben dem Amazonas wichtigsten Ökosystem Brasiliens, berichtet. Der Konzern hatte versucht, die Menschen, die seit Generationen an den Flussufern des Rio Preto leben, teils gewaltsam und mit illegalen Mitteln zu vertreiben, um noch mehr Platz für den Soja-Anbau zu schaffen.

Im Juli hätte nach einem langen Rechtsstreit endlich ein Abkommen zur verbindlichen Anerkennung der Landrechte der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, der Geraizeiros, wie sich die Menschen selbst nennen, und der Firma „Estrondo“ unterschrieben werden sollen.

Das Südwind-Magazin hat bei Martin Mayr nachgefragt, was seither passiert ist. Mayr hat die Geraizeiros seit 2005 in ihrem Widerstand gegen die Großgrundbesitzer:innen unterstützt.

Ist es am 12. Juli nach dem jahrelangen Kampf um die Landrechte zwischen Geraizeiros, den Kleinbäuerinnen und -bauern, und der Soja-Firma „Estrondo“ zur erhofften Unterzeichnung des Abkommens gekommen?

Leider, nein. Es geht weiter, weil „Estrondo“, in meiner Heimat Oberösterreich sagt man, „Mandl“ macht, also Schwierigkeiten …

Inwiefern?

Die Vertreter:innen von Estrondo sagen, dass sie weiterhin eine Einigung wollen, dass ihnen aber mehr „Rechtssicherheit“ gewährleistet werden müsse. Ich denke, dass es dem Unternehmen dabei um Garantien geht, in Zukunft von der Staatsanwaltschaft nicht mehr belangt zu werden. Das wird es vermutlich nicht spielen.

Schon 2011 hatte das Unternehmen nach einem Rechtsstreit versprochen, die territoriale Autonomie der Geraizeiros anzuerkennen. Im Gegenzug wurde eine Anklage der Staatsanwaltschaft fallengelassen und das Unternehmen kehrte zu den Repressalien gegenüber den Menschen vor Ort zurück. Was passiert jetzt?

Wir sind besorgt, die Staatsanwaltschaft ist verärgert. Die Lage ist unübersichtlich. Die bewaffneten Sicherheitskräfte von Estrondo durchstreifen wieder das Territorium der alteingesessenen Kleinbauern und Kleinbäuerinnen: Eine Farm, die zu Estrondo gehört, hat Schilder anbringen lassen, auf denen „Privates Naturschutz-Gebiet“ steht. Die Menschen sind verunsichert und besorgt, aber entschlossen, sich weiter gegen das Soja-Unternehmen zur Wehr zu setzten. Sollte es zu neuen Schikanen gegen die Geraizeiros kommen, wird es auch wieder entsprechende Reaktionen geben.

Interview: Christina Schröder

Uganda bestraft LGBTIQ-Menschen

Von Milena Österreicher · ·

Der Autor Jürgen Rahmig tauchte für das Buch „Der Kampf ums Wasser. Im Jahrhundert der Dürre“ tief ein in die Materie.

Das Wasser, die Grundlage allen Lebens auf der Erde, wird knapp. Gründe: Die Klimakrise, lokale Konflikte und der stetig steigende Bedarf zerren an den globalen Reserven. Doch was passiert, wenn nicht mehr genügend vorhanden ist, um die wachsenden Weltbevölkerung zu versorgen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich der deutsche Journalist und Autor Jürgen Rahmig in seinem neuesten Buch und stellt fest: Unsere Nahrungsmittel- und Energieproduktion sind hochgradig vom Wasser abhängig. Das haben auch Machthaber:innen erkannt, die Ansprüche auf Wasserquellen erheben und zusehends bereit sind, diese militärisch durchzusetzen.

Aus der Ressource wird dabei oft ein strategisches Machtinstrument und politisches Sanktionsmittel, so Rahmig. Das Hochwasser im Zuge der Sprengung des Dnepr-Stadamms bei Nowa Kachowka in der Ukraine Mitte Juni hat etwa gezeigt, wie die unbändige Kraft des Wassers zur Kriegswaffe werden kann.

Ringen ums Wasser

Überall, wo das Wasser knapp wird, besonders in Afrika, dem Mittleren Osten und Ostasien, liefern sich Länder einen harten Wettkampf darum. Die negativen Auswirkungen davon, wie so häufig, trägt die Zivilbevölkerung.

In betroffenen Ländern steigt mit der Armut die politische Instabilität. Das spielt etwa terroristischen Vereinigungen in die Hände, wie z. B. Boko Haram in Westafrika, argumentiert Rahmig.

Und der Autor ist sich sicher: Das Konfliktpotenzial um Wasser wird sich durch die Folgen der Klimakrise ausweiten. Dürren lassen riesige Gewässer wie den Aralsee austrocknen, während der steigende Meeresspiegel dazu führt, dass immer häufiger Salzwasser in Süßwasservorkommen gerät.

Diese Probleme beschränken sich dabei keinesfalls auf den Globalen Süden. Auch in Europa und Nordamerika gibt es bereits Regionen, in denen etwa Wassersparmaßnahmen eingeführt werden mussten, um den vorhandenen Vorrat nicht vollkommen aufzubrauchen.

Umgang mit Konflikten
Die zentrale Frage, die Rahmig am Anfang des Buches stellt: „Wird es in Zukunft Kriege um Wasser geben?”, verwandelt sich zum Ende des Buches hin in ein „Wo und wann wird es diese Kriege geben?”.

Deutlich ist, dass Konflikte um Wasser vielerorts, beispielsweise am Nil, im Nahen Osten oder zwischen Indien und Pakistan, bereits in vollem Gange sind und sich der Handlungszeitraum für präventive Maßnahmen oft schon geschlossen hat.

Nun, so Rahmig, gelte es sicherzustellen, dass Konflikte zukünftig ohne Blutvergießen ausgetragen werden und alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen. Wer die Ursachen und Auswirkungen der Klimakrise im komplexen Netz der Geopolitik besser verstehen will, wird kaum um die entscheidende Rolle des Wassers umhinkommen. Dieses Buch bietet hierfür einen erstaunlich einleuchtenden Überblick.

Simon Gal hat gerade seinen Zivildienst bei Südwind geleistet und dabei viel über globale Gerechtigkeit und Ungleichheiten gelernt. In Zukunft möchte er die gesammelte Erfahrung zur gemeinsamen Veränderung der Welt beitragen.

Hörtipp: Der Kampf um jeden Tropfen im Ö1-Radiokolleg, von 3. bis 6. Juli, jeweils um 9.05 Uhr

Rote Rüben einmal anders: Eine Rezept-Idee aus der Redaktion

Von Milena Österreicher · ·

Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas hat die junge Generation auf einen Wechsel an der Staatsspitze gehofft und vielen dürften bei der Präsidentenwahl im Februar für Peter Obi gestimmt haben; gereicht hat das nicht.

Nigeria setzt seine Tradition der alten Politiker fort, die sich fortlaufend selbst recyceln. Nachdem sie ein Amt ausgeübt haben, verschwinden sie nach Ablauf der Amtszeit für einige Jahre aus den ersten Reihen, um dann in das nächsthöchste Amt zurückzukehren. Mit Bola Tinubu wird in der Hauptstadt Abuja am 29. Mai ein neuer Staats- und Regierungschef vereidigt, der bereits von 1999 bis 2007 Gouverneur des Bundesstaates Lagos war und den eigentlich Millionen junger Menschen – das Durchschnittsalter liegt bei 18,6 Jahren – unbedingt verhindern wollten.

Der 70-Jährige galt lange als einflussreichster politischer Strippenzieher im Land. Unter anderem finanzierte er die Wahlkämpfe des scheidenden Präsidenten Muhammadu Buhari mit, baute dessen Stellvertreter Yemi Osinbajo auf und sicherte sich so geschickt die Loyalität zahlreicher Personen. Schon im Wahlkampf wirkte er allerdings so manches Mal zittrig und abwesend. Immer wieder fielen ihm Namen nicht ein.

Tinubu, der dem All Progressives Congress (APC) angehört, hat so wenig Rückhalt im Land wie keiner seiner Vorgänger seit dem Ende der Militärherrschaft im Jahr 1999. Nur 8,7 der 220 Millionen Nigerianer:innen stimmten bei der Wahl am 25. Februar für ihn. Die Wahlbeteiligung lag bei nicht einmal 27 Prozent.

Labour verliert am Land
Im Vorfeld gehypt wurde hingegen Peter Obi. Vor allem auf Twitter wirkte es so, als ob der 61-Jährige, der von 2007 bis 2014 ein nicht unumstrittener Gouverneur im Bundesstaat Anambra sowie zuvor jüngster Vorsitzender der nigerianischen Fidelity Bank war, eine reelle Chance haben könnte. Seine Anhänger:innenschaft besteht überwiegend aus jüngeren, gut ausgebildeten und in Städten lebenden Menschen, die gerne betont haben, ein neues, geeintes Nigeria zu wollen: Arbeitsplätze, weniger Korruption und Vetternwirtschaft.

Obis Labour Party (LP) hat es jedoch bisher nicht in viele Dörfer geschafft. Wahlen werden in Nigeria allerdings auf dem Land gewonnen. Der Partei, die noch vor einem Jahr unbekannt und zerstritten war, hat es schlicht an einem Netzwerk gefehlt. Gleichwohl hat sie dafür einen beachtlichen Erfolg erzielt. Bereits vor der Wahl wurde allerdings darüber spekuliert, dass Obi langfristig eine eigene Partei aufbauen könnte. Partei-Neugründungen sind in Nigeria nicht ungewöhnlich.

Obi zieht vors Wahlgericht
Noch bleibt Obi allerdings bei der Labour Party, die den Ausgang nicht akzeptiert hat und vor ein Wahlgericht gezogen ist. Aufgrund zahlreicher Fehler im Zuge der Abwicklung der Wahl, so Obis Forderung, müsse das Ergebnis für ungültig erklärt werden. Tatsächlich dauerte es teilweise Tage, bis Teilergebnisse auf die eigens dafür eingerichtete Website geladen wurden. Vor allem in Lagos versuchten junge Männer – mutmaßlich in Wahlkreisen mit hoher LP-Anhängerschaft –, Wahllokale zu stürmen. Schon vor dem Urnengang hatte es vermehrt Einschüchterungsversuche gegeben. Deshalb gilt es als positiv, dass die nach der Ergebnisbekanntgabe befürchtete Gewaltwelle ausgeblieben ist und die Unterlegenen den Rechtsweg eingeschlagen haben.

Auf Tinubu kommt nun die vermutlich unmögliche Aufgabe zu, ein noch tiefer gespaltenes Land zu einen. Er betonte, ein „fairer“ Präsident werden zu wollen. Millionen junger Menschen hoffen auf Arbeitsplätze und vor allem der Nordosten und Zentralnigeria auf mehr Sicherheit. Bis heute sind die Terrorgruppen Boko Haram und der Islamische Staat in der Provinz Westafrika (ISWAP) aktiv. Auch steigt die Zahl der tödlichen Konflikte im Land weiter an. All diese Probleme, hat der künftige Präsident mehrfach betont, wolle er angehen. Detaillierte Pläne dafür sind aber bisher nicht bekannt.

Katrin Gänsler lebt und arbeitet seit 2010 als Korrespondentin, Autorin und Reporterin in Westafrika.

Etappensieg im Kampf um Reformen in Thailand

Von Milena Österreicher · ·

Wien soll in der Seestadt Aspern ein Denkmal des großen Kämpfers gegen das Apartheid-Regime und ehemaligen Präsidenten Südafrikas bekommen. Es soll Postkolonialismus und Social Media-Kultur integrieren, erklärt der Historiker und Südafrika-Fachmann Walter Sauer im Interview.

Was steckt hinter der Idee für ein Nelson-Mandela-Denkmal in Wien?
2016 benannte die Stadt Wien den Vorplatz der U2-Station Aspern Nord nach Nelson Mandela – das Lobbying für einen öffentlichen Platz hatte die Anti-Apartheid-Bewegung bereits im Jahr 1986 gestartet. Seit 2017 führt SADOCC, das Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches Afrika, jährlich am 18. Juli eine Kulturwanderung durch die Seestadt durch. Dabei entstand die Idee, auf dem Mandela-Platz ein Denkmal zu errichten.

Es soll an antirassistischen Kampf, demokratische Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und nationale Versöhnung in Südafrika erinnern, darüber aber auch im Kontext einer speziellen, noch im Aufbau befindlichen neuen Stadtrandsiedlung reflektieren.

Was für ein Kunstwerk soll kommen?
Es gab natürlich lange interne Diskussionen: Sollte es eine klassische Bronzestatue werden, ein abstrakter Granitblock, wollten wir Mandela als Boxer, Häftling oder Elder Statesman zeigen? Daraus entstand die Grundidee: eine geballte Faust, aus der Nelson Mandela hervortritt. An seine Stelle können Passantinnen und Passanten treten.

Die geballte Faust – auch eine Referenz an die Tradition des Roten Wien – steht für Konfrontation und Widerstand, war aber auch eine Form des Grußes, lädt zum Sich-mit-anderen-Engagieren ein, zum Kampf für die eigenen und für die Rechte anderer.

Die Faust und die abgesetzte Mandela-Figur im Vordergrund spiegeln auch die Dialektik zwischen Individuum und Bewegung wider und reduzieren so die Gefahr der Heroisierung. Wer zur U-Bahnstation geht oder sie verlässt, wird angeregt über Demokratie, Meinungsbildung und Sozialität heute zu reflektieren. Information auf der Rückseite stellt den Bezug zu Südafrika her. Unser Entwurf ist auch ein Angebot an die Instagram-Generation, sich als Mandela in die Faust zu stellen und ein Selfie davon zu posten!

Von wem stammt der Entwurf?
Maßgeblich vom südafrikanischen Künstler Marcus Neustetter, der lange Zeit in Sachen „Kunst im öffentlichen Raum“ in Johannesburg tätig war. Am Nelson-Mandela-Tag 2020, in der Covid-Pandemie, gestaltete er mit Kolleginnen und Kollegen aus Port Elizabeth, Bloemfontein und Soweto eine Performance unter dem Titel „Solo – Solidarity – Future“, in der virtuell vier Denkmäler zeitgleich errichtet wurden (Videodoku). Des Weiteren sind die Ergebnisse von Workshops eingeflossen, die SADOCC mit Interessierten in der Seestadt und intern durchgeführt hat.

Wie kommt die Idee bei der Stadt Wien an?
Wir sind froh über die grundsätzliche Unterstützung des Bezirksvorstehers, Ernst Nevrivy, und der Seestadt-Entwicklungsgesellschaft Wien 3420. Die Haltung ist also grundsätzlich positiv, wie schon gesagt, auch von Seiten der Stadtplanung. Jetzt geht es um die künstlerische und technische Finalisierung der Projektidee, die dann dem „Beirat zur Errichtung von Gedenk- und Erinnerungszeichen“ vorgelegt wird – der hat bei Denkmälern etc. ein gewichtiges Wort mitzusprechen.

Gibt es Widerstand?
Bisher nicht, und ich hoffe, dass auch keiner auftreten wird. Allerdings könnte es sein, dass irgendwo noch eine Finanzierungslücke auftritt – dann sehen wir weiter.

Welche vergleichbaren Projekte bestehen schon?
Wir sehen uns in einer Reihe mit anderen Gedenkprojekten, die von der Solidaritätsbewegung initiiert und schon realisiert wurden, darunter der Salvador-Allende-Gedenkstein in Simmering,die Che-Guevara-Büste im Donaupark oder die versteckte José-Rizal-Gedenktafel im ersten Bezirk. Unser Entwurf ist im Vergleich allerdings unkonventioneller, wir haben versucht, postkoloniale Zugangsweisen zu integrieren und eine Verbindung zur Social Media-Kultur zu schaffen.

Interview: Richard Solder

Mehr Infos gibt es bei SADOCC, dem Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches Afrika. Die Initiative wird auch beim Südwind-Straßenfest am 3. und 4. Juni im Campus der Uni Wien präsent sein. SADOCC lädt zudem an dieser Stelle herzlich zur nächsten Nelson-Mandela-Tag-Kulturwanderung am 18. Juli ab 17 Uhr ein, bei der auch an die erste Schwarze Akademikerin Südafrikas, Charlotte Maxeke, erinnern werden wird.
www.sadocc.at

Walter Sauer ist Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien und im Vorstand von SADOCC. In seinem neuen Buch hat der Historiker über die Geschichte der sozialen Exklusion und politischen Entrechtung Schwarzer Menschen in Österreich – vom 13. Jahrhundert bis heute – geschrieben: Jenseits von Soliman. Afrikanische Migration und Communitybuilding in Österreich – eine Geschichte (Studienverlag, Wien 2022, 272 Seiten, € 36,90).

100 Tage Lula

Von Milena Österreicher · ·

Guillermo Lasso ist seit Mai 2021 Präsident und Regierungschef Ecuadors. Sein Rückhalt in der Bevölkerung wird immer schwächer.

Die Zustimmung zum politisch rechts einzuordnenden Guillermo Lasso, der lange Direktor einer großen Privatbank war, ist zuletzt auf historisch niedrige 13 Prozent gefallen. Die Menschen leiden unter Korruption, den Folgen des Drogenhandels, einer explodierenden Kriminalität und Armut. Diese ist auch der bereits unter seinem Vorgänger begonnenen Flexibilisierung des Arbeitsmarkts geschuldet. Kaum ein Drittel der Ecuadorianer:innen ist noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Derweil steigen die Gewinne der Privatbanken und es boomen die sozial und ökologisch schädlichen Sektoren Bergbau und Garnelenzucht.

Die großen Streiks und Demonstrationen im vergangenen Juni, angeführt von der Indígena-Bewegung CONAIE, offenbarten die Unzufriedenheit und Widerstandsbereitschaft großer Teile der Bevölkerung. Die die in der Folge vereinbarten Dialogrunden führten auch nach mehreren Monaten kaum zu konkreten Ergebnissen. Im Februar rief der Vorsitzende der CONAIE Lasso deshalb schließlich zum Rücktritt auf.

Wahlniederlage für rechte Parteien
Gleichzeitig mussten der Präsident und die rechten Parteien bei Kommunalwahlen eine empfindliche Niederlage einstecken, insbesondere in der größten Stadt Ecuadors, Guayaquil, wo sie 30 Jahre lang Rathaus und Provinz kontrolliert hatten. Die Indígena-Partei Pachakutik und die parteiähnliche Allianz Revolución Ciudadana des ehemaligen Präsidenten Rafael Correa konnten hingegen deutliche Erfolge verzeichnen. Allerdings sind diese beiden progressiven Kräfte verfeindet, so dass sie derzeit kaum eine stabile Alternative zur Rechten bilden können.

Aktuell steht in der Nationalversammlung auf Antrag einer fragilen Koalition von linken und rechten Parteien ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten wegen des Vorwurfs der Veruntreuung öffentlicher Gelder an. Ob die notwendige Zweidrittelmehrheit in den kommenden Wochen zustande kommt, ist offen; ebenso ist unklar, ob Lasso die – verfassungsrechtlich vorgesehene – Möglichkeit nutzt, zuvor das Parlament aufzulösen und damit eine Neuwahl von Parlament und Präsident zu erzwingen.

Erleichterter Zugang zu Waffen
Die immer stärker werdende Drogenmafia – Ecuador gilt inzwischen als wichtigster Lieferant von Kokain für den europäischen Markt – scheint der Präsident nicht bekämpfen zu wollen, obwohl oder weil ihr Einfluss bis in sein persönliches Umfeld reichen soll.

Ende März wurde ein Unternehmer mit Spuren von Folter tot aufgefunden, der als Verbindungsmann zur albanischen Mafia galt. Über seine Freundschaft mit Lassos Schwager konnte er offenbar direkt Einfluss auf die Vergabe von hohen Staatsämtern nehmen. Die diesbezügliche staatsanwaltliche Untersuchung ließ Lasso verzögern.

Besorgniserregend ist auch sein jüngstes Dekret: Es erleichtert den Zugang zu Waffen für Privatpersonen. Da der Staat den Schutz seiner Bürger:innen nicht mehr gewährleisten kann, sollen sie sich nun selbst verteidigen.

Frank Braßel ist Historiker und Journalist. Er arbeitete zudem für die Menschenrechtsorganisation FIAN, das unabhängige Agrarforschungszentrum SIPAE in Quito und die Entwicklungsorganisation Oxfam.

Zeitenwende in Tansania möglich

Von Milena Österreicher · ·

Thailand hat als erstes Land in Asien Cannabis legalisiert. Seitdem boomt vor allem der Konsum bei Tourist:innen.

Es soll Bauern und Bäuerinnen neue Einkünfte ermöglichen, und medizinische Behandlungen ermöglichen: Treibende Kraft der Legalisierung ist die Bhumjaithai-Partei des Vizepremiers und Gesundheitsministers Anutin Charnvirakul. Für ihn ist Cannabis potenziell ein wertvolles Agrarprodukt. Schon im Wahlkampf 2019 hatte seine Partei für die Freigabe von Cannabis geworben und ist dann der militärnahen Regierungskoalition beigetreten, die der General Prayut Chan-o-cha führt.

Bis in die 1970er Jahre war der Anbau von Cannabis in Thailand verbreitet und seine Qualität geschätzt. Doch dann setzten sich strenge Verbote in dem Land durch, das mit Laos und Myanmar das „Goldene Dreieck“ bildet: In der unzugänglichen Bergregion dort wird nach wie vor Opium angebaut. Die Rolle des Quasimonopolisten für Opium und Heroin hat mittlerweile aber Afghanistan.

In Thailand sind heute Amphetamine wie synthetisches Crystal Meth populär. Unter Premierminister Thaksin Shinawatra führten die Sicherheitsbehörden 2003 einen „Krieg gegen die Drogen“. Etwa 3.000 Menschen wurden im Zuge der Kampagne, die als gescheitert gilt, getötet.

Million Cannabis-Samen verteilt
2020 setzte die Bhumjaithai-Partei zunächst die Zulassung von Cannabis für medizinische Zwecke durch. Im Juni 2022 strich Minister Anutin dann Cannabis von der Liste verbotener Rauschmittel. Seitdem darf es verkauft werden und es wurden rund 4.000 Personen aus den Gefängnissen entlassen, die wegen Ganja, wie Cannabis in Thailand genannt wird, eingesessen hatten.

Anutin versprach den Bauern und Bäuerinnen höhere Einkommen durch den Cannabis-Anbau. Die Regierung ließ dafür eine Million Cannabis-Samen und -Setzlinge verteilen. Auch der Medizintourismus werde wegen der heilenden Wirkung von Marihuana boomen, versprach der Vizepremier.

Studien zufolge könnte Thailands Cannabis-Geschäft mehrere hundert Millionen Euro Umsatz pro Jahr repräsentieren. Inzwischen boomt der Verkauf vor allem in den Tourismusgebieten. Täglich kommen neue Shops zu den bereits bestehenden mehreren tausend hinzu.

Verhaltenskatalog statt Gesetze
Anutins Partei setzte die Freigabe durch, obwohl das entsprechende Gesetzespaket in dieser Legislaturperiode wegen einer Blockade der Gegner:innen nicht mehr verabschiedet werden kann. Anutins Ministerium gab zum Jahresbeginn deshalb einen „Verhaltenskatalog“ heraus: So dürfe in der Öffentlichkeit kein Cannabis geraucht werden, Im- und Export seien verboten und für den Anbau braucht es eine Lizenz. Konsument:innen müssen mindestens 20 Jahre alt sein, was Verkäufer:innen überprüfen sollen. Schwangere und Stillende dürfen nicht kiffen, unter Drogeneinfluss darf nicht Auto oder Motorrad gefahren werden. Unklar sind aber die Strafmaße und wie die Polizei bei Verstößen verfahren soll.

Bei aller Freude über die Legalisierung hält eine thailändische Filmproduzentin, die sich nur Cherry nennt, Anutins Versprechen an die Bauern und Bäuerinnen für Populismus: „Um Ganja erfolgreich anzubauen, musst du stark in Beleuchtung und Bewässerung investieren“, meint sie. „Deshalb dürften reiche Produzierende noch reicher werden, kleine aber kaum mithalten können.“

Lukratives Geschäft
An einem kleinen Stand in Bangkoks Sukhumvit-Straße, jetzt „Sukhumweed“ genannt, sagt ein Cannabis-Händler, der seinen Namen nicht nennen will, dass er bis vor drei Monaten Essen verkauft habe. Der Marihuana-Verkauf sei aber lukrativer: „Früher habe ich an einem Abend umgerechnet rund 14 Euro verdient, jetzt ist es das Doppelte.“

Für Phil Robertson, Asien-Vizedirektor von Human Rights Watch in Bangkok, ist die Entkriminalisierung von Cannabis ein überfälliger menschenrechtlicher Fortschritt: „So viele Leben wurden hier ruiniert, weil junge Menschen wegen Kiffens für zwei, drei Jahre ins Gefängnis kamen.“ Das Cannabis-Verbot sei zur Schmiergelderpressung genutzt worden. Er hofft, dass bald auch die Nachbarländer bei der Legalisierung mitziehen. Danach sieht es aber nicht aus.

In Malaysia und vor allem Singapur wird weiter auf Härte gesetzt. In Singapur drohen Rückkehrern aus Thailand sogar bis zu zehn Jahre Haft, wenn ihnen nachgewiesen wird, dass sie dort gekifft haben.

Sven Hansen ist Asien-Redakteur der Tageszeitung Taz in Berlin und war Anfang des Jahres einige Wochen in Thailand, Kambodscha und Singapur.

Fragile Lage in Syriens Nordwesten

Von Milena Österreicher · ·

Um queere Menschen zu unterstützen, haben zwei junge Kenianer:innen eine Online-Plattform gegründet.

Oduor Maleba (Name auf Wunsch geändert) ist ein Bücherwurm. Neben seiner Arbeit in einem Buchladen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi schreibt der 25-Jährige Kurzgeschichten und träumt davon, dass diese eines Tages veröffentlicht werden. Vor fünf Monaten hat er sich beim Queer African Network (QAN) registriert, einer virtuellen Plattform für queere Menschen in Afrika und der Diaspora. „Ich bin froh über diesen Ort, an dem ich mich sicher fühlen und Verbindungen knüpfen kann“, sagt Maleba. Bislang hat er – zunächst virtuelle – Freundschaften mit anderen Literaturinteressierten geknüpft und hofft, ein literarisches Aufenthaltsstipendium zu finden, um sein Schreiben zu verbessern.

Queer-Netzwerk: 2.000 Mitglieder in 18 Ländern
„Queere Menschen in Afrika werden unsichtbar gemacht“, sagt Nerima Makhondo. Sie und Okong’o Kinyanjui, beide 26 Jahre alt und queer, wollten dies nicht länger hinnehmen. „Ich habe einen Ort gesucht, an dem ich existieren kann“, sagt Makhondo. 2020 gründeten die beiden das Online-Netzwerk Queer African Network (QAN), das heute etwa 2.000 Mitglieder in 18 Ländern hat, die meisten davon junge Menschen unter 30, die in Afrika leben. „Wir wollten ein Zeichen setzen und zeigen: Wir sind hier und laden andere queere Menschen ein, sich miteinander zu vernetzen und zu unterstützen“, fährt Makhondo fort. Zudem, so Kinyanjui, sei „die afrikanische Diaspora etwa in den USA sehr daran interessiert, ihre afrikanischen Wurzeln zu ergründen und Verbindungen zum Kontinent herzustellen, aber auch, finanziell zu helfen“.

Homosexualität ist in mehr als 30 Ländern Afrikas illegal, in weiteren Staaten gesellschaftlich nicht akzeptiert. In Mauretanien, Sudan, im Norden Nigerias und im südlichen Somalia steht darauf sogar die Todesstrafe. Dabei war Afrika ein Kontinent sexueller Vielfalt, bevor Kolonialmächte Afrikaner:innen ihre anti-homosexuellen Gesetze aufzwangen, befeuert vom wachsenden Einfluss christlicher Missionare sowie einer zunehmend konservativen und rigiden Auslegung des Islam. Viele dieser archaischen Gesetze gelten bis heute.

Doch es bewegt sich etwas am Kontinent: 2019 hat Angolas Parlament Homosexualität nicht nur entkriminalisiert, sondern auch jegliche Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verboten. Im Jahr zuvor urteilte ein kenianisches Gericht, dass Männer, die homosexueller Aktivitäten überführt werden sollen, keine Analtests mehr erdulden müssen – ein Meilenstein. Allerdings drohen Menschen in Kenia für „Geschlechtsverkehr wider die Natur“ weiter bis zu 14 Jahre Gefängnis.

Initiative will größtmöglichen Entfaltungsspielraum
Das kostenfreie Queer African Network hat ein vielseitiges Online-Portfolio: Neben der Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen, nehmen die Mitglieder vor allem das Informationsangebot zu Jobs, Stipendien, Weiterbildungen, Betreuung und Beratung wahr – ein Aspekt, den Maleba besonders an QAN schätzt. „Jungen queeren Afrikanerinnen und Afrikanern Chancen aufzuzeigen ist eine echte Bereicherung, die weit über die soziale Komponente hinausgeht.“ Darüber hinaus können Mitglieder in einem Blog ihre Geschichten aufschreiben; es gibt eine Dating-Funktion, eine Veranstaltungs- und eine Spendenseite für das Netzwerk. Den Gründern zufolge ist dieses Angebot bisher einmalig.

Wer beim QAN Mitglied werden möchte, wird zunächst unter Vorbehalt aufgenommen, das Verhalten auf der Seite über eine gewisse Zeit beobachtet und geprüft. Die Sicherheit der Mitglieder hat für Makhondo und Kinyanjui oberste Priorität.

Anja Bengelstorff arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin in Kenia und schreibt für deutschsprachige Medien.

Burkina Faso kommt nicht zur Ruhe

Von Milena Österreicher · ·

Wie wird Wirtschaft definiert und gemessen? Ein Kommentar zu neuen Denksystemen und Begrifflichkeiten für ein gutes Leben für alle.

Wertschöpfung, also die in einzelnen Wirtschaftsbereichen erbrachte wirtschaftliche Leistung, gilt als Schlüsselbegriff aller Wirtschaftsprognosen. Wächst die Wertschöpfung oder schrumpft sie? Um wie viel? Wie hoch ist sie im Ländervergleich? Und wie steht es um die globale Entwicklung der Wertschöpfung?

So zentrale Fragen. Gemessen wird Wertschöpfung aber durch eine einzige Zahl: das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP.

Erfunden von dem Ökonomen Simon Kuznets im Gefolge der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, legte das BIP eine steile Karriere hin. Es wurde zum Gradmesser für den Erfolg von Volkswirtschaften schlechthin, auch wenn der Erfinder betonte, dass das BIP kein Maß für die Messung von Wohlstand sei. Zusammengezählt wird alles, was in einer Messperiode in Geldwerten umgesetzt wurde.  

Was sagt das BIP (nicht) aus?
Von Robert F. Kennedy, US-Politiker und jüngerer Bruder von John F. Kennedy, ist der Satz überliefert: „Das Bruttoinlandsprodukt misst alles – außer dem, was das Leben lebenswert macht.“ Wo liegen nun die Mängel dieser Zauberzahl?

Erstens: Das BIP sagt nichts aus über die Verteilung des Erwirtschafteten. Ein Land kann ein hohes durchschnittliches BIP pro Kopf haben, wenn viele wenig Einkommen beziehen und wenige sehr viel. Dem Wirtschaftsanthropologen Jason Hickel zufolge ging fast die Hälfte des weltweiten Wirtschaftsprodukts in den vergangenen Jahren an die reichsten fünf Prozent der Weltbevölkerung. Ein großer Teil an Arbeit, Ressourcen und Energie wird aufgewendet, um die Taschen der Begüterten weiter zu füllen.

Hinter dem Schleier abstrakter Zahlen
Zweitens: Das BIP liefert auch keine Aussagen darüber, was an Gütern produziert wird und für wen. Leistbare Wohnungen, gesunde Nahrungsmittel und gute Schulen für alle oder teure SUVs für die Reichen? Verborgen hinter dem Schleier der abstrakten Zahlen bleibt, wer unter welchen Bedingungen für das BIP geschuftet hat.

Wir betreiben eine Ökonomie für die Satten und bräuchten eine für die Hungernden, so der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček. Über 700 Mrd. US-Dollar werden jährlich für Werbung ausgegeben, um uns in den Wohlstandszonen neue Produkte anzupreisen. Auch das erhöht das BIP. Wer hungert, braucht keine Werbung, sondern etwas zu essen.

Das drastischste Beispiel für wertlose, ja zerstörerische Güter sind wohl Waffen. Über zwei Billionen Dollar werden laut Friedensforschungsinstitut SIPRI weltweit aktuell im Jahr für Militär und Rüstung ausgegeben – der Löwenanteil davon von den NATO-Mitgliedsstaaten.

Nicht alles eingerechnet
In der Nachhaltigkeitsforschung wird drittens seit langem auf die sogenannten Negativkosten hingewiesen. Umweltschäden oder Zivilisationskrankheiten z. B. erhöhen das BIP, weil ihre Folgen Kosten verursachen: z. B. das Aufräumen nach Hochwassern, die Behandlung vermeidbarer Krankheiten. Für die Gesellschaft und Wirtschaft wichtige, jedoch nicht bezahlte Leistungen wie Kindererziehung, private Betreuung älterer Menschen und gemeinschaftliches Engagement werden wiederum nicht im BIP erfasst.

Würden alle nicht bezahlten Tätigkeiten in Österreich in das BIP eingerechnet, wäre dies um ein Drittel höher, rechnet die feministische Ökonomin Bettina Haidinger vor.

Nicht berücksichtigt werden in der herkömmlichen Wirtschaftsrechnung auch die externalisierten ökologischen Kosten, der Verlust an „Naturkapital“ oder die Schäden, die durch die Erderhitzung in Zukunft drohen.

Die Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel stellt der Wertschöpfung daher die Schadschöpfung gegenüber und meint, dass die Verzichtsdebatte in die Irre führe: Verzichten könne man nur auf etwas, dass einem zusteht. Der Zugriff auf die Naturressourcen steht uns in den Hochkonsumländern nicht zu. Schadschöpfung liegt in meinen Augen auch vor, wenn Menschen am anderen Ende der Lieferkette keine ausreichenden Löhne erhalten und unter gesundheitsschädlichen Bedingungen arbeiten müssen, wenn Dinge produziert werden, die wir nicht wirklich brauchen; wenn Tonnen an Werbeprospekten gedruckt werden.

Neue Indikatoren gefragt
Sprache kann Wirklichkeiten verzerren und blinde Flecken unentdeckt lassen. Ein neues Wahrnehmen erfordert daher auch neue Begriffe und Messzahlen.

Wir brauchen neue Indikatoren für Wohlstand, die tatsächlich die Lebensqualität messen. Eine ausgezeichnete Buchhaltung über eine Ökonomie, die dem Wohlbefinden dient, bietet die Donut-Ökonomie der britischen Ökonomin Kate Raworth. Sie verbindet die ökosystemischen Grenzen mit den Grundbedürfnissen für ein gutes Leben für alle.

Beides in Einklang miteinander zu bringen, darin liegt die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Wir brauchen dafür die Transformation aller Lebensbereiche und jene unserer Denksysteme inklusive neuer Begrifflichkeiten.

Hans Holzinger ist Wirtschafts- und Sozialgeograph und war dreißig Jahre lang in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen u. a. für die Bereiche Nachhaltigkeit und neue Wohlstandsmodelle tätig. Nun ist er Senior Adviser der in Salzburg beheimateten Denkfabrik für neue Zukunftslösungen. Publikationen „Von nichts zu viel – für alle genug“, „Wie wirtschaften?“, „Post-Corona-Gesellschaft“ u. a. www.jungk-bibliothek.org, www.hans-holzinger.org

Gegen Angst als wirtschaftspolitisches Instrument

Von Milena Österreicher · ·

Die Journalistinnen der Nachrichtenagentur Notimia nutzen viele Sprachen und halten zusammen. Damit setzen sie Zeichen gegen Unterdrückung, Ausgrenzung und Rassismus.

In Mexiko werden insgesamt 69 Sprachen gesprochen. Aber: Nachrichten sind fast nur auf Spanisch verfügbar. Um das zu ändern, gründeten einige Frauen 2017 die erste indigene Nachrichtenagentur der Welt, Notimia. Der Name steht für „Nachrichten von indigenen und von Frauen mit afrikanischen Vorfahren“.

Seither schafft das Team eine Gegenöffentlichkeit: Es berichtet über Themen und Probleme aus der Warte derer, über die in den Medien, wenn überhaupt, als Opfer berichtet wird. Gründerin Guadalupe Martínez Pérez, die ausschließlich Lupita genannt werden möchte, strahlt, wenn sie von ihrem Projekt erzählt. Sie erklärt, dass sie und ihre Kolleginnen Notimia gegründet haben, um sich gegen die „asymmetrischen Machtverhältnisse“ aufzulehnen.

Anders als herkömmliche Redaktionen

Indigene und Schwarze Frauen werden immer nur als arm und ungebildet präsentiert, sagt Lupita und fügt hinzu: „Die Frauen wollen zeigen, dass sie mehr sind als das, was die Mehrheit der Gesellschaft in ihnen sieht.“ Deshalb schreiben die Reporterinnen von Notimia aus ihrer Perspektive zu politischen Ereignissen, ,,sodass der Rest der Welt aus erster Hand” erfahren könne, wie man in ihren Gemeinschaften denkt. Das Kollektiv sieht sich als Sprachrohr für Geschlechterfragen, Friedenspolitik und Pressefreiheit.

Anfangs bestand die Redaktion aus wenigen Frauen aus Mexiko. Über soziale Medien wurde das Nachrichtenportal auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt und immer mehr Frauen begannen, für Notimia zu schreiben. Heute umfasst die Agentur ein lateinamerikanisches Netzwerk von mehr als 250 Reporterinnen und berichtet in verschiedenen indigenen Sprachen sowie auf Spanisch.

Die Frauen stammen aus Mexiko, Brasilien, Guatemala, Honduras und Bolivien. Sie tauschen sich über ihre kulturellen Hintergründe aus und lernen die Lebensrealitäten der anderen kennen. Eine örtlich gebundene Redaktion gibt es nicht. Treffen finden statt, wenn es die dafür nötigen finanziellen Mittel gibt.

Die Reporterinnen erlernen ihr Handwerk in Workshops, die in Kooperationen mit Universitäten durchgeführt werden. Die meisten schreiben ihre Beiträge mit ihren Smartphones, da nicht alle Computer oder Laptops haben.

Nicht ernst genommen

Trotz der bisherigen Erfolge müssen sich die Reporterinnen von Notimia ihren Platz in der Gesellschaft hart erkämpfen. Patricia Celerina Sánchez Santiago, ein Mitglied Notimias, berichtet von Diskriminierungserfahrungen: Ihnen sei gesagt worden, „dass wir uns wegen unseres Aussehens nicht in den Medien zeigen sollten und wir nicht professionell schreiben könnten“. Das sei der tiefsitzende Rassismus, den es in Mexiko und in ganz Lateinamerika gebe. Als indigene Frauen entsprächen die Journalistinnen nicht den gängigen Vorstellungen.

Santiago erzählt weiter: „Eine unserer Kolleginnen wurde von einer Pressekonferenz ausgeschlossen, da sie nicht das Gesicht einer Journalistin habe.“ Ähnliche Vorfälle ereigneten sich auch bei internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen und der Welternährungsorganisation. „Sogar die mussten wir am Anfang von unserer Arbeit überzeugen, da wir historisch gesehen die Armen ohne Geld und ohne Spanischkenntnisse sind. Die Mehrheitsgesellschaft sieht uns immer noch so“, so Lupita.

Kreative Finanzierung

Die Nachrichten sind kostenlos und die Verfasserinnen erhalten keine Honorare. Auf die Frage, wie sie sich finanziell über Wasser halten, antworten Lupita und Santiago mit einem herzlichen Lachen und erzählen stolz: „Wir haben Tombolas mit Gewinnen von einer selbstgenähten Bluse bis hin zu einem gespendeten Auto organisiert.” Dennoch stelle es einen Kraftakt dar, die Agentur voranzubringen – eine Aufgabe, die ohne die Hingabe und den Glauben der Frauen an die Notwendigkeit von Veränderungen ohnehin unmöglich wäre.

Mehr auf: notimia.com


Sara Meyer hat Recht, Internationale Beziehungen und Regionalstudien Lateinamerika in Deutschland und Kolumbien studiert, wo sie heute lebt. Sie schreibt u. a. für Amerika 21 und die Junge Welt über Menschenrechtsthemen, Feminismus und aktuelle politische Entwicklungen in Kolumbien, Paraguay und Mexiko.

Widerstand von Generation zu Generation

Von Milena Österreicher · ·

Wie sich die Autorin Tsitsi Dangarembga friedlich und beharrlich für die demokratischen Freiheiten in ihrem Land einsetzt.

Ihr Verbrechen war ein Plakat – eine stille Botschaft an die Regierung ihres Heimatlandes Simbabwe, mit der sie „Reformen“ forderte. Wegen ihres friedlichen Protests auf den Straßen der Hauptstadt Harare im Juli 2020 musste Tsitsi Dangarembga mehr als 30 Mal vor Gericht erscheinen. Die Staatsanwaltschaft warf der renommierten Autorin „Aufruf zur Gewalt“ und Verstöße gegen Covid 19-Restriktionen vor.

In einem Schauprozess mit fingierten Zeugenaussagen und gefälschten Beweisen verhängte der Richter Ende September 2022 eine Geldstrafe von 224 Euro. Das Urteil hat Symbolkraft: Wer sich mit dem Regime anlegt, muss dafür zahlen.

Inszenierte Abschreckung
Der simbabwische Anwalt und Ex-Bildungsminister David Coltart ist überzeugt, dass Dangarembga wegen ihres öffentlichen Ansehens angeklagt wurde. „Man wollte allen zeigen, dass man nicht zögert, weder sie noch andere anzuzeigen.“ Dangarembga gilt als erste Schwarze Simbabwerin, die einen Roman in englischer Sprache verfasste; ihr Debütwerk „Nervous Conditions“ (1988) erhielt etliche Auszeichnungen. Nach einer Kindheit in England studierte die heute 63-Jährige Filmregie und Afrikanistik in Deutschland.

„Ich bin ziemlich erschöpft, jetzt nachdem das Verfahren vorbei ist“, sagt Dangarembga gegenüber dem Südwind-Magazin. Mit Sorge beobachtet die Schriftstellerin und Filmemacherin, wie demokratische Freiheiten fünf Jahre nach dem Sturz von Diktator Robert Mugabe weiter fehlen bzw. sogar immer weiter schwinden und meint: „Ich habe den Eindruck, die Simbabwerinnen und Simbabwer versuchen nicht mal mehr, gute Miene zum bösen Spiel des Regimes zu machen.“ Stattdessen erkennen immer mehr Menschen die sozioökonomischen Folgen der Krise. „Brutalität und Totalitarismus“ der seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1980 regierenden Partei ZANU-PF (Zimbabwe African National Union – Patriotic Front) hätten die 15 Millionen Einwohner*innen in zwei Lager gespalten, meint Dangarembga: auf der einen Seite die Mitläufer*innen, die mit gelegentlichen Almosen des Regimes überleben, auf der anderen Seite jene, „die von einem besseren Simbabwe träumen und dafür leiden“, so Dangarembga.

Noch mehr Repression
Der durch die Armee erzwungene Rücktritt des inzwischen verstorbenen Despoten Robert Mugabe  im Jahr 2017 hatte bei vielen die Hoffnung auf eine freiere Gesellschaft geweckt. „Doch die Regierung seines Nachfolgers Emmerson Mnangagwa hat sich als ein gleichermaßen strenges, wenn nicht sogar noch repressiveres Regime erwiesen“, sagt Steven Gruzd, Experte am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA).

In vielen Städten des Landes herrsche „Angst“ angesichts von Gewalt, Einschüchterung und willkürlicher Strafverfolgung von Regierungskritiker*innen. „Einige wünschen sich sogar die Zeiten unter Mugabe zurück“, so Gruzd. Er fürchtet, dass die Repression vor den Wahlen, die für Mitte 2023 geplant sind und bei denen es um die Präsidentschaft und um die Zusammensetzung der Nationalen Versammlung geht, weiter zunimmt.

Erst vor Kurzem sorgte eine Reihe brutaler Übergriffe auf Oppositionspolitiker*innen für Aufsehen in Simbabwe. Einem der Opfer, der Parlamentsabgeordneten Jasmine Toffa, wurden zwei Hände gebrochen. Sie war für eine Wahlkampagne im südlichen Bezirk Insiza unterwegs, als mutmaßliche Anhänger*innen der ZANU-PF sie und ihre Kolleg*innen anhielten und mit Stöcken, Holzscheiten und Steinen verprügelten.

Neben offener Gewalt werden Regierungskritiker*innen durch zermürbende Gerichtsprozesse mundtot gemacht. „Der Widerstand der Opposition findet abseits der Weltöffentlichkeit statt und die Justiz wird regelmäßig als Waffe gegen sie herangezogen“, sagt Coltart in Simbabwes zweitgrößter Stadt Bulawayo.

Und jetzt eben das Urteil gegen Dangarembga. Der tansanische Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah würdigte die Autorin vor Kurzem als „sehr mutige Frau, die schon seit langem provoziert, auf ihre Weise stichelt und widerspricht“.

Auf die Frage, ob sie weiterhin die Autokraten in Harare herausfordern wolle, antwortet Dangarembga: „Ich fordere nie das Regime heraus. Ich denke, das wäre ein komplett nutzloses Unterfangen. Aber ich nehme am gesellschaftlichen Diskurs teil und stütze mich dabei auf die Rechte, die mir die simbabwische Verfassung einräumt.“

Markus Schönherr ist freier Journalist in Pretoria und berichtet für deutschsprachige Medien aus dem südlichen Afrika.

Bagdads Kunstszene sucht den Weg zurück

Von Milena Österreicher · ·

Seinen Namen will ein Österreicher mit iranischem Vater aus Sicherheitsgründen nicht mehr veröffentlicht sehen. Aber er will teilen, welche Auswirkungen die aktuellen Geschehnisse auf sein Selbstverständnis haben.

Meine Mutter ist aus Österreich, mein Vater aus dem Iran. 1964 kam er wie viele andere zum Studieren nach Wien und hat sie auf der Universität kennengelernt. Meine Schwester und ich kamen noch vor der Revolution 1979 im Iran zur Welt. Diese führte zur Beendigung der Monarchie und zur Diktatur durch das Regime, das bis heute noch an der Macht ist. Weil mein Vater Iraner war, waren auch wir automatisch iranische Staatsbürger*innen. Eigentlich wollten meine Eltern mit uns in den Iran gehen, um dort zu leben. Meine Mutter sprach damals schon Persisch.
Doch nach der Revolution beschlossen sie, dass wir in Österreich blieben. Ich bekam einen österreichischen Reisepass und mein Vater hörte auf mit uns Persisch zu reden. Hier aufgewachsen verstand ich mich später selbst als so „österreichisch“, wie man halt sein kann: ein grantiger, verwöhnter Wiener.

Zum ersten Mal im Iran
Mit 28 Jahren bin ich das erste Mal in den Iran gefahren, um meine Familie kennenzulernen. Ich verliebte mich in das Land und diese Menschen. Ich fing von vorne an Persisch zu lernen, und einen kleinen iranischen Teil in mir zu entdecken.
Aber ich wusste auch, dass auf das, was ich bin – homosexuell und christlich getauft – die Todesstrafe stand. Damit konnte ich zwar leben, aber es hielt mich emotional immer auf einer gewissen Distanz zu meiner Herkunft. Ich sprach über „die Iranerinnen und Iraner“. Ich nahm ihre Aufstände gegen das Regime als Überschriften in den Medien wahr.

„Wir Iraner*innen“
Mit der Ermordung von Mahsa Amini im September 2022 und der Reaktion der Protestierenden änderte sich das – alles. Ich weiß nicht, was das auschlaggebende Moment dafür war.
Der Mut und die Hingabe dieser wunderbaren jungen Menschen jeglicher ethnischer Zugehörigkeit und sozialer Schicht rühren mich über die Maßen und ich empfinde nichts als Ehrfurcht. Die Brutalität des Regimes, deren Zeug*innen wir über die sozialen Medien täglich – ja stündlich – werden, ist die grausamste und abscheulichste.
Wir Iraner*innen kennen die Willkür dieser theokratischen Diktatur aus Erzählungen, sehr viele leider auch aus eigener Erfahrung. Aber ich bin mittlerweile überzeugt, dass es kein Zurück mehr gibt. Das Regime hat keine Legitimation und ist eine diktatorische Besatzungsmacht.
Ich kann nicht begründen, woher diese Gewissheit rührt, sie hat das Iranische in meiner Seele aufgerufen. Ich will in Teheran leben, um dabei zu sein, wenn ein neuer demokratischer Staat entsteht.

Dankbar und bewusst
In diesen Zeiten bin mir sehr bewusst, in welch privilegierter Situation ich mich befinde. Weder 1979 noch jetzt mussten mein Vater oder ich uns in der Zeit vor oder nach der Revolution fürchten oder bedroht fühlen. Ich bin wirklich dankbar, dass ich nicht im Iran, sondern in Österreich aufgewachsen bin und empfinde es als vielleicht das größte Geschenk in meinem Leben.


Asmaa al-Atawna im Interview

Von Milena Österreicher · ·

Malcolm Bidali, kenianischer Menschenrechtsaktivist und ehemaliger Arbeitsmigrant in Katar, macht auf die Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen rund um die Fußball-WM aufmerksam.

Schwarze Jeansjacke, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Malcolm Bidali (30) wirkt zurückhaltend und am fünften Tag seiner Österreich-Reise, die er auf Einladung des Vereins Südwind macht, auch etwas müde. Bei vielen Terminen erzählt er über die Arbeitsbedingungen, die er selbst erlebt hat.

Am 20. November beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Katar, eines der Emirate auf der arabischen Halbinsel. Zahlreiche NGOs und Medien haben schon auf die Ausbeutung der Arbeiter*innen im Vorfeld des Sportgroßereignisses hingewiesen. Nach Verkündung der Vergabe der WM startete Katar 2011 ein gigantisches Bauprogramm: sieben neue Stadien, ein Flughafen und die neue Planstadt Lusail sind Teil davon. Die Arbeitskräfte dafür kommen seither vorwiegend aus afrikanischen und asiatischen Ländern, etwa aus Kenia, Nepal und den Philippinen. Laut einer Schätzung von 2015 sind nur 11,6 Prozent der 2,7 Mio. Einwohner*innen katarische Staatsangehörige. Das ist die höchste Quote an Arbeitsmigrant*innen der Welt.

Alltägliche Arbeitsrechtsverletzungen

Ihr Leben in Katar ist geprägt von ständigen Verstößen gegen Arbeits- und Menschenrechte, berichtet Bidali, der als Wachmann in der Hauptstadt Doha gearbeitet hat. „Auf dem Papier sind acht Arbeitsstunden mit maximal zwei Überstunden vorgesehen, in der Praxis hält sich niemand dran. Manche haben gar keine freien Tage und sind durchgehend im Einsatz“, betont er.

Schutz vor der Sonne ist in Katar gesetzlich verankert, wird aber oft nicht geboten – obwohl es immer wieder bis zu 50 Grad Celsius heiß wird.

Schlechter als den vornehmlich männlichen Arbeitern auf den Baustellen und dem Sicherheitspersonal ergeht es laut Bidali aber den Hausangestellten, vorwiegend Frauen. „Ihnen werden die Reisepässe abgenommen und sie dürfen ihren Arbeitsplatz ohne Einwilligung nicht verlassen. Das Haus, in dem sie arbeiten, wird zu ihrem Gefängnis“, erklärt er.

Ohne Job kein Aufenthalt

Alle arabischen Golfstaaten gehen in Bezug auf Einwanderung ähnlich vor. Das Kafala-System beruht darauf, dass für jede*n Migrant*in eine Bürgschaft durch eine Firma, einen Haushalt oder eine Institution übernommen wird. Arbeitsmigrant*innen können also nur ins Land kommen und dort bleiben, solange sie angestellt sind. Laut Bidali ist dieses System an sich nicht ausbeuterisch, macht es aber den Arbeitgeber*innen sehr leicht, ihre Arbeiter*innen auszunutzen. Viele nehmen das in Kauf, weil sie – wie Bidali in Kenia – in ihren Herkunftsländern gar keine Chancen auf ein geregeltes Einkommen haben. 2020 führte Katar zwar Reformen des Einwanderungssystems durch, aber Bidali zu Folge bestehen diese nur auf dem Papier.

Schreibender Widerstand

Bidalis Engagement entstand aus Frustration über diese Situation. Nicht nur die Arbeits-, auch die Lebensbedingungen in den Unterkünften zehren an den Menschen. Er selbst lebte in einem kleinen Zimmer, das er mit fünf anderen Personen teilen musste.

Gerettet habe ihn eine öffentliche Bibliothek. „Direkt nach der Arbeit bin ich dort hingefahren. Das war meine Festung. Ich konnte dort lesen, Musik hören und im Internet surfen. Die Bibliothek schloss um 22 Uhr, wenn ich dann zurückkam, schliefen die anderen schon“, sagt er.

Doch dann kam Corona und die Bibliothek wurde geschlossen. In der Enge des Zimmers begann Bidali, auf seinem Smartphone über seine und die Lage der Kolleg*innen zu schreiben.

In dieser Zeit kam er in Kontakt mit Migrant Rights, einer Organisation, die sich im Nahen Osten für Menschen- und Arbeitsrechte einsetzt. Auf deren Website wurde Bidalis erster Artikel veröffentlicht. Zwei Tage später gab es Verbesserungen in der Unterbringung. Bidali machte daraufhin vorsichtig weiter, nutzte ein Pseudonym.

Im Mai 2021 wurde er trotzdem von der Polizei in Gewahrsam genommen. Im Haftbefehl hieß es, er habe falsche Nachrichten verfasst und veröffentlicht, mit der Absicht, die öffentliche  rdnung zu gefährden.

Bidali musste mehrere Monate ins Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Nach dem Bezahlen einer Geldstrafe konnte er ausreisen und kehrte nach Kenia zurück. Als Mitgründer der NGO Migrant Defenders setzt er sich seither für Arbeitsmigrant*innen in Ländern der arabischen Halbinsel ein.

Ohne Druck keine Verbesserungen

Der mediale Druck rund um die WM 2022 scheint nun endlich Wirkung zu zeigen. Der Fußball-Weltverband FIFA hat vor kurzem angekündigt, verletzten Arbeiter*innen eine Entschädigung zu zahlen. Man sei nun im Gespräch mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, und Vertreter*innen der katarischen Regierung über die Finanzierung.

Kritiker*innen sind skeptisch. Es wäre, so sind sich viele einig, nicht das erste Mal, dass die immer wieder von Korruptionsskandalen erschütterte FIFA Verbesserungen ankündigt, die dann nicht umgesetzt werden.

Boykott-Aufrufe zum Public Viewing, wie es sie jetzt auch in Europa vermehrt gibt, sieht Bidali aber kritisch. Bis die Situation der Arbeiter*innen von Regierung und Arbeitgeber*innen tatsächlich verbessert wird, wünscht sich Bidali von den Österreicher*innen, dass sie sich an ihre politischen Vertreter*innen und an die Botschaften in Katar, Saudi-Arabien oder Kenia wenden, um zu zeigen, dass es nicht egal ist, wie es den ausländischen Arbeiter*innen ergeht.

Denn: „Über zehn Jahre ist nichts passiert. Und das asiatische Olympiakomitee hat gerade verkündet, dass die asiatischen Winterspiele 2029 in Saudi-Arabien stattfinden werden. Wir müssen jetzt beginnen zu handeln und dürfen nicht bis 2029 warten, damit sich das Ganze wiederholt“, appelliert er.

Monika Schneider-Mendoza arbeitet seit 2018 als Bildungsreferentin bei Südwind Niederösterreich und lernt außer Sprachen auch gerne Menschen kennen.

Weiterführender Link:
migrantdefenders.org

Bunte Kürbispizza

Von Milena Österreicher · ·

Weltweit engagieren sich indigene Frauen gegen Vertreibung, Ausbeutung und Diskriminierung, auch in Guatemala, dem Land in Lateinamerika mit dem höchsten Anteil indigener Bevölkerung. Wir stellen zwei von ihnen vor.

Die 53-jährige Witwe Sofia Tot Ac ist stolze Großmutter von zwölf Enkelkindern. Als ihr Mann vor 23 Jahren starb, war sie noch ausschließlich Mutter und Hausfrau. Doch mit der Zeit lernte sie, ihre neue Unabhängigkeit zu schätzen. Als sie vor bald zwanzig Jahren von den Kämpfen ihrer Dorfgemeinde um die Anerkennung von Landrechten erfuhr, schloss sie sich an.

In ihrem Dorf Purulhá, im Hochland von Guatemala, sind die Frauen daran gewohnt, von Nachkommen europäischer Kolonist*innen ausgebeutet und misshandelt zu werden. Eine Generation nach der anderen haben sie dieses Elend ertragen müssen.

Maya-Widerstand erwacht

Der erste Landkampf, an dem sich Tot Ac beteiligte, war einer gegen ein Minenunternehmen vor fast zwei Jahrzehnten. Nordamerikanische Ingenieure wollten untersuchen, ob im Boden der Umgebung von Purulhá wertvolle Metalle existieren. Ein großer Teil der indigenen Bevölkerung des guatemaltekischen Hochlands ist gegen die Ansiedlung solcher Bergbauprojekte, weil sie häufig eine Zerstörung ihres Lebensraumes nach sich ziehen.

Unterstützung für ihren Aktivismus bekommt Tot Ac vor allem von ihren Kindern. Die älteste Tochter Victoria ist selber Mutter von drei Söhnen. „Vicky war schon immer an meiner Seite“, erinnert sich Tot Ac. „Sie hat mir erklärt, was in den Dokumenten stand, die ich nicht lesen konnte. Ich bin ja nur zwei Jahre lang zur Schule gegangen, sie hingegen sieben Jahre lang.“

Ihr Engagement für Menschenrechte führt Tot Ac immer wieder in die nahegelegene Provinzhauptstadt Cobán oder auch mal nach Guatemala-Stadt. Dahin fährt sie dann meist mit öffentlichen Bussen. Das kann gefährlich werden, gerade für eine Frau.

„Die erste Methode der Repression gegen Frauen ist sexuelle Gewalt“, sagt Tot Ac. Sie spricht aus Erfahrung. „Die Gutsherren lassen dich verfolgen. Dann fängt die sexuelle Belästigung an, bis hin zu Vergewaltigungen.“

„Wir sind viele.“

Victoria fängt fast zu weinen an, als sie die Worte ihrer Mutter hört. „Ich sage ihr immer wieder: ‚Jetzt reichts, Mama. Das ist zu gefährlich.‘ Aber sie antwortet mir: ‚Wenn sie mich töten, geht der Kampf trotzdem weiter. Wir sind viele. Ich bin nicht allein.‘“

Eine, die Tot Ac damit auch meint, ist ihre Kameradin Cristina, die in der nahe gelegenen Siedlung Rincónde Valentín geboren und aufgewachsen ist. Ihre Eltern waren ihr Leben lang Colonos. Das sind Feldarbeiter*innen, die in einer Hütte auf dem Land des Gutsherrn leben. Schon ihre Großeltern haben dort gewohnt. Ihren Nachnamen möchte die Frau aus Angst vor Konsequenzen nicht nennen.

„Mein Vater“, erzählt Cristina, die ein Baby in einem Tuch am Rücken trägt, „hat als Kind auf den Feldern des Gutsherren gearbeitet, ohne ein Gehalt zu bekommen. Am 19. Oktober 2021 vertrieb uns dieser von unseren Grundstücken. Als wir uns wehrten, hat er Haftbefehle gegen viele Leute erwirkt, auch gegen mich. Er sagt, wir hätten sein Land Jahre lang illegal besetzt. Aber wir haben immer dort gelebt. Wir sind dort zur Welt gekommen.“

Rache ohne Konsequenzen

Eine Hundertschaft Polizisten vertrieb die fünfzehn Familien aus der Siedlung und zündete ihre Hütten an. Viele besaßen nur mehr die Kleider, die sie am Körper trugen. Tot Ac bestätigt, dass der Gutsherr weiterhin jede Person bedroht und verfolgt, die versucht, sich dem Land zu nähern: „Cristina war eine der wenigen, die den Mut aufbrachten, sich zu wehren, Unterstützung zu suchen, eine starke Frau zu sein. Aber sie musste dafür bezahlen: Einer der Söhne des Gutsherrn hat ein Mädchen der Siedlung vergewaltigt. Wenig später wurde nicht er festgenommen, sondern Cristina.“ Es war nicht klar, wieso. Erst am Tag des Verfahrens erfuhr die damals schwangere Frau, was ihr vorgeworfen wurde. Der Richter wies schließlich alle Anklagepunkte ab, aus Mangel an Beweisen.

Im guatemaltekischen Hochland wird auch deshalb so häufig um Land gestritten, weil viele Mayagemeinden den Grund und Boden, auf dem sie leben, nicht als Privatbesitz offiziell registrieren lassen. Die Bräuche der indigenen Völker im Umgang mit Land sind andere. Sie teilen Grundstücke im Konsens unter den Mitgliedern der Gemeinde auf oder bearbeiten es gleich gemeinschaftlich. Genau das nutzen viele Großgrundbesitzer aus, meint Toc Ac und sagt: „Wenn ein Stück Land noch nicht registriert ist, forschen korrupte Bürokraten gar nicht erst nach, ob dort Menschen leben. Wer es will, lässt ein wenig Geld springen, um den Prozess zu beschleunigen. So bekommt er schon bald ein Dokument ausgehändigt, auf dem steht, dass er von nun an der legale Besitzer des Landes ist.“

„Wir sollen Mutter Erde pflegen“

Heute, so Toc Ac überzeugt, müssen sich die Mayas auf das Konzept des Privatbesitzes einlassen. Nur so könnten sie ihre Rechte verteidigen. Deshalb erklärt sie ihren Kamerad*innen immer wieder, wie wichtig es ist, dass sie ihr Land registrieren lassen. Sie hat Kontakte zu Notar*innen und Geograf*innen aufgebaut, zu Landvermesser*innen und Journalist*innen, die in alten Archiven vergilbte Dokumente aufstöbern. Kirchliche Organisationen und Menschenrechtsgruppen helfen mit Spendengeldern und Sicherheitsmaßnahmen.

„Wir indigenen Völker haben eine Verantwortung gegenüber der Mutter Erde“, sagt Toc Ac. „Wir müssen sie schützen. Gott hat sie uns als Heimat gegeben. Anstatt über sie zu streiten und sie zu zerstören, sollten wir sie pflegen.“

Andreas Boueke lebt und arbeitet seit bald dreißig Jahren als freier Journalist ohne Mobiltelefon vorwiegend in Mittelamerika.

Ein Kultur-Träger

Von Milena Österreicher · ·

„Sin Límites“, „Ohne Beschränkungen“, hieß die Vorgabe für Uruguays erstes inklusives und barrierefreies Musik-, Theater- und Tanzfestival.

Im Rhythmus ihrer Tambores stampfen die blinden Trommler durch die Straßen Montevideos, Menschen mit Down-Syndrom tanzen dazu und Rollstuhlfahrer*innen führen die Gruppe an. Comparsa Balelé ist wieder unterwegs, Uruguays erste inklusive Candombe-Gruppe, mit jenem Mix aus Musik und Tanz von den schwarzen Verschleppten und Versklavten der Kolonialzeit.

Sie bildeten die Abschlussveranstaltung des inklusiven Festivals für performative Künste, „Festival Internacional de Artes Escénicas Inclusivas“, das vom 18. bis 24. April in Uruguays Hauptstadt über die Bühne ging.

Im Scheinwerferlicht standen bei neun Vorführungen 132 Menschen, unter ihnen 42 mit Behinderung. Ausgewählt wurden die Stücke unter der Vorgabe der Inklusion behinderter Protagonist*innen sowie rein praktischen Aspekten ihrer Realisierung.

Das erste seiner Art in Südamerika

Das Festival war das erste seiner Art in Südamerika und soll künftig alle zwei Jahre stattfinden. Zentraler Spielort war das Ballett- und Tanztheater Sodre in Montevideo, das eigens barrierefrei umgerüstet worden war. „Wir hatten zuvor keinen behindertengerechten Eingang, keine geeigneten Garderoben oder sanitären Anlagen für die Künstlerinnen und Künstler“, hieß es aus dem Organisationskomitee.

Inklusion galt beim Festival vor, auf und hinter der Bühne. Ohne Beschränkungen meinte mehr als barrierefrei in den Saal oder auf die Bühne gelangen zu können. Wer nach dem Programmheft griff, fühlte die Blindenschrift. Für alle sehbeeinträchtigten Personen standen Audiodeskriptionen zur Verfügung. Wo Übersetzungen in Gebärdensprache nicht möglich waren, half ein Verständigungssystem für Personen mit eingeschränktem Hörvermögen.

Den Auftakt machte „En mis zapatos“, auf Deutsch „In meinen Schuhen“. Ein Tanzspektakel dreier Künstlerinnen – eine im Rollstuhl, eine mit Gehstützen und eine ohne Behinderung –, die das Bewegungsvermögen ihrer Körper einzeln, zu zweit und im Trio ausloteten. Es folgte „El hilo rojo“, „Der rote Faden“, eine zeitgenössische Ballettaufführung mit fünf Mitgliedern des Ballettensembles des Sodre und fünf Tänzer*innen mit Behinderungen (siehe auch Interview dazu).

Kunst gegen Vorurteile

In der Komödie „Castigo del cielo“, „Strafe des Himmels“, kommt ein Toter in den Himmel. Überrascht stellt er fest, dass Gott eine junge Frau mit Behinderung ist. Der Himmelseintritt wird zur Begegnung mit den eigenen Vorurteilen und Verhalten gegenüber dem Anderen. Zugleich ist das Stück eine Reise durch das Leben des britischen Mediziners John Langdon Down, der das Syndrom umschrieb, das seinen Namen trägt. Schauspieler*innen mit dem Down-Syndrom standen auch bei „Sin Par“, „Unvergleichlich“ auf der Bühne. Bei den Tanz- und Theaterszenen des aus Spanien angereisten Ensembles geht es um Ausdrucks- und Körpersprachen in unterschiedlichen Kontexten.

Inklusion stand auch im Rahmen der Workshops auf dem Festival-Programm. In einem davon verteilten sich 22 Personen im Raum, eine saß im Rollstuhl. Alito Alessi holte sich einen Sessel und setzt sich dazu. „Säße nur eine Person auf einem Stuhl, wäre sie isoliert“, sagt er. Es war die erste Lektion im Workshop „Dance Ability“, der so heißt wie die Methode, die der US-Amerikaner Alessi entwickelt hat. Die Erkenntnis: Die Auflösung der Isolation ist Inklusion.

Auf der Bühne Menschen verbinden

„Einige Schulen wollen nur mit den fittesten Menschen mit Behinderung arbeiten“, sagt er. Dort gehe es um das Geschick und Können des Einzelnen. Das sei auch wertvoll und interessant, aber Alessis Interesse geht in eine andere Richtung. Ihm zufolge gelte es bei jeder Person, vier Grundmerkmale zu erkennen: Kann sie etwas sehen, kann sie ihren Körper von einer Stelle zu einer anderen bewegen, versteht sie das Prinzip von Ursache und Wirkung und reagiert sie auf die Welt um sie herum? Wenn er das erfahre, kenne er den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Gruppe und wisse, was alle können. „Es geht darum, Menschen mit und ohne Behinderungen durch Tanz und Bewegung zu verbinden“, erklärt er.

Die Wahl von Montevideo als Ort des Festivals ist kein Zufall. Zahlreiche Behindertenorganisationen leisten seit vielen Jahren eine engagierte Arbeit und die politischen Institutionen waren bereit, mitzuziehen. Unterstützt wurden sie vom Netzwerk der Kulturorganisationen der EU-Mitgliedsländer EUNIC, darunter das Goethe-Institut in Montevideo.

Im Alltagsleben in Montevideo liegt dennoch noch Vieles im Argen. So ist der öffentliche Nahverkehr wenig behindertengerecht eingerichtet. Rollstuhlfahrer*innen sind im Stadtbild wegen der holprigen Wege nur selten zu sehen.

Das Resümee am Ende des Festivals zog Sodre-Intendant Martín Inthamoussú mit den Worten: „Wir haben noch viel zu verbessern, aber wir sind weiter als vor dem Festival.“

Jürgen Vogt lebt seit 2005 in Buenos Aires und ist u. a. Korrespondent der deutschen Tageszeitung Taz.

„Wir waren immer eine Gruppe“

Von Milena Österreicher · ·

Eines der liberalsten Familiengesetzbücher weltweit wird unter Einbeziehung der Bevölkerung diskutiert und voraussichtlich im Herbst per Referendum zur Abstimmung gebracht.

Ein paar Kinder toben in der Abenddämmerung über die Plaza del Cristo in Havannas Altstadt, aus einem Fahrradtaxi schallt Musik über den Platz, auf den Bänken unterhalten sich Menschen. In einer Schule am Rande des Platzes ist eine Gruppe von vierzig Anwohner*innen, in der Mehrzahl ältere Semester, zusammengekommen, um den Entwurf des neuen Familiengesetzes zu diskutieren. Zwei eingeladene Fachleute erläutern die wichtigsten Punkte des Gesetzentwurfes.

Mit dem neuen Código de las Familias soll das bisherige Familiengesetzbuch von 1975 durch einen zeitgemäßen und inklusiven Rahmen abgelöst werden, in dem verschiedene Lebensentwürfe Anerkennung finden. Das neue Gesetz legalisiert gleichgeschlechtliche Ehen, stärkt die Rechte von Frauen und älteren Menschen und etabliert Schutzmechanismen gegen häusliche Gewalt. Außerdem werden Neuerungen wie Eheverträge und Schwangerschaftsunterstützung eingeführt.

Referendum entscheidend
Von Anfang Februar bis Ende April wurde der Entwurf des neuen Familiengesetzes in knapp 79.000 Nachbarschaftsversammlungen im ganzen Land diskutiert. Mehr als die Hälfte der kubanischen Bevölkerung hat daran teilgenommen, so die Regierung.

Dabei sind 397.000 Vorschläge zusammengekommen, die nun in den Gesetzestext eingearbeitet werden sollen, der dem Parlament Ende Juni zur Annahme vorgelegt werden wird. Über diese endgültige Fassung soll dann – voraussichtlich im Herbst – in einem Referendum abgestimmt werden.

„Übung in kubanischer Demokratie“
Die Mehrheit der Anwesenden der Versammlung auf der Plaza del Christo befürwortet den Entwurf. Es gibt einen Vorschlag zur Änderung des Titels eines Kapitels, einen Zweifel bezüglich des Mindestalters für die Eheschließung klären die Expert*innen.

José Lorenzo Villoch, einer der Teilnehmenden, zeigt sich nach dem Treffen zufrieden: „Die Anhörung ist wichtig“, sagt er, „denn sie berücksichtig die Kriterien der Bevölkerung, nicht nur die der Experten, die das Gesetz ausgearbeitet haben. Zudem ist es eine Übung in kubanischer Demokratie.“ Als Pensionist habe er Zeit und den Gesetzestext genau studiert, erklärt Villoch. Das Gesetz trage der „großen Heterogenität der Familienformen in Kuba“ Rechnung. „Es nimmt niemandem Rechte weg, sondern räumt Rechte ein, die bisher nicht anerkannt waren.“

Widerstand der Kirche
Nicht alle Versammlungen zum Familiengesetz verliefen so harmonisch. Auf einigen kam es zu hitzigen Debatten über verschiedene Aspekte, wie die Einführung der „Ehe für alle“ oder die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare, die ebenfalls im Entwurf verankert ist. Ursprünglich war die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe als Teil der neuen Verfassung von 2019 vorgesehen. Aufgrund des fehlenden gesellschaftlichen Konsenses und massiven Widerstands der Kirchen wurde damals entschieden, das Thema auszugliedern und über die Neufassung des Familiengesetzbuches zu regeln. Heute gebe es „einen unbestreitbaren Fortschritt in der kubanischen Gesellschaft, es wird die Notwendigkeit anerkannt, allen Menschen Schutz und rechtliche Garantien zu geben“, sagt Yusuam Palacios, Abgeordneter der Nationalversammlung.

Die Katholische Bischofskonferenz Kubas jedoch hat im Februar eine Erklärung abgegeben, in der sie sich gegen die liberaleren und integrativeren Elemente des Gesetzes ausspricht. „Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Mehrheit der Kubaner die Definition der Ehe als Vereinigung eines Mannes und einer Frau, wie sie im geltenden Familiengesetzbuch von 1975 enthalten ist, beibehalten wollte“, heißt es da. Der Gesetzentwurf sei von der so genannten „Gender-Ideologie“ durchdrungen.

Diskussion um Familienbegriff
Eine Kontroverse ist auch um die Reform des Sorgerechts und die Rechte von Kindern in der Familie entstanden. Der aus dem römischen Recht stammende Sorgerechtsbegriff „patria potestad“, mit dem traditionell der Vater als Familienoberhaupt verknüpft ist, soll durch den neutralen Ausdruck „elterliche Verantwortung“ ersetzt werden. Konservative Teile der Gesellschaft und die Kirchen nehmen dies jedoch als Bedrohung eines traditionellen Familienbegriffs wahr. Sie warnen vor der Aufnahme von Sexual- und Geschlechtserziehung in die Lehrpläne und „Untergrabung der elterlichen Autorität”. Von kirchlicher Seite ist der Vorschlag zu hören, die Gesetzeskapitel separat zur Abstimmung zu stellen und nicht den Gesetzesentwurf als Ganzes. Besonders strittige Punkte würden dann wohl keine Mehrheit finden.

LGBTIQ+-Aktivist*innen kritisieren allerdings die Tatsache, dass über Rechte in einer Volksabstimmung entschieden wird und halten das Referendum daher an sich für falsch. „Der Konflikt besteht darin, dass die Verabschiedung von Rechten für die LGBTIQ+-Gemeinschaft mit der Verabschiedung des Familiengesetzes verknüpft ist“, sagt die Aktivistin Laritza Pérez und stellt die Frage: „Wie kann es sein, dass etwas, das in der Verfassung verankert ist, wie zum Beispiel, dass alle Kubaner und Kubanerinnen die gleichen Rechte und Pflichten haben, von der Verabschiedung eines Familiengesetzes abhängt?“

Andreas Knobloch ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er lebt und arbeitet seit mehreren Jahren in Havanna.

Afghanistans Frauen: „Zurück in schlimmen Zeiten“

Von Milena Österreicher · ·

In Benins Wirtschaftsmetropole Cotonou sind 26 geraubte Objekte aus dem einstigen Königreich Dahomey zu sehen. Die Ausstellung gilt als cleverer Schachzug von Präsident Patrice Talon.

Alimatou Adamou bleibt immer wieder stehen, nimmt ihr Smartphone in die Hand, um Selfies zu machen. Die Beninerin möchte ihre ganz persönliche Erinnerung an die Ausstellung „Benins Kunst – gestern und heute“ haben. Seit ihrer Eröffnung Mitte Februar ist sie das Gesprächsthema schlechthin in der Wirtschaftsmetropole Cotonou, zeigt sie neben gut 100 Bildern, Skulpturen, Installationen und Fotografien zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler doch die 26 sogenannten Schätze aus den Königspalästen von Abomey. „Ich habe davor viel davon gehört. Es ist eine Freude, das zu sehen, was aus meinem Land stammt.“

Dazu gehören für das einstige Königreich Dahomey – es umfasste etwa ein Fünftel der Fläche der heutigen Republik Benin – typische Zepter, eine Reihe von Statuen, vor allem aber der Thron von König Ghézo sowie geschnitzte Türen des Palastes von König Glèlè. Das Königreich entstand im 17. Jahrhundert. Der letzte unabhängige Herrscher war Béhanzin, der im zweiten Dahomey-Krieg von 1892 bis 1894 von den Franzosen entmachtet wurde. Als Beute nahmen sie die Schätze mit. Obwohl Benin 1960 unabhängig wurde, gelang die Restitution erst im vergangenen Jahr.

Kampf um Kunst
Dabei kämpfen afrikanische Staaten seit Jahrzehnten um die Rückgabe der Jahrhunderte alten Kunst, die die Kolonialmächte raubten. Aus dem Königreich Benin, das im Bundesstaat Edo im heutigen Nigeria liegt, stammen beispielsweise die weltbekannten Benin-Bronzen. Auch das Weltmuseum in Wien hat einige der Artefakte – dazu gehören Platten und filigran gearbeitete Masken – in seiner Sammlung.

Als Gegenargument wurde oft angeführt, dass afrikanische Staaten nicht über Museen verfügen. Theophilus Umogbai, Kurator des nationalen Museums in Benin City in Nigeria, betonte immer wieder, wie beleidigend diese Einstellung sei: „Unsere Vorfahren haben über Jahrhunderte auf ihre Kunst aufgepasst.“

Dass nun immer mehr europäische Museen, aber auch Universitäten in Großbritannien sowie die anglikanische Kirche zu einer Rückgabe bereit sind, hängt mit einem Vortrag von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2017 an der Universität Joseph Ki-Zerbo von Ouagadougou in Burkina Faso zusammen. „Ich möchte, dass innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen für die vorübergehende oder dauerhafte Rückgabe des afrikanischen Erbes in Afrika erfüllt sind“, sagte er. Die 26 Werke aus Dahomey markieren den Anfang. An Senegal wurde zeitgleich ein Säbel von Oumar Seydou Tall, Feldherr, Prediger und Reichsgründer, restituiert.

Große Begeisterung
Zum ersten Mal sind die Werke allerdings nicht in Cotonou zu sehen. Die private Kunststiftung Zinsou hatte sie im Jahr 2006 drei Monate lang ausgestellt. Marie-Cécile Zinsou, Präsidentin der Stiftung und Kunsthistorikerin, erinnert sich an die Begeisterung: „275.000 Menschen haben die Werke gesehen. Es ist eines der wenigen Beispiele für eine Leihgabe von Frankreich an Afrika.“ Umso wichtiger sei es, dass sie nun endgültig zurück sind. „Mit den Objekten kommen Stolz und Geschichte zurück“, sagt sie.

Für viele Menschen ist das bis vor Kurzem ein seltsames Gefühl gewesen: Um die Werke ihrer Vorfahren zu sehen, mussten sie ein teures Flugticket kaufen und ein Visum beantragen – zumindest theoretisch: für die meisten Menschen war das ein Ding der Unmöglichkeit.

Deshalb ist die Neugierde groß, nicht zuletzt auch, weil die erste Ausstellung auf dem Gelände des Präsidentenpalasts stattfindet, das sonst nicht zugänglich ist.

Anschließend werden sie in der Stadt Ouidah westlich von Cotonou zu sehen sein, bis schließlich das neue Museum in Abomey, Hauptstadt des einstigen Königreichs Dahomey, gebaut ist. In diesem Zusammenhang sollen auch die Paläste, die seit 1985 zum Weltkulturerbe der Unesco gehören, renoviert werden.

Zusammengehörigkeitsgefühl wird gestärkt
Damit will die Regierung von Patrice Talon das Interesse an Kunst wecken, bei der Bevölkerung, aber vor allem bei potenziellen Tourist*innen. Es gehört zur Regierungsstrategie, den Kulturbereich zu stärken und dort Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Restitution hat aber noch etwas anderes erreicht: ein Zusammengehörigkeitsgefühl, an dem es häufig mangelt. „Ich bin sehr stolz, dass mein Land eine solche Geschichte hat“, sagt jedenfalls Ausstellungsbesucherin Adamou.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika und lebt in Cotonou/Benin und Abuja/Nigeria.

Lateinamerika und der Ukraine-Krieg

Von Milena Österreicher · ·

Quinoa aus dem andinen, Sesamöl aus dem asiatischen Raum, dazu buntes Gemüse der Saison. Eine vegetarische Salat-Kreation aus verschiedensten kulinarischen Richtungen serviert von Südwind-Magazin- Redakteurin Christina Schröder.

Für 4 Personen
2 Zwiebeln, gehackt
1-2 Knoblauchzehen, gehackt
1 Fenchelknolle, in dünne Scheiben geschnitten
4 Karotten, in dünne Scheiben geschnitten oder geraspelt

3 TL Sesamöl
½ kg Quinoa oder Reis, je nach Geschmack

½ Bund Koriander oder Petersilie je nach Geschmack, gehackt
½ halber Bund Minze, gehackt
½ Gurke, in dünne Scheiben geschnitten oder geraspelt

Marinade:
4 TL Essig
1 TL Zucker
4 TL Soja-Sauce
2 TL Koriander-Pulver
1 TL Kreuzkümmel
4 TL Wasser
½ – 1 TL Salz
Pfeffer nach Geschmack

Zum Drüberstreuen nach Belieben:
Geröstete Pistazien, Zitronenzesten und/oder ein paar Löffel Joghurt.

Quinoa oder Reis nach Anleitung kochen. Daneben Zwiebeln und Knoblauch in Sesamöl anbraten, nach 2 Minuten Fenchel und Karotten für weitere 5 Minuten mitbraten und dann bei geschlossenem Deckel auf der abgeschalteten Herdplatte ca. 10 Minuten ziehen lassen. Beides in einer Schüssel vermengen und Koriander bzw. Petersilie, Minze und Gurke zufügen.
Zutaten für Marinade mischen und über den Salat leeren. Nach Geschmack nachwürzen und entweder gleich warm genießen oder eine Stunde ziehen lassen und dann kalt essen.
Als Topping eignen sich Joghurt, geröstete Pistazien sowie Zitronenzesten.

Guten Appetit!

Nusantara, Indonesiens Neue

Von Milena Österreicher · ·

„Westsahara. Afrikas letzte Kolonie“ heißt ein aktueller Sammelband zu einem Jahrzehnte andauernden Konflikt, der auf internationaler Ebene wenig Beachtung findet.

Seit 1975 wird ein großer Teil des Gebiets der Westsahara durch Marokko besetzt, dieser Umstand wird in der internationalen Politik kaum diskutiert, ebenso wenig werden ernsthafte Lösungen gesucht. Die meiste Zeit schweigen sich die Medien darüber aus. Aber: Mitte März gab es Breaking News aus Madrid: Spaniens Regierung vollzieht offenbar eine Kehrtwende im Westsahara-Konflikt und, so die deutsche Taz, unterstützt jetzt Marokkos Linie.

Das Staatsgebiet der Westsahara wird laut der UNO als „Hoheitsgebiet ohne Selbstregierung“ bezeichnet. Bis 1975 war die Westsahara spanische Kolonie, der Dekolonisierungsprozess blieb unvollendet, denn Spanien gab das Gebiet völkerrechtswidrig an Marokko und Mauretanien ab.

Es folgte Krieg zwischen der sahrauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario auf der einen und Marokko und Mauretanien auf der anderen Seite. Die militärischen Auseinandersetzungen endeten 1991. Der Frente Polisario, der von der UNO anerkannten Vertretung der Sahrauis, wurde ein Referendum versprochen, auf das die sahrauische Bevölkerung bis heute wartet. Dabei sollte die Sahrauis  ihre Stimme für eine staatliche Eigenständigkeit der Westsahara oder für die Zugehörigkeit zum Königreich Marokko abgeben. 

Profunde Einblicke

Das im vergangenen Jahr veröffentlichte deutschsprachige Überblickswerk „Westsahara: Afrikas letzte Kolonie“, herausgegeben von Judit Tavakoli, Manfred O. Hinz, Werner Ruf und Leonie Gaiser, enthält sechzehn Beiträge von Wissenschafter*innen, Politiker*innen und Aktivist*innen aus unterschiedlichen Ländern und inhaltlichen Fachrichtungen. Die internationalen Autor*innen sind ausgewiesene Kenner*innen der Lage und liefern ein breites Spektrum an Analysen und Informationen.

Der Konflikt wird aus der Sicht des Rechts auf internationaler und EU-Ebene beleuchtet. Ein Kapitel widmet sich den Rahmenbedingungen in von Marokko besetzten Gebieten. Auch die Situation jener Menschen, die seit 1975 in Flüchtlingslagern im Südwesten Algeriens leben – die  Hälfte der sahrauischen Bevölkerung – wird in den Blick genommen. Als abschließendes Kapitel werden die Interventionen solidarischer politischer Akteur*innen auf europäischer Ebene vorgestellt.

Das Buch beginnt mit einem Beitrag von Sidi Omar, dem Vertreter der Frente Polisario bei der UNO, mit der Darstellung der sahrauischen Position in den Friedensverhandlungen. Omar, selbst Mitverhandler, kritisiert darin die UNO – und hier vor allem den Sicherheitsrat –, die nicht imstande sei, die installierte UNO-Mission MINURSO arbeiten zu lassen.

Die Hauptaufgabe der unparteiischen Institution, die Umsetzung des Referendums, stehe seit 30 Jahren aus, die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen finde sich just nicht auf der Arbeitsagenda.

Zusammengefasst: Die international gültige UNO-Resolution, das Recht auf Selbstbestimmung, bleibe nur auf dem Papier.

Kriminalistische Akribie

Beim Lesen des Buches wird klar: Politisch betrachtet befinden sich die Konfliktparteien in einer Pattstellung. Deshalb werden auch die Plünderung der Ressourcen der Westsahara und das Geflecht der internationalen Wirtschaftsbeziehungen in den Blick genommen. Denn gemäß dem Kriegsvölkerrecht ist es verboten, aus einem besetzten Gebiet ökonomischen Nutzen zu ziehen, wenn der Souverän (hier die Frente Polisario) des besetzten Gebietes der Ausbeutung nicht zustimmt und wenn die Bevölkerung keinen Nutzen daraus ziehen kann. Beides trifft in der Westsahara zu.

Die international agierende NGO Western Sahara Resource Watch (WSRW) beschreibt in einem Beitrag, wie sie in kriminalistischer Akribie Transporte von Phosphat, Fischgütern, Sand oder Gemüse über Land, Wasser und Luft aufdeckt. WSRW recherchiert zu internationalen Unternehmen, wie etwa Siemens, das dort erneuerbare Energie gewinnen will. Durch „blaming and shaming“ sollen die internationalen Unternehmen unter Druck gesetzt und zum Rückzug gezwungen werden.

Denn, so argumentiert WSRW, die Unternehmen verletzen nicht nur internationales Recht und agieren gegen explizite Urteile des Europäischen Gerichtshofes von 2016 und 2018 (und nunmehr auch 2021!), sondern sie stabilisieren mit ihren Geschäften die Besatzung und Ausbeutung des Gebietes.

Das Buch beschreibt einen schier aussichtslosen Kampf und zeigt doch den ungebrochenen Willen der Sahrauis zur Selbstbestimmung.

Buchcover: Westsahara - Afrikas letzte Kolonie
Buchcover: Westsahara – Afrikas letzte Kolonie

Judit Tavakoli, Manfred O. Hinz, Werner Ruf und Leonie Gaiser (Hrsg.): Westsahara: Afrikas letzte Kolonie, Regiospectra Verlag, Berlin 2021, 374 Seiten, ca. 27,90 €

Gundi Dick reiste mehrmals in die sahrauischen Flüchtlingslager. Sie ist entwicklungs- und frauenpolitisch aktiv und engagiert sich in der Solidaritätsbewegung für die Westsahara. Im Jahr 2014 veröffentlichte sie ihre Studie zu Handlungsmöglichkeiten sahrauischer Frauen: „Eine Hand allein kann nicht klatschen. Westsahara – mit Frauen im Gespräch“ (Wien, Löcker Verlag).

Zum Weiterlesen im Südwind-Magazin: Westsahara: Der doppelte Kampf der Sahauris, Jänner 2021

Uruguay: Strandtage statt Karwoche

Von Milena Österreicher · ·

In Mali ist seit 2020 eine Militärregierung an der Macht. An den anfangs ausgearbeiteten Fahrplan zur Rückkehr zu einem Mehrparteiensystem hält sie sich nicht. Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas ist in Aufregung.

Die Situation in Mali spitzt sich weiter zu. Das westafrikanische Land (20 Millionen Einwohner*innen) steckt aufgrund von sich ausbreitenden Terrorgruppen, bewaffneten Banden und einem schwachen Staat seit zehn Jahren in einer schweren Krise.
Nun kommen Sanktionen durch die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas hinzu. Sie sollen die Militärjunta, die seit August 2020 an der Macht ist, zum Einlenken bewegen. Die Regierung von General Assimi Goïta und Premierminister Choguel Maïga hält sich nicht an den zunächst abgesprochenen Fahrplan und will Wahlen nicht sofort, sondern in den „nächsten fünf Jahren“ durchführen, kritisiert  Ecowas. Die von der Militärjunta kontrollierte Volksvertretung hat nun auch ein entsprechendes Gesetz verabschiedet.

Seit dem 10. Jänner sind die Grenzen geschlossen. Nur Lebensmittel kommen noch ins Land, Exportprodukte wie Baumwolle aber nicht mehr heraus. Das betrifft längst die ganze Region. Im Senegal, für den der Binnenstaat Mali das wichtigste Exportland ist, sagt Wirtschaftswissenschaftler Ndongo Samba Sylla: „Auch der Senegal wird bestraft.“ Das Nachbarland erlebe einen Einbruch bei seinen Exporten. Syllas Hauptkritik lautet jedoch: „Die Sanktionen sind illegal. Sie haben keine legale Basis. Ecowas hat seine Kompetenzen überschritten.“ Der Gründungsvertrag der Ecowas sieht Maßnahmen in dieser Form schließlich nicht in Dokumenten vor.

Verhinderte Finanztransaktionen. Eine weitere Folge der Sanktionen ist der Stopp der Finanztransaktionen. Die Westafrikanische Zentralbank hat das Vermögen Malis einfrieren lassen. Möglich ist das, weil Mali gemeinsam mit sieben weiteren Ländern der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion angehört und keine eigene Währung hat. Wie lange die Militärregierung beispielsweise noch Gehälter zahlen kann, ist unklar.

„Wir sehen einen Einschnitt in die Lebensfähigkeit der Bevölkerung“, sagt Christian Klatt, Leiter der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bamako: „Es kommt zu einer Preissteigerung auf den Märkten. Händler und Händlerinnen nutzen die Gelegenheit, Preise anzuheben. Wenn sich dieser Prozess fortsetzt, werden wir bei der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln Einschränkungen sehen“. Beispielsweise haben sich die Preise für Zucker und Kochgas erhöht.
Was jetzt schon fehlt, ist Baumaterial. In einem Land, in dem die Bevölkerung jedes Jahr um drei Prozent wächst, muss ständig neuer Wohnraum geschaffen werden. Seit Jahren ist der Trend ungebrochen, in Richtung Hauptstadt zu ziehen, weil das Leben in anderen Regionen aufgrund von Überfällen und Anschlägen zu riskant wird.

Hunderttausende Geflüchtete. Nicht alle in Bamako Ankommenden sind mittellose Binnenflüchtlinge. Deren Zahl liegt jedoch so hoch wie nie zuvor. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) spricht von mehr als 400.000 Personen. Mitte Jänner warnten 13 nichtstaatliche Organisationen, dass über 7,5 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen. Die Sanktionen, denen sich auch die Europäische Union angeschlossen hat, würden die Situation noch verschärfen.

Die Regierung in Bamako ändert ihre Strategie bisher nicht. Tatsächlich erhält sie weiterhin viel Zustimmung. Auch in Nachbarländern wie Niger ist mittlerweile gegen die Ecowas-Maßnahmen demonstriert worden. Möglich ist allerdings, dass es sich stärker um einen Protest gegen den Druck von außen handelt und weniger eine aktive Unterstützung für General Goïta und Premier Maïga ist. Sie machen für die Situation nicht nur die Ecowas, sondern auch Frankreich verantwortlich. Anfang Februar sagte Maïga, die einstige Kolonialmacht wolle Mali spalten. Der französische Botschafter Joel Meyer wurde ausgewiesen.

Kaum Vertrauen. In Bamako gibt es zahlreiche Spekulationen, ob die Junta tatsächlich Wahlen organisieren will. Sie sagt: Zuerst müssen Sicherheit und Frieden wiederhergestellt werden. Die verschiedenen Militärmissionen haben das bisher nicht nachhaltig erreicht. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat gerade erklärt, die Truppen abzuziehen. Das führt zu Spekulationen, wie sich weitere Nationen positionieren werden. Mit dem russischen Unternehmen Wagner sind mittlerweile auch Söldner im Land.
Das Vertrauen in glaubwürdige Wahlen ist gering. Bei der letzten Präsidentenwahl 2018 gaben gerade einmal gut 3,4 Millionen Malier*innen ihre Stimme ab, obwohl sich gut acht Millionen in das Wahlregister hatten eintragen lassen. Bei den umstrittenen Parlamentswahlen 2020 waren es nur noch 2,7 Millionen bei gut 7,6 Millionen Eintragungen.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika und lebt in Cotonou/Benin und Abuja/Nigeria.

Weltbank als Teil des Armutsproblems

Von Milena Österreicher · ·

Im Jänner wurde Uruguay von Hitzewellen mit Rekordwerten bis zu 44°C sowie von Starkregen und Überschwemmungen heimgesucht. Die uruguayische Meteorologin Madeleine Renom erläutert im Interview den aktuellen Wissensstand.

Dürre und plötzlicher Starkregen binnen kurzer Zeit: Wie hängt das zusammen?
Beide Phänomene „befeuern“ sich über längere Zeit gegenseitig. Im Río de la Plata-Becken gibt es bereits seit 2019 eine anhaltende extreme Dürre, die die Situation verschärft. Überschwemmungen und Dürren muss man sich auf unterschiedlichen Skalen vorstellen. Dürren betreffen immer eine relativ große Region und halten mindestens drei Monate an. Wenn es so trocken ist, steigen auch die Temperaturen. Die Hitzewellen hier sind jedoch nicht so lang anhaltend und intensiv wie jene in Europa.

Woher kommen diese Unterschiede zwischen Süd- und Nordhalbkugel?
Auf der Nordhalbkugel ist die Landfläche viel größer, und es gibt eine größere Anzahl an Gebirgsketten. Man muss sich das wie Strömungshindernisse in der Höhe vorstellen. Auch die Zirkulation an den Polen ist anders. Die sogenannten antarktischen und arktischen Polarwirbel haben jeweils andere Dynamiken. Was wir hier auf der Südhalbkugel haben, sind ganz eigene natürliche Klimaschwankungen, die viel stärker von den Ozeanen bestimmt werden. Wir haben Phänomene wie z. B. La Niña (kalte Meeresströmungen im tropischen Zentral-Pazifik, Anm. d. Red.); sie gilt als Vorbotin für das Ausbleiben „gewohnter“ Niederschlagsmengen. Die Wechselwirkung der Ozeane mit den Küstenregionen ist bei uns in Uruguay stärker und senkt dadurch die Temperaturen. Deswegen sieht man bei den Hitzewellen ganz deutlich, dass diese in Europa wesentlich länger und intensiver ausfallen als in Uruguay.

Und inwiefern hängen die Ereignisse hier mit der menschengemachten Klimakrise zusammen?
Das ist schwierig zu sagen, weil uns Statistiken fehlen. Durch den Klimawandel entstehen nicht auf einmal neue Phänomene, aber manche verändern sich. Bei den Dürren in Uruguay hat sich gezeigt, dass sie zwar nicht häufiger auftreten als früher, dafür aber auch hier etwas intensiver und länger geworden sind. Bei Hitzewellen wurden heuer extreme Maximaltemperaturen bis zu 44°C beobachtet.

Allerdings sind vor allem die minimalen Tagestemperaturen angestiegen, was auch teils auf den Klimawandel zurückzuführen ist.Landesweit haben definitiv die intensiven Regenereignisse zugenommen. Ein sehr starker Niederschlag nach einer Trockenzeit verursacht immer auch Bodenerosion und Überschwemmungen. Der Boden konnte dann einfach nicht die notwendige Durchlässigkeit entwickeln, um das ganze Wasser aufzunehmen. Vor allem im Sommer ist das extremer geworden.

Weitgehend verbreitet ist die Annahme, dass das Ansteigen der Temperatur zu weniger Niederschlag führen müsse. Das sind jedoch verschiedene Dinge! Wenn es während der Dürre zu Regen kommt, heißt das nicht, dass die Dürre damit vorbei ist.

Die Schäden sind enorm. Besonders ärmere Bevölkerungsgruppen an Bachläufen sind oft von Überschwemmungen betroffen. Am 17. Jänner stieg das Wasser bei einigen bis zum Dach. Was sollte nun mit Blick auf die Zukunft passieren?
Einerseits fehlen uns Studien zu Extremwetterereignissen in städtischen Gebieten. Andererseits brauchen wir langfristige und neue Strategien zum Klimawandel, um einen Anstieg in Häufigkeit und Intensität der Extremwetterereignisse zu verhindern. Und wir müssen ihre Auswirkungen verstehen lernen. Es braucht Bildungskampagnen und ein Warnsystem, damit die Menschen besser informiert sind, wie sie sich bei Extremwetter verhalten sollen.

Die uruguayischen Meteorologin Madeleine Renom
Die uruguayischen Meteorologin Madeleine Renom erforscht die Gründe für Extremwetter © Jana Donat

Madeleine Renom ist Forscherin und Dozentin an der Abteilung für Atmosphärenwissenschaften am Physik-Institut der Fakultät für Naturwissenschaften in Montevideo. Als erste Meteorologie-Absolventin in Uruguay beschäftigte sie sich bereits in ihrer Doktorarbeit mit Extremwetterereignissen.

Jana Donat schreibt ihre Dissertation in Internationaler Entwicklung über überschwemmungsbedingte Umsiedlungen in Uruguay und ist Mitarbeiterin der Forschungsplattform „Mobile Cultures and Societies“ an der Universität Wien.

Die Entsolidarisierung geht um

Von Milena Österreicher · ·

Seit zehn Jahren übernehmen in Sambia mobile, kommunale Gesundheitsassistent*innen wie Ivy Siloka wichtige Funktionen. Das Programm ist erfolgreich, doch die Ressourcen sind zu knapp.

Die Impfungen müssen zu den Kindern. Die 26-jährige Ivy Siloka sitzt auf der Rückbank eines Taxis, eine Kühlbox neben sich. Der Fahrer weicht den Schlaglöchern auf der Erdpiste aus, deswegen geht es nur im Schritttempo voran. Nach einer halben Stunde erreichen sie ein Dorf, parken vor einem mächtigen Feigenbaum. Im Schatten warten hockend rund fünfzig Frauen in bunten Wickelröcken mit ihren Kindern. Die ältesten sind fünf Jahre alt. Siloka hat die Mütter für diesen Mittwoch im Oktober 2021 hierher bestellt. Sie ist Teil eines Teams, das die Kinder wiegt und überprüft, ob sie etwa schon gegen Polio geimpft sind oder gegen Masern/Röteln.

Siloka ist eine kommunale Gesundheitsassistentin. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschen gesund bleiben. Gesundheitsassistent*innen informieren, verteilen Medikamente – oder organisieren Impfungen. Sie sollen dort unterwegs sein, wo es keine Krankenpfleger*innen und keine Ärztin*innen je hinschaffen. Wo die Straßen schlecht oder nicht vorhanden sind und das nächste Krankenhaus weit entfernt.

Weltweit sind Millionen dieser kommunalen Gesundheitshelfer*innen im Einsatz. Genaue Zahlen gibt es nicht, die meisten Länderdaten sind veraltet. Klar ist nur: Es braucht sie dringend, wenn die Weltgemeinschaft das UN-Entwicklungsziel SDG 3 des „gesunden Lebens für alle“ erreichen will. Die sambische Regierung entschloss sich vor rund zehn Jahren, Gesundheitshelfer*innen professionell auszubilden und anzustellen. Sie sollten als Teil des Gesundheitssystems eine im Land verstreute „Gesundheitstruppe“ sein. Fachkräfte, die die lokale Kultur kennen und die jeweilige Sprache sprechen.

Gesündere Mütter und Kinder
Im Süden Sambias hat Siloka unter dem Feigenbaum Platz genommen, vor ihr ein Holztisch und ein tischgroßes Register mit Patient*innendaten. Konzentriert beugt sie sich über Tabellen und füllt Formulare aus. Einer ihrer Kollegen wiegt Kinder, eine andere Kollegin kontrolliert den Umfang ihrer Oberarme, um zu überprüfen, ob sie unterernährt sind.

„Outreach“ heißt es, wenn Siloka und ihre Kolleg*innen die Gesundheitsstation verlassen und die umliegenden Dörfer besuchen. „Damit erreichen wir auch die Kinder, die wir nie in der Gesundheitsstation sehen“, sagt Siloka. Sie ist eine von heute 3.200 Gesundheitsassistent*innen landesweit, 5.000 sind das Ziel der Regierung.

Geht es nach Joseph Zulu, können es noch mehr werden. Der Ethnologe arbeitet an der Universität Sambia und schloss vor Kurzem eine Evaluierung des Regierungsprogramms ab. Er sagt: „Dort, wo Gesundheitsassistentinnen und -assistenten schon länger im Einsatz sind, ist die Mütter- und Kindergesundheit klar besser.“ Das Programm sei ein Erfolg.

Hoffen auf Besserung
Es gibt nur einen Haken: Ethnologe Zulu sprach nur mit Gesundheitsassistent*innen, die vom Staat ausgebildet und danach angestellt wurden. Das ist allerdings nur eine Hälfte. Die andere Hälfte macht denselben Job – oft seit Jahren – ohne Gehalt. Denn: Es fehle das Geld, um mehr Leute anzustellen, so Programm-Koordinatorin Naomi Lubaka Munchini vom sambischen Gesundheitsministerium.

Das Ziel sei alle, die sich ausbilden ließen, schließlich auch auf die Gehaltsliste zu setzen; allerdings würden auch Ärzt*innen oder Krankenpfleger*innen oft ohne Lohn arbeiten.

Sambia ist hoch verschuldet. Die Regierung, die seit August 2021 im Amt ist, hat aber versprochen, 2022 mehr als 11.000 Kräfte im Gesundheitssektor anzustellen.

Siloka gehört bisher nicht zu den Glücklichen. Der Staat zahlte ihre einjährige Ausbildung und die Kosten für ihre Unterkunft. Eine Anstellung gab’s danach nicht. Siloka ist nun seit mehr als drei Jahren ehrenamtlich tätig, wie schon kommunale Gesundheitshelfer*innen in so vielen anderen Ländern. Geht es nach den Zahlen der „Community Health Impact Coalition“, einem Expert*innen-Netzwerk, werden bislang nur 14 Prozent aller Gesundheitshelfer*innen in Afrika bezahlt. Siloka macht trotzdem weiter. „Im Gesundheitswesen ändern sich die Dinge jeden Tag“, sagt sie, „also darf ich nicht aufhören zu lernen, sonst verliere ich den Anschluss.“

Die lokalen Behörden bemühten sich, sie auf die Gehaltsliste zu bekommen. Sie bleibt optimistisch.

Benjamin Breitegger arbeitet als freier Journalist in Wien. Die Recherche im Oktober 2021 wurde gefördert durch ein Stipendium des European Journalism Centre.

Chiapas am Rande eines Bürgerkrieges

Von Milena Österreicher · ·

Was die Kunst der Stoffmuster von Yinka Shonibare über Afrika und Europa aussagt, und was eine Salzburger Modeschöpferin damit zu tun hat.

Kann ein Produkt des Kolonialismus Kritik am selbigen ausüben? Ja, die Kunst von Yinka Shonibare zeigt das ganz klar. Das kann man auf seiner Website yinkashonibare.com nachvollziehen. Auch live war das möglich, bei seiner Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg im Sommer 2021.

Die in Shonibares Kunst gezeigten Stoffe und Muster, die man sofort mit Afrika in Verbindung bringt, schmücken Gegenstände und Abbildungen von Personen, die man ganz wo anders verorten würde: europäische Personen aus der Viktorianischen Ära (1837 bis 1901) oder abstrakte, „europäisch wirkende“ Figuren.

Shonibare spielt auch mit der Form des historischen Gemäldes, etwa indem er auf einem klassisch anmutenden Bild in der Mitte eine afrikanische Person auftauchen lässt.

Die kulturellen Verflechtungen zwischen Europa und Afrika spiegeln sich auch in Shonibares eigenem Weg: Der weltweit angesehene Künstler ist in London geboren, in Nigeria aufgewachsen und fürs Studium zurück nach England gekommen. Er erkrankte, saß fortan im Rollstuhl – und begann Kunst zu studieren.

Hybride Kunst, hybrider Künstler. Er selbst bezeichnet sich als „postkolonialen Hybrid”. Dass seine Kunstwerke für die meisten Menschen außergewöhnlich oder gar befremdlich wirken, regt zum Nachdenken über globale Strukturen und Beziehungen an: Welche Art von Kunst wird als Maßstab herangezogen? Wieso wird europäisch geprägte Kunst so oft anderen Formen vorgezogen?

Shonibares Werke tragen zur Aufklärung der kolonialen Vergangenheit bei, und das in einer humorvollen, teils provozierenden Art und Weise.

Es geht dabei auch um Würde. Beispiel Textilien: Die Herstellung der Stoffe, die so eine zentrale Rolle in Shonibares Arbeiten einnehmen, hat ihren Ursprung im Kolonialismus. Die sogenannte Dutch-Wax-Methode wurde von niederländischen Händler*innen nach Westafrika gebracht und dort zu einem Bestandteil der Kultur. Die meisten Stoffe werden dabei wiederum in Indonesien hergestellt und in den Niederlanden bedruckt. Doch von Westafrika aus gelangen sie in die ganze Welt.

Die Stoffe und der Handel mit ihnen sind ein wichtiger Bestandteil der Kultur Westafrikas, der viele ethnische Gruppen miteinander vernetzt.

Salzburgs Auftritt. In Salzburg arbeitete Shonibare mit einer Salzburger Modedesignerin zusammen: Erica Emefonmwan hat viele Stoffe für Shonibares Ausstellung im Museum der Moderne bereitgestellt. Die Salzburgerin verbindet mit den Mustern und Farben Erinnerungen an ihre Kindheit, die sie zum Teil in Nigeria verbracht hat. Sie fühle sich einfach wohl, wenn sie die Stoffe trägt, erklärt sie dem Südwind-Magazin.

Alle Muster haben laut Emefonmwan eine ganz eigene Bedeutung, je nach Herkunft und Kontext. Bei den Kulturen im Niger-Delta in Nigeria beispielsweise ziehen die Menschen aus dem engen Familienkreis für Beerdigungen Bekleidung mit einheitlichen Mustern und Stoffen an.

Dominant sind die Farben Gelb und Rot, die für den Adel stehen. Pferde symbolisieren in manchen Fällen Krieger.

Modedesignerin Emefonmwan will die Stoffe auch in Europa vertreiben und bot sie während Shonibares Ausstellung im Shop des Museums der Moderne an. „Wir waren uns am Anfang nicht sicher, ob die Leute meine Stoffe überhaupt kaufen werden, doch sie waren ein voller Erfolg – wir kamen nicht mehr nach mit den Nachbestellungen!”

Und das, obwohl sich viele weiße Leute sichtlich unsicher waren, ob sie die Stoffe ohne Bedenken tragen können, Stichwort kulturelle Aneignung oder „cultural appropriation“. Sie meinten, sie wollten keine Gefühle von afrikanischen Menschen verletzen, in dem sie ihre Kleidung tragen. Emefonmwan begegnet solchen Bedenken mit dem Hinweis, dass afrikanische Kleidung längst präsent sei auf dem internationalen Modemarkt. Und dass es doch ein gutes Zeichen sei, wenn afrikanische Mode immer gefragter werde und eine größere Rolle spiele.

Website von Yinka Shonibare: yinkashonibare.com
Website von Modedesignerin Erica Emefonmwan: www.pmbyerica.com

Marvin Tare Landl (25) ist Kulturjournalist und ehemaliger Zivildiener bei Südwind. Während des Zivildienstes lernte er seine Leidenschaft für Kunst und Kultur mit der des Schreibens zu verknüpfen. Da er selbst nigerianische Wurzeln hat, ist Kunst aus Afrika und afrikanischen Diasporas eines seiner Spezialgebiete. 

Afrika: Mehr Mädchen-Schwangerschaften

Von Milena Österreicher · ·

Der Langzeit-Präsident Nicaraguas, Daniel Ortega, wird wohl auch die nächste Wahl für sich entscheiden.

Am 7. November wählt Nicaragua die Abgeordneten zur Nationalversammlung und einen Präsidenten. Aber kein neues Staatsoberhaupt, denn an der dritten Wiederwahl in Folge von Daniel Ortega von der Sandinistischen Befreiungsbewegung (FSLN) besteht kein Zweifel.

Die fünf Parteien, die noch auf dem Stimmzettel stehen, nennt man in Nicaragua „partidos zancudos“ (Gelsenparteien), weil sie wie Stechmücken das Blut bzw. den Staatssäckel aussaugen: Der Ausdruck wurde einst für die Parteien geprägt, die sich der 1979 gestürzte Diktator Anastasio Somoza als „Opposition“ hielt. Dafür, dass sie den Wahlen einen Anschein von Legitimität und Pluralität verleihen, werden ihre Kandidaten später mit wohldotierten Posten belohnt. Ihre Namen kennt fast niemand. Der bekannteste ist der evangelikale Prediger Guillermo Osorno, der schon einmal für die Liberalen angetreten ist und jetzt die Partei Christlicher Weg Nicaragua (CCN) gegründet hat. Der 29-jährige Gerson Gutiérrez Gasparín hat seine Partei APRE erst drei Wochen vor seiner Präsentation als Präsidentschaftskandidat kennengelernt. Auch die Namen der drei weiteren Kandidat*innen wird man bald wieder vergessen haben.

Gesetze gegen Oppositionelle. Die echten Oppositionsparteien wurden im vergangenen halben Jahr verboten, ihre Anführer*innen eingesperrt. Ende 2020 ließ Ortega ein Gesetzespaket durch das Parlament peitschen, das für störungsfreie Wahlen sorgen soll.

Wie in Wladimir Putins Russland erklärt ein Gesetz alle Personen, Vereine und Organisationen, die Gelder aus dem Ausland erhalten, zu „ausländischen Agenten“. Sie sind vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen.

Ein „Souveränitätsgesetz“ erklärt Personen, die an staatsfeindlichen Handlungen, also etwa Demonstrationen gegen das Regime, teilgenommen haben, zu Verräter*innen und entkleidet sie ihrer bürgerlichen Rechte. Auch sie dürfen also nicht bei Wahlen antreten.

Die Opposition, sie besteht aus Parteien und Bewegungen von links bis weit rechts der Mitte, hatte auf einer Reform des schlagseitigen Wahlrechts und internationaler Beobachtung der Wahlen bestanden. Eine auch von der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) geforderte Reform des Wahlrechts hat die Rechte der Opposition noch weiter geschwächt, statt sie zu stärken.

Um gegen Ortega, der alle Institutionen für seinen Wahlkampf missbrauchen kann und fast alle Medien kontrolliert, eine Chance zu haben, wollte man in Vorwahlen einen gemeinsamen Kandidaten bzw. eine gemeinsame Kandidatin ermitteln.

Hausarrest verhängt. Beste Chancen hatte die Journalistin und Medienunternehmerin Cristiana Chamorro. Als Tochter der Ex-Präsidentin Violeta Barrios de Chamorro, die 1990 mit einem breiten Bündnis Ortega geschlagen hatte, und Herausgeberin der einzigen verbliebenen Tageszeitung La Prensa führte sie die Umfragen an. Anfang Juni wurde die Polizei bei ihr vorstellig. Sie durchwühlte ihr Privathaus, noch immer ist sie unter Hausarrest.

Tage danach wanderten sechs weitere Vorkandidaten und die Führungsriege der sozialdemokratischen Partei Unamos hinter Gitter, darunter Ortegas ehemalige Weggefährt*innen wie die legendäre Comandante Dora María Téllez und Hugo Torres. Letzterer hatte 1974 mit einer Geiselnahme Daniel Ortega freigepresst. Er war sieben Jahre in Somozas Kerker gesessen. Man wirft ihnen rückwirkend Verstoß gegen das Souveränitätsgesetz vor, weil sie sich 2018 an einem Aufstand gegen Ortega beteiligt haben oder diesen begrüßt haben sollen.

Drei Parteien, die eine Wahlallianz schließen wollten, wurden aufgelöst.

Der renommierte Schriftsteller und ehemalige Vizepräsident Sergio Ramírez, der selbst nur dank eines Auslandsaufenthalts der Verhaftung entging, sieht die Gefangenen als Geiseln Ortegas, „die er später bei Verhandlungen einsetzen will. Ich denke, ein paar weniger wichtige werden freigelassen und die wertvolleren einbehalten. Ortega sucht ja die Anerkennung seiner Wahlen, dafür braucht er die Geiseln“, so Ramírez gegenüber dem Südwind-Magazin.

Zwar isoliert sich Nicaragua international weiter. Doch Ortegas Strategie, so weiter an der Macht zu bleiben, scheint zumindest kurzfristig aufzugehen. 

Ralf Leonhard ist freier Journalist und lebt in Wien.

Ringen um das neue Belarus

Von Milena Österreicher · ·

Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer haben ein überzeugendes Plädoyer für unseren Einsatz gegen die Klimakrise in Form eines Buches verfasst.

Das Leben an sich bringt einige Aufgaben. Eine Herausforderung folgt der nächsten: Ausbildung, Arbeitswelt und dann noch das Privatleben. Wenn nebenbei die Welt auf den Klima-Kollaps zusteuert, kann uns das schon mal überfordern. Wie fit sind wir in Klimafragen also wirklich? Wie gehen wir nun mit dieser Situation um und, wie können wir uns engagieren, ohne dabei den Mut zu verlieren?

Mit dem Buch „Ändert sich nichts, ändert sich alles“ ist Katharina Rogenhofer in Zusammenarbeit mit Florian Schlederer ein sehr ansprechendes und zugleich sachliches Buch gelungen. Die Botschaft steckt schon im Titel und trotzdem wird es bis zur letzten Seite nie langweilig.

Die Biologin Rogenhofer ist treibende Kraft der „Fridays for Future“-Bewegung in Österreich und Sprecherin des erfolgreichen Klimavolksbegehrens.

Sie hat schon viel angestoßen. Gemeinsam mit Co-Autor Schlederer – er ist ebenfalls bei „Fridays for Future“ engagiert und gründete u.a. die internationale Initiative „Museums for Future“ – verweist sie dabei auf die Unterstützung für das Klimathema aus der Zivilgesellschaft. Dazu liefern die Zwei aktuelle Zahlen und Fakten aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen.

Das Buch erklärt in verständlicher Sprache die naturwissenschaftliche Seite der Klimakrise und behandelt auch die Thematik der Klimagerechtigkeit und soziale Fragen. Dabei wird sichtbar, dass das Gute Leben für Alle keine Utopie bleiben darf: „Wir können soziale Gerechtigkeit für alle Menschen verwirklichen und im Einklang mit der Umwelt leben. Zu Ersterem drängt uns unsere Menschlichkeit, zu Zweiterem zwingen uns die Naturgesetze. Das Gute ist, dass sich diese beiden Ansprüche keineswegs im Weg stehen. Nein, sie ergänzen einander sogar.“

Rogenhofer und Schlederer zeigen anhand zahlreicher Beispiele die spürbaren Auswirkungen des Klimawandels in Österreich auf. Und sie gehen den Interessen jener Mächtigen in der Politik nach, die nach wie vor auf fossile Energieträger setzen.

Billige und beliebte Ausreden nehmen die Autor*innen regelrecht auseinander, beispielsweise: „Das kostet zu viel“ oder „Die Technik wird’s retten“.

Das Buch ist sowohl geeignet für Menschen, die ihr Wissen über die Klimakrise vertiefen oder auffrischen möchten, als auch für all jene, die eine Prise Mut und Tatendrang brauchen können. Packen wir es an!

Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer: Ändert sich nichts, ändert sich alles (Zsolnay Verlag, Wien 2021, 288 Seiten, € 20,60)

Monika Schneider ist Bildungsreferentin bei Südwind Niederösterreich.

Ungleiche Ausgangslage

Von Milena Österreicher · ·

In der neuen Regierung Perus werden sowohl progressive als auch reaktionäre Ansätze vertreten.

Noch Anfang des Jahres hatte kaum jemand mit einem Wahlsieg des neuen linken Hoffnungsträgers Perus, Pedro Castillo, gerechnet. In der ersten Runde der Präsidentschaftswahl im April landete der Dorfschullehrer und Gewerkschafter der marxistischen Partei Perú Libre überraschend auf dem ersten Platz. Dabei profitierte er zum einen von der Wirtschaftskrise, die seit 2019 im Land  herrscht, und von der großen Unzufriedenheit mit der etablierten politischen Klasse. Ein Großteil der Politiker*innen ist in Korruptionsaffären verstrickt, und die Covid-19-Pandemie traf das südamerikanische Land härter als die meisten Länder der Region.

Knappes Ergebnis. Zum anderen spielte Castillo im ersten Wahlgang in die Hände, dass viele Kandidat*innen angetreten waren – 17 an der Zahl. So reichten ihm gerade einmal knapp 19 Prozent der Stimmen, um den ersten Platz zu belegen. Zweite wurde mit gut 13 Prozent die rechtskonservative und wirtschaftsliberale Politikerin Keiko Fujimori. Die Tochter von Alberto Fujimori, der Peru zwischen 1990 und 2000 diktatorisch regierte, stilisierte sich fortan als Anti-Castillo-Kandidatin und vermeintliche „Retterin vor dem Kommunismus“.

Im Juni, in der Stichwahl, setzte sich Castillo schließlich mit 44.000 Stimmen Vorsprung knapp durch. Versuche Fujimoris, 200.000 Stimmen von Castillo annullieren zu lassen, schlugen fehl.

„Diese Regierung tritt an, um mit der Bevölkerung zu regieren“, verkündete Castillo in seiner Antrittsrede am 28. Juli, dem 200. Jahrestag der Unabhängigkeit Perus. Als eines seiner wichtigsten Ziele erwähnte er die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung. Zudem sprach er sich für die Beseitigung kolonialer Strukturen im Staat und eine Aufwertung des indigenen Erbes, eine gerechtere Rohstoffpolitik, die Verbesserung des Gesundheits- und Bildungssystems und die Bekämpfung der Korruption aus.

Fragwürdige Positionen. Aber er wiederholte auch fragwürdige Aussagen aus dem Wahlkampf, wonach „kriminelle Ausländer“ das Land innerhalb von 72 Stunden zu verlassen hätten. Dies richtet sich vor allem gegen Migrant*innen aus Venezuela.

Für Polemik sorgte anschließend auch die Ernennung von Guido Bellido zum Ministerpräsidenten. Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen „Verteidigung des Terrorismus“, weil er sich in einem Interview positiv auf die Guerilla „Leuchtender Pfad“ bezogen hat, auf deren Konto in den 1980er und 1990er Jahren zehntausende Tote gingen. Kurz nach seiner Ernennung weitete die Justiz zudem Ermittlungen wegen Geldwäsche auf ihn und weitere Mitglieder von Perú Libre aus. Auf Twitter verbreitete Bellido zudem frauen- und homofeindliche Äußerungen.

Linksliberale Mitstreiter*innen. Castillo selbst gilt gesellschaftspolitisch als äußerst konservativ, so berief er nur zwei Frauen in sein Kabinett. Die Koalition mit dem Mitte-Links-Bündnis „Juntos por el Perú“ (Gemeinsam für Peru) wirkt bisher jedoch als Korrektiv. Denn: Anahí Durand aus diesem Bündnis ist als langjährige Kämpferin für Frauen- und LGBTIQ-Rechte bekannt und die neue Ministerin für Frauen und vulnerable Gruppen, so die offizielle Bezeichnung.

Und: Der Wirtschaftsminister Pedro Francke, ein renommierter, moderat-linker Ökonom, der ursprünglich „Juntos por el Perú“ beraten hatte und kurz vor der Stichwahl zu Castillos Berater wurde, sprach sich nach seiner Ernennung sowohl deutlich gegen den „Leuchtenden Pfad“ als auch gegen Homofeindlichkeit aus.

Minderheit im Kongress. Wohin der Kurs der neuen Regierung genau geht, wird sich wohl in den nächsten Monaten zeigen. Ihre Zusammensetzung ist – abgesehen von den unterschiedlichen Ansätzen – auf jeden Fall ein Novum: Erstmals stammt die große Mehrheit der Minister*innen nicht aus der (weißen) Elite der Hauptstadt Lima. Den größten Rückhalt hat Castillo im ländlichen, indigen geprägten Andenraum sowie im dünn besiedelten Amazonas-Tiefland.

Wie sehr die Bündnispartner „Perú Libre“ und „Juntos por el Perú“ ihre politischen Ziele wirklich  durchbringen werden können, ist aber fraglich. Im Parlament (in Peru der „Congreso“) kommen sie gemeinsam nur auf 42 von 130 Sitzen, die Mehrzahl haben Abgeordnete von der politischen Mitte bis Rechtsaußen inne.

Das ist auch deshalb relevant, weil das Parlament über das Kabinett abstimmen muss und unter bestimmten Bedingungen Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident*innen durchführen kann. In den vergangenen fünf Jahren hatte Peru vier unterschiedliche Staatsoberhäupter.

Wie lange sich Castillo an der Macht halten kann, wird sich zeigen. Vor einer Woche ist bereits Außenminister Héctor Béjar wegen umstrittener Äußerungen zurückgetreten. Im November 2020 und im Februar  2021 soll er die peruanische Marine und den US-Geheimdienst CIA für das Entstehen der Guerilla Leuchtender Pfad verantwortlich gemacht haben.

Tobias Lambert arbeitet als freier Autor, Redakteur und Übersetzer überwiegend zu Lateinamerika. Er twittert unter @lambert_to.

Wie Afghanistans Regierung kollabierte

Von Milena Österreicher · ·
© Christina Schröder

Zutaten für ca. 10 Rollen:

– 1 Bund Radieschen
– 5 Karotten
– 1 Pkg. Kresse, Radieschensprossen oder 1 Bund Schnittlauch
– 1,5 Pkg. Cottage Cheese
– ca. 100 Gramm Reisnudeln oder Fadennudeln
– Reispapier-Blätter für Sommerrollen (erhältlich in größeren Supermärkten und asiatischen Geschäften)
– Abrieb einer halben Zitrone
– 2-3 EL Estragon Senf
– Wasabi nach Geschmack
– Salz nach Geschmack
– Soja Sauce nach Geschmack.

Nudeln zubereiten und abkühlen lassen. Karotten und Radieschen grob reiben und Kresse, Radieschensprossen oder Schnittlauch klein schneiden und mit etwas Salz vermengen. Dann eine halbe Stunde ziehen lassen und die dabei entstandene Flüssigkeit abgießen. Cottage Cheese, Zitronenabrieb, das klein geschnittene Grün und Senf mit Gemüse mischen und Nudeln untermengen.
Dann je ein Reisblatt ca. 15 Sekunden im warmen Wasser untertauchen, bis es biegsam ist. Zwei bis drei große Löffel Füllung in der Mitte platzieren, die Enden einschlagen und vorsichtig einrollen. Dann mit Wasabi und/oder Soja-Sauce genießen.
Womöglich ist ein bisschen Übung nötig – nicht verzweifeln, viel genießen!

Guten Appetit

P.S.: Mehr Infos zum Ursprung dieser Rezeptidee – den vietnamesischen Salatrollen – finden Sie hier.

Zeigen, was fehlt

Von Milena Österreicher · ·

Neue Alben von Katerina Papadopoulou, Abaji und Yat-Kha.

Die auf dem Album „Anástasis“ interpretierten Lieder und Melodien stammen aus Kleinasien, der Ägäis, Thrakien, Mazedonien, Pontos und Süditalien. Für diese Begegnung hat die griechische Sängerin Katerina Papadopoulou alte griechische Musiktraditionen zusammengetragen und interpretiert. Sie gilt als eine der wenigen, die die Kunst dieser alten Musik weiterführt, und wird für die Beherrschung diverser Gesangsstile und deren Kombination mit ihrem eigenen vokalen und musikalischen Ausdruck geschätzt. Katerina Papadopoulou hat mit verschiedenen Vertreter*Innen des traditionellen Musikbereichs Griechenlands wie Domna Samiou zusammengearbeitet. Auf ihrer musikalischen Erkundungsreise wird sie von einem Ensemble begleitet, das alte Instrumente wie Kanun, Oud und kretische Lyra im Gepäck hat.

Seltene Instrumente. Der Sänger und Multi-Instrumentalist Abaji aus dem Libanon stammt aus einer Familie mit griechisch-armenischen Wurzeln. Bis heute befindet er sich auf einer langen musikalischen Reise, die ihn um die Welt führt. Stets die Verbindung zwischen Ost und West suchend, geht die Auseinandersetzung weit tiefer als bei den mitunter nur kurzen Momenten der Begegnung, die auf der Bühne geteilt werden können.

Seine Inspirationen zieht Abaji auch auf seinem neuen Album „Blue Shaman“ aus orientalischer, arabischer und europäischer Musik, auch Blues spielt eine gewisse Rolle. Wichtig sind dabei die zahlreichen, mitunter seltenen Instrumente aus allen Teilen der Welt, die zum Einsatz kommen. Dazu gesellt sich Abajis intensive, geraute Stimme, mit der er Texte in arabischer, griechischer, armenischer, englischer und französischer Sprache gesanglich vorträgt.

Spezieller Untertongesang. Yat-Kha heißt die Gruppe um Sänger Albert Kuwesin aus der autonomen russischen Republik Tuwa, dem geografischen Zentrum Asiens. „We Will Never Die“ ist Yat-Khas achtes Studioalbum seit Gründung der Formation kurz vor dem Ende der Sowjetunion 1991. Kuwesin ist nun bereits eine Legende und gilt längst als einer der besten Kehlkopfsänger Zentralasiens. Er beherrscht Kanzat, eine spezielle Form des Untertongesanges, die besonders tief und kratzig klingt. Da konnte Tom Waits in keiner Phase seiner Karriere mithalten.

Kuwesin spielt auf seinem neuen Album Gitarre, Perkussion und Komuz, eine zwei- bzw. dreisaitige, gezupfte Langhalslaute ohne Bünde. Unterstützt wird er von seinem langjährigen Weggefährten Scholban Mongusch mit seiner Igil, der Pferdekopfgeige. Neben Eigenkompositionen finden sich auch wieder erstaunliche Cover-Versionen: „Solitude“ von Black Sabbath und „While My Guitar Gently Weeps“ von den Beatles.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur des „Concerto“, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

SDGs: Weckruf durch Covid-19

Von Milena Österreicher · ·

Yoga wird hierzulande von den meisten als eine sportliche Freizeitbeschäftigung mit Wellnessfaktor gesehen und erfolgreich vermarktet. Die Stile und Schulen sind divers, die Meinungen dazu auch: neben traditionellen Yoga-Arten wie Ashtanga Yoga werden heute u.a. auch Lach-, Nackt-  oder Ziegen-Yoga geboten. Hauptsache gesund und Om.

In diesem Dossier liegt der Fokus weniger darauf, wie Yoga auf Körper und Geist wirkt, als vielmehr darauf, was die Menschen im Laufe der Zeit und – inzwischen – weltweit daraus machen, auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene.

Es geht um eine glänzende Erfolgsgeschichte und deren Schattenseiten: Kämpfe um Patente, überzogene Erwartungen, Kritik an Heilsversprechen und auch sexuellem Missbrauch. Ein Beitrag zur Erweiterung des Yoga-Horizonts.


28        Entwicklung: Von der Tradition zum Trend

30        Brückenbauer: Krishnamacharya

32        Umkämpft: Yoga in Politik und Wirtschaft / Missbrauch in der Yoga-Welt

34        Porträt: Yoga als sozialer Dienst

36        Interview: Von gestern für morgen

37        Kommentar: Etwas mehr Demut, bitte!


Redaktion: Christina Schröder

Die Südwind-Magazin-Redakteurin ist seit 15 Jahren Yoga-Praktizierende.

Für yogische Gelassenheit

Von Milena Österreicher · · 2021/Mai-Jun

Bei uns hat Sternanis im Winter Hochsaison: Als Geschmacksgeber für Glühwein und Tees, fürs Auge in der Weihnachtsdekoration und die Nase in Parfums oder Aromaölen. Die kleine rötlich-braune Frucht des immergrünen Baumes kommt aus China und Nordvietnam und gelangte im 16. Jahrhundert nach Europa.

Für den Einsatz in der Küche werden die Samen und deren verholzte acht- oder neuneckigen Hüllen am besten vermahlen. Zusammen mit Fenchel, Cassia-Zimt, Gewürznelke und Szechuanpfeffer gehört der Sternanis in der chinesischen Küche zum Fünf-Gewürze-Pulver.

In Vietnam ist das anhaltend süß und lakritzartig, aber auch ein wenig pfeffrig und säuerlich schmeckende Gewürz eine typische Zutat der Phos, der Nudeleintöpfe. Von der heilenden Wirkung des Sternanis macht die chinesische Medizin seit Jahrtausenden Gebrauch, ebenso auch die ayurvedische, u.a. bei Verdauungsproblemen oder Atemwegserkrankungen. Auch in vielen Hustenmitteln ist Sternanisöl enthalten und begleitet uns so oftmals durch die kalte Jahreszeit.       cs