Termine

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Der Redewettbewerb „Sag’s Multi“ gibt Einblick in den unglaublichen Schatz der Mehrsprachigkeit. Eine Liebeserklärung.

Seit April lenkt die diesjährige Ausgabe von „Sag’s Multi“ die Aufmerksamkeit auf die Internationalität und Diversität junger Menschen in Österreich. Es ist eine bunte Realität – und ich finde, sie macht Mut in diesen Zeiten.

Fast 400 Schüler:innen waren von ihren Schulen für den Redewettwerb des ORF (seit 2020 ist er Veranstalter) nominiert worden. 168 Schüler:innen qualifizierten sich, um vor der TV-Kamera Position zu beziehen. 38 Sprachen waren da in der Kombination mit Deutsch zu hören, in jeder Rede muss mehrmals zwischen den Sprachen gewechselt werden.

Die Mehrsprachigkeit der Teilnehmer:innen stärkt ihre Inhalte. Reden haben das Ziel zu gestalten, zu bewegen, zu verändern. Diese jungen Menschen bewegen das Publikum – selbst wenn dieses die zweite Sprache nicht versteht. Ihre Redekunst ist ein inspirierender Mosaikstein der bestehenden Vielfalt im Land.

Herzenssprachen. Diese bunte Vielfalt wird von manchen als bedrohliche, dunkelschwarze Wolke gefühlt. Österreichweit wachsen über 30 Prozent der Schüler:innen in einer mehrsprachigen Familie auf. In den Städten ist der Prozentsatz deutlich höher. In Wien liegt er im Schnitt bereits nahe der 60 Prozent.

Immer wieder zeigt sich, wie eng Sprache und Identität zusammenhängen. Ich verwende daher ergänzend zum Begriff Erstsprache gerne die Bezeichnungen Familiensprache oder Herzenssprache.

Fast 80 Prozent der Teilnehmenden stammen aus einer Familie mit Zuwanderungsbiographie. Und gerade in ihren Reden wird deutlich, wie sehr Lebenswege die Resilienz, den Blick auf Zusammenhänge globaler Herausforderungen mitprägen und festigen.

„Sag’s Multi“ lädt ein, das Zuhören zu entdecken und zu kultivieren und der Verlockung, dem Reflex, der schnellen Bewertung, der überhasteten Einordnung in eine Schublade zu widerstehen.

Eine Gelegenheit, den eigenen Blickwinkel über territoriale, sprachliche, weltanschauliche Grenzen hinaus zu erweitern.

Sechs bis acht Minuten dauert eine Rede, deutlich länger als die schnell getakteten Beiträge auf den Sozialen Medien.

Akzente setzen. Es ist ermutigend, was diese wortgewandten Schüler:innen sagen. Wie sie für Demokratie und Menschenrechte eintreten, für Frauen- und Kinderrechte, wie sie sich mit den Themen Bildungsgerechtigkeit und Klimakatastrophe auseinandersetzen oder den Chancen und Gefahren neuer Kommunikationstechnologien.

Die Redner:innen von „Sag’s Multi“ können zudem Vorbilder für Gleichaltrige sein um ihre Mehrsprachigkeit zu schätzen und an ihr zu arbeiten. Und für Erwachsene sind die Reden eine – oft auch unbequeme – Einladung sich den Perspektiven junger Menschen auszusetzen. Denn: wer diesen jungen Menschen nur für ihre Mehrsprachigkeit auf die Schulter klopft, der hat die Botschaft des Wettbewerbes noch nicht ganz verstanden.

Peter Wesely, langjähriger Journalist und Pressesprecher, hat den Wettbewerb 2009 erfunden und ihn seither begleitet. Die „Sag’s Multi“-Beiträge sind nachzusehen in der ORF TV-Thek: sagsmulti.orf.at

Dekolonisierung jetzt!

Von Redaktion · · 2024/Mai-Jun

„Reisen und Tourismus bricht alle Rekorde in 2024“, frohlockte das World Travel & Tourism Council WTTC in einer Presseaussendung Anfang April. Der Sektor würde global gesehen „an seinem Vor-Pandemie-Reichtum vorbeirauschen“, so die Jubelmeldung weiter.

In der Covid-Zeit bemerkte man beim Spaziergehen, wie angenehm leise es ohne die donnernden Landeanflüge über Wien oder wegen weniger Starts in Linz-Hörsching und anderswo geworden war.

Von der Krisenzeit können wir mitunter lernen, hieß es damals: Vielleicht geht’s ja auch nach der Pandemie mit weniger? Weniger Flugverkehr, generell weniger Massentourismus – dafür mehr Ruhe, bessere Luft und weniger Gedränge bei Sehenswürdigkeiten.

Nun sind wir also wieder mittendrin im Wettlauf um Rekorde. Der Flugverkehr hierzulande verursachte 2023 um 40 Prozent mehr klimaschädliche Emissionen als im Jahr 2022.

Auch wenn viele Menschen ihren Lebensstil adaptiert haben und umweltfreundlicher reisen – die Trends zeigen: es bedarf gesetzlicher Regelungen wie das Flugverbot für innerösterreichische Kurzstrecken oder eine Kerosinsteuer. Und Parteien, die Klimapolitik im Fokus haben. Im Wahljahr 2024, und darüber hinaus.

Global-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2024/Mai-Jun

Diana Jembuel ist preisgekrönte Journalistin. Anstatt in einer Redaktion zu arbeiten, schult sie lieber die nachkommenden Generationen.

Die Tasche für die Reise in den kolumbianischen Süden ist schon gepackt. „Morgen geht es los. Eine Woche wird das Seminar dauern, das wir in Putumayo mit indigenen Anführer:innen machen“, erklärt Diana Jembuel mit einem optimistischen Lächeln. Die 39-Jährige hat gute Laune, denn seit einem Monat ist sie wieder frei. Die letzten beiden Jahre als Generalsekretärin des Cabildo, der indigenen Selbstverwaltung, waren hart. Zwei Jahre, in denen sie viel Papierkram, viele Diskussionen zu bewältigen hatte.

Nun ist die Amtsperiode vorbei, sie kann wieder das machen, was sie will: Seminare geben, Artikel schreiben, Journalismus unterrichten. Drei Dinge, für die die quirlige, muntere Frau brennt: „Schon als kleines Mädchen ist mir aufgefallen wie diskriminierend über uns indigene Menschen in den Medien geredet und berichtet wurde – wir waren ‚die aus dem Dschungel‘. Das hat mich verletzt. Fortan habe ich mir gewünscht eines Tages dazu beizutragen dieses Stigma aufzulösen“, sagt Jembuel.

Früher Start. Den Steilpass dazu hat ihr ihre Mutter geliefert. Alle drei Töchter schickte die resolute Frau als Jugendliche zum Lokalsender Namuy Wam Estéreo in Silvia. Die kleine Stadt im Verwaltungsbezirk Cauca, einem der gefährlichsten Kolumbiens, liegt rund zwei Fahrtstunden südlich der Millionenmetropole Cali und ist so etwas wie die inoffizielle Hauptstadt der Misak.

Die indigene Gemeinschaft ist eine von elf im multiethnischen Cauca. In Silvia ist Diana Jembuel geboren und aufgewachsen. Dort hat sie am Mikrofon, in den Workshops und Diskussionen mit den Älteren die ersten Eindrücke von der Arbeit in einem Lokalsender erhalten und wollte mehr. Medienkurse in Popayán und Santander de Quilichao, den beiden größten Städten der Region, folgten und schließlich 2012, dank eines Stipendiums, das Journalismusstudium in Bogotá. An der renommierten Universidad Externado absolvierte die meist in traditioneller Tracht der Misak gekleidete Frau ihren Bachelor-Abschluss.

Danach blieb Jembuel in der Hauptstadt, arbeitete als freie Journalistin und für die indigene Jurist:innen-Organisation Akubadaura als Presseverantwortliche. „Ich wollte wissen wie es ist, als Indigene in einer Organisation zu arbeiten, Verantwortung übernehmen, mich ausprobieren. Danach habe ich meinen Master gemacht“, erklärt sie zufrieden. Parallel dazu hat sie Reportagen aus dem indigenen Alltag für die Online-Plattform Chakana News und andere Medien publiziert.

Für ihre Video-, Podcast- und Print-Berichterstattung wurde sie vom staatlichen Fernsehsender RTVC als beste indigene Journalistin Kolumbiens 2020 ausgezeichnet, selbst das Pulitzer-Center wurde auf sie aufmerksam.

Aus Überzeugung. Trotzdem ging die Mutter zweier mittlerweile fast erwachsener Kinder zurück in ihre Gemeinde und engagiert sich bis heute für die Stärkung der indigenen Strukturen, sowie die Schulung des Nachwuchses.

„Ich arbeite als Beraterin der ersten indigenen Presseagentur ‚Agenda Propia‘, organisiere Workshops, halte Vorträge über die Rolle indigener Medien an Universitäten und nehme an Kongressen teil, wo es um den Aufbau und die Verbesserung unserer Netzwerke geht“, erklärt sie.

Im April war sie in Washington, D.C., wo sie fünf Wochen an einem Medienseminar teilnahm, ihre Kontakte in den USA und Lateinamerika ausbaute und neue Medienprojekte plante.

Pädagogische Netzwerkerin. Die Fort- und Weiterbildung und das Netzwerken im medialen Bereich sind heute ihre Steckenpferde. Während der Covid-Pandemie hat sie mit anderen Aktivist:innen landesweite Zoom-Kurse initiiert und Jugendlichen beigebracht, wie sich Mobiltelefone journalistisch nutzen lassen.

Typisch für Jembuel, die auch für die Zukunft viel vorhat: „Wir planen mit Agenda Propia ein eigenes Büro in Bogotá aufzubauen und irgendwann will ich meine Doktorarbeit schreiben“. Das Thema wird zwar noch nicht verraten. Doch sicher ist, dass es etwas mit dem Aufbau indigener medialer Strukturen zu tun haben wird.

Knut Henkel ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik. Im Februar war er auf Recherche in Kolumbien, wo er auch Diana Jembuel zum Interview traf.

Der Ausverkauf der digitalen Öffentlichkeit

Von Redaktion · · 2024/Mai-Jun

Strike A Pose (2017-2021). Diese Arbeit geht auf eine intensive Beschäftigung mit Fotografien des österreichischen Forschers und Missionars Paul Schebesta, 1887 in Schlesien geboren, zurück. Er hat mehrere Expeditionen nach Afrika und Asien unternommen und sich unter anderem für sogenannte Zwergvölker in Belgisch-Kongo interessiert. Sein Bildmaterial zeigt das vermeintlich authentische Alltagsleben der Menschen dort. Belinda Kazeem-Kamiński beschäftigt sich unter anderem mit den Selbstinszenierungen des Ethnografen. Eine Pose hat sie nicht losgelassen: Man sieht einen weißen Mann, der seinen Arm ausgestreckt hält über einem Afrikaner. „Warum muss er etwas so Offensichtliches unterstreichen? Er will wohl nicht nur seine körperliche Überlegenheit hervorheben, sondern auch seine kulturelle Erhabenheit. Sonst hätte er diese Pose nicht gebraucht. Bis heute arbeitet man in Gegensatzpaaren: Natur – Kultur, primitiv – entwickelt.“
Die Künstlerin verdeckt die erniedrigend wiedergegebenen Personen in Fotos durch Farbflächen und nimmt so „die Würde Schwarzer Personen wahr und behütet diese Würde sorgfältig“. (Gustav Schörghofer SJ, Dezember 2023, Laudatio Verleihung des Otto Mauer Preises 2023).

Installationsansicht Schebestas Schatten
Installationsansicht Jesuitenfoyer @ Kunstdokumentation Manuel Carreon Lopez

Schebestas Schatten (2017/2021). Es gibt Bilder, auf denen man nur Schebestas Schatten sieht bzw. jenen von seiner Kamera und seinem Stativ. Ob das Absicht war, weiß man nicht. Die Künstlerin hat auf den Bildern alles abgedeckt, was von diesen Schatten ablenken könnte. „Das mache ich, weil es mir hier um die Frage geht, wie wir über Gewalt sprechen können, ohne gewaltvolle Bilder immer wieder zu reproduzieren.“ Diese Frage können wir uns heute immer noch stellen.

Unearthing. In Conversation (2017). In einer Video-Arbeit sitzt die Künstlerin in einer in Dunkelheit gehüllten Umgebung und öffnet Kartonboxen. Aus diesen nimmt sie Fotos heraus, die bearbeitet sind. Bei manchen sind Personen mit bunten Farbflecken abgedeckt, bei anderen Personen herausgeschnitten, so dass nur noch Schebesta übrig bleibt. Sie nimmt auch hier die abgebildeten Menschen in Schutz, vielleicht, um ihnen die geraubte Autonomie wiederzugeben. In diesem Video wird deutlich, dass für Belinda Kazeem-Kamiński das Teilen des Prozesses mit dem Publikum wichtig ist. Sie ertastet Möglichkeiten, wie wir unserem kolonialen Erbe begegnen können. Sie macht keine Vorschläge, gibt keine Antworten. „Ich zeige auf, wie ich mit dem Unbehagen umgehe, das mich beim Betrachten dieser Fotos erfasst hat.“

Respire (Liverpool, 2023). Für die Liverpool-Biennale hat Belinda Kazeem-Kamiński eine Mehrkanalinstallation entwickelt. Dabei war der Atem von Schwarzen Menschen zentral. Teilgenommen haben Performer:innen aus Liverpool, die sich beruflich und im Alltagsleben mit ihrem Atem auseinandersetzen. Im Video sieht man nur Personen, die einatmen und ausblasen in einen roten Luftballon. Dazu kommt eine Soundinstallation, die zusätzlich Aufmerksamkeit auf den Atem lenkt. Vom Atem ausgehend können wir beginnen, über Befreiung nachzudenken, meint die Künstlerin.

Porträt von Belinda Kazeem-Kaminski
© Esther Abiona Ojo

Zur Person

Belinda Kazeem-Kamiński wurde 1980 in Wien geboren. Sie ist Wissenschaftlerin, Autorin und Künstlerin. Ihre Arbeiten reichen von Fotografie über Video bis hin zu Performances und Publikationen.
Die Künstlerin legt neben Recherche großen Wert auf exakte technische Umsetzung mit klarer Bildsprache und aussagestarkem Sound, was oft durch die Zusammenarbeit mit anderen Künstler:innen ermöglicht wird.
Die Beschäftigung mit kolonialem und rassistischem Denken wird in vielen Arbeiten thematisiert. Auch wenn Österreich keine Kolonien besaß, gab es koloniale Bestrebungen. Und überhaupt: „Kolonialismus ist auch ein Wissenssystem. Dieses ist in viele Disziplinen eingeflossen, in die Medizin, die Philosophie, die Gerichtsbarkeit. Und daher kann sich Österreich schlecht ausnehmen. Es hat an dieser Wissensproduktion teilgehabt.“
Die Arbeiten von Belinda Kazeem-Kamiński wurden vielfach ausgestellt und mit Preisen gewürdigt. Zuletzt erhielt sie in Wien den Otto Mauer Preis 2023.

Brigitte Pilz

Faktencheck widerlegt Mythen zum EU-Lieferkettengesetz

Von Redaktion · ·

GLOBALE ANSICHT: Diese im Jahr 1597 von Cornelius van Wytfliet veröffentlichte Weltkarte war die erste anerkannte Darstellung, die annähernd die gesamte „Neue Welt“, also Amerika, beinhaltete.

Auslandsadoptionen neu aufgerollt

Bangladesch

Fast 50 Jahre lang mussten Betroffene darauf warten: jetzt werden in Bangladesch Ermittlungen eingeleitet, um die Umstände der Auslandsadoptionen einer Reihe von Kindern zwischen 1976 und 1979 zu untersuchen. Frauen, die nach dem Unabhängigkeitskrieg 1971 in Flüchtlingslagern lebten, wurde damals gesagt, dass sich ein Pflegeheim um ihre Kinder kümmern würde. Stattdessen wurden sie von Paaren in den Niederlanden adoptiert. Wie der britische Guardian berichtet, ist es das erste Mal, dass die Polizei den historischen Vorwürfen nachgeht.

Erdwärme als Energiequelle

Kenia

Klimafreundlicher Strom aus Geothermie ist im Kommen, auch in Kenia. Das ostafrikanische Land gewinnt daraus fast 50 Prozent seines Stroms und ist heute der siebtgrößte Produzent von Erdwärme auf der Welt.

Ideale Bedingungen finden sich entlang des ostafrikanischen Grabenbruchs, der durch die Abspaltung der arabischen von der afrikanischen Erdplatte vor Millionen Jahren entstanden ist. In Olkaria, am Rande des Hell’s Gate National Park nördlich von Nairobi, produzieren fünf Geothermiekraftwerke fast 900 Megawatt. Diesen Wert will die kenianische Regierung bis Ende des Jahrzehnts verfünffachen.

Kamau Daniel Mwaura / CC BY-SA 4.0

Klage gegen Repsol

Peru

Mehr als 34.000 Peruaner:innen haben den Konzern Repsol vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen einer vor zwei Jahren von dem spanischen Öl- und Gasproduzenten verursachten Ölpest verklagt. Der Ausstoß von fast 12.000 Barrel Rohöl im Jahr 2022 in der von Repsol betriebenen Raffinerie La Pampilla gilt als schlimmste Umweltkatastrophe Perus. Der Unfall hatte nicht nur erhebliche Auswirkungen auf die Einnahmequellen und Lebensbedingungen der Küstenbewohner:innen, sondern ließ auch viele Tiere sterben, darunter akut vom Aussterben bedrohte Arten.

Escudero Carina / CC BY-SA 4.0

Friedensforscher Galtung gestorben

Norwegen

Er war Politikwissenschaftler, Soziologe und Friedensforscher: Johan Galtung, Jahrgang 1930, ist Mitte Februar 93-jährig verstorben. 1959 gründete er in Oslo das Institut für Friedensforschung (PRIO) und prägte über Jahrzehnte die Friedens- und Konfliktforschung. Er erhielt 1987 den Right Livelihood Award, „Alternativer Nobelpreis” genannt. Auch Journalismus reflektierte er immer wieder in seiner Arbeit.

Archivtipp: Im Jahr 2000 interviewte das Südwind-Magazin Galtung zu den Themen Krieg, Friede, EZA und NGOs: suedwind-magazin.at/kriege-werden-verschwinden

476 Jahre

Seit 2020 haben die fünf reichsten Männer der Welt – Elon Musk, Bernard Arnault, Jeff Bezos, Larry Ellison und Mark Zuckerberg – ihr Vermögen mehr als verdoppelt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam, die beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos veröffentlicht wurde. Würde jeder der fünf täglich eine Million US-Dollar ausgeben, würden sie 476 Jahre benötigen um ihr gesamtes Vermögen zu verbrauchen.

E-Mail aus: Guatemala

Von Redaktion · · 2024/Mar-Apr

Trotz der eskalierenden Gewalt in Nahost gibt es Stimmen, die nicht aufhören an Versöhnung und gegenseitigem Verständnis zu arbeiten. Eine davon ist Robi Damelin von der 1995 gegründeten NGO The Parents Circle.

Robi Damelin weiß, was es heißt, sein eigenes Kind begraben zu müssen. 2002 wurde ihr Sohn David während seines Militärdienstes in der Westbank von einem palästinensischen Scharfschützen getötet. So unendlich sich der Schmerz auch anfühlte, Hass war für Damelin keine Option.

In der Organisation The Parents Circle fand sie Menschen, die ihr zuhörten. Von den über 600 Familien der israelisch-palästinensischen NGO haben alle Angehörige im jahrzehntelang andauernden Konflikt verloren. Heute ist Damelin Direktorin für internationale Beziehungen bei The Parents Circle.

Ziel der Organisation ist es, einen Versöhnungsprozess anzustoßen. Grundlage dafür sei der Dialog, so Damelin. In kleinen Gruppen besuchen sie daher Erinnerungsstätten, um die jeweils andere Position zu verstehen.

Initiativen bleiben dran

The Parents Circle wurde 1995 vom Israeli Yitzhak Frankenthal gegründet. Die ersten Palästinenser:innen, die der Organisation 1998 beitraten, waren Familien aus Gaza. In Israel und Palästina gibt es eine Vielzahl an Friedensorganisationen, die ähnliche Ziele verfolgen. Peace Now setzt sich seit 1978 für eine Zweistaatenlösung ein. Die 2014 gegründete Organisation Women Wage Peace betrachtet den Konflikt aus einer Gender-Perspektive. Ebenso setzt sich die palästinensische Partnerorganisation Women of the Sun für eine Ermächtigung der Frau in der Gesellschaft und damit auch im Friedensprozess ein. Und die israelische Graswurzelbewegung Standing Together macht sich seit 2015 für einen Dialog arabischer und jüdischer Israelis stark.

Empathisch zuhören. „Fixpunkt der Touren ist die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, weil es grundlegend ist, diesen Teil der DNA des jüdischen Volkes und die daraus hervorgehende Angst zu begreifen“, sagt Damelin. Eine weitere Station ist das ehemalige Palästinenserdorf Lifta zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Das Dorf gilt als Mahnmal für die Vertreibung palästinensischer Bevölkerungsteile 1948.

Mit im Team sind zwei Professoren, ein Israeli und ein Palästinenser, die die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen. „Für die Israelis ist 1948 das Jahr der Gründung des israelischen Staates, für die Palästinenser:innen ist es das Jahr der Nakba, der Katastrophe“, so die Friedensaktivistin.

In Folge wird über alle wichtigen Daten gesprochen: die Kriege von 1967 und 1973, die beiden Intifadas, also die palästinensischen Aufstände, sowie der Libanonkrieg 2006 – alles aus beiden Perspektiven.

Ziel sei es, einander empathisch zuzuhören, auch wenn man vielleicht nicht übereinstimmt, sagt Damelin: „Wenn du bereit bist zuzuhören, kommt irgendwann der Punkt, an dem man miteinander sprechen kann.“ Etwa 2.000 Israelis und Palästinenser:innen haben das Programm in den vergangenen Jahren durchlaufen.

NGO vs. Regierung. Doch die Friedensinitiative hat auch Gegner:innen. Seit Jahren besuchen Mitglieder von The Parents Circle israelische Schulen, um Kindern eine Art Friedenserziehung mit auf den Weg zu geben. „Die aktuelle Regierung empfand das offenbar als gefährlich und verbannte uns von den Schulen“, erzählt die Aktivistin. Zahlreiche Direktor:innen widersetzen sich jedoch dem Erlass der rechts-religiösen Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und laden die Organisation weiterhin an ihre Schulen ein.

Auch das von The Parents Circle jährlich organisierte Sommercamp für 50 israelische und palästinensische Kinder ist der Regierung ein Dorn im Auge. Nur indem die deutsche und US-amerikanische Botschaft ihre Kontakte nutzten, kann das Camp weiterhin stattfinden, so Damelin. Die aktuelle Regierung, die Ende 2022 ihr Amt antrat, sei die erste, die gegen ihre Arbeit vorgeht: „Wir wissen nicht, wohin das alles führen wird.“

Als am 7. Oktober 2023 die Hamas und andere Terrorbrigaden Israel überfielen und der Krieg in Nahost begann, erschütterte das auch die NGO. Kinder, die gemeinsame Zeit im Sommercamp verbrachten, wollten plötzlich nicht mehr miteinander sprechen. Zerbrochene Beziehungen zu reparieren, ist seit dem Kriegsausbruch ein wichtiger Teil der Arbeit von The Parents Circle. „Erst vor zwei Wochen sagten die Kinder, okay, wir sind wieder bereit, einander zu treffen und mit der Arbeit fortzufahren.“

Die Organisation besucht auch Familien, die Angehörige beim Massaker am 7. Oktober verloren haben. Am wichtigsten sei es, ihnen zuzuhören. „Als ich meinen Sohn verlor, waren es andere Mütter, die ebenso Kinder verloren hatten, die mir wirklich Trost spenden konnten“, so Damelin. „Nur sie konnten mich wirklich verstehen.“ Für die Angehörigen Getöteter und Entführter ist das sehr schmerzhaft, viele seien wütend: „Aber die Tatsache, dass wir miteinander reden und weiterarbeiten, gibt Hoffnung.“

Aus Verlust lernen. „Wollen wir Frieden, müssen wir miteinander sprechen“, antwortet Damelin auf die Frage, wie es nach all der Eskalation weitergehen könnte. Es sei eine Zeit großer Angst und die komme davon, dass sich Menschen auf den zwei Seiten nicht kennen. Sie sehe das beim Sommercamp, wo israelische und palästinensische Kinder zunächst auf Abstand gehen. „Doch irgendwann bemerken die Kinder, dass sie die gleichen Turnschuhe tragen und die gleiche Musik hören“, sagt sie. Plötzlich würden sie entdecken, wie viel Spaß sie zusammen haben können.

Es seien diese unterschwellige Angst und die Traumata der Kriege, die den Konflikt befeuern. „Was für ein Mensch wirst du, wenn du in Gaza aufwächst und es alle zwei Jahre Krieg und Bomben gibt?“, fragt Damelin. „Und wenn du im Süden Israels wohnst und ständig mit Raketen beschossen wirst, in Sorge, nicht schnell genug in einen Schutzraum zu kommen, was macht das mit dir?“

Diese Traumata auf beiden Seiten prägen Generationen. Der aktuelle Krieg mache das alles noch viel schwieriger.

Und der Nahostkonflikt endet nicht an den Grenzen Israels und Palästinas. „Staaten sind entweder pro Palästina oder pro Israel und importieren unseren Konflikt in ihr Land, was dort zu einem Anstieg von Antisemitismus und Islamophobie führt“, so die Direktorin für internationale Beziehungen bei The Parents Circle. Jede:r sei plötzlich Expert:in für den Nahen Osten. Aber wenn man die Menschen etwa frage, was der antisemitische Slogan „From the river to the sea“, der aktuell international bei Demonstrationen oft skandiert wird, tatsächlich bedeute, oder wo Gaza auf der Landkarte zu finden ist, hätten sie keine Ahnung. Damelin: „Das ist sehr gefährlich.“

Sie rät den Menschen daher, sich für Frieden einzusetzen. „Hört auf, Partei zu ergreifen, lernt stattdessen aus Geschichten von Verlusten“, sagt sie. „Hört palästinensischen und israelischen Müttern zu, die ihre Kinder verloren haben.“ Mitgefühl, nicht Hass, das sei das Gebot der Stunde.

Markus Schauta lebt als freier Journalist in Wien und berichtet für deutschsprachige Medien aus dem Nahen Osten.

Space Race 4.0

Von Redaktion · · 2024/Mar-Apr

Doku 2024, 52 Min.
Arte, 19. März um 21:45 Uhr

Obst und Gemüse landet das ganze Jahr über in unseren Einkaufskörben. Doch die Lieferketten beruhen oft auf der Ausbeutung von Erntehelfer:innen und Agrarbetrieben. „Bittere Früchte“ recherchiert das System Schritt für Schritt nach und legt offen, wie Tiefstpreis-Versprechen eine moderne Form der Sklaverei etablieren.

Eskalation in Ecuador

Von Redaktion · · 2024/Mar-Apr

Die deutsche Physikerin und Klimatologin Friederike Otto zeigt in ihrem neuen Buch „Klimaungerechtigkeit“, was die Klimakrise mit Kolonialismus zu tun hat.

Von Lotte Blumenberg

Kapstadt, Frühjahr 2018: In der Metropole geht die Angst vor dem Tag null um, dem Tag, an dem kein Wasser mehr aus den Leitungen kommt. Fast vier Millionen Einwohner:innen, von denen mindestens 1,5 Millionen in Townships leben, sind von der anhaltenden Dürre bedroht.

Der „Day Zero“ in Kapstadt ist nicht eingetreten, aber die Ereignisse dienen als Warnung für die Zukunft. Mit diesem und anderen Beispielen macht die deutsche Physikerin und Klimaforscherin Friederike Otto in ihrem Buch „Klimaungerechtigkeit“ deutlich, wer besonders betroffen ist von Extremwetterereignissen. Sie liefert Fakten, verweist auf viele Quellen und verknüpft die Klimakrise und ihre Folgen mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus.

Fossile Konzerne am Pranger

Hitze, Dürre, Feuer und Flut: Für jedes Extremwetter greift die bekannte deutsche Physikerin und Klimawissenschaftlerin zwei Beispiele aus den vergangenen Jahren auf. Von der Hitzewelle in Kanada, über die Dürre in Südafrika bis zur Flutkatastrophe im deutschen Ahrtal: Otto geht es besonders um die Folgen für die betroffenen Menschen.

Für die Autorin ist die Klimakrise „ein Symptom der globalen Krise der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, nicht ihre Ursache“. Ungleichheit sei noch immer stark mit dem Kolonialismus verknüpft und unser Handeln werde bis heute von der Ausbeutung von Natur und Menschen bestimmt. Sie stellt fossile Konzerne an den Pranger, deren Kampagnen die Menschen ermutigen würden, weiter Gas und Öl zu verbrennen. Glaubenssätze wie, dass ein Auto unverzichtbar sei, hätten mehr mit der Autolobby zu tun als mit unseren innersten Bedürfnissen.

Schlechte Infrastruktur für Wetterdienste

Als konkretes Beispiel, wie sich die Ungleichheit manifestiert, nennt Otto unter anderem die schlechte Ausstattung von Wetterdiensten in vielen afrikanischen Ländern. Hitzedaten oder Hitzewellen würden nicht systematisch erfasst. Offiziell gibt es daher kaum Hitzetote und somit weder ein Bewusstsein dafür, wie gefährlich Hitze sein kann, noch Hitzeschutzmaßnahmen für die Bevölkerung. Globale Datenbanken für Hitzedaten seien Teil des Problems, da sie größtenteils in Ländern des Westens geführt und ausgewertet werden. An den Folgen der Klimakrise sterben somit „diejenigen, die wenig Geld haben und sich nicht ohne Weiteres ausreichend mit Informationen versorgen können“, schreibt die Klimaforscherin.

Neue Narrative dringend gesucht

Der Klimawandel sei kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern ein Anlass, gemeinsam Dinge zu ändern. Damit das gelingen kann, plädiert Otto für neue Narrative und bessere Geschichten, „als die von der Angst vor den Kipppunkten, des Nie-mehr-Fliegens oder des Zurückdrehens der Globalisierung”. Die Historikerin und Aktivistin Rebecca Solnit habe ein solches neues Narrativ geschaffen, mit ihrem Gedanken, die Geschichte andersherum zu erzählen: „dass unser jetziges Leben voller Härten und Entbehrungen ist und Reichtum und Überfluss erst noch kommen werden”. Sinnvolle Maßnahmen gegen den Klimawandel würden der großen Mehrheit der Menschen ein besseres Leben als heute ermöglichen.

Lotte Blumenberg schreibt als freie Journalistin u.a. über Ungleichheit, Rassismus und Feminismus. Sie hat Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung studiert und lebt in Wien.


Friederike Otto: Klimaungerechtigkeit. Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus zu tun hat. Ullstein Hardcover 2023, 336 Seiten, 24,50 Euro

Die Hüterin der Wälder

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Für mehr Spieltrieb im Alltag. Kommentar von Alexander Pfeiffer.

Beim Thema Gesellschaft & Spiele sollten wir Johan Huizinga und sein Konzept des „Magic Circle“, des magischen Kreises, nicht außer Acht lassen. Huizinga prägt in seinem Buch „Homo ludens“ (1938) die Vorstellung von Räumen, in denen die normalen Regeln des Alltags pausieren und das Spiel beginnt. Wenn wir dies auf unser gesamtes Leben anwenden, also auch auf die per se „spielfremden“ Bereiche, könnten viele solcher Kreise existieren, in denen jeder Lebensbereich  eigenen Regeln folgt. Sei es Arbeit, Freizeit oder (Liebes-)Beziehungen.

Diese Kreise überlappen sich und formen die Komplexität unseres Lebens und können potenziell von einzelnen Personen in ihrer Gesamtheit oder in einzelnen Bereichen als Spiel wahrgenommen werden. Dann sind wir eben beim Konzept der sogenannten Gamification angekommen.

Kreativ reagieren. Diese Perspektive erlaubt es uns, das Leben als eine Sammlung sich überlappender „Magic Circles“ zu betrachten. Sie könnte uns helfen, flexibler und kreativer zu sein und Herausforderungen spielerisch zu begegnen. Das bewusste Erkennen und Gestalten der verschiedenen Rollen, die wir in diesen Kreisen spielen, hilft uns womöglich, den ständig wechselnden Anforderungen des Lebens gerecht zu werden.

Dabei sollte jedoch immer, wie der bekannte Medien- und Spielpädagoge Winfred Kaminski betont, eine Über-Gamifizierung vermieden werden – egal in welcher Lebenslage.

Denn wenn unser Leben zu einem permanenten Game wird, könnte das Spielen selbst an Bedeutung verlieren. Es geht darum, das Spiel bewusst als Bereicherung zu erleben und zu genießen.

Alexander Pfeiffer ist Leiter des Emerging Technologies Experiences Lab an der Universität für Weiterbildung Krems im Zentrum für Angewandte Spieleforschung.
donau-uni.ac.at/emtech-lab

Jenseits von Grenzen und Trennlinien

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Spätestens im Herbst können Bewohner:innen Österreichs wieder mitreden, wer in den Nationalrat einzieht. Allerdings ist ein immer größer werdender Bevölkerungsanteil von diesem Privileg ausgenommen: Die Menschen ohne österreichische Staatsbürger:innenschaft, die aber sonst als Teil des Staates Steuern und Sozialabgaben zahlen und die Bevölkerungsstatistiken füllen.

Am Beispiel Wien wird das besonders deutlich: Im Oktober 2023 hat die Stadt die Zwei-Millionen-Einwohner:innen-Marke geknackt – rund ein Viertel davon darf bei Wahlen auf Bundes- und Gemeindeebene nicht mitbestimmen. Bei Bezirkswahlen können einige wenige Wiener:innen mit EU-Staatsbürgerschaft zur Urne schreiten. Der Rest kann nicht einmal im eigenen Grätzl Politiker:innen „einen Stimmzettel verpassen“.

Blick zurück ins antike Athen – der „Wiege der Demokratie“: Zwischen 10 und 20 Prozent der im Stadtstaat Lebenden waren wahlberechtigt. Nur „freie Bürger“ hatten dieses Privileg, keine Frauen, keine Kinder, keine Sklav:innen. Wobei letztere etwa ein Drittel der Einwohner:innen stellten.

Dass es 2.000 Jahre später noch immer für viele ein unerreichbares Privileg ist, wählen zu dürfen, ist eine demokratiepolitische Schande.

Softball für Selbstbestimmung

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Nach sieben Jahrzehnten Diskussion über Frauenquoten wurde in Indien ein entsprechendes Gesetz verabschiedet – ein Schritt zu mehr Frauen in der Politik.

Ausgerechnet unter der Regierung des rechtsgerichteten Premierministers und Hindu-Nationalisten Narendra Modi wurde eine parlamentarische Frauenquote verabschiedet. Dadurch soll ein Drittel der Sitze im nationalen Parlament sowie in jenen der Bundesstaaten an weibliche Abgeordnete gehen. Modi selbst, der gerade zwei Frauen auf den 28 Kabinettsposten hat, bezeichnete diesen Schritt zumindest als „entscheidenden Moment auf der demokratischen Reise unserer Nation“.

Das Ziel scheint aber noch weit entfernt. Derzeit sind 104 von 788 Abgeordneten im nationalen Parlament weiblich. Auch in den Regionalparlamenten sind Frauen stark unterrepräsentiert. „Zeigen diese Daten, dass Indien eine ,repräsentative Demokratie‘ ist?“, fragte Fauzia Khan, eine 66-jährige oppositionelle Abgeordnete. „Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus und haben weniger als 15 Prozent der parlamentarischen Stimmen, obwohl sie in vielen anderen Bereichen stark vertreten sind“, betont Khan.

Jahrelange Diskussion. Der Vorschlag, ein Drittel der Sitze an Frauen zu vergeben, wurde in Indien schon in den 1970er Jahren diskutiert. Im Parlament vorgestellt wurde die Quotenregelung für die Parlamente seit 1996 mehrmals – sie wurde aber bis jetzt von konservativen Mehrheiten abgelehnt.

Nicht so auf lokaler und kommunaler Ebene: 1992 wurde dort bereits ein Drittel der Sitze der politischen Gremien für Frauen reserviert. Diese Regelung wurde von einigen Regionalregierungen sogar auf 50 Prozent ausgeweitet.

Aber die gelebte Realität schaut im stark patriarchal geprägten Indien oft anders aus: Der Ehemann nimmt in vielen Fällen anstelle der gewählten Frau an öffentlichen Sitzungen teil und übt auch schriftlich ihr Amt aus, während sie zu Hause bleibt. Daher glauben Kritiker:innen, dass es so ähnlich auch auf der parlamentarischen Ebene passieren und die nationale Frauenquote zur Farce werden könnte.

Und: „Wann das Gesetz in Kraft treten soll, geht aus dem verabschiedeten Gesetzesentwurf nicht klar hervor“, kritisiert Sonia Gandhi, Parlamentarische Vorsitzende der größten Oppositionspartei, der Indischen Kongresspartei.

Nach Angaben der Regierung kann das nämlich erst nach der für 2026 geplanten Neueinteilung der Wahlkreise sein. Abhängig von der Bevölkerungsgröße wird die Anzahl der Sitze des Unterhauses („Haus des Volkes“, eine von zwei Parlamentskammern) und die der bundesstaatlichen Parlamente adaptiert. Die dafür nötige Volkszählung war für 2021 geplant, wurde wegen der Covid-Pandemie verschoben und noch immer nicht gestartet. Indien ist die größte Demokratie der Welt und hat mit 952 Millionen die meisten Wahlberechtigten. Und so könnte sich die Umsetzung der Frauenquote laut Einschätzungen von Beobachter:innen von 2029 bis 2034 hinausziehen.

Indien

Hauptstadt: Neu-Delhi

Fläche: 3,29 Mio. km2 (siebtgrößtes Land der Welt)

Einwohner:innen: 1,42 Mrd. (China 1,41 Mrd.)  

Human Development Index (HDI): Rang 132 von 191 (Österreich 25)

BIP pro Kopf: 2.388 US-Dollar (2022, Österreich: 52.131 US-Dollar)

Regierungssystem: Parlamentarische Bundesrepublik. Das indische Parlament besteht aus zwei Kammern: dem „Haus der Staaten“ und dem „Haus des Volkes“. Der Führer der Mehrheitspartei in Letzterem wird üblicherweise indischer Premierminister. Seit 2014 ist das Narendra Modi mit der Partei „Bharatiya Janata Party“. Die 28 Bundesstaaten haben jeweils ein Parlament.

Wählerinnenstimmen gefragt. Bei den Parlamentswahlen 2019 war die Beteiligung unter den Frauen so hoch wie nie zuvor. Und: Sie wählten mehrheitlich Modis rechtskonservative Partei „Bharatiya Janata Party“.

Expert:innen sind der Meinung, dass er sich als Parteiführer und Premierminister des Potenzials der Wählerinnenstimmen bewusst ist und seine Politik darauf ausrichtet, um auch in Zukunft – etwa bei den Parlamentswahlen 2024 – davon zu profitieren. So startete er die Kampa-
gne „Save daughter, educate daughter“ (Tochter retten, Tochter bilden), versprach finanzielle Unterstützung für Töchter bis zum Alter von 21. Er war es auch, der das Thema Frauenquote wieder im Parlament zur Sprache brachte.

Aber Wählen ist eine Sache – ein politisches Amt auszuüben eine andere: Von den insgesamt über 8.000 Kandidat:innen bei den Parlamentswahlen 2019 waren nur 9 Prozent Frauen. Von ihnen errangen knappe 15 Prozent einen Sitz im Parlament. Das ist zwar ein leichter Aufwärtstrend seit 1989, aber im internationalen Vergleich hinkt Indien hinterher.

Einflussreiche Frauen. Dabei bekam Indien 1966 als eines der ersten Länder weltweit mit Indira Gandhi eine Premierministerin. Neben ihr gab es weitere Frauen in politisch hohen Ämtern. Die schon erwähnte Sonia Gandhi ist mit an der Spitze der größten Oppositionspartei und damit ein aktuelles Beispiel.

Ihnen allen ist gemein, dass sie aus politisch einflussreichen Familien stammen – und deren politisches Erbe weiterführen.

Um Ausgleich zu schaffen, fordern daher viele Oppositionsparteien auch eine Quote für Frauen aus Gemeinschaften und Kasten, die einen geringen Stellenwert in der Gesellschaft haben.

Während Frauen aus wohlhabenden Kreisen in verschiedenen Bereichen wie Kunst, Wissenschaft und Technologie stark vertreten sind, ist die politische Arena Indiens immer noch eine Männerbastion. Ein Grund, warum viele davor zurückschrecken, diese zu betreten, ist die offene Diskriminierung. Sexismus gegenüber Politikerinnen ist keine Seltenheit. Vor Kurzem erntete der Zuruf von einem Abgeordneten im Parlament „Geh nach Hause kochen!“ an eine weibliche Kollegin unter den männlichen Zuhörern Applaus.

Andere Abgeordnete rechtfertigten in der Vergangenheit Vergewaltigungen und sexuelle Belästigung öffentlich mit der in ihren Augen zu freizügigen Bekleidung der Opfer.

Hoffen auf Veränderungen. Aus einer kürzlich durchgeführten Umfrage der US-amerikanischen Denkfabrik Pew Research Center geht hervor, dass die Mehrheit der Befragten Frauen in politischen Ämtern akzeptiert, aber immer noch die traditionellen Geschlechterrollen in der Familie bevorzugt: das heißt, nach wie vor Söhne den Töchtern vorzieht und Frauen eher für traditionelle Aufgaben wie Kinderbetreuung, Küchen- und Haushaltsführung geeignet hält.

Anderen Studien zufolge verbringen indische Frauen 7,2 Stunden pro Tag mit unbezahlter Arbeit, verglichen mit 2,8 Stunden bei indischen Männern. Außerdem liegt die Erwerbsquote der Frauen mit weniger als 24 Prozent deutlich unter jener der Männer mit 81 Prozent.

Politisches Engagement ist nicht zuletzt eine Frage von Zeitressourcen: „Mehr Frauen als politische Entscheidungsträgerinnen würden hoffentlich auch die Arbeitswelt neu gestalten, indem mehr formale Unterstützungssysteme, wie erschwingliche Kinder- und Altenbetreuungseinrichtungen bereitgestellt werden“, sagt Namrata Chindarkar, außerordentliche Professorin am Indian Institute of Management in Ahmedabad im westlichen Bundesstaat Gujarat.

Und: „Durch die Quote, die die politische Vertretung von Frauen auf lokaler Ebene gewährleistet, wird auch eine frauenfreundliche Politik gefördert“, sagt sie. Beispiele dafür seien die Erhöhung der Investitionen in öffentliche Güter wie Trinkwasseranlagen (vor allem auf dem Land, wo nicht jedes Haus Fließwasser hat), der Bau von Toiletten usw.

Kavita Krishnan, eine prominente Frauenrechtsaktivistin, will mehr Frauen in der Politik sehen: „Sie setzen sich nicht nur eher für die Anliegen der Frauen ein, sondern ermutigen zudem andere, ihre Stimme selbst zu erheben und die politische Arena zu betreten. So können wir auf mehr weibliche Mitbestimmung und Autonomie in der Zukunft hoffen.“

Jitendra Choubey ist als freier Journalist in Delhi tätig. Seine Schwerpunkte: Umwelt, Energie, Gesundheit und Landwirtschaft. Er berichtet u. a. für Le Monde Diplomatique und Deutsche Welle.

Global verspielt

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Die in Südostasien beliebte Sportart Sepak Takraw bringt spektakuläre Sprünge auf das Spielfeld. In Europa ist sie noch weitgehend unbekannt.

Mit einem schnellen Stoß mit dem Fuß geht der Ball über das Netz. Auf der Gegenseite stößt ein Spieler mit seinem Fuß präzise den Ball zurück, bis er dann auf der anderen Seite des Netzes nicht mehr abgefangen werden kann und auf dem Boden aufkommt. Ein Punkt für die Gegenseite.

Das Spielfeld ist deutlich kleiner als bei Volleyball, das diesem Spiel in vielen Aspekten ähnlich ist. Der Hauptunterschied ist, dass mit dem Fuß statt mit der Hand gespielt wird.

Sepak Takraw heißt diese Sportart und gehört zu einer der beliebtesten Sportarten in Südostasien, mit einem Schwerpunkt auf den Ländern Malaysia und Thailand. Diese zwei Länder haben auch dem Spiel zusammen den Namen gegeben. „Sepak“ kommt aus dem Malaysischen und heißt so viel wie kicken oder stoßen. „Takraw“ hingegen ist ein thailändisches Wort und steht für den geflochtenen Ball.

Der Ball ist eigentlich kein Ball. Er ist ursprünglich ein Geflecht aus Rattan, also nicht mit Luft aufgepumpt. Das gibt dem Ball eine spezielle elastische Eigenschaft. Für diese Sportart erweist sich das als optimal, denn der Ball wird mit dem Fuß, oder genauer mit dem Fußrücken über das Netz auf die gegnerische Seite gespielt.

Während des Spiels darf dieser Rattanball mit allen Körperteilen gespielt werden, außer mit den Händen. Die Spieler:innen – es sind vor allem Männer – springen dabei so hoch, dass sie mit den Füßen dort treten, wo Volleyballer:innen den Block spie-len. Dies führt zu so akrobatischen und spektakulären Sprüngen wie Saltos, Scherenschlägen oder Fallrückziehern.

Überall spielbar. Sepak Takraw ist außer in den Ländern Malaysia und Thailand mittlerweile in Indonesien, den Philippinen, Laos und Myanmar zu einer beliebten Ballsportart geworden. In den abgelegenen Dörfern, aber auch in den Hinterhöfen städtischer Wohngebiete lässt sich das Feld hierfür schnell und leicht abstecken. Man kann überall auf weichem oder hartem Grund spielen. Ein passendes Netz ist dann bald gefunden. Sepak Takraw wird zunächst meist als Freizeitaktivität und Zeitvertreib genutzt. Menschen kommen zusammen, um das Spiel zu genießen und eine angenehme Zeit miteinander zu verbringen. Die informellen Spiele auf Straßen oder in Parks bieten Gelegenheiten zum sozialen Austausch und zur Interaktion.

Vom Kreis zum Spielfeld. Von Großbritannien wurde in Malaysia während der Kolonialzeit das Badmintonspiel eingeführt, das aktuell – neben Tischtennis – vor allem die chinesisch- und indischstämmige Bevölkerung gerne betrieben. Sepak Takraw ist dagegen speziell in diesem Vielvölkerstaat mehr eine Domäne der Malai:innen, auch wenn es in den anderen Bevölkerungsgruppen immer beliebter wird.

Bereits im 15. Jahrhundert sollen die Menschen gegen den Ball getreten haben. Damals war es zunächst ein „Circle Game“: Die Spieler:innen standen in einem Kreis und versuchten, den Ball so lange wie möglich in der Luft zu halten, ohne Hände und Arme zu benutzen. Bei einer neueren Variante steht im Zentrum des Kreises ein Korb, in den der Ball befördert wird. Diese Variante heißt Hoop Takraw.

Das heutige Sepak Takraw hat sich jedoch als Standard in allen Bereichen durchgesetzt und wird hauptsächlich in den asiatischen Ländern Singapur, Malaysia, Laos, den Philippinen und Thailand gespielt.

Soziales Ereignis. Wegen seiner langen Geschichte hat dieses Spiel zugleich eine tiefe kulturelle Bedeutung in der südostasiatischen Region. Es wird als Symbol der nationalen Identität angesehen und gerne im Rahmen von traditionellen Feierlichkeiten gespielt, wodurch es zu einem wichtigen sozialen Ereignis wird. Da die Gesellschaft in dem stark muslimisch geprägten Malaysia vorschreibt, dass es sich für Frauen nicht geziemt, das Bein zum Kicken des Balls soweit in die Höhe zu schwingen, ist dies bisher allerdings immer noch ein vorwiegend männliches Spiel geblieben. Es gibt regionale Unterschiede und Länder wie Thailand und Vietnam haben durchaus Frauenteams. In internationalen Bewerben sind diese aber tatsächlich noch in der Minderheit.

Sepak Takraw ist zudem zunehmend auf Wettbewerbsniveau sehr beliebt. Turniere und Wettkämpfe werden auf lokaler, nationaler und vereinzelt sogar auf internationaler Ebene veranstaltet. Das Geflecht aus Rattan hat in dieser Dimension allerdings schon lange ausgedient. Seit 1984 wurde anlässlich der Einführung des Spiels auf Turnierniveau daraus ein genormtes Kunststoffprodukt.

Sepak Takraw-Spiele ziehen große Menschenmengen an, und die Teilnahme oder das Anfeuern von Teams kann ein Gemeinschaftsgefühl auslösen. Traditionelle Werte wie Fairplay, Teamgeist und Respekt werden dabei gefördert. Das Spiel ermöglicht eine integrative Umgebung, in der sich Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und aus verschiedenen sozialen Schichten auf Augenhöhe begegnen können.

Sebastian Kelbling studierte Regionalwissenschaften Südostasien, arbeitete 30 Jahre lang für internationale Organisationen und lebte in Südostasien. Aktuell ist er Lehrbeauftragter für Interkulturelle Kommunikation und Entwicklungszusammenarbeit.

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 3/2023 von suedostasien.net zum Schwerpunkt „Sport, Spiel und Freizeit in Südostasien“.

Mit Games die Welt verstehen

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Brettspiele sind immer noch von Rassismus und kolonialen Inhalten durchzogen. Was analoge von digitalen Spielentwickler:innen lernen können, erklärt die Forscher:in Sabine Harrer im Interview.

Es gibt Brettspiele, die seit Generationen beliebt sind. Wie verbreitet sind darin Stereotype und Rassismus noch?

Sie sind verstärkt zu finden. Im Buch „Playing Oppression“ wurden hunderte Spiele aus dem europäischen Raum untersucht, die das Thema Kolonialismus als Hintergrund hatten. Sehr oft geht es um exotische Orte, die sich schon in den Titeln abbilden, z. B. das Spiel „Mombasa“. Bilder vom kolonialistischen Weltbild werden da recycelt, ohne sie zu hinterfragen. Oft sind sie auch als Kinderspiele gestaltet. Kolonialismus wird unter der Annahme einer weißen Unschuldigkeit behandelt. Die Idee ist, dass das ja nur ein Spiel sei, das nichts mit Geschichte oder Politik zu tun habe.

Wie im Beispiel „Der Stern von Afrika“, das Sie untersucht haben?

Ja, das finnische Spiel ist 1951 erschienen. (Es wurde in 16 Sprachen übersetzt, Anm. d. Red.). Viele Menschen verbinden damit Kindheitserinnerungen. Mit einem Startkapital fährt man von Norden aus auf den Kontinent Afrika, um einen Diamanten zu suchen. Man arbeitet sich durch den Dschungel nach Süden vor. Auf der Landkarte gibt es nicht wirklich Zivilisation. In der Originalversion sind Karikaturen von Schwarzen Menschen abgebildet. Sobald man den Diamanten gefunden hat, heißt es schnell wieder nach Hause. Das Spiel ist eine Darstellung des „Wettlaufs um Afrika“ im 19. Jahrhundert, und eines von vielen, die koloniale Gewalt abstrahieren.

Warum bleibt das Spiel weitgehend unhinterfragt?

Es geht sehr stark um die emotionale Bindung. Anders ist diese hartnäckige Verteidigung von rassistischen Inhalten nicht zu erklären. Um sich davon zu lösen, bräuchte es einen Trauerprozess.

Wie könnte der funktionieren?

Indem ich mir anschaue: Verteidige ich die Inhalte, die kolonial sind? Wie fühlt es sich an zuzugeben, dass ein Spiel, das ich gern habe, problematisch ist? Wie gehe ich damit um? Wenn ich z. B. meinen Kindern ein Spiel aus der eigenen Kindheit zeigen will, kann man es auch kritisch spielen. Also pädagogisch mit Inhalten arbeiten, die verjährt sind, und gemeinsam lernen. Diese verspielte Haltung zur kritischen Aufarbeitung finde ich wichtig, weil es damit eine neue emotionale Bindung geben kann. Es kann Spaß machen zu schauen, was mir damals nicht aufgefallen ist und was man anders machen könnte.

© Patrick Jarnfelt

Sabine Harrer ist Projektleiter:in von White Play, das racial (in)justice und Weiße Vorherrschaft im Europäischen Spielesektor beforscht. Außerdem ist Harrer Senior Lektor:in am Game Design Department der Universität Uppsala und Co-Autor:in des Umweltsatire-Brettspiels Kyoto (Pegasus, 2020).

Gibt es in der Szene mittlerweile mehr kritisches Bewusstsein?

Ich glaube die Brettspiel-Community hinkt hinterher. Ich habe das Gefühl, dass im digitalen Sektor viel in diese Richtung geschieht. Beim Brettspiel gibt es eher Ausnahmen, z. B. das Spiel „Daybreak“, das Diversität, globale Beziehungen und die Klimazukunft behandelt.

Wie könnte man auf problematische Inhalte stärker aufmerksam machen?

Eine Möglichkeit wäre die Freigaben, die bei digitalen Spielen zu finden sind, auch für Brettspiele zu verwenden. Da gibt es etwa die Kategorie „Discrimination“, die klar sagt, dass ethnische und rassistische Formen von Diskriminierung begünstigt werden.

Gibt es auch Brettspiele, die abgeändert wurden?

Das sind eher Ausnahmen und meist kosmetische Änderungen. Vom „Stern von Afrika“ gibt es eine Variante, wo die Karikaturen der Schwarzen Menschen herausgenommen wurden und es nur mehr wilde Tiere gibt. Oft kommt aber von den Spielenden Widerstand gegen Änderungen am Original.

Es gibt eine modifizierte Version von „Siedler von Catan“, das „First Nations of Catan“ heißt. Darin wird der Widerstand der indigenen Bevölkerung dargestellt, den es im Kolonialismus überall gegeben hat.

Welche Trends und Perspektiven gibt es im Bereich Brettspiele?

Derzeit kommen viele Spiele heraus, die sich Klimathemen widmen. Was sich noch entwickelt, sind hybride Formen, die man analog und online nutzen kann. Was ich auch beobachte, sind indigene Ansätze. Beim mehrtägigen Sami Game Jam in Finnland etwa haben Entwickler:innen und Indigene daran gearbeitet, wie Sami Kultur in Spiele einfließen kann.

Interview: Marina Wetzlmaier

Lesestoff: Gemischter Satz

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Dauernd schlechte Nachrichten – wie mit News heute umgehen?

Ob via Newsapps, auf Social Media oder in „klassischen Medien“ wie TV oder Radio: Als Medienkonsument:innen können wir heute Unmengen an aktuellen Nachrichten und Informationen bekommen. Aber gerade in diesen Zeiten mit Klimakrise, Krieg in der Ukraine und Nahostkonflikt prasseln mitunter schon zu viele negative Schlagzeilen und niederschmetternde Meldungen auf uns herab. Das geht selbst dem Redaktionsteam des Südwind-Magazins manchmal so. Daher haben wir vier uns vier Tipps überlegt, mit denen wir und Sie informiert bleiben können, ohne überwältigt zu werden:

1 Den eigenen Nachrichtenkonsum analysieren: Manche Webseiten oder Newskanäle setzen auf Dramatisierung und Zuspitzungen, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Nutzt man die richtigen Angebote? Die Princeton University, die dem Thema ganze Kurse widmet, empfiehlt über 48 Stunden ein Medientagebuch zu schreiben, Social Media inklusive – und gleich dazu zu notieren, wer die Inhalte produziert hat: Ist es eine unabhängige Redaktion? Ein Unterhaltungsunternehmen? Gar eine politische Partei?

2 Sich Grenzen setzen: 2022 fanden Forscher:innen der Texas Tech University heraus, dass Menschen mit dem Drang, ständig die News zu checken, eher unter Stress, Angstzuständen und körperlichen Beschwerden leiden. Expert:innen empfehlen, den Nachrichtenkonsum zeitlich zu begrenzen und zu „ritualisieren“. Also sich vorsätzlich informieren, statt sich bewusst einer Dauerbeschallung auszusetzen. Und: Durch manche Kanäle oder Formate, etwa Videos auf Twitter oder Youtube, sind Nutzer:innen schnell ganz nah dran am Geschehen. Diese können wertvoll sein, etwa um (Kriegs-)Verbrechen zu dokumentieren. Aber für viele Privatpersonen sind Inhalte häufig verstörend. Man muss nicht alles (mit)verfolgen!

3 Den Kopf zwischendurch frei bekommen: Wie man das schafft, ist individuell sehr unterschiedlich. Wenn es was mit Medien sein muss, wieso nicht gezielt Inhalte nutzen, die mit Humor arbeiten? Vom Comedy-Podcast zur Satire-Serie. Aber „Offline“-Zeiten sind besonders hilfreich: ob beim Sport oder mit einem Ausflug in die Natur. Empfohlen wird, sich Zeiten zu organisieren, in denen man das Handy auch mal abschalten kann. Mittlerweile helfen dabei schon Apps wie „Off the Grid – Digital Detox“.

4 Auf einen möglichst konstruktiven Journalismus setzen: Die Kanäle, die man nutzt, sollten verlässliche sein: Werden nur Gerüchte gestreut oder wirklich recherchiert? Zudem gibt es immer mehr Medien, die versuchen, Perspektiven und Lösungen mitzuliefern. Der britische Guardian ist ein Beispiel dafür bei den großen Medienhäusern, das Projekt perspective-daily.de ist auf konstruktiven Journalismus spezialisiert. Auch das Südwind-Magazin liefert neben der Berichterstattung über Missstände und Herausforderungen Ideen und Handlungsmöglichkeiten. Wissenschaftler:innen empfehlen zudem, nicht immer das gleiche Medium zu nehmen, sondern zu wechseln.

Im Netz: Han Sens Asientalk

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Doku 2021, 86 min, ab 10. Jänner

In der dystopischen Zukunft des Jahres 2054 begeben sich drei junge Rebell:innen auf eine Reise, um herauszufinden, was mit ihrem Planeten passiert ist. In diesem ungewöhnlichen Roadmovie trifft Fiktion auf wissenschaftliche Fakten, um auf eine der dringlichsten Fragen unserer Zeit Antworten zu finden: das Artensterben. Wie werden Menschen in 30 Jahren damit umgehen, wenn sie womöglich gar nicht mehr wissen, welche Wesen früher einmal auf der Erde gelebt haben? Was wird sich ändern?

Bis 8. April online zu sehen unter arte.tv

Menschen, die bewegen: Masomah Regl

Von Redaktion · · 2024/Jan-Feb

Von: Jitendra Choubey

Betreff:  Luftverschmutzung

Liebe Redaktion,

in der letzten Oktoberwoche 2023 begann der Smog in Neu-Delhi, wo ich als Umweltjournalist wohne und arbeite, sichtbar zu werden. Ein regelmäßiges, jährliches Phänomen, das kaum Beachtung findet. Es sei denn, es wird ernst. Wie viele andere auch, bekam ich eine Augenentzündung und konnte deswegen kaum mehr mit dem Computer arbeiten.

Am 2. November überschritt die  Feinstaub-Konzentration mit besonders kleinen Partikeln den von der WHO bestimmten Grenzwert um das 20-Fache. Analysen zeigten, dass Schadstoffemissionen von Fahrzeugen ein Hauptgrund für den Anstieg der Feinstaub-Konzentration waren. Zum ersten Mal waren alle drei Metropolen Indiens – Mumbai, Delhi und Kalkutta – unter den Städten mit der weltweit höchsten Luftverschmutzung.

Meine Familie und ich verließen die Stadt für ein paar Tage. Denn das Schlimmste sollte noch kommen.

Am 12. November wurde in Indien das Lichterfest Diwali gefeiert – mit Feuerwerken im ganzen Land. Die Luftverschmutzung stieg nochmals drastisch an.

Als es meinen Augen besser ging, kamen wir zurück. Die, die können, meiden Delhi den ganzen Winter lang. Wir hoffen immer auf Wind, denn der hilft, dass die Schadstoffkonzentration niedriger bleibt.

Liebe Grüße,
Jitendra

Rohstoffexperte Pablo Villegas zur Ausbeutung des Globalen Südens

Von Redaktion · ·

Mit 56 Prozent der Stimmen hat der Rechtspopulist Javier Milei mit überraschend großem Vorsprung die Stichwahl in Argentinien gewonnen. Über den politischen Newcomer und seinen Stimmenfang hat Jürgen Vogt bereits im Vorfeld zur Präsidentenwahl ein Porträt geschrieben.

Javier Milei wird neuer Präsident Argentiniens. Seine Anhängerschaft ist vor allem jung und männlich, studiert oder hat einen universitären Abschluss. Sein Rückhalt bei jungen Frauen hingegen ist gering. Das ist nicht nur seinen machohaften Auftritten geschuldet. Milei vertritt konservative und anti-feministische Auffassungen, wie etwa ein Abtreibungsverbot.

Wofür Milei sonst noch steht, woher er kommt und wer seine Anhänger:innen sind, darüber hat Argentinien-Korrespondent Jürgen Vogt ausführlich im Artikel Javier Milei auf Stimmenfang berichtet. Der Beitrag wurde bereits im Jänner 2023 im Südwind-Magazin veröffentlicht.

Wie Drogen Syriens Regime mitfinanzieren

Von Redaktion · · 2023/Nov-Dez

Die queere indigene Künstler:in Uýra aus Brasilien engagiert sich für Umweltschutz und sensibilisiert für die Rechte indigener Communities. Sie war im Herbst zu Gast in Wien.

Kunst inmitten verschmutzter Flüsse oder in Müllbergen am Rande des brasilianischen Amazonas: Uýras Körper ist künstlerisch bemalt mit Zweigen, Muscheln, Blättern, Samen und Blumen. Archaisch und zugleich futuristisch wirkt ihr Kostüm aus vorwiegend natürlichen Materialien. Das Aussehen der queeren indigenen Künstler:in verändert sich dadurch fortlaufend, so wie die Natur. Uýra möchte damit etwa an die Fische in den Flüssen erinnern, an deren Kampf zu überleben, trotz Müll und Vergiftung. Oder an die Pflanzen in der Stadt, die sich auf Wänden und Straßen durch die Betonwüste drängen und wieder Besitz ergreifen.

Uýra erzählt mit ihrem Körper, über die Natur, durch Vorträge, Performances, Workshops und Straßeninterventionen. Ihre Geschichten kreisen um das Leben in der brasilianischen Peripherie, die Amazonas-Abholzungen und andere Umweltbedrohungen.

Uýras Kunst wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Foco Art Rio Award 2023. Im Jahr 2020 war sie auf dem Cover der Vogue Brasil zu sehen. Im Rahmen des Artist-in-Residence-Programms, einer Zusammenarbeit der Initiative Kulturen in Bewegung und der Kunstplattform „Das Weisse Haus“, verbrachte die 32-Jährige den Herbst in Österreich. Uýra ist viel beschäftigt, in Wien stehen Workshops und Präsentationen ihrer Arbeit an. Auf die Fragen des Südwind-Magazins antwortete sie deshalb im Austausch per E-Mail.

Der Beginn. „Uýra war schon immer in mir, doch ab 2016 ging sie auch an die Öffentlichkeit“, schreibt die Künstler:in. Uýra ist eine sogenannte Two-Spirit-Person. Two-Spirit ist ein Begriff, der in verschiedenen indigenen Communities verwendet wird und die kulturelle, spirituelle, sexuelle und geschlechtliche Identität umfasst.

Während des Amtsenthebungsverfahrens 2016 gegen die damalige Präsidentin Dilma Rousseff fanden aus Protest verschiedene künstlerische Interventionen statt. Emerson Pontes aka Uýra suchte in dieser Zeit nach einer Möglichkeit, einen Beitrag zu aktuellen Debatten zu leisten. Neben seinem Biologie-Studium und der pädagogischen Arbeit in Sachen Umwelterziehung begann Emerson, sein Wissen in Gestalt von Uýra mit den Menschen im Amazonasgebiet zu teilen.

Uýra lebt heute am Rande der Großstadt Manaus, umgeben von Nebenflüssen des Rio Negro. Sie arbeitet unter anderem mit Gemeinden an den Flussufern, um für die Umwelt und die Bedrohungen durch Abholzung und Konzernaktivitäten zu sensibilisieren. „Ich erkannte die Kommunikationskraft der Kunst und beschloss, sie zu nutzen, um der Welt meine kulturellen, sozialen, ökologischen und spirituellen Realitäten zu vermitteln“, so Uýra.

Ihr Körper spielt eine zentrale Rolle in ihrer Kunst- und Wissensvermittlung. „Jeder Körper hat das Recht zu erzählen, was er erlebt: Mein indigener, diasporischer, transsexueller, peripherer, amazonischer Körper erzählt Geschichten über meine Territorien“, beschreibt Uýra.

In ihrer Arbeit verbindet sie oft den Kampf für LGTBIQ+- und Umweltrechte. „Die Wälder weltweit haben die gleiche Vielfalt wie die Menschen“, erklärt die Aktivist:in die Verbindung. „Diese Vielfalt ist wunderschön, uralt und voller unglaublicher Geschichten, von denen die Welt lernen kann, aber es ist auch eine Vielfalt, die durch koloniale, patriarchale und kapitalistische Projekte bedroht ist“, sagt Uýra.

Koloniale Auslöschung und indigener Widerstand sind wiederkehrende Themen in Uýras Kunst. © Lisa Hermes

Landrechte. Viele Angehörige indigener Gemeinschaften in Brasilien befinden sich bis heute in einem ständigen Kampf um ihr Land. Ende September dieses Jahres erklärte der Oberste Gerichtshof Brasiliens die sogenannte Stichtagsregelung für verfassungswidrig, die von der mächtigen Agrarlobby bis dato unterstützt wird.

Diese besagt, dass nur solches Land als Schutzgebiet anerkannt werden darf, das zum Zeitpunkt der Verkündung der aktuellen brasilianischen Verfassung, also im Jahr 1988, von Indigenen bewohnt worden war. Eine große Beschränkung, denn viele Indigene wurden etwa während der Militärdiktatur in den Jahren 1964 bis 1985 von ihrem Lebensraum vertrieben.

Die Richterin Cármen Lúcia vom Obersten Gerichtshof verwies auf die „unbezahlbare Schuld“ der brasilianischen Gesellschaft gegenüber den indigenen Völkern. Aktuell steht allerdings noch nicht fest, ob und wie die Nachfahren der indigenen Gemeinschaften ihre Länder von vor 1988 de facto zurückbekommen sollen.

Mehr Repräsentation. Uýra hofft auf die aktuelle Regierung des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. „Es ist eine deutliche Verbesserung zur vorherigen Regierung. Dennoch brauchen wir immer noch eine größere Vielfalt in diesen Machträumen der institutionellen Politik“, fordert sie.

Zumindest in der Repräsentationsfrage zeigen sich Fortschritte. Im brasilianischen Parlament sitzen nach den Wahlen im Vorjahr erstmals Politiker:innen, die sich als Transpersonen identifizieren, wie Erika Hilton und Duda Salabert. Präsident Lula schuf ein Ministerium für indigene Völker.

Mit Sônia Guajajara trat darin die erste indigene Ministerin ihr Amt an. Anfang Oktober 2023 wurde nun der Autor Ailton Krenak als erstes indigenes Mitglied in die Academia Brasileira de Letras (Deutsch: Brasilianische Akademie der Literatur) gewählt.

Als indigene Transperson im heutigen Brasilien ist Uýra dennoch mit Anfeindungen konfrontiert. „Es bedeutet für mich, widerständig zu bleiben, um kollektiv in Würde leben zu können“, sagt sie. Im Einklang mit dem Amazonas und dem Wissen ihrer Vorfahren.

Milena Österreicher ist Chefredakteurin des MO-Magazins für Menschenrechte. Zudem schreibt sie als freie Journalistin über Feminismus, Menschenrechte und Migration.

Doku mit Uýra: doc-uyra.com

E-Mail aus: Malediven

Von Redaktion · · 2023/Nov-Dez

Vom Aktivisten gegen Polizeigewalt zum ersten stellvertretenden Jugendminister Kolumbiens: Gareth Sella verlor sein linkes Auge, nachdem er 2021 von der berüchtigten Anti-Aufstandseinheit der Polizei bei einer Demonstration angeschossen wurde. Er war einer von mindestens 103 Personen, die während der Proteste im Jahr 2021 schwere Augenverletzungen erlitten. Seither wird er nicht müde, die Brutalität der Repression anzuprangern.

Das macht den 26-Jährigen zum Symbol für den Kampf der kolumbianischen Jugend, der es um nichts weniger als eine gerechte Gesellschaft geht.

In Kolumbien ist mehr als eine Million der jungen Menschen arbeitslos, fast zwei Drittel davon sind Frauen. Die Arbeitslosenquote der 15- bis 28-Jährigen liegt bei 16 Prozent.

Jetzt tritt Sella, der in Bogotá Film und Fernsehen studierte, in das neue Gleichstellungsministerium ein, das von der ersten Schwarzen Vizepräsidentin, Francia Márquez, geleitet wird. Das Gleichstellungsministerium war ein Wahlversprechen von Gustavo Petro, der als erster linker Präsident im August 2022 gewählt wurde. Für seinen Wahlsieg waren die Stimmen der Jugend entscheidend.

Wieso die Klimakrise die Ungleichverteilung verschärft

Von Redaktion · · 2023/Nov-Dez

Was die wachsende Bewegung „Debt for Climate“ fordert.

Wenn im Oktober – erst zum zweiten Mal seit ihrer Gründung 1944 – die Weltbank und der Internationale Währungsfonds für ihr jährliches Treffen auf dem afrikanischen Kontinent zusammenkommen, planen Aktivist:innen, sie dort, in Marrakesch, zu erwarten.

Stimmen für einen Gegengipfel werden immer lauter. Führend ist dabei die „Debt for Climate“-Kampagne, zu Deutsch „Schulden für das Klima“. Es ist eine Graswurzel-Initiative, die von Aktivist:innen aus dem Globalen Süden geführt wird und mehr als 30 Länder umfasst. Sie setzen sich für einen Schuldenerlass ein, weil die Zahlungen verarmte Staaten im Würgegriff halten. Sie fordern weiters, dass der Globale Norden fossile Brennstoffe in der Erde belässt und gleichzeitig eine gerechte Energiewende finanziert.

Jüngsten Studien zufolge müssten Firmen, die an fossilen Brennstoffen verdienen, rund 5 Billionen Euro über 26 Jahre an Klimaentschädigungen zahlen, als Kompensation für ihren Anteil am Klimawandel. Reiche Staaten müssten weitere 160 Billionen Euro für ihren eigenen Anteil zahlen. Zum Vergleich: Zur Finanzierung ihres „Green Deal“ braucht die EU „nur“ 1 Billion Euro.

© SWM / Quelle: World Inequality Report 2022

Profitstreben. „Die Klimakrise ist ein Produkt von Jahrhunderten an Ausbeutung und Missachtung der Umwelt, getrieben vom unerschöpflichen Profit- und Machtstreben von Kolonisierenden und Kapitalist:innen,“ sagt Farhana Sultana, Professorin für Klimagerechtigkeit an der New Yorker Syracuse Universität.

2019 waren die zehn weltweit größten Emittenten verantwortlich für beinahe die Hälfte der gesamten CO2-Emissionen. Nicht nur, dass der Globale Süden weit weniger zur globalen Erwärmung beigetragen hat, er hat zudem weniger direkte Vorteile durch die Anwendung von fossilen Brennstoffen. Und ärmere Länder haben natürlich bereits mit den extremsten Auswirkungen der Klimakrise zu kämpfen.

Ressourcenfrage. Die Ausbeutung des Globalen Südens durch den Norden hat dazu geführt, dass viele Länder nicht die notwendigen Ressourcen haben – wie etwa eine gesunde Wirtschaft, Infrastruktur oder einfach nur Brennstoffe –, um mögliche Maßnahmen zur Anpassung an die Klimakrise vorzunehmen. Sie haben schon gar nicht die Ressourcen, um Schritte in Richtung erneuerbare Energien zu setzen, erläutert Juan Pablo Olsson Argumedo, ein Mitglied der „Debt for Climate“-Kampagne.

Bei der COP27-Tagung in Ägypten 2022 kündigten die Vereinten Nationen eine historische Einigung an, wonach gefährdete Länder nach Naturkatastrophen Schadenersatzzahlungen erhalten sollen. Das ist ein guter erster Schritt, aber es zielt auch nur auf die Auswirkungen der Emissionen des Globalen Nordens ab – und nicht auf  das System, das ihnen weiterhin erlaubt, den Planeten zu zerstören.

Kolonialstrukturen. Jahrhundertelang haben wohlhabende Nationen Schulden als Kontrollmechanismus ausgenutzt. 2016 haben die USA in Puerto Rico eine Finanzaufsicht, die niemandem Rechenschaft ablegen musste, eingesetzt, nachdem das Land erklärt hatte, es könne seine Schulden nicht mehr zurückzahlen.

Die Massenunruhen in Argentinien im Jahr 2001 führten zu Neuverhandlungen der Staatsschulden vier Jahre später. 2018 nahm die Regierung unter Mauricio Macri ein Darlehen beim Internationalen Währungsfonds in der Rekordhöhe von 57,1 Mrd. US-Dollar auf. 2022 musste die Regierung unter Alberto Fernández 44 Mrd. US-Dollar borgen, um einen Staatsbankrott zu vermeiden. „Die Hauptprobleme sind die Weltwirtschaftsordnung und der finanzielle Aufbau jener Organisationen, die diese Darlehen finanzieren – sie haben die gleiche Struktur von Raubzug und Kolonialismus“, sagt Olsson Argumedo von „Debt for Climate“.

Mit vereinten Kräften sollen die Regeln, die die Welt über die vergangenen 500 Jahre geprägt haben, geändert werden. So versucht etwa „Debt for Climate“ mit den G77 zusammenzuarbeiten, der UN-Vereinigung von 134 Entwicklungsländern. Damit soll die Diskussion rund um die Zahlung der Klimaschulden und eine gerechte Energiewende weltweit vorangetrieben werden.

Carlos Berríos Polanco ist ein Journalist aus Caguas, Puerto Rico, der über Klima, Konflikte und die Überschneidungsmenge zwischen beiden berichtet.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem britischen Partnermagazin New Internationalist in der Ausgabe September-Oktober 2023. Wir danken den Kolleg:innen herzlich für die gute Zusammenarbeit.
newint.org

Wie sich die Seychellen gegen die Klimakrise wappnen

Von Redaktion · · 2023/Nov-Dez

Kommentar zu „grünen Schuldenerlässen“.

Teil der postulierten Blue Economy, die „das Meer“ oder die marine Umwelt zum Mittelpunkt einer nachhaltig(er)en Wirtschaft machen soll, sind sogenannte Debt-for-Nature-Swaps, bei denen Ländern Schulden erlassen werden, wenn sie das Geld im Gegenzug für Umweltschutz einsetzen. Andere Instrumente sind „Blue Bonds“, also Anleihen für Projekte der nachhaltigen Fischerei, des Küstenschutzes, des Ressourcen schonenden Tourismus und des marinen Biodiversitätsschutzes. Diese Geldtransaktionen werden auf den Seychellen vom Umweltfonds SeyCCAT gemanagt.

In Naturschutzkreisen werden diese relativ neuen Finanzinstrumente höchst kontroversiell debattiert und schon mal als jüngster Schachzug des Neoliberalismus oder Ökoimperialismus diskreditiert. Wie so oft verstellen die ideologischen Vorurteile den Blick auf die empirische Faktenlage und damit auf ein längerfristiges Monitoring konkreter Projekte: etwa dem Schutz und der Wiederaufforstung von Korallengärten, der nachhaltigen Küstenfischerei, der für den Klimaschutz immens wichtigen Erhaltung und Restaurierung von Seegraswiesen (die CO2 auf die günstigste Weise in sehr großen Mengen speichern), der lokalen Müllvermeidung, der Errichtung weiterer mariner Schutzzonen oder der Bewahrung der verbleibenden Mangroven- und Feuchtgebiete.

Umfeld entscheidend. Die Frage, ob mit den Finanzinstrumenten Anliegen der Umweltgerechtigkeit und sozialen Gerechtigkeit geholfen werden kann, lässt sich vorab nicht generell beantworten. Vielmehr kommt es darauf an, ob die üblichen Kriterien der „Good Governance“ erfüllt sind; z. B. transparente Vergabe, unabhängige Überwachung, umfassende Verantwortlichkeit aller Beteiligten, Überprüfung durch ausgewiesene NGOs, unabhängige Evaluation und, vielleicht das wichtigste Kriterium überhaupt, die mitbestimmende Miteinbeziehung der lokalen Bevölkerung bei konkreten Projekten. In einem korrupten und autoritären Umfeld wird auch ein gut gemeinter Schuldenerlass allenfalls die lokale Elite bereichern.

Im Falle von SeyCCAT und den Seychellen scheinen die Voraussetzungen der Glaubwürdigkeit gegeben. Eine Vielzahl lokaler Projekte wurde bereits aus diesen Anleihen finanziert. Zudem wurden unabhängige Fachleute zu Fragen des nachhaltigen Wirtschaftens, des inklusiven Naturschutzes und des wildbiologisch fundierten Artenschutzes involviert.

Werner Zips ist Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien.

Argentinien & Inflation: Erklärung fehlte

Von Redaktion · · 2023/Nov-Dez

Khateera ist ein digitales Magazin aus der libanesischen Hauptstadt Beirut, das online Blogs, Podcasts mit feministischen und queeren Inhalten auf Arabisch bietet und auf seine Kanäle auf Youtube und Social-Media-Plattformen verweist. Die meisten Beiträge sind auch auf Englisch lesbar. Auf satirische, unterhaltsame Weise werden genderbasierte Rollenbilder hinterfragt und wird für Gleichberechtigung plädiert.

Krise ist nicht gleich Krise

Von Redaktion · · 2023/Nov-Dez
© Raimundo Rucke / cartoonmovement.com

World News betitelt der brasilianische Karikaturist Raimundo Rucke diese Zeichnung. „Wann wird’s gute Nachrichten geben? Wann werden wir in den Zeitungen lesen, dass es keine Kriege, keine Hungersnöte und keine Korruption mehr gibt?“, schreibt er darunter.

Rucke arbeitete schon für diverse Zeitungen und hat mehrere Preise bei internationalen Cartoon-Wettbewerben gewonnen. Er lebt in Itu im Bundesstaat São Paulo.

Wie Pharmakonzerne Geld mit Gesundheit machen

Von Redaktion · · 2023/Nov-Dez

Warum Forschungsergebnisse und Medikamente für alle zugänglich sein müssen. Ein Kommentar von Marcus Bachmann.

Was die Öffentlichkeit mitfinanziert, muss auch der Öffentlichkeit zugutekommen. Denn ein guter Teil der Forschung, auf dem die Entwicklung neuer Präparate fußt, beruht auf wissenschaftlichen Ergebnissen, die mit öffentlichen Geldern finanziert wurden. Daraus ergibt sich einerseits, dass Medikamente erschwinglich bleiben müssen und andererseits, dass die Forschungsergebnisse „open source“ sein beziehungsweise dass die Plattformtechnologien allen interessierten Parteien zur Verfügung gestellt werden müssen. Diese Forderungen werden übrigens von einer breiten Allianz von NGOs im Rahmen der European Alliance for Responsible R&D and Affordable Medicines erhoben.

© Thomas Seifert

Marcus Bachmann ist Experte für Qualitäts- und Prozessmanagement mit jahrelanger Berufserfahrung in der Pharmaindustrie. Seit 2020 ist er bei Ärzte ohne Grenzen Advocacy & Humanitarian Affairs Representative.

Wobei: Es geht nicht um Big-Pharma-Bashing: Wir als Ärzte ohne Grenzen können ja nicht mit leeren Händen – ohne medizinische Produkte – die Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten wiederherstellen oder erhalten. Die Herausforderung ist, das Management der Pharmakonzerne in die Pflicht zu nehmen und für einen Interessenausgleich zwischen Gewinnstreben und dem Recht auf Gesundheit zu sorgen. Aus dieser Verantwortung kann man das Management und vor allem die Politik nicht entlassen.

Die Durchkommerzialisierung der Gesundheitsversorgung ist viel zu weit getrieben worden: Das Ziel der Sicherung des Rechts auf Zugang zur Gesundheitsversorgung muss wieder über das Profitinteresse gestellt werden.

Millionen für die Massenmedien

Von Redaktion · ·

Am 21. September war Weltfriedenstag. Wie sehr dieser Cartoon dazu bzw. zur weltpolitischen Lage passt, das muss jeder Betrachter und jede Betrachterin für sich entscheiden.

Der slowakische Karikaturist Marian Kamensky zeichnet seit seiner Kindheit. Er hat in Hamburg Lithografie studiert, Bücher illustriert und seine Zeichnungen wurden in diversen europäischen, US-amerikanischen und kanadischen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht. Seit 2010 lebt und arbeitet Kamensky in Wien.

Zucker im Fokus

Von Redaktion · · 2023/Sep-Okt

Warum der Zuckerrohranbau in El Salvador so nicht fortgeführt werden darf. Bernardo Belloso und Amalia López von der Kampagne „Bitterer Zucker“ im Interview.

Welche Bedeutung haben der Anbau und die Verarbeitung von Zuckerrohr in El Salvador?

Belloso: El Salvador ist mit einer Fläche von nur rund 21.000 Quadratkilometern ein sehr kleines Land. Doch bezogen auf die Größe und die Einwohner:innenzahl (rd. 6 Mio., Anm. d. Red.) produziert es mit mehr als 800.000 Tonnen sehr viel Zucker und ist damit der zweitgrößte Zuckerproduzent in Zentralamerika. Die Anbaufläche beträgt mehr als 80.000 Hektar. Zu mehr als fünfzig Prozent wird der Zucker exportiert: immer mehr nach China, aber auch in die EU und in die USA.

Sprechen wir über Probleme, die mit dem Zuckeranbau verbunden sind. Wie steht es um den Einsatz von Agrargiften?

López: Vor allem Paraquat und Glyphosat werden in großen Mengen eingesetzt, als Herbizid, aber auch als Reifungsmittel. Glyphosat wird aus der Luft auf die Felder gesprüht, wobei die umliegenden Gemeinden immer wieder in Mitleidenschaft gezogen werden. Es wird aber auch das Wasser kontaminiert.

Dies ist aber nicht das einzige Problem im Zusammenhang mit dem Thema Wasser, oder?

Belloso: Es gibt noch viel schwerwiegendere Probleme. Etwa der übermäßige Wasserverbrauch für die intensiv bewässerten Zuckerrohrfelder.

López: Auch für die großen Städte gibt es immer weniger Wasser, vor allem in den Armenvierteln bleiben die Wasserhähne immer öfter trocken.

Und wie steht es um die Niereninsuffizienz?

Belloso: Allein im Landkreis Tecoluca, wo ich arbeite, waren 2022 mindestens 400 Personen an Niereninsuffizienz erkrankt und mindestens 20 sind daran gestorben. Es ist offensichtlich, dass das mit dem hohen Einsatz von Agrargiften zusammenhängt.

Seit 2021 gibt es die Kampagne „Azúcar Amarga“ („Bitterer Zucker“). Was bezweckt sie?

López: Nicht der Anbau an sich ist das Problem, sondern die großen Monokulturen und der rücksichtslose Umgang mit den Menschen und mit der Natur. Wir wollen die breite Öffentlichkeit über die Situation in den Zuckerrohranbaugebieten informieren. Und darüber aufklären, dass Zucker höchst ungesund ist, wenn er in so großen Mengen konsumiert wird, wie dies in El Salvador der Fall ist.

Welche Ziele hat die Kampagne sonst noch?

Belloso: Erstens geht es darum, uns gegenüber politischen Entscheidungsträgern für Gesetze und eine Politik einzusetzen, die einen besseren Schutz der Umwelt und der Wasserquellen garantieren. Zweitens wollen wir Beschwerdemechanismen schaffen. Menschen in den Zucker-
anbaugebieten sollen sie nutzen können, wenn in ihren Gemeinden etwas passiert, das die Umwelt schädigt oder Bewohner:innen in Gefahr bringt.

Wir müssen zudem ein weiteres Problem angehen: Zuckerunternehmen eignen sich auch Ländereien an, die Gemeinden oder Kooperativen gehören, aber vorübergehend brachliegen.

Kampagnenarbeit unterstützen!  

Der Anbau von Zucker hat in Zentralamerika bedrohliche Folgen für Umwelt und Menschen: Zehntausende Menschen leiden etwa an schweren chronischen Nierenerkrankungen, vor allem rund um die Zuckerrohr-Plantagen. Auch in El Salvador, wo sich die Menschen nun mit der Kampagne „Bitterer Zucker“ gegen die Zuckerindustrie wehren.

Bitte helfen Sie der Kampagne in El Salvador mit einer Spende. Dies geht über die Berliner NGO Inkota. Ihre Spende an:

INKOTA-Netzwerk
IBAN DE06 3506 0190 1555 0000 10
BIC GENODED1DKD
Spendenstichwort: Bitterer Zucker

Ist die Regierung von Präsident Nayib Bukele denn gesprächsbereit?

Belloso: Es ist nicht einfach. Vor allem wenn es darum geht, Gesetze zu verabschieden, die den Zuckersektor besser regulieren. Die großen Zuckerunternehmen haben eine viel größere Nähe zur Regierung.

Welche Rolle spielt denn der Ausnahmezustand, den die Regierung El Salvadors im März 2022 verhängt hat und Monat für Monat verlängert?

Belloso: Der Ausnahmezustand ist meines Erachtens auch ein Instrument, um die Organisation der Gemeinden zu zerschlagen und zu verhindern, dass deren Bewohner:innen sich gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung wehren.

Interview: Michael Krämer

© privat

Bernardo Belloso arbeitet für den Gemeindeentwicklungsverband Cripdes vor allem in der Küstenregion Bajo Lempa, einem Hauptanbaugebiet von Zuckerrohr. Dort lebt er auch.

© privat

Amalia Carolina López arbeitet bei der salvadorianischen Umweltschutzorganisation UNES,unter anderem für die Kampagne „Azúcar Amarga“.

Zucker und Sklavenhandel

Von Redaktion · · 2023/Sep-Okt

Wieso die EU aktuell nur nach innen ein Friedensprojekt ist und welche Impulse internationale Beziehungen in Zeiten von Krisen bräuchten – der Friedensforscher Thomas Roithner im Interview.

Die EU wird immer wieder als das größte Friedensprojekt der Geschichte bezeichnet. Kann man davon noch sprechen, wenn wir etwa an die Migrationspolitik und die Toten im Mittelmeer denken?

Ein Friedensprojekt nach innen ist nicht unbedingt eines nach außen. Deutsche und Franzosen schießen nicht mehr aufeinander. Das ist unfassbar viel wert. Aber sie haben sich mittlerweile zusammengetan und schießen – übertragen gedacht – gemeinsam auf andere. Es werden gemeinsame EU-Rüstungsprojekte lanciert und Waffen der EU-Staaten landen in Krisengebieten.

Ein Beispiel ist Mali (European Union Training Mission Mali, kurz EUTM Mali, Anm. d. Red.): Hier wird viel von Stabilisierung gesprochen, aber wessen Stabilität ist gemeint, wenn Europa dort Sicherheitskräfte ausbildet, die gleichzeitig Menschenrechte verletzen?

Friedensprojekt heißt für mich nicht primär, sich zu bewaffnen und Interessen wahrnehmen, sondern: Wie geht man mit Menschen um, die zum Beispiel vor Krieg oder Armut fliehen? Es umfasst für mich genauso: Wie schauen internationale Handelsbeziehungen aus und wer kann davon leben? Das ist ein Friedensbegriff, der weit über die Abwesenheit von Krieg hinausgeht.

Was hat sich seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine in Sachen Militarisierung in der EU verändert?

Vieles, etwa wie wir über Krieg und Frieden sprechen und wie das durch die Parteipolitik und Medien entsprechend repräsentiert wird. Zudem haben sich seither verschiedene  Staaten im Kontext der EU engagiert, um der Ukraine Waffen zur Verfügung zu stellen. Hier bezieht man sich u. a. auf Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen, das Selbstverteidigungsrecht eines Staates.

Viele dieser Staaten klagen gegenwärtig, dass sich die eigenen Depots zunehmend leeren. Im Rahmen der Europäischen Union gibt es jetzt Debatten über gemeinsame Beschaffung.

© privat

Thomas Roithner ist Friedensforscher und Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien. Er forscht und publiziert zu Friedens-, Sicherheits-, Verteidigungs- und Militärpolitik der EU und Österreichs sowie Friedens- und Konfliktforschung. Als Mitarbeiter im Internationalen Versöhnungsbund  (Österreichischer Zweig) ist er für Zivilen Friedensdienst und aktive Friedenspolitik zuständig.

Zuletzt von ihm erschienen ist:
Pistole, Panzer, Pandemie. Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik Österreichs und der EU
myMorawa, Wien 2022, 220 Seiten, TB € 15

Wie geht das mit der grundlegenden Ausrichtung der EU und ihren Strukturen zusammen?

Im Vertrag von Lissabon steht, dass Maßnahmen mit militärischen und verteidigungspolitischen Bezügen nicht zulasten des Unionshaushaltes gehen dürfen. Soll heißen: Die Europäische Union darf eigentlich kein Militärbudget haben. In der EU hat sich aber eine große Kreativität entwickelt, wie man Rüstung stattdessen finanzieren kann: Etwa indem man sie umetikettiert und Industrieförderung nennt (vgl. Glossar), oder indem man sie außerhalb des EU-Haushaltes stellt, etwa durch ein Instrument, das sich European Peace Facility nennt.

Zudem werden Rüstungsbeschaffungen monetär in hohem Maß in bi- und trilateralen Rahmen finanziert. Das sind insbesondere große deutsch-französische Rüstungsprojekte wie der Nachfolger von Eurofighter, FCAS, oder ein neues Kampfpanzer-System.

Wann hat diese Entwicklung zur Militarisierung der EU begonnen?

Schon seit den 1990er Jahren konnte man eine Tendenz zur militärischen Entwicklung der EU beobachten: 1999, anlässlich des Krieges im Kosovo, wurde eine militärische Eingreiftruppe geschaffen. Auch beim Irakkrieg 2003 war die Haltung der EU, weiter eigene autonome Kapazitäten aufzubauen.

Je nachdem, welchen US-amerikanischen Präsidenten es gerade gegeben hat, haben sich die EU-Staaten mehr oder weniger an die USA gebunden. Unter den US-Präsidenten Bush und Trump stand eine autonome EU auf der Agenda. Obama und Biden schafften wieder mehr transatlantische Loyalität.  Hier hat v. a. Großbritannien stets in Abhängigkeit zu den USA und zur NATO agiert.

Besonders seit dem Brexit hat Frankreich darauf gepocht, autonome Strukturen aufzubauen, was Rüstung, Truppenentsendungen und Entscheidungsstrukturen betrifft. Ab 2016 ging es mit Militär- und Rüstungsprojekten in Folge unglaublich rasch.

Was genau beinhaltet die Globalstrategie der EU, das Grundlagendokument zu Außen- und Sicherheitspolitik aus dem Jahr 2016?

Hier geht es um das gesamte Spektrum, also Landstreitkräfte, Luft, Marine, Weltraum und, nicht zu vergessen, den Cyberspace. Wobei nicht immer alle EU-Staaten an Bord sein müssen. Ähnlich wie bei Schengen oder dem Euro gibt es ein sicherheits- und rüstungspolitisches Kerneuropa. Ein Beispiel ist der Marineeinsatz der EU am Horn von Afrika, „Atalanta“, wo es laut Europäischem Parlament u. a. um Fragen von Energiesicherheit geht.

Auch ein Gesicht Europas: Das FCAS, Future Combat Air System, ist ein deutsch-französisches Rüstungsprojekt und soll in ein paar Jahren neue Kampfflugzeuge liefern. © Julien De Rosa / AFP / picturedesk.com

Die Globalstrategie ist nur ein Teil und seit 2016 mit anderen Mechanismen und Budgettöpfen eng verzahnt. Oder die Indopazifik-Strategie der Europäischen Union. Natürlich geht es auch darum, militärisch Präsenz zu zeigen. Oder in den Worten von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Wir müssen die „Sprache der Macht lernen“.

Es besteht ein großes Ungleichgewicht: Nimmt man die personelle Stärke für EU-Auslandseinsätze her, ist ein wesentlicher Teil für Militärisches und ein viel kleinerer für zivile Einsatzkräfte da. Wenn man alle EU-Auslandseinsätze seit 2003 anschaut, sind circa 80 Prozent des Personals militärisch. Zentral ist im zivilen Kontext der EU die Entsendung von Polizei und Justizpersonal.

Welche Rolle kann ein Land wie Österreich in der EU und international spielen?

Österreichs außenpolitische Interessen unterscheiden sich in mancherlei Hinsicht schon wesentlich von anderen EU-Staaten, besonders denen, die NATO-Staaten sind. Beispiel Atomwaffen: Österreich hat – neben Malta und Irland – den Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen (AVV, Anm. d. Red.) ratifiziert. Alle anderen EU-Staaten bislang nicht. Österreich hat diesen sogar ganz wesentlich vorangetrieben. Wäre Österreich NATO-Mitglied, wäre das nicht möglich gewesen.

Für manche Fragen können Initiativen der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Anm. d. Red.) wie das Krisenpräventionszentrum oder der Europarat unsere zentralen Anlaufstellen sein. Mit welchen Institutionen sind Interessen wie Abrüstung oder zivile Krisenprävention am besten umsetzbar? Setzen wir auf einen außenpolitischen Pluralismus, suchen wir uns Verbündete, binden wir andere Akteure wie Thinktanks und Zivilgesellschaft mit ein; und nutzen wir die internationalen Organisationen, von denen mehrere sogar einen Sitz in Wien haben!

Auch der in Österreich in Prüfung befindliche Zivile Friedensdienst, bei dem zivile Friedensfachkräfte lokale Partner in Krisengebieten bei Gewaltprävention und Friedensförderung unterstützen, zählt dazu.

Das alles braucht Zeit zum Aufbau, aber bringt Glaubwürdigkeit. Wenn sich nur die wirtschaftlich und militärisch potenten Staaten etwas ausmachen, dann kommen die Interessen der kleinen Staaten zwangsläufig unter die Räder – das ist dann ein Multilateralismus à la carte statt echter Multilateralismus.

In diesem Sinne müssen wir die Stimmen aus dem Globalen Süden stärker einbinden. Ich glaube, dass sie zur Konfliktbearbeitung benötigt werden.

Glossar   

Atomwaffenverbotsvertrag (AVV). Der AVV wurde 2017 in den Vereinten Nationen von 122 Staaten angenommen und ist 2021 in Kraft getreten. Der Vertrag gilt als Meilenstein der globalen Bewegung für nukleare Abrüstung. Österreich beteiligte sich aktiv daran.  Der AVV verbietet Entwicklung, Test, Produktion, Besitz, Stationierung und Einsatz von Atomwaffen sowie die Drohung damit. Der Atomwaffensperrvertrag (NVV) aus 1968 verlangt von den Atomwaffenstaaten, in redlicher Absicht abzurüsten. Die Nicht-Nuklearwaffenstaaten dürfen keine Atomwaffen annehmen oder erwerben. Bei den Verhandlungen gibt es wenig Fortschritt. Verbotsvertrag und Sperrvertrag sind nicht in Konkurrenz, sondern komplementär zueinander.

European Defence Fund. Der Europäische Verteidigungsfonds wurde zur Förderung von grenzüberschreitender Zusammenarbeit der Rüstungsindustrie innerhalb der EU eingerichtet und ist im EU-Finanzrahmen 2021-2027 mit rund acht Milliarden Euro ausgestattet. Der EU-Vertrag von Lissabon (trat Ende 2009 in Kraft) sieht vor, dass Maßnahmen mit militärischen oder verteidigungspolitischen Bezügen nicht zu Lasten des Unionshaushaltes gehen dürfen. Der Verteidigungsfonds wird als Industriepolitik tituliert, was bis dato rechtlich umstritten ist.

European Peace Facility. Die Europäische Friedensfazilität ist ein außerbudgetäres Instrument, das 2021 eingerichtet wurde und in das alle EU-Mitgliedsstaaten einzahlen. Ziel: Frieden erhalten, Konflikte verhindern, die internationale Sicherheit stärken. Das Budget: derzeit 12 Milliarden Euro. Am bekanntesten ist die Finanzierung von militärischem Equipment für die Ukraine. Das Instrument ist in 18 weiteren Ländern im Einsatz. Eine demokratische Kontrolle durch das EU-Parlament ist nicht vorgesehen. Mit welchen Ländern kooperiert wird, entscheidet der Rat, also die Regierungen der Mitgliedstaaten.

OSZE. Zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gehören 57 Teilnehmerstaaten, neben den meisten europäischen Ländern die USA, Kanada und sämtliche Staaten, die früher die Sowjetunion bildeten. Ihre Hauptaufgaben: Erhalt des Friedens in Europa und Hilfe beim Wiederaufbau nach Konflikten. Ihr Hauptsitz ist in Wien.  red

Doch für „echten“  Multilateralismus fehlt es zudem an Stärke seitens der Institutionen wie den Vereinten Nationen, die in der Krise stecken.

Gerade jetzt in der Krise könnte man diese Institutionen wieder aufwerten. UNO und OSZE wirken inkludierend, es sitzen alle mit am Tisch. Vor dem Krieg in der Ukraine hat die OSZE in gut zwei Jahren etwa 3.000 lokale Waffenruhen vermittelt. Aber die OSZE hat ein Jahresbudget von 138 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland gibt unter dem Stichwort „Zeitenwende“ 100 Milliarden für Militär und militärische Infrastruktur aus. Das zeigt politische Prioritäten.

Die OSZE hätte also jetzt in diesen Zeiten mehr Potenzial in Sachen Konfliktlösung?

Die OSZE ist kein Schönwetterprogramm. 1975 – also im Kalten Krieg – wurde die Helsinki-Schlussakte unterschrieben. Damals noch als Konferenz und noch nicht als Organisation. Die Idee war gemeinsame Sicherheit. Es ist gefährlich, wenn es in Krisen keine Gesprächskanäle mehr gibt.

Vor 1989 wurden etwas mehr Konflikte militärisch als mittels Diplomatie gelöst. Aber wir hatten eine Phase ab 1989 bis Mitte der Nullerjahre, in der Verhandlungslösungen die dominante Form zur Beendigung von Kriegen gewesen ist. Die UNO hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Der Atomwaffenverbotsvertrag AVV gilt als Erfolgsgeschichte. Er trat 2021 in Kraft. Dann kam 2022 Russlands Angriffskrieg und damit regelmäßig die Sorge vor einem atomaren Konflikt.

Für mich ist dieser Vertrag ein langfristiges und konstruktives Programm. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die erste Generalversammlung der Vereinten Nationen, die sich sofort mit nuklearen Fragen auseinandergesetzt hat.

Doch die atomare Abrüstung passiert nicht mehr. Russland hat ein wichtiges Abkommen ausgesetzt, die USA sind aus einem anderen schon 2019 ausgestiegen.

Deshalb sind Staaten, die ein Atomwaffenverbot verfolgten – und Österreich steht da in der ersten Reihe – in die UN-Generalversammlung gegangen und haben gesagt: Jeder Staat eine Stimme, denn es betrifft alle Staaten.

Dass dieser Vertrag nicht im Sicherheitsrat ausgehandelt wurde, sondern alle UN-Mitglieder zur Verhandlung geladen wurden, ist für mich ein Stück weit Demokratisierung der internationalen Beziehungen.

Im Juli 2017  haben 122 Staaten den Vertrag angenommen, mittlerweile haben ihn 68 Staaten ratifiziert. Und: Es wurde intensiv mit der Zivilgesellschaft zusammengearbeitet.

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ICAN hat 2017 den Friedensnobelpreis bekommen. Das ist ein starkes Signal.

Zudem verwendet der AVV einen anderen Sicherheitsbegriff: Wenn es zum Einsatz einer Atomwaffe kommt – sei es aus Vorsatz, aus Versehen oder wegen eines Cyberangriffes –, haben wir das nicht unter Kontrolle – weder humanitär, noch sozial, wirtschaftlich oder medizinisch. Darum das Verbot. Ausgangspunkt war ein menschlicher Sicherheitsbegriff, Human Security, und kein vorwiegend staatlicher. Konkret geht es im Vertrag auch um Hilfe für Opfer und Umweltsanierung.

Der AVV kann also eine Erfolgsgeschichte bleiben?

Ja. Selbst wenn die USA, Russland und China nicht dabei sind. Aber: Wir haben einen völkerrechtlichen Vertrag, mit dem man Druck ausüben kann. Wir haben mittlerweile über 100 Finanzinstitutionen, die jegliche finanzielle Involvierung bei Atomwaffen ausschließen bzw. die  Schritte zur Restriktion gegangen sind. Das sind in den vergangenen Jahren deutlich mehr geworden. Hier ist zu sehen: Der Vertrag ist mehr als nur symbolisch. Hier bewegt sich etwas.

Interview: Christine Tragler, Richard Solder

Lokal-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2023/Sep-Okt

Lange wusste man nicht, woher der Apfel stammt – erst mit der modernen Gensequenzierung konnte sein Urahn, der kasachische „Malus sieversii“, bestimmt werden. Schon 10.000 v. Chr. soll er in Zentral- und Westasien angebaut worden sein. Den botanischen Gattungsnamen „Malus“ (auf Latein „Böse“) verdankt er der biblischen Geschichte – der zufolge soll er mit seinen verführerischen Kräften den Sündenfall heraufbeschworen haben.

Wildäpfel gibt es heute noch vereinzelt in einem Nationalpark nahe der kasachischen Hauptstadt Almaty, was abhängig von der befragten Quelle „Vater der Äpfel“ oder „Stadt der Äpfel“ heißt. Sie schmecken angeblich ganz unterschiedlich und anders als Äpfel aus unseren Breitengraden – der Grund liegt laut Pomologie (Obstbaukunde) in der Art und Weise der Bestäubung der Blüten durch die Bienen.

Auch wenn hierzulande nur mehr wenige Sorten kultiviert werden – kein Obst ist so beliebt wie der Apfel: ob als roher Snack, Mus, im Strudel oder als Chutney oder als Saft, vom Essig bis zum Wein. Apfel ist für (fast) alles gut, auch in gesundheitlicher Hinsicht.

Die Blüten, Blätter und Schale lassen sich, wenn ungespritzt und getrocknet, als Tee verwenden und sollen bei Erschöpfung, Erkältung und Heiserkeit helfen.

Der überwiegende Teil der Äpfel, die bei uns am Markt sind, wird allerdings mit Pestiziden behandelt, um Pflanzenkrankheiten zu vermeiden. Der Ur-Apfel hingegen ist durch seine genetische Vielfalt resistenter. Seit ein paar Jahren wird an Kreuzungen geforscht, um Apfelbäume wieder gesünder zu machen.

Film ab

Von Redaktion · · 2023/Sep-Okt

Im Dezember 2022 ist das Schweizer Magazin Tentakel im Internet aufgetaucht. Die Chefredakteurin Camilla Landbø, die als freie Journalistin öfters für das Südwind-Magazin geschrieben hat, und ihr Team berichten über gesellschaftliche, politische und soziale Themen: von Umwelt- bis Gleichstellungsfragen, von lokalen bis zu globalen Ebenen reicht die Spannweite.

Konsumierst du noch oder reparierst du schon?

Von Redaktion · · 2023/Sep-Okt

Medienpolitik

Weitermachen, als wäre nichts gewesen: Das versucht die Bundesregierung offensichtlich in Sachen Medienpolitik. Der Medienwatchblog Kobuk hat sich angeschaut, wie viel öffentliche Gelder Medien im Jahr 2022 bekommen haben. Dafür hat der unabhängige Blog die Inserate öffentlicher Stellen und Förderungen zusammengetragen, von Websites des Bundes und einer Medientransparenzdatenbank. Die Krone bekam 2022 etwa 17,5 Mio. an Inseraten und rund 6,3 Mio. Euro Förderungen (v. a. Digitalförderung, dazu Privatrundfunkförderung und Presseförderung).

Vergessen scheint, dass mehrere dieser Massenmedien in den vergangenen Jahren in Inserate-Skandale verwickelt waren.

Die üppige und oftmals intransparente Vergabe öffentlicher Inserate hierzulande ist international gesehen einzigartig. Und dadurch, dass die gleichen mächtigen Medien zudem noch massiv gefördert werden, eine Doppelstruktur.

Kritik verpufft. Forderungen nach einer Reform, etwa des Presseclub Concordia, verpufften bisher. Auch das Südwind-Magazin kritisierte das System in den vergangenen Monaten gemeinsam mit den unabhängigen Medien Anschläge, Ballesterer, Malmoe, Skug und Tagebuch mehrfach.

Dabei geht es neben der Intransparenz um die Unverhältnismäßigkeit: Das Südwind-Magazin benötigt selbst auch Inserate, um bestehen zu können. 2022 haben wir 43.200 Euro an öffentlichen Geldern erhalten: Rund 22.200 Euro davon waren Inserate öffentlicher Stellen, der höchste Betrag dabei von der Stadt Wien, rund 7.000 Euro. Dazu kommen ca. 11.000 Euro Presseförderung (Publizistikförderung). 2022 gewährte uns die Wirtschaftsagentur Wien außertourlich einen Zuschuss über 10.000 Euro für ein Podcast-Projekt.

Abos helfen uns, unabhängig und wirtschaftlich stabil zu bleiben:
suedwind-magazin.at/abo

Heißkalt

Von Redaktion · · 2023/Sep-Okt

Fünfzig Jahre nach dem blutigen Staatsstreich, der Chile in ein Experimentierfeld des Neoliberalismus verwandelte, sucht das Land eine neue, menschlichere Identität.

Am 14. September 1973 rief Admiral José Toribio Merino, ein Mitglied der Junta, in Santiago de Chile einen jungen, an der Universität von Chicago ausgebildeten Ökonomen namens Sergio de Castro zu sich und ernannte ihn zum Chefberater im Wirtschaftsministerium. Drei Tage davor hatten Chiles Militärs unter Führung von Armeechef Augusto Pinochet die gewählte Linksregierung von Präsident Salvador Allende in einem blutigen Staatsstreich gestürzt.

Sofort begannen politische Umwälzungen, die die Welt nachhaltig veränderten: die neoliberale Revolution. Während draußen bewaffnete Soldaten linke Student:innen aus den Unis und Arbeiter:innen aus den Armenvierteln zusammentrieben, in Fußballstadien wegsperrten, folterten und ermordeten, machte sich de Castro an den Umbau des Systems. Schon vorher hatte er mit einigen Mitstreitern – wie er jung, an derselben US-Uni ausgebildet und deshalb „Chicago Boys“ genannt – das Projekt auf 500 Blatt Papier zusammengefasst und vervielfältigt. „Der Ziegel“ („El Ladrillo“) wurde dieses Kochbuch des Neoliberalismus genannt.

Von Staat zu privat. Arme Entwicklungsländer wie Chile versuchten damals traditionell mit Staatshilfe ihre eigene Industrie aufzubauen, vor allem, indem sie hohe Einfuhrzölle einhoben. Allendes Linksregierung hatte auf dieser Basis die staatlichen Eingriffe verstärkt, Preise festgesetzt und Großgrundbesitzer sowie große ausländische Firmen, etwa im Kupferbergbau, enteignet.

Die „Chicago Boys“ gingen nicht nur daran, die Allende-Reformen rückgängig zu machen. Sie kippten auch die ganze Ideologie von der geschützten nationalen Industrie. Die Zölle sollten abgebaut, Wirtschaft und Gesellschaft komplett den Gesetzen des freien Markts ausgesetzt werden. Weit über das hinaus, was damals in Industrieländern Nordamerikas und Europas üblich war, privatisierte Chile stufenweise alle Lebensbereiche: Gesundheitswesen, Bildung und Pensionen, aber auch Wasserversorgung, Straßenbau und sogar Gefängnisse. Nur Armee, Polizei und Armenhilfe blieben Aufgaben des Staats.

In der ersten Phase stürzte diese Revolution das Land in eine tiefe Krise. Billigimporte ruinierten Chiles Industrie, hunderttausende Jobs gingen verloren, mehr als die Hälfte der Bevölkerung geriet in Armut. Erst nach und nach begann der Aufbau neuer, wettbewerbsfähiger Wirtschaftszweige, etwa der Export von Trauben und Wein, Kirschen und Avocados. Damit werde aber, wie Kritiker:innen meinen, eigentlich „Wasser exportiert“, das im Laufe der Zeit für die Bevölkerung knapp geworden ist.

Aufstieg und Fall. Begonnen wurde mit der „Vermarktung von allem“ vor genau fünfzig Jahren. Doch erst jetzt, da in diesem südamerikanischen Land seit März 2022 mit Gabriel Boric (37) der am weitesten links stehende Präsident seit Salvador Allende regiert, wird vom Ende des „chilenischen Modells“ gesprochen.

Nach einem halben Jahrhundert schreibt erstmals auch ein Insider über den „Sturz des Neoliberalismus“: Sebastián Edwards, aus einer der mächtigsten Familien Chiles stammend, an der Universität von Chicago ausgebildet und dort mit Professoren wie dem neoliberalen Guru Milton Friedman bekannt, zeichnet in seinem Buch „The Chile Project“ Aufstieg und Fall der „Chicago Boys“ minutiös nach. Den gängigen Jubelberichten, dass deren Reformen Chile zu einem Wirtschaftswunderland gemacht hätten, setzt er bittere Wahrheiten entgegen. Etwa die, dass die Militärs die Reformen mit vorgehaltenem Gewehr durchsetzten und die Rechte der Arbeitenden – Gewerkschaftsfreiheit, Kündigungsschutz – drastisch einschränkten. Das sei, so Edwards, die „Ursünde“ dieser Revolution: „In einem demokratischen System wäre sie nicht möglich gewesen.“

Chiles Schlüsseljahre

1970. Es galt als Weltsensation, dass in Chile erstmals ein revolutionärer Marxist bei Wahlen siegte. Als Kandidat der „Unidad Popular“ aus Sozialisten, Kommunisten und linken Christen erreichte Salvador Allende in der Volkswahl mit 36 Prozent Platz eins. Im Kongress stimmten dann 153 von 188 Abgeordneten für Allende, der sofort Lebensmittelpreise und Mieten einfror.

1973. Die Verstaatlichung der Kupferminen hatte Washingtons Zorn erregt. LKW-Fahrer lähmten das Land mit US-finanzierten Streiks. Die Politik für die Armen stieß auf Ablehnung Reicher und der Mittelschicht, sie forderten das Militär zum Handeln auf. Am 11. September schlugen die Militärs zu, Allende fand den Tod. General Augusto Pinochet machte sich zum Präsidenten.

1980. Ausgerechnet am 11. September veranstaltete Pinochet die Farce eines Referendums, mit dem er die für ihn maßgeschneiderte Verfassung bestätigen ließ (ohne Wähler:innenverzeichnis und mit Werbeverbot für politische Gegner:innen). Schockartige neoliberale Reformen ließen Fabriken und Banken krachen. Das Land brauchte Jahre, um der Massenarmut zu entkommen.

1988. Nach 15 Jahren Diktatur stellte sich Diktator Pinochet einem neuerlichen, diesmal regulären, Referendum über eine weitere „Amtszeit“ von acht Jahren. Zur allgemeinen Überraschung verlor er mit 56 Prozent Nein-Stimmen. Chile kehrte zur Demokratie zurück, bis 2022 regierten abwechselnd Mitte-links- und konservativ-rechte Präsident:innen.

1998. Auf Besuch in London, wo Margaret Thatcher eine Bewunderin war, wurde Exdiktator Pinochet aufgrund eines spanischen Haftbefehls als Folterer festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Nach einem Jahr erlaubten ihm die Briten „aus humanitären Gründen“ die Heimreise. In Chile stand er bis zu seinem Tod mit 91 im Jahr 2006 nie vor Gericht.

2019. Nach kleineren Protestwellen kam es gegen Jahresende zum Volksaufstand gegen die Ungleichheit. Ein bisher ergebnisloser Prozess für eine neue Verfassung kam in Gang. Im Dezember 2021 gewann mit Gabriel Boric erstmals ein Linker in der Tradition Allendes mit 56 Prozent die Präsidentenschaftswahl. Mangels stabiler Mehrheit im Kongress bleibt Chiles Umbau sein fernes Ziel.

Blutige Bilanz. Nach der Rückkehr zur Demokratie 1990 zogen Menschenrechtler:innen Bilanz: 2.279 Oppositionelle hatte das Pinochet-Regime „verschwinden“ lassen und die meisten davon ermordet. Genauere staatliche Nachforschungen ergaben 2011, dass rund 40.000 Menschen gefangen, gefoltert oder in anderer Weise verfolgt worden waren, eine Viertelmillion trieb das Regime ins Exil.

Henry Kissinger, in den 1970ern Sicherheitsberater von US-Präsident Richard Nixon, hatte darauf gedrängt, die Regierung von Salvador Allende zu stürzen, weil ihr Erfolg „ansteckend“ sein könnte. 1976 bedankte sich der Nixon-Berater persönlich beim Putschgeneral Pinochet und versprach weitere Unterstützung. Kissinger, soeben 100 geworden, hat darüber nie Bedauern geäußert.

Edwards beschreibt in seinem Buch, dass US-Regierungen schon in den 1950er Jahren Entwicklungshilfe mit ideologischer Abwehr kommunistischer Gefahren verbanden. Aus diesem Grund kam die Kooperation der Katholischen Universität von Santiago mit Chicago zustande. Und Nobelpreisträger wie Milton Friedman und der in Österreich geborene Friedrich August Hayek reisten selbst nach Chile zu Diktator Pinochet, um das neoliberale Experiment zu beobachten. Hayek fand gar, dass ihm eine wirtschaftsliberale Diktatur lieber sei als eine sozialistische Demokratie.

Chile

Hauptstadt: Santiago de Chile

Fläche: 756.700 km² (neunmal so groß wie Österreich)

Einwohner:innen: 19,1 Millionen (Schätzung 2020)

Human Development Index (HDI): Rang 42 von 191 (Österreich 25)

BIP pro Kopf: 15.355 US-Dollar (2022, Österreich: 52.131 US-Dollar)

Regierungssystem: Präsidentielle Demokratie. Staats- und Regierungschef ist seit März 2022 Gabriel Boric von der „Convergencia Social“, einem Teil des linken Parteienbündnisses „Frente Amplio“.

Gegen das „Modell“. Chile kehrte 1990 zwar zur Demokratie zurück, aber wirtschaftlich wurde das „Modell“ beibehalten. Erst 2006 kam es zu massenhaften, von Schüler:innen getragenen Protesten gegen das ebenso neoliberal geprägte Bildungssystem (Gabriel Boric war damals schon dabei).

Gleichzeitig bekamen die ersten älteren Chilen:innen Pensionszahlungen nach dem neuen, privaten System. Sie erhielten etwa ein Viertel des letzten Lohns, viel weniger, als ihnen versprochen worden war. Weil sich die Expert:innen kühl darauf zurückzogen, nur die Gesetze des Marktes (und der Versicherungsmathematik) anzuwenden, kam es sogar dazu, dass Frauen, die gleich viel auf ihr privates Pensionskonto eingezahlt hatten wie Männer, monatlich eine geringere Pension erhielten, weil sie ja eine höhere Lebenserwartung haben.

Mit solchen Beispielen erklärt Edwards, wie es in Chile zur Ablehnung des „Modells“ kam, das Arme als Almosenempfänger:innen abstempelt und alle übrigen einer harten Wettbewerbsgesellschaft aussetzt, die für den Großteil der Bevölkerung einen würdelosen Überlebenskampf bedeutet, während wenige einen bequemen Lebensstil genießen.

Ende 2019 kam es zur „gesellschaftlichen Explosion“, dem „estallido social“, mit wochenlangen Massenprotesten gegen die Ungleichheit. Die damalige rechte Regierung einigte sich mit Teilen der Opposition darauf, eine neue Verfassung anzustreben, weil die unter Pinochet erlassene das „neoliberale Modell“ einzementierte. Bis zum 50. Jahrestag des Putsches sollte sie fertig sein.

Zu Salvador Allendes 115. Geburtstag bot heuer ein Straßenhändler vor seinem Denkmal Tücher mit Porträt und Aufschrift „Der Traum existiert“ an. © Esteban Felix / AP / picturedesk.com

Boric gegen Rechts. Doch es kam anders: Der den Wähler:innen vorgelegte Entwurf, in dem eine progressive verfassungsgebende Versammlung auch Rechte Indigener, von Frauen und der LGBTIQ+-Community festgeschrieben hatte, wurde in einer Volksabstimmung im September 2022 mit großer Mehrheit abgelehnt. Weit rechte Parteien hatten vor angeblichen „Privilegien“ für Minderheiten und einem Rückfall in den „Kommunismus“ gewarnt. Seither weht in Chile der Wind aus dieser Richtung.

Nicht einmal als Präsident Boric vorschlug, alle Parteien sollten zum Putschgedenken feierlich versprechen, nie mehr mit Gewalt aufeinander loszugehen, machten die Rechten mit. Angeführt von den ultrarechten „Republikanern“ Chiles verbreiteten sie stattdessen die Parole, dass „unter Pinochet nicht alles schlecht“ gewesen sei.

Nach außen gibt sich Boric ungebrochen. Er will nun, zur Not ohne neue Verfassung, Chiles System Stück für Stück ändern. So sollen die reichen Lithium-Vorkommen nicht bloß exportiert werden, sondern zum Aufbau einer eigenen Batterie-Industrie dienen. Mit staatlichen Mehreinnahmen will er das kaputte System, etwa bei Bildung und Pensionen, reparieren. „Wir haben die moralische Verpflichtung, hier Lösungen zu finden“, sagte Boric der BBC.

Erhard Stackl ist freiberuflicher Autor und Journalist sowie Herausgebervertreter des Südwind-Magazins.

Sebastián Edwards

The Chile Project.  The Story of the Chicago Boys and the Downfall of Neoliberalism  

Princeton University Press, 2023, 343 Seiten

Politische Beben in Senegal

Von Redaktion · · 2023/Sep-Okt

Fünfzig Jahre nach seiner Flucht nach Österreich berichtet Carlos Vázquez*, ehemaliger Aktivist der Allende-Regierung, von seinen Erfahrungen 1973.

Wie ist es zu Ihrem Engagement in der Regierung Salvador Allendes (1970–1973) gekommen?

Ich stamme aus der Mittelschicht, aus einer Familie mit sozialem Gewissen. Zunächst war ich Christdemokrat. „Unser“ Präsident Eduardo Frei (regierte 1964 bis 1970, Anm. d. Red.) versprach die Entmachtung der Großgrundbesitzenden und die Verstaatlichung des Kupferbergbaus. Aber es ging wenig voran, die Enttäuschung war groß. Ich erinnerte mich an eine großartige Rede Allendes in unserem kleinen Ort nahe von Santiago und meldete mich bei der örtlichen Organisation der Sozialistischen Partei, um beim Plakatmalen und Zettelverteilen mitzumachen.

Im Oktober 1970 wurde der Sozialist Allende, zuerst als stimmenstärkster von drei Kandidaten in der Volkswahl und dann bei der Stichwahl im Kongress von der Mehrheit der Abgeordneten, auch von jenen der christdemokratischen Partei, zum Präsidenten gewählt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die einfachen Menschen waren außer sich vor Begeisterung. Die Rechten waren erschüttert. Sie glaubten, dass aus Chile ein zweites Kuba wird. Viele Reiche verließen das Land. Wir, die hinter Allende standen, sahen damals leider nicht die Mächte im Hintergrund: den ausländischen Einfluss und das Militär. Auch alle wichtigen Medien waren gegen die Linken. Das ist bis heute so. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung.

Sie wurden, mit nicht einmal 30, als „Interventor“, als staatlicher Zwangsverwalter einer Privatfirma, zu einem wichtigen Funktionär der Linksregierung. Wie kam es dazu?

Noch als Chemiestudent nahm ich einen Job in einem Labor an. Eines Tages wurde ich ins Wirtschaftsministerium gerufen und mit der Leitung einer Firma beauftragt, die spezielle Kunststoffrohre für den Bergbau herstellte. Die achtzig Arbeiter streikten dort gegen die drei Eigentümer, die das Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht hatten. Ich übernahm die Aufgabe als Interventor und brachte einen Freund mit, einen guten Buchhalter, der eine totale Überschuldung feststellte. Ich hielt vor den Arbeitern anfeuernde Reden und sprach im Finanzministerium vor, um trotz der Devisennot Dollars zur Beschaffung von Vormaterial – Glasfasergewebe aus Argentinien – zu erhalten. Die Firma überlebte.

Wie reagierten die Eigentümer, die in ihrer Firma plötzlich nichts mehr zu sagen hatten?

Später, nach dem Putsch, fragte die rechte Zeitschrift „Qué pasa“ Unternehmerinnen und Unternehmer nach ihren Erfahrungen mit Interventoren. Einer meiner Eigentümer sagte, dass ich die Firma hervorragend geführt hätte. Allerdings seien dort heimlich Waffen produziert worden.

War da etwas dran?

Ich hatte einen Freund, der eine uralte Pistole besaß, für die es keine Munition mehr gab. Ein Arbeiter hat nach Dienstschluss in der Werkstatt den Lauf angepasst und die Waffe ausprobiert. Anscheinend hat das ein Spitzel bemerkt und stark übertrieben weiter gemeldet.

Insgesamt schlitterte Chile damals in eine enorme Krise, die Inflation betrug 700 Prozent. War daran auch die Regierung schuld?

Transportunternehmen streikten, man fand in den Geschäften kaum Lebensmittel. Alle, die Sachen erzeugt und verkauft haben, waren gegen Allende. Sie wollten ihn weghaben. In meinem Ort gab es eine riesige Hühnerfarm, ihr ganzes Geflügel ist auf dem Schwarzmarkt gelandet. Für solch eine Situation hatte die Regierung keine Lösung. Unter normalen Umständen hätte sie die Preise regulieren können. Aber wie, wenn plötzlich alle Waren verschwinden? Egal, was die Regierung gemacht hätte, der Ausgang wäre immer derselbe gewesen. Ziel der Unternehmerinnen und Unternehmer war es, die Militärs zu überzeugen, dass das Land so nicht regiert werden kann. Aber die Militärs waren traditionell verfassungstreu und haben zunächst gezögert. Diese Mentalität unter Geschäftsleuten ist bis heute unverändert.

Wo waren Sie beim Militärputsch am 11. September 1973?

Auf Flitterwochen in einem Ferienort am Meer. Hochzeiten wurden damals lang vorbereitet, trotz der Krise war am Termin nichts zu ändern. Gott sei Dank. Weil sonst wäre ich tot. Ich hätte in Santiago gekämpft und wäre umgekommen.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie Chile verlassen müssen?

Im Fernsehen wurde tagelang die Szene gezeigt, wie zwei Düsenjäger den Präsidentenpalast La Moneda bombardierten. Man sah auch, wie Militärs in Armenviertel eindrangen und viele Menschen mit erhobenen Händen abführten. Und sie sagten: Wer sich uns entgegenstellt, wird streng bestraft. Wir flüchteten in eine ausländische Botschaft. In meinem Wohnort hingen schon Fahndungsplakate mit meinem Bild, das vom Hochzeitsfotografen kam. Mein Leben war in Gefahr.

Wie kam es zur Ausreise nach Österreich?

Zunächst wurde uns Finnland als Asylland angeboten. Das war uns zu kalt. Ich wäre gern nach England gegangen, aber das Flüchtlingshilfswerk UNHCR schlug meiner Frau und mir dann Österreich vor. Von heute aus gesehen war das genau das Richtige für uns, besser geht’s nicht.

Es wird wohl nicht so einfach gewesen sein, Wohnung und Arbeit zu finden?

Ich habe schon als Jugendlicher gearbeitet, später machte ich dann immer etwas mit Chemie. Wir fanden hier schöne Arbeitsmöglichkeiten, alles war gut organisiert. Wir erhielten sogar einen aufmunternden Brief von Bundeskanzler Bruno Kreisky. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich in Österreich ein Außenseiter bin.

Wie beurteilen Sie die Lage in Chile heute?

Die extreme Armut ist geringer geworden. Statt drei großer politischer Blöcke – Rechts, Mitte, Links – gibt es nun viele Parteien mit nur wenigen Prozent an Stimmen. Der linke Präsident Gabriel Boric wird von einigen dieser Gruppen unterstützt, aber nur, wenn er ihre Wünsche erfüllt.

Dass in Chile die Schulen, das Gesundheitssystem und sogar die Pensionen privat sind, beruht auf der unter Pinochet erlassenen Verfassung. Deshalb wollte man sie ändern. Harte Rechte wehrten sich dagegen mit allen Mitteln.

Bei der Formulierung einer neuen Verfassung haben dann ultralinke Gruppen auf einigen Forderungen beharrt, speziell was indigene und sexuelle Minderheiten betrifft, und das ist bei vielen Menschen nicht gut angekommen. Es führte zur Niederlage bei der Volksabstimmung über den Verfassungsentwurf. Jetzt wird ein neuer Anlauf unternommen. Es besteht die Gefahr, dass die Pinochet-Verfassung noch länger bleibt.

Interview: Erhard Stackl

* Auf Wunsch des Gesprächspartners wurde sein wirklicher Name auf Carlos Vázquez geändert.

Gut gegrillt mit Chimichurri!

Von Redaktion · · 2023/Jul-Aug
© Alpenrepublik16

Adiós Buenos Aires

Tragikomödie, Deutschland 2023, 93 Min.

Musiker Julio will, so wie viele andere, das 2001 in der Wirtschaftskrise versinkende Argentinien verlassen – doch dann kommt alles anders und vor allem kommt viel Tango, Kitsch und Klischees.

Regisseur German Kral ist vielen Tanzfilm-Affinen ein Begriff: Zuletzt hat er 2016 den argentinischen Tango in einem Dokumentarfilm auf die große Leinwand gebracht.

Auf diversen Streamingdiensten

© 68voces.mx

68 Stimmen

Kurzfilmsammlung

In Mexiko gibt es 68 indigene Gruppen, die sich über eine eigene Sprache identifizieren. Mittlerweile werden diese jedoch nur mehr von sehr wenigen Menschen gesprochen. Ein Online-Projekt sammelt animierte Kurzfilme, erzählt in verschiedenen dieser indigenen Sprachen. Die Animationen bieten zudem auch eine faszinierende Bildsprache.

© berlin producers

Oil Promises

Doku, D/Ghana 2020, 52 Min.

Eine Ölquelle vor der Küste Ghanas gibt der Bevölkerung Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung. Was wirklich damit passiert, haben Filmemacherin Elke Sasse und Journalistin Andrea Stäritz beobachtet. Für den Film lieferte die nigerianische Künstlerin Ebele Okoye Animationen und Kommentare. Die Dokumentation samt didaktischem Begleitmaterial steht in der Baobab-Bibliothek als DVD und als E-Medium zur Verfügung.

Im Netz: passportindex.org

Von Redaktion · · 2023/Jul-Aug

Sie sind in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich engagiert. Was hält Sie dabei?

Ich mag es, anderen engagierten Menschen zu begegnen und Visionen zu teilen – wie zum Beispiel, bei Südwind, die vom „Guten Leben für alle“.

Gibt es eine Begegnung, die Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Bei der Homosexuellen Initiative Wien habe ich einmal einen schwulen Mann aus Polen kennengelernt. Er hat mir beschrieben, wie schwierig das Alltagsleben für queere Menschen dort ist. Das hat mich sehr betroffen gemacht.

Sie haben gerade Ihr Lehramtsstudium abgeschlossen. Abgesehen vom Fachlichen – was, denken Sie, können Sie anderen besonders gut beibringen?

Mir ist ein offener, respektvoller Umgang sehr wichtig und diesen möchte ich vorleben und weitergeben.

© Christina Schröder / SWM

Albert Pranger ist vor 25 Jahren in Salzburg auf die Welt gekommen und in Hallein aufgewachsen. Seine vorwissenschaftliche Arbeit im Gymnasium schrieb er zu globaler Bewegungsfreiheit. Nach der Matura absolvierte er den Zivildienst bei Südwind in Wien. Es folgte das Lehramtsstudium Geschichte und Geografie.

Parallel dazu engagierte Pranger sich beim Projekt Flagincluded, bei dem es darum geht, Bewusstsein für LGBTIQ+-Themen an Schulen zu bilden. 2019 wurde Pranger im Rahmen eines homophoben Vorfalles attackiert und ging deswegen vor Gericht. Daraufhin begann er, neben seinem Lehramtsstudium bei seinem Rechtsanwalt Helmut Graupner zu arbeiten und Jus zu studieren. Als Ehrenamtlicher ist Pranger immer noch rund um das Südwind Straßenfest engagiert.

Wenn Sie sich eine Fähigkeit wünschen dürften, die sie noch nicht haben, welche wäre das?

Ich würde gerne strukturierter sein in Bezug auf meine Zukunftspläne. Im Moment weiß ich noch nicht so genau, wohin ich mich beruflich bewegen werde.

Was macht Sie wütend?

Die große Aufmerksamkeit, die viele Menschen den Aktionen der Klimaaktivistinnen und -aktivisten widmen und sich darüber empören, anstelle sich mit Maßnahmen gegen die Klimakrise zu beschäftigen.

Was ist Ihr Rezept gegen diese Wut?

Sport, das Reden mit anderen, die sich aktiv gegen die Klimakrise einsetzen, und mein eigenes Engagement dagegen.

Wovon brauchen die Menschen am meisten, um in einer besseren Welt leben zu können?

Mehr Bildung, weniger rechte Politik und mehr Klimaschutz bzw. mehr Schutz vor dem Eingreifen der Menschen.

Und was kann jede und jeder Einzelne hierzulande dazu beitragen?

Bei jeder Gelegenheit wählen gehen; Menschen zuhören, die andere Perspektiven, Meinungen oder Lebensrealitäten haben; sich auch abseits der Massenmedien informieren, zum Beispiel im Südwind-Magazin.

Kollektivbestrafung für westliches Versagen

Von Redaktion · · 2023/Jul-Aug

In Somalia können sich queere Menschen nicht outen. In Österreich leben sie freier, aber in der eigenen somalischen Community haben sie es dennoch schwer.

In den vergangenen Wochen wurde wie jeden Juni viel über LGBTIQ+-Themen geredet. In meinem Heimatland Somalia gibt es nur ein Wort in diesem Kontext: „gay“, also homosexuell. Aber man redet nicht darüber. Diejenigen, die homosexuell sind, outen sich nicht. Denn queer zu sein wird sowohl in religiöser als auch in gesellschaftlicher und rechtlicher Hinsicht bestraft. In Somalia kannte ich keine einzige Person, die sich selbst als gay bezeichnete.

Dann kam ich nach Österreich, und als Somali-Deutsch-Übersetzerin saß ich eines Tages einer Person gegenüber, die der Beraterin einer NGO ihre Fluchtgründe erklären sollte. Diese Person zitterte, als sie erzählte, warum sie Somalia verlassen hatte: Sie wäre verheiratet worden – um ihre sexuelle Orientierung zu vertuschen. Das Wort „gay“ vermied diese Person in ihrer Erzählung. Das hatte auch mit meiner Anwesenheit zu tun. Sie wollte es vermutlich vor einer Somalierin nicht aussprechen.

Die meisten Somalis, die in Österreich leben, bleiben in ihren Einstellungen, was LGBTIQ+-Themen betrifft, sehr konservativ. Viele queere Menschen, die hierher kommen, schaffen es bald, offener zu leben als es in Somalia je möglich wäre. Ich bin mit einigen davon eng befreundet. Wenn mich konservative Leute darauf ansprechen, frage ich sie, wie sie es wagen können, über die Sexualität anderer zu sprechen.

Als meine Kinder nach Österreich kamen, habe ich ihnen erklärt, was LGBTIQ+ ist. Das war für sie, wie meist für Kids, kein großes Thema. Und das gibt mir Hoffnung, dass Queerness in ihrer Generation und in nachfolgenden nicht mehr als Problem gesehen wird.

Was mir in Wien aktuell Sorgen macht, ist das drohende Aus einer wichtigen Initiative, die im WUK residiert: Das Kommunikationszentrum für Frauen, Lesben, Migrantinnen und Mädchen (FZ) könnte durch die Politik der Stadt Wien und des WUK bald schließen.

Das FZ ist für viele Frauen in unsicheren Situationen ein sicherer Ort, auch für mich war es das bereits.

Bitte informieren Sie sich auf frauenlesbenzentrum-wien.at und unterstützen Sie die Aktionen, damit es nicht verschwindet!

Hamdi Hassan ist freie Journalistin sowie Dolmetscherin/Übersetzerin bei verschiedenen Organisationen. Sie kommt aus Somalia und lebt seit ca. sieben Jahren in Österreich.

E-Mail aus: Algerien

Von Redaktion · · 2023/Jul-Aug

Vor zehn Jahren machten seine Enthüllungen Edward Snowden zum meistgesuchten Mann. Seine Unterstützer:innen von einst, darunter Vanessa Rodel, gerieten in Not.

Als Vanessa Rodel in der Nacht vom 9. Juni 2013 Edward Snowden bei sich aufnimmt, ist ihr die Tragweite ihrer guten Tat noch nicht bewusst. Vor ihr steht einfach jemand, der, so wie sie, auf der Flucht ist und Hilfe braucht. Erst am nächsten Morgen liest sie in der Zeitung, dass Snowden der meistgesuchte Mann der Welt ist.

Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter hatte Informationen über Abhör- und Spionagepraktiken der National Security Agency (NSA) sowie anderer US-amerikanischer und britischer Geheimdienste an Journalist:innen weitergegeben. Nun musste er untertauchen. Und laut seinem Anwalt, dem Kanadier Robert Tibbo, ging das am besten dort, wo man ihn am wenigsten vermutete: bei Menschen, die am Rande von Hongkongs Gesellschaft leben. Wie viele der rund 12.000 Flüchtlinge in Hongkong wohnte Rodel in einem dicht besiedelten Armenviertel. Bei ihr und weiteren Helfer:innen kann sich Snowden zwei Wochen lang verstecken, bis er nach Moskau weiterreist.

Was für Snowden die Rettung war, hatte für Rodel und die anderen Helfer:innen weitreichende Folgen.

Verfolgte helfen Verfolgtem. Rodel kam 2002 nach Hongkong. Sie war vor häuslicher Gewalt und Folter aus ihrem Heimatland Philippinen geflüchtet und arbeitete zunächst als Haushälterin.

Als sie den Job verlor, stellte sie einen Antrag auf Asyl. Unterstützt wurde sie dabei von Tibbo. Eben jenem Menschenrechtsanwalt, der auch Snowden vertrat und damals in Hongkong arbeitete. Die Chancen auf Asyl liegen in Hongkong bei gerade einmal 0,5 Prozent, schildert Tibbo, der weitere Flüchtlinge unterstützte. Etwa Supun Thilina Kellapatha und Nadeeka Dilrukshi Nonis sowie Ajith Pushpa Kumara, die aus Sri Lanka geflüchtet waren. Sie alle retteten Snowdens Leben, betont Tibbo. In Russland bekam Snowden zunächst Asyl und wurde schließlich eingebürgert (siehe Kasten).

Snowden war in Sicherheit. Rodel, Ajith Pushpa und die anderen hielten sich bedeckt. Bis im Jahr 2016 der Film „Snowden“ in die Kinos kam und den Helfer:innen ein paar Sekunden Aufmerksamkeit widmete. Für Tibbo kam das unerwartet, denn die Verbindung seiner Klient:innen zu Snowden hätte nie öffentlich werden sollen.

Riskantes Engagement   

Whistleblower informieren die Öffentlichkeit über Missstände der Mächtigen und riskieren damit oft ihre Sicherheit und Freiheit. Der Begriff wurde zunächst im 19. Jahrhundert im englischsprachigen Raum vor allem mit der Polizei in Verbindung gebracht, die mit einer Pfeife auf sich aufmerksam machte.  

Einer der bekanntesten Whistleblower ist Edward Snowden. Er floh nach seiner Enthüllung im Juni 2013 nach Moskau, von wo aus er in 21 Ländern Asyl beantragte – erfolglos. Er nahm schließlich das Asyl-Angebot Russlands an. Kein Asyl erhielt Julian Assange. Stattdessen ist er seit 2019 in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert. Er hatte 2006 die Enthüllungsplattform Wikileaks gegründet, auf der Militärdokumente über den Einsatz und mögliche Menschenrechtsverletzungen der US-Armee im Irak und Afghanistan veröffentlicht wurden. Dieser Website spielte Chelsea (ehemals Bradley) Manning u. a. ein Video zu, das einen US-amerikanischen Luftangriff im Irak zeigt. Dafür wurde Manning 2013 wegen Spionage und Diebstahls zu 35 Jahren Haft verurteilt, 2017 jedoch wieder freigelassen.  

Assange verbrachte auf der Flucht vor Strafverfolgung mehrere Jahre in der ecuadorianischen Botschaft in London. 2019 wurde er festgenommen. Menschenrechtsorganisationen fordern seine Freilassung. Stattdessen drohen ihm die Auslieferung in die USA und bis zu 175 Jahre Haft.   M. W.

Nun preschten sie vor: Noch vor der Premiere des Films traten Rodel und die anderen an die Öffentlichkeit. „Die Behörden hätten sie ohnehin gesucht und womöglich gefunden“, so Tibbo. Angesichts dessen schien es aus Sicherheitsgründen besser, wenn sie international bekannt waren.

Treffen in Moskau, 2016: Anwalt Robert Tibbo (rechts) vertrat Edward Snowden und engagiert sich bis heute für Helfer:innen. © N.Y. Jennifer

Schwerwiegende Folgen. Doch die Lage verschlechterte sich: Da Rodel nicht über Snowden aussagen wollte, strichen ihr die Hongkonger Behörden die ohnehin geringe staatliche Unterstützung. 2017 lehnten sie ihren Asylantrag ab, womit ihr Haft und Abschiebung drohten. Auch Ajith Pushpa und das Ehepaar Thilina waren einem großen Risiko ausgesetzt. Laut Tibbo sei sogar die Polizei aus Sri Lanka nach Hongkong gereist, um nach seinen Klient:innen zu suchen. Währenddessen beantragte er für sie Asyl in Kanada.

Doch die politische Dimension des Rechtsfalles ließ die dortigen Behörden zögern, sagt er. Zwei Jahre dauerte es schlussendlich, bis Rodel und ihre damals achtjährige Tochter Keana nach Kanada einreisen konnten, um ein sicheres Leben zu beginnen.

Ein neuer Anfang mit Startschwierigkeiten: Die COVID-19-Pandemie brachte Rodel in finanzielle Nöte. Ihr ursprünglicher Sponsor stellte die Unterstützung ein, sie selbst hatte noch keine Arbeit und erhielt kaum Sozialleistungen. Anwalt Tibbo stellte eine Spendenaktion auf die Beine, mit der sie es immerhin durch die Pandemie schaffte. Mittlerweile hat Rodel Arbeit gefunden und kann ein lang ersehntes unabhängiges Leben führen.

Die anderen Snowden-Helfer:innen leben ebenfalls in Kanada. Außer einem: Ajith Pushpa, der aus Gewissensgründen aus der sri-lankischen Armee desertiert war, sitzt weiterhin in Hongkong fest. Tibbo beklagt auch in seinem Fall Kanadas Zögern. Schließlich gehe es um Menschen, die nichts Unrechtmäßiges getan hätten. Menschen, die lediglich jemandem in Not geholfen und dabei viel riskiert haben.

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und lebt in Wels/Oberösterreich.

Globaler Kamerablick mit Selfies

Von Redaktion · · 2023/Jul-Aug

Forscher:innen arbeiten an der Dekolonisierung künstlicher Intelligenz, zum Beispiel durch Schaffung virtueller Erzähler:innen für traditionelle Geschichten.

Vor langer Zeit, vor dem Internet und sogar der Elektrizität, war folgender Aufruf in Kisuaheli, der Sprache Ostafrikas, eine Einladung: „Hadithi! Hadithi! Lasst die Geschichten kommen!“

Jung und Alt versammelten sich um eine Feuerstelle und spielten ein Rede-Antwort-Spiel mit einer (meist weiblichen) Geschichtenerzählerin. Heute fragen sich die Urenkel:innen: Wie lässt sich die afrikanische orale Erzähltradition in eine moderne, interaktive Form übertragen?

„Lineare Medien wie Video oder das geschriebene Wort können diese Erfahrung einfach nicht angemessen reproduzieren“, sagt Melisa Allela, eine Mediendesignerin in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, die sich mit virtueller Realität (VR) beschäftigt. Sie ist Dozentin an der Technischen Universität Kenias und die erste Wissenschaftlerin in Ostafrika mit einem Doktortitel in Design mit dem Schwerpunkt Interaktive Medien.

Für ihre Promotion hat sie sich mit „virtual beings“, virtuellen Lebewesen, befasst. „Mit der heute zugänglichen Technik können wir virtuelle Geschichtenerzähler:innen erschaffen, die sich auf Nutzerinnen und Nutzer einlassen, so dass sich diese als Teil der Geschichte fühlen“, erklärt die 37-Jährige. „Der Markt für dieses Material, sowohl in Afrika als auch in der Diaspora, ist riesig und unerschlossen. VR ist die Zukunft“.

Neue Datensätze benötigt. Ihr Start-up Leso Stories produziert afrikanische Geschichten, erzählt in virtueller Realität. Dafür hat sie sich Lawino ausgedacht, eine virtuelle Geschichtenerzählerin, die man in ein Gespräch verwickeln kann.

Allela hat dabei festgestellt, dass die virtuellen Datenbanken, mit deren Hilfe Künstler:innen wie sie ihre Kreationen zusammensetzen, westlich geprägt sind. „Die vorhandenen Datensätze für Bewegungen, wie zum Beispiel jemand geht oder mit den Armen gestikuliert, wirken unecht in afrikanischer VR“, sagt sie. „Solche Inhalte haben fast ausschließlich einen westlichen oder asiatischen Fokus.“

Deshalb will sie selbst eine Datenbank afrikanischer Bewegungsarten aufbauen, die es ermöglichen soll, mehr authentische virtuelle Geschichtenerzähler:innen im Kontext afrikanischer oraler Erzähltradition zu kreieren. Sie könnten zudem bei Spielen und anderen Animationen Einsatz finden.

Afrikanische Beiträge. Allelas Datenbank wäre ein substanzieller Beitrag afrikanischer Akteur:innen zur globalen Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI). Denn bisher wird KI fast ausschließlich in anderen Teilen der Welt entwickelt. Anwendung findet sie zwar genauso in Afrika, doch bisher hat der Kontinent wenig mitgestalten können. Das ändert sich.

Von der Landwirtschaft bis zur medizinischen Diagnostik, von der Gesichtserkennung bis zum Verkehrsverlauf wird KI weltweit und auf dem afrikanischen Kontinent genutzt. Nach dem Motto „afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme“, das auch in der Entwicklungszusammenarbeit bekannt ist, wollen afrikanische Forscher:innen mit lokalen Datensätzen KI-basierte Lösungen für die speziellen Herausforderungen des Kontinents erarbeiten.

Ein Beispiel ist Lelapa in Südafrika, eine industrielle und gewerbliche KI-Forschungsfirma, die ein KI-Lab für erstklassige Forschung von und für Afrika bauen will.

Die dort entwickelte und kommerzialisierte Technologie soll das Leben von Afrikaner:innen verbessern, so das Unternehmen. Dafür hofft Lelapa, Afrikas junge KI-Talente anzulocken beziehungsweise aus den Laboren von Google oder OpenAI in den USA zurückzuholen.

Dranbleiben. Das erste Produkt der Firma ist Vulavula, ein Werkzeug zur Erfassung natürlicher Sprache, das unterrepräsentierte Sprachen digital unterstützt. „Es ist wichtig, dass die digitale Welt den Sprachen der Welt zu Diensten ist“, heißt es hierzu auf der Lelapa-Webseite. „Nicht nur als Mittel, um Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, sondern auch zur Bewahrung der Kultur.“

Vulavula kann in der Kommunikation, in der Bildung und im Geschäftsleben Anwendung finden. „Wir wollen nicht abgehängt werden“, sagt Lelapa-Mitgründer Vukosi Marivate der Zeitschrift Wired. „In technologischen Revolutionen zahlen die Gesellschaften, die zurückbleiben, einen hohen Preis.“ Afrikas Bedürfnisse und Werte stünden bei Lelapa an erster Stelle, anstatt sich auf eine Handvoll ausländischer Tech-Unternehmen zu verlassen.

Mit Vorsicht. Während die Industrie Pioniergeist versprüht, treten manche Wissenschaftler:innen einen Schritt zurück und fragen zu künstlicher Intelligenz von und für Afrika: Was sind die Risiken und Vorteile für afrikanische Gesellschaften? Oder auch: Kann die Anwendung dieser Technologien die Demokratie unterwandern? Um hierauf Antworten zu finden, hat die Südafrikanerin Rachel Adams im vergangenen Jahr das African Observatory on Responsible Artificial Intelligence (AORAI) gegründet. Es soll Werkzeuge entwickeln, mit denen afrikanische Regierungen die Umsetzung von KI überwachen können, sowie ihnen Beratung anbieten.

Rassismus entschärfen. Das AORAI-Netzwerk will zudem an der Dekolonisierung von KI arbeiten. „Wir wollen herausfinden, welche Dynamiken die künstliche Welt vom Kolonialismus geerbt hat, damit wir sie entschärfen können“, erklärt Adams der kanadischen Zeitung Quebec Science.

Technologien zu importieren, die nicht an den lokalen Kontext angepasst sind, stellt ein Problem dar, sagt sie. So seien etwa Gesichtserkennungssysteme, die außerhalb des Kontinents programmiert wurden, fehleranfällig. Dies sei beunruhigend, wenn sie für die Polizeiüberwachung genutzt werden.

Was in der südafrikanischen Metropole Johannesburg bereits der Fall ist: Hier filmen mehr als 5.000 KI-unterstützte Kameras einer dänischen Firma die Öffentlichkeit.

Forscherin Adams und ein internationales Team haben zudem den Global Index on Responsible AI ins Leben gerufen, um herauszufinden, was ethische künstliche Intelligenz in jedem einzelnen Land bedeutet. Mit diesem Werkzeug lassen sich Länder auf der Grundlage von Kriterien vergleichen, die global erarbeitet und nicht lediglich aus den Staaten des Globalen Nordens übernommen wurden.

Anja Bengelstorff arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin in Kenia und schreibt für deutschsprachige Medien.

Afrikas Milliardäre ergreifen die Flucht

Von Redaktion · · 2023/Jul-Aug

Ein ehrenamtlich organisierter Medienwatchblog verrichtet Arbeit, die in Österreich derzeit sehr wichtig ist.

Skandale, Chats, Korruption – und mitten drin Medien: Die vergangenen Jahre zeigen, wie verfilzt einige Politiker:innen und manche Medien in Österreich sind. Das jüngste Beispiel aus der Rubrik Inserate: Nach Aussagen des Ex-Spitzenbeamten Thomas Schmid geriet die Gratiszeitung Heute in Erklärungsnot.

Das alles offenbart, wie wichtig es hierzulande ist, Politik und Medien auf die Finger zu schauen. Ein Projekt, das das seit Jahren sehr engagiert macht, ist Kobuk.at. Der Medienwatchblog deckt Fehler und Falschmeldungen auf.

Die Autor:innen prüfen Aussagen und Berichte durch Recherche und Medieninhaltsanalysen auf deren Richtigkeit – zuletzt etwa rund um das Inseratenthema, Verschwörungstheorien oder auch rund um die Kampagne der Bild-Zeitung gegen den deutschen Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck.

Qualtinger lässt grüßen. Kobuk ist ein ehrenamtliches Projekt, das in einer FH-Lehrveranstaltung des ORF-Journalisten Yilmaz Gülüm verankert ist. Immer wieder kommen die Beiträge und Inhalte von FH-Studierenden. Der Medienwatchblog ist werbefrei und unabhängig – und daher auf Unterstützung angewiesen, etwa durch Spenden.

Der Name der Plattform hat übrigens mit dem großen Künstler und Autor Helmut Qualtinger (1928-1986) zu tun. Qualtinger testete immer wieder Medien bzw. führte Redaktionen gekonnt an der Nase herum. In einer Aktion erfand er den Inuit-Dichter Kobuk und kündigte einen Wien-Besuch desselben an. Ohne zu checken, ob Kobuk wirklich existiert, fanden sich Reporter:innen für die vermeintliche Ankunft des Dichters am Wiener Westbahnhof ein. Aus dem Zug stieg Qualtinger.

Im Netz: Carbon Brief

Von Redaktion · · 2023/Mai-Jun

Doku 2023, Arte
30. Mai, 22:10

Expert:innen schlagen Alarm: Die Welt steckt in der Schuldenfalle – über 300 Billionen US-Dollar an Verbindlichkeiten haben sich global angehäuft. Drei Jahre müsste die Erdbevölkerung umsonst arbeiten, um diesen Berg abzutragen. Ist dies Grund zur Sorge? Und was ist zu tun angesichts der überbordenden Schuldenlast? Die Doku liefert Antworten.

Menschen, die bewegen: Vera Brandner

Von Redaktion · · 2023/Mai-Jun

Der extensive Anbau von Soja, allen voran für die Tierfutterherstellung, bedroht in Brasilien Lebensräume. 32 Familien konnten sich aber nach einem jahrelangen Kampf gegen ein Soja-Unternehmen behaupten.

Wie ein grünes Meer erstreckt sich der Cerrado über fast zwei Mio. Quadratkilometer: über elf brasilianische Bundesstaaten bis nach Bolivien und Paraguay. Er ist die artenreichste Savanne der Welt und neben dem Amazonas das wichtigste Ökosystem sowie einer der größten Wasserspeicher Brasiliens. Die Grundwasservorkommen sind enorm, sie speisen die Oberläufe vieler Flüsse. Fast die Hälfte des Cerrado hat die Agrarindustrie mittlerweile mit Cashcrops wie Baumwolle, Mais und Soja übersät.

Im Bezirk Formosa do Rio Preto, im Nordwesten des Bundestaates Bahia, ist das Unternehmen Condomínio Cachoeira do Estrondo, kurz Estrondo ansässig, das aktuell aus 14 Farmen besteht. Seit Mitte der 1990er werden hier Monokulturen bewirtschaftet; heute bereits auf einer Fläche von über 220.000 Hektar, das entspricht fast ebenso vielen Fußballfeldern.

© SWM / NordNordWest / CC BY-SA 3.0 / commons.wikimedia.org

Einen Platz mit zwei Toren zum Fußballspielen gibt es auch in der kleinen Gemeinde Cacimbinha, die nur über holprige Pisten aus roter Erde erreichbar ist. Vier Stunden dauert die Fahrt bis zum nächsten Krankenhaus in der Bezirkshauptstadt Formosa.

Weiden im Wald. Cacimbinha ist eine von sieben Gemeinden, die von Siedler:innen vor 150 Jahren in einem Tal entlang der bewaldeten Flussufer des Rio Preto gegründet wurde. 32 Familien sind es heute noch. Sie leben von kleinbäuerlichem Lebensmittelanbau und ihren Rindern, die sie zum Weiden in tagelangen Märschen durch die Wälder treiben. Dabei wird das sensible Ökosystem nicht gestört, denn was die Tiere fressen, wächst alles wieder nach. Nichts wird gerodet.

Doch um das Tal hat sich in den in den vergangenen 30 Jahren ein Gürtel aus Sojaplantagen der Firma Estrondo ausgebreitet – mit zerstörerischen Folgen, für Lebewesen und Umwelt.

Isaltina Guedes da Silva Gomes © Christina Schroeder / SWM

„Vor dem Soja-Boom war das Leben hier ruhig, die Menschen kannten keine Angst, außer der vor den wilden Tieren, aber nicht vor dem wildesten, dem Menschen. Unser Leben war so viel besser“, sagt die 44-jährige Isaltina Guedes da Silva Gomes, die aus der Gegend stammt und heute als Community Nurse, also mobile Erstversorgerin bei Krankheitsfragen und für Vorsorgeuntersuchungen, in den Gemeinden unterwegs ist. Oft klagen die Bewohner:innen über Vergiftungssymptome. „Ich kann die Zusammenhänge nicht beweisen, aber das kommt vor allem vor, wenn Flugzeuge das Gift – es ist Glyphosat – auf die Soja-Pflanzen spritzen. Damit kommen wir auch über das Trinkwasser aus unseren Quellen in Kontakt“, berichtet sie.

Soja für die ganze Welt  

Der Soja-Anbau im Cerrado begann in den 2000er Jahren. Zu einem Boom kam es nach einem Abholzungsstopp für Soja im Amazonas: Die Sojabohnenanbaufläche stieg im Cerrado von 7,5 Millionen Hektar in der Erntesaison 2000/2001 auf 20 Mio. im Jahr 2020/2021. Da erreichte die Sojabohnenernte einen Höchststand: In ganz Brasilien wurden auf ca. 39 Mio. Hektar rund 138 Mio. Tonnen geerntet. Der Sojakomplex, der den Handel mit Bohnen, Öl und Sojaschrot zur Herstellung von Futter für Rinder, Geflügel und Schweine umfasst, ist das wichtigste Produkt auf der brasilianischen Exportliste.  

Die größten Abnehmer 2021 waren China und die Europäische Union. Prognosen zufolge wird Brasilien 2035 insgesamt 191 Mio. Tonnen Sojabohnen produzieren, davon über zwei Drittel für den Export.  cs

Zehn Jahre Angst. Mit der Angst meint da Silva Gomes die vor massiven Bedrohungen und versuchten Vertreibungen durch Großgrundbesitzer:innen – zehn Jahre lang.

Die Hintergründe: Eigentumstitel für ihr Land haben die Menschen hier, die sich Geraizeiros nennen, wie viele andere Siedler:innen, Indigene und Nachfahren von Sklav:innen in Brasilien nie bekommen.

Im Nordosten sind 80 Prozent des Landes das Eigentum von 10 Prozent aller Landbesitzer:innen. Laut dem brasilianischen Waldschutzgesetz müssen im Cerrado 20 Prozent des privaten Großgrundbesitzes als Naturreservat erhalten bleiben.

Estrondo hatte sich zunächst das Land der Menschen im Tal einverleibt und es als sein Naturreservat deklariert. Dann wurde im Laufe der Jahre ein Drittel der Gründe abgeholzt, vor allem für die Soja-Plantagen – auch unerlaubterweise.

Nachdem die Staatsanwaltschaft wegen einiger Umweltdelikte Anklage erhoben hatte, willigte Estrondo ein, soziale und ökologische Kompensationen zu leisten, u. a. die Anerkennung der territorialen Autonomie der Geraizeiros. Im Gegenzug wurden die Anklagen fallen gelassen. Das war im Jahr 2011.

„Ab dem Jahr 2013 änderte das Unternehmen seine Linie und kehrte zu den Repressalien gegen die kleinbäuerlichen Familien zurück“, erzählt Martin Mayr. Er ist ein österreichischer Entwicklungshelfer von Horizont 3000, der seit 2005 mit den betroffenen Gemeinschaften in Verbindung ist und ihren Widerstand gegen den Großgrundbesitzer Estrondo unterstützt.

Antônio Batista Gomes © Christina Schroeder / SWM

„Bewaffnete Männer sind mit Motorrädern gekommen und haben uns bedroht – verbal, aber auch körperlich. Sie haben manchen in die Füße geschossen!“, schildert Antônio Batista Gomes die Jahre der Unsicherheit. „Wenn wir mit unseren Herden unterwegs waren, haben sie uns umzingelt und sogar festgehalten in ihren Wachposten, die sie rund um unser Land aufgestellt hatten“, so der heute 83-Jährige.

„2018 hatten wir schließlich sogar Angst, aus dem Haus zu gehen. Wir fürchteten ständig, dass wer verschwindet“, erinnert sich Community Nurse da Silva Gomes, die im Verband mit den anderen betroffenen Gemeinden der Region gegen Estrondo ankämpfte.

Abkommen erreicht. Schließlich konnte auch internationale Aufmerksamkeit erreicht werden: „Wir gewannen große Organisationen wie Greenpeace und WWF für eine Kampagne gegen Estrondo“, sagt Mayr.

Mit Erfolg: 2022 wurde die verbindliche Anerkennung der Territorial-Rechte der Gemeinden durchgesetzt, der Estrondo-Konzern und die Gemeinden sollen das Abkommen unterzeichnen.

„Es ist nicht alles perfekt, aber es sind uns immerhin 77.000 Hektar als Eigentum zugesprochen worden. Ich glaube, dass so unser Leben wieder gut wird und auch unsere Kinder hier bleiben können“, hofft der betagte Batista Gomes.

Wie es um die Zukunft der Soja-Farmen steht, ist hingegen nicht klar. Eine Gruppe internationaler Wissenschafter:innen hat errechnet, dass durch die Erhitzung des Klimas bis 2050 im Cerrado mit Produktionsrückgängen von bis zu 26 Prozent gerechnet werden kann, wenn die Industrie so weiterwächst wie bisher.

Auf der Webseite von Estrondo gibt man sich ausdrücklich stolz darauf, Teil des agrarischen Wachstums des Bundesstaates Bahía zu sein. Die Zeichen stehen heute auf Expansion.

„Weil der Boden durch die extensive Nutzung vertrocknet und gleichzeitig der Niederschlag sinkt, graben sich Unternehmen wie Estrondo selbst das Wasser ab! Will heißen, in 30 Jahren wird sich diese Produktion für sie nicht mehr rentieren“, prognostiziert auch der Agraringenieur Abner Mares Costa, der schon seit vielen Jahren in der Gegend tätig ist, die Zukunft des grünen Meeres. Für das Ökosystem des Cerrado und seine Biodiversität könnte es dann schon zu spät sein.

Die Recherche für diesen Beitrag fand im Rahmen einer Pressereise statt, die von der deutschen Christlichen Initiative Romero im Zuge des EU-Projekts „Our Food. Our Future“ organisiert wurde.

Benin im Voodoo-Fieber

Von Redaktion · · 2023/Mai-Jun

In vielen Ländern – auch in Österreich – wird im Juni der „Pride“-Monat mit diversen Veranstaltungen begangen. Weltweit am meisten Menschen kommen in São Paulo zur Regenbogenparade zusammen – mehr als zu den größten brasilianischen Karnevalsfeiern.

Das Ziel dieser Paraden ist es, auf Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Identität aufmerksam zu machen und die Forderungen für Gleichberechtigung in die Öffentlichkeit zu tragen. Um gleiche Rechte wird dabei andauernd gekämpft, fast überall auf der Welt.

In Indonesien fordern Menschenrechtsgruppen seit Jahren die Abschaffung der Bestrafung wegen gleichgeschlechtlichem Sex. Besonders scharf wird dies im Bundesstaat Aceh geahndet, da gilt die Scharia: Bestraft wird mit Stockschlägen in der Öffentlichkeit.

In Indien ist erst 2018 ein Gesetz aus der Kolonialzeit abgeschafft worden, das homosexuellen Geschlechtsverkehr verbot. Im Jahr 2023 lehnt die konservative Regierung unter Führung des hindu-nationalistischen Premierministers Narendra Modi die Öffnung der Ehe für alle ab. Nach dem Obersten Gerichtshof beschäftigt sich nun der Verfassungsgerichtshof mit dem Thema.

Südafrikas Verfassung hingegen war 1994 die erste der Welt, die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung verbot, 2006 wurde die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. Dennoch kommt es immer wieder zu Mordserien an queeren Menschen.

In Österreich wird die Pride heuer am 17. Juni über den Wiener Ring gehen, wie immer gegen die Fahrtrichtung und für die Rechte der weltweiten LGBTIQA+-Community, von Kabul bis Bregenz.

Grün und gut

Von Redaktion · · 2023/Mai-Jun

Die ghanaische Schriftstellerin und Performerin Poetra Asantewa möchte afrikanische Künstlerinnen sichtbarer machen.

Ama Asantewa Diaka versteht sich als Geschichtenerzählerin. Die Poetin aus Ghana, die auch unter dem Namen Poetra Asantewa auftritt und zwischen ihrer Heimat und den USA pendelt, erzählt von Weiblichkeit und Schmerz. Etwa über den Schmerz jener Frau, die ein Leben nach Plan führen wollte: der Berufsweg Krankenschwester, gutes Aussehen, Hochzeit, die Geburt eines Sohnes. Doch der Sohn, der mit zehn Jahren noch Ingenieur werden wollte, verfiel mit 14 der Drogensucht. Die verzweifelte Mutter versuchte alles, um ihn davon zu befreien, scheiterte, und erwürgte ihren Sohn schließlich, um dem Leid ein Ende zu bereiten.

Die wahre Geschichte von Ellen Pakkies, die sich 2007 in Südafrika zugetragen hat, wurde sogar verfilmt. Asantewa gibt sie in ihrem Gedichtband „Woman, Eat Me Whole“, jetzt als Taschenbuch erhältlich, auf eine berührende und sensible Art wieder, die einen nicht mehr loslässt.

Appell zur Selbstliebe. 48 Gedichte erzählen vom Frausein, von mentaler Gesundheit, Trauma, Schönheit und Selbstzweifeln. Asantewa schreibt über den weiblichen Körper, der im Zentrum der gesellschaftlichen, männlichen Erwartungen steht. In „False teachings“ (auf Deutsch: Falsche Lehren) beklagt sie, dass es Lektionen darüber gebe, wie man sich als „respektable“ Frau zu verhalten habe. Hingegen gebe es keine Lektionen darüber, wie man Frauen respektiert.

Sie schreibt vom Druck auf Frauen, sich selbst und ihren Körper anzupassen: die Brust perfekt, die Beine wohl geformt, nicht burschenhaft sein, nicht zu „fett“, natürlich aussehen, aber nicht zu sehr. „Du musst alle Farben des Regenbogens gleichzeitig sein“, schreibt sie. Und selbst dann gibt alles, was frau macht, Anlass zur Kritik. Daher ihr Appell: Liebe dich selbst, egal, was ist!

Ama Asantewa Diaka
Woman, Eat Me Whole
Harper Collins, New York 2023
Englisch, 96 Seiten, € 18,99

„Women, Eat Me Whole“ soll Frauen ermutigen, sich treu zu bleiben und ihre Träume zu verfolgen, und ist ein klares Bekenntnis zum Feminismus.

Der Gedichtband ist Asantewas erste Publikation in dieser Form. Sie ist auch Sängerin, Songwriterin und erzählt ihre Geschichten oft vor einem Publikum. Mit einer Mischung aus Poesie, Musik und ihrer unbeirrbaren Stimme zieht sie die Menschen in den Bann.

Vision für die Gemeinschaft. Asantewa wollte Schriftstellerin werden, weil sie zur Buchliebhaberin erzogen wurde, erzählt sie in einem Videoporträt des internationalen Kollektivs Found Sound Nation. An Büchern liebe sie bis heute, dass sie die Leser:innen in eine andere Welt versetzen können. „Ich möchte, dass die Menschen genau das fühlen, wenn sie mich hören“, so Asantewa. „Wir sind nicht da, um nur Schriftstellerinnen oder nur Sängerinnen zu sein, sondern wir sind Teil einer Gemeinschaft“, sagt sie weiter. Um kreative afrikanische Frauen zu fördern, gründete Asantewa im Jahr 2017 in Ghanas Hauptstadt Accra die Initiative „Black Girls Glow“. Weibliche und non-binäre Künstler:innen entwickeln gemeinsam Projekte und wollen damit für soziale Veränderungen in ihrem Umfeld sorgen.

„Es geht nicht nur um Kreativität. Es geht um Frauen, die uns in ihre Welt lassen – uns sehen lassen, was in ihrer Welt gut und was nicht so gut läuft und wie wir gemeinsam Lösungen finden können“, schildert Asantewa die Hintergründe von „Black Girls Glow“. Zu den Aktivitäten zählen eigene Musikprojekte über Genregrenzen hinweg, die sonst von einer männlich dominierten Musikindustrie definiert werden.

Ein weiteres ihrer Projekte nennt sich „Street Studio“. Hier wird die Musikproduktion in den öffentlichen Raum verlegt, etwa auf den Markt.

Mit dem Ziel, afrikanische Künstlerinnen sichtbarer zu machen, gründete Asantewa 2018 außerdem das Literaturmagazin Tampered Press. Mit ihrer Kunst und ihrem Engagement setzt sie ihre Vorstellungen einer gerechten Welt um. Eine Welt, in der Schwarze Frauen sowohl als Künstlerinnen als auch aktive Mitglieder ihrer Gemeinschaften präsent sind und wachsen können.

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und und lebt in Wels/Oberösterreich.

Genug von der Urlaubs-Jagd

Von Redaktion · · 2023/Mai-Jun

Es soll Zeiten gegeben haben, in denen zumindest die Erwartung an die Politik war, sich bestmöglich um das Allgemeinwohl zu kümmern, viele nennen da die Kreisky-Zeit als Beispiel.

Heute kann man den Eindruck gewinnen, dass dieser Anspruch weitgehend verlorengegangen ist, ob der globalen Krisen und zahlreicher innerpolitischer Turbulenzen, in die sich die meisten Parteien in Österreich ständig verstricken.

Die Entscheidungsträger:innen haben alle Hände voll zu tun, sich im Sattel zu halten. Für die grundlegenden Veränderungen wie Umverteilung oder nötige Prioritätensetzungen – Stichwort Klima – haben sie scheinbar wenig Ressourcen, aber oftmals einfach weder Willen noch Mut.

Die Folge: Wirtschaftlich große Player wie Energiversorger gewinnen und machen Krisenprofite, während die große Mehrheit der Bevölkerung verliert: Kaufkraft, psychische Gesundheit, Wohnungen, aber auch Hoffnung und den Anspruch auf Veränderungen und die Kraft, diese bei diversen Wahlen einzufordern.

Aber nein, es sind nicht alle Parteien und Politiker:innen gleich. Es lohnt sich, genau hinzusehen, wer sich für das Wohl aller ausspricht.

Feministische Außenpolitik geht um die Welt

Von Redaktion · · 2023/Mai-Jun

François-Dominique Toussaint Louverture (1743–1803) war der bedeutendste Protagonist der Haitianischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts. Die Französische Revolution 1789 nahm er beim Wort und forderte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – auch für die versklavten Menschen der französischen Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti.

1791 verhalf er dem Sklav:innenaufstand zum entscheidenden Erfolg, der 1794 zur Abschaffung der Sklaverei führte. 1801 ernannte er sich zum Gouverneur der Insel. Die Unabhängigkeit im Jahr 1804 erlebte er nicht mehr. Haiti war das erste lateinamerikanische Land, dessen Bevölkerung sich aus der kolonialen Unterdrückung befreite. Unter dem Vorwand von Verhandlungen ließ Napoleon Bonaparte Louverture nach Frankreich entführen, wo dieser 1803 in einer Gefängniszelle starb.

Gegenwärtigen antirassistischen Emanzipationsbewegungen – in der Karibik wie im Pazifik, in Afrika oder für die Black-Lives-Matter-Bewegung – gilt Toussaint als Vorkämpfer, der die Anerkennung universeller Rechte erstmals aufs weltpolitische Tapet brachte.

Weltwirtschaft neu denken

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr

E-Mobilität gilt als große Klimahoffnung. Aber allein die Produktion eines Akkus bringt unzählige neue Herausforderungen für Umwelt und Menschen im Globalen Süden. Das Südwind-Magazin recherchierte Hintergründe und liefert Lösungen.

Das Südwind-Magazin recherchiert und berichtet laufend zu Themen rund um E-Mobilität. Zusammengestellt haben wir etwa ein Poster zum Thema. Hier haben wir die Inhalte noch einmal mit Zusatzinformationen zusammengefasst. Bei Interesse am Plakat, das in Kooperation mit dem Projekt „Climate of Change“ entstanden ist, melden Sie sich gerne bei uns unter magazin@suedwind.at

4,3 Mio. Elektro-Autos wurden 2022 weltweit verkauft – um die Hälfte mehr als noch im Vorjahr. Elektromobilität verbraucht die meisten Lithium-Ionen-Akkus, mehr als etwa die IT-Branche. 76 % des abgebauten Lithiums gehen in die Akku-Produktion. Einen „Faktencheck“ zum Thema E-Akkus für Autos finden Sie in dieser Studie des Fraunhofer-Instituts.

E-Motoren sind generell energieeffizienter als „Verbrenner“, aber nur, wenn sie klein sind, intelligent geladen werden und der Fahrstil (Beschleunigung etc.) angepasst wird. Das bestätigt eine Verkehrsclub-Studie.

Weniger als 1 % machen E-Autos in Mittel- und Südamerika am Gesamtmarkt aus (EU: rund 10 %). Woran die Dekarbonisierung scheitert, zeigt dieser Report der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Illu: Judith Nicolussi/SWM

Jeder 4. unter 30-Jährige in Österreich nutzt bereits Car-Sharing. Auch hierzu hat sich der VCÖ umgehört. Einen weit gefassteren Blick auf globale Mobilitätstrends wirft diese Studie der Heinrich-Böll Stifung.

WoMin-NGO kämpft für Frauenrechte. „Women in Mining“ ist ein Beispiel einer NGO, die für Menschenrechte kämpft – und zwar in 11 afrikanischen Ländern für Frauen, die von Auswirkungen des Bergbaus betroffen sind.

Ab 2025 nur mehr „E“. Norwegen will bald keine Neuwagen mit Verbrennungsmotoren mehr zulassen und fördert E-Mobilität: Mit 78 % hatte das Land 2022 den höchsten Anteil von E-Autos an PKW-Neuzulassungen in Europa. Die OECD lobt hier diese Vorangehensweise als Vorzeigebeispiel.

Der Bedarf an kritischen Rohstoffen je Akku sinkt deutlich. Hier eine Prognose am Beispiel eines Mittelklassewagens
mit Elektro-Antrieb. Die Recyclingquote der Akkus von E-PKWs lag im Jahr 2021 in Österreich bereits bei 97 %. Nähere Infos zu Entwicklungen bei Akkus sammelt die Plattform Global Battery, die NGOs, Industrie und andere Stakeholder zusammenbringen will.

Vorbildwirkung. Menschenrechtsfragen im Ressourcenabbau, Fairness in Lieferketten und Umweltthemen sind nicht nur Problemfelder der E-Mobilität. Der Verein Südwind zeigt in seinen Kampagnen auf, wie die öffentliche Hand eine „treibende Kraft der Verbesserung“ in der Elektroindustrie sein kann.

Illu: Judith Nicolussi/SWM

Stichwort: Urban Mining. Rohstoffgewinnung aus der eigenen Stadt. Die Idee: Langlebige Rohstoffe aus alten Geräten, Bauwerken und Anlagen recyceln. Diese Materialbestände können die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen reduzieren, aber noch lange nicht ersetzen. Projekte rund um das Urban Mining stellt z.B. das Fraunhofer-Institut zusammen oder auch die Plattform „Nachhaltig Wirtschaften“ des österreichischen Klimaschutzministeriums.

Illu: Judith Nicolussi/SWM

Große Vorkommen von Akku-Bestandteilen – eine Auswahl: Lithium (Australien, Argentinien, Chile, Bolivien), Kobalt (Demokratische Republik Kongo (70 %), Russland), Graphit (Türkei, Brasilien), Nickel (Indonesien, Philippinen), Mangan (Südafrika, Georgien).
2019 haben wir in einer Reportage zur Situation im Lithium-Dreieck Chile, Argentinien und Bolivien informiert.

Illus: Judith Nicolussi/SWM

Spazierend Wien dekolonialisieren

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr
© Filmladen Filmverleih

Die Kairo-Verschwörung

Spielfilm, Schweden 2022, 129 Min.

Ein waschechter Politthriller (orig. Boy from Heaven): Adam, der Sohn eines Fischers, erhält ein Stipendium für die renommierte Azhar-Universität in Kairo. Kurz nach seiner Ankunft stirbt der Groß-Imam der Institution. Adam wird zum Spielball im Machtkampf zwischen der religiösen und politischen Elite des Landes. Der von Tarik Saleh inszenierte Film wurde 2022 in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

Kinostart: 21. April

© Filmladen Filmverleih

Zusammenleben

Doku, Österreich 2021, 90 Min.

Wie kann man so etwas wie „die österreichische Kultur“ Neuankömmlingen vermitteln? In einem Integrationsprojekt der Stadt Wien erfahren Menschen aus aller Welt, wie die Dinge in Österreich laufen. Mit eindringlichen Porträts dekonstruiert Regisseur Thomas Fürhapter gängige Klischees und bildet die Pluralität der aktuellen österreichischen Gesellschaft u. a. über ihre Sprachenvielfalt ab.

Kinostart: 10. März

© Filmladen Filmverleih

Broker – Familie gesucht

Spielfilm, Südkorea 2022, 129 Min.

Roadmovie über Familie und Zugehörigkeit des japanischen Regisseurs Hirokazu Koreeda: In ihrer Verzweiflung gibt eine junge Frau ihr Neugeborenes bei der Babyklappe einer örtlichen Kirche ab. Der dort angestellte Dong-soo und sein Kumpel Sang-hyun wittern ein Geschäft und verkaufen das Baby an ein adoptierwilliges Paar. Doch plötzlich steht die junge Mutter wieder vor der Tür – um ihr Kind zurückzuholen.

Kinostart: 17. März

Die Redaktion empfiehlt: Zwischen Facts und Fiction

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr

Warum in der Entwicklungszusammenarbeit eine Balance zwischen persönlichen Kontakten, Flugreisen und digitaler Kommunikation gefunden werden muss.

Die Pandemie hat vieles verändert, auch die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren. Der Ausbau und die Verbesserung von digitalen Kommunikationsplattformen und die Notwendigkeit, diese auch im Arbeitsumfeld zu nutzen, war eine der positiven Auswirkungen von Covid-19 in der Entwicklungszusammenarbeit.

Davor gab es viele Hindernisse: geringe Barrierefreiheit, mangelnde technische Kenntnisse und schlechte Infrastruktur, sowohl innerhalb von EZA-Organisationen als auch bei lokalen Partner:innen. Covid-19 hat gezeigt, was in einer Notlage plötzlich durch Umwidmungen von Budgets, Verbesserungen in der lokalen Infrastruktur und Trainings möglich ist. Monitoring von Projektaktivitäten, Austauschformate, Trainings und Workshops konnten vergleichsweise schnell und problemlos in ein Online-Setting verschoben werden.

Der große Bedarf hat dazu geführt, dass digitale Plattformen verbessert wurden. Vor allem in den Bereichen Barrierefreiheit durch Untertitel, Übersetzungen in Gebärdensprache und interaktive Zusatzmodule ist in den vergangenen zwei Jahren ein großer Sprung passiert. Viele Technologien und Möglichkeiten waren auch davor schon verfügbar, aber nur wenige Organisationen nutzten diese systematisch über interne Strukturen hinaus.

Kontakt verloren. Gleichzeitig sind aber auch die Grenzen der Kommunikation schnell zu Tage getreten. Vor allem bei Partner:innen-Organisationen, die in abgelegenen Regionen tätig sind, in denen aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte kaum Interesse am Ausbau der Stromversorgung oder gar der digitalen Infrastruktur existiert. Sie verloren zumindest zeitweise den Kontakt zu Partner:innen und Unterstützer:innen. Die Kommunikation mit Zielgruppen wurde erschwert und Projektaktivitäten kamen zum Stillstand.

Der Ausdruck Digital Divide, die digitale Kluft oder Ungleichheit, erhielt plötzlich große Aufmerksamkeit und prägte die Diskussion rund um Schulbildung, Geschlechter-(Un)gleichstellung, Stadt- Land- und Nord-Süd-Gefälle. Globale Machtverhältnisse machen auch nicht vor dem digitalen Raum halt.

Während digitale Kommunikation breite Partizipation ermöglicht, ohne dass Menschen über die Geld- und Zeitressourcen für lange Reisen verfügen müssen, ist diese Teilhabe trotzdem immer noch an Bedingungen geknüpft. Das bedeutet, dass sie ebenso aktiv ermöglicht und eingefordert werden muss. Es gilt, sie in Budgets, Einladungs- und Anmeldungspraxis mitzudenken.

Neues Modell gesucht. Ganz werden die neuen Kommunikationsmöglichkeiten den Aspekt des persönlichen Austausches oder direktes Projektmonitoring in abgelegenen Regionen nicht ersetzen können. Statt zwischen beiden Konzepten zu wählen, ist es jetzt an der Zeit zu evaluieren, welche Werkzeuge für welche Aufgaben am besten funktionieren und wie wir sie zielführend kombinieren können.

Vor dem Hintergrund, dass auch die Entwicklungszusammenarbeit sich verstärkt die Frage stellen muss, wie viel klimaschädliches Fliegen notwendig ist, bietet eine durchdachte Kombination von Reisen und Online-Austauschformaten sinnvolle Lösungen, hoffentlich auch langfristig.

Simone Peter ist seit zehn Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und Projektkoordinatorin bei Brot für die Welt Österreich (vgl. auch Seite 5).

„Westliche Staaten wollen ihre Firmen schützen“

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr

Wann haben Sie zuletzt eine Frau als Security, Bodyguard oder Türsteherin gesehen? Schon länger her? In Nigeria sorgt ein ausschließlich weibliches Sicherheitsteam bei politischen Kundgebungen, Feiern und Clubnächten dafür, dass sich jede:r sicher fühlt. Das von Frauen gegründete Unternehmen Dragon Squad in Uyo, einer Großstadt im Südosten des Landes, kämpft damit gegen Stereotype und behauptet sich seit fünf Jahren erfolgreich in einem traditionell von Männern dominierten Bereich.

Peace Vigorous, mit 23 Jahren das jüngste Mitglied der Organisation, war Schneiderin, bevor sie sich bei Dragon Squad bewarb. „Die Leute erwarten von uns, dass wir in der Küche stehen oder uns schminken und andere weibliche Aufgaben übernehmen, aber als Bodyguard zu arbeiten, hat mir gezeigt, wie stark wir Frauen wirklich sind“, sagt sie.

Das Risiko, bei der Arbeit sexuell belästigt zu werden, haben die 43 Mitarbeiterinnen immer im Hinterkopf. Und so tragen sie als Türsteherinnen neben Walkie-Talkies, Stiefeln und dunklen Brillen auch Pfefferspray bei sich.

Fotos: Temilade Adelaja / REUTERS / picturedesk.com

Pakistan sucht Perspektiven

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr

Der Gründung von Pakistan lag keine Idee, kein Programm zugrunde: Die Entwicklung von P.a.k.i.Stan in sieben Schritten.

Großbritannien soll eine gute Kolonialmacht gewesen sein, aber miserabel in der Dekolonialisierung, Frankreich umgekehrt – so ein Witz. Der Unabhängigkeitsprozess Britisch-Indiens wäre dafür ein Paradebeispiel. Weil die säkulare indische Kongress-Bewegung Indiens Unabhängigkeit forderte, unterstützt Großbritannien die Muslim-Eliten als neue Partei. Das Resultat ist die 1906 gegründete All-Indische Muslimliga. Sie wird aufgebaut von einem Rechtsanwalt, dem säkularen Ali Jinnah. Die Vorstellung eines separaten Staates für die Muslim:innen gilt noch als „Studentenidee“. Tatsächlich hatte ein Student P.a.k.i.stan in London entworfen. Dabei steht P für Punjab, A für Afghanistan, K für Kaschmir, I für Sindh/Indus und Stan für Belutschistan. Pakistan bedeutet auch „Land der Reinen“. Pakistan sollte das Resultat einer doppelten Abspaltung werden: 1947 im Rahmen der Teilung Britisch-Indiens; und zweitens 1971, mit der Abspaltung Ost-Pakistans als Bangladesch (vgl. Karte weiter unten).

Ein britischer Fachbeamter, Cyril Radcliffe, der Indien nicht kennt und noch nie besucht hat, wird 1947 eingeflogen und zieht neue Grenzen.

Ab dem 14. August 1947 gibt es ein unabhängiges Indien und mit Pakistan einen neuen Staat, der auch das spätere Bangladesch im Osten einschließt. Am Tag der Teilung wachen etwa in der nunmehr geteilten Provinz Punjab Millionen von Hindus, Sikhs und Muslim:innen auf der „falschen“ Seite einer bislang inexistenten Grenze auf. Die Spaltung zwischen Hindu- und muslimischer Bevölkerung dominiert das Geschehen. Es kommt zu bislang unvorstellbaren Massakern und Fluchtbewegungen. Insgesamt werden im Westen zwölf Millionen Menschen vertrieben, vermutlich eine Million Menschen werden erschlagen. Im Osten verläuft die Teilung relativ friedlich.

Da aus dem Indus-Tal und der ersten pakistanischen Hauptstadt Karatschi alle Hindu-Beamt:innen verschwunden sind, versucht eine neue Intelligenzia – die Muhajir (muslimische Flüchtlinge aus Indien, Anm. d. Red.) –  rund um die Muslimliga von Politiker und Staatsbegründer Jinnah einen neuen Staat aufzubauen.

I. Die Punjabisierung Pakistans. Die 1950er Jahre: Schon der erste Schritt für eine staatliche Strukturbildung wird verstolpert – die Verabschiedung einer Verfassung und die Durchführung allgemeiner Wahlen. Stattdessen blockiert sich die Muslimliga mit Intrigen und ständigen Kabinettsumbildungen selbst. In neun Jahren ohne Wahlen werden sieben Premierminister verbraucht. Der Grund: Pakistan ruht auf einem Ungleichgewicht. Rund sechzig Prozent der Bevölkerung leben im 1.800 Kilometer entfernten, dicht bevölkerten bengalischen Ost-Pakistan, rund vierzig Prozent im Westen. Gemäß „one man, one vote“ läge die Macht rasch bei den Bengal:innen im Osten. Wie kann die Machtkontrolle für den Westen, für die Liga und die Muhajir entgegen der realen Mehrheitsverhältnisse gesichert werden? An diesem Problem zerbricht die Erste Republik. Das Problem der Einbindung Ost-Pakistans verschärft sich zusätzlich aufgrund einer weiteren ethno-politischen Verschiebung.

Diese entspringt den innerhalb des Westens existierenden, weiteren Ungleichgewichten, allen voran denjenigen des Westpunjab. Er umfasst gerade ein Viertel des Territoriums, aber hier lebt rund die Hälfte der Bevölkerung West-Pakistans. Die anderen Provinzen zählen zunächst nichts. Es sind die übermächtigen Eliten des Punjab, die der Muhajir-Intelligenzia in den 1950er Jahren den Rang in der Staatsführung und Verwaltung ablaufen.

Die Punjabisierung des Staates schiebt das ethnopolitische Ost-West Problem auf die lange Bank und macht es zwei Jahrzehnte unsichtbar, am Ende unlösbar. Entscheidend für das Überleben des unfertigen Staates wird eine bis heute fortdauernde strategische Allianz mit den USA. Es ist die Zeit des Kalten Kriegs. Für einen Südostasienpakt und im Namen der Dekolonialisierung geht Indien auf Distanz mit den USA und setzt auf Blockfreiheit.

Das Bündnis USA-Pakistan wird von Anfang an, d. h. vor allem ab 1953, parallel zwischen den Regierungen und zwischen den Militärs eingefädelt. Dabei steht General Ayub Khan im Mittelpunkt der außenpolitischen Verhandlungen mit den USA. Das Bündnis bringt für Pakistan zukünftig US-Kredite, Technologien, Finanzspritzen, Diplomatie und Dienstleistungen. Das rettet den prekären Staat wieder und wieder: nach seinen Kriegen, Wirtschaftskrisen, Putschen und Provokationen.

Wenig später überzeugt General Ayub Khan innenpolitisch die handlungsunfähige Karatschi-Regierung von einer einstweiligen Lösung der Herausforderung mit dem bevölkerungsreichen Ost-Pakistan: ein Zweiterritorien-Wahlrecht à la „One Unit“. „50 Prozent zu 50 Prozent“ soll die Teilhabe Ost-Pakistans ab 1956 möglich machen, ohne es dominieren zu lassen. Sollte dabei das Parlament oder die Regierung nicht entscheidungsfähig sein, dann sichern die nationalen Kräfte, die Verwaltung und die Armee den Zusammenhalt. Die Eliten sind als Einheitsgarant:innen gefragt – und sie sind überfordert. 1958 folgt ein Putsch. Jubelnd begrüßen in Karatschi die Honoratior:innen und deren Gefolgsleute Putschgeneral Ayub Khan. Punjabistan als Militärstaat beginnt.

II. Militärherrschaft. Feldmarschall und Staatspräsident Ayub Khan ist in den 1960ern der perfekte, anglisierte Modernisierer für die Kennedy- und Johnson-Jahre, für die Zeiten der „Entwicklungsdiktatur“. Unter Ayub Khan werden die Grundlagen dessen gelegt, was inzwischen als „military incorporated“, als militärische Parallel-Ökonomie und „Staat im Staate“ beschrieben oder kritisiert wird. Auf britischen Vorgängerprojekten aufbauend, werden entlang des Indus riesige neue Staudämme und Kanalsysteme errichtet.

Das Militär selbst wird zum Hauptgewinner dieser immensen Anbau- und Kanalerschließung. In allen neuen Bewässerungsabschnitten erhalten die mittleren und höheren Militärs Grundstücke und Beteiligungen. Mithilfe intransparenter Finanzquellen betreibt das Militär Bäckereiketten, Fluglinien, Transportgesellschaften, Bau- und Zementindustrien, Wohnbaugesellschaften, Hotelketten, Reisebüros, Kreditinstitute und Shopping Malls. Das Militär verfügt zudem über eigene Bankensysteme.

Strategisch folgt 1965 eine Überlebensprobe. Ayub Khans ehrgeiziger und charismatischer Außenminister, Zulfikar Ali Bhutto, überredet den alternden Feldmarschall, gegen Indien einen Angriffskrieg zu führen. Der Plan geht schief, Indien antwortet militärisch, indische Panzerkolonnen stehen kurz vor Lahore im Nordosten Pakistans. Es folgen demütigende Friedensverhandlungen. Die USA haben Pakistan in dem Debakel im Stich gelassen, glaubt das Militär. Sie suchen sich – zunächst diskret – einen weiteren Bündnisgenossen, China. Bhutto gibt Ayub Khan die Schuld für die Niederlage, tritt zurück und gründet die erste große Konkurrenzpartei der Muslimliga, die Pakistan Peoples Party (PPP).

© SWM / NordNordWest / CC BY-SA 3.0 / commons.wikimedia.org

Historisch geeint, und wieder getrennt: Zwischen 1948 und 1971 umfasste Pakistan einen West- und einen Ostteil. Die von Anfang an schwierige Union zerbrach nach 23 Jahren, aus dem östlichen Teil wurde ein neuer Staat, der sich den Namen Bangladesch gab.

III. Demokratischer Rumpfstaat. Die 1970er Jahre: Die scheindemokratische „One Unit“-Formel hat über ein Jahrzehnt die Unterordnung der Ost-Bengalen vergessen lassen – in West-Pakistan. Im Wahlkampf kommt das Problem zurück. In Ost-Pakistan hat Sheikh Mujibur Rahman die Awami-Liga in eine allgegenwärtige Autonomiebewegung verwandelt. Wenn Wahlen, so fordert er erfolgreich, dann „one man, one vote“. Das Ergebnis von 1971 ist eindeutig. Im Westen erhält Bhutto die absolute, im Osten Sheikh Mujibur und seine Awami-Liga die fast hundertprozentige Mehrheit. In Ost-Pakistan bricht der Bürgerkrieg aus. Eine riesige Zahl von Menschen flüchtet nach Indien. Die indische Premierministerin Indira Gandhi folgt ihrem Satz „Es gibt schlimmeres als Krieg“ und lässt die indische Armee in Pakistan einmarschieren. Nach wenigen Tagen kapituliert die pakistanische Armee. Damit steht der Wahlgewinner im Westen, Zulfikar Ali Bhutto, vor einem Scherbenhaufen. Der wird ihm vom Militär gern überlassen. Im Dezember 1971 erklärt sich Ostpakistan als Bangladesch für unabhängig.

Bhutto übernimmt einen Rumpfstaat. In einem Jahrzehnt der noch ungebrochenen Sozialliberalität setzt der programmatische Sozialdemokrat auf Verstaatlichungen, (schwache) Gewerkschaften und Wahlgeschenke. Steuern kann der von Großgrundbesitzer:innen, Industriellen und Militärs geführte Staat nicht eintreiben. Schließlich sind die Bhuttos selbst große Landbesitzer. Bhutto muss sich andere Finanzierungsquellen suchen. Er öffnet die Moscheen, Koranschulen, islamischen Banken, aber auch die Privatschulen des Landes gegenüber dem Saudi-Wahhabismus, einer streng konservativen Lesart des sunnitischen Islam, und der islamischen Orthodoxie.

Diese Maßnahmen retten den pakistanischen Rumpfstaat, aber sie retten nicht den Premier. Er macht mit der Ernennung des niedrigkastigen Mohammed Zia-ul-Haq zum Stabschef der Armee einen tödlichen Fehler. Von Bhutto belächelt und im Kabinett gedemütigt, nutzt Zia als oberster Befehlshaber der Streitkräfte innenpolitische Unruhen, um Bhutto abzusetzen und eine zweite Militärherrschaft zu etablieren. In einem viele Monate langem Verfahren orchestriert Zia einen Justizmord. 1979 wird Bhutto gehängt.

IV. Der islamistische Frontstaat. Nach dem Justizmord an Bhutto ist Zia ein internationaler Paria. Der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, Weihnachten 1979, muss ihm wie ein Gottesgeschenk erschienen sein. Von Pakistan aus wird künftig der antisowjetische Dschihad organisiert. Seit der US-Präsidentschaft Ronald Reagans 1981 stehen dafür milliardenschwere Gelder und Waffen bereit. Auch Saudi-Arabien ist beteiligt. Zia ist Fundamentalist, aber auf der „richtigen“, der sunnitischen Seite. Er hat, was Bhutto aus Not begann, von Anfang an mit Überzeugung fortgesetzt: mit islamischem Bankenwesen, mit Sharia-Gesetzgebung, der Förderung islamistischer Gruppen und selbst der Muhajir. Jetzt bietet sich ihm die einzigartige Gelegenheit eines islamistischen Feldzugs gegen die Sowjets. Er erklärt Pakistan zum Frontstaat, sich nach innen zum Verteidiger des Islam und gen Washington als den der Demokratie.

Vor allem aber setzt er ein absolutes Monopol und Kontrollrecht über den Dschihad gegenüber den Finanziers in Washington durch. Nur das pakistanische Militär und sein Geheimdienst, ISI (Inter-Services Intelligence), organisieren die Mudschaheddin. Sie erhalten Geld und Waffen von den USA und verteilen sie an angemessen radikale, überwiegend paschtunische Kriegsführer. 1988/89 endet das goldene Zeitalter des Dschihad. Ebenfalls 1988 kommen bei einem rätselhaften Helikopterabsturz Zia, mehrere Generäle und der amerikanische Botschafter ums Leben. Die Armee ruft die Politiker:innen der zwei großen Parteien zu Hilfe: die Muslimliga und die von Benazir Bhutto (Tochter des hingerichteten Premiers Zulfikar Ali Bhutto, Anm. d. Red.) geführte PPP. Unter diesen für die Anerkennung und Kreditbeschaffung in Washington alles in allen günstigen Bedingungen enden die 1980er Jahre besser, als sie begonnen haben.

Lahore: Die Bewohner:innen der Mega-City schauen unruhigen Zeiten entgegen. © ipsum Projekt „InterViews“, Fotograf: Shahzada Rashid, Pakistan/Lahore 2021

V. Das Zwei-Parteien-Land. Die 1990er sind vom schnellen Wechsel von Premiers, Regierungen, übergangsweisen geschäftsführenden Kabinetten und bald sogar temporären Staatspräsidenten geprägt. Die Wahlbeteiligung geht zurück und es mehren sich Wahlüberraschungen, allerdings selten angenehme. Kandidat:innen werden eingeschüchtert und ermordet, zwischen sunnitischen und schiitischenWähler:innen entstehen lokale Bürgerkriege, hinzu kommt massenhafter Wahlbetrug, etwa durch gefälschte Stimmzettel. Auf der Parteienebene dominieren die Muslimliga und die PPP; daneben bestehen drei religionspolitische Kleinparteien und Netzwerke: eine fundamentalistische, eine orthodoxe und eine anfänglich eher traditionalistische Partei. Alle werden jetzt zunehmend radikaler und kooperieren mit Terrorgruppen. Daneben gibt es eine Vielzahl auf Provinzen beschränkte regionalistische, kulturnationalistische oder tribale Gruppierungen, die meisten im tribal fragmentierten, politisch bedeutungslosen Belutschistan.

Auf der Eliten-Ebene sind die Akteure mächtige Punjabi-Eliten, Industriellenfamilien, Handelshäuser, die Militärs, die Muhajir und Großgrundbesitzer. Hinzu kommen „Pirs“: Dynastien von Heiligen, also volksreligiöse Mystiker, die über große Wallfahrtszentren, riesigen Landbesitz und oft hunderttausende von Anhänger:innen verfügen.

Aus Sicht dieser Eliten ist die Regierungsform immer noch zufriedenstellend. Seit 1988 haben sich Benazir Bhutto und Nawaz Sharif von der Muslimliga viermal an der Macht abgewechselt; zumeist vom Präsidenten entlassen und von sogenannten Caretakern geschäftsführend abgelöst. Daneben droht die Kontrolle des Militärs über die demokratische Scharade verloren zu gehen. Deshalb kommt es kurz vor Ende des Jahrtausends zu einem neuerlichen Putsch.

VI. Spiel mit den Taliban. Verantwortlich für den Putsch 1999 ist der gebildete Pervez Musharraf, ein Muhajir. Er hat einen Teil seines Lebens in der Türkei verbracht, wo er die Selbstermächtigung des türkischen Militärs kennenlernte. Ihm gefällt die Vorstellung, analog zu Kemal Atatürk, dem Begründer der Republik Türkei, ein „Atapak“, ein „Vater aller Pakistanis“ zu werden.

2000 bis 2010: Zwei Rahmenbedingungen machen Musharraf bald zur tragischen Figur: Einerseits scheitert er an einer liberalen Öffentlichkeit, die während mehr als zehn Jahren, wenn auch manipulierter, Demokratie entstanden war. Andererseits gerät er durch den Afghanistan-Krieg der USA in Konflikt mit den Pro-Taliban-Kräften im eigenen Land. Musharraf tritt schließlich zurück.

Die aus dem Exil zurückgeholte Benazir Bhutto kann die erhoffte demokratische Wende nicht begleiten. Das Spiel von Militär und ISI mit den Taliban, mit islamistischen Parteien, mit Terrorgruppen und deren Netzwerken ist außer Kontrolle geraten. Benazirs Triumphzug durch Karatschi im Oktober 2007 wird durch einen riesigen Explosionsfeuerball unterbrochen, Dutzende von Anhänger:innen werden zerrissen. Sie selbst stirbt wenig später durch eine weitere Bombe.

VII. Das diskreditierte Land. Infolge dieser Attentate übernehmen ab 2010 diskreditierte und korrupte Koryphäen der PPP und der Liga die Regierungsführung. Das ist zunächst der zwielichtige, steinreiche Witwer Benazir Bhuttos, Zardari. Das ist auf der anderen Seite der ungekrönte Königsmacher im Punjab und in der Muslimliga, Nawaz Sharif.

Die entscheidende neue Kraft aber ist der islamistische Terror. Militär und ISI, selbst fraktioniert, spielen, je nach Anlass und Notwendigkeit, mit den islamistischen Gruppen. Seit Kriegsende 1988 werden diese Gruppen in Richtung Indien, insbesondere nach Kaschmir, entsandt. Im Inneren sind diese islamistischen Parteien, Fraktionen und Organisationen schon längst unkontrollierbar geworden.

Die Wahl 2018 bringt einen Machtwechsel. Ein wenig orthodoxer, vierfach verheirateter ehemaliger Cricket-Star, Imran Khan, übernimmt mithilfe einer neugegründeten Partei die Macht in Islamabad. Lange Zeit schien der neue Präsident zur Zufriedenheit und mit Unterstützung der Militärs zu agieren. Die Machtübernahme der Taliban hat er begrüßt.

Der Kunststaat funktioniert – gemessen an der grotesken Grundidee, an den Zufallsbedingungen der Entstehung und der katastrophalen Ausgangssituation.

Allerdings nur solange der Elitenkompromiss hält. An höchster Stelle sind die entscheidenden ethnisch-regionalen, wirtschaftlichen, bürokratischen und militärischen Eliten eng vernetzt. Durch juristisches Spezialwissen, Fachpersonal und durch Standesdünkel sind sie außerdem fest miteinander verbunden. Seit General Ayub Khan in den 1960er Jahren regierte, lautet die Machtkonfiguration: Das Militär ist die unsichtbare Hand Gottes, die Zivilbürokratie setzt den Rahmen, die großen Wirtschaftshäuser gehen hemmungslos ihren Geschäften nach, Landbesitzer:innen wachen über Heerscharen von Leibeigenen und Sektenanhänger:innen; keiner zahlt Steuern und jeder Zweit- oder Drittgeborene der großen Familien wird ins Parlament entsandt. Sie alle wissen, dass man sich gegenüber Indien alles, gegenüber der EU fast alles, gegenüber Washington, mit Rückendeckung Chinas, sehr viel und dem Militär und ISI gegenüber nichts erlauben darf.

Jakob Rösel ist ehemaliger Lehrstuhlinhaber an der Universität Rostock, Südasienexperte und unter anderem Autor des Buches Pakistan: Kunststaat, Militärstaat, Krisenstaat im Lit Verlag, 2011.

Der Beitrag erschien – in längerer Fassung – zuerst in der Ausgabe 390 der Zeitschrift IZ3W – wir danken für die Genehmigung des Abdrucks.

Brisante Zeiten

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr

Vier von zehn Menschen in Pakistan leben in einer Stadt. Warum die Entwicklung der Metropolen so entscheidend ist – und welche besondere Geschichte Städte haben.

Offiziell leben 16 Millionen Menschen in Karatschi – die größte Stadt Pakistans ist eine sogenannte Mega-City. Inoffiziell sind es noch mehr, manchen Schätzungen zufolge sogar doppelt so viele. Die ehemalige Hauptstadt zählte in den späten 1940er Jahren noch nicht einmal fünfhunderttausend Einwohner:innen.

Mittlerweile kommen jährlich etwa 250.000 Bewohner:innen dazu. Nicht viel kleiner ist Lahore, mit (ebenfalls offiziell) 13 Millionen. Karatschi, Lahore sowie ganze zehn weitere Millionenstädte lassen erahnen, dass die Zukunft des Landes in den urbanen Räumen entschieden wird.

Um die Bedeutung der Städte für Pakistan zu verstehen, muss man allerdings zuerst in die Geschichte blicken: Vor fünf Jahrtausenden – im Zeitalter der Indus-Kultur, also lange vor dem alten Rom – existierten bereits hoch entwickelte Städte, allen voran Mohenjo-Daro und Harappa. Sie verfügten über ein planmäßig angelegtes Rastersystem von Straßen, Bauten aus gebrannten Ziegeln, über hohe Hygiene-Standards und ausgeklügelte Abwassersysteme.

Frühe Hochkultur. Mohenjo-Daro und Harappa zählen zu den ältesten urbanen Zivilisationen weltweit. Man konnte keine Monumentalbauten finden, was darauf schließen lässt, dass die Machtstrukturen wenig hierarchisch ausgeprägt gewesen sein dürften. Berechnungen zufolge dürften in diesen Städten jeweils bis zu 40.000 Menschen gelebt haben.

Vieles dazu ist noch unerforscht. Entdeckt wurden die alten Städte während der britischen Kolonialzeit (Britisch-Indien zwischen 1858 und 1947), in der so manch alter Ziegelstein gleich für den Eisenbahnbau wiederverwertet wurde.

Unter britischer Herrschaft entstanden ganz neue Städte und Stadtteile, etwa das Zentrum der drittgrößten Stadt des Landes, Faisalabad – der sternförmig angeordnete Stadtkern ist dem Union Jack, der britischen Flagge nachgebildet.

Die neue Hauptstadt Islamabad wurde in den 196oer Jahren ebenfalls am Reißbrett entworfen. Die Adressen muten eher mathematisch als geschichtsträchtig an. Die Österreichische Botschaft befindet sich beispielsweise in der 21. Straße im Stadtteil F-8/2.

Was Stadtplanung in Pakistan betrifft, so sind die vergangenen Jahrzehnte vom Trend der „Gated Communities“ geprägt: Entlang von Ausfallstraßen angeordnet entstehen kleine wie große neue Stadtteile, umgeben von Mauern. Meist ist der Zugang nur nach einer Sicherheitskontrolle möglich. Die Stromversorgung ist stabil, die Wasserversorgung funktioniert.

Mit integrierter Stadtplanung, die das Gemeinwohl in den Fokus stellt, hat das wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein Geschäftsmodell von Baufirmen, Zielgruppe ist eine reiche Minderheit. Die eigentliche Stadtentwicklung passiert in den wenig bis gar nicht geplanten Stadtteilen.

Pakistan

Hauptstadt: Islamabad  

Fläche: 796.095 km2 (ohne Kaschmir, fast 10 Mal so groß wie Österreich)

Einwohner:innen: 240 Millionen (Schätzungen, 2022), es ist das Land mit der fünftgrößten Bevölkerung der Erde

Human Development Index (HDI): Rang 161 von 191 (Österreich 25)

BIP pro Kopf: 1.505 US-Dollar (2021, Österreich: 53.637 US-Dollar)

Regierungssystem: Islamische, parlamentarische (faktisch semipräsidentielle) Bundesrepublik  

70 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, der Sektor trägt aber nur 20 Prozent zum BIP bei. 40 Prozent leben unter der Armutsgrenze, dazu kommen eine prekäre Lage der Staatsfinanzen und hartnäckige Defizite im Außenhandel. Nach zuletzt eskalierenden Zahlungen für die Auslandsschulden droht Pakistan derzeit der Staatsbankrott.  Ein Erfolg konnte nun im Textilbereich erzielt werden. Die Einigung zwischen Gewerkschaften und Modeunternehmen auf den „Pakistan Accord“ bringt verbindliche Regeln für sichere Arbeitsplätze in Bekleidungsfabriken und betrifft Millionen Menschen.

Landflucht. Es sind die zahllosen Neuankömmlinge, die dem Feudalsystem im ländlichen Raum den Rücken kehren und sich an den Stadträndern, in den Vororten, in den Slums ansiedeln. Dort leben all jene, meist sind es Junge, die nichts zu verlieren haben. Jene, die aus den Konfliktgebieten des Nachbarlandes Afghanistan flüchten, die ein Leben ohne Papiere im Graubereich der Legalität, ohne Zugang zu Gesundheits- und Schulsystem für einen halbwegs sicheren Ort zum Leben in Kauf nehmen. Es ist weniger die Anziehungskraft der Städte als die Aussichtslosigkeit in den Herkunftsgebieten, die immer neue Menschen in die Städte bringt.

Die Stadtränder Pakistans bilden dabei eine brisante Schnittmenge von zwei völlig gegensätzlichen Entwicklungen im Land – auf der einen Seite ein nicht aufzuhaltender, von der globalisierten Welt getriebener liberaler Wandel, auf der anderen Seite der wachsende Einfluss fundamentalistischer Strömungen.

Und wenn der erhoffte soziale Aufstieg nicht gelingt, dann kann es für Fundamentalisten ein Leichtes sein, Zuwachs für Koran-Schulen zu akquirieren.

Sackgasse. Die Menschen in den Slums leben unter prekären Umständen: Mangel an sauberem Trinkwasser, Behausungen, die mit Häusern wenig zu tun haben, so gut wie keine Gesundheitsversorgung oder das Fehlen von Schulen prägen das Leben.

Kinder, die betteln, Müllhalden nach Brauchbarem durchforsten, oder in den Abwasserkanälen nach Dingen suchen, die aus den reichen Stadtteilen angespült werden – sie sind prädestiniert dafür, den Armutskreislauf fortzusetzen, zumal die wesentliche Voraussetzung, daraus auszubrechen fehlt, die Bildung, das Erlernen eines Berufs.

Bis vor wenigen Jahren war zudem beispielsweise das Gebiet Karatschis in Zonen fragmentiert, die sich aus einzelnen, mafiaähnlichen Clan-Strukturen herausgebildet hatten. Sich von einer Zone in eine andere zu bewegen war mit Gefahren verbunden. Bandenkriege prägten das Alltagsleben.

Der hohen Kriminalität konnte letztlich nur mit den vom Militär eingesetzten Rangers, einer paramilitärischen Einheit mit Sonderrechten, Einhalt geboten werden. Seither hat sich die Sicherheitslage gebessert, aber der Preis dafür war hoch, zumal fragwürdige Schnellgerichte zur Praxis gehörten.

Die Citys wachsen weiter. Und dennoch: Die Städte in Pakistan wachsen deutlich schneller als die Kapazitäten für die Bereitstellung der dafür nötigen Infrastruktur, zudem fehlt eben Stadtplanung. Trotz allem bestehen Potenziale: Gelingt es, die Bereitschaft, wirtschaftliche Leistungen günstig und schnell zu erbringen und die damit gepaarte Kreativität zu selbstständigen Problemlösungen mit einem Mindestmaß an (Berufs-)Bildung und Gesundheitsversorgung zu kombinieren, so könnte sich schnell eine Dynamik entwickeln, die die Menschen in den Städten mit Einkommenszuwächsen belohnt. Damit würde eine breitere Mittelschicht entstehen, die letztendlich dem Staatshaushalt mehr Steuern zuspielt, die wiederum für soziale Dienstleistungen genutzt werden können.

Wie auch immer die Stadtränder sich in den kommenden Jahren entwickeln werden, der Zuzug wird weitergehen. Nicht zuletzt sorgt die Klimakrise dafür: Der „Monsun auf Stereoiden“, wie UN-Generalsekretär Antonio Guterres die Hochwasserkatastrophe im Sommer 2022 bezeichnet hat, kann sich jederzeit wiederholen und das Leben für Menschen in weiten Teilen des ländlichen Pakistans noch schwieriger machen. Viele werden sich aufmachen, an die Stadtränder.

Andreas Zinggl, lange Ö1-Journalist, ist gelernter Raumplaner und als Pakistan-Programm-Manager der Caritas mehrmals im Jahr in Pakistan.

Lokalaugenschein im afrikanischen Designer-Shop

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr

Sie haben schon mit elf Jahren Ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und Ihre Familie verlassen. Wie sehen Sie das heute?

Ich hatte viel Glück, dass mir nichts passiert ist. Aber ich bin stolz auf mich, denn dadurch bin ich möglicherweise einer frühen Verheiratung entgangen und habe es geschafft, eine Ausbildung zu bekommen.

Was ist der wichtigste Rat, den Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben?

Auch wenn ich das manchmal bereuen mag, sage ich ihnen immer wieder, dass sie mir als Mutter nichts schulden. Sie sollen ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen leben und nicht nach denen anderer.

Vermissen Sie Somalia?

Ja, jeden Tag. Von hier aus kann ich nicht so viel zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen dort beitragen, wie ich will. Deswegen engagiere ich mich vor allem für die Stärkung von Frauen und Mädchen in der Diaspora.

© Christina Schröder / SWM

Hamdi Hassan wurde 1987 als erstes von zehn Kindern in Zentralsomalia geboren. Mit elf lief sie von zu Hause weg, mit 13 zog sie zu ihrer Großmutter in die Hauptstadt Mogadischu. Dort ging sie in die Schule und studierte Journalismus.  

Dann arbeitete sie drei Jahre lang ehrenamtlich bei einer Radiostation, bevor sie 2009 eine bezahlte Stelle als Moderatorin bekam und schließlich von der britischen BBC angestellt wurde. 2015 musste Hassan kriegsbedingt das Land verlassen und kam nach Wien.

Vom ersten Tag an übersetzte sie ehrenamtlich Somali-Englisch und engagierte sich für die Förderung von somalischen Frauen und Mädchen.  Beruflich ist die zweifache Mutter weiterhin als Journalistin tätig: z. B. für Radio Orange 94.0, sowie als Kolumnistin im Südwind-Magazin für die Rubrik „Gedanken von Welt“. Zudem arbeitet sie als Dolmetscherin bei verschiedenen Organisationen.  

Was macht einen Tag zu einem guten Tag?

Wenn ich keine bestürzenden Nachrichten aus Somalia höre. Fast täglich aber gibt es welche über explodierte Bomben, Hunger, Klima-Probleme, …

Was macht Sie wütend?

Wenn mir Menschen auf der Straße in Wien sagen, dass ich heim nach Afrika gehen soll. Und dann denke ich daran, wie sich diejenigen aus der Community fühlen, die hier geboren wurden, wenn sie so etwas hören.

Wenn Sie sich eine Eigenschaft wünschen dürften, die Sie nicht haben, welche wäre das?

Vertrauen. Ich habe hier in Österreich aufgrund rassistischer Bemerkungen mir gegenüber viel davon verloren. Ich bin vorsichtig geworden und vielleicht lerne ich dadurch auch weniger Menschen kennen, die ich schätzen würde.

Welche gute Tat kann jede:r hierzulande heute noch tun?

Wenn jemandem nichts Gutes einfällt, was er oder sie tun könnte, sollte diese Person zumindest darauf achten, niemandem Schaden zufügen.

Global-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2023/Mar-Apr
Viele muslimische Paare müssen sich heimlich treffen, bis die Eltern das OK geben. © Indu Harikumar

Der afghanische Journalist Ramin Siawash hat sich bei der größten islamischen Online-Dating-App Muzz angemeldet und berichtet von der Partner:innensuche unter muslimischen Menschen.

Muslims don’t date, they marry: Das ist der Slogan von Start-up-Unternehmer Shahzad Younas und der von ihm gründeten App Muzz. Weil es seiner Meinung nach an Kennenlern-Plattformen für gläubige muslimische Menschen mangelte, entwickelte er schon 2011 die Website muzmatch.com mit dem Anspruch, „halal“ zu sein, also in Übereinstimmung mit islamischen Werten. „Als praktizierender Muslim wollte ich anderen helfen, Partner fürs Leben zu finden und gründete eine Plattform, bei der es auch tatsächlich um die Ehe geht“, sagt er über seine Motivation und die Ziele.

Der Pakistani studierte in England Computerwissenschaften und arbeitete zunächst als Banker. 2015 hängte er seinen Job mit sechsstelligem Jahreseinkommen an den Nagel, um Muzmatch zu starten, zuerst als Website, dann als App.

2022 musste die Applikation umbenannt werden und hieß fortan Muzz. Initiiert wurde der Rechtsstreit vom US-amerikanischen Konzern Match Group. Trotzdem wurde die App ein Erfolg und ist derzeit die größte für Muslim:innen weltweit.

Daten verboten. In vielen streng islamischen Ländern wie Pakistan, Saudi-Arabien, Tadschikistan oder Afghanistan gilt die Online-Partner:innen-Suche, z. B. über Muzz, obwohl sich die App selbst als „halal“ bezeichnet, als „haram“ – als Verstoß gegen den Islam, wie ihn die Taliban oder andere Hardliner auslegen: Frauen dürfen nicht mit Männern ihrer Wahl in Kontakt treten, Ehen werden traditionell von den Eltern bzw. anderen Familienangehörigen arrangiert.

Auch im Iran ist die Online-Partner:innensuche verboten. Mit einer Ausnahme: 2021 hat das staatliche Kulturinstitut Tebyan, einer der größten Propagandamaschinen der Islamischen Republik, die App „Hamdam“ (dt. Gefährte) lanciert, über die 100 professionelle Eheberater:innen „nach islamischen Prinzipien“ die Vermittlung von Ehepartner:innen ermöglichen sollen. Sie stehen ihnen auch nach der Heirat mit Rat zur Seite.

Das Ziel der iranischen Behörden dahinter: eine Steigerung von Eheschließungen sowie der sinkenden Geburtenrate entgegenzuwirken.

Aktuell sind auf Muzz sechseinhalb Millionen Mitglieder registriert, die auf der ganzen Welt in 14 Sprachen, von Arabisch bis Holländisch und Deutsch bis Hindi, kostenlos nach Ehepartner:innen suchen können. 250.000 Paare sollen schon nach dem Kennenlernen per App geheiratet haben, täglich kämen rund 500 Matches dazu, so Younas. Viele davon sind jung und leben in der Diaspora.

Religiöse Praxis gefragt. Wer sich bei Muzz auf Partner:innensuche begeben will, muss wie bei anderen Plattformen zuerst den Registrierungs-Prozess durchlaufen. Die Angaben, die zu machen sind, und die Gestaltung sind allerdings stark auf den religiösen und kulturellen Hintergrund der Zielgruppe ausgerichtet.

Nach dem Eintippen von Geburtsort und -datum wird man mit den Worten „Salam und willkommen bei Muzz!“ begrüßt. Ein neues Fenster verspricht dann: „Erzähl uns mehr über dich und wir stellen dir – inschallah – tolle muslimische Menschen in deiner Nähe vor.“

Dann folgen die Glaubensgruppen. Auszuwählen sind die Antworten: „Sunnite, Schiite, Ahmadi, Ibadi, Ismaili und Sonstiges“, aber auch „Mache lieber keine Angabe“.

Nach Informationen zum Beruf geht es weiter mit: „Was ist deine kulturelle Identität?“ Anzukreuzen sind u. a.: Arabisch, Ostafrikanisch, Afroamerikanisch, Nordamerikanisch, Europäisch, Latino oder auch „gemischtes Erbe“. Nach diesen Kriterien ethnischer bzw. geografischer Zugehörigkeit kann dann auch gezielt gesucht werden.

Dann geht es weiter mit Heiratsplänen, der Bereitschaft umzuziehen, der Ausübung der religiösen Praxis und dem Bildungsniveau.

Beschützer:innen-Funktion. Wer die Verifizierung der Echtheit des Profils erfolgreich hinter sich gebracht hat, muss noch unterschreiben und dann kann es losgehen.

Fast. „Muzz ist eine Plattform für all jene, die auf der Suche nach dem perfekten Ehepartner sind. Bleib halal. Bitte halte dich an die islamische Etikette und befolge unsere Richtlinien. Bei unangemessenem Verhalten wird dein Konto dauerhaft blockiert. Jazakallah (dt. „möge Gott dich belohnen“). Wir überprüfen dein Profil“, wird den User:innen noch mit auf den Weg gegeben.

Auch die Funktionsweise von Muzz ist etwas anders als bei anderen Portalen: Geswiped – hin- oder her gewischt – wird hier nicht: Anstelle dessen kann man die nacheinander erscheinenden Profilfotos per Fingerdruck auf ein großes X auf der linken Seite „überspringen“ oder auf ein Herz auf der rechten Seite „liken“.

Frauen können ihre Fotos verschwommen erscheinen lassen. Erst wenn der Mann sie „liked“, sieht er das Originalbild.

Und optional kann man im Chat eine dritte Person einladen, die, wie im analogen Leben auch, als „Wali“ eine Beschützer:innen-Funktion einnimmt.

Persönliches Treffen. „Es war nicht einfach. Sie hat mich einen Monat lang hingehalten, bis ich sie persönlich sehen konnte“, erzählt Noor über sein Kennenlernen mit Shahida, das auf Muzz nur den Anfang nahm.

Die zwei ca. 30-jährigen Afghan:innen Noor und Shahida leben in Deutschland. Ihre Namen wurden von der Redaktion geändert. Denn: Ihren Eltern haben sie nicht gesagt, dass sie sich online über Muzz kennengelernt haben, sondern über eine gemeinsame Bekannte.

„Ich habe mit Noor ein Treffen in einem Kaffeehaus an einem belebten Bahnhof ausgemacht“, fährt Shahida fort. „Ich bin mit einer Freundin hingekommen, weil ich auch ihren Eindruck von ihm wissen wollte. Aber wir haben uns beide versteckt gehalten und ihn nur beobachtet“, verrät sie. Schließlich befanden ihn die zwei für gut, gingen aber wieder, ohne sich gezeigt zu haben.

Erst beim nächsten Date kam es zu einem tatsächlichen Zusammentreffen, aber auch da war eine Freundin von Shahida dabei. Noor gefällt an Shahida, dass sie klug ist und so wie er den Islam praktiziert, sagt er. „Sie will zu 100 Prozent ‚halal‘ leben“, fügt er hinzu und er respektiere das.

Vor Kurzem durfte er bei ihren Eltern vorstellig werden. „Ich muss ihre Erwartungen erfüllen und Shahida sowohl emotionale als auch finanzielle Sicherheit geben, sie respektvoll behandeln und einen ‚halal‘-Lebensstil führen“, sagt er.

Erst wenn die Eltern es erlauben, darf geheiratet werden. Shahida, die zwar die erste Auswahl via Muzz selbst getroffen hat, meint, dass ihre Eltern diese respektieren und hofft wie Noor auf ihr OK.

Das kann allerdings ein Jahr dauern, bis dahin treffen sich die beiden heimlich – aber offline.

Ramin Siawash lebt seit 2015 in Wien. Er arbeitet beim Österreichischen Jugendrotkreuz beim Projekt #weiterlernen, moderiert zwei Sendungen auf Radio Orange 94.0 und engagiert sich u. a. als Kurator am Volkskundemuseum Wien. Nach seiner Recherche hat er sich bei Muzz wieder abgemeldet.

Film ab

Von Redaktion · · 2023/Jan-Feb

Antirassistische Praxis ausstellen – wie das geht, zeigen Studierende der Afrikawissenschaften an der Universität Wien.

Wie können wir anti-rassistische Praxis leben? Und was wünschen sich Schwarze Studierende von ihren weißen Kommiliton:innen? An einer Plakatwand am Institut für Afrikawissenschaften an der Uni Wien haben Studienkolleg:innen ihre Ideen und Vorschläge dazu aufgeschrieben. Es ist eines der interaktiven Elemente der Ausstellung „Schnittpunkt Afrika: Debatten um Dekolonialisierung und Rassismen“, die von einem fünfköpfigen Team von Studierenden der Afrikawissenschaften konzipiert wurde.

Um die Ecke hängt ein Poster mit Zupfzitaten. Wer mag, nimmt sich Gedanken von bell hooks, Angela Davis, Audre Lorde, Chimamanda Ngozi Adichie oder von Rosa Parks mit. Eine Inspiration für alle, die sich aktiv gegen Rassismus einsetzen oder das noch tun wollen.

Raus in die Welt. Die Ausstellung stellt rassismuskritische Aktionsformen und künstlerische Arbeiten vor – und reicht dabei weit über das universitäre Umfeld hinaus: „Wir wollen einen Blick auf Möglichkeiten antirassistischer Praxis werfen und voneinander lernen“, sagen Lisa Tackie und Nadine Okalanwa, beide Kuratorinnen und Studienrichtungsvertreterinnen der Afrikawissenschaften.

Dafür werden im Rahmen der Schau Künstler:innen, Aktivist:innen und Expert:innen aus Politik, Medizin und Bildungsarbeit, die strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft aufdecken und bekämpfen, vorgestellt.

Unter Einbeziehung bestehender Initiativen und Communities – wie das Label Kids of the Diaspora, der Verein ZARA – Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit oder die Plattform „Wir sind auch Wien“ – bieten die vorgestellten unterschiedlichen Positionen Einblicke in die vielschichtige Gleichzeitigkeit antirassistischer Debatten.

Die Ausstellung ist noch bis Ende Juni zu sehen und für alle Interessierten während der Öffnungszeiten des Instituts frei zugänglich:

Institut für Afrikawissenschaften
Spitalgasse 2, 1090 Wien
afrika.univie.ac.at

Marginalisierte Geschichte sichtbar machen

Von Redaktion · · 2023/Jan-Feb

Vor 50 Jahren ließen sich traditionelle Puppenspieler:innen aus dem nordindischen Bundesstaat Rajasthan und andere Straßenkünstler:innen in einem unbebauten Areal am Rande der indischen Metropole Delhi nieder und gründeten die sogenannte Kathputli-Kolonie. Sie wuchs mit der Zeit auf 2.800 Familien an, die in einfachen Hütten lebten.

Durch die stetige Ausbreitung der Stadt lag die Siedlung irgendwann zentral. Vor 15 Jahren beschloss die Stadtentwicklungsbehörde, das Gebiet zu sanieren. Alle Hütten sollten abgerissen und an ihrer Stelle Hochhäuser errichtet werden, in denen auch die Familien der Kolonie leben sollen.

Auf dem Land, das durch diese „vertikale Umschichtung“ frei würde, plante das Unternehmen Raheja Developers, das den Zuschlag für das Projekt bekommen hatte, ein Einkaufszentrum sowie ein 54-stöckiges Hochhaus mit Luxus-Apartments und einem Hubschrauber-Landeplatz.

Die Künstler:innen-Kolonie wurde 2014 in nahe gelegene notdürftige, winzige Übergangsquartiere mit prekärer Wasserversorgung und ohne Küche oder Badezimmer umgesiedelt. Eigentlich hätten die Menschen innerhalb von zwei Jahren in die neuen Mietwohnungen ziehen sollen. Weil die Bauarbeiten aber immer wieder ins Stocken kamen, warten die Künstler:innen-Familien noch heute, also seit über acht Jahren, auf die Rückkehr in ihr Viertel.

Liebe auf den ersten Klick

Von Redaktion · · 2023/Jan-Feb
© Javier Cubero Torres / cartoonmovement.com

Krisenzeit nennt der 1969 geborene kubanische Karikaturist Javier Cubero Torres diese Zeichnung. Er arbeitet freiberuflich vor allem für humoristische Zeitungsbeilagen und andere Publikationen in Kuba und Mexiko. Daneben nimmt er mit seinen Werken an internationalen Cartoon-Wettbewerben teil.

Brief einer jungen Iranerin

Von Redaktion · · 2023/Jan-Feb

Von: Katrin Gänsler

Betreff: Mobiles Betteln

Liebe Redaktion!

Das Land, aus dem ich euch schreibe, gibt es offiziell nicht und wird nur von Taiwan anerkannt. Umso spannender ist es, Strukturen zu entdecken.

An einem Abend bin ich nach einer Überlandfahrt in der Hauptstadt Hargeisa angekommen und musste an einer Tankstelle halten. Eine junge Frau im dunkelblauen Hidschab-Kopftuch stellte sich neben das Auto. Anstatt zu sprechen hielt sie einen braunen Karton mit Zahlenfolge hoch und bettelte so um Geld. Um ein paar zerfledderte Somaliland-Schilling-Scheine ging es ihr dabei nicht, sondern um einen Geldtransfer aufs Handy.

Zahlreiche der rund 3,5 Millionen Einwohner:innen der autonomen Region, die praktisch von Somalia unabhängig ist, leben in Armut, genaue Zahlen gibt es nicht. Nur etwa 50 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen gehen zur Schule. Weibliche Genitalverstümmelung bleibt Normalität. Die meisten Straßen sind unebene Sandpisten.

Gleichzeitig hat sich eine fast bargeldlose Gesellschaft entwickelt. Entstanden ist diese allerdings aus der Not heraus: Es gibt kaum Geldautomaten, die nächste Bank ist manchmal Dutzende Kilometer entfernt. Mit ein paar Klicks zu bezahlen ist also praktisch.

Es gilt nur darauf zu achten, dass das Mobiltelefon aufgeladen ist. Die Stromversorgung in Somaliland ist schlecht, man ist auf Dieselgeneratoren angewiesen.

Liebe Grüße,
Katrin

Global-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2023/Jan-Feb

Die indische Autorin Meena Kandasamy ist als Tabubrecherin bekannt. Ihre Wut über das starre Kastensystem Indiens und das hinduistische Patriarchat entlud sie zunächst im Genre der Lyrik. Es gibt „nichts Unschuldiges am Schreiben – und auch nicht am Lesen“, sagte sie einmal in einem Interview. Und: Schreiben ist „etwas Politisches“.

Kandasamy wurde 1984 in Chennai, Indien, als Tochter tamilischer Eltern geboren, die im indischen Kastensystem der untersten Gruppe der hinduistischen Bevölkerung angehörten.

In ihren Romanen erzählt sie von Gewalt und Vergewaltigung, etwa in ihrem 2014 veröffentlichten Debüt, das von einem im Bundestaat Tamil Nadu 1968 verübten Massaker von Grundbesitzern an Landarbeiter:innen handelt.

Kandasamy schreibt auch alte Geschichten um. „Es gibt diese Tradition feministischer Dichterinnen, die Mythen, Legenden und Märchen aufgreifen und sie auf eine sehr subversive, feministische Weise neu erzählen.“

Als furchtlose Kämpferin für Demokratie und Menschenrechte, für das freie Wort und gegen die Unterdrückung von Landlosen und Minderheiten in Indien wurde sie im November 2022 vom PEN Deutschland mit dem Hermann-Kesten-Preis ausgezeichnet.

Erstarrte Fronten in Myanmar

Von Redaktion · · 2023/Jan-Feb

In einer Schule in Kambodscha lernen Kindern aus benachteiligten Familien neben dem Lesen und Schreiben auch tanzen, musizieren, zeichnen. Viele machen daraus einen Beruf, so wie Rachana.

Eine junge Frau springt auf dem abgewetzten Trampolin in der staubigen Trainingshalle. Die 25-jährige Rachana holt Luft, springt nochmals, höher und höher.

Seit sie elf Jahre alt ist, kommt sie fast täglich hierher – in die Schule „Phare Ponleu Salpak“, was übersetzt „Licht der Künste“ bedeutet und die kurz Phare genannt wird. Vormittags rechnete Rachana und schrieb Aufsätze. Am Nachmittag übte sie Salto, Seiltanz, Jonglieren, und Spagat.

Der Campus in der drittgrößten kambodschanischen Stadt Battambang an der Grenze zu Thailand gibt über tausend Kindern aus armen Verhältnissen eine Zukunft. Ein Gesetz schreibt in Kambodscha zwar vor, dass alle neun Jahre lang kostenfrei in eine Schule gehen dürfen. Eine Schulpflicht gibt es jedoch nicht, und in Dörfern ohne öffentliche Schulen ist es für viele kaum möglich, Unterricht zu bekommen.

Wenn Rachana auf dem Heimweg durch ihr Viertel geht, trifft sie immer wieder auf Kinder, die verloren wirken, Drogen nehmen, „die nicht wissen, was richtig und falsch ist“, sagt sie.

Sie weiß, wie wichtig es ist, dass Kinder Halt finden. Für sie selbst hat sich durch die Phare-Schule alles verändert. Mit Akrobatik und Tanz lernte sie, ihre Gefühle auszudrücken. „Es ist meine Sprache geworden“, sagt Rachana. „Bin ich traurig und beginne mein Training, bewege mich, dann fühle ich mich wieder stark.“

Kräftezehrendes Training. Zu Hause angekommen lässt sie sich in ihre Hängematte fallen, auch nach vielen Jahren bleibt das Training kräftezehrend. Seit ihrem Schulabschluss vor eineinhalb Jahren ist sie professionelle Artistin im Zirkus von Phare. In ihrer Gruppe ist sie die einzige Frau. In Kambodscha werde es nicht gern gesehen, wenn Frauen sich verbiegen, sportlich oder muskulös sind und auf der Bühne stehen, erzählt Rachana.

Der Zirkus hat ihre Welt groß gemacht. Sie ist im Ausland aufgetreten, u. a. in Deutschland und Frankreich. In einem guten Monat verdient Rachana etwa 200 US-Dollar und mehr.

Eine beachtliche Summe in Kambodscha, wo das durchschnittliche Einkommen 100 Dollar beträgt. Noch heute ist es eines der ärmsten Länder Asiens und leidet an den Folgen des blutigen, jahrzehntelangen Bürgerkrieges, der erst 1999 endete.

„Durch meine Auftritte kann ich meine Familie finanziell unterstützen. So konnten sie ein Haus bauen und meine Schwester konnte studieren.“ Rachana hat vier Geschwister, ihr Vater arbeitet als Taxifahrer, ihre Mutter verkauft Gemüse auf dem Markt. „Manchmal, wenn ich rumhängen wollte, trieb mich meine Mutter an, sagte: ‚Wir mussten wegrennen vor Bomben, lebten in ständiger Angst. Sei froh, jetzt zu leben.‘“

Liebe zum Fliegen. Ein Nachmittag in der Hauptstadt Phnom Penh. Im Innenhof des Französischen Instituts versammeln sich mehrere hundert Menschen vor der Bühne auf Plastikstühlen.

In einem Zelt schminkt sich Rachana, zieht die Augenbrauen schwarz nach. Lampenfieber kennt sie nicht mehr. „Aber mich macht es jedes Mal glücklich mitzuerleben, wie das Publikum mitfiebert, die Aufregung zu spüren.“

Wenige Minuten später tanzt Rachana mit ihrer Gruppe über die Bühne. Sie springt in die Luft, landet auf den Schultern ihres Kollegen, die Arme wie Flügel ausgebreitet.

Rachana liebt es, auf der Bühne zu stehen. Am meisten aber liebt sie es, wenn sie fliegt. Ihre Kollegen werfen sie wieder in die Luft. Für einen Moment schwebt sie. Ihre Augen strahlen. Wieder aufgefangen, findet sie sofort das Gleichgewicht und steht sicher da. „Ich habe gelernt, zu vertrauen. Das ist es, was zählt.“

Isabel Stettin ist Reporterin bei Zeitenspiegel und lebt in Stuttgart. In Kambodscha hat sie der Zusammenhalt unter den Zirkusschüler*innen fasziniert, die Gemeinschaft, das gegenseitige Vertrauen.

Demokratie braucht mehr Partizipation

Von Redaktion · · 2022/Nov-Dez

Schätzungsweise 6,7 Milliarden Menschen leben in den Staaten des Globalen Südens. In wichtigen westlichen Nachrichten erhalten sie weniger Sendezeit als Sportergebnisse.

Dass der Globale Süden, sprich rund 85 Prozent der Weltbevölkerung, in den Nachrichten konsequent und eklatant vernachlässigt wird, gehört zu den Konstanten der „westlichen“ Berichterstattung. Dies zeigt die Langzeitstudie „Vergessene Welten und blinde Flecken“, in der über 5.000 Sendungen der deutschen Tagesschau sowie exemplarisch sogenannte Leitmedien wie der britische Guardian, die französische Le Monde oder die US-amerikanische Washington Post ausgewertet wurden.

Während der Corona-Pandemie und infolge des Ukraine-Krieges hat die Vernachlässigung des Globalen Südens noch zugenommen. Zu den vergessenen Nachrichten gehört auch der globale Hunger, den das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) 2019 als das „größte lösbare Problem der Welt“ bezeichnete. Obwohl die Zahl der chronisch Hungernden  2020 auf bis zu 811 Millionen Menschen anstieg, fand dies kaum medialen Widerhall.

Von den in jenem Jahr über 3.000 ausgestrahlten Beiträgen in der Tagesschau befassten sich lediglich neun mit dem Thema Hunger, mit der Corona-Pandemie fast 1.300.

© privat

Ladislaus Ludescher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Er hat Germanistik, Geschichte und Europäische Kunstgeschichte studiert. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Analyse in- und ausländischer Medien.

Sport statt Hunger. Ob die extremen Hitzewellen auf dem indischen Subkontinent, die heftigsten Fluten in Bangladesch und Indien seit Jahren, die Menschenrechtsverletzungen in der Bürgerkriegsregion Tigray und die allgemein angespannte humanitäre Lage in Äthiopien: Alle diese Themen, die Millionen von Menschen betreffen, wurden in den Nachrichten nur marginal behandelt.

Von den 34 im ersten Halbjahr 2022 ausgestrahlten ARD-Brennpunkt-Sondersendungen beschäftigten sich 29 mit dem Krieg in der Ukraine, aber keine einzige mit dem Thema Hunger.

Berichte über den Globalen Süden rangieren offensichtlich weit hinten auf den Prioritätenlisten der Redaktionen. Dass in der Tagesschau den Sportergebnissen mehr als 13 Mal so viel Zeit eingeräumt wurde wie dem Hungerthema, gibt zu denken.

In der Tat waren Sportberichte sogar etwas umfangreicher als Beiträge über alle Staaten des Globalen Südens zusammen. Auf diese entfielen lediglich etwa sechs Prozent der Gesamtsendezeit.

Nicht ohne die Medien. Medien bilden öffentliche Diskurse nicht nur ab, sondern tragen auch zu deren Entstehung bei. Nachrichten können die Öffentlichkeit auf gesellschaftliche und politische Ereignisse bzw. Entwicklungen aufmerksam machen und dadurch politische Entscheidungsprozesse beeinflussen.

Das Beispiel Klimakrise hat gezeigt, dass signifikante Maßnahmen von politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern manchmal erst als ultimativ notwendig wahrgenommen werden, wenn die Medien das Thema immer wieder in den öffentlichen Diskurs tragen.

Es ist daher zu hoffen, dass sich die Medien ihrer Verantwortung bewusst werden und den Nachrichtenwert von Ereignissen unabhängig von ihrem geografischen Hintergrund beurteilen, um die Welt etwas gerechter abzubilden.

Die vollständige Studie „Vergessene Welten und blinde Flecken“, eine Unterschriftenpetition sowie Informationen zu einer auf der Untersuchung beruhenden Poster-Wanderausstellung können eingesehen bzw. heruntergeladen werden unter: ivr-heidelberg.de

Brexit andersrum

Von Redaktion · · 2022/Nov-Dez

In Nigeria liegt das Durchschnittsalter bei 18,6 Jahren. Junge Entscheidungsträger*innen gibt es aber kaum. Warum der Weg in die Politik schwierig ist, erklärt Bildungsexpertin Ngunan Ioron Aloho.

In Nigeria stehen im Februar die Präsidentschaftswahlen an. Mit Atiku Abubakar und Bola Tinubu wurden zwei Kandidaten aufgestellt, die jenseits der 70 sind. Was bedeutet das für junge Wähler*innen?

Junge Menschen fühlen sich eher von Peter Obi (Kandidat der Labour Party, Anm. d. Red.) angezogen. Grund dafür ist, wie er seine Kampagne gestaltet und welche Themen er setzt. Da Atiku bereits an der Macht war, wissen wir schon einiges über ihn. Tinubu dürfte interessant für ältere Wählerinnen und Wähler sein. Gerade auf dem Land, wo die Wahlbeteiligung hoch ist, haben diese eine starke Stimme. Die Wahl ist hart umkämpft.

Interessieren sich die jungen Generationen überhaupt für Politik?

Sie bringen sich stärker ein als je zuvor, beteiligen sich an den Kampagnen. Auch machen sie generell auf die Wahlen aufmerksam, damit mehr Menschen ihre Stimme abgeben. Außerdem thematisieren sie den Kauf von Stimmen, was seit langem geschieht und ein großes Problem ist.

Viele wollen darüber hinaus informieren, wofür die Parteien überhaupt stehen. Wer nichts über deren Inhalte weiß, macht das Kreuz bei jenem Parteilogo, das er kennt. Wir hoffen, dass sich das ändert.

Ngunan Ioron Aloho (30) ist Bildungsexpertin und Juristin. Sie hat die Samuel Ioron Foundation gegründet, die für Geschlechtergerechtigkeit und bessere Bildungschancen für Mädchen im ländlichen Nigeria kämpft. Derzeit absolviert sie den Master-Studiengang Vergleichende und Internationale Sozialpolitik an der Universität York in Großbritannien.

Trotzdem haben zwei alte Männer die besten Chancen auf das Präsidentenamt. Das muss doch frustrierend sein?

Es stimmt, dass sie über finanzielle Ressourcen, Netzwerke und Kontakte verfügen. Eines wird aber oft vergessen: Hinter jeder Stimme, hinter jeder finanziellen Unterstützung für Gegenkandidatinnen und -kandidaten stecken Menschen, die sich gegen die aktuelle Politik entscheiden und sagen können: Es reicht uns.

Ich hoffe auf ein Umdenken: Wählerinnen und Wähler müssen sich fragen, welcher Kandidat ihnen das Beste für ihre eigene Zukunft bringt.

Vor vier Jahren gab es die Kampagne #NotTooYoungToRun zur Herabsetzung des passiven Wahlalters, die zu einer Gesetzesänderung geführt hat. Ist von dieser Dynamik noch etwas zu spüren?

Sie hat die Denkweise geändert und einen längerfristigen Einfluss. Egal, wie alt eine Person ist: Sie kann etwas erreichen und eine Führungsposition einnehmen. Junge Menschen fordern mehr Platz in der Gesellschaft ein. Darum geht es.

Ist der Zugang anderswo einfacher, etwa einen Platz in der Zivilgesellschaft zu finden?

Mehr Menschen drängen in die Politik. Heute gibt es zahlreiche Organisationen, die die Jugend für politische Teilhabe gewinnen möchten. Manche richten sich explizit an junge Frauen.

Und ist die ältere Generation bereit, Platz zu machen?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist möglich, dass sie die Jungen für ihre Ziele nutzen. Es ist aber nicht notwendigerweise eine Generationenfrage. Vielmehr geht es darum, ob beispielsweise die Verantwortlichen in den Wahlkreisen offen für einen Wandel sind. Spielt aber Korruption eine große Rolle, wird das schwierig.

Wie lässt sich das grundsätzlich ändern?

Alle, die einen Zugang zur Politik wollen, müssen diesen finden können – junge Frauen und Männer. Es würde schon helfen, wenn die Kosten für das Kandidaturformular (je nach Partei bis zu 232.000 Euro, Anm. d. Red.) und den Wahlkampf nicht so hoch wären.

Wer gewählt wird, muss erst einmal dafür sorgen, dass er die Ausgaben wieder hereinholt. Wer von Unterstützerinnen und Unterstützern Geld erhalten hat, muss dieses zurückzahlen. Das schafft Abhängigkeiten und Korruption. Dieses System muss sich ändern.

Interview: Katrin Gänsler. Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien
in Westafrika und lebt in Cotonou/Benin und Abuja/Nigeria.

Wer war … Ivan Illich?

Von Redaktion · · 2022/Nov-Dez

In Sri Lanka hat eine Protestbewegung die Regierung des Rajapaksa-Clans gestürzt, der für die schwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes verantwortlich gemacht wird. Wesentliche politische Veränderungen sind aber nicht in Sicht.

Sri Lankas Protestbewegung Aragalaya (dt. Aufstand) schien am 9. Juli ihr Ziel erreicht zu haben: Tausende Demonstrant*innen stürmten in der Hauptstadt Colombo die Residenz des kurz zuvor geflohenen Präsidenten Gotabaya Rajapaksa. Zwischen den Säulen des Palastes drängte sich das Volk, vor dem Gebäude bildeten sich lange Schlangen von Menschen, die einen Blick in das Machtzentrum werfen wollten. Bilder von Demonstrant*innen im präsidialen Swimming Pool, im Bett des Staatsoberhauptes oder auf luxuriösen Sofas gingen um die Welt. Zugleich machten sie, deren Slogan „GotaGoGama“ (dt. Gotabaya, geh nach Hause) war, Selfies bei ihrem Triumph am symbolischen Ort.

Wenige Tage später floh der verhasste Rajapaksa auf die Malediven, dann weiter nach Singapur und Thailand. Lange hatte sich der 71-Jährige an sein Amt geklammert. Die Bevölkerung macht ihn samt seinem Clan für Sri Lankas schwerste Wirtschaftskrise aller Zeiten verantwortlich. Sri Lankas Korruptionsproblem zeigt sich wahrlich an der Rajapaksa-Familie: 40 Angehörige hatten Ministerial- und Regierungsämter inne.

Aber wie kam es zur Flucht des Präsidenten? Im April hatte die singhalesisch-nationalistische Regierung angesichts der Proteste und Versorgungsprobleme den Notstand verhängt. Trotzdem trat das Kabinett samt Finanzminister Basil Rajapaksa, dem jüngeren Bruder des Präsidenten, im selben Monat zurück. Am 9. Mai folgte der ältere Bruder, Premierminister und Ex-Präsident Mahinda Rajapaksa.

Der hatte friedliche Demonstrant*innen von seinen Anhänger*innen angreifen lassen. Das heizte die Proteste weiter an. Auch wegen der Zahlungsunfähigkeit des Landes war er von seinem Bruder, dem Präsidenten, nicht mehr zu halten.

Politisches Manöver. Gotabaya Rajapaksa ernannte daraufhin den bisherigen Oppositionspolitiker und fünfmaligen Premier Ranil Wickremesinghe zum neuen Regierungschef. Er sollte das Volk beruhigen. Viele sahen darin jedoch nur ein Manöver, um die Macht der Rajapaksas zu schützen.

Sri Lanka

Hauptstadt: Colombo  

Fläche: 65.610 km2 (gut 3/4 der Fläche Österreichs)

Einwohner*innen: 21,9 Millionen, davon sind fast 75 Prozent (buddhistische) Singhalesen, ansonsten (hinduistische) Tamilen, (muslimische) Moors und Malaien, (christliche) Burgher, indigene Veddas

Human Development Index (HDI): Rang 73 von 191 (Österreich 25)

BIP pro Kopf: 3.814,7 US-Dollar (2021, Österreich: 53.267,9 US-Dollar)

Regierungssystem: Republik mit Präsidialsystem. Von 1983 bis 2009 herrschte Bürgerkrieg zwischen tamilischen und singhalesischen Teilen der Bevölkerung.

Der 73-jährige Wickremesinghe war bei den Wahlen 2019 mit seiner konservativen Partei UNP in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt und hatte den einzig verbliebenen Parlamentssitz der UNP für sich retten können. Weil sein Verbleib an der Macht nur noch auf dem Willen der Rajapaksas basiert, fordern viele seinen Rücktritt.

Wickremesinghe ließ sich nach der Flucht von Präsident Gotabaya Rajapaksa vom Parlament, in dem Rajapaksas buddhistisch-nationalistische SLPP weiter die Mehrheit hat, am 18. Juli zum Präsidenten küren.

„Wickremesinghe ist schlau. Er weiß, wie er Militär und Gesetz gegen die demonstrierenden Menschen einsetzen kann“, sagt der Menschenrechtsanwalt Prabodha Rathnayaka. Er vertritt Aktivist*innen und Journalist*innen vor Gericht und ist in zahlreichen Organisationen aktiv. „Täglich werden führende Kräfte der Protestbewegung verhaftet.“

Zudem habe der erfahrene Politiker Wickremesinghe gute Beziehungen zu ausländischen Botschaften und dem Internationalen Währungsfonds (IWF).

Fehlendes Ziel. Die Journalistin und Medienaktivistin Jayani Abeysekara verweist auf Schwächen der Protestbewegung: „Der fehlte ein klares Ziel über den Sturz des Präsidenten hinaus. Manche glaubten gar, Wickremesinghe könnte die Probleme lösen, und sahen nicht, dass er als mehrfacher Premier Teil des Problems ist.“

Doch Abeysekara räumt ein, dass er inzwischen einige Probleme entschärfen konnte. So ging die Dauer der täglichen Stromausfälle zurück und gibt es wieder mehr Benzin und Kochgas, wenn auch zu hohen Preisen.

Im Parlament lehnte die SLPP-Mehrheit die von der Aragalaya-Bewegung geforderten vorgezogenen Neuwahlen ab. Die Bildung einer Allparteienregierung scheiterte ebenso. Die bisherigen Regierungskräfte spielen vielmehr auf Zeit bis zu den nächsten Wahlen, die regulär erst im November 2024 stattfinden.

Unverändertes System. „Bisher haben wir nur die Regierungsspitze ausgewechselt, aber das System blieb unverändert“, beklagt Menschenrechtsanwalt Rathnayaka. Wickremesinghe habe mit Hilfe von Anti-Terrorgesetzen die Aragalaya-Bewegung abgewürgt.

So gab es nicht einmal mehr einen Aufschrei, als der geflohene Ex-Präsident Rajapaksa am 2. September nach Sri Lanka zurückkehrte. Er lebt unter staatlichem Schutz im Anwesen seiner Familie. Will er zurück an die Macht? Das ist derzeit unklar. Ob die Misswirtschaft in seiner Amtszeit juristische Konsequenzen für ihn haben wird, ist noch offen.

Seit September 2022 ist der 350 Meter hohe Lotus Tower in Sri Lankas Hauptstadt Colombo für Schaulustige geöffnet. © Ishara S. Kodikara / AFP / picturedesk.com

Laut dem Welternährungsprogramm ist ein Drittel der Bevölkerung von 22 Millionen von Hunger bedroht. Ursache ist die schwere Versorgungskrise bei Treibstoff, Medikamenten und Nahrungsmitteln. Fehlentscheidungen der bisherigen Regierung der Rajapaksa-Familie führten zu Devisenknappheit und hoher Inflation.

2019 hatte die Regierung mit einer unsinnigen Steuerreform den Staat um ein Drittel seiner Einnahmen beraubt. Heute hat Sri Lanka rund 50 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden.

Als mit der Corona-Pandemie die Einnahmen aus dem Tourismus wegbrachen, stieg die Verschuldung stark an. Um den Devisenabfluss zu stoppen, verhängte die Regierung ein Importverbot für Kunstdünger und Pestizide. Das führte zu Ernteausfällen, so dass mehr Lebensmittel importiert werden mussten, dafür aber Devisen fehlten. Hinzu kamen negative Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine.

Gestärkte Identität. „Junge Menschen haben die Proteste geführt“, sagt Ebenezer Joseph, Methodistenpfarrer und Generalsekretär der Interreligiösen Koalition für Frieden. „Die Bewegung hat die Identität der Beteiligten als Bürger und Bürgerinnen dieses Landes gestärkt“, so der Theologe, der sich seit Jahrzehnten für Frieden in Sri Lanka einsetzt, das nach wie vor vom langen Bürgerkrieg (1983-2009) geprägt ist.

Doch habe die neue Bewegung niemanden hervorgebracht, der bzw. die die Elite bei Wahlen herausfordern könnte. Joseph: „Es gab so viel Hoffnung auf einen Wandel zum Besseren, aber bisher ist dabei nichts herausgekommen.“

Anfang September einigte sich die Regierung auf einen vorläufigen Stützungskredit mit dem IWF von 2,9 Milliarden US-Dollar für vier Jahre. „Das führt zu einer unsozialeren Politik“, fürchtet Theologe Joseph. Doch die Voraussetzung für die Auszahlung ist zunächst eine Einigung Sri Lankas mit seinen Gläubigern, zu denen v. a. westliche Investmentfirmen zählen. Unter den staatlichen Gläubigern finden sich Japan, China und Indien.

China und Indien buhlen um Einfluss auf den strategisch wichtigen, im Indischen Ozean gelegenen Inselstaat. Die Rajapaksas hatten mit einer Hinwendung zu China versucht, die beiden Rivalen gegeneinander auszuspielen, doch das Land letztlich von Beijing abhängig gemacht. Unsinnige und mutmaßlich mit Korruption verbundene Groß- und Prestigeprojekte, die China mit Krediten finanzierte, trugen zur hohen Verschuldung bei.

Mitte September wurde in Colombo Südasiens zweithöchstes Gebäude, der 350 Meter hohe und 113 Millionen Dollar teure grün-violette Lotus Tower eröffnet. „Er hat keinen Nutzen, weil er keinen produktiven Zweck erfüllt“, kritisiert Saman Hamangoda von der Bildungsorganisation Paltra. Menschenrechtsanwalt Rathnayaka spricht von einer „Ikone der Korruption der Rajapaksas“.

Indien hingegen nutzt Sri Lankas Krise, um dort gegenüber China verlorenen Boden wieder gut zu machen. So hat Geld aus Delhi die Treibstoffkrise etwas entschärft. Methodistenpfarrer Joseph fürchtet, dass die prekäre Situation im Land wie in der Vergangenheit zu ethnischen Spannungen führen könnte.     

Sven Hansen ist seit 1997 Asienredakteur der Tageszeitung Taz in Berlin.

Lokalaugenschein beim Concierge

Von Redaktion · · 2022/Nov-Dez

Andere Bäume werfen im kühlen Herbst die Blätter ab – nicht so der immergrüne Olivenbaum, der hunderte Jahre alt werden kann und seit tausenden Jahren rund um das Mittelmeer kultiviert wird. Ob Phönizier, alte Griechen oder Römer – sie alle wussten um die vielen heilbringenden Wirkungen der Früchte, des daraus gewonnenen Öls und der Blätter Bescheid.

Der Tee wurde schon in der Antike zur Stärkung des Immunsystems, bei Bluthochdruck, bei Schlafstörungen oder Nervosität verabreicht und die gepressten Blätter im Alten Ägypten zum Mumifizieren verwendet, weil sie tote Körper vor Pilz-, Bakterien- und Parasitenbefall bewahrten.

Kein Wunder: Heute weiß man, dass das Antioxidans Oleuropein dafür verantwortlich ist. Es wurde in noch höherer Konzentration in den Blättern als in den Oliven bzw. dem Öl daraus nachgewiesen und schützt den Baum vor Krankheiten. Wer sich also etwas Gutes tun will, greift zu Oliven-Tee oder Kapseln, die aus den frischen bzw. getrockneten Blättern gewonnen werden.

Kopfsache

Von Redaktion · · 2022/Nov-Dez

Nigeria wählt im Februar 2023 ein neues Staatsoberhaupt. Die Spitzenkandidaten versprechen regelmäßig, die Gewalt zu beenden, dabei droht sich die Situation in den kommenden Monaten zuzuspitzen.

Die Sicherheitsfirma SBM Intelligence, die ihren Sitz in der nigerianischen Hafenmetropole Lagos hat, findet deutliche Worte: Seit 2020 warnt sie regelmäßig vor Nigerias „Entführungsindustrie“. Neben der miserablen Sicherheitslage trage diese im besonderen Maße zur Instabilität im Land bei, heißt es im jüngsten Bericht aus dem Monat August. Zwischen Juli 2021 und Juni 2022 wurden mehr als 3.400 Menschen im ganzen Land gekidnappt, 564 weitere in Verbindung mit Entführungen ermordet. Knapp zehn Millionen US-Dollar an Lösegeld forderten die Entführer.

Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt, da viele Fälle nicht angezeigt werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Senat vor einigen Monaten ein Gesetz verabschiedet hat, das für Lösegeldzahlungen bis zu 15 Jahre Gefängnis vorsieht.

Das schreckt ab, argumentieren Senator*innen. Kritiker*innen wie Monday Ubani von der Anwaltsvereinigung Nigerian Bar Association sagen jedoch: Opfer und deren Angehörige werden doppelt bestraft. „Sie zahlen aus Verzweiflung und Hilflosigkeit, da sie wissen, dass der Staat versagt hat.“ Die Behörden seien weder in der Lage, Leben und Eigentum zu schützen, noch die Freilassung zu erreichen, so Ubani.

All das kann sich in den kommenden Monaten weiter zuspitzen, werden doch im Februar und März ein neuer Präsident, Gouverneur*innen sowie Bundes- und Landesparlamente gewählt. Politik ist ein höchst lukratives Geschäft, und nigerianische Abgeordnete gehören zu den weltweit bestbezahlten Politiker*innen. Verlässliche Zahlen fehlen, aber mitunter heißt es, dass ein Sitz im Parlament monatlich umgerechnet mehr als 20.000 Euro einbringen kann.

Vor allem haben sie Zugang zu Ressourcen, und ihre Netzwerke bestehen aus höchst einflussreichen Personen.

Gekaufte Stimmen. Um das nicht zu verlieren, kommt es besonders vor den Urnengängen zu Gewalt. Menschen werden daran gehindert, sich als Wähler*innen zu registrieren. Mitarbeiter*innen der Wahlkommission (INEC) werden angegriffen, Verzeichnisse und Stimmzettel gestohlen.

© SWM / Uwe Dedering / CC BY 3.0

Nigeria

Hauptstadt: Abuja (seit 1991, davor Lagos)  

Fläche: 923.768 km2 (elfmal größer als Österreich)

Einwohner*innen: rund 220 Millionen (Schätzung Juli 2021), über 400 Volksgruppen, darunter Hausa, Yoruba, Igbo (Ibo), Fulani, Ibibio, Kanuri

Human Development Index (HDI): Rang 163 von 191 (Österreich 25)

BIP pro Kopf: 2.085 US-Dollar (2021, Österreich: 53.267,9 US-Dollar)

Regierungssystem: Präsidiale Bundesrepublik, Scharia (Islamisches Recht) gilt in zwölf nördlichen Bundesstaaten im Rahmen der nigerianischen Verfassung.

Stimmen werden für zehn Euro verkauft – so groß ist die Not – und eifrig gekauft. Zur Praxis gehört es zudem, Unruhe stiften zu lassen, um sich dann vor potenziellen Wähler*innen als Retter und Beschützer zu präsentieren. Nach Angaben von INEC starben von 2011 bis 2019 in Verbindung mit Präsidentschafts- und Parlamentswahlen mindestens 1.150 Personen.

Entführungen sind mittlerweile in allen Landesteilen gang und gäbe. Unter den Opfern sind Schulkinder, Geschäftsleute, Farmer*innen und zunehmend Geistliche. Dass die Bewaffneten offenbar häufig leichtes Spiel haben, zeigte Ende März der Überfall auf einen Zug mit mehr als 900 Fahrgästen auf der Strecke zwischen der Hauptstadt Abuja und der Provinzhauptstadt Kaduna. Acht Menschen starben beim Entführungscoup. In den folgenden Monaten ließen die Täter nach und nach kleine Gruppen frei. Es ist unklar, wie viel Lösegeld gezahlt wurde.

Waren einst im Nigerdelta Verschleppungen von Angestellten multinationaler Ölkonzerne ein politisches Statement, nutzte sie ab 2013 die Terrorgruppe Boko Haram im Nordosten gezielt, um Angst zu verbreiten sowie ihre Bewegung zu stärken.

Heute geht es um Geld. Nigeria ist zwar die größte Volkswirtschaft des Kontinents – das Bruttoinlandsprodukt lag 2021 bei 440 Milliarden Dollar. Doch der Reichtum ist extrem ungleich verteilt. Vier von zehn Nigerianer*innen leben unterhalb der Armutsgrenze.

Versprechen im Wahlkampf: Viele Kandidaten präsentieren sich als Retter und Beschützer. © Utomi Ekpei / AFP / picturedesk.com

Beutejagd. Wie heikel die Lage ist, erlebt auch Ordensfrau Rosemary Ukata, die im Bundesstaat Abia im Südosten arbeitet. „Plötzlich kann jemand mit einer Kalaschnikow neben dir stehen und innerhalb von Stunden viele tausend Naira erbeuten.“

Gerade auf dem Land, wo es an Sicherheitskräften fehlt, herrsche Unsicherheit. „Wenn auf einer Straße plötzlich keine Autos mehr fahren, bedeutet das: Banditen haben eine Straßensperre errichtet.“

Das ist jedoch nicht der einzige Faktor, der Afrikas Riesenstaat so instabil macht. In ländlichen Regionen kommt es zu erbitterten Ausschreitungen zwischen Farmern und Viehhirten. Letztere gehören der ethnischen Gruppe der Fulani an, die häufig als Täter – und Terroristen – bezeichnet werden.

Land ist in Nigeria zum kostbaren Gut geworden: durch die wachsende Bevölkerung – seit der Unabhängigkeit 1960 hat sie sich mehr als vervierfacht und liegt heute bei 220 Millionen – sowie durch die Klimakrise. Es wird geschätzt, dass 60 Prozent der Landfläche nicht mehr fruchtbar sind. Besonders betroffen ist der Norden, weshalb Viehhirt*innen gezwungen sind, weiter in Richtung Süden zu ziehen.

Auch im Südosten hat die Gewalt zugenommen. Die Bewegung „Indigene Menschen von Biafra“ (IPOB), die 2017 zur Terrororganisation erklärt wurde, fordert einen eigenen Staat. Sie ist überzeugt: Die Regierung will die Region marginalisieren.

Die Verhaftungen und Prozesse stilisieren IPOB-Anführer Nnamdi Kanu, der durch rassistische Äußerungen auffällt, allerdings nur noch mehr zum Helden. IPOB hat mittlerweile einen paramilitärischen Flügel gegründet, seit 2021 haben vor allem Angriffe auf Polizeistationen in der Region zugenommen.

Im Zentrum verwundbar. Wozu allerdings die Terrorgruppe Islamischer Staat in der Provinz Westafrika (ISWAP) – sie gehörte einst zu Boko Haram und spaltete sich 2016 ab – fähig ist, wurde Anfang Juli deutlich. Sie gab an, für den Gefängnisausbruch von Kuje verantwortlich zu sein, bei dem zwischenzeitlich knapp 900 Insassen die Flucht gelang, darunter 68 Mitgliedern von Boko Haram.

Nichts zeigt besser, wie verwundbar Nigeria ist, denn das Gefängnis liegt in der Hauptstadt Abuja und weniger als 50 Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt. Dabei hat ISWAP sein Netzwerk eigentlich am Tschadsee im Nordosten des Landes.

Beteuerungen des 78-jährigen Präsidenten Muhammadu Buhari  – er wurde bei seiner Erstwahl 2015 als Bekämpfer von Gewalt und Korruption präsentiert und gehört dem All Progressives Congress (APC) an –, die Regierung fahre eine Null-Toleranz-Strategie bei Kriminalität, hört niemand mehr zu. Jede*r zweite Nigerianer*in hat kein Vertrauen in das Justizsystem. 2020 starben bei Protesten gegen die als brutal geltende Polizeieinheit SARS (die im Oktober 2020 aufgelöste Special Anti-Robbery Squad) mindestens zwölf Menschen. 

Viele Versprechungen. Die Spitzenkandidaten versprechen regelmäßig, die Gewalt zu beenden, jedoch ohne konkret zu werden. Eines ist schon Monate vor dem Urnengang sicher: Der neue Präsident wird Bola Tinubu oder Atiku Abubakar heißen. Die übrigen Bewerber*innen verfügen weder über die finanziellen Mittel für einen Wahlkampf im ganzen Land, noch haben die Parteien landesweit Büros, ein Netzwerk und vor allem engagierte Mitglieder, die Plakate kleben, potenzielle Unterstützer*innen mobilisieren und Geld, Reis und T-Shirts verteilen.

Das gilt auch für den bundesweit recht bekannten Peter Obi, der 2019 noch als Vize von Atiku, der stets beim Vornamen genannt wird, antrat und mittlerweile der Labour Party angehört. Dass Obi praktisch keine Chance hat, befeuert den Eindruck vieler Igbos im Südosten, von den wichtigsten Staatsämtern ausgeschlossen zu sein. Schon wieder schafft es ein Igbo nicht an die Staatsspitze – dabei sind Igbos eine der drei großen Ethnien im Land.

Atiku, der für die oppositionelle People´s Democratic Party (PDP) antritt, macht für die zunehmende Gewalt die Regierungspartei APC verantwortlich. Der erste Schritt zu mehr Sicherheit sei die Abwahl dieser.

Starke Religion, schwacher Staat

Nigeria ist ein tief gespaltenes Land. Die Herkunft der Vorfahren, Ethnie und Religion sind weitaus stärkere Identifikationsfaktoren als die Staatszugehörigkeit. Zwar herrscht laut Verfassung Religionsfreiheit. Seit ein paar Jahren sprechen jedoch vor allem Christ*innen im Südosten gerne von einer Islamisierung und üben damit offen Kritik an Buharis Regierung. Tatsächlich hat es im Namen der Religion schwere Ausschreitungen gegeben, etwa als ab 1999 in den zwölf muslimisch dominierten Bundesstaaten im Norden die Scharia eingeführt wurde. Alleine im Bundesstaat Kaduna sollen damals bis zu 5.000 Menschen bei Gewalt zwischen Christ*innen und Muslim*innen ums Leben gekommen sein.  Bei Volkszählungen wird die Frage nach der Religionszugehörigkeit nicht gestellt, damit keine Gruppe eine Mehrheit beanspruchen kann.  

Die Vorstellung in der Politik: Wer an der Macht ist, bevorzugt Anhänger*innen derselben Religion und verteilt Ämter an diese. Deshalb wird auch darauf geachtet, welcher Ethnie die Kandidat*innen angehören.  K. G.

Vertreter des Systems. Ihm gegenüber steht Buharis interner APC-Nachfolger Tinubu, der „Wohlstand für alle“ ankündigte. Er will zudem die Entwicklungsstrategien, die er einst in Lagos verfolgt hatte, auf das ganze Land ausweiten. Nach dem Ende der Militärherrschaft wurde er 1999 Gouverneur der heute mehr als 20 Millionen Einwohner*innen zählenden Metropole. Seinen Anhänger*innen zufolge hat Tinubu dem einstigen Moloch ein neues Gesicht verpasst, Infrastruktur verbessert, Schnellbuslinien eingeführt, Behörden umstrukturiert und Mitarbeiter*innen, die es nicht gab, von der Gehaltsliste gestrichen.

Nach acht Jahren folgte ihm mit Babatunde Fashola einer seiner Vertrauten ins Gouverneursamt, was für Kontinuität sorgte und in Nigeria längst nicht üblich ist. Selbst Nachfolger*innen innerhalb der eigenen Partei führen sogar erfolgreiche Programme nicht unbedingt fort – nur um sich abzugrenzen.

Tinubu begeht mit der Aufstellung von Kashim Shettima als seinen Stellvertreter allerdings einen Tabubruch. Wie in den USA benennen Spitzenkandidat*innen vor Beginn des Wahlkampfs einen „running mate“. Shettima war Gouverneur des Bundesstaates Borno und ist ein Hausa aus dem Nordosten. Doch beide bekennen sich zum Islam. Dabei galt bisher die ungeschriebene Regel der großen Parteien, dass die Teams aus jeweils einem Christen und einem Muslim bestehen.

Nach acht Jahren Buhari-Herrschaft – der Heimatort des Muslims ist Daura an der Grenze zu Niger – wäre außerdem wieder ein Christ an der Reihe, so die Lesart vieler Christ*innen. Doch auch Atiku ist Muslim.

Matthew Hassan Kukah, katholischer Bischof von Sokoto, bezeichnete in einem Interview des Senders Channels TV Tinubus Entscheidung als einen Rückschritt für die Integration.

Strippenzieher im Hintergrund. Neue Impulse sind von beiden Spitzenkandidaten kaum zu erwarten. Für einen Wandel muss man auf nachfolgende Generationen hoffen. Die Juristin und Bildungsexpertin Ngunan Ioron Aloho, die sich für Geschlechtergerechtigkeit und bessere Chancen für Mädchen im ländlichen Nigeria einsetzt, sieht junge Generationen, die sich immer mehr politisieren: „Sie bringen sich stärker ein als je zuvor, beteiligen sich an den Kampagnen“, so die Gründerin der Samuel Ioron Foundation, die mehr Zugang für die Jugend in der Politik fordert (vgl. nebenstehendes Interview mit Ioron Aloho).

Hat die nigerianische Jugend hinter sich: Peter Obi, Präsidentschaftskandidat der Labour Party. © Temilade Adelaja / REUTERS / picturedesk.com

Tinubu und Atiku auf der anderen Seite mischen seit Jahrzehnten in der Politik mit. Ein typisch nigerianisches Phänomen? Während Politiker*innen anderswo vor allem ihre Söhne in einflussreiche Positionen bringen, damit diese einmal das Erbe antreten, recycelt sich die politische Elite in Nigeria selbst. Nach Jahren an der Macht agiert sie eine Weile im Hintergrund, um dann um einen höheren Posten zu kämpfen.

Seit dem Ende seiner zweiten Amtszeit als Gouverneur 2007 zog Tinubu als Pate von Lagos eifrig Strippen im Hintergrund und verhalf Buhari 2015 ins Amt. Auch dessen Vize, Yemi Osinbajo, baute er auf. Unter Tinubu als Gouverneur war der Rechtswissenschaftler Kommissar für Justiz. Osinbajo meldete seine Ansprüche auf die Buhari-Nachfolge spät an, kam an Tinubu aber nicht vorbei.

Zur selben Zeit wie Tinubu war Atiku Vizepräsident, zerstritt sich in der zweiten Amtszeit aber zunehmend mit dem damaligen Präsidenten Olusegun Obasanjo. Atiku ist wie Tinubu Unternehmer, im Ölsektor aktiv – Nigeria ist Afrikas größter Ölexporteur – und arbeitete zuvor außerdem lange für den Zoll. Erfahrungen mit Wahlkampf hat Atiku zahlreiche, bewirbt er sich doch zum sechsten Mal um das höchste Staatsamt. Diese Wahl ist möglicherweise tatsächlich die letzte für den mittlerweile 75-Jährigen.

Verlässliche Wahlumfragen gibt es nicht. Tinubu gilt allerdings als der bessere Netzwerker, und nach acht Jahren der Buhari-Herrschaft zumindest als jemand, der aus dem Süden stammt und Yoruba ist.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika und lebt in Cotonou/Benin und Abuja/Nigeria.

Haltung zahlt sich aus – danke!

Von Redaktion · · 2022/Sep-Okt

Der Traum von der grenzenlosen Welt hat sich ins Gegenteil verkehrt. Immer mehr Staaten haben in den vergangenen 30 Jahren massive Grenzbefestigungen errichtet. Wie konnte es dazu kommen?

Brauchen wir Menschen Grenzen? Einerseits geben sie Orientierung und Sicherheit. Andererseits wollen wir Grenzen überschreiten. Das kann man wiederum nur, wenn es Grenzen gibt. Manche träumen von totaler Offenheit: privat, sozial, politisch. In jeder Form von Gemeinschaft ist dies wohl eine Illusion, die der Realität nicht standhält. Grenzwerte bei Schadstoffen sollen uns schützen, Körpergrenzen die physische Integrität wahren.

Betrachtet man territoriale Grenzen, also jene zwischen Staaten oder Landesteilen, ordnen auch sie das Zusammenleben. Seit Menschen das nomadische Dasein aufgegeben und begonnen haben, sich niederzulassen, grenzen sie sich von anderen Gemeinschaften ab und manifestieren damit ihren Zusammenschluss.  

Eine Unterscheidung scheint jedoch immens wichtig: Grenzen sind nicht gleich Mauern. Grenzen regulieren den Durchlass. Mauern verbieten ihn. Mauern sind gleichsam die stärkste Form von Grenze im territorialen Bereich. Mauern sind erstarrte Grenzen.

Drinnen und draußen. Ursprünglich wurden Mauern zum Schutz errichtet. Denken wir an Hausmauern oder Stadtmauern. Gleichzeitig sollten sie Fremdes und Bedrohliches abwehren. Es hat nicht immer funktioniert. (Die Mauern des biblischen Jericho wurden allein durch den Schall von Trompeten zu Fall gebracht.)

Schon damals war die totale Absicherung durch Mauern eine Fiktion. Trotzdem ist ihre Symbolkraft geblieben. Der Wunsch nach einer Vereinfachung der Welt spielt mit: Wir drinnen – sie draußen. Hier das Vertraute – dort das Fremde. Hier die Sicherheit – dort die Bedrohung. Das Leben ist komplizierter, die Welt komplexer.

Vielleicht speist sich die Symbolik auch aus den historischen Vorbildern: die Chinesische Mauer als höchste, längste Grenzbefestigung mit ihrer über zweitausendjährigen Geschichte. Die römischen Grenzmauern, der Hadrians- und der Antoninuswall aus dem 2. Jahrhundert in Britannien oder der Limes, wie die Grenzsicherungssysteme des Römischen Reiches in Europa, Vorderasien und Nordafrika genannt werden.

Im Wechsel der Zeitläufte verändern sich Funktionen befestigter Grenzanlagen. Israels Zaun zur Halbinsel Sinai galt der Terrorbekämpfung. Heute soll sie den Zuzug von Afrikaner*innen unterbinden. Illegale Migration ist neben Abwehr von Waffen- und Drogenschmuggel, Terror und Menschenhandel die häufigste offizielle Begründung zur Errichtung von Grenzmauern.

Nach dem Kalten Krieg. Die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang stellen (neben den scharf kontrollierten Grenzanlagen zwischen Nord- und Südkorea) einen Sonderfall dar. Sie sollten nicht die anderen aus-, sondern die eigene Bevölkerung einsperren. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges wurde allgemein erwartet, dass der freizügige Grenzübertritt fortschreiten würde.

Das Gegenteil war der Fall. Immer mehr Territorien wurden mit immer höheren Mauern, Sicherheitszäunen aus Stacheldraht und hochtechnologischer Überwachung abgeriegelt. 1990 gab es rund 15 derartige Mauern, heute sind es nach einem Bericht des Transnational Institute (TNI) mit Sitz in Amsterdam über 70. Aneinandergereiht würden sie mit 41.000 km rund um den Globus reichen. 

Absperrungen wohin man blickt: Zahlreiche Mauern und Zäune wurden zwischen Ländern des Nahen Ostens errichtet, ebenso in Mittel- und Südasien oder im südlichen Afrika (siehe „Mauern und Zäune“).

Die Pläne sind weitreichend: Die USA, Israel, Indien, Saudi-Arabien und andere Länder wollen ihre gesamten Grenzverläufe befestigen.

„Festung Europa“. Der Schengenraum (22 der 27 EU-Mitgliedsstaaten, plus Norwegen, Island, Schweiz) zeichnet sich dadurch aus, dass zwischen den Staaten die Grenzen weitgehend offen stehen (zuletzt eingeschränkt durch die Corona-Pandemie) und die Mauern vor allem zur Abwehr von Migrant*innen an den Außengrenzen stetig wachsen und scharf kontrolliert werden. Dabei ist historisch interessant, dass die EU-Außengrenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina jahrhundertelang jene zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich war, mit „Wehrbauern“ und Wachsoldaten. Diese Grenze war auch ein „cordon sanitaire“ (Seuchengürtel) gegen die Pest, Quarantänebestimmungen inklusive, auch eine gewisse Parallele zu den Corona-Kontrollen der jüngsten Vergangenheit.

Besonders nach der Migrationskrise von 2015 hat sich der Mauerbau um die EU beschleunigt: Hightech-Barrieren an den Grenzen von Ungarn zu Serbien und zu Kroatien, von Griechenland zu Nordmazedonien und zur Türkei, zwischen Bulgarien und der Türkei. In Polen entsteht gerade ein fünfeinhalb Meter hoher, 186 km langer Sicherheitszaun samt Überwachungskameras an der Grenze zu Belarus.

Daneben wurden die virtuellen Mauern durch strengere Visa- und Einbürgerungsbestimmungen erhöht. Das Migration Policy Centre (MPC) in Brüssel stellte 2021 fest, dass in Europa sowohl die Öffentlichkeit als auch die Politik harten Grenzschutzmaßnahmen immer mehr zustimmt.

Eigentlich gibt die EU nicht direkt Geld zur Errichtung von Grenzanlagen aus. Sie unterstützt aber Länder bei ihrer Abwehr von Migration an den EU-Außengrenzen nach Kräften. Zuständig dafür ist die Europäische Agentur für Grenz- und Küstenwache, kurz Frontex, mit Sitz in Warschau und rund 1.000 Mitarbeiter*innen.

Verlagerte Routen. Erfüllt nun die Flut an Mauern ihre offiziellen Zwecke? Janet Napolitano, US-Ministerin für Innere Sicherheit zwischen 2009 und 2013 unter Barack Obama, meinte: „Für jede 50 Fuß hohe Mauer gibt es eine 51 Fuß hohe Leiter.“ Ohne Zweifel verhindern Mauern das Überschreiten von Grenzen nur bedingt. Je martialischer die Befestigung, umso wirkungsvoller die Abwehr. An bestimmten Routen sind die Grenzübertritte deutlich gesunken. Doch überall setzen Flüchtlinge ohne alternative Perspektiven wiederholt ihr Leben aufs Spiel, um an das anvisierte Ziel zu gelangen. Viele Tausende sterben, bevor sie es erreichen können. Auf jeden Fall leiten befestigte Grenzen Menschen um, Migrationsrouten verlagern sich. Fakt ist, dass die irreguläre Migration seit 2000 in allen Regionen der Welt trotz massiver Mauerbauten stark zugenommen hat. Auch der Drogen- und Waffenschmuggel sucht und findet mit hohem finanziellem Einsatz andere Kanäle für sein Geschäft.

Beseitigen können Mauern bilaterale Probleme nicht. Die meisten Fachleute sind der Meinung, dass Diplomatie sowie wirtschaftliche Reformen und Übereinkünfte effizienter wären. Häufig sind Mauern politische Vorzeigeprojekte, die Wähler*innen beeindrucken sollen. Die Bewegungen von Menschen und die Ströme von Waren in Zeiten der Globalisierung über Grenzen und Länder hinweg erfordern komplexere Strategien. Ganz zu schweigen von weltumspannenden Herausforderungen wie der Klimakrise oder einer Pandemie. Sie sind nicht durch Mauern, und seien sie noch so hoch und gut bewacht, sinnvoll zu beantworten. Ihre Lösung verlangt nach mehr Kreativität und Mut.

Brigitte Pilz ist freie Journalistin und Herausgebervertreterin des Südwind-Magazins.

Mauern und Zäune

Von Redaktion · · 2022/Sep-Okt

Was hinter der visuellen Abgrenzung und Sicherung durch überdimensionale Grenzmauern steckt, darüber spricht die Philosophin Christine Abbt im Interview.

Politiker*innen bieten Mauern gerne als Heilsversprechen an. Was macht Mauern so verlockend?

Viele Menschen verbinden Mauern zunächst einmal mit Schutz. Ohne Mauern, so der Eindruck, gibt es keinen Rückzugsort, keine Sicherheit vor Übergriffen. Das trifft in verschiedenen Kontexten sehr wohl zu. Allerdings wird es problematisch, wenn diese Vorstellung auf einen Staat übersetzt und eine Analogie zwischen privat und öffentlich hergestellt wird.

Das Versprechen von Mauern lautet: Wir schließen den Raum und dann kommt keiner mehr rein. Aber: Der Staat ist kein Klub und kein Privathaus. Was hier ausgehandelt wird, geht – wenn auch in unterschiedlichen Graden – alle an. Der Raum des Öffentlichen sollte Ort des intensiven Austausches sein – er endet nicht an der Landesgrenze.

Warum erleben wir gerade in Zeiten der Globalisierung und der digitalen Vernetzung eine globale Renaissance der Einmauerung?

Inwiefern dies mit Globalisierung und Digitalisierung zu tun hat, wird intensiv diskutiert und erforscht. Aktuelle Untersuchungen legen einen Zusammenhang nahe zwischen einer geschwächten staatlichen Souveränität und dem Wunsch nach Abgrenzung durch sichtbare Mauerbauten.

Die US-Politologin Wendy Brown beschreibt das ausführlich als Ausdruck des Niedergangs der staatlichen Souveränität. Mauern sollen Schutz darstellen, den sie aber immer weniger bereitstellen können. Eine ihrer Thesen: Viele der Probleme, die mit Mauern gelöst werden sollen, werden nicht behoben, sondern sogar verschärft.

Wachsen mit steigender Unsicherheit auch Ängste bei den Menschen?

Ein Problem von Mauern ist tatsächlich, dass sie nicht die Sicherheit bieten, die sie versprechen. Denn so fest und undurchlässig die Mauern sich sichtbar als Bauten manifestieren, verhindern sie doch weder illegalen Menschenhandel noch internationalen Steuerbetrug. Mit ihnen lässt sich auch nicht die Datensammlung durch globale Technologiefirmen stoppen, ganz zu schweigen von Krieg, Armut oder ökologischen Problemen.

Christine Abbt © Sabina Bobst

Christine Abbt ist Professorin für Politische Philosophie am Institut für Philosophie der Universität Graz. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit Fragen der Demokratietheorie, mit Prozessen sozialer In- und Exklusion sowie Migration.

 Aber: Wenn selbst die modernste Sicherheitstechnologie, das exklusivste Überwachungs-Know-how und die beste Grenzbefestigungsarchitektur uns nicht schützen können, was dann? Das muss uns ja Angst machen. Insofern nimmt die soziale und politische Verunsicherung durch Mauern längerfristig zu statt ab.

Mauern sortieren die Welt in draußen/drinnen, fremd/vertraut, arm/reich. Sie schreiben, dass dieses binäre Denken die Möglichkeiten von Teilhabe behindert statt fördert. Mit welchen Folgen?

Ein- und Ausgrenzung wird hier zur politischen Problemlösungsstrategie. Die mit dem Mauerbau eingeführte Trennung in ein absolut gesetztes „Wir“ gegenüber einem absolut gesetzten „Sie/die Anderen“ drängt das Verbindende und Gemeinsame aus dem Blick. Die Symbolik der Mauern steht quer zu dem, was über diese souveränen Staatsgebilde hinweg Bedeutung hat: die Menschenrechte.

Hüben wie drüben geht es um Menschen, die Teil einer und derselben Welt sind. Doch an diesen Grenzverläufen wird der ganz normale persönliche Kontakt mit den anderen Menschen verunmöglicht. Eine Folge zunehmender Abschottung ist die Unkenntnis des anderen – und damit die vertane Chance, diesen Raum gemeinsam zu gestalten und sozialen Austausch zu fördern.

Sehen Sie darin die Suche nach einfachen Lösungen des sehr komplexen menschlichen Zusammenlebens?

Grenzzäune zielen darauf ab, gesellschaftliche Komplexität zu reduzieren, indem sie die Freiheit zugunsten der Gleichheit einschränken: Pluralität soll limitiert, eine Homogenisierung in Bezug auf das Volk und seine Werte erreicht werden. Von einem demokratischen Standpunkt aus ist das zu problematisieren. Moderne Demokratien kennzeichnet, dass in ihnen Heterogenität bejaht wird und Gleichheit für alle gelten soll.

Inwiefern formen Mauern die Sichtweisen von Menschen?

Planung und Gestaltung von Räumen wirken auf die Lebewesen ein, die sie bewohnen. Es gibt architektonische Räume, die mir das Gefühl von Sicherheit geben, selbst wenn ich die anderen Menschen darin nicht kenne. Und es gibt Räume, die verunsichern. Entlang von Grenzverläufen entstehen Zwischenräume, die nicht anders genutzt werden als zur Überwachung. Es entstehen tote Gegenden. Auch das ist Verschwendung.

Die Wirkung von Grenzmauern ist also in vielerlei Hinsicht problematisch. Wer profitiert aber vom globalen Mauerbau?

Das ist sehr gut untersucht worden: Wirtschaftlichen Profit erzielen vor allem globale Firmen, die Grenzverläufe mit hochentwickelter Technologie sichern, die fortlaufend gewartet und perfektioniert werden muss. Diese privaten Unternehmen werden durch öffentliche Gelder finanziert, zahlen aber dort, wo sie bauen und überwachen, meist keine Steuern. In den vergangen zehn Jahren ist ein internationaler Markt für Mauerbauten entstanden, der nicht zuletzt die lokale Wirtschaft abgelöst hat. Und auch der Handel entlang von Grenzverläufen, also die Entwicklung von lokalen Wirtschaftsräumen, wird unterbunden.

Dabei gebe es genügend Herausforderungen, für die öffentliche Gelder dringend gebraucht werden. Denken wir an die Klimakrise, an Armut, fehlende Bildung …

Absolut. Für Mauerbauten und Abschottung werden Unsummen an öffentlichen Geldbeträgen aufgebracht. Der aktuell zwischen Polen und Belarus errichtete Stacheldrahtverhau ist 5,5 Meter hoch und mit Kameras und Bewegungsmeldern ausgerüstet. Für diese Grenzsicherung sind 366 Millionen Euro veranschlagt. Das hat sozialpolitische Konsequenzen, denn diese Millionen fehlen anderswo.

Sie werden jedenfalls nicht in die Unterstützung Benachteiligter, nicht für kulturelle oder intellektuelle Erneuerung, nicht für Räume der Begegnung und Aushandlung etwa über den Umgang mit Einwanderung investiert.

Fest steht: Diese Mauern sind in Bezug auf viele Probleme nutzlos, insofern das damit verbundene Versprechen nicht eingelöst werden kann, und sie verschlucken dennoch auf lange Zeit wahnsinnig viel Geld. Das einzugestehen ist eine politische Herkulesaufgabe.

Interview: Christine Tragler

Literatur-Tipp:
Wendy Brown: Mauern
Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018 (Erstauflage Original 2010, erweiterte Neuauflage 2017)
260 Seiten, € 28

Mauern ohne Sinn, ein Kommentar

Von Redaktion · · 2022/Sep-Okt

Ai Qing

Eine Mauer, wie ein Messer
Schneidet sie eine Stadt in zwei Stücke
Die eine Hälfte im Westen
Die andere Hälfte im Osten

Welche Höhe?
Welche Dicke?
Welche Länge hat die Mauer?
Auch wenn sie noch so hoch, noch so dick, noch so lang wäre
So könnte sie doch nicht höher, dicker und länger sein
Als die große chinesische Mauer
Ist sie doch auch nur ein historisches Relikt,
Wunde eines Volkes
Wer freute sich schon über solch eine Mauer?

Drei Meter hoch – was besagt das schon
Fünfzig Zentimeter dick – was besagt das schon
Fünfundvierzig Kilometer lang – was besagt das schon
Auch wenn sie tausendmal höher
Tausendmal dicker
Und tausendmal länger wäre
Wie könnte sie hemmen
Die Wolken am Himmel, den Wind und Sonnenschein?

Und wie könnte sie hemmen
Der Vögel Flug, der Nachtigall Gesang?

Und wie könnte sie hemmen
Fließendes Wasser und Luft?

Wie auch könnte sie hemmen
Der Millionen Menschen
Gedanken freier als der Wind?
Willen tiefer als die Erde?
Wünsche endloser als die Zeit?

Ai Qing, Vater des Künstlers Ai Weiwei, war ein berühmter chinesischer Dichter, der unter Mao Zedong 1958 in Ungnade fiel und 17 Jahre lang in der Verbannung in Xinjiang Latrinen putzen musste. Ende der 1970er Jahre wurde er rehabilitiert und reiste als Mitglied einer Delegation durch Westeuropa. In Berlin entstand am 22. Mai 1979 sein Mauer-Gedicht, das in der „Chinesischen Volkszeitung“ veröffentlicht wurde und ihm wiederum Ärger einbrachte. Übersetzt wurde es von Brunhild Staiger und erschien auf Deutsch erstmals in der Zeitschrift „China aktuell“ (Institut für Asienkunde, Hamburg) im August 1979.

Stefan Grasgruber-Kerl zum Lieferkettengesetz

Von Redaktion · · 2022/Sep-Okt

Laufend für eine offene Flüchtlingspolitik

Durch den Kurpark Oberlaa

Schon zum fünften Mal gibt die Asylkoordination Österreich den Startschuss für all jene, die laufbegeistert sind und/oder sich für das Recht auf Asyl und eine faire, menschliche Behandlung von Geflüchteten stark machen wollen: Am 25. September lädt sie zur Jubiläumsausgabe des „Lebenslaufs“ in den Kurpark Oberlaa in Wien. Die verschiedenen Wettbewerbe heuer: Kinderlauf (1 km), Hauptlauf, 3er-Teamlauf und Nordic Walking (je 5 km).

Infos und Anmeldung (bis 18. September): lebens-lauf.at

Ökosysteme erhalten!

Digital/am Land

Verschiedenste Bildungsmaterialien zum Ziel 15 der SDGs – dem Schutz und Erhalt der Landökosysteme – bietet die digitale Plattform Bildung 2030, ein Gemeinschaftsprojekt von Baobab, Forum Umweltbildung, KommEnt, Südwind und Welthaus Graz.

Zu finden sind u. a. Workshops, Broschüren und Podcasts für den Unterricht in unterschiedlichen Fächern und Schulstufen.

Mehr Info: bildung2030.at

Klimafreundlich weiterkommen

Quer durch Österreich

Was wäre wenn … die Straßen frei von Autos wären? Einen Eindruck davon kann man am Aktionstag, den 22. September, gewinnen – z. B. im oberösterreichischen Wilhering. Dort findet eine von zahlreichen Veranstaltungen anlässlich der europäischen Mobilitätswoche von 16. bis 22. September statt. Koordiniert wird diese vom Klimabündnis Österreich. Das Ziel: die Vorzüge einer autofreien Umwelt erlebbar zu machen.

Terminkalender und Infos: www.mobilitaetswoche.at

Nachhaltige Urbanisierung

Im Wiener Rathaus

Im Rahmen der Tagung „Nachhaltige Entwicklung findet Stadt“, die in Kooperation mit Südwind Wien organisiert wird, können am 21. Oktober im Wappensaal des Wiener Rathauses Interessierte mit internationalen Expert*innen die Herausforderungen und Chancen diskutieren, die das UN-Nachhaltigkeitsziel SDG 11, Nachhaltige Städte und Gemeinden, mit sich bringt.

Infos und Anmeldung: olivia.tischler@suedwind.at

Geschmackswelten: Kraut mit Kraft

Von Redaktion · · 2022/Sep-Okt

Das Online-Medium „Perspective Daily“ berichtet Positives – und wurde gerettet.

Starke unabhängige Medien sind derzeit wichtiger denn je. Und es muss mehr geben als Nachrichten nach der alten Formel „Good news are bad news“. Medien erwarten sich höhere Reichweiten und mehr Klicks durch Dramen, Schreckensmeldungen und Skandale. In Zeiten von Ukraine-Krieg, Inflation und Demokratie unter Druck kann das fatal sein, sprich gefährliche politische, antidemokratische Entwicklungen fördern.

Was jetzt nötig ist, das sind sachliche Bestandsaufnahmen sowie Lösungsansätze. Und für die Menschen selbst nicht immer nur Horrornachrichten. Es gibt auch Positives zu berichten!

Tägliche Dosis. Dass das nicht immer einfach ist, das wissen auch wir beim Südwind-Magazin. Journalismus muss dorthin schauen, wo etwas nicht funktioniert und es Handlungsbedarf gibt. Der Globale Süden hat viele Herausforderungen, wir versuchen daher immer, die Berichterstattung ausgewogen zu halten.

Das deutsche Online-Medium „Perspective Daily“ hat sich „positiven News“ und konstruktivem Journalismus besonders stark verschrieben: Das 2016 gestartete Projekt will laufend Visionen und Lösungen diskutieren. Etwa mit Beiträgen, die mit dem Mythos Überbevölkerung aufräumen oder erklären, warum Verschwörungstheorien so beliebt sind.

Finanziert wird das v. a. durch zahlende Mitglieder (79 Euro/Jahr). Doch durch die Pandemie wurde es schwierig: „Im vergangenen Jahr, Jahr zwei der Pandemie, schrumpfte die Zahl der Mitglieder stark“, erklärt Katharina Wiegmann, die die Redaktion leitet.

Im Sommer rief man deshalb zu einer Rettungsaktion auf. 2.000 neue Mitglieder wollte Perspective Daily sammeln, und das Ziel konnte im zweiten Anlauf erreicht werden! sol

Willkommen in Utopia

Von Redaktion · · 2022/Sep-Okt

Im Nordosten Nepals, am Fuße des Mount Everest, zeigen sich Klimaveränderungen eklatant: Im Himalaya steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Ein Lokalaugenschein.

Dass Ang Dorje Sherpa am Gipfel des Mount Everest war, ist schon über dreißig Jahre her. Der Sherpa aus dem Khumbu, der Region am Fuße des höchsten Bergs der Welt, war anno dazumal gefragter Höhenguide. Wie so viele in der Region war er zigmal oben. Damals war die Welt dort eine andere, erzählt er.

Der große Mann mit den bereits ergrauten Haaren sitzt in einer Lodge in Namche Bazaar. Das ist die letzte große Siedlung, auf rund 3.500 Metern gelegen, bevor die raue Natur des Himalaya die Oberhand gewinnt: Schier ewige Täler, überdimensionale Berge – und so viel Eis und Schnee, wie das Auge kaum sonst wo sieht.

Der Khumbu-Gletscher, über den es auf den Everest geht, war damals viel größer, erinnert sich Ang Dorje. Früher gab es sieben Camps vom Basislager bis zum Gipfel, heute sind es nur noch vier. Die umliegenden Berge waren damals alle schneeweiß, egal ob 8.000er oder „nur“ 6.000er.

Heute zeigt sich oft der nackte Fels, so mancher Himalaya-Gipfel ist im Sommer schwarz. Denn der viele Schnee verschwindet sukzessive. Das hat Ang Dorje seit Jahren vor Augen, und Hüttenbesitzerinnen, Träger, Bergführer oder Yaktreiber in der Region teilen seine Beobachtungen.

Rasante Gletscherschmelze. Studien bestätigen, was die Menschen am Everest seit Jahren beobachten: Die Gletscher schmelzen rasant, die Temperaturen im Himalaya steigen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.

Die Auswirkungen sind nicht nur lokal verheerend. Am „dritten Pol“ sind fast 15 Prozent der weltweiten Wassermassen gespeichert, viele der großen Flüsse Asiens entspringen im höchsten Gebirge der Erde: Und was da am Dach der Welt passiert, betrifft direkt und indirekt Millionen von Menschen in Indien, Pakistan oder Bangladesch.

Um die überregionalen Zusammenhänge zu verstehen, formieren sich immer mehr Initiativen, die über den eigenen Tellerrand blicken: Erstmals fand im vergangenen Frühling das „Himalayan Climate Bootcamp“ statt, bei dem Journalist*innen aus Nepal, Indien und Bangladesch in Namche Bazaar zusammenkamen.

Es sei wichtig, Netzwerke in Südasien zu schmieden, um der Klimakrise gemeinsam zu begegnen, erklärt Organisator Chhatra Karki. Im Khumbu wird klar, dass es kein Luxus ist, sich Gedanken über die Klimakrise zu machen, sondern dringende Notwendigkeit.

Auch die überregionale Organisation ICIMOD (International Centre for Integrated Mountain Development) veranstaltete im Mai ein Training für Journalist*innen aus den Himalaya-Ländern. Die NGO „The Third Pole“ bietet so ein Training im Herbst an. Es geht dabei darum, die Expertise, die vor Ort oft bereits vorhanden ist, auch medial verstärkt zu kommunizieren.

Aktiv gegen Müll. Die Region ist aufgrund der Nähe zum höchsten Berg der Welt eines der beliebtesten Reiseziele weltweit. Tausende Menschen strömen jährlich in das berühmte Tal, gehen alleine oder mit Sherpas den rund zweiwöchigen Trampelpfad zum Everest-Basislager und zurück.

Ang Dorje ist seit zehn Jahren Vorstand des lokalen Sagarmatha Pollution Control Committee. Das wurde Anfang der 1990er gegründet, um die Probleme mit dem zurückgelassenen Müll in den Griff zu bekommen.

Alleine 2021, noch mitten in der Covid-Krise, brachte die Organisation 22 Tonnen menschliche Exkremente aus dem Basislager vom Berg. Etwa genauso viel wurde an brennbarem Müll eingesammelt.

Trotz der gewaltigen Menge funktioniert das Müllmanagement im Khumbu ziemlich gut. Noch auf 5.300 Meter wurden Mülltonnen errichtet. Doch während die Sherpas jahrelang das Müllsystem entwickelten, baute sich eine ganz andere Katastrophe auf, die nicht lokal zu bewältigen ist.

Bedrohliche Seen. Am Imja-See, rund einen Tagesmarsch entfernt vom Trampelpfad zum Basislager, auf über 5.000 Meter Seehöhe, fällt das Atmen schwer. Mehrere Stunden geht man von der letzten Hütte hier hinauf durch das fast menschenleere Imja-Tal, um zu dem See zu gelangen. Es ist kein klarer Bergsee, sondern eine braun-grün-graue, riesige Lacke, die sich über Geröll, Stein und schmutzigen Schnee ergossen hat.

Noch vor 50 Jahren gab es den Imja-See gar nicht. Da weideten früher Hirten ihre Yaks. Innerhalb weniger Dekaden verwandelte er sich in eine riesige Zeitbombe: Denn der Gletschersee wuchs beständig, sein natürlicher Damm drohte jederzeit zu bersten.

2016 hat die nepalesische Armee schließlich einen Kanal gebaut und ihn um fast vier Meter abgelassen. Der Kanal reguliert bis heute seinen Stand – zumindest hier, in der Nähe des Khumbu-Tals, ist die Katastrophe abgewandt. Aber: Im Himalaya gibt es viele solcher Seen.

Große Veränderungen. Wieder drei Tage Fußmarsch weiter, Richtung Basislager, sitzt der 53-jährige Kazi Bista im kleinen Cafe der „Pyramide“, einer Forschungseinrichtung auf ebenfalls rund 5.000 Meter Seehöhe. „Unsere Berge sind unsere Wassertanks“, sagt er. „Sie sind unser Leben.“ In der Küche werden das Nudelgericht Chowmien, die Linsensuppe Dal Bhat und Tee zubereitet. In der Ecke sitzt ein Gletscherforscher, der bald aufbrechen wird, um in der Nähe des Gipfels des Everest für die National Geographic Society eine Wetterstation zu installieren. Auch einige Trekker*innen haben hier Unterschlupf gefunden. Die Pyramide ist nur fünfzehn Minuten vom Hauptweg entfernt.

Bista ist Techniker und Manager der Forschungseinrichtung, oft ist er ganz alleine hier oben, und das seit 2006. Seit den 1990ern nehmen die Messgeräte von Kazi Bista alle zehn Minuten Daten auf: Temperatur, Niederschlag oder Luftdruck. Vor 30 Jahren haben sie noch 80 cm Schnee im Winter gemessen. 2019 waren es gerade einmal sechs.

„Dieses Jahr ist wieder etwas besser“, Bista zeigt beim Fenster hinaus, es herrscht dichtes Schneetreiben. 33 Zentimeter, immerhin. Doch seine Daten zeigen, dass die Gegend am Austrocknen ist.

 „Die Menschen werden um Wasser streiten“, sagt Bista. 2019 war es schon einmal so weit. Damals ging den Bewohner*innen von Lobuche, einer kleiner Siedlung, nur eine Stunde weiter unterhalb der „Pyramide“, das Trinkwasser aus.

Hier oben gab es früher drei Seen. Heute sind es nur noch zwei.

Weltweite Dimensionen. Im Khumbu sind die Auswirkungen der Klimakrise deutlich sichtbar. Die Erderwärmung sei vor allem von großen, reichen Ländern zu verantworten, meint Ang Dorje – Indien, China, die westlichen Industrienationen.

Für den Klimagipfel in Glasgow 2021 haben sich Länder, die besonders von der Klimakrise betroffen sind, zusammengetan, um mehr Gewicht gegenüber Industrienationen zu haben. Auch beim nächsten Gipfel soll wieder gemeinsam Druck gemacht werden, erzählt Bista über die Kampagne, die von der grenzübergreifenden Organisation ICIMOD initiiert wurde. Es sei zwar der Berg der Menschen in der Region, das Problem aber eben ein globales, meint Bista und fügt hinzu: „Die müssen uns helfen.“

Anna Sawerthal ist Redakteurin bei der Tageszeitung Standard im Ressort Außenpolitik. Vor kurzem hat sie auf eigene Initiative hin am ersten „Himalayan Climate Bootcamp“ in der Everest-Region teilgenommen.

Politische Wende in Kolumbien

Von Redaktion · · 2022/Sep-Okt

Die schiitisch geprägten Hazara im Bamiyan-Tal hegen große Abneigung gegenüber den seit einem Jahr herrschenden Taliban. Von den vorigen Macht-habern fühlen sie sich im Stich gelassen.

Hassan Fasihi sagt es voller Stolz, während er Shorwa, afghanischen Eintopf, serviert: „Bamiyan hat die besten Kartoffeln!“ Das Gericht gehört zu den bekanntesten der afghanischen Küche und besteht aus Hammelfleisch, mehreren Gemüsesorten und einer gehörigen Portion Brot, die in die Brühe getunkt wird. Die Erdäpfel sind hier in Bamiyan in Zentralafghanistan nicht nur größer als anderswo in Afghanistan, sondern auch besonders geschmackvoll. Sie werden in der ganzen Provinz angebaut.

Fasihi ist seit Jahren für die Aga-Khan-Stiftung, eine internationale NGO tätig. An diesem Tag im späten Frühling äußert er die Hoffnung, dass die Erdäpfel eines Tages ins Ausland exportiert werden.

Sein Optimismus vergeht allerdings, sobald es um die Machthaber geht. Wie das ganze Land wird auch diese Region seit einem Jahr von den militant-islamistischen Taliban regiert. Im August 2021 zogen die NATO-Truppen aus Afghanistan ab.

Bereits in den Wochen davor hatte sich der Vormarsch der Taliban, die immer mehr Distrikte eroberten, abgezeichnet.

Viel Leid. In Bamiyan haben die Extremisten der Zivilbevölkerung besonders viel Leid zugefügt. Denn bis heute wird sie mehrheitlich von Angehörigen der Hazara, der drittgrößten Ethnie Afghanistans, bewohnt. Im Gegensatz zu den sunnitischen Taliban sind die meisten Hazara Anhänger*innen des schiitischen Islam. Viele von ihnen gehörten einst Fraktionen an, die die Taliban bekämpften, etwa der im August 2021 gestürzten republikanischen Armee oder Hazara-Milizen.

Von Taliban und IS bedroht

Die Hazara sind eine mehrheitlich schiitische Minderheit in Afghanistan. Ihre Geschichte ist geprägt von Rassismus, Verfolgung und Genozid.  In den vergangenen zwanzig Jahren hat in Österreich die Anzahl der Geflüchteten mit Hazara-Hintergrund stark zugenommen. Viele von ihnen wurden von den Taliban bedroht oder vom sogenanten Islamischen Staat, der sie gezielt jagt. Schätzungen zufolge leben mindestens 22.000 Hazara hierzulande. Wie anderswo in der Diaspora hat auch die Hazara-Community hier ihre eigenen Kulturzentren und Moschee-Gemeinden.  E. F.

Die wohl bekannteste Miliz wurde in den 1980er und 1990er Jahren von Abdul Ali Mazari geführt, für dessen Tod im Jahr 1995 die Taliban verantwortlich gemacht werden. Aufgrund des schiitischen Glaubens der Hazara pflegte diese Miliz besonders enge Kontakte zum Iran. Wie die meisten anderen Gruppierungen waren auch die Milizen von Mazari während des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Vielen Hazara gilt er dennoch nicht nur als Kriegsherr, sondern auch als Held, der für ihre politische Repräsentation gekämpft hat.

Aus Stein gemeißelter Koran. Deshalb stand auf dem Hauptplatz von Bamiyan-Stadt bis zur Rückkehr der Taliban eine Statue Mazaris. Dann verschwand sie praktisch über Nacht und wurde von den Taliban durch einen aus Stein gemeißelten Koran ersetzt. „Wir sind Muslime. Niemand von uns kann etwas gegen den Koran sagen. Das wissen die Taliban auch. Aber natürlich gefällt es den Menschen hier nicht, wenn mit Mazari so umgegangen wird“, erklärt Fasihi.

Sechs natürliche Stauseen formen die Band-e-Amir-Seenkette auf über 3.000 Meter Höhe. Sie sind für Tourist*innen aus dem In- und Ausland eine Attraktion. © Emran Feroz

Nach dem Abzug der westlichen Soldaten und dem Zerfall der afghanischen Armee und Polizei vergangenen Sommer nahmen die Taliban auch Bamiyan ein. Die Extremisten, die mehrheitlich zur Volksgruppe der Paschtunen gehören, setzten in dieser Region auch auf örtliche Verbündete.

Deshalb lassen sich in Bamiyan unter anderem auch Hazara unter den Taliban finden – was diese propagandistisch ausnutzen, um sich als „inklusiv“ darzustellen.

NordNordWest / SWM / CC BY-SA 3.0

Der afghanische Politologe Niamatullah Ibrahimi erläutert die Strategie, die er dahinter erkennt: „Die Taliban suchen sich meist örtliche Verbündete, die von weiten Teilen der Bevölkerung verachtet und als eine Art Aussätzige behandelt werden. Diese Konflikte werden dann von den Taliban instrumentalisiert.“

Frische und alte Traumata. Ibrahimi beschäftigt sich seit Jahren mit der Situation der Hazara in Afghanistan und lehrt gegenwärtig an der La Trobe University in Australien. Wie er berichtet, sind viele Hazara nach wie vor von Gräueltaten der Taliban in den 1990er und frühen 2000er Jahren traumatisiert.

Zum Beispiel begingen die Taliban im Jänner 2001 in Bamiyan ein Massaker an der Zivilbevölkerung mit hunderten Todesopfern. Die Überreste des Marktes von Yakawlang, den sie dabei niederbrannten, sind bis heute sichtbar.

Angst und Abneigung gegenüber den Taliban seien deshalb weiterhin verbreitet. „Jetzt sind sie hier und wir können daran nichts ändern“, sagt Fasihi dazu nur knapp. Die Einwohner*innen der Provinz seien gezwungen, mit den neuen Tatsachen zu leben. Immerhin gebe es weniger Probleme mit den Taliban als anfangs gedacht.

Die größte Herausforderung sei die Armut: „Die Menschen hier waren schon immer arm. Nun sind sie noch ärmer. Hazara-Gebiete wurden in den vergangenen Jahren systematisch benachteiligt. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, erzählt er.

Internationale Gelder und Hilfsgüter würden schon lange nicht mehr in die Region gelangen. Der vorherigen Regierung des im August 2021 geflüchteten Ex-Präsidenten Ashraf Ghani wurde vorgeworfen, Bamiyan aufgrund von Ethnonationalismus zu benachteiligen. Wichtige Infrastrukturprojekte wurden in der Provinz kaum durchgeführt.

Die Aga-Khan-Stiftung, für die Fasihi arbeitet, gehört zu den wenigen NGOs, die weiterhin in Bamiyan tätig sind. „Ich werde mit meiner Familie hierbleiben und schauen, wie sich die Situation entwickelt“, resümiert er. Doch viele seiner Kolleg*innen sind bereits geflüchtet oder haben zumindest vor, sich in naher Zukunft ins Ausland abzusetzen.

Der Einheimische Mohammad Hossain besucht mit seiner Familie einen Schrein in der Nähe der Seen. © Emran Feroz

Sightseeing. Das Wahrzeichen Bamiyans sind die legendären Buddhas, die im 6. Jahrhundert errichtet wurden. Das Tal war damals geprägt von buddhistischer Kultur, bevor es islamisiert wurde.

Wenige Monate vor dem Fall ihres Regimes im Jahr 2001 zerstörten die Taliban diese Statuen im Tal. Doch fanatische Herrscher vergingen sich bereits lange vor den Taliban an den Buddhas. Bekannt hierfür war etwa Emir Abdur Rahman Khan. Er übte gegen Ende des 20. Jahrhunderts auch einen Genozid gegen die Hazara aus, was die Volksgruppe bis heute traumatisiert hat.

Vom Weltkulturerbe sind nur Reste geblieben. Danach wurden mehrere Versuche unternommen, sie zu restaurieren. Gleichzeitig besuchten nicht nur zahlreiche Archäolog*innen und Historiker*innen Bamiyan, sondern auch inländische und ausländische Tourist*innen. In dieser Zeit schossen Hotels und Gaststätten aus dem Boden.

Zu den bekanntesten Attraktionen zählten die Überreste der Buddhas, deren Höhlenräume weiterhin zugänglich waren, und auch die legendären Band-e-Amir-Seen, die rund drei Autostunden entfernt von Bamiyan-Stadt liegen.

Während der Tourismus in Bamiyan lange brachlag, noch bis in den Frühling, boomt er mittlerweile wieder. In mehreren Wochen haben Zehntausende aus anderen Regionen Afghanistans die Seen von Band-e-Amir und die Buddhas besucht.

Vor den Sehenswürdigkeiten patrouillieren ihre einstigen Zerstörer, sprich: die Taliban. „Wir machen nur, was uns aufgetragen wurde“, sagt ein Taliban-Kämpfer vor Ort. Er verkauft Eintrittskarten an Tourist*innen, trägt eine Pelzmütze und eine Kalaschnikow.

Im Stich gelassen. Zur Abneigung gegenüber den Taliban kommt die Wut der Bewohner*innen der Region auf jene, die bis 2021 an der Macht waren. Führende Warlords und Hazara-Persönlichkeiten wie Mohammad Mohaqiq und Ex-Vizepräsident Karim Khalili haben frühzeitig das Land verlassen, ähnlich wie Präsident Ashraf Ghani. Der hat sich ins benachbarte Tadschikistan abgesetzt, bevor die Taliban in die Hauptstadt einfielen.

Bei manchen führt das dazu, sich mit dem aktuellen Regime arrangieren zu können: „Zur Hölle mit ihnen“, sagt etwa Mohammad Hossain zu den vormaligen Machthabern.

„Ihre Masken sind gefallen und sie sind weg. Das ist gut!“ Gemeinsam mit seiner Familie hat er, der nur wenige Kilometer entfernt wohnt, einen Schrein nahe den Seen von Band-e-Amir besucht.

Mit den Taliban hat Hossain keine Probleme, wie er sagt. Er bekommt sie kaum zu Gesicht. Bisher hätten sie sein abgelegenes Dorf erst einmal aufgesucht. „Das ist sogar für sie zu weit“, sagt Hossain lächelnd.

Emran Feroz ist österreichischer Journalist und Autor mit afghanischen Wurzeln. Zu Recherchen war er zuletzt im März und April in Afghanistan.

Warum es indigene akademische Lehre braucht

Von Redaktion · ·

„Man muss das Leben tanzen“, soll schon der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche gewusst haben. Tanz ist von uns Menschen nicht wegzudenken. Jede Kultur hat ihre eigenen Formen und Varianten. Bei wichtigen Anlässen wie Geburt, Hochzeit, Ernte oder Tod wird getanzt und Gemeinschaft sowie Zugehörigkeit gefeiert.

Auch im Alltag schwingen viele gerne das Tanzbein: ob ekstatisch in der Disco und auf der Party, elegant im Ballsaal, unbeobachtet unter der Dusche oder beim Kochen, beschwingt im Regen oder frisch verliebt. Der Vielfältigkeit von Tanz widmet sich dieses Dossier. Auf den folgenden Seiten geht es um die politische Kraft, die er entwickeln kann, die positiven körperlichen und mentalen Aspekte, das Kulturgut weltweit – sowie darum, wie man gesellschaftliche Herausforderungen mit Rhythmus vor den Vorhang bringt.

28        Körper & Geist: Was Tanzen mit uns macht

31        Drill, Rituale, Protest: Warum Tanz politisch ist

34        Wissenswertes: Eine bewegte Reise um die Welt

36        Fusion: Afrikanischer Tanz trifft auf Ballett

Redaktion: Milena Österreicher

Milena Österreicher ist freie Journalistin und begeisterte Tänzerin – besonders kubanischer Tänze. Sie unterrichtet bei „cubaila viena“.

Lesestoff: Im Bilde

Von Redaktion · · 2022/Jul-Aug

Über seine Erfahrungen mit und Beobachtungen in dem vielseitigen Land spricht der Autor und „Wahl-Inder“ Martin Kämpchen.

Was hat sich in den vergangenen 50 Jahren, in denen Sie in Indien leben, Ihrer Meinung nach am stärksten verändert?

Alles, was als Folge der Verdoppelung der Bevölkerung auf 1,4 Milliarden Menschen gesehen werden kann. Da ist z. B. die Infrastruktur hinter den Anforderungen zurückgeblieben, weil man es nicht geschafft hat, diese im entsprechenden Tempo auszubauen.

Dass bei diesem Versuch die Ansprüche der Ästhetik auf der Strecke geblieben sind, mag zweitrangig sein, aber es ist sichtbar. So wie die Bulldozer, die zum Symbol für die Einebnung von Slums geworden sind, um dort große Mietshäuser für die Mittelschicht zu bauen.

Gleichzeitig muss man sagen, dass sich der Lebensstandard in den ländlichen Gebieten zum Teil sogar sehr verbessert hat. Die moralische Entwicklung in der Politik jedoch ist besorgniserregend.

Indien ist seit 1949 die größte Demokratie der Welt und eine säkulare Republik. In den vergangenen Jahren, insbesondere mit dem Amtsantritt Premierminister Narendra Modis im Jahr 2014, setzte sich zunehmend ein Hindunationalismus durch, der u. a. autoritär und antimuslimisch ist. Was steckt hinter dieser Tendenz?

Der Hinduismus an sich wurde als soziale Kraft außerhalb Indiens und von den Briten als Kolonialmacht immer unterbewertet. Dazu hat sich eine Gegenbewegung gebildet, die versucht, diese Unterbewertung rückgängig zu machen. Was aus diesem Anspruch von Modis rechter Partei Bharatiya Janata Party, der BJP, gemacht wird, ist eine Tragödie.

Generell finde ich Nationalismen überholt. Ich wünsche mir eine weltoffene Gesellschaft in einem globalisierten, wirtschaftlichen und sozialen Rahmen. Und dazu wäre der Hinduismus eigentlich prädestiniert, weil er auf Pluralismus und Inklusion angelegt ist. Er wäre eine Chance für ein friedliches Zusammenleben, aber genau das wird von der führenden politischen Klasse ins Gegenteil verkehrt.

Martin Kämpchen wurde 1948 in Deutschland geboren und lebt seit rund 50 Jahren in Indien, im Bundestaat Westbengalen. Anlässlich seines 75. Geburtstags hat der Germanist, Religionswissenschaftler, Autor, Übersetzer des bengalischen Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore und Journalist seine Autobiografie geschrieben, in der er sich stark für einen interkulturellen und interreligiösen Dialog und für soziale Projekte in Indien einsetzt.

Martin Kämpchen: Mein Leben in Indien. Zwischen den Kulturen zu Hause. Patmos Verlag, Mannheim 2022, 480 Seiten, € 32,90

Warum aber kann Modis Partei weiterhin, wie zuletzt im März bei den Regionalwahlen in fünf Bundesstaaten, Erfolge einfahren?

Den Menschen in den ärmeren Schichten geht es weniger um den Hindunationalismus, den die Partei sich auf die Fahnen schreibt, als um den Wunsch nach besserem Lebensstandard und nach wirtschaftlichem Fortschritt.

Viele sehen in Modi den starken Mann, den er stets darstellen will, und sie wählen ihn, obwohl er bis dato wirtschaftspolitisch nur wenige wesentliche Erfolge erzielt hat.

Wie groß ist die Gefahr dieser Politik für die Demokratie in Indien?

Eine Gesellschaft, die so hierarchisch aufgebaut ist wie die indische, hat es schwer, den Geist der Demokratie zu verwirklichen. Ich denke, sie muss sich auch in den Herzen festsetzen, um wirken zu können. Es muss allen, die demokratisch wählen, wichtig sein, dass auch die am wenigsten verdienenden Menschen ihr Auskommen finden und z. B. die Tagelöhner eine Krankenversorgung haben.

Ich glaube, dass Indien seit 75 Jahren formal in Richtung einer demokratischen Gesellschaft geht, aber von deren Verwirklichung noch ein Stück weit entfernt ist.

Worin sehen Sie die größte Chance für die Menschen in Indien?

Tatsächlich herrscht eine demokratische Atmosphäre in der kleinsten sozialen Einheit, der Familie, vor – nämlich in dem Sinne, dass sich da weitestgehend alle für das Auskommen aller anderen Mitglieder verantwortlich fühlen.

Gelänge es, diesen Aspekt auf eine höhere gesellschaftliche Ebene zu transferieren, dann hätten wir eine Chance, eine Solidargemeinschaft und ein umfassendes demokratisches Verständnis zu schaffen.

Und was sind die größten Herausforderungen für das Land?

Die Politik muss auch auf regionaler Ebene mehr soziale Gesinnung entfalten, das heißt, sich um die ärmeren Schichten kümmern. Wir brauchen heute in Indien eine offene, liberale Gesellschaft, die bereit ist, sich dynamisch zu entwickeln und dabei Hindernisse, etwa das Kastenwesen und die starre Hierarchie, zu überwinden. Indien soll dabei stolz auf seine Pluralität sein, die das Land so markant macht, und sie fördern.

Sie sind in Deutschland aufgewachsen und haben in Wien studiert. Mit 24, im Jahr 1973, sind Sie nach Indien gegangen und leben dort nun seit fast 50 Jahren. Wo fühlen Sie sich daheim?

Tatsächlich ist Wien die Großstadt, in der ich mich am wohlsten fühle – wegen der Musik, den Theatern und guten Buchhandlungen. Ich bin in einer Kleinstadt am Rhein geboren und lebe die längste Zeit meines Lebens gerne in Indien auf dem Land, aber in Wien fühle ich mich heimisch.

Gibt es etwas, wovon Sie dachten, dass Sie sich in Indien nie daran gewöhnen könnten und es doch getan haben?

Ich will die Frage umformulieren. Woran ich mich bisher nicht gewöhnen konnte, womit ich mich aber arrangieren musste, ist zum einen der starke Glaube an Hierarchien, der in der indischen Gesellschaft dominiert: Das drückt sich noch immer im Kastenwesen aus, auch wenn dieses in vielen Bereichen schon aufgebrochen wurde, zum Beispiel in den Städten.

Zum anderen werden in der indischen Gesellschaft den Älteren unhinterfragt Weisheit und Macht zugeschrieben. Ich sehe aber nicht, dass die Alten automatisch die klügsten sind.

Und zum Dritten ist da die Unterwürfigkeit gegenüber Menschen in gesellschaftlichen Positionen. In meinem Alltag versuche ich das anders zu leben, z.B. behandle ich meinen langjährigen Koch wie einen Sohn. Wir trinken gemeinsam Kaffee und essen zusammen zu Mittag.

Es hat aber gedauert, bis er das akzeptierte und viele meiner Bekannten auf der Universität finden das weniger gut. 

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie: „Je mehr man von diesem Land erlebt, desto komplexer, widersprüchlicher wird es. Jede stimmige Aussage ist, ins Gegenteil gekehrt, ebenso richtig.“ Wie leben Sie damit?

In Indien kursiert eine Anekdote, wonach ein ausländischer Journalist eine Woche Indien bereiste und, überschäumend vor Begeisterung, ein Buch schrieb. Ein zweiter reiste zwei Monate und rang sich eine zehnseitige Reportage ab. Ein dritter blieb ein Jahr und klappte danach seinen Laptop zu, denn er brachte keinen passenden Satz über Indien zustande.

Ich schreibe auch nicht über das „eine“ Indien, denn das ist mir aufgrund der Pluralität und der Widersprüchlichkeiten nicht möglich. Aber ich habe meine Autobiografie geschrieben. Über meine eigenen Erfahrungen und Eindrücke kann ich schreiben und anderen zeigen, wie ich Indien wahrnehme.

Die Widersprüchlichkeiten habe ich gelernt zu akzeptieren. Natürlich bilde ich mir Meinungen und Urteile über Indien, aber ich will sie nicht als endgültig betrachten und auch anderen nicht verwehren, sie zu ändern. Ich möchte immer in einem Prozess der Meinungsbildung sein.

Interview: Christina Schröder.

Afghanistans Frauen brauchen mehr Engagement

Von Redaktion · · 2022/Jul-Aug

Die aktuellen Nahrungsmittelengpässe wegen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine illustriert Derkaoui Abdellah (52) mit dieser Zeichnung.

Seit 1992 arbeitet der Marokkaner als Karikaturist bei Tageszeitungen sowie als Illustrator für Kindermagazine. Er konnte mit seinen Werken schon einige internationale Preise gewinnen.

E-Mail aus: Ghana

Von Redaktion · · 2022/Jul-Aug

Schon früh trat er für die afrikanische Emanzipation ein: Edward Wilmot Blyden (1832–1912) war Mitbegründer des Panafrikanismus, Politiker, Hochschullehrer und Publizist in Westafrika. Geboren wurde er in Saint Thomas, einer Insel der Amerikanischen Jungferninseln in der Karibik.

Als Aktivist unterstützte er die American Colonization Society, die sich im 19. Jahrhundert für die Freilassung der versklavten Afrikaner*innen und ihre Rückkehr nach Afrika einsetzte. Später wurde er zu einer zentralen politischen Fi-gur in Liberia, dem westafrikanischen Staat, der von freien Afrikaner*innen vor allem aus Amerika und Westindien besiedelt wurde.

Zeit seines Lebens setze er sich für Bildung für alle ein. Diese sei nicht allein Sache der Männer, afrikanische Frauen sollten genauso gebildet sein wie sie.

Seine umfangreichen Schriften legten den Grundstein für afrikanische und schwarze Diaspora-Denker des zwanzigsten Jahrhunderts, darunter Frantz Fanon, Amilcar Cabral, Cheikh Anta Diop, Leopold Sédar Senghor, Aimé Césaire und Walter Rodney. chrit

Philippinen nach der Wahl

Von Redaktion · · 2022/Jul-Aug

Dieses Mal bei Sara Zirak.

Sara Zirak © Christina Schröder / Südwind-Magazin

Sara Zirak ist 1989 in Afghanistans Hauptstadt Kabul geboren und als Zehnjährige mit ihrer Familie vor den Taliban nach Pakistan geflohen. Fünf Jahre später kam sie schließlich nach Österreich, wo sie so schnell wie möglich einen Hauptschulabschluss nachholte. Weil sie immer schon ein großes Interesse für Medizin gehegt hatte, machte Zirak dann eine Ausbildung zur ärztlichen Assistentin. Schließlich fand sie mit der Arbeit bei einer Dermatologin zu ihrem bevorzugten Fachgebiet, der kosmetischen Hautbehandlung.

Um sich weiterzubilden, reiste sie zu Kongressen auf der ganzen Welt und übernahm nebenbei das Management der Ordination. „Damals wie heute arbeite und lerne ich unheimlich viel, weil ich das, was ich tue, von ganzem Herzen liebe“, sagt Zirak über ihre große Motivation.

Die Lockdowns in Covid-19-Zeiten nutzte sie schließlich, um den Gewerbeschein für Kosmetik zu erwerben und sich damit im Oktober 2021 selbstständig zu machen. Die Schönheitsklinik „Beautytown“ betreibt sie mit einer Partnerin.

„Da hatte ich dann das erste Mal das Gefühl, in Österreich angekommen zu sein. Auch, weil ich und meine drei Geschwister es geschafft haben, uns beruflich zu verwirklichen – alle im medizinischen bzw. kosmetischen Bereich übrigens“, erzählt sie zufrieden. Als nächstes Ziel nennt sie, ein ästhetisch-chirurgisches Schönheitszentrum zu eröffnen – gemeinsam mit den Geschwistern.   cs

Beautytown, Stumpergasse 64/12, 1060 Wien
beautytown.at

Was wirklich wichtig ist

Von Redaktion · ·
Hilda Flavia Nakabuye von FFF Uganda spricht beim 10. Globalen Klimastreik von Fridays for Future am Brandenburger Tor, Berlin, 25. März 2022 / © Stefan Müller / CC BY 2.0

Für die ugandische Klimaaktivistin Hilda Flavia Nakabuye ist Klimagerechtigkeit nicht zuletzt eine persönliche Geschichte: Sie war elf Jahre alt, als sie aufgrund der anhaltenden Dürre aus ihrem Heimatdorf in die Hauptstadt Kampala flüchten musste.

2017 entschloss sich die heute 24-jährige Studentin, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen Bewusstsein für die Ursachen der Klimakrise in ihrem Land zu schaffen.

Als Gründerin von Fridays for Future Uganda spricht sie in Schulen wie vor internationalen Foren und mobilisiert Ostafrikas Jugend zum Anschluß an die Klimabewegung.

„Wir sind eine Generation, die Angst hat, und trotzdem ambitioniert ist, vereint, ausdauernd und vor allem gut darin, zu handeln. Ihr macht es euch vielleicht noch bequem, aber wie lange noch? Bald werdet ihr dieselbe Hitze spüren wie wir jeden Tag“, sagte sie in ihrer Rede im Rahmen der hochkarätigen Konferenz des Städtenetzwerks C40 im Jahr 2019 in Kopenhagen.

Nakabuye ist übrigens eine der drei Protagonistinnen im Dokumentarfilm „Dear Future Children“, der heuer in den österreichischen Kinos zu sehen ist.

Kampf um die Rückkehr nach Chagos

Von Redaktion · · 2022/Mai-Jun

Ratnapura heißt auf Sanskrit „Stadt der Juwelen“ und liegt im Süden der Insel Sri Lanka. Seit über 2.000 Jahren ist die Region für ihre Edelsteinvorkommen bekannt.

Heute leben hier 80 Prozent der rund 50.000 Einwohner*innen vom Abbau, der Bearbeitung oder dem Handel von Rubinen, Saphiren, Mondsteinen, Granaten und anderen wertvollen Steinen.

Mitten auf Reisfeldern werden bei Anzeichen auf Vorkommen zwischen acht und 50 Meter tiefe Schächte gegraben. Die Regierung schreibt mittlerweile vor, dass der Abbau umweltschonend vonstattengehen muss.

Die Arbeiter erhalten von den Besitzer*innen der Schächte ein wöchentliches Fixum von umgerechnet oft nur drei oder vier Euro – für zehn bis zwölf Stunden beinharte Arbeit. Dazu kommen nur drei bis fünf Prozent des Wertes der Steine, die sie ausgraben. Es ist die Hoffnung auf große Exemplare, die viele antreibt. Vergangenes Jahr wurde der weltweit bisher größte Saphir mit 310 Kilogramm in Ratnapura gefunden.

Die Ausbeute wird in Sri Lanka geschliffen und darf erst dann auf dem internationalen Markt verkauft werden. Die Regierung vergibt mittlerweile auch keine Abbaulizenzen an ausländische Unternehmen mehr. Die Edelsteine belegen den dritten Platz unter den wichtigsten sri-lankischen Exportgütern.       

Fotos: Oscar Espinosa / www.amalgama-project.com

Startnachteil für den Globalen Süden

Von Redaktion · · 2022/Mai-Jun

In vielen Bildungssystemen weltweit überwiegt die Segregation. Wie Inklusion an Schulen umgesetzt werden kann, zeigen einzelne Projekte.

Gemeinsam lernen – egal ob ein Kind eine Behinderung hat oder nicht. Das Recht auf inklusive Bildung wird in Artikel 4 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von 2006 bekräftigt. Kinder mit Behinderungen haben das Recht auf aktive Teilhabe am allgemeinen Schulsystem. Gemeint ist der gleichberechtigte Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung, und zwar von der frühkindlichen Förderung bis zur Hochschule. Auch im Rahmen der globalen Nachhaltigkeitsziele der UN bekennen sich Länder weltweit zu „inklusiver, chancengerechter und hochwertiger Bildung“ für alle Menschen.

Dennoch überwiegt laut Unesco nach wie vor die Segregation.

Bildungssysteme seien immer nur in dem Maße inklusiv, wie sie erschaffen werden, heißt es im Weltbildungsbericht. Barrieren zu qualitativ hochwertiger Bildung sind oft tief verwurzelt und eine Folge von gesellschaftlicher und politischer Diskriminierung, Stigmatisierung und Etikettierung. Kindern einen Stempel aufzudrücken, kann ihnen Entwicklungschancen verbauen. Hat ein Kind in Österreich etwas den Zusatz „SPF“ (Sonderpädagogischer Förderbedarf) im Abschlusszeugnis stehen, wird es Schwierigkeiten haben, sich beruflich zu verwirklichen.

Mehrfache Ausgrenzung. Inklusion beschränkt sich laut Weltbildungsbericht 2020 der Unesco allerdings nicht auf Lernende mit diagnostiziertem Förderbedarf, sondern schließt alle Menschen mit ein. Denn dieselben Ausgrenzungsmechanismen hindern auch andere Gruppen am Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung: aufgrund von Geschlecht, Wohnort, Armut, ethnischer Zugehörigkeit, Sprache, Religion oder Aufenthaltsstatus.

In vielen Fällen überschneiden sich diese Merkmale zusätzlich. Menschen erleben Mehrfachdiskriminierungen, etwa aufgrund von Behinderung und Geschlecht. Ursula Miller von  der Organisation „Licht für die Welt“ hebt außerdem den Zusammenhang zwischen Armut, mangelnder Gesundheitsversorgung und Behinderungen bei Kindern am Beispiel Äthiopien hervor. Armut kann auch die Ursache für Behinderung sein, etwa durch Komplikationen bei der Geburt, Mangelernährung, oder indem der Förderbedarf von Kleinkindern nicht früh genug erkannt wird.

Inklusive Bildung sei daher nicht nur im Schulkontext zu sehen, sondern ein gesellschaftliches Thema.

Abseits der Wahrnehmung. „Es braucht nicht nur Förderung der Kinder, sondern auch Aufklärungskampagnen, um die Menschen zu sensibilisieren“, betont Gottfried Mernyi, Geschäftsführer der Kindernothilfe Österreich. Er nennt das Beispiel Sambia, wo Kinder als für die Altersversorgung der Eltern verantwortlich gesehen werden. In vielen Fällen werde erwartet, dass ein Kind als Erwachsener für den Lebensunterhalt der Familie sorgt. Kinder mit Behinderungen werden daher als Unglück gesehen. Das kann dazu führen, dass sie vor der Öffentlichkeit versteckt werden und nicht am Dorfleben partizipieren dürfen. Abgesehen von den Folgen für die Kinder führe die mangelnde öffentliche Präsenz von Menschen mit Behinderung dazu, dass deren Bedürfnisse vielfach nicht erkannt werden.

Die „Archie Hinchcliffe Disability Intervention“ (AHDI), eine Partnerorganisation der Kindernothilfe in der sambischen Hauptstadt Lusaka, versucht hier Aufklärungsarbeit und Unterstützung zu bieten. Kinder und Jugendliche erhalten im Rahmen eines Projekts zum einen Physiotherapie, andererseits Vorschulunterricht, der rund 380 Kinder auf die Grundschule vorbereiten soll. Neben der direkten Förderung für die Kinder gibt es auch berufliche Schulungen für Familienangehörige oder Freiwillige aus der Nachbarschaft, um zusätzliche Einkommensquellen zu schaffen.

Versteckte Exklusion 

Exklusion beginnt in Österreich bei der Erhebung von Daten. So sind Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) in den Kompetenzstandard-Überprüfungen für den nationalen Bildungsbericht nicht berücksichtigt. Bei diesen Überprüfungen werden die Lernergebnisse von Schüler*innen der 4. und 8. Schulstufen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch erfasst. Ziel sei die Qualitätsentwicklung und -sicherung in der Schule. Das sei versteckte Exklusion, kritisiert Bildungswissenschaftlerin Susanne Schwab von der Universität Wien. „Nicht einmal in unseren Daten sind diese Kinder erwähnt.“  

Anstatt Ungleichheiten zu kompensieren, werden in unserem Schulsystem laut Schwab Ungerechtigkeiten reproduziert. Beispiel Deutschförderklassen: Kinder werden auf ihre fehlenden Deutschkenntnisse reduziert und ausgeschlossen, anstatt ihre Mehrsprachigkeit als Stärke zu sehen. Die Folgen seien gravierend, gerade in Zeiten einer Pandemie.  Dass Deutschförderklassen aus bildungswissenschaftlicher Sicht eine „Katastrophe“ seien, zeige die Evidenz ganz klar. Schwab: „Die politischen Interessen gelten mehr als die pädagogischen.“    M. W.

Es geht alle an. Die Idee von inklusiver Bildung beinhaltet das gemeinsame Lernen aller Kinder. „One Class for All“ heißt daher ein Programm, das „Licht für die Welt“ u.a. in Äthiopien umsetzt. Dabei lernen nicht nur gehörlose und schwerhörige Kinder die äthiopische Gebärdensprache, sondern alle Beteiligten im schulischen Umfeld: Mitschüler*innen, Lehrer*innen und Familienmitglieder.

Inklusive Bildung ist Teil der äthiopischen Bildungsstrategie. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass statt aktuell vier Prozent der Kinder mit Behinderungen 75 Prozent inklusive Bildung erhalten sollen. Ein Weg dahin liegt in der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte in inklusiver Pädagogik, die gefördert werden soll. Die Umsetzung scheitert vor allem an Ressourcenknappheit, schildert Miller von „Licht für die Welt“.

Ausgrenzung entsteht generell, wenn Diversität und Vielfalt von Bedürfnissen nicht berücksichtigt werden. Wenn sie nicht als Potenzial, sondern als Hindernisse betrachtet werden. Sie entsteht mit der Definition dessen, was als Norm gilt und was als Abweichung davon. „Das Konzept der Barriere für Teilhabe und Lernen sollte das Konzept der besonderen Bedürfnisse ablösen“, heißt es im Unesco-Weltbildungsbericht 2020.

In bildungspolitischen Dokumenten Südafrikas wird etwa von „Lernbarrieren“ gesprochen, definiert als „all jenes, das die Kinder daran hindert, effektiv zu lernen“. Damit wird anerkannt, dass Barrieren gesellschaftliche und systemische Gründe haben. Eine Perspektive, die im österreichischen Inklusionsverständnis nicht verankert ist, so Bildungswissenschaftlerin Susanne Schwab von der Universität Wien. Lernbarrieren werden hierzulande vor allem in den Kindern selbst gesehen (vgl. Kasten).

Ein wesentliches Hindernis für inklusive Bildung sei die mangelnde Überzeugung, dass sie möglich und notwendig sei. Dabei ist sie als gesamtgesellschaftlicher Auftrag zu sehen. Werden in den Schulen verschiedene didaktische Methoden angewandt, können alle davon profitieren. Ein wichtiger Schritt zum übergeordneten Ziel einer egalitäreren, weniger diskriminierenden Gesellschaft.

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und lebt in Wels/Oberösterreich.

Lokalaugenschein im Hutgeschäft

Von Redaktion · · 2022/Mai-Jun

Viel Rassismus im Netz

Bericht

1.977 Meldungen zu rassistischen Vorfällen sind im Jahr 2021 bei ZARA, dem Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, eingegangen. Über die Hälfte davon fanden online statt. Im öffentlichen Raum waren Frauen doppelt so oft betroffen wie Männer. Der Rassismus Report 2021 zeigt die strukturellen und institutionellen Ebenen von Rassismus in Österreich auf. Die EU-Justizminister*innen haben die Umsetzung von Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus in Nationalen Aktionsplänen bis Ende des Jahres angekündigt.

ZARA hofft auf eine schnelle Realisierung unter Einbindung von Anti-Rassismus-Expert*innen. Denn die Auswirkungen von strukturellem und institutionellem Rassismus seien gravierend und machten rasches Handeln notwendig.

Mehr Info und Meldestelle: zara.or.at

Tatort Arbeitsplatz

Handbuch

Studienergebnisse zeigen, dass der Arbeitsbereich der Ort ist, an dem Menschen am häufigsten Diskriminierungserfahrungen machen. Amnesty International und die Arbeiterkammer Wien haben nun ein  Handbuch zum Thema Menschenrechte am Arbeitsplatz herausgebracht. Darin wird u. a. erörtert, was man machen kann, wenn man in der Arbeit sexuell belästigt wird, ob es ein  Recht auf Privatsphäre am Arbeitsplatz gibt, welche Schutzbestimmungen wann gelten und wie man auf Verstöße gegen das Arbeitsrecht reagieren kann.

Das Handbuch enthält Bildungsmaterialien für drei Unterrichtseinheiten für Lehrer*innen, die mit Schüler*innen der 8. bzw. 9. Schulstufe in Neuen Mittelschulen oder in Polytechnischen Schulen arbeiten.

Download unter amnesty.at bzw. Bestellung  bei der AK Wien (per Post)

Besser Erde ohne Torf

Greenpeace-Marktcheck

60 Prozent der Blumenerden, die in Baumärkten, Gartencentern und Supermärkten erhältlich ist, enthalten Torf. Das hat Greenpeace herausgefunden und erklärt, warum das problematisch ist: Der Abbau von Torf zerstört die Moore und setzt klimaschädliche Gase frei. Deswegen rät Greenpeace zum Kauf von torffreien Produkten. Davon gibt es laut Marktcheck am meisten bei Interspar und Spar. Bauhaus liegt bei den Baumärkten vorne und Bellaflora belegt bei den Gartencentern den ersten Platz.

Mehr Infos: greenpeace.at 

Geschmackswelten: Klein aber oho

Von Redaktion · · 2022/Mai-Jun
© Majestic / Boris Laewen

Willi und die Wunderkröte

Spielfilm, Deutschland 2022, 90 Min.

Frogs for Future! Die elfjährige Luna forscht in ihrem Biotop über Frösche und setzt sich für den Erhalt ihrer Lebensräume ein. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Oma, einer geheimnisvollen alten Dame und Amphibienforscherin, sowie Reporter Willi Weitzel, der sich auf den Spuren der Amphibien auf eine abenteuerliche Reise durch Ägypten, Bolivien und Panama begibt. Inspirierender Kinderfilm zu Klimaschutz und der Kraft gemeinschaftlichen Handelns.

Kinostart: 13. Mai

© Maximilian Rosenberger

Ethnocineca Filmfestival Wien

Wie ergeht es afrikanischen Dienstmädchen im Libanon? Und was versucht eine Familie in Myanmar, um den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen? Das Ethnocineca Filmfestival blickt aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Welt und widmet sich acht Tage lang dem zeitgenössischen Dokumentarfilm. Dazu gibt es ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm mit Diskussionen, Vorträgen, Eröffnungsfeier und Abschlussparty.

12. bis 19. Mai – ethnocineca.at

© Michael Klingler

Internationales Filmfestival Innsbruck

Die Welt im Kino! Sechs Tage lang feiert das Internationale Filmfestival Innsbruck, kurz IFFI, den Film als globales Phänomen in all seinen Facetten und bringt Filme aus und zu den Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas, Zentralasiens sowie des Ostens und Südostens Europas auf die Leinwand. Neben aktuellen Filmen gibt es auch filmhistorische Schätze, heuer Kinofilme der Sowjetunion, zu sehen.

24. bis 29. Mai – iffi.at

Auslandsberichterstattung: Neue Studie rüttelt auf

Von Redaktion · · 2022/Mai-Jun

GLOBALER BACKGROUND: Die Dymaxion-Weltkarte besteht aus Dreiecken und optionalen Quadraten. Zusammengefaltet ergibt sie ein dreidimensionales Polyeder, aufgefaltet kann man die Teilstücke auf verschiedenste Arten zweidimensional arrangieren.

Teures Getreide wegen Ukrainekrieg

Weltweit

Seit dem Krieg in der Ukraine sind die Preise für Getreide in die Höhe geschossen. Rund 30 Prozent des nach Afrika importierten Weizens stammen aus der Ukraine und aus Russland. Die Abhängigkeit betrifft aber auch Länder wie die Türkei oder Bangladesch, die rund 60 Prozent ihres Weizens aus den beiden Staaten beziehen.

Wegen der Klimakrise und im Zuge der Corona-Pandemie waren die globalen Nahrungsmittelpreise bereits vor Ausbruch des Krieges auf Re-kordkurs. Die Welternährungsorganisation FAO warnt vor Hungersnöten.

Tipp: Das Südwind-Magazin berichtet online immer wieder aktuell zu den Folgen des Ukraine-Krieges auf suedwind-magazin.at

Fast jede zweite Schwangerschaft ungewollt

Welt

Weltweit 48 Prozent aller Schwangerschaften sind ungewollt. Davon geht ein aktueller Bericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) aus. Dieser stützt sich auf Daten des Guttmacher-Instituts, einer US-amerikanischen Non-Profit-Organisation, aus 150 Ländern (erhoben zwischen 2015 und 2019). Die Gründe: Frauenbenachteiligung, Armut, sexualisierte Gewalt sowie mangelnder Zugang zu Verhütungsmitteln.

Pro Jahr werden mehr als 60 Prozent der ungewollten Schwangerschaften abgebrochen – die Hälfte davon unter unsicheren Bedingungen.

© Mimiessien / CC BY-SA 4.0 / commons.wikimedia.org

Kampagne fürs Masturbieren

Kolumbien

Medellín, Kolumbiens zweitgrößte Stadt, startet eine Kampagne zur Enttabuisierung der Masturbation – und ist damit in die Schlagzeilen geraten. Während das Thema Selbstbefriedigung teilweise immer noch mit Scham behaftet ist, hält Medellíns Bürgermeister Daniel Quintero den Beitrag der Masturbation zur geistigen und körperlichen Gesundheit hoch.

„Es handelt sich um einen Ansatz für die öffentliche Gesundheit, der auf wissenschaftlichen Fakten beruht“, schreibt er auf dem Online-Dienst Twitter.

Whitewashing durch Sportevents

Saudi-Arabien

Egal ob Fußball, Golf oder Motorsport: Trotz anhaltender Menschenrechtsverletzungen, Massenhinrichtungen und der Beteiligung am Krieg im Jemen richtet Saudi-Arabien seit Jahren internationale Sportevents aus. So fand im Golfstaat Ende März auch das Formel-1-Rennen statt.
Kritiker*innen sehen darin sogenanntes Sportswashing, also wenn Investitionen in große Sportveranstaltungen über die prekäre Menschenrechtssituation hinwegtäuschen und dazu dienen sollen, das Image des Landes aufzupolieren.

Vgl. auch Beitrag zu Katar in dieser Ausgabe (Seite 24)!

23.000

Nukleare Abrüstung

Schätzungen der Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen (ICAN) nach werden pro Sekunde weltweit 23.000 US-Dollar für den Erhalt des Arsenals an Nuklearwaffen ausgegeben. ICAN ist eine weltweite Initiative, die sich für die Ächtung von Nuklearwaffen, für Abrüstung und Frieden stark macht.

Brasiliens erste indigene Abgeordnete

Von Redaktion · · 2022/Mar-Apr

Wie die stetig voranschreitende Finanzialisierung soziale Ungleichheit verstärkt und nachhaltige Entwicklung behindert. Und welche Rollen öffentliche Gelder und privates Kapital dabei spielen.

Man stelle sich eine Welt vor, in der Schulen als Wertpapier von der US-Investmentgesellschaft Blackrock an der Börse gehandelt werden, das nahegelegene Krankenhaus einem Investmentfonds von Morgan Stanley gehört und die Straße vor dem eigenen Haus dem Vermögensverwalter DWS. In vielen Ländern ist dieses Schreckensszenario der Finanzialisierung bereits zu weiten Teilen Realität geworden, besonders im Globalen Süden.

Mit Finanzialisierung wird allgemein das Phänomen bezeichnet, dass in den vergangenen Jahrzehnten der Anteil des Kapitals an der Wirtschaftsleistung der meisten Länder gewachsen ist, auf Kosten des Anteils der Arbeit und der Löhne. Innerhalb des Kapitalanteils stieg die Bedeutung des Finanzsektors im Vergleich zur sogenannten Realwirtschaft, und damit auch die Bedeutung von Banken, Investmentfonds, Immobilientrusts und Versicherungen gegenüber traditionellen Industrieunternehmen.

Finanzialisierung geht aber über den Bereich der reinen Finanzsphäre hinaus, sie erstreckt sich auch auf Politik und Ideologie. In der Politik haben Wirtschafts- und besonders Finanzmarktakteure deutlich an Macht und Einfluss gewonnen. Damit können sie politische Prozesse dominieren und dahingehend lenken, dass vergangene Schritte der Finanzialisierung abgesichert werden und zukünftigen Schritten der Weg bereitet wird.

Im Bereich der Ideologie werden Ideen verbreitet, die solche Prozesse ermöglichen, befördern oder potenziellem Widerstand den Wind aus den Segeln nehmen. Das sind zum Beispiel Dogmen, etwa dass die Menschen eine private kapitalbasierte Zusatzversicherung zur staatlichen Pension bräuchten, dass private Dienste von besserer Qualität seien als öffentliche, dass Austeritätspolitik (vgl. Glossar unten) unabdingbar für solide Staatsfinanzen sei oder auch dass mehr privates Kapital mobilisiert werden müsste, um die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) bis 2030 zu erreichen. Dadurch werden Entscheidungen in einer Weise gelenkt, die weitere Finanzialisierung begünstigt und vorantreibt.

Mit Neoliberalismus im Trend. Finanzialisierung und Neoliberalismus sind wie zwei Brüder, nicht identisch, aber durch zahlreiche Wechselwirkungen miteinander verknüpft. Beide haben seit den 1980er Jahren an Schwung gewonnen und sich in mehreren Stufen immer mehr intensiviert. Der Staat und öffentliche Institutionen werden instrumentalisiert. Wann immer eine Spekulationsblase zu platzen und eine Anlageklasse dramatisch an Wert zu verlieren droht, machen die Nutznießer der Finanzialisierung das, was sie sonst vehement kritisieren: Sie rufen nach dem Eingreifen des Staates, zu ihren Gunsten.

So wurden private Banken in der Finanzkrise ab 2008 staatlich gestützt, finanziert alleine in der EU mit Steuergeldern in Höhe von 4,5 Billionen Euro. Damit waren auch die Finanzanlagen der Vermögensbesitzer*innen geschützt. In der jüngsten Stufe kaufen Zentralbanken im Zuge ihrer Anleihekaufprogramme neuerdings auch Finanzprodukte privater Emittenten auf, stützen damit ihre Kurse und garantieren die Vermögen ihrer Eigentümer*innen und solide Bilanzen bei privaten Banken.

Die Konsequenz: Die Vermögenpreise bei Aktien und Immobilien hatten schon wenige Monate nach Beginn der Covid-19-Krise Anfang 2020 neue Höchststände erreicht. Laut dem World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom Oktober 2021 soll auch die Wirtschaftsleistung 2022 wieder das Niveau von vor der Krise erreichen. Dies alles geschieht, während auch in 2022 noch in einem Drittel aller Länder das Beschäftigungsniveau unter dem Vorkrisenstand bleiben wird, bei Entwicklungsländern ist der Anteil höher als in reichen Ländern. Die Balance verschiebt sich damit weiter zugunsten des Kapitals, die Ungleichheit nimmt weiter zu.

Türöffner IWF & Co. Im Globalen Süden wurde die Finanzialisierung gezielt durch die internationalen Finanzinstitutionen (IFIs) vorangetrieben. Die Schuldenkrise seit den 1980er Jahren lieferte die betroffenen Länder den Finanzhilfen von IWF und Weltbank aus, und damit auch den dazugehörigen politischen Konditionen. Strukturanpassungsprogramme, die dem immer gleichen Dreiklang aus Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung folgten, öffneten neue Bereiche für private Investoren und ihr Finanzkapital. Parallel dazu schwächten sie die Kapazitäten des Staates zur Regulierung und zur Bereitstellung öffentlicher Güter.

Vierzig Jahre später wird zwar das Tabuwort „Strukturanpassungsprogramm“ von keinem IWF-Mitarbeitenden mehr in den Mund genommen, geändert hat sich in der Praxis jedoch wenig.

Seit den Verhandlungen zu den SDGs 2015 gilt das Dogma, dass nicht genügend öffentliche Gelder für ihre Umsetzung zur Verfügung stünden. In einem gemeinsamen Positionspapier fordern die IFIs 2015, dass privates Kapital zukünftig die Hauptrolle in der Entwicklungsfinanzierung spielen solle.

Privates Kapital solle öffentliche Mittel aus Steuereinnahmen und Öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit (ODA) nicht nur ergänzen, sondern diese sollten in Zukunft primär dafür eingesetzt werden, private Investitionen zu mobilisieren. Die öffentliche Hand solle dabei die privaten Investitionen über komplexe Finanzinstrumente subventionieren oder ihnen durch großzügige Garantien das Investitions- und Verlustrisiko abnehmen.

Die Weltbank zementierte diesen Ansatz auch in ihrem operativen Geschäft. Seit Anfang 2018 wird unter dem PR-Begriff „Maximizing Financing for Development“ ein Modell vorangetrieben, in dem privates Kapital bei der Finanzierung einer Aktivität grundsätzlich Vorrang bekommt. Findet sich zu Marktkonditionen kein*e Investor*in, solle die private Investition mit öffentlichen Geldern subventioniert und garantiert werden. Nur wenn auch dies nicht klappt, sollen öffentliche Gelder zum Einsatz kommen.

Die Konsequenz: Wo privat finanziert wird, werden in der Regel keine öffentlichen Güter geschaffen.

Anlage via SDGs. In Debatten um die Finanzierung der SDGs werden Entwicklungsländer wieder und wieder dazu aufgefordert, ihre Natur, ihre Infrastruktur, ihr Bildungssystem und ihr Gesundheitswesen in „bankable projects“ umzuwandeln. Also in  attraktive Investmentpakete, die sie auf internationalen Finanzmärkten privaten Investor*innen feilbieten können. An Investoren, die nach neuen Verwertungsmöglichkeiten für Kapital suchen, die in Zeiten von Wachstumsschwäche und Niedrigzinsen im Globalen Norden kaum noch zu finden sind.

Alte Wälder verkauft, Umwelt zerstört: Der Distrikt Pomio in Papua Neu Guinea – Schauplatz von Landgrabbing in großem Stil (Archivfoto). © Paul Hilton / Greenpeace

Der Investitionsdruck der Kapitalbesitzer*innen aus dem Globalen Norden treibt die Investitionsgrenze in immer neue „frontier markets“ voran. Während Entwicklungsländer wie Ghana, Senegal oder Sambia noch vor wenigen Jahren als nicht kreditwürdige „no-go areas“ für private Investor*innen galten, emittieren diese Länder mittlerweile Staatsanleihen auf den globalen Finanzmärkten. Dies zu Zinssätzen, die zehn Prozent und mehr erreichen können, weshalb die jährlichen Zinszahlungen sie finanziell ausbluten, und jeder Fälligkeitstermin einer voluminöseren Anleihe ein Moment des Bangens wird, in dem der Zahlungsausfall droht.

Globale Verschuldungskrise. Finanzierungsstrategien, die auf privates Kapital setzen, haben zu einem rapiden Anstieg der Verschuldung geführt. Die Weltbank warnte 2021, dass die Verschuldung in den ärmsten Ländern der Welt neue Höchststände erreicht hat. Alleine 2020 ist sie um zwölf Prozent in die Höhe geschossen. Mehr als die Hälfte dieser Länder droht in eine Schuldenkrise zu geraten oder befindet sich bereits darin.

Dass privates Kapital zusätzliche Ressourcen für die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung liefert, hat sich als Trugschluss erwiesen. Mittlerweile sind die Nettotransfers negativ. Regierungen im Globalen Süden zahlen mehr für den Schuldendienst als sie an Neukrediten erhalten. Ein immer größerer werdender Teil der Steuerzahlungen ihrer Bürger*innen wird privaten Investor*innen überwiesen, häufig ins Ausland. Der Schuldendienst absorbiert einen wachsenden Teil des Staatshaushalts.

Jeder Dollar, der in den Schuldendienst fließt, ist ein Dollar, der bei der Finanzierung von Bildung und Gesundheit, bei sozialer Sicherheit und dem Kampf gegen die Klimakrise fehlt.

Nicht krisensicher. Auch verhalten sich private Investor*innen in Krisenzeiten unzuverlässig. Die Anfälligkeit für Krisen im Globalen Süden ist durch die Deregulierung des Kapitalverkehrs gewachsen, private Kapitalflüsse sind extrem volatil.

Jüngstes Beispiel waren die ersten Monate des globalen Corona-Lockdowns im März/April 2020, als Entwicklungsländer zum Opfer der schnellsten und größten Kapitalflucht jemals wurden. Innerhalb kürzester Zeit zogen privaten Investor*innen knapp 100 Milliarden US-Dollar aus den Ländern des Globalen Südens ab.

Die Vereinten Nationen lassen sich dabei vereinnahmen. So findet zeitgleich zum jährlichen Financing for Development Forum des Wirtschafts- und Sozialrats der UN auch eine „SDG Investment Fair“ in New York statt.

Die Koalition der G20 treibt eine ganze Reihe neoliberal inspirierter Politikprojekte voran. Unter anderem gibt sie sich seit einigen Jahren alle Mühe, Infrastruktur als neue Anlagekategorie zu etablieren. Dass die OECD in diesem Zusammenhang stolz zitiert, dass 90 Prozent aller Investoren mehr in Infrastruktur investieren wollen, sollte einem eher Angst machen, wenn man einen Menschenrechtsansatz beim Zugang zu grundlegenden Gütern und Dienstleistungen vertritt.

Der Drang zu Gewinnmaximierung und das Bedürfnis, Investitionen schnell wieder abstoßen zu können, sind fester Bestandteil der Kapitallogik. Das verträgt sich schlecht mit dem Recht auf Bildung, dem universellen Zugang zu Gesundheitsversorgung und dem Ansatz der Agenda 2030 des „Leave No One Behind“.

Mittlerweile ist die Finanzialisierung fast in alle Sektoren vorgedrungen. Vornehmlich öffentliche Güter wie das Bildungs- und das Gesundheitssystem werden privatisiert und in Waren verwandelt. Selbst Agrarland ist zunehmend zum Spekulationsobjekt geworden, Stichwort Land Grabbing.

Auch Wohnraum ist zur Ware geworden. Neue Klassen von Finanzprodukten wie Studienkredite, Gesundheitskredite („health care loans“) und Mikrohypotheken ermöglichen den Kauf grundlegender Dienstleistungen dort, wo der Rechtsanspruch auf diese verloren gegangen ist – und stürzen immer mehr Menschen in die Schuldenfalle.

Glossar

Finanzialisierung: Der steigende Anteil des Kapitals an der Wirtschaftsleistung, auf Kosten des Anteils der Arbeit (Löhne und Gehälter). Der Finanzsektor – Banken, Investmentfonds, Immobilientrusts und Versicherungen – gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Austeritätspolitik: Strenge staatliche Sparpolitik. Als Austeritätsmaßnahmen werden Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen in Zeiten schlechter wirtschaftlicher Entwicklung definiert.

Internationale Finanzinstitutionen (IFIs): Überbegriff für multilaterale Entwicklungs-banken wie Weltbankgruppe und regionale Entwicklungsbanken sowie den Internationalen Währungsfonds (IWF)

G20: Informeller Zusammenschluss aus 19 mächtigen Industrie- und Schwellenländern und der EU, besteht seit 1999. red

Alternativen. Zum Glück gibt es auch Gegentrends zur Finanzialisierung, und Alternativen gibt es genug. So sind in vielen Ländern und Städten Prozesse der Rekommunalisierung im Gange, bei denen zum Beispiel die Wasserversorgung und die Transportinfrastruktur wieder in die öffentliche Hand überführt wird.

Dies häufig aufgrund von massiven Protesten von Bürger*innen, die für besseren Zugang kämpfen. Ein wichtiger erster Schritt ist, sich die Dogmen der Finanzialisierung vorzunehmen. Insbesondere jenes, dass es nicht genügend öffentliche Finanzmittel zur Bereitstellung öffentlicher Güter und der Finanzierung nachhaltiger Entwicklung gäbe.

Nach Angaben von UN und OECD stieg die Finanzierungslücke bei den SDGs seit Beginn der Covid-19-Krise von 2,5 auf 4,2 Billionen Dollar. Doch im gleichen Zeitraum haben Regierungen überall in der Welt gut 20 Billionen Dollar an öffentlichen Haushaltsmitteln zur Bekämpfung der Krise bereitgestellt, also etwa das Fünffache der angegebenen Finanzierungslücke.

Möglich gemacht wurde dies durch den Einsatz der Zentralbanken, die es zumindest im Globalen Norden den Regierungen erlaubten, durch Ausgabe neuer Staatsanleihen gewaltige Summen zu mobilisieren, indem sie diese Anleihen in Massen aufkauften. Im Nebeneffekt wurden die Zentralbanken zum größten Gläubiger ihrer Regierungen.

Geld ist also genug da, kann vom Finanzsystem in unbegrenzter Menge geschaffen werden. Leider passiert es in der Regel zum falschen Zweck, eben eher zur Stützung der Marktwerte von Finanzprodukten und zur Sicherung privater Gewinne als zur Finanzierung nachhaltiger Entwicklung.

Zu zaghaft. Bislang war die Covid-Krise eine vertane Chance. Es hat nur zaghafte Ansätze gegeben, die gewaltige Injektion fiskalischer und monetärer Ressourcen für eine sozialökologische Transformation zu nutzen. Ein zaghafter Versuch war die Verpflichtung unter dem neuen EU-Wiederaufbaufonds, 37 Prozent der Mittel für grüne Projekte einzusetzen.

Dabei braucht es nicht unbedingt neu geschöpftes Geld, um nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung zu finanzieren. Laut einem Expertenbericht der UN befinden sich sieben Billionen Dollar an privaten Vermögen in Steueroasen und entziehen sich damit der Besteuerung. Durch Gewinnverschiebung transnationaler Konzerne in Steueroasen gehen weitere 500 bis 600 Milliarden Dollar jährlich verloren. Die Pandora-Papers haben bewiesen, dass auch nach Jahren von Verhandlungen bei der OECD keine wirksamen Mittel gegen Steuerflucht bereitstehen.

Seit Beginn der Krise sind die Nettovermögen der Milliardär*innen weltweit von 8 auf 13,5 Billionen Dollar gewachsen, eine unglaubliche Steigerung von 69 Prozent in nur etwa anderthalb Jahren. Die NGO Oxfam und andere haben argumentiert, dass eine einmalige 99-prozentige Abgabe auf die Gewinne der Krisengewinner ausreichen würde, um alle Menschen weltweit zu impfen und dazu noch allen Arbeitslosen weltweit einen 20.000-Dollar-Scheck auszustellen.

Auch die bereits genannte Finanzierungslücke von 4,2 Billionen Dollar bei den SDGs würde mit dieser Abgabe mehr als gedeckt. Weltweit setzen sich Aktivist*innen für mehr Steuergerechtigkeit ein, damit Kapitalerträge, Vermögen, Erbschaften und Unternehmensgewinne besser besteuert werden. Auch dies wäre ein zentraler Schritt, um Finanzialisierung zurückzudrängen und den Staat wieder zu ermächtigen, seine Pflichten bei der Bereitstellung öffentlicher Güter wahrzunehmen.

Bodo Ellmers leitet das Programm zu Finanzierung nachhaltiger Entwicklung bei der Forschungseinrichtung Global Policy Forum Europe.

Lokal-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2022/Mar-Apr

Die Vermögenden dieser Welt werden immer reicher. Sie müssen stärker besteuert werden, auch um für mehr Klimagerechtigkeit zu sorgen.

Das Tempo, in dem Superreiche ihr Vermögen vermehren, ist beispiellos. Allein in den vergangenen zwei Jahren der Pandemie konnten die zehn reichsten Männer der Welt ihren Reichtum verdoppeln. Würden sie all ihr Geld in US-Dollarnoten stapeln und sich daraufsetzen, säßen sie 165.173 km hoch im All, fast auf dem halben Weg zum Mond. Von diesen Zahlen und astronomischen Dimensionen geht eine im Jänner veröffentlichte Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam aus.


Auch in Österreich haben die 100 Reichsten, unter ihnen 46 Milliardär*innen, weiter Vermögenswerte anhäufen können. Im Pandemiejahr 2021 ist ihr finanzieller Besitz um 14 Prozent angewachsen – jener der Milliardär*innen sogar um 28 Prozent. Das zeigen Berechnungen der globalisierungskritischen Organisation Attac.


Im Wachstum begriffen sind zudem die Gehälter der Vorstandsvorsitzenden der im wichtigsten österreichischen Aktienindex ATX notierten Unternehmen. Laut Berichten der Arbeiterkammer benötigen sie knackige fünf Werktage, um das Median-Jahreseinkommen einer/eines österreichischen Beschäftigten zu verdienen: Der sogenannte „Fat Cat Day“ wurde in Österreich dieses Jahr inklusive Feiertage bereits am 8. Jänner begangen.


Als gäb’s kein Morgen. Zurück ins Weltall: Die monetäre Unverhältnismäßigkeit schlägt sich in der Ressourcennutzung und dem daraus resultierenden ökologischen Fußabdruck nieder. Ein einziger Trip ins Weltall mit Elon Musks Firma Space X verursacht mehr CO2-Emissionen, als ein Mensch aus der ärmsten Milliarde der Welt in einem ganzen Leben erzeugt.


Die Freiheit mit privater Raumfahrt, Yachten, Flugzeugen und Luxusvillen weiter die Umwelt zu zerstören und das Klima anzuheizen, ist also keine Privatsache. Im Gegenteil. Steigende Emissionen haben in vielen Weltgegenden, allen voran im Globalen Süden, bereits zur Verringerung der Lebensqualität geführt.


Tax me now. Deshalb müssen Regierungen in ihren Maßnahmen für Klimagerechtigkeit an die Superreichen denken. Das fordert u.a. Tim Gore, Experte für kohlenstoffarme und zirkuläre Wirtschaft vom Institut für Europäische Umweltpolitik. Für ihn gehören dazu eine Einschränkung des CO2-Verbrauchs für Luxusgüter wie auch die Begrenzung klimaintensiver Investitionen sowie von Aktienbesitz in der Öl-, Gas- und Kohleindustrie.


Was es braucht, ist ein Deckel. Diese absurd hohen Vermögenswerte müssen steuerlich umverteilt werden – für das Gemeinwohl, für Investitionen in eine klimagerechte Zukunft für alle.


Derweilen werden Vermögende selbst aktiv: Mehr als 100 Superreiche aus neun Ländern haben sich in Initiativen wie Patriotic Millionaires, Millionaires for Humanity und Tax Me Now zusammengeschlossen. Sie fordern mehr Steuergerechtigkeit und progressive Steuersysteme, die jene konsequent mehr beitragen lassen, die mehr haben. Hierzulande wäre die Wiedereinführung der 2008 abgeschafften Erbschaftssteuer jedenfalls ein Anfang.

Ungewissheit bleibt

Von Redaktion · · 2022/Mar-Apr

Niemals hätte ich gedacht, dass in Österreich im Jahr über 30 Morde von Männern an Frauen begangen werden.

Österreich gilt vielen Studien zufolge als eines der sichersten Länder der Welt. Aber: Es werden hier mehr Frauen als Männer umgebracht, und die Zahlen steigen! Ich frage mich: Wenn das hier so ist – kann es dann irgendwo auf der Welt einen sicheren Ort für Frauen geben?

Ich kannte die zwei somalischen Frauen, die im September 2021 vom Ex-Mann der einen am helllichten Tag in ihrer Wohnung getötet wurden. Wie kann das sein in einer Stadt, in der die meisten Tür an Tür wohnen?

Ich höre den Staubsauger in der Nachbarwohnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man es nicht mitbekommt, wenn jemand um Hilfe ruft. Offenbar haben auch die Behörden versagt, denn der Täter war vorbestraft, wie in anderen Fällen auch.

Dieses Taubstellen und Wegschauen gibt es in Somalia nicht. Da fühlen sich alle berufen einzuschreiten, sollte Gewalt hör- oder sichtbar werden. Aber auf der anderen Seite ist es verpönt, wenn Frauen über Gewalterfahrungen sprechen.

Umso wichtiger ist es mir als Mutter, einen Unterschied zu machen. Meiner 12-jährigen Tochter sage ich immer wieder, dass niemand sie ohne ihr Einverständnis berühren darf, und dass sie darüber reden soll, falls es dennoch passiert.

Ich weiß, dass ich auf keinen Mann so viel Einfluss habe wie auf meinen zehnjährigen Sohn. Ihm bringe ich bei, dass jegliche Form von Gewalt inakzeptabel ist.

Die Politik reagiert nun – aber zu spät, und zu zaghaft. Trotzdem dürfen wir die Hoffnung auf Besserung nicht aufgeben, weil wir ohne Hoffnung nicht leben können. Aber wir dürfen es auch nicht dabei belassen. Wir müssen über die Gewalt an Frauen reden und dagegen auftreten, wenn wir wirklich sicher zusammenleben wollen.

Hamdi Hassan ist freie Journalistin sowie Dolmetscherin/Übersetzerin bei verschiedenen Organisationen. Sie kommt aus Somalia und lebt seit ca. sechs Jahren in Österreich.

Global-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2022/Mar-Apr
Elza Soares © Public Domain / Arquivo Nacional / wikicommons

Sie erhob ihre kraftvolle Stimme gegen Rassismus und für Frauenrechte: Elza Soares. Der Rundfunksender BBC kürte die Brasilianerin zur Sängerin des Jahrtausends.

Geboren wurde Soares 1930, aufgewachsen ist sie in bitterer Armut in einer Favela in Rio de Janeiro. Mit zwölf Jahren wurde sie verheiratet, mit 13 war Soares erstmals schwanger, mit 21 verwitwet. Zwei ihrer fünf Kinder verhungerten.

Von welchem Planeten sie komme, wurde sie 1953 gefragt, als sie an einem Talentwettbewerb teilnahm und geliehene Kleidung trug. „Vom Planeten Hunger“, antwortete Soares. Ihr 34. und letztes Album mit dem Titel „Planeta Fome“ von 2019 erinnert daran.

Samba, Jazz, Elektro, Hip-Hop, Soul und Funk, Fusion mit sozialkritischen Texten und mehr als ein Aufschrei gegen die Unterdrückung der Frauen, allen voran der Afro-Brasilianerinnen: Elza Soares, selbst Opfer männlicher Gewalt, u. a. in der Ehe mit Fußballlegende Mané Garrincha (1933-1983), sang bis ins hohe Alter.

Sie starb im Jänner im Alter von 91 Jahren. Schon zu Lebzeiten ist sie eine Ikone der feministischen und LGBTIQ-Bewegung geworden.

Eine Geschichte der Perspektiven

Von Redaktion · · 2022/Mar-Apr

Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer. Krisenzeiten, nicht zuletzt die Corona-Pandemie, verschärfen diesen Trend. Möglich macht dies auch die globale Finanzialisierung, bei der Kapital immer wichtiger wird und der Faktor Arbeit an Bedeutung verliert.

Begleitet wird dieser Prozess von der stetig steigenden Verschuldung der meisten Länder des Globalen Südens. Die folgenden Seiten erklären, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte.

Das Dossier zeigt zudem Chinas wichtige Rolle und wie Peking „Entwicklungshilfe“ definiert. El Salvador will einen eigenen Weg gehen und setzt auf die Kryptowährung Bitcoin. Und Blackrock, der weltgrößte Vermögensverwalter, ist ein Beispiel eines transnationalen Players, der massiven Einfluss hat, mit Folgen für die Menschen weltweit.

34    Pokerspiel: El Salvadors Bitcoin-Experiment

Redaktion: Richard Solder

Der Großteil der Artikel dieses Dossiers entstammt gekürzt der Ausgabe 198 (Dezember 2021) des deutschen Magazins Südlink. Wir danken den Kolleg*innen herzlich für die gute Zusammenarbeit. webshop.inkota.de/node/1657

Film ab

Von Redaktion · · 2022/Mar-Apr

Dokumentarfilm 2021, Arte, online verfügbar bis 7. Juni

Mehr als eine Million Uigur*innen werden willkürlich interniert, gefoltert, durch Zwangsarbeit „umerzogen“. Die Region Xinjiang befindet sich im eisernen Würgegriff Pekings. Doch was steckt hinter dieser Unterdrückung, die nicht nur China betrifft, sondern in weiterer Folge Demokratie und Freiheit weltweit? Darauf antwortet die Doku mit Archivmaterial, Expert*innen und Berichten von Uigur*innen, denen die Flucht gelang.

Mehr Tipps zu entwicklungspolitischen Themen im Fernsehen und Kino: baobab.at

Südwind Straßenfest: Zwei Tage Feiern im Mai!

Von Redaktion · · 2022/Mar-Apr

Italienische Arbeiter- und Partisan*innenlieder in neuen Bearbeitungen und erfrischender Afrofuturismus von der Gruppe Dowdelin.

Die Uraufführung der bedeutendsten Bühnenshow des italienischen Folk-Revivals fand am 21. Juni 1964 beim „Festival dei Due Mondi“ mit damaligen Größen wie Caterina Bueno oder Giovanna Marini in Spoleto statt. 2014 wurde sie von Elena Ledda, Lucilla Galeazzi, Riccardo Tesi und Alessio Lega neu aufgeführt. Nun lassen die Musiker*innen mit neuen Einflüssen aus dem Süden Italiens wieder von sich hören. Sie kosten auf dem Album „A Sud di Bella Ciao“ die Sprachen und Dialekte ihrer Heimat aus und erkunden die verschiedenen Landschaften und Melodien mit allen Widersprüchen: von der lyrischen Poesie der Liebeslieder bis zur Tarantella und natürlich mit alten Arbeiter- und Partisan*innenliedern. Diese haben sich nicht nur ihre Ausdrucksstärke bewahrt, sondern auch ihre Botschaften.

Eine überzeugende Lektion in Demokratie, die direkt aus dem Volk kommt, von wichtigen Stimmen des sozialen und politischen Liedes der vergangenen 30 Jahre. Neben dem Gesang wird mit Knopfakkordeon, Tamburin, Perkussion, Gitarre und Saxophon instrumentiert.

Urbane Energie. Nach vielerlei Seiten hin musikalisch offen präsentiert sich die Formation Dowdelin. Die Wurzeln der Mitglieder liegen in Guadeloupe, Martinique und Armenien. In ihrer Musik treffen kreolische Texte, karibische Rhythmen, urbane Energie und Elektronik aufeinander.

Mit ihrem zweiten Album „Lanmou Lanmou“ möchte die Band mit ihren interkontinentalen Kreationen Hörer*innen überzeugen – inklusive verschiedener Musikstile wie Reggae, Zouk, Beguine oder Jazz. Dowdelin überwindet Genre- und Ländergrenzen und schafft einen Sound, der sich im kreolischen Afrofuturismus verorten lässt.

Vor einigen Jahren traf Produzent, Komponist und Multi-Instrumentalist David Kiledjian alias Dawatile Sängerin Olivya Victorin aus Lyon. Anfangs wurde, der internationalen Verständlichkeit wegen, auf Englisch gesungen. Das passte jedoch nicht wirklich zu den sonstigen musikalischen Ambitionen der Band. Victorin, mit verwandtschaftlichen Verbindungen zu Martinique, löste schließlich das Problem mit ihrem kreolisch gehaltenen Gesang. Schließlich stieß der Perkussionist, Saxophonist und Sänger Raphaël Philibert dazu, der an der Weiterentwicklung des sogenannten Gwoka beteiligt ist. Gwoka ist die auf Perkussion basierende traditionelle Musik aus Guadeloupe.

Die Kreolisierung des Dowdelin-Klangs findet sich in jedem Stück des neuen Albums: Hip-Hop trifft auf Beguine, zeitgenössischer Jazz auf Reggae.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur des „Concerto“, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

Letzte Chance

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Das Wiener Mumok zeigt derzeit die Ausstellung „Blue Elephant“ des taiwanesischen Künstlers Huang Po-Chih. Im Interview spricht er über die Identitätssuche Taiwans, die Bedeutung der Textilindustrie und das angespannte Verhältnis zu China.

In seiner ersten Einzelausstellung außerhalb Asiens thematisiert Huang Po-Chih im Wiener Museum moderner Kunst (Mumok) die strukturellen Veränderungen im Weltwirtschaftssystem ab den späten 1970er Jahren und verknüpft diese mit persönlichen Geschichten. Mit Essays, Bildern, Installationen und partizipatorischen Projekten verfolgt er eine multidisziplinäre künstlerische Praxis.

In Ihren Werken werden die ökonomischen Verflechtungen sowie die gesellschaftlichen Veränderungen in Taiwan und generell in Ostasien anhand individueller Lebenswege und oftmals direkt mit und von Betroffenen erzählt. Warum wählen Sie diesen partizipatorischen Zugang?

Uns Menschen verbindet ein gemeinsamer Erfahrungsschatz in der Art, wie wir leben, denken, sprechen – und wie wir versuchen unsere Identität zu definieren. Ich setze dies in einen globalen Zusammenhang und breche es auf die individuelle Ebene herunter. Es sind Lebensgeschichten, über die wir alle miteinander sprechen können.

Der Ausgangspunkt meiner Projekte ist die Geschichte meiner Familie. Mich interessieren die Erzählungen meiner Mutter, die in der Textilfabrik arbeitete, und die Geschichten anderer Textilarbeiterinnen. Sie werden oft in der Mainstream-Kultur ausgelassen. Ihre Biografien spiegeln auch die Reformen in der Landwirtschaft Taiwans und die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen fünfzig Jahre wider. Taiwan hat sich sehr schnell von einer Agrarwirtschaft hin zur industriellen Produktion bis heute zu einer hochtechnologisierten Insel gewandelt.

Ihre Ausstellung trägt den Titel „Blue Elephant“. Warum?

Meine Mutter und ihre Kolleginnen in der Textilfabrik scherzten oft, dass ihre von der Arbeit angeschwollenen Beine wie die eines Elefanten aussehen würden. Meine Mutter nannte sich selbst deshalb blauer Elefant.

Blue Elephant, der Titel der Ausstellung, verknüpft Individuelles mit Gesellschaftlichem. © Huang Po-Chih

Der Titel spielt aber auch auf die taiwanesische Textilindustrie an, die maßgeblich für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes war. Bis zu ihrem schrittweisen Outsourcing nach Shenzhen in China in den 1990er Jahren war ein Großteil der Bevölkerung in diesem Zweig beschäftigt.

Das Bild des blauen Elefanten wurde zudem von der Regierung benutzt, um die Menschen zur Arbeit anzuhalten. Während des Zweiten Weltkrieges gab es einen Elefanten namens Lin Wang, der im Kampf gegen Japan eingesetzt wurde. Bis heute ist seine Geschichte in Taiwan sehr populär.

Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Taiwan nach der Aufhebung des Kriegsrechts 1987 eine Reihe demokratischer Reformen und ein hohes Wirtschaftswachstum erlebte. Der politische Status des Landes ist aber weiterhin umstritten. Welche Rolle spielen Kunst und Kultur in der weiterhin schwierigen Beziehung zu China?

Das angespannte Verhältnis zwischen Taiwan und China zwingt die junge Generation fast dazu, sich zu engagieren. Beinahe tagtäglich dringen chinesische Militärflugzeug in den taiwanesischen Luftraum ein. Es ist eine Demonstration der Macht, um zu zeigen, dass sie unser Land jederzeit angreifen könnten. Auf eine gewisse Art und Weise haben wir uns daran gewöhnt, es ist fast schon normal.

Taiwan entwickelte eine eigene Kulturpolitik, die eine wichtige Kulturdiplomatie mit sich brachte. Zudem fördert Taiwan Künstler und Künstlerinnen, besonders im Rahmen seiner Biennalen. Und sie werden bestärkt, ins Ausland zu gehen, um dort zu erforschen, wie Kunst zur Demokratieförderung beitragen kann.

Umstrittener Status 

Die Republik China – so der offizielle Name Taiwans – wurde 1912 ausgerufen und umfasste ganz China, nach dem Ende der japanischen Besetzung 1945 auch die Insel Taiwan. Nach dem Sieg der Kommunistischen Partei im chinesischen Bürgerkrieg wurde 1949 die Volksrepublik China ausgerufen, während sich die unterlegene Kuomintang-Partei nach Taiwan zurückzog.   
Die völkerrechtliche Stellung der „Republik China“ mit ihren 23 Mio. Einwohner*innen ist bis heute umstritten. Die Kuomintang-Partei etablierte eine autoritäre Einparteienherrschaft, in der das permanente Kriegsrecht galt. Ende der 1980er Jahre schaffte das Land den Übergang von einer blutigen Diktatur zur Demokratie. Indes verfolgt die Volksrepublik China auf dem Festland weiterhin ihre „Ein-China-Politik“, also die politische Prämisse von „einem China“, das neben der Volksrepublik auch Taiwan sowie die Stadtstaaten Macau und Hongkong umfasst. Wenige Staaten unterhalten offizielle diplomatische Beziehungen zu Taiwan.    M. Ö.

Und welchen Platz nehmen hier neue, digitale Technologien ein?

Die junge Generation versucht vor allem, die neuen Technologien zu nutzen, um sich mit anderen asiatischen Ländern zu vernetzen – auch um neue Aspekte unserer Identität zu finden. Die Digitalisierung hilft uns als Insel zu zeigen, wer wir sind und was wir können. Sie ermöglicht auch alternative Räume für Politik, Kultur und Identität.

Ein Beispiel, bitte …

Etwa die sogenannte Milk Tea Alliance, benannt nach dem typischen Getränk, das man in Taiwan, Thailand und Hongkong konsumiert (vgl. auch den Beitrag „Aufstand mit Milchtee“ im Südwind-Magazin 3-4/2021). Die Bewegung entstand 2020 nach einem Disput in den sozialen Netzwerken zwischen einem bekannten thailändischen Schauspieler und chinesischen Nationalisten, und sie weitete sich auf die thailändische Studentenbewegung und die Proteste gegen Myanmars Militärjunta aus.

Seitdem versteht sich die Bewegung als eine regionale asiatische Gemeinschaft, die gegen autoritäre Systeme auftritt und demokratisches Bewusstsein schaffen will. Die Freiheit des Internets ist für uns mit unserer demokratischen Freiheit verknüpft.

Interview: Milena Österreicher

Milena Österreicher ist freie Journalistin und Übersetzerin für Spanisch und Portugiesisch.

Huang Po-Chih wurde 1980 in Taoyuan, Taiwan, geboren und machte 2011 seinen Abschluss an der Taipei National University of the Arts. Die Ausstellung „Blue Elephant“ ist noch bis 27. Februar im Wiener Mumok zu sehen.

Christiana Bukalo kämpft um Rechte

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Außenpolitik: Seit Jahren ist der Horizont verengt, Österreichs Ruf beschädigt. Es braucht jetzt eine Kurskorrektur.

Eigentlich hatte die österreichische Bundesregierung in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit den Diplomaten Alexander Schallenberg und dem einspringenden Michael Linhart formal professionelle Außenminister wie selten zuvor – Bruno Kreisky und Rudolf Kirchschläger sind bereits 50 Jahre her.

Damit endet bereits der Rückgriff in die Geschichte, denn die fachliche Qualifikation sagt nur wenig aus über den Gestaltungswillen einer Regierung.

Jahrzehnte der Friedenspolitik. In dem halben Jahrhundert zwischen 1970 und 2021 hat sich in Europa so ziemlich alles geändert.

Trotz tektonischer Verschiebungen in den internationalen Beziehungen haben sich zudem Kontinuitäten bewährt. Österreichs Außenpolitik etwa hat seit dem Staatsvertrag von 1955 und dem damit kausal verknüpften Status der Immerwährenden Neutralität gleichermaßen Kontinuität aber auch – spätestens seit dem EU-Beitritt – drastische Einschränkungen erfahren.

Eines war bis vor Kurzem trotz allem konstant geblieben, und zwar in allen Regierungskonstellationen: der breite, gesellschaftlich abgesicherte politische Konsens, dass Neutralitätspolitik stets als Friedenspolitik zu begreifen ist.

Dieses Prinzip hat sich etwa im Kalten Krieg bewährt, als Österreich gemeinsam mit den übrigen europäischen Neutralen und dem paktfreien Jugoslawien in kreativer Weise die Entspannungspolitik mitgestaltet hat. Wenn heute vor einem neuen Kalten Krieg gewarnt wird, dann wäre ein Rückgriff auf bewährte Muster der internationalen Mediation angesagt.

Zäsur mit EU-Beitritt. Friedenspolitik und Multilateralismus haben ebenso das österreichische Engagement bei den Vereinten Nationen ausgezeichnet und Wien als dritten UNO-Standort erst ermöglicht.

Ebenso war die (chronisch unterdotierte) Entwicklungspolitik als ökonomisch-soziale Emanzipationspolitik angelegt. Der Einsatz für Grund- und Menschenrechte in den demokratischen Revolutionen der 1970er Jahre in Griechenland und Spanien, das besondere Engagement für die Anerkennung der Rechte der Palästinenser*innen, auch für die Befreiungsbewegungen von Afrika bis Lateinamerika, bleiben in Erinnerung.

Mit dem Beitritt zur Europäischen Union wurde der außenpolitische Horizont paradoxerweise mutwillig verengt. Gleich von Anfang an wurden die neuen Möglichkeiten einer gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik für ein mittelgroßes Land wie Österreich zu wenig genützt.

Die umstandslose Abwendung von friedensfördernden Positionen im Nahen Osten oder die skandalöse Kehrtwende beim UNO-Migrationspakt – da wurde die Sprache der Identitären sogar in den ablehnenden Beschluss des Ministerrates aufgenommen – hat Österreichs Position in der Welt geschadet.

Wolfgang Petritsch war EU-Sonderbeauftragter für den Kosovo, EU-Chefverhandler bei den Friedensverhandlungen von Rambouillet und Paris und Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina. Er war ab 2002 Österreichs Botschafter bei der UNO in Genf und von 2008 bis 2013 Leiter der Ständigen Vertretung Österreichs bei der OECD in Paris. Aktuell ist er Präsident der Austrian Marshall Plan Foundation in Wien.

Umwelt- und Klimadiplomatie sind immer noch Fremdwörter im finanziell und personell chronisch ausgedünnten Außenministerium. Sachpolitik wurde vielfach durch „photo opportunities“ und durchsichtige Initiativen ersetzt.

Die kurze Ära Kurz hat voll auf dubiose politische Figuren von Trump bis Netanyahu gesetzt. Die Unterstützung von völkerrechtlich und moralisch zweifelhaften Entscheidungen im EU-Bereich hat Österreichs internationalen Ruf als opportunistischen Akteur untermauert. Verlässlichkeit und Berechenbarkeit schauen anders aus.

Werden zukünftige Außenminister*innen die Chance bekommen, die Fehler der vergangenen Jahre zu korrigieren? Wird Österreich jene Europa- und Außenpolitik-Akzente setzen, die unserem Land den Ruf eines „honest broker“ zurückbringt?

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Buchtipp:
Wolfgang Petritsch: Epochenwechsel. Unser digital-autoritäres Jahrhundert
Brandstätter Verlag, Wien 2018, 288 Seiten, € 25

Globaler Run auf Lithium

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Sie wollte anderen Menschen helfen, um jeden Preis: Mary Jane Seacole wurde 1805 in Jamaikas Hauptstadt Kingston geboren. Ihre Mutter war eine jamaikanische Ärztin, die versklavte afrikanische Menschen und britische Soldaten pflegte. Ihr Vater, ein Schotte, war einer der Soldaten.

Ab dem Alter von zwölf Jahren half sie ihrer Mutter im Krankenhaus in Kingston. Auf ihren späteren Reisen durch die Karibik, Zentralamerika und Großbritannien erwarb sich Seacole umfassendes medizinisches Wissen.

Als 1853 der Krimkrieg ausbrach, bot sie der britischen Armee ihre Dienste als Krankenschwester an. Aus rassistischen Gründen wurde sie abgelehnt. Seacole ließ sich nicht entmutigen, reiste auf eigene Kosten um die halbe Welt und versorgte auf der Krim verwundete Soldaten.

Anders als ihre Zeitgenossin, die britische Krankenpflegerin Florence Nightingale, wurde sie nach ihrem Tod 1881 vergessen. Erst 2016 wurde ihr zu Ehren ein Denkmal vor dem St.-Thomas-Krankenhaus in London errichtet.

Honduras: Zeichen auf Neustart

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Seit Monaten demonstrieren die Menschen in Eswatini, vormals Swasiland, im Süden Afrikas für demokratische Reformen. Doch der letzte absolute Monarch am Kontinent will nicht freiwillig abtreten.

Schüsse und Tränengas in Eswatinis Hauptstadt Mbabane: Es ist Oktober und die vereinzelten Aufstände der vergangenen Monate haben sich in einen kompromisslosen Massenprotest verwandelt. In den Straßen des Kleinstaats, der im Westen von Südafrika umschlossen ist und im Osten an Mosambik grenzt, sind Tausende zusammengekommen, um Reformen einzufordern: Krankenpfleger*innen demonstrieren gegen Medikamentenengpässe, Schüler*innen für kostenlose Bildung und Busfahrer*innen für höhere Löhne.

Neben dem Frust über individuelle Alltagssorgen haben die Teilnehmer*innen der jüngsten Proteste ein großes, gemeinsames Ziel: mehr Mitsprache in einem Land, in dem König Mswati III., Afrikas letzter absoluter Monarch, alles bestimmt.

Dazu gehört auch die Forderung der Freilassung der beiden Parlamentsabgeordneten Mduduzi Bacede Mabuza und Mthandeni Dube. Diese hatten sich für eine demokratische Öffnung starkgemacht und müssen sich deshalb in einem Prozess verantworten. Für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ein „Hohn auf die Gerechtigkeit“, da die Politiker ausschließlich ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausgeübt hätten.

Mswati kann das Parlament jederzeit auflösen. Der König ernennt zudem den Regierungschef, der wiederum das Kabinett bestimmt. Die Menschen können zwar Abgeordnete wählen, aber es gibt keine wählbaren politischen Parteien.

Blutige Proteste. Internet und Telefonnetzwerke sind seit einem halben Jahr immer wieder tagelang blockiert. Trotzdem gelingt es den Demonstrant*innen, darunter Hunderte Schüler*innen, gegen den König zu mobilisieren. Im Schatten der subtropischen Wälder, die die Hügeln von Mbabane bedecken, liefern sie sich Verfolgungsjagden mit Mswatis Sicherheitskräften. Diese feuern ruchlos mit scharfer Munition auf die Aufständischen. Mindestens 80 Menschen starben.

„Die Hände des Königs triefen vor Blut. Und er hört nicht auf, weiter auf Menschen schießen zu lassen“, sagt Lucky Lukhele. Er ist Sprecher des Swaziland Solidarity Network (SSN), einer Solidaritätsbewegung in Südafrika, die Bewusstsein für die Menschenrechtssituation im benachbarten Königreich schaffen will.

Nachdem die königliche Polizei Lukhele vorübergehend verhaftet hatte, floh der Regimegegner Mitte der 1990er über die Grenze. „Es gibt aktuell mehr als 700 politische Gefangene in Swasiland“, betont er im Interview mit dem Südwind-Magazin.

Eswatini, den Namen, den das Königreich auf Mswatis Geheiß seit 2018 trägt, benutzt Lukhele selten. Er kritisiert die Willkür, mit welcher der Regent seit 35 Jahren sein Land wie einen Privatbesitz verwaltet.

Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1968 hatte Mswatis Vater, König Sobhuza II., das Mehrparteiensystem abgeschafft. Seitdem zerschlägt die Polizei Proteste unter Anwendung strenger Anti-Terror-Gesetze.

Auch Lukheles Organisation ist in Eswatini als „Terrororganisation“ verbannt. Bereits 2015 warnte der Monarch vor „Leuten, die nichts über unsere Kultur wissen“. Gemeint waren Pro-Demokratie-Aktivist*innen, vor denen er die Monarchie „beschützen“ wolle.

Mswatis Vermögen wird auf 170 Millionen Euro geschätzt. Zudem ist er überzeugter Polygamist. Während der Monarch und seine 15 Ehefrauen in Palästen residieren, müssen für mehr als die Hälfte der Bevölkerung 1,90 US-Dollar täglich ausreichen. Eswatini ist eines der ärmsten Länder der Region. Die Corona-Pandemie hat die wirtschaftliche Lage nochmals verschärft.

Mitsprache für alle! „Wir kämpfen dafür, dass Frauen nicht zurückgelassen werden und dass ihre Sorgen nicht untergehen“, sagt Nokuthula Mamba. Sie ist Generalsekretärin der Organisation Liphimbo Labomake (übersetzt: Frauenstimme) und setzt sich seit Jahren für Frauenrechte ein. Ein Problem ist die Abwesenheit von Frauen in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsämtern. Eswatini bleibe eine „patriarchalische Gesellschaft“, so Mamba.

Jetzt steckt das Land in einer politischen Sackgasse, die Fronten sind verhärtet: Weder der König noch die Demokratieaktivist*innen gehen auf die Gegenseite zu.

Laut Frauenrechtsaktivistin Mamba könne nur ein nationaler Dialog heraushelfen. Das sieht Zweli Martin Dlamini genauso. Er ist Herausgeber der unabhängigen Zeitung Swaziland News, deren Redakteur*innen von Johannesburg aus arbeiten. Zum vorläufigen Höhepunkt der Proteste im Herbst wandte er sich in einem offenen Brief an UN-Generalsekretär António Guterres mit der Bitte um Hilfe der internationalen Gemeinschaft.

„Das Volk kann ohne den König, aber der König nicht ohne sein Volk“, bemerkt Lukhele von der Solidaritätsbewegung SSN zynisch. Nur deshalb habe Mswati auf Druck des Nachbarlandes Südafrika hin eingewilligt, Gespräche mit Aktivist*innen zu suchen.

Eswatini ist wirtschaftlich von seinem großen Nachbarn abhängig, gleichzeitig ist Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa der Vorsitzende für Verteidigung, Politik und Sicherheitskooperation der Staatengemeinschaft SADC.

Mswati will die Forderungen im Frühjahr 2022 beim sogenannten Sibaya besprechen, einem traditionellen Forum, bei dem sich der König mit seinen Untertan*innen austauscht.

Was zu neuer Kritik führt. Lukhele: „Echter politischer Dialog ist mehr als eine dreitägige Veranstaltung in der brennenden Sonne, wo wir auf Kuhfladen sitzen und von den königlichen Gesandten kleingehalten werden.“

Eswatini 

Hauptstadt: Mbabane   

Fläche: 17.363 km² (Österreich: 83.880 km²) 

Einwohner*innen: 1,16 Millionen 

Human Development Index (HDI): Rang 138 von 189 (Österreich 18) 

BIP pro Kopf: 3.415,5 US-Dollar (2020, Österreich: 48.327,6 US-Dollar) 

Gini-Koeffizient (Einkommensungleichheit): 54,6 (2016, Österreich: 30,8) 

Regierungssystem: absolute Monarchie, Mswati III. ist seit 1986 König von Eswatini (bis 2018 offiziell Swasiland). Er ist der einzige absolutistisch regierende Herrscher in Afrika.

Umkämpfte Zukunft. Kann es überhaupt noch eine gemeinsame Zukunft der beiden Lager geben? Steven Gruzd, Politologe am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA), ist skeptisch: „Es würde bedeuten, dass ein absoluter Monarch wesentliche Macht abgeben müsste. Die Geschichte hat gezeigt, dass dieser Übergang nur selten reibungslos verläuft.“

Im 300 Kilometer entfernten Königreich Lesotho wird der Ministerpräsident vom Volk gewählt. Wäre eine konstitutionelle Monarchie ein Modell auch für Eswatini? Der König denke nicht daran, so Gruzd. Er sei Traditionalist durch und durch.

Die bisherige Antwort Südafrikas auf die Krise im Nachbarland, ein Gespräch zwischen Präsident Ramaphosa und Mswati, bewertet Gruzd als halbherzig.

Weitere Proteste würden die Position des Königs laut dem Politologen schwächen und ihn „zwingen, Zugeständnisse zu machen“.

Die verbotene Oppositionspartei Pudemo, kurz für People’s United Democratic Movement, bleibt jedenfalls kämpferisch. Laut ihrem Anführer, Mlungisi Makhanya, seien die Bürger*innen von Eswatini weiterhin „standhaft“ angesichts des „Terrors, den König Mswati auf sein Volk losgelassen hat“. Sie eint ein gemeinsames Ziel: Demokratie.

Markus Schönherr ist freier Journalist in Pretoria und berichtet für deutschsprachige Medien aus dem südlichen Afrika.

Am Schirm: Familie mit Grenzen

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Initiativen für transparente Politik

Monate ist es mittlerweile her, dass der Mega-Korruptionsskandal rund um Sebastian Kurz an die Öffentlichkeit kam. Über Reformen in den betroffenen Bereichen hat man vergleichsweise noch wenig gehört. Zum Glück gibt es Gruppen, die rasch aktiv geworden sind, die Druck auf die Politik machen wollen – und dafür Unterstützer*innen brauchen.

Die zivilgesellschaftliche Kampagnenorganisation Aufstehn fordert: „Schluss mit der Inseratenkorruption – für eine neue Medienförderung!“ (Vgl. auch das Vorab auf S. 3 in dieser Ausgabe.)

Im Herbst wurde zudem die Initiative „Saubere Hände“ gestartet, die konkrete Forderungen gegen Korruption formuliert. Zentral dabei ist ein dementsprechendes Volksbegehren (der Zeitpunkt der Eintragungswoche stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest).

Unterschreiben gegen Inseratenkorruption: actions.aufstehn.at/inseratenkorruption

Mitmachen & Korruption bekämpfen: sauberehaende.org sowie antikorruptionsbegehren.at

Voller Intensität, Kraft und Magie

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Sie begegnen Ihrem 18-jährigen Ich im Jahr 1951. Welchen Rat geben Sie sich?

Ich bekam damals ein Stipendium für einen USA-Aufenthalt und hatte große Erwartungen. Mein Rat an mich damals wie heute: das Beste daraus zu machen.

Welche Lebensweisheit würden Sie einer 18-Jährigen heute vermitteln?

Meine Enkelin ist 18 Jahre alt. Wir gingen neulich gemeinsam ins Burgtheater zu Schillers Maria Stuart. Sie sollte sehen, wie manche der klassischen Dichter Herausforderungen angehen. Wir können daraus lernen und für die heutige Zeit Lösungen finden.

Welche Beschäftigung erfüllt Sie mit Freude?

Ich treffe gerne meine Familie, Freunde und Freundinnen – wenn es nicht anders geht, auch online. Bewegung ist mir wichtig, damit der Geist nicht einschläft. Gerne mache ich Wanderungen in die Berge oder fahre Rad. Gelegentlich bringe ich mir Blumen mit nach Hause: die schauen mich dann an, wenn ich allein bei Tisch sitze.

Ilse Hanak
© Veronika Rimacek

Ilse Hanak wurde 1933 in Wien geboren. Sie studierte Anglistik und Psychologie und ging später mit ihrem Ehemann nach Salzburg, wo sie bis heute lebt. Das Ehepaar zog vier Kinder groß. Zig Reisen führten Hanak in viele Länder des Globalen Südens, vor allem in Afrika. Sie ist bis heute in diversen entwicklungspolitischen Initiativen und Gremien tätig:
u. a. in der Selbstbesteuerungs-gruppe „Erklärung von Salzburg für solidarische Entwicklung“, bei WIDE (Women in Development Europe) und auch bei Attac.

Im Fokus ihrer Arbeit standen und stehen Entwicklungszusammenarbeit und -politik sowie der Kampf für Gendergerechtigkeit. Im September 2021 wurde sie mit dem Südwind-Preis „Die Seglerin“ für ihr entwicklungspolitisches Lebenswerk ausgezeichnet.

Welcher Gedanke bringt Sie in der Früh aus dem Bett?

Oft schreibe ich mir am Vortag auf, was am nächsten Tag zu tun ist, um es nicht zu vergessen. Dann weiß ich auch, wofür ich aufstehe.

Wo halten Sie sich am liebsten auf?

In den Bergen, am Meer, in meiner alten Wohnung in Wien. Eigentlich geht es mir aber mehr darum, mit wem ich zusammen bin, der Ort ist zweitrangig.

Auf was achten Sie, wenn Sie jemanden kennenlernen?

Ich schaue darauf, ob und wie mein Gegenüber mich versteht und auf das eingeht, was ich sage.

Mit wem würden Sie gerne einen Kaffee trinken gehen und übers Leben reden?

Ich trinke Tee! Gerne würde ich Sven Giegold wieder einmal treffen, einen deutschen Grünen, der auch Attac mitbegründet hat, und mit ihm über Probleme und Lösungsansätze reden, was soziale Themen und die Umwelt betrifft.

Was kann jede und jeder heute noch tun, um einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten?

Es gibt so viele Möglichkeiten! Zum Beispiel kann jeder und jede sich an Hilfsorganisationen wenden und sie mit Spenden oder auch mit ehrenamtlichen Tätigkeiten unterstützen. Da sollte für alle etwas dabei sein!    

E-Mail aus: Montevideo

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Was untergehende Inseln mit Staatenlosigkeit zu tun haben, erklärt Juristin und Menschenrechtsexpertin Margit Ammer.

Durch die Auswirkungen der Klimakrise werden immer mehr Menschen gezwungen, ihr Land zu verlassen. Inwiefern sind sie von Staatenlosigkeit bedroht?

2020 wurden rund 30 Millionen Menschen aufgrund von Überflutungen, Wirbelstürmen, Meeresspiegelanstieg und Dürren an einen anderen Ort innerhalb ihres Heimatlandes vertrieben. Viele müssen das Land ganz verlassen.

Da es in letzterem Fall kein völkerrechtliches Instrument gibt, das dieses Problem explizit regelt, muss bestehendes Recht so gut es geht angewandt werden. Das Staatenlosigkeitsregime bietet hier wohl keine Lösung, auch wenn in manchen Fällen kleine Inselstaaten wie Tuvalu, Kiribati etc. „untergehen“ bzw. unbewohnbar werden und dadurch die Bewohner*innen faktisch „staatenlos“ werden könnten.

Was bedeutet das, wenn Menschen faktisch ihren Staat verlieren?

Dass sie zwar weiterhin eine Staatsangehörigkeit besitzen, ihre Rechte als Staatsbürger aber nicht ausüben können.

Die Definition von Staatenlosigkeit passt aktuell nicht auf das Problem von „untergehenden“ Inselstaaten.

Denn: Eine faktische Staatenlosigkeit ist nicht gedeckt. Das internationale Staatenlosigkeitsregime schützt nur „eine Person, die kein Staat aufgrund seines Rechtes als Staatsangehörigen ansieht“. Aber in diesem Fall wollen die betroffenen Staaten ja weiter bestehen. Tatsächlich könnte die Staatlichkeit aber infrage gestellt werden, wenn es keine Bevölkerung und/oder keine effektive Regierung mehr gibt.

Welche Ansätze diskutiert die Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen für betroffene Staaten?

Sie beschloss 2019, das Thema Meeresspiegelanstieg und Völkerrecht in ihr Arbeitsprogramm aufzunehmen. Bislang fokussierte sie auf das internationale Seerecht, im nächsten Jahr wird sie voraussichtlich die Themen Staatlichkeit und Schutz der vom Meeresspiegelanstieg betroffenen Menschen diskutieren.

Margit Ammer ist Juristin und seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte in Wien. Sie forscht insbesondere zum Thema Migration und Flucht im Kontext der Klimakrise.

Interview: Christine Tragler

Wie die Lobaubewegung tickt

Von Redaktion · · 2022/Jan-Feb

Der „Lebenszeichen“-Kalender zeigt einmal mehr die Diversität indigener Völker – und was wir alles von ihnen lernen können.

Zu sehen gibt es zwölf eindrucksvolle Fotos, zu lesen zwölf Geschichten von indigenen Völkern, die bedroht sind: Das ist der Wandkalender Lebenszeichen 2022, herausgegeben vom gleichnamigen Verein (vormals Gesellschaft für bedrohte Völker). Die diesjährige Ausgabe hat den Titel „Seitenblicke“.

Den Auftakt im Jänner macht Vandana Shiva, jene Trägerin des „Alternativen Nobelpreises“ (eigentlich Right Livelihood Award) aus Indien, die seit Jahrzehnten für die Umwelt und gegen multinationale Konzerne wie Monsanto-Bayer, Nestlé oder Coca-Cola kämpft: „In der Natur ist die Währung nicht das Geld, sondern das Leben“, sagt sie. Shiva setzt sich u.a. für den Schutz von Saatgut ein.

Vandana Shiva
Vandana Shiva / © LEBENSZEICHEN! – Gesellschaft für bedrohte Völker Österreich

Altes Wissen, neue Wege. Monat für Monat gibt es eine Geschichte über Menschen, die trotz sozialer und politischer Bedrängung hartnäckig und mutig an ihren Visionen festhalten und dabei immer wieder neue Wege finden, um etwas zu bewegen.

Die Tänzerinnen von Rajasthan, zum Beispiel, bieten Online-Kurse an, um ihr Einkommen zu sichern. Die Kayan Lahwi, die aus Myanmar nach Vietnam und Thailand geflohen sind und vor allem im Tourismus arbeiten, legen aus Protest gegen Ungerechtigkeiten ihre Halsringe ab, um Mädchen eine Chance auf Bildung zu ermöglichen.

Damit traditionelles Wissen für die nächsten Generationen erhalten bleibt, werden in der Mongolei nun auch Mädchen im Adlerjagen ausgebildet.

Und die Maori in Neuseeland lehren ihrem Nachwuchs das „Wissen um den Ozean“ und fordern von der Regierung, dass diese ihr Wissen im Naturschutz nutzt.

Lebenszeichen 2022 gibt es online unter lebenszeichen.shop sowie bei den Weltläden in ganz Österreich, um € 21,90

Philippinen nach Duterte

Von Redaktion · · 2021/Nov-Dez

Asien ist der global am schnellsten wachsende Markt für den Online-Handel mit Lebensmitteln und gilt als bevorzugtes Investitionsziel für multinationale Konzerne und Online-Händler. Die Coronapandemie treibt den Verkauf von Lebensmitteln über digitale Plattformen dabei weiter voran. E-Commerce im Lebensmittelbereich boomt, große Konzerne fahren enorme Gewinne ein.

Zwischen 2012 und 2016 wuchs der chinesische Online-Einzelhandelsmarkt für frische Lebensmittel von unter 580 Millionen auf fast 13,2 Milliarden US-Dollar. Allein 2016 war ein Wachstum von 80 Prozent zu verzeichnen.

Unternehmen wie Amazon oder Alibaba erzielen historische Gewinne. Jeff Bezos, CEO und Gründer von Amazon, hat sein persönliches Vermögen Berichten zufolge auch durch den Anstieg der Lebensmittelverkäufe im Jahr 2020 um 75 Milliarden Dollar gesteigert. JD.com, Chinas zweitgrößtes E-Commerce-Unternehmen, verzeichnete im Jänner 2020 einen Anstieg des Transaktionsvolumens um 374 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Diese Entwicklung stellt allerdings für kleine Lebensmittelproduzent*innen, lokale Märkte, Straßenhändler*innen und die Arbeiter*innen entlang der Wertschöpfungskette eine große Herausforderung dar. Digitale Plattformen verdrängen traditionelle Wertschöpfungsketten und schaffen ein geschlossenes Umfeld, in dem Inputs, Kredite, Logistik und Märkte zentral kontrolliert werden.

Konkret bedeutet dies, dass die Konzerne, die die Agrarindustrie mit Pestiziden, Saatgut und Traktoren beliefern, mit den digitalen Plattformen und Einzelhändlern verschmelzen.

Hochschulwochen: Entwicklungspolitisch reflektieren

Von Redaktion · · 2021/Nov-Dez

Ohne Vanille würde die Weihnachtszeit wohl anders schmecken: Das Aroma ist aus vielen Keks-Rezepten und Milchgetränken nicht wegzudenken. Auch in Parfums spielt es eine wichtige Rolle.

Ihren Ursprung hat die Orchideenpflanze in Mexiko. Tiefgründige bzw. schwarze Blumen nannten sie die Aztek*innen. Die Spanier*innen machten die Vanille in Europa bekannt, im 19. Jh. wurde sie dann via Niederlande und Frankreich nach Indonesien bzw. nach Réunion (damals Île Bourbon) gebracht und dort angebaut. Im 20. Jh. kamen noch Madagaskar, dann China als wichtige Anbauländer dazu.

Bis die Kapselhülle bzw. das darin enthaltene Vanillemark das typische Aroma in den Speisen entfalten kann, ist ein langwieriger Trocknungs-und Fermentationsprozess nötig. Das war und ist heute noch sehr kostenintensiv. Vanille ist nach Safran das zweitteuerste Gewürz der Welt. Schon 1874 gelang in Deutschland die synthetische Herstellung ihres Hauptaromastoffs, Vanillin. Heute macht es über 90 Prozent des weltweiten Verbrauchs aus. Die besten Vanillekipferl gelingen wohl dennoch mit dem echten Vanillemark.

cs

E-Mail aus: Sierra Leone

Von Redaktion · · 2021/Nov-Dez

Wie können wir angesichts der Bedrohungen durch die Klimakrise handlungsfähig bleiben? Und wie gehen junge Menschen mit Klimaangst um? Ein Stimmungsbild der Jugendredaktion von #VoicesOfChange.

Schon wieder gab es Waldbrände in Südeuropa, schon wieder hatten wir einen rekordheißen Sommer, schon wieder warnen Expert*innen vor sogenannten Tipping Points, also unumkehrbaren Kipp-Punkten im Klimasystem. Eigentlich sollte Krisenstimmung herrschen. Wir stehen vor einer globalen Katastrophe, doch nichts passiert. Von Panik, Angst oder wenigstens Sorge in der Gesellschaft kaum eine Spur. Jeder geht seinen alltäglichen Beschäftigungen nach, und die Politik scheint sich nicht weiter um die Klimakrise zu kümmern.

Aber können wir so weitermachen? Werden wir einfach mit den Folgen unseres Handelns leben müssen? Sollten wir nicht alle Angst vor ihnen haben?

Für uns als Mitglieder der Jugendredaktion #VoicesOfChange, ist Klimaangst etwas ganz Alltägliches. Die Jugendredaktion arbeitet im Rahmen einer von Südwind koordinierten europaweiten Klimagerechtigkeits-Kampagne #ClimateOfChange. Die Klimakrise wird die größte Krise unseres Lebens sein, und wir versuchen uns auf die möglichen Folgen einzustellen. Wir haben uns gefragt: Wie geht es eigentlich Menschen, die schon seit langer Zeit klimaaktivistisch arbeiten, mit diesem Gefühl?

Trauer, Wut, Angst. Das Phänomen der Klimaangst betrifft immer mehr Menschen. Man versteht darunter die emotionale Reaktion auf eine reale Bedrohung oder ganz konkret: die Angst und Sorge vor der Klimakrise und ihren fatalen Folgen.

Laut einer Studie des Sinus-Instituts, einem deutschen Sozialforschungsinstitut, verspüren mittlerweile 70 Prozent aller 14- bis 24-Jährigen große Klimaangst.

Um dieses Gefühl besser zu verstehen, haben wir mit der Psychologin und Nachhaltigkeitsexpertin Anna Pribil gesprochen. Sie ist ehrenamtliches Mitglied der Klimabewegung Psychologists for Future, die sich schon lange mit Klimaangst beschäftigt und Aktivist*innen kostenlos im Umgang damit berät.

Klimaangst ist keine psychische Störung und sollte nicht als abnormal betrachtet werden, sagt Psychologin Pribil. Das könnte sogar stark vom eigentlichen Problem, der Klimakrise, ablenken, da die Debatte dadurch individualisiert und der Fokus weniger auf die gemeinsame Bewältigung der Krise gelegt wird. Dennoch kann sich Klimaangst in den schlimmsten Fällen zu Depressionen und Angststörungen weiterentwickeln.

Pribil betont, dass es wichtig sei, die Probleme der jungen Leute ernst zu nehmen und ihre Ängste nicht herunterzuspielen. „Klimaangst kann zwar ein großer Motivator zum Handeln sein. Doch sie kann auch lähmend wirken, etwa wenn man sich überfordert fühlt, wenn man sich zu klein fühlt oder wenn man denkt, alleine kann man eh nichts bewirken oder verändern.”

Sand im Getriebe. Ähnlich sieht dasWolfgang Rehm. Seit mehr als 30 Jahren engagiert er sich in der Umweltorganisation Virus für Klima-und Umweltschutz. „Die Tatsache, dass sich die Jungen im Stich gelassen fühlen, hat eine sehr reale Grundlage: Die junge Generation wurde im Stich gelassen.“

Auch er macht sich Sorgen. Für ihn steht fest: Besorgt zu sein, ist keine rein emotionale Angelegenheit, sondern durchaus vernunftbasiert und auf einer richtigen Einordnung der Fakten beruhend.

Ein solches Faktum ist laut Rehm, dass Politiker*innen auf die nächsten Wahlen schielen und in erster Linie Politik für ältere Wähler*innen gemacht wird. Noch immer gäbe es keine wirksamen Maßnahmen zur Begrenzung und Reduktion des Treibhausgasausstoßes– weltweit und ganz besonders in Österreich. Gerade für ein Land, das sich traditionell gerne selbst als Umweltmusterland bezeichnet, sei es erschreckend, wie träge die Umwelt- und Klimaschutzpolitik in Österreich voranginge. Tatsächlich hat es Österreich entgegen etlicher Versprechen in den vergangenen 30 Jahren nicht geschafft, seine CO2-Bilanz zu verbessern. 

Gefragt nach seiner eigenen Motivation, sagt Rehm: „Was mich motiviert hat, aktivistisch tätig zu werden, ist, das Feld nicht denen zu überlassen, die verantwortlich sind. Und, wenn man mal da drinnen ist, bekommt man das Gefühl, etwas zu bewirken – selbst wenn’s mal nicht so gut läuft. Du bist trotzdem in gewisser Weise ein Punkt an einem Damm, der nicht brechen sollte und dann bleibst du an dem Posten, auch wenn’s dir nicht so gut geht.“

Gegenseitige Hilfe. Doch was können wir gegen die Klimaangst tun? Ein guter Weg, so Psychologin Pribil, sei es, selbst aktiv zu werden. Bereits kleine Veränderungen im Alltag können einem das Gefühl geben, etwas bewirken zu können. Bei Menschen mit starker Klimaangst kann es besonders helfen, sich einer Gruppe anzuschließen, da sich Betroffene mit anderen austauschen, über Gefühle reden können und dadurch Zuversicht gewinnen. Im Besonderen können die Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht durch die kollektive Wirksamkeit besser überwunden werden.

Und: Sich mit der Ursache, nämlich der Klimakrise und den durch die Menschen verursachten Emissionen, auseinanderzusetzen und nicht zu sehr auf die Klimaangst selbst zu fokussieren, sei ebenfalls hilfreich.

Aber: Der Kern des Problems liegt in der Politik. Die Psychologin betont, dass es konkrete politische Maßnahmen braucht, wie beispielsweise die Einführung einer CO2-Steuer, um Klimaangst nachhaltig zu bekämpfen.

Also ja, vielleicht sollten wir Angst haben. Doch diese Angst muss nicht unbedingt etwas Lähmendes sein. Sie ist etwas ganz Natürliches und kann sehr motivierend sein und uns zum gemeinsamen Handeln anregen. Gerade wenn wieder einmal erschreckende Bilder von Unwetterkatastrophen die Runde machen, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass niemand mit diesen Herausforderungen alleine ist. Hingegen, wenn wir alle gemeinsam anpacken, schaffen wir das. Auch da sind sich die Expert*innen einig.

Olivia Wasik studiert Politikwissenschaft in Wien und Paulina Exner ist eine Schülerin aus Linz. Sie sind Mitglieder der Jugendredaktion #Voices of Change bei Südwind und haben sich diesen Sommer vor allem mit den Themen Klimagerechtigkeit und Klimakrise beschäftigt.

Die Genfer Flüchtlingskonvention weitergedacht

Von Redaktion · ·

Grenzzäune stehen weltweit wieder hoch im Kurs. Über Wohlstandsmauern, smarte Grenzen und abgeschnittene Fluchtrouten spricht der Berliner Soziologe Steffen Mau im Interview.

Wir stehen unter dem Eindruck der Bilder aus Afghanistan und der Versuche der Menschen, die Landesgrenze zu überwinden. Worin unterscheidet sich die Situation eines Flüchtlings in Marseille 1940, der wie in Anna Seghers Buch „Transit“ den Atlantik überqueren muss, von den Flüchtenden dieser Tage?

Zunächst einmal gibt es Parallelen, für beide ist es der Versuch des Exits aus einer bedrohlichen Situation, wobei Pässe und Visa eine wichtige Rolle spielen. Wir haben heute natürlich viel machtvollere Bilder, die bedrückenden Geschehnisse auf dem Flughafen in Kabul sind uns allen vor Augen. Darüber hinaus sind Mobilität und Migration vielfältiger geworden, es sind viel mehr Personen, die sich heute bewegen beziehungsweise bewegen müssen. In einer Studie aus den 1950er Jahren wurden die Deutschen gefragt, ob sie jemals im Ausland waren. 26 Prozent bejahten dies. Heute geben 60 Prozent der Deutschen an, in den vergangenen zwölf Monaten im Ausland gewesen zu sein. Das heisst, grenzüberschreitende Mobilität ist eine alltägliche Erfahrung und ein normatives Leitmodell geworden.

Befinden sich Grenzen also in einem Aggregatszustand der Verflüssigung?

Das ist jedenfalls das dominante Narrativ der Globalisierungsforschung. Die Mobilitätssteigerung und die Entgrenzung sind ja zentrale Bestandteile des Globalisierungsdiskurses. Dagegen argumentiert mein Buch, wobei ich nicht in Abrede stelle, dass Öffnung stattfindet. Es gibt aber eine Gleichzeitigkeit von Öffnung und Schliessung. Meine Hauptthese ist, dass Grenzen sich in Richtung halbdurchlässiger Filter verändern, die einerseits Durchflüsse von Personen, die ökonomisch willkommen sind, erlauben und andererseits solchen Personengruppen, die als Risiko gesehen werden, zunehmend als Barriere gegenübertreten. Das heisst, Grenzen werden viel selektiver als in der Vergangenheit und zu machtvollen Sortiermaschinen umgebaut.

Wenn wir Mobilität als selbstverständlich betrachten, ist das also eine ziemlich egozentrische Sicht.

Die Mobilitätserzähler sind selbst die Begünstigten dieser Öffnungsprozesse, weil etwa hochrangige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus westlichen Ländern Grenzen leicht überschreiten können. Das führt zu einer sehr einseitigen Sicht auf Globalisierung, man sieht nicht, dass es jede Menge Exklusionsprozesse gibt. Mobilisierung und Immobilisierung sind zwei Seiten derselben Medaille. Zugespitzt könnte man sagen, dass, weil wir mobiler werden, andere immobiler werden müssen. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass achtzig Prozent der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug betreten haben, in westlichen Gesellschaften werden Sie nur wenige Leute finden, auf die dies – etwa aufgrund von Flugangst – zutrifft.

Kapitalströme fließen ungehindert, warum ist das bei Personen anders?

In unserer Form von Staatlichkeit spielen Fragen von Aufenthalt, Zugehörigkeit und Identität eine große Rolle. Wir bewegen uns ja nicht nur in einem Transitraum, halten uns nicht nur zufällig in einem Staatsgebiet auf. Die meisten Leute leben in ihrem Geburtsland, wir sind größtenteils eine, wenn auch mobile, Insassengesellschaft. Die Mobilitätsberechtigung wird staatlich reguliert, und reiche Demokratien haben es seit den 1970er Jahren geschafft, mehr und mehr Mobilität für ihre Bürger zu erreichen, ohne selbst offener zu werden. Sie streichen die Globalisierungsdividende ein, sind aber recht rigide im Hinblick auf die Freizügigkeit für andere.

Nach dem Fall der Berliner Mauer sind zumindest die Systemgrenzen gefallen. Wo verlaufen die Demarkationslinien heute?

Es gibt unterschiedliche Arten von harten, fortifizierten Grenzen, wie ich sie nenne. 1989 gab es nur zwölf davon, heute sind es über siebzig. In globaler Perspektive gibt es also ein wirkliches „Mauerbaufieber“. Häufig verlaufen die Mauern entlang der Wohlstandsgrenzen und in Regionen, wo der Migrationsdruck sehr stark ist. Und wir beobachten neue Formen von geopolitischen und auf Territorialkonflikte bezogenen Grenzbildungen. Die afrikanischen Wohlstandsmauern, in Südafrika und Botswana etwa, sind sehr stark wohlstandsgeprägt, die Türkei baut Mauern gegen Geflüchtete aus Syrien, aber es existieren auch viele fortifizierte Grenzen auf dem asiatischen Kontinent, zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen oder Indien und Pakistan. Aber an diesen scheinbar gehärteten Grenzen soll nicht jede Art von Bewegungen unterbunden werden, sondern nur die unerwünschten.

Kulturelle Unterschiede spielen entgegen den Annahmen von Samuel P. Huntington, der den Clash of Civilizations“ prophezeite, also keine zentrale Rolle?

Ja, das ist interessant. Nach 9/11 hat man beispielsweise angenommen, es würden sich harte Grenzen bilden, die sich auf terroristische Bedrohungen beziehen. Aber kulturelle Unterschiede oder gar terroristische Bedrohungen sind nur schwache Erklärungsfaktoren bei der Grenzziehung, Reiseprivilegien finden wir auch bei den Bürgern aus reichen Golfstaaten.

Grenzschließungen werden politisch auch instrumentalisiert, wie das aktuelle Beispiel von Weißrussland und Litauen zeigt.

Die Möglichkeiten der EU-Anrainerstaaten, die Nachbarstaaten durch Grenzmanipulation unter Druck zu setzen, gehören zum Kräftemessen, Geflüchtete fungieren dabei als Verschiebemasse auf dem Bahnhof der Weltpolitik. Einen ähnlichen Fall hatten wir im Mai in Marokko, wo die Menschen plötzlich nicht mehr von der marokkanischen Grenzpolizei aufgehalten wurden. Es ist generell ein Phänomen, dass viele Grenzkontrollen gar nicht mehr an der eigentlichen Grenzlinie stattfinden, sondern exterritorialisiert werden unter Einbindung anderer Länder wie in der Subsahara oder im Fall der Maghrebstaaten, die im Interesse der EU die Fluchtrouten abschneiden.

Vor und hinter den Grenzen entstehen Lager. Sind das die neuen Enklaven einer entgrenzten Welt?

Ganz sicher, diese Lager bilden eine eigene Art von Territorialität aus. Der Zu- und Weggang wird stark kontrolliert, die Menschen werden registriert und kaserniert. In den Lagern werden nicht genau zuzuordnende oder unwillkommene Menschen eingekapselt, die Lager werden oft vom Provisorium zur stabilen und dauerhaften Struktur. Es entstehen dabei rechtliche Sonder- und Kontrollzonen, die sich aus dem ungeklärten Status der sich dort aufhaltenden Personen ableiten. Auf Satellitenbildern sieht man, dass diese Lager oft entweder vor oder direkt hinter der Grenze liegen.

Wie hat sich das Kontrollregime an den Grenzen verändert?

Schon während der ersten Globalisierungsphase Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Einreisende auf ihren Gesundheitszustand überprüft, in den USA hat man damals deren Zähne und die körperliche Verfassung untersucht. Heute haben sich die digitalen und biometrischen Erfassungsmöglichkeiten enorm ausgeweitet. Irisscan, Gesichtsvermessung oder der Fingerabdruck werden quasi erkennungsdienstlich in den Einsatz gebracht, es entstehen grosse Datenspeicher, und der globale Informationsaustausch wurde forciert. Das führt dazu, dass Smart Borders entstehen, in denen Daten mit Biometrie zusammenkommen. Durch Algorithmen lassen sich dann individualisierte Risiko-Scores berechnen.

Die Risikoklassifizierung betrifft aber nicht nur die unerwünschten anderen, sondern prinzipiell alle, die Grenzen überschreiten wollen?

Wenn wir heute freiwillig immer mehr sensible Daten abgeben, kann daraus auf einen Trusted Traveller, eine vertrauenswürdige Person, geschlossen werden, und der Staat kann seine Kontrollaktivitäten auf diejenigen konzentrieren, die nicht willkommen sind. Gute Daten sind letztlich der Reputationsnachweis eines internationalisierten Mobilitätsscreenings, und aus der pauschalen Grenze, an der alle gleichbehandelt werden, wird eine individualisierte Grenze. Momentan befinden wir uns in einer Zwischenphase, aber in den USA gibt es Unternehmen, die sich in Flughäfen einkaufen und bei denen Reisende sich für einen bestimmten Betrag vorregistrieren lassen, ihre Daten abgeben und dann die Schleusen relativ flüssig passieren können. Das könnte die Zukunft des Reisens sein, angereichert noch durch bestimmte Gesundheitsinformationen.

Die Ausweitung der Verdachtszone haben wir während Corona erlebt, als plötzlich offene Grenzen dichtgemacht und wir unvorstellbar in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden. Könnte unter der Ägide der Sicherheit das gesundheitliche Risikoprofil einmal Staatszugehörigkeit als Zugangsmerkmal ersetzen?

Daran wird bereits gearbeitet. Die Problematik der Herstellung von Sicherheit an der Grenze hat seit 9/11 eine enorme Ausweitung erfahren und eine Intensivierung von Kontrolle mit sich gebracht. Dieser Prozess verstärkt sich durch die Pandemie, gleichzeitig gibt es eine Diffusion der Kontrolle in den öffentlichen Raum. Der Nachweis der gesundheitlichen Unbedenklichkeit bezieht sich ja nicht nur auf den Grenzübertritt, ähnliche Kontrollregimes gibt es für öffentliche Einrichtungen und Ähnliches.

Der Soziologe Ulrich Beck hat darüber nachgedacht, dass die Kosmopolitisierung mit einer Renationalisierung von Gesellschaft einhergehen könnte. Gilt dies auch für Ihr Thema?

Ich beziehe mich auf eine Beobachtung von Saskia Sassen, die vom Paradox des Nationalen spricht und sagt, dass Globalisierung und Nationalstaat nicht notwendig in eine solche Spannung geraten, wie wir häufig annehmen. Globalisierung bedeutet nicht in jedem Fall Denationalisierung. Die Grenze ist zum Beispiel keine nationale Angelegenheit mehr, sondern ist selbst globalisiert. Aber Ausgangspunkt ist das nationale Interesse an der globalisierten Grenze, und sie führt wieder zum Nationalen zurück in Form ausdifferenzierter Kontrollräume. Da die meisten Territorialgrenzen heutzutage fix sind, hat die Filterfunktion an Bedeutung gewonnen: Wer darf die Grenzen passieren und wer nicht?

Interview: Ulrike Baureithel

Steffen Mau (52) ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er beschäftigt sich in seiner Forschung insbesondere mit Fragen der sozialen Ungleichheit. Er wurde 2021 mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

Steffen Mau: Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert. C. H. Beck Verlag, München 2021, 189 Seiten. € 15,95.

Das Interview erschien Anfang September in der deutschen Wochenzeitung der Freitag und der Schweizer Wochenzeitung WoZ.

„Die grüne Sahelzone ist keine Utopie“

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Globaler Background: Die Hammer-Projektion stellt die gesamte Erdoberfläche flächentreu als Ellipse dar. Sie ist nach Ernst von Hammer, einem deutschen Geometer benannt, der sie 1892 entwickelte.

Neue Feind*innen der Pressefreiheit

Global

Sie zensieren Medien, hetzen gegen Journalist*innen, verhaften Medien-schaffende: 37 Staats- und Regierungsoberhäupter stehen auf der Liste der weltweit größten „Feindinnen und Feinde der Pressefreiheit“, veröffentlicht im Sommer 2021 von der international tätigen NGO Reporter ohne Grenzen. Darunter der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman und die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam. Zum ersten Mal auf der Liste ist ein EU-Ministerpräsident: Viktor Orbán.

Europas Autoindustrie zerstört Wälder

© Peer V / CC BY-SA 3.0

Paraguay

Was haben Kühe, die in Paraguay auf illegal gerodetem indigenen Land weiden, mit unseren Autositzen zu tun? Einiges. Schließlich gehen rund 60 Prozent der Kuhlederexporte aus zerstörten paraguayischen Wäldern nach Europa. Das zeigt die Studie „Grand Theft Chaco“ der britischen NGO Earthsight. Untersucht wurde, wie der Lederkonsum der europäischen Autoindustrie mit der Waldrodung im paraguayischen Gran Chaco zusammenhängt. Entlang der Leder-Lieferkette wird deutlich, dass es nicht reicht, nur die unmittelbaren Zulieferer im Blick zu haben.

Erneut schwere Menschenrechtsverletzungen an Geflüchteten

Libyen

Neue Beweise für schwere Menschenrechtsverletzungen in Libyen, darunter Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt, liefert ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Männer, Frauen und Kinder, die bei der Überquerung des Mittelmeers aufgegriffen und unter Zwang in libysche Haftzentren gebracht werden, sind dort Folter und Misshandlungen ausgesetzt. Zwischen Jänner und Juni 2021 hat die von der EU unterstützte libysche Küstenwache rund 15.000 Menschen auf hoher See abgefangen und nach Libyen zurückgeschickt.

Investition in Ökostrom

Dominikanische Republik

Energiewende in der Dominikanischen Republik: Der Karibikstaat will künftig 25 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien beziehen und bis 2050 CO2-neutral werden. Dafür sollen Windparks und Solarkraftwerke massiv ausgebaut werden. Unterstützt wird das Projekt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Im zehn Millionen Einwohner*innen zählenden Land leben rund 300.000 Menschen ohne Strom. Derzeit deckt der Inselstaat 85 Prozent seines Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen ab.

101

Weltweit

Welche Parteien sich am längsten an der Regierung halten konnten, hat das deutsche Katapult-Magazin recherchiert. Unangefochten auf Platz eins steht die konservative True Whig Party, die 101 Jahre lang in Liberia regierte (1878–1979), gefolgt von der mongolischen Volkspartei, die 75 Jahre die Macht innehatte (1921–1996). Platz drei und vier nehmen Nordkorea mit 73 Jahren (seit 1948 regiert die Arbeiterpartei) und China mit 72 Jahren (seit 1949 regiert die Kommunistische Partei) ein.

Rote Linien für die Machthaber*innen

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Geschätzte 12.000 Sprachen waren seit den Anfängen der Menschheit über den Globus verteilt – ein immenser Schatz unterschiedlicher Sichten auf die Welt und ihre Geschichte. Viele sind verloren gegangen. Es bedarf intensiver Bemühungen, das noch vorhandene kulturelle Sprachgut zu bewahren. Eine Einführung.

Wie würde eine Gesellschaft ohne Sprache aussehen? Was unterscheidet Menschen von Tieren? Wie würde man sich fühlen, wenn man als einzige*r Sprecher*in der eigenen Erstsprache verbliebe?

Dies sind nur einige Fragen, die aufzeigen, was Sprache für uns Menschen bedeutet. Die eigene Sprache erhalten zu können, wurde 1996 von der UNESCO als Menschenrecht anerkannt. Die immense Vielfalt an Möglichkeiten, Gedanken verbal auszudrücken, birgt noch immer große Geheimnisse, weil viele Sprachen gar nicht oder nicht genügend erforscht sind.

Ob es je dazu kommen wird, ihre Geheimnisse zu entschlüsseln, ist fraglich, denn die Sprachenvielfalt ist bedroht: Noch gibt es etwa 7.000 verschiedene Sprachen weltweit. Ungefähr fünf Prozent haben jeweils mehr als eine Million Sprecher*innen und werden von zirka 94 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen. Das heißt im Umkehrschluss, dass die große Mehrzahl an Sprachen von insgesamt nur sechs Prozent der Menschen verwendet wird. Mindestens die Hälfte davon, also weit über 3.000 Sprachen, wird wohl im Laufe dieses Jahrhunderts für immer verloren gehen.

Gesellschaftliche Hierarchien. In der Vergangenheit war der Verlust von Sprachen mit Naturkatastrophen, Seuchen, Hungersnöten oder Kriegen verbunden, die ganze Völker vernichteten. Die Ursachen sind auch heute vielfältig und haben häufig mit dem Status einer Sprache in den Augen einer Mehrheitsgesellschaft zu tun – und damit mit den Hierarchien zwischen verschiedenen Gesellschaften. Max Weinreich, ein russischer Linguist und Experte für das Jiddische, drückte es folgendermaßen aus, als ein Zuhörer ihn in seiner Vorlesung fragte, was der Unterschied zwischen einer Sprache und einem Dialekt sei: „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine.“

Viele Menschen verwenden das Wort „Dialekt“, wenn sie über kleine Sprachen reden. Dabei unterscheiden sich diese häufig strukturell ebenso sehr voneinander wie zum Beispiel das Deutsche vom Chinesischen. Der relevante Unterschied ist dann, dass eine „Sprache“, zumal in Europa, mit einem Nationalstaat in Verbindung gebracht wird. Kleine Sprachen hingegen werden meist von marginalisierten Bevölkerungsgruppen gesprochen.

Assimilationsdruck. Ein Beispiel ist Nordamerika: Ursprünglich gab es dort mehr als 300 kleinere Sprachen, heute sind es 150. Nur etwa 70 werden noch an die nächste Generation weitergegeben. Die Ursache ist die Kolonialisierung durch die Europäer: Deren systematische Gewalt gegenüber vorgefundenen Sprachgemeinschaften, Völkermorde und eingeschleppte Krankheiten sind für den Tod der Sprachen und von Millionen Menschen verantwortlich. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts richtete sich der Assimilationsdruck seitens der Mehrheitsgesellschaft explizit gegen den Gebrauch der traditionellen Sprachen. In Schulen war es den Kindern verboten, diese zu sprechen.

Ähnlich erging es vielen australischen Sprachen: Völkermorde, aber besonders die Verschleppung von Kindern durch die Kolonialist*innen unterbrachen die Weitergabe vieler Sprachen abrupt. Von ehemals über 358 Sprachen sind 226 ausgestorben, eine einzige gilt als „nicht gefährdet“ – laut glottolog.org, einem Online-Portal, das den Bedrohungsgrad von Sprachen auf Karten darstellt.

Im Prozess der sogenannten Zivilisation sind weltweit ein paar Tausend Sprachen für immer verschwunden („Atlas der verlorenen Sprachen“, Duden 2020, Berlin).

Heutzutage ist einer der wichtigsten Faktoren die Globalisierung. Es bedarf keiner Verbote: Allein der Status als Minoritätensprache kann bewirken, dass die Mehrheitssprache als „nützlicher“ wahrgenommen wird, weil man sie für Schule, Arbeit oder Behördengänge brauchen kann. Sie wird mit Modernität und wirtschaftlichem Wohlstand assoziiert. Die Älteren hören an einem gewissen Punkt häufig auf, mit den Jüngeren in ihrer eigenen Sprache zu sprechen. Dann ist sie wirklich gefährdet.

Wie spricht Österreich? 

Ist man in Wien mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, erlebt man die stetig wachsende und weitverzweigte Sprachenvielfalt. Es fällt auf, dass man schon längst nicht mehr alle Sprachen identifizieren kann. Das ist nicht weiter erstaunlich, sind es doch laut Arbeiterkammer mehr als 100. Auch unsere österreichische Welt ist bunter geworden.   

Deutsch ist als offizielle Staatssprache festgeschrieben. Daneben sind in der Verfassung einige Minderheitensprachen als solche offiziell anerkannt: Ungarisch, Slowenisch, Burgenlandkroatisch, Tschechisch, Slowakisch, Romani und die Gebärdensprache. Der entsprechende Schutz bedeutet unter anderem: In bestimmten Regionen besteht ein Anspruch auf Unterricht in der Erstsprache; in einigen Gerichtsbezirken sind Slowenisch und Kroatisch Amtssprachen. 

Vielleicht gibt es in naher Zukunft eine Erweiterung: Im Regierungsprogramm von 2020 steht, dass die Anerkennung des Jenischen als Minderheitensprache geprüft werden soll. Historisch waren die Jenischen Angehörige marginalisierter Bevölkerungsgruppen in Europa. Sie wurden ökonomisch, rechtlich und sozial ausgeschlossen. Diskriminiert und kriminalisiert entwickelten sie zeitweise einen „fahrenden“ Lebensstil und im Verborgenen ihre Kultur. Da Wissen und Traditionen mündlich weitergegeben werden, spielt die Sprache als Trägerin von Kultur eine besonders wichtige Rolle.   

Etwa 100.000 Jenische leben in Deutschland, der Schweiz und Österreich – eine kleine Gruppe wohnt zum Beispiel in Loosdorf bei Melk. Die Anerkennung als Volksgruppe wurde in der Schweiz 2016 vollzogen. Das EU-Land Österreich überlegt noch.   

Hunderttausende Migrant*innen haben seit Jahren ihren Lebensmittelpunkt in Österreich. Dennoch fallen die von ihnen gesprochenen Sprachen nicht unter das Minderheitenschutzrecht und müssen daher in Schulen nicht weiter berücksichtigt werden. So kann man bis heute bei den Fremdsprachen etwa nicht Arabisch, Türkisch, Serbisch, Kroatisch oder Bosnisch als Maturafach wählen. 

Ein Detail der Sprachenvielfalt: In Österreich wird in einer christlichen Diasporagemeinde Aramäisch gesprochen, eine der ältesten durchgehend bis heute gesprochenen Sprachen.   red

Sprachschatz sichern. Die Sprachdokumentation, eine Disziplin der Linguistik, bemüht sich, viele der bedrohten Sprachen zumindest zu dokumentieren. An der Universität Köln etwa werden große Sammlungen von Audio- und Videomaterial angelegt, die möglichst viele der verschiedenen Kontexte beinhalten, in denen eine Sprache gebraucht wird. Sollte eine Sprachgemeinschaft sich entschließen, ihre Sprache wiederbeleben zu wollen, stünde ihr auf diese Weise zumindest theoretisch die Möglichkeit zur Verfügung. Leider fehlt es derzeit zumeist an finanzieller Unterstützung zur Umsetzung solch anwendungsbezogener Maßnahmen.

Auch wenn es weltweit Initiativen und Projekte gibt, ist in vielen Fällen das Verschwinden einer Sprache kaum mehr aufzuhalten. Um diesen Prozess zu stoppen, müssen die Sprecher*innen selbst daran glauben können, dass sich die Bemühungen lohnen. Durch Sprachcamps, bilingualen Schulunterricht und Erwachsenenbildung können Interessierte ihr kulturelles Erbe zurückerobern. Im besten Falle wird die Sprache wieder ganz natürlich in verschiedenen Kontexten verwendet.

Dies ist beispielsweise beim Kornischen gelungen, einer keltischen Sprache im Vereinigten Königreich. Obwohl die letzte Sprecherin im späten 18. Jahrhundert gestorben ist, gibt es aktuell wieder einige hundert aktive Sprecher*innen, darunter auch einige, die Kornisch als Erstsprache beherrschen.

Solcherlei Erfolgsgeschichten sind jedoch selten. Es bedarf einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung von Sprecher*innen, Politik und Wissenschaft, um zu verhindern, dass der immense Schatz, den die weltweite Sprachenvielfalt darstellt, uns innerhalb der nächsten Jahrzehnte für immer verloren geht.

Henrike Frye ist Linguistin an der Universität Köln und Mitglied der „Gesellschaft für bedrohte Sprachen“.

Lokalaugenschein: Beim Tandoor-Ofen

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Infomaterialien

Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine elementare Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung weltweit: Ausgehend von dieser Perspektive hat der Verein Südwind im Rahmen eines internationalen Projekts Materialien für eine gendersensible Pädagogik in Schulen entwickelt.

Mit einer Bestandsaufnahme im Schnellverfahren können Lehrende den Status quo der eigenen Schule erheben und erkennen, in welchen Bereichen Verbesserungen möglich sind. Umfassende Bildungsmaterialen – viele davon zum Downloaden – helfen dabei, diese zu erreichen.

So geht nachhaltige Entwicklung

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Oberösterreich-Wahl

Am 26. September sind die Menschen in Oberösterreich aufgerufen, Landtag und Gemeinderäte zu wählen. 13 Prozent der Bevölkerung im Wahlalter sind davon jedoch ausgeschlossen, weil sie nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen – das sind über 160.000 Menschen, in Linz sogar mehr als ein Viertel der Wohnbevölkerung.

Um ein Zeichen gegen diesen Ausschluss zu setzen, veranstaltet Dem21, die oberösterreichische Initiative für mehr Demokratie, von 23. August bis 17. September die dritte Pass-Egal-Wahl im Bundesland. Dabei können alle wählen, die über 16 Jahre alt sind und in Oberösterreich ihren Lebensmittelpunkt haben, aber keinen österreichischen Pass besitzen. Auch Personen mit Pass sind eingeladen, mitzumachen und sich so für mehr Demokratie einzusetzen.

Nichts muss so bleiben, wie es ist

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Wo der Globale Süden in der Berichterstattung deutschsprachiger und internationaler Leitmedien bleibt, wurde mit einer empirischen Langzeitstudie untersucht.

Ganze 16 Sendeminuten insgesamt. So viel Zeit widmete die deutsche Tageschau der größten Cholera-Epidemie der Menschheitsgeschichte, die sich 2017 im Jemen ausbreitete. Die Tagesschau, eine der wichtigsten deutschsprachigen Nachrichtensendungen, ist bei Weitem nicht das einzige Medium oder Sendeformat, das von Teilen der Welt, die sich außerhalb Europas und der USA befinden, kaum berichtet.

Zuerst war es nur ein Eindruck. Dann wollte es Ladislaus Ludescher, Germanist und Historiker der Universität Frankfurt, genauer wissen. Für seine Langzeitstudie „Vergessene Welten und blinde Flecken“ analysierte er ausgewählte Medien im Zeitraum 2007-2019 sowie als Vergleichsjahr 1996. Dazu zählten unter anderem Print-Berichte der US-amerikanischen Zeitung The Washington Post, der britischen Zeitung The Guardian, des deutschen Magazins Der Spiegel, der französischen Zeitung Le Monde sowie diverse TV-Nachrichtensendungen, darunter über 5.000 Sendungen der deutschen Tagesschau.

Das Ergebnis war wenig überraschend: Der Globale Süden wird in Medien massiv vernachlässigt. Jetzt hat Ludescher eine Petition gestartet, um auf diese Leerstelle hinzuweisen.

Aus dem Sinn. Neu ist diese Unterrepräsentation nicht. Bereits 2001 stellte der Journalist Ralf Leonhard in seiner Studie „Analyse der entwicklungspolitischen Berichterstattung des ORF-Fernsehen“ für Österreich fest, dass Länder des Globalen Südens im öffentlich-rechtlichen Rundfunk höchstens in Zusammenhang mit den berühmten drei K – Kriege, Krisen, Katastrophen – vorkommen. Aufgrund dieses Missstandes wurde im Dialog mit dem ORF die Informationsstelle für Journalismus & Entwicklungspolitik (www.isje.at) gegründet, die von Südwind koordiniert, vor allem von der Austrian Development Agency finanziert und von Journalist*innen unterstützt wird.

Doch nicht einmal die „K-Themen“ verschaffen immer Aufmerksamkeit: Laut Ludeschers Untersuchung fand etwa die Hungerkatastrophe in Ostafrika und der Tschadsee-Region 2017 in den Medien kaum Niederschlag. Sie bedrohte immerhin 37 Millionen Menschen mit dem Hungertod und wurde von den Vereinten Nationen als eine der schlimmsten Katastrophen bezeichnet.

Selbstbeschäftigung. Eindringlich zeigte sich das auch in der gegenwärtigen Pandemie: Nur fünf Prozent der Berichte, die in der Tagesschau zu Covid-19 ausgestrahlt wurden, beschäftigten sich mit der Situation im Globalen Süden. „Es scheint fast so, als ob die Pandemie nur im Globalen Norden stattfinden würde“, sagt der Studienautor.

Das kann auch Martin Sturmer bestätigen. Der österreichische Afrikanist und Gründer der Nachrichtenplattform Afrika.info vermisst generell in der Berichterstattung über Afrika das Gespräch mit afrikanischen Interviewpartner*innen: „Es gibt genug afrikanische Expertinnen und Expertinnen zum Thema, aber meist interviewt man heimische, die wenig Erleuchtendes zur Situation in Afrika beizutragen haben.“

Weniger vor Ort. Es sei verständlich, dass das Interesse für das, was „vor der Haustür liegt“, größer sei als für Ereignisse, die weiter weg geschehen, so Germanist und Historiker Ludescher. Dass nicht einmal Länder wie Frankreich oder Großbritannien, die aufgrund ihrer Kolonial- und Migrationsgeschichte enger mit Ländern im Globalen Süden verbunden sind, mehr über diese berichten, sei wiederum erstaunlich.

Wodurch die Situation weiter verschärft wird: Die Redaktionen werden ausgedünnt, viele Medien verfügen über keine eigenen Korrespondent*innen mehr und sind auf Nachrichtenagenturen sowie freie Journalist*innen angewiesen – die oftmals unter prekären, sehr schwierigen Bedingungen vor Ort arbeiten.

Ein Beispiel: Während ein TV-Studio des deutschen Senders ARD in Prag die Länder Tschechien und Slowakei mit insgesamt rund 16 Millionen Einwohner*innen abdeckt, stemmen im ARD-Studio in Nairobi, Kenia, zwei Korrespondent*innen die ganze Arbeit. Sie sind für 38 afrikanische Staaten mit rund 870 Millionen Einwohner*innen zuständig.

Deshalb plädiert Kommunikationsberater Sturmer schon lange dafür, mehr auf regionale afrikanische Journalist*innen zu bauen: „Bis dato ist aber leider noch nicht viel passiert, die meisten Medien setzen immer noch auf das klassische Korrespondenten-Modell“, so Sturmer.

Mediales Echosystem. Die Vernachlässigung des Globalen Südens in der Berichterstattung ist laut Studienautor Ludescher auch dem sogenannten medialen Diskurszirkel geschuldet: Ein Medium informiert zu einem Thema, die meisten anderen Medien springen auf und berichten über dasselbe. Es entsteht eine mediale Echokammer, in der die gleichen Geschichten wiederholt werden und vergleichsweise unkonventionelle Themen den Kreislauf schwer durchbrechen.

Zudem fehle es oft an einem gewissen Grundwissen. Wolle man ein Thema über Burkina Faso bei einer politischen Talkshow behandeln, bräuchte es wohl für die meisten Zuseher*innen zuerst eine längere Basiseinführung über das Land. Bei Print-Berichten dürfe die Landkarte nicht fehlen, um das Land überhaupt einmal verorten zu können.

Die Konsequenz? „Wir können nur auf Dinge reagieren, von denen wir wissen, die also in unser Bewusstsein gelangt sind“, erläutert Ludescher die Konsequenzen der eingeschränkten Medienberichterstattung.

Hilfsorganisationen beklagen immer wieder, dass bei Katastrophen oft Spendengelder fehlen – auch durch die geringe Medienaufmerksamkeit. Ludescher: „Wir sehen das in der aktuellen Pandemie: Die reine Selbstbezogenheit ist in Zeiten globaler Vernetzung fatal.“

Vergessene Nachrichten. Wichtig sei es, Bewusstsein zu schaffen. Ludescher selbst schrieb rund 400 Medien sowie alle deutschen Bundestagsabgeordneten an. Für die Berichterstattung über den Globalen Süden brauche es mehr finanzielle Ressourcen. Sowohl Politik, als auch Medienkonzerne seien gefordert.

Auch der Afrikanist Sturmer sieht eine große Verantwortung nicht zuletzt bei den Medien selbst: „Es gibt viele engagierte Journalistinnen und Journalisten, die Themen vorschlagen und aufbereiten, die aber von den Redaktionen nicht genommen werden“. Es müsse hier auch in den Leitmedien die Chance geben, andere Inhalte zu platzieren.

Fehlt es redaktionsintern an Expertise, bieten sich Reporter*innen-Netzwerke wie Weltreporter, Riffreporter oder das Portal „Deine Korrespondentin“ an. Hierzulande arbeitet auch Radio Afrika an einem Angebot ähnlich jenem von Afrika.info.

Milena Österreicher ist freie Journalistin und Übersetzerin für Spanisch und Portugiesisch.

Die Online-Petition „Ende der medialen Vernachlässigung des Globalen Südens“ ist auf change.org zu finden.

Die Studie kann kostenlos unter ivr-heidelberg.de heruntergeladen werden.

Film ab

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Eine feine Buchauswahl für den Sommerausklang, heraufziehende kältere Temperaturen und zur Klimakrise.

Wer im Spätsommer den autobiografischen Roman Mister Potter (Kampa, Zürich 2021, 224 Seiten, € 22,60) von der in Antigua und Barbuda geborenen Schriftstellerin Jamaica Kincaid liest, fühlt sie vielleicht noch mehr: die in einer ganz eigenen Sprache beschriebene warme tropische Luft, die karibische Sonne, die Farben und das Meer der Insel, ganz abseits von Klischeebildern. Sie umrahmen die Geschichte über einen Mann, den sie nie kennengelernt hat, und der ihr doch am meisten fehlt: ihr Vater, der Zeit seines Lebens mehr wollte als Taxifahren, aber seine Ziele nie erreichte.

Wer Lust auf Kälte hat, liest schon mal über den Schnee. Der französische Autor Sylvain Tesson schreibt in Der Schneeleopard (Rowohlt, Hamburg 2021, 192 Seiten, € 20,60) langsam und eindrücklich, fast meditativ, über das Warten auf die Begegnung mit einem der seltensten Tiere der Erde in der Bergwelt Tibets. Er und seine Begleiter bereiten sich auf den kostbaren Moment vor, in dem sich der Schneeleopard ihnen zeigen wird – oder auch nicht. Das Mitwarten gilt auch für die Leser*innen, gestaltet sich aber alles andere als langweilig.

In Wetter (Piper, München 2021, 224 Seiten, € 20,60) geht es nicht nur, aber auch um das Klima. Die US-amerikanische Autorin Jenny Offill lässt ihre Protagonistin Lizzie Angst spüren. Als Mutter fragt sich Lizzie, was für eine Welt wir unseren Kindern hinterlassen, als Schwester eines Ex-Junkies ist sie gefordert, und im Nebenjob beantwortet sie Fragen zum Weltuntergang auf einem alarmistischen Podcast. Die Klimakrise ist ständig präsent in diesem ungewöhnlichen Episodenroman, der zugleich düster und pointiert lustig ist.

Nadia Mürwald ist Filialleiterin der Südwind Weltmusik in 1070 Wien.

Diese Bücher und noch viele mehr erhalten Sie in beiden Filialen in Wien bzw. im Onlineshop: suedwind-buchwelt.at

Sicherheit ist relativ

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Im Jänner ging das Medienprojekt „Die Chefredaktion“, ein News-Kanal, auf Instagram online. Geschaffen wurde es von der Journalistin Melisa Erkurt. Ihr Team besteht aus jungen Medienschaffenden, vielfach mit Migrationshintergrund bzw. Diskriminierungserfahrung. Sie produzieren v.a. Kurzvideos zu gesellschaftspolitischen Themen.

Zu sehen (im Netz auch ohne App):

instagram.com/die_chefredaktion

Sahel – ein fragiles Jahrzehnt

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Seit dem 19. Jahrhundert in der britischen Kolonialzeit wird in Sri Lanka – vormals Ceylon – im Süden des indischen Subkontinents Tee angebaut. Für die Plantagenwirtschaft wurden in den 1820er Jahren südindische Tamil*innen ins Land gebracht, die unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten mussten. Viele ihrer Nachfahr*innen arbeiten noch heute hauptsächlich als Pflückerinnen im Hochland der Insel. Sri Lanka liegt unter den teeproduzierenden Ländern weltweit auf Platz vier.

Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen sind bis heute von Ausbeutung und Diskriminierung geprägt. Immer wieder demonstrieren die rund 500.000 Pflückerinnen, u.a. für höhere Löhne. Seit Jahren fordern sie zumindest 1.000 Sri-Lanka-Rupien, umgerechnet ca. 4,2 Euro pro Tag.

Im Jänner 2020 lernten die Journalistin Laura Fornell und der Fotograf Oscar Espinosa aus Barcelona eine Arbeiterin im Ort Nanu Oya kennen, die sie einlud, ihren Alltag zu dokumentieren und auf ihre prekäre Situation hinzuweisen. Die 50-Jährige musste zu diesem Zeitpunkt 18 Kilo Teeblätter pflücken, um am Ende des Tages mit 700 Rupien (damals 3,5 Euro) nach Hause gehen zu können. Sie tröstet sich mit dem Gedanken, dass sie die letzte in ihrer Familie ist, die auf einer Teeplantage arbeiten muss. Ihre Kinder haben Jobs in anderen Bereichen gefunden.

Fotos: Oscar Espinosa

Um den Weg zur Arbeit abzukürzen, gehen diese Frauen auf den Schienen zur Plantage. © Oscar Espinosa
Viele Frauen verrichten ihre Arbeit barfuß im unwegsamen Gelände, weil sie kein Geld für passendes Schuhwerk haben. © Oscar Espinosa

Wer war … David Kato?

Von Redaktion · · 2021/Sep-Okt

Von: Manuel Preusser

Betreff: Rette sich, wer kann!

Liebe Redaktion,

trotz der Versuche, Normalität herzustellen, hat sich das Leben in Quito, Ecuadors Hauptstadt, im Zuge der Corona-Pandemie enorm verändert. Die unzähligen Straßenverkäufer*innen passten sich schnell an die neue Situation an: Heute werden überall in der Stadt Desinfektionsalkohol und Gesichtsmasken verkauft.

In einer Bar wurde uns ein Teller mit Essensresten auf den Tisch gestellt. „Wenn die Polizei kommt, sagt, dass ihr das gegessen habt“, bat uns die Kellnerin. Offiziell dürfen Gaststätten nur Alkohol verkaufen, wenn auch Speisen konsumiert werden.

Fast alle hier haben Covid-Todesfälle im direkten Umfeld miterlebt. Viele Menschen sind mit Ganzkörper-Schutzanzügen und doppeltem Mund-Nasen-Schutz unterwegs. Wenn man in ein Einkaufszentrum oder in ein Lokal geht, wird Fieber gemessen und desinfiziert – oft sogar Kleidung, Schuhsohlen und Restgeld.

Die Menschen wissen, dass sie im Fall einer Infektion auf sich selbst gestellt sind. Die öffentlichen Krankenhäuser sind seit über einem Jahr vollkommen überfordert, das Personal wurde monatelang nicht bezahlt. Es gibt keine Coronahilfen, Tests sind teuer und die offiziellen Infektions- und Todeszahlen unglaubwürdig.

Den Luxus, das Coronavirus zu leugnen oder kleinzureden, können sich hier nur wenige leisten.

Liebe Grüße,

Manuel

Das Straßenfest kommt wieder – mit Poetry Slam!

Von Redaktion · ·

Auf der Suche nach Gold riskieren tausende Kenianer*innen ihr Leben. Fairtrade versucht, die Bedingungen zu verbessern. Aber der Weg dorthin ist schwierig.

Jane Akinyi beugt sich über eine Metallschüssel und fährt mit der Hand durch schlammiges, quecksilberhaltiges Wasser. Die 35-Jährige arbeitet im Goldgürtel im Südwesten Kenias, in der Gegend um Migori. Hier wird buchstäblich überall gebuddelt, geschürft und gewaschen – ohne dass jemand den Bergbau reguliert.

Von der Landstraße aus sind in dem Ort Masara nur kleine Hütten zu sehen: Garküchen, kleine Läden, Motorradwerkstätten. Schon am Vormittag dröhnt Musik aus etlichen Boxen, als gäbe es etwas zu feiern. Und in der Luft hängt der Geruch von Alkohol.

Der Schlamm in Akinyis Metallschüssel ist das Gestein aus den Stollen, von etlichen Arbeiter*innen oder der Mühle zu Sand und Staub zermahlen. Das Quecksilber bindet das Gold, zieht es also gleichsam aus der Erde zu mehr oder weniger großen Klumpen zusammen. Das Problem daran: Quecksilber ist hochgiftig, es greift unter anderem die Nerven an.

Irgendwann gelangen die Abwässer in die Umwelt. Das Quecksilber verseucht dann auch die Erde und die Luft, gelangt über die Nahrungskette in Fische, die wiederum von Menschen gegessen werden.

Wie viele Menschen an dem hochgiftigen Stoff schon gestorben sind oder durch ihn schwer behindert wurden, kann niemand sagen. Aber es gab Untersuchungen an Goldschürfer*innen in mehreren Ländern, darunter in Kolumbien, Simbabwe und Tansania. Laut den Vereinten Nationen haben sich dabei Quecksilberkonzentrationen gezeigt, die die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um das bis zu 50-Fache überschritten. Symptome wie verminderte motorische Fähigkeiten, Mattheit und Gewichtsverlust sind nach dem 2006 erstellten Bericht bei Arbeiter*innen in Goldminen alltäglich.

Das alles möchte Fairtrade ändern. Die Organisation hat klare Regeln für Arbeitsschutz, Bezahlung, Umweltschutz und Handel mit dem wertvollen Rohstoff aufgestellt. Während in Lateinamerika bereits die ersten Fairtrade-Zertifikate im Goldbergbau vergeben wurden, ist der Bereich in Afrika noch im Aufbau.

Was es zudem braucht: Investitionen in andere Methoden, die weniger Quecksilber nötig machen.

Dass Quecksilber gefährlich ist, habe sie gehört, sagt Akinyi. „Aber ich weiß nicht, wo ich sonst Geld verdienen könnte, um mich und meine Kinder zu ernähren.“ Als ihr Mann vor drei Jahren an einer Krankheit starb, ließ er sie mit zwei kleinen Kindern zurück. In der Goldmine verdiene sie am Tag durchschnittlich 700 Shilling, sagt sie, etwa 5,50 Euro. Für eine ungelernte Arbeitskraft ist das in Kenia kein schlechter Verdienst.

Jane Akinyi wäscht das zu Staub gemahlene Gestein in einer Mischung aus Wasser und giftigem Quecksilber. © Bettina Rühl

Ohne Sicherheit. Ein paar Meter von Akinyi entfernt erholt sich John Serama von zwei Stunden Arbeit unter Tage. Bald wird er wieder in den engen und kaum gesicherten Stollen hinabsteigen.

Der 30-Jährige hat eine deutlich wahrnehmbare Alkoholfahne. Vor dem Abstieg in den Stollen habe er sich etwas Changaa genehmigt, gibt er auf Nachfrage zu – den illegal gebrannten, hochprozentigen Schnaps, der kaum etwas kostet und lange Zeit verboten war, weil er schwere Schäden hervorrufen kann.

Serama erzählt, dass er jedes Mal etwas trinkt, bevor er in die Goldgrube steigt: „Aus Angst.“ Der Familienvater arbeitet erst seit einem Jahr als Schürfer, hat durch Unfälle in Minen schon fünf Menschen sterben sehen.

Dass er selbst mit dem Leben davon kam, sei reines Glück: „Beim ersten Unfall stürzte der Stollen ein. Wir waren mit zehn Leuten unten. Zwei waren auf der Stelle tot, einer starb auf dem Weg ins Krankenhaus.“ Bei einem anderen Unfall gab es ein Problem mit der Verkabelung der Wasserpumpe. „Zwei Menschen bekamen einen Stromschlag. Sie waren sofort tot“, erinnert er sich.

Auf der Suche nach dem glänzenden Edelmetall gehen weltweit rund 40 Millionen Menschen ähnliche Risiken ein wie Akinyi und Serama. In Kenia arbeiten nach Schätzungen 40.000 Menschen direkt im Gold-Kleinbergbau, darunter 8.000 Kinder. Die Tätigkeit ist gefährlich und ungesund. Viele finden keine andere Arbeit, von der sie leben können.

Noch lang nicht fair. Wie ist die Perspektive in Sachen fairer Handel bzw. Herstellung? „Die Zwischenbilanz ist leider sehr gemischt“, sagt Claudia Brück von Fairtrade. Einer der Gründe: Die Ausgangssituation in den Minen sei so weit von dem zertifizierbaren Zustand entfernt, dass sich viele Genossenschaften abschrecken ließen. Denn für eine Zertifizierung ist einiger Aufwand nötig: Stollen müssen abgesichert und Schutzkleidung muss verteilt werden. Quecksilber darf nicht mehr verwendet werden.

Die Arbeiter*innen müssen sich in einer Kooperative oder Genossenschaft organisieren. Bereits das ist mit Kosten verbunden, zusätzlich müssen sie für das Zertifikat bezahlen – und das jährlich. Das Geld geht an die unabhängige Organisation, die regelmäßig die Einhaltung der Standards überprüft.

Währenddessen können die Genossenschaften nicht sicher sein, ob sie dank der Zertifizierung auch wirklich mehr verkaufen, ihre Investition also wieder hereinbekommen. Denn das Siegel ist zwar eine Möglichkeit, neue Märkte zu erschließen, aber eben keine Garantie.

Der Marktanteil von fair gehandeltem Gold liegt laut Brück von Fairtrade noch unter einem Prozent. Viele Produzierende scheuen deshalb vor den Investitionen für das Zertifikat zurück.

Neuer Anlauf. Fairtrade und einige Goldgräber*innen in Kenia und Uganda geben noch nicht auf: Im Rahmen der Europäischen Partnerschaft für verantwortlichen Bergbau, kurz EPRM, will Fairtrade bis 2024 mindestens 30 Organisationen von Schürfer*innen in Uganda und Kenia unterstützen. Ein Lieferkettengesetz der EU, das verbindliche Verantwortung für global wirtschaftende Konzerne einfordert, könnte dem zusätzlichen Auftrieb geben.

Vielleicht ist der Markt für fair gehandeltes Gold ja bis dahin so weit gewachsen, dass sich die Investitionen in Arbeitssicherheit und Umweltschutz für die Menschen in den Abbauländern lohnen.

Bettina Rühl ist freiberufliche Journalistin mit dem Schwerpunkt Afrika und arbeitet für mehrere Zeitungen sowie den Hörfunk der ARD. Sie lebt in Nairobi.

Alles nur geklaut!

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Sie haben in mehreren Ländern gelebt. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Im Laufe meines Lebens waren das schon mehrere Orte. Ausschlaggebend dafür sind für mich die Menschen, mit denen ich lebe. Aktuell bin ich mit meiner Familie in einem Mehrgenerationenhaus im Stubaital daheim.

Wenn Ihnen eine Fähigkeit geschenkt würde, welche wäre es?

Ich würde mich manchmal gerne emotional ein bisschen besser abgrenzen können, etwa von den Erwartungen anderer an mich und auch von großen globalen Herausforderungen wie der Klimakrise oder Fluchtthemen. Ich arbeite daran.

Was bringen Sie Menschen gerne bei?

Ich liebe es, Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit zu bestärken, sprich, ihnen ihre Handlungsspielräume bewusst zu machen.

Der beste Rat, den Sie je bekommen haben:

Immer wieder versuchen, ganz im Jetzt zu sein, achtsam zu bleiben. Sowohl im Beruf als auch als Mutter hilft mir das, flexibel zu bleiben.

Joanna Egger

© privat

Joanna Egger, 38, ist in Tirol geboren und aufgewachsen. Mit 18 Jahren entschied sie sich im Rah-men des Europäischen Freiwilligendienstes für ein Jahr nach Spanien zu gehen, wo sie in einer Jugendorganisation arbeitete. Dann studierte sie Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Gender Studies in Innsbruck und forschte einige Monate in der Türkei.
Daneben engagierte sie sich für die österreichische Fotoinitiative Ipsum in Pakistan, dann in Tirol u.a. für den Verein Aranea für transkulturelle, feministische Bildungsarbeit für Mädchen.
Egger arbeitete als Koordinatorin für das EU-Bildungsprogramm Jugend in Aktion sowie für Südwind Tirol. 2019 wechselte sie in die Selbstständigkeit, und nun ist sie als freie Bildungsarbeiterin und externe Lehrende in den Bereichen Nachhaltige Entwicklung, SDGs, Global Citizenship Education sowie Anti-Bias-Arbeit tätig.

social-change.rocks

Was ist schwieriger: Die richtigen Dinge zu tun oder die Dinge richtig zu tun?

Ich spüre ganz gut, was für mich richtig ist. Ich muss mich dann aber manchmal bemühen, diesen Sachen meine 100-prozentige Aufmerksamkeit zu geben.

In welchen Momenten fühlen Sie sich rundum zufrieden?

Wenn ich alleine durch den Wald gehe und seine Kraft spüre. Wenn ich mit der Familie auf Haustausch-Urlaub bin oder Menschen kennenlerne. Neues aufzunehmen tut gut.

Was macht Ihnen Angst?

Auf globaler Ebene sind es die zunehmenden sozialen Ungleichheiten und die Klimakrise. Auf persönlicher Ebene die Vergänglichkeit der Menschen, die mir wichtig sind, und auch meine eigene.

Wer oder was inspiriert Sie?

Zeit meines Lebens waren und sind es Frauen, die ihre Meinung sagen, wenn sie Ungerechtigkeiten wahrnehmen, z.B. meine Mutter, meine Freundinnen sowie andere politisch aktive Frauen.

Worauf achten Sie, wenn Sie jemandem zum ersten Mal begegnen?

Vor Corona war es der Händedruck, denn er gibt ein Gefühl der Präsenz. Jetzt ist es ein bewusster Blick in die Augen des Gegenübers.

Werner Leiss hört sich um: Zwei famose Duos

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Nur gute Nachrichten: Fünf Tage die Woche je sechs „Good News“ bietet die gleichnamige Online-Plattform. Der Fokus liegt auf Lösungsansätzen für soziale und ökologische Herausforderungen, ausgesucht aus über 100 deutschsprachigen Medien. Sie ist Teil der deutschen Good Impact Foundation und kostenlos via App, Newsletter und Website abrufbar.

Lesestoff: Sommerbücher mit Sinn

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Etwa 60 Arten Basilikum gibt es weltweit. Die europäische Unterart spielt besonders mit den grünblättrigen Sorten in den Küchen Italiens und Griechenlands eine wichtige Rolle. Dort wurden sie schon in der Antike zu religiösen Zwecken eingesetzt und im Mittelalter medizinisch genutzt, z.B. gegen Kopfschmerzen oder Appetitlosigkeit. Funden in Pyramiden zufolge wurde Basilikum auch im Alten Ägypten kultiviert und seit 1000 v.Chr. in Vorderindien als Gewürz-, Heil- und Zierpflanze verwendet.

Noch heute ist das Indische Basilikum, Tulsi oder „heiliges Kraut“ genannt, ein wichtiger Bestandteil in hinduistischen Zeremonien und in der ayurvedischen Heilkunst. Die Blätter werden z. B. als Tee getrunken, etwa bei Schwächen im Verdauungstrakt oder zum Schutz des Immunsystems und wegen seiner antibakteriellen Wirkung. Viele thailändische Suppengerichte werden mit Zitronenbasilikum und süßem Basilikum, das einen anisartigen Geruch und rötliche Stängel hat, verfeinert. In der vietnamesischen Küche wird es roh dem Salat beigemischt.

Die Blätter aller Sorten können (gefrier)getrocknet haltbar gemacht werden, am intensivsten schmecken sie aber im nicht erhitzten Zustand. Und weil´s zudem so richtig duftet, wird das ätherische Öl auch in der Kosmetikindustrie eingesetzt.

Abschied von einem Pionier

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Workshop-Angebot

„Ahoi! Eine Reise durch die bunte Welt der Sprachen“ heißt ein neuer interaktiver Workshop von Südwind Oberösterreich. Es geht dabei vor allem um die Wertschätzung der Sprachenvielfalt. Der Workshop ist für Schüler*innen der 3. und 4. Klasse Volksschule, dauert zwei Unterrichtseinheiten und wird von Referent*innen direkt an der Schule durchgeführt.

Das Angebot ist Teil des Projekts Sprachenvielfalt in Gemeinden. Im Rahmen des Projekts sind Volksschulen zudem aufgerufen, sich an Spracherhebungen zu beteiligen. Aus den Ergebnissen wird Südwind Infomaterialien erstellen.

Alle Angebote sind kostenlos.

Mehrweg als eine Lösung

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Dieses Mal mit Produzent und Kameramann Walid Gorgy.

Walid Gorgy, 37, kommt aus der irakischen Stadt Falludscha. In Bagdad studierte er Chemie. Auf der Suche nach einem Nebenjob versuchte er 2003 beim Sicherheitsdienst eines TV-Senders anzuheuern. Den Job bekam er nicht, aber auf Anraten eines Freundes bewarb er sich dort dann als Moderator. Mit Erfolg: Er machte zusätzlich einige Monate Kriegsberichterstattung u.a. für die BBC und CNN, dann schloss er sein Studium ab. Kurz darauf gründete Gorgy seine eigene Produktionsfirma und arbeitete für Radio und Fernsehen. 2013 musste er nach einer der Regierung nicht genehmen Berichterstattung das Land verlassen.

instagram.com/gorgy_walid

Über die Türkei kam er 2015 nach Wien. Er lernte Deutsch, kaufte sich eine Kamera und fing nach einem Praktikum beim TV-Sender Puls 4 als selbstständiger Produzent, Cutter, Gestalter und Kameramann zu arbeiten an. Auch von hier aus machte er Kriegsberichterstattung, z.B. zu Syrien oder der Ukraine. „Am liebsten sind mir aber kreative Arbeiten, wie Kurzfilme oder Musikvideos“, so Gorgy.

Gerade hat er ein Haus im Weinviertel gekauft: „Jetzt bringe ich alles unter ein Dach: Die Familie und das Studio für eigene Produktionen.“

„Das ganze Wirtschaftssystem muss sich ändern“

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Hansalim gilt als eine der weltweit größten Genossenschaften für landwirtschaftliche Bio-Produkte. Ein Lokalaugenschein im südkoreanischen Bezirk Goesan, wo in den 1980er Jahren alles begonnen hat.

Während der Proteste der 1980er Jahre gegen die Diktatur von Chun Doo-hwan wendeten sich die Bäuerinnen und Bauern von Goesan im Zentrum der Republik Korea (Südkorea) das erste Mal an die Städter*innen: „Rettet euren Esstisch! Rettet uns Bauern!“ 1986 gründeten sie die Genossenschaft Hansalim für landwirtschaftliche Bioprodukte, die als eine der größten der Welt gilt. 2.400 Betriebe und rund 650.000 Konsument*innen sind Mitglieder bei Hansalim, übersetzt: „Bewahre alles Lebendige“.

Bündnis Stadt-Land. Heute sind in der Region Goesan 250 landwirtschaftliche Betriebe Mitglied bei Hansalim, auch der Hof des 67-jährigen Kyung Gong-ho.

Kyung ist überzeugt, dass die Bäuerinnen und Bauern zuallererst für eine gesunde Ernährung zu sorgen und die Konsument*innen das Leben der Bauernschaft zu sichern hätten: „Hansalim ist ein Schutzschild. Die Gegenwart ist gnadenlos zu Bauern, die nicht nur Profit machen wollen.“ Doch die Zeit stehe nicht still und die Lage sei komplizierter geworden. Die Geschwindigkeit des Wachstums von Hansalim auf Seite der Konsument*innen habe nachgelassen in den vergangenen Jahren. Es gebe mehr Konkurrenz durch andere Anbieter ökologischer Lebensmittel, was ja eigentlich gut sei, aber für die Genossenschaft auch Herausforderungen bedeuten würde.

Bauernhöfe und Fabriken. Hansalim umfasst nicht nur Bauernhöfe, sondern auch verarbeitende Betriebe für Soja, Reis oder Getreide. In Goesan ist das beispielsweise die Multigrain Farming Cooperation. In der Fabrik wird Getreide getrocknet, gereinigt, gelagert, verpackt und in die Städte geschickt.

An den Fabriken von Hansalim sind in der Regel Produzent*innen und Konsument*innen gemeinsam beteiligt. Da ihr Betrieb nicht gewinnorientiert ist, werden Überschüsse wieder investiert, zum Beispiel in neue Maschinen. Über die Investitionen entscheidet ein gemeinsamer Beirat. „Auf dem freien Markt gehen zwischen 30 und 50 Prozent des Preises in die Verarbeitung, den Vertrieb und die Werbung“, sagt Kyung, „bei uns sind es nur fünf bis sieben Prozent.“

Rasches Wachstum 

Hansalim wurde 1986 im Bezirk Goesan gegründet. Die beiden wichtigsten Prinzipien der Genossenschaft lauten: Solidarität zwischen Stadt und Land und Schutz der Umwelt.  Hansalim wuchs schnell, vor allem auf Seite der Konsument*innen: 1995 waren es 10.000, aktuell sind es 644.000. Für sie produzieren 2.400 landwirtschaftliche Betriebe in ganz Südkorea. Die Produkte werden in eigenen Geschäften verkauft. 2015 eröffnete Hansalim ein eigenes Analysezentrum zur Lebensmittelsicherheit.  Hansalim setzt sich in Kampagnen für gesunde Ernährung und für ökologische Landwirtschaft ein und engagiert sich für soziale Belange in Südkorea und dem Ausland.  T. A.

Saatgutrettung. Ziemlich in der Mitte des Bezirks Goesan liegt der Hof der Familie von Ahn Sang-hee. Der 70-jährige Bauer ist seit 1986 Mitglied bei Hansalim. Er hat ein Leben lang Reis angebaut und Schweine gezüchtet. Da er seinen Kindern den Hof nicht übergeben will („die würden ihn am Ende sowieso nur verkaufen“), hat er sich 2014 einen alten Traum erfüllt und eine – wie er es nennt – Samenfabrik gegründet.

Auf dem Land seiner Vorfahren soll die Zukunft Koreas wachsen. Irgendwann will er die 24.000 Quadratmeter Fläche Hansalim stiften. Die Genossenschaft unterstützt seine Initiative schon jetzt und bezahlt die Löhne für die zwei Mitarbeiter.

„Heute kommen nur noch etwa 30 Prozent des verwendeten Saatgutes aus dem Inland“, sagt Ahn, „wir müssen jetzt unsere einheimischen Samen sammeln, um sie morgen noch anbauen zu können.“

In einer auf minus 20 Grad gekühlten Kammer lagern hunderte Sorten, vor allem Reis- und Getreidesamen. Ahn bekommt sie von Bäuerinnen und Bauern aus dem ganzen Land zugeschickt. Er baut sie an, um größere Mengen Saatgut zu gewinnen, die er dann mit Hansalim-Betrieben tauscht.

Ahn führt durch die Felder, die sich an den Hang eines kleinen Berges schmiegen. Zuerst ein Feld Sesambüsche, zwischen denen der kleine Mann fast verschwindet, anschließend ein paar Reihen Schwarzbohnen, vier Reihen Erdnusssträucher, drei Reihen Hirse, einige Dattelbäume. Dann zeigt er die Gewächshäuser, in denen verschiedene Sorten Pfefferoni stehen.

Republik Korea (Südkorea) 

Hauptstadt: Seoul   

Fläche: 100.210 km2 (ca. 1,2 mal so groß wie Österreich) 

Einwohner*innen: 51,7 Millionen (2019) 

Human Development Index (HDI): Rang 23 von 189 (Österreich 18) 

BIP pro Kopf: 31.846,2 US-Dollar (2019) (Österreich: 50.121,6 US-Dollar, 2019) 

Gini-Koeffizient (Einkommensungleichheit): 31,4 (2016, Österrreich: 30,8, 2018) 

Regierungssystem: Republik mit Präsidialverfassung, Präsident ist Moon Jae-in, seit 2017.

Schließlich unterhalb des Waldes in einer kleinen Senke das Feld mit Reis, insgesamt 17 verschiedene Sorten, Ahns ganz besonderer Stolz. Neulich, erzählt er, sei im Auftrag von Hansalim eine Gruppe von Forscher*innen auf dem Feld gewesen. In nur zehn Minuten hätten sie über 30 verschiedene Arten von Insekten und Fröschen gefunden.

Neue Generation. Bei der Gründung von Hansalim war die Bevölkerung von Goesan zu 30 Prozent bäuerlich, heute sind noch drei Prozent Bäuerinnen und Bauern. Seit einiger Zeit werden es allerdings wieder mehr.

Park Ho-chul, 34, ist einer dieser neuen Bauern. Zusammen mit seiner Frau Kim Hye-sung, 35, ist er vor drei Jahren von Seoul nach Goesan gezogen. Seit ihrer Hochzeit 2013 sind sie Mitglieder von Hansalim, zuerst auf Seite der Konsument*innen.

Und sie waren auf der Suche, erzählt Park. Ihre Generation gilt als die erste in Südkorea, für die Ökologie ein wichtiges Thema ist. Und sie gilt als desillusioniert: „Nur Wirtschaft und Wettbewerb und noch mehr Wirtschaft und Wettbewerb, das macht dich leer“, sagt Kim, die in Seoul als Kindergärtnerin gearbeitet hat.

Als sie 2016 in Goesan an einem Kurs teilnahmen, der Leuten zeigte, was in einem Garten alles angepflanzt werden kann, waren sie so fasziniert, dass sie das Häusermeer Seouls gegen die grünen Hügel Goesans eintauschten. Park begann eine Ausbildung zum Landwirt. Kim verkauft Gemüse – auch das von ihrem Mann produzierte – im örtlichen Geschäft von Hansalim.

„Gemeinschaft ist eigentlich der Kern der koreanischen Landwirtschaft“, sagt Park. Darauf baue Hansalim auf und erweitere sie um die Menschen in den Städten.

Zukunft. Gibt es Grenzen für das Wachstum der Genossenschaft? Park lässt sich Zeit mit der Antwort: „Es gibt immer mehr Bauern, die Hansalim beitreten wollen. Ich kann das verstehen.“

Die Einkommensunterschiede seien auch bei Hansalim groß, „je nachdem wie viele Felder du hast“. Aber durch die Preisgarantie hätten alle ein solides Einkommen. „Aktuell bekommst du als Bauer für Gemüse 30, für Obst 50 Prozent des Verkaufspreises, bei Hansalim dagegen 73 Prozent.“

Mit anderen Bauern spreche er oft über die Zukunft. Viele seien dafür, mehr Konsument*innen zu gewinnen und dafür auch Werbung zu machen. Park findet allerdings, Hansalim solle nicht weiter wachsen. Andere Kooperativen könnten ja das Konzept kopieren. „Ich glaube, die Philosophie von Hansalim verträgt nur eine bestimmte Größe.“

Tobias Asmuth ist  freier Journalist aus Berlin. Er schreibt Reportagen aus aller Welt für deutschsprachige Magazine und Zeitungen.

Dieser Artikel ist in ähnlicher Form im Magazin Brand Eins 02/2019 erschienen.

Wenn der Chef verschwindet

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Genossenschaften haben großes Potenzial, zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele beizutragen.

Die Buranga Cooperative in Ruanda ist ein gutes Beispiel für eine gelebte Genossenschaft: Frauen haben sich zusammengeschlossen, um ihrer extremen Armut zu entkommen. Sie stellen Näharbeiten und Kunsthandwerk her und verkaufen es gemeinschaftlich. Die erklärten Ziele dieser Genossenschaft sind: Frauen fördern, praktische Fertigkeiten vermitteln und damit Jobs und Einkommen erlangen.

Nach dem grauenhaften Genozid von 1994 war Ruanda lange Zeit paralysiert und wirtschaftlich am Boden. Voraussetzung für einen Wiederaufbau war ein Aufeinanderzugehen der Volksgruppen der Hutu und Tutsi.

Entsprechende Initiativen entstanden auf unterschiedlichen Ebenen. Unter anderem wurde die Genossenschaftsbewegung, die in Ruanda vor dem Genozid recht lebhaft gewesen war, ab 2006 wieder gefördert, an der Basis, aber auch durch nationale Vernetzungsmöglichkeiten und mit internationaler Hilfe.

Wirtschaften und Vertrauen. Viele der neu entstandenen Zusammenschlüsse haben wie die Buranga Cooperative soziale und wirtschaftliche Ziele. Durch das gemeinsame Verfolgen dieser Ziele wächst gleichzeitig noch etwas ganz anderes: Vertrauen, Verzeihen, friedliches Miteinander – eine Grundvoraussetzung für nachhaltige Entwicklung.

In solchen Kooperativen werden zahlreiche Aspekte nachhaltiger Entwicklung aufgegriffen und umgesetzt. Eine Aufgabe, der sich die internationale Gemeinschaft mit den SDGs gestellt hat.

Die SDGs, Sustainable Development Goals, wurden 2015 von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen einhellig beschlossen: 17 Ziele, in denen alle Bereiche einer nachhaltigen Entwicklung enthalten sind, wurden auf den Weg gebracht. Sie sollen bis 2030 umgesetzt werden.

Beitrag zur Entwicklung. Genossenschaften können aus vielerlei Gründen zur Erreichung der SDGs beitragen: Sie entstehen in unterschiedlichsten wirtschaftlichen und sozialen Sektoren. Sie sind an der Basis von Gesellschaften angesiedelt. Sie formulieren ganz klare Voraussetzungen, Verpflichtungen und Vorteile für ihre Mitglieder. Sie funktionieren durch demokratische Willensbildung. Indem gemeinsame Ziele verfolgt werden, entsteht Zusammenhalt und soziale Barrieren können überwunden werden.

Idealerweise. Auch in Genossenschaften kann es zu Korruption kommen, zur Dominanz von Eliten, wodurch soziale Ungleichheiten vertieft werden. Deshalb ist es wichtig, Kontroll- und Korrekturmechanismen von Beginn an einzuplanen.

Kleine, gut funktionierende lokale Genossenschaften können ihr Potenzial noch vervielfältigen: durch Vernetzung, den Austausch von Erfahrungen, die Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen, auch über Regions- und Landesgrenzen hinweg. Darüber hinaus können Mitglieder von Genossenschaften – politisch wach und demokratisch geschult – gut geeignet sein, politische Verantwortung in der Gemeinde oder auf Regierungsebene zu übernehmen.

Fairer Handel. Ein Beispiel erfolgreicher Vernetzung ist Fairtrade. Im Sinne des fairen Handels werden kleine Produzent*innen von Kakao, Baumwolle, Reis, Honig, Bananen und vielen anderen Erzeugnissen aus dem Globalen Süden vernetzt und gefördert.

Lokale Kooperativen bieten etwa kleinen Kaffeeproduzent*innen durch gemeinschaftliches Agieren viele Vorteile. Regionale, nationale und schließlich globale Vernetzung schafft darüber hinaus bessere Verhandlungsmacht bei der Vermarktung, vereinfachten Zugang zu Finanzierung und Einsparungen durch gemeinsamen Einkauf. All dies kann schließlich zu stabileren Einnahmen und zur Umsetzung sozialer Gerechtigkeit auf lokaler Ebene führen.

Brigitte Pilz ist freie Journalistin und Herausgebervertreterin des Südwind-Magazins.

Quelle: Bericht „Cooperatives and Peace: Strengthening Democracy, Participation and Trust – A Case Study Approach“ (coopseurope.coop)

„Die passende Rechtsform für solidarisches Wirtschaften“

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Genossenschaften gibt es seit 170 Jahren. Warum diese Unternehmensform heute wieder verstärkt Interesse findet und wo sie überall zu finden ist.

Am Anfang war das Problem: Im Europa des 19. Jahrhunderts hatte der ungezügelte Kapitalismus Männer, Frauen und Kinder ins Massenelend gestürzt – unter ihnen Fabriksarbeiter*innen, Handwerker und Bäuer*innen. Als eine Lösung entwickelten der liberale Fabriksbesitzer Robert Owen in Großbritannien, der fromme, konservative Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen und der liberale Jurist und Politiker Hermann Schulze-Delitzsch in Deutschland das Wirtschaftsmodell Genossenschaft. Es sollte über 150 Jahre später, im Jahre 2016, immaterielles Weltkulturerbe werden.

Die Idee: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung sollten das offensichtliche Versagen von Staat und Markt mildern. Das Modell der Genossenschaft verbreitete sich rasch über den Globus.

Forscher*innen und Aktivist*innen sehen heute eine Renaissance der Genossenschaftsbewegung, deren Potenzial immer noch unterschätzt wird.

Der deutschsprachige Begriff Genossenschaft kommt vom althochdeutschen „Noz“, was soviel bedeutet wie Vieh. Die Vorsilbe „Gi“ oder „Ge“, steht für Gemeinsamkeit, der Genosse hat also Anteil am Vieh oder an der Viehweide. Der englische und französischen Begriff „Cooperative“ macht deutlicher, was den Kern einer Genossenschaft ausmacht: Zusammenarbeit.

Zukunftsmodell mit Tradition. Die „Rochdale Society of Equitable Pioneers“ gilt als erste Genossenschaft. Weber und andere Arbeiter*innen aus der Umgebung von Manchester hatten sich 1844 zusammengeschlossen, um gemeinsam die Dinge des täglichen Bedarfs günstiger einzukaufen.

Als geistiger Vater der neuzeitlichen Genossenschaftsbewegung – oder in den Worten von Karl Marx als „Vater der Kooperativfabriken und -boutiquen“ – gilt der 1771 in Newtown in Wales geborene Unternehmer Robert Owen. Während er in erster Linie gegen Kinderarbeit in Manchester kämpfte, wollte in Deutschland Friedrich Wilhelm Raiffeisen – geboren 1818 in Hamm (Sieg) in Rheinland-Pfalz – die verelendete Landbevölkerung des Westerwalds aus dem Würgegriff von Schulden und Wucherzinsen befreien.

Der Jurist und Politiker Hermann Schulze-Delitzsch – geboren 1808 in Delitzsch in Sachsen – versuchte, Handwerker*innen und Kleingewerbetreibende zu stärken, damit sie gegen die Konkurrenz der Großindustrie bestehen können.

Während Raiffeisen an Gemeinsinn und christliche Nächstenliebe appellierte, betonte Schulze-Delitzsch Selbsthilfe und Eigennutz durch Zusammenarbeit. Unterschiedliche politische Prägungen und Wertekonzepte führten zum gleichen Modell: zur Genossenschaft, einem Unternehmen im Eigentum ihrer Mitglieder, die gemeinsam bestimmen, gestalten und Verantwortung tragen.

Wirtschaft für Menschen. Die Genossenschaft sei etwas ganz anderes als jede andere Unternehmens-Rechtsform, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Dietmar Rößl. Nämlich: „Die einzige Unternehmens-Rechtsform, die nicht mit dem Thema Rendite beginnt.“ Rößl ist Vorstand des Forschungsinstituts für Kooperationen und Genossenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien. Auch wenn unter dem Strich eine schwarze Null stehen müsse, „die Genossenschaft beginnt mit dem Thema: wir haben ein gemeinsames Problem und das wollen wir gemeinsam lösen“.

Weil eine Genossenschaft mehr will als puren wirtschaftlichen Erfolg, nämlich Ideelles und Ökonomisches vereinen, begleiten ideologische und politische Kontroversen die Geschichte der Genossenschaftsbewegung. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck sah in den von Schulze-Delitzsch gegründeten genossenschaftlichen Kreditvereinen „Kriegskassen der Demokratie“, die unter die Gewalt des Staates gestellt werden sollten. Die von Schulze-Delitzsch geforderte Unabhängigkeit der Genossenschaften vom Staat führte auch zur erbitterten Gegnerschaft seitens Ferdinand Lasalles, des Wortführers der frühen deutschen Arbeiter*innenbewegung.

Karl Marx betrachtete die „Kooperativfabriken“ als „Übergangsformen“ in die kommunistische Produktionsweise, als „das erste Durchbrechen der alten Form, obgleich sie natürlich überall, in ihrer wirklichen Organisation, alle Mängel des bestehenden Systems reproduzieren und reproduzieren müssen“.

Bis heute haftet der Unternehmensform Genossenschaft etwas Ideologisches an: ob man dabei an kommunistische Misswirtschaft oder österreichische Parteipolitik denkt oder sie als alternative Wirtschaftsform idealisiert.

Hermann Schulze-Delitzsch: Erinnerung an den Genossenschaftspionier in seinem Geburtsort Delitzsch, Sachsen. © Dan Kollmann / CC BY-SA 4.0

Weltkulturerbe mit Weltgeltung. 1866 veröffentlichte Raiffeisen sein Buch: „Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“, ein Handbuch zur Genossenschaftsgründung, das in acht Auflagen erschien und sich weltweit verbreitete. Noch zu Lebzeiten von Raiffeisen entstand die erste Genossenschaft in Indien. Und deutsche Genossenschafter*innen merkten 2006 an, dass der Friedensnobelpreis, den der Wirtschaftsprofessor Muhammad Yunus aus Bangladesch für seine Erfindung der Mikrokredite bekommen hatte, eigentlich Friedrich Wilhelm Raiffeisen gebührt hätte.

Der 1895 gegründete internationale Dachverband International Cooperative Alliance (ICA) bezeichnet sich selbst als eine der größten NGOs weltweit, gemessen an der Zahl der Menschen, die sie vertritt: laut Eigenangaben eine Milliarde Menschen in drei Millionen Genossenschaften weltweit. Genossenschaft wird seitens der ICA durch sieben Grundprinzipen definiert:

•           freiwillige und offene Mitgliedschaft

•           demokratische Entscheidungsfindung

•           wirtschaftliche Mitwirkung der Mitglieder

•           Autonomie und Unabhängigkeit

•           Ausbildung, Fortbildung und Information

•           Kooperation mit anderen Genossenschaften

•           Verantwortung für die Gesellschaft

Die 1968 gegründete International Raiffeisen Union (IRU) geht von über 900.000 Genossenschaften mit geschätzten 800 Millionen Mitgliedern in über 100 Ländern aus, die nach den Prinzipien von Friedrich Wilhelm Raiffeisen organisiert sind.

Auch wenn unterschiedliche Definitionen und Zählweisen von Genossenschaften zu abweichenden Ergebnissen führen, bleibt ihre globale Bedeutung als Unternehmensmodell doch unbestritten.

Lesetipps  

Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält.

Hanser Verlag, München 2012   

Konny Gellenbeck (Hg.): Gewinn für alle!  Genossenschaften als Wirtschaftsmodell der Zukunft. Westend Verlag, Frankfurt/Main 2012 

Zurück zum Ursprung.  Lesebuch anlässlich des 200. Geburtstages von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und warum wir eine neue Genossenschaftsbewegung brauchen. GEA Media, Schrems 2018 

Geno schafft  

Blog: wu.ac.at/ricc/geno-schafft

Gesellschaftlicher Sinn. „Hilfe zur Selbsthilfe“: Was wie der entwicklungspolitische Slogan schlechthin klingt, stammt aus der Genossenschaftsbewegung. Genossenschaften können Abhilfe bei Versagen von Staat und Institutionen schaffen. Und potenziell vereinbaren sie Wirtschaftlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung.

In der entwicklungspolitischen Diskussion verweist die International Labour Organization (ILO) auf die Bedeutung der Genossenschaften für die Erreichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele, der SDGs (siehe auch Beitrag S. 33) .

Insbesondere könnten Genossenschaften eine Schlüsselrolle bei der Armutsreduzierung spielen, würden weltweit die meisten Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und trügen zur Geschlechtergleichheit bei.

In Deutschland wird im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit das Modell Genossenschaft erfolgreich in Entwicklungsländer exportiert.

In der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit liegt kein dezidiertes „Mission Statement“ zur Rechtsform von Genossenschaften vor. Die Austrian Development Agency (ADA) betont jedoch, die Förderung von Kooperativen bzw. Genossenschaften in unterschiedlichen Strategien und Ansätzen zu berücksichtigen.

Im Aufwind. In Österreich sind drei Millionen Menschen Mitglieder einer der ca. 1.700 Genossenschaften. Wirtschaftswissenschaftler Rößl schreibt der Unternehmensform eine wesentlich bedeutendere Rolle in der österreichischen Wirtschaft zu als man üblicherweise annimmt.

Und seit etwa fünf Jahren beobachtet er ein deutlich sichtbares Wachstum der Neugründungen: „Die Genossenschaft wird heute verstärkt als attraktive Rechtsform wahrgenommen“, so Rößl.

Durch Fusionen vor allem im Bankenbereich würde die Zahl der Genossenschaften kleiner. Auf der anderen Seite jedoch gäbe es Neugründungen „in interessanten Feldern“: Als Beispiele nennt Rößl eine Genossenschaft, die im Defreggental in Osttirol Breitbandinternet für den eigenen Gebrauch eingeleitet hat, oder eine Genossenschaft, die in Riefensberg im Bregenzerwald das alte Dorfwirtshaus weiterbetreibt.

Zahlreiche Genossenschaftsgründungen erwartet Forscher Rößl im Bereich erneuerbare Energien. Das sogenannte Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz, das in Österreich noch vor dem Sommer in Kraft treten könnte, fördert Energiegemeinschaften.

Jede Genossenschaft in Österreich muss Mitglied eines Revisionsverbandes sein, der zu Beginn das Geschäftsmodell auf seine Umsetzbarkeit und regelmäßig die wirtschaftliche Gebarung sowie die Befolgung der Satzung prüft.

Klara Dzoic vom Dachverband Vereinigung österreichischer Revisionsverbände (VÖR) sieht aktuell Interesse an Genossenschaften: „Viele Menschen, insbesondere junge, wagen es zur Zeit, zusammen neue alternative Geschäftsmodelle zu starten. Sie wollen unabhängig und in ihrem Vorhaben auf Außenstehende nicht angewiesen sein.“

Genossenschaften kurz 

Zweck einer Genossenschaft ist die Förderung ihrer Mitglieder, ob es sich um wirtschaftliche oder soziale Tätigkeiten handelt. In Österreich besteht für Genossenschaften die Pflicht zur Mitgliedschaft in einem Revisionsverband und die Pflicht zur regelmäßigen Prüfung der wirtschaftlichen und satzungsgemäßen Gebarung (Revision alle zwei Jahre).   

Eintritt in die und Austritt aus der Genossenschaft erfolgt durch Vorstandsbeschluss. Das Stimmrecht kann in der Satzung gestaltet werden, meist wird nach Kopf abgestimmt, unabhängig von der Höhe der Anteile. Gehaftet wird nicht persönlich, sondern mit dem Anteil. In Österreich gilt „Nachschusspflicht“, die Haftung ist doppelt so hoch wie der Anteil. Im Unterschied zu Vereinen dürfen Genossenschaften Gewinn ausschütten. Es gibt kein Stammkapital und keine Mindesthöhe für Anteile.   

Bei Ausscheiden aus der Genossenschaft wird nur der einbezahlte Nennwert des Anteils (meistens unverzinst) ausbezahlt, was Genossenschaften als Unternehmensform sehr stabil und für Spekulation ungeeignet macht.   I. K.

Platzhirsche und Newcomer. Der größte Player unter den Revisionsverbänden in Österreich ist klar Raiffeisen. Die restlichen etwa 300 Genossenschaften gehören den anderen Revisionsverbänden an.

Bei Raiffeisen hat man 2014 das „Kompetenzzentrum Genossenschaft“ eingerichtet. Dessen Leiter Justus Reichl beschreibt seinen Arbeitsbereich als „Versuch innerhalb der Raiffeisenfamilie, das altbekannte und daher oft zu selbstverständliche Thema Genossenschaft wieder mehr ins Bewusstsein zurückzubringen. Man muss es in Erinnerung rufen, man muss es entstauben – und man muss es zeitgemäß leben“.

Nach Abzug der rund 370 selbständigen Banken, 80 Lagerhäuser und 80 Molkereien sind noch rund 900 weitere Genossenschaften unter dem Dach von Raiffeisen. Reichl: „Das sind die vielen, die die Raiffeisen-Idee leben, ohne so zu heißen. Und die die breite Öffentlichkeit daher auch nicht mit Raiffeisen verbindet.“ Darunter etwa Genossenschaften für Carsharing, erneuerbare Energieversorgung, Dorfgasthäuser oder die jüngst gegründete ESIT – Erste Steirische IT-Genossenschaft.

Beim Genossenschaftsverband Schulze-Delitzsch, dem Revisionsverband mit Schwerpunkt Gewerbetreibende mit seinen etwa 150 Mitgliedern, sieht man seit zwei Jahren einen „deutlichen Zuwachs an Neugründungen“. Seit Anfang 2020 sind zwanzig neue Genossenschaften im Verband aufgenommen worden, erklärt Günther Griessmair, Leiter der Abteilung Kommunikation. Das Format Genossenschaft sei zeitlos und zeitgemäß zugleich. Trendbegriffe dazu sind: Sharing-Ökonomie, Plattformökonomie, Netzwerke.

Dieses Zukunftsfeld für Genossenschaften findet auch international große Beachtung und ist eng mit dem Namen Trebor Scholz verbunden. Der Aktivist und Forscher an der Universität The New School in New York City treibt den sogenannten „Platform Cooperativism“ voran. Dabei geht es darum, das Modell der Genossenschaft in der digitalen Wirtschaft zu etablieren, wo Giganten wie Uber oder Airbnb dominieren – und so ziemlich das Gegenteil der Genossenschaftsidee betreiben, nämlich nicht die Förderung, sondern die Ausbeutung ihrer Mitglieder.

Es geht um Kooperation. Breiter bekannt in Österreich sind die knapp hundert Wohnbaugenossenschaften mit eigenem Revisionsverband. Seit 2016 gibt es neben den Alteingesessenen einen neuen Revisionsverband, Rückenwind mit knapp 50 Mitgliedern. Dieser versteht sich als Anlaufstelle für gemeinwohlorientierte Genossenschaften (siehe Interview S. 32).

Für den Historiker und Weltbestsellerautor Yuval Noah Harari ist die Fähigkeit zur Kooperation ausschlaggebender Faktor für den evolutionären Erfolg der Art Homo sapiens.

Der US-amerikanisch-britische Soziologe Richard Sennett schreibt in seinem Buch „Zusammenarbeit“, dass die Kooperationsfähigkeit der Menschen weitaus größer und komplexer sei, als die Institutionen dies zulassen. Ein Wandel von unten nach oben stütze sich auf Selbstorganisation in Vereinen oder Genossenschaften.

Hier kommt die Größe ins Spiel: Die weltweit größte Genossenschaft, Mondragón in Spanien, beschäftigt 120.000 Mitarbeiter*innen. Die Medizin-Kooperative Unimed betreibt 131 Spitäler und versorgt etwa zwölf Prozent der Bevölkerung Brasiliens mit Gesundheitsdienstleistungen.

Reichl vom Kompetenzzentrum Genossenschaft bei Raiffeisen sieht für genossenschaftliche Familien weltweit die Herausforderung, „eine gesunde Balance zwischen ihren jeweiligen – meist recht großen – Zentralinstituten und den Genossenschaften und ihren Eigentümern an der Basis zu finden, damit es am Ende des Tages nicht zur Machtumkehr kommt“.

Gerade Raiffeisen muss sich genau die-sen Vorwurf gefallen lassen. Sehr deutlich vom Bauern und Konfliktforscher Franz Rohrmoser, etwa in seinem Aufsatz „Raiffeisen erlag der kapitalistischen Gier“: Der Mitbegründer der Österreichischen Berg- und Kleinbäuer*innen Vereinigung (ÖBV) äußert sich immer wieder als „kritischer Raiffeisenexperte“, so seine Selbstbezeichnung.

Schutzschirm für Einzelkämpfer. Kein Problem mit Größe gibt es bei Genossenschaften, die von zuvor Soloselbständigen gegründet werden. Durch sogenannte Erwerbsgenossenschaften können sie nicht nur Synergien wie gemeinsames Backoffice nutzen, sondern auch dem Prekariat entkommen und den Schutz eines Anstellungsverhältnisses genießen.

Die Arbeiterkammer Wien will mit ihrem Projekt „G’scheiter arbeiten 4.0“ Erfahrungen in diesem Bereich allgemein zugänglich machen. Lekton, eine fünfköpfige Genossenschaft von Grafikdesigner*innen und Softwareentwickler*innen, erprobt in diesem Rahmen neue Abläufe und Modelle zur Steigerung von Arbeits- und Lebensqualität.

Viel Potenzial. Abgesehen von Revisionsverbänden und Arbeiterkammer: Wie ist in Österreich der Wissensstand zur Unternehmensform Genossenschaft? Viele Genossenschaften treten nach außen nicht als Genossenschaft auf, z.B. die Austria Presse Agentur.

Andere wiederum wirken im Hintergrund, wie die Bäko, die Einkaufsgenossenschaft der Bäcker, für Bäcker*innen sehr wichtig, aber von den Kund*innen, die Brot kaufen, überhaupt nicht wahrgenommen.

Dass es aktuell nicht noch mehr Genossenschaften gibt, könnte daran liegen, dass potenzielle Unternehmensgründer*innen zu wenig über die Möglichkeit dieser Rechtsform wissen.

Betriebs- oder Steuerberater*innen, die in Richtung Genossenschaftsgründung argumentieren, verlieren potenzielle Kundschaft, weil Genossenschaften durch die Revisionsverbände umfassend beraten und geprüft werden.

In wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern und in der Lehre würden zudem Genossenschaften immer noch stiefmütterlich behandelt, stellt Wirtschaftswissenschaftler Rößl fest. Dennoch sieht er bei Studierenden ein wachsendes Interesse an Genossenschaften, gespeist von Kapitalismuskritik und Interesse an alternativen Wirtschaftsformen.

Falsch eingeschätzt. Aus diesem Blickwinkel würden Genossenschaften auch „idealisierend und verklärend“ wahrgenommen. Andererseits interessierten die Studierenden alternative Beschäftigungsformen, wie eben die Erwerbsgenossenschaft. Wie zu Zeiten der Gründerväter soll die Genossenschaft also vor den Zumutungen der Arbeit unter kapitalistischen Verhältnissen schützen.

Ist hier nicht der Individualismus hinderlich, dem gegenüber die Kooperation auf Grund institutioneller Kräfte heute „nicht viel Gewicht auf die Waage zu bringen mag“, wie Richard Sennett betont?

Eine Genossenschaft mache keine besseren Menschen, sagt Rößl. „Sie entbindet nicht vom Interessensausgleich. Wenn eine Organisationsform den Ausgleich unterschiedlicher Interessen kann, dann die Genossenschaft.“

Irmgard Kirchner, bis 2016 Chefredakteurin des Südwind-Magazins, ist Kulturanthropologin und freie Journalistin in Wien.

Gemeinsamer Gewinn

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Globale Online-Konzerne wie Google und Facebook vermeiden Steuerzahlungen. Afrikanische Staaten diskutieren über Digitalsteuern. Jetzt ist Bewegung in die Debatte um eine weltweite Mindeststeuer gekommen.

Es ist ein globales Problem: Tech-Riesen zahlen kaum Steuern. Und: Die Übermacht von Amazon, Facebook, Google & Co ist im Coronajahr 2020 noch größer geworden. Trotz der weltweiten Krise machen sie großen Umsatz – auch im Globalen Süden.

Jetzt wollen afrikanische Länder eine Digitalsteuer einführen. Mit den Einnahmen könnten sie die desolate Wirtschaft und Gesundheitsversorgung gerade in Zeiten der Pandemie stärken, sagen Entwicklungsinstitutionen.

Auch international steigen die Chancen auf eine globale Mindeststeuer für Großkonzerne – vorausgesetzt, der Anfang Juni formulierte Grundsatzbeschluss der G7, der sieben größten Industrienationen, wird umgesetzt.

Bis zu 2,8 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen könnten 20 Ländern des Globalen Südens – darunter zwölf Staaten in Subsahara-Afrika – durch Steuervermeidung der drei US-Firmen Facebook, Microsoft und der Google-Muttergesellschaft Alphabet entgehen. Zu diesem Befund kommt ein Bericht der britischen NGO Actionaid.

Gründe für den massiven Steuerverlust sind laut Actionaid-Sprecher David Archer veraltete Regelungen weltweit, die es den großen Firmen erlauben, ihre Gewinne in Steuerparadiese zu verschieben. Zudem fehle ein internationales Abkommen, das Staaten zu einem transparenten Verhalten verpflichtet.

Lösungen gesucht. Die aktuellen Pläne der G7 basieren auf einem internationalen Steuerkonzept, das die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erarbeitet hat. Doch die Verhandlungen in Sachen Umsetzung stocken. Laut Archer sei dabei die Struktur der OECD selbst die größte Hürde: „Sie ist ein Klub reicher Nationen, die sich nicht so sehr um die Bedürfnisse der Entwicklungsländer scheren.“

Mustapha Ndajiwo, Gründer des African Centre for Tax and Governance (ACTG) in Nigeria, kann einigen Ansätzen des OECD-Konzeptes etwas abgewinnen. Er betont aber: „Afrikanische Länder haben ihre eigenen Schritte zur Verringerung der Steuerverluste unternommen.“

So ist in Nigeria etwa eine indirekte Mehrwertsteuer auf digitale Dienste festgeschrieben: Wer dort beim Versand-Riesen Amazon bestellt, zahlt der Regierung die Mehrwertsteuer. Auch ausländische Firmen ohne Sitz in Nigeria sollen Steuern auf ihre im Land erzielten Profite zahlen.

Diese Gewinnbesteuerung bezeichnet Experte Ndajiwo als komplex und nicht leicht umzusetzen. Damit sei zudem die Profit-Verschiebung in Steueroasen noch nicht behoben.

Kenia prescht vor. Kenia hat bereits Anfang des Jahres eine Steuer auf alle digitalen Dienstleistungen in Höhe von 1,5 Prozent in Kraft gesetzt, unabhängig vom Unternehmenssitz. Laut lokalen Medienberichten hofft das ostafrikanische Land so, im ersten Halbjahr 2021 umgerechnet rund 37,8 Millionen Euro (5 Milliarden Kenianische Shilling) einzunehmen.

Für Nimmo Elmi kommt die Besteuerung zur falschen Zeit. Sie arbeitet bei ACTG, allerdings mit Schwerpunkt Kenia. „Viele Geschäfte leiden schon stark unter dem Wirtschaftseinbruch durch Covid-19 und sollen jetzt zusätzliche Steuern zahlen“, sagt sie.

Die Juristin fordert eine Unterscheidung bei der Besteuerung ausländischer und kenianischer Unternehmen.

Das in Südafrika ansässige African Tax Administration Forum (ATAF) begleitet Regierungen bei der Einführung einer Digitalsteuer. Das Forum zählt 38 Mitglieder aus allen afrikanischen Regionen und arbeitet mit der Afrikanischen Union zusammen. „Einige afrikanische Länder überlegen eine Besteuerung für digitalen Service“, betont ATAF-Geschäftsführer Logan Wort.

Neben Kenia hat Simbabwe eine solche Abgabe bereits eingeführt. Doch seien Staaten besorgt, es könne zur Verhängung von Zöllen auf ihre Exporte in die USA führen – wie es 2019 geschah, als Frankreich eine Digitalsteuer einführen wollte.

Mit der neuen US-Regierung unter Joe Biden und den jüngsten Beschlüssen der G7-Staaten könnte bald ein weltweiter Mindeststeuersatz von 15 Prozent eingeführt werden. Für die NGO Attac sind die aktuellen G7-Pläne aber kein großer Wurf. Im Gegenteil: „Das ist eine Reform von reichen Staaten für reiche Staaten“, um „sich selbst den Löwenanteil der Einnahmen zu sichern“, kritisiert David Walch von Attac Österreich.

In Afrika überwiegt noch die Skepsis. Geschäftsführer Wort von ATAF rät: „Solange unsere Länder auf eine globale, konsensbasierte Lösung warten, sollten sie als Block handeln und sich gegen mögliche US-Vergeltungszölle wehren.“

Steuerexpert*innen in Afrika raten dem Kontinent, seine eigenen Regeln zu machen.

Martina Schwikowski ist Korrespondentin der Tageszeitung Taz für das südliche Afrika und lebt in Johannesburg.

Arbeitende zuerst

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Vor rund 100 Jahren lebten mehrere Zehntausend Jüdinnen und Juden in Afghanistan. Heute plant der letzte Verbliebene das Land zu verlassen.

Zabulon Simentov sitzt in seinem kleinen Wohn- und Schlafzimmer und starrt auf seinem alten Röhrenfernseher: Gulbuddin Hekmatyar, ein bekannter Warlord, hält eine feurige Rede, in der er der Regierung von Präsident Ashraf Ghani, mit der er vor einigen Jahren eigentlich Frieden geschlossen hat, mit einem Aufstand droht. Simentov kann den Anblick kaum ertragen. „Dieser miese Hund will wieder seine Raketen losschießen“, kommentiert er das Geschehen.

An den Bürgerkrieg in den 1990er Jahren kann sich Simentov gut erinnern. Männer wie Hekmatyar zerstörten damals Kabul. Als Mitglied einer religiösen Minderheit und obendrein noch als Jude wurde er von den Extremisten schnell angefeindet. „Sie mordeten und plünderten. Das waren dunkle Tage“, sagt er.

Immer wieder zurück. Simentov wurde 1959 in der Stadt Herat im Westen des Landes nahe der iranischen Grenze geboren, dem einstigen Zentrum des Judentums in Afghanistan.

Bereits in jungen Jahren zog er nach Kabul und leistete seinen Wehrdienst ab. Er wurde in der Hauptstadt sesshaft und begann mit dem Handel von Juwelen und Teppichen. Dank einiger Geschäftsreisen sah er zahlreiche andere Länder, doch trotz der Kriege zog es ihn stets nach Afghanistan zurück.

Bis heute lebt er in der Kabuler Synagoge, die er eigenhändig renoviert hat. Seine religiösen Verpflichtungen nimmt Simentov ernst: Er hält den Schabbat als Ruhetag ein und feiert Pessach, das wichtigste Fest im Judentum, mit seinen muslimischen Freund*innen. Viele von ihnen kennt er seit Jahrzehnten.

„Abgesehen von der Religion gibt es nichts, was uns unterscheidet“, sagt Baryaal Khan, ein Freund Simentovs. Er findet es beklagenswert, dass vergessen wird, dass einst zigtausende Jüdinnen und Juden im Land gelebt haben.

Die Anziehungskraft des Staates Israel ab 1948, der Putsch der afghanischen Kommunisten und die Unruhen im Land ab 1978, der Einmarsch der Roten Armee im Jahr 1979 sowie die Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 ließen immer mehr afghanische Jüdinnen und Juden emigrieren.

Nur zwei blieben. Als die Taliban regierten, besuchte Simentov Mitte der 1990er seine Familie in Israel. Doch im Gegensatz zu anderen kehrte er nach einem zweimonatigen Aufenthalt zurück. Zu dieser Zeit hielten sich in Kabul nur noch zwei bekennende jüdische Afghanen auf – Simentov und Isaak Levy, der 2005 verstarb.

Die beiden erlebten den Fall des Taliban-Regimes. Die mögliche Rückkehr der Extremisten beobachtet Simentov  wie viele seiner Mitmenschen – beunruhigt.

Denn: Seit Beginn der Friedensgespräche mit den Taliban im vergangenen Jahr stehen die Pläne für eine  Interimsregierung mit Warlords und Taliban im Raum. „Die wäre fatal für dieses Land“, kommentiert er, während er auf seiner kleinen Gasflamme Grüntee kocht und Süßigkeiten aus einer Tüte hervorholt.

Afghanistans letzter Jude macht sich um seine Zukunft Sorgen, sowie auch die der afghanischen Frauen. „Niemand hat so sehr gelitten wie die Frauen in diesem Land. Sie sind für mich allesamt wie meine eigene Mutter, Schwester oder Tochter. Ihre Rechte müssen garantiert und dürfen nicht als politisches Kleingeld betrachtet werden“, sagt Simentov.

Die US-Intervention betrachtet Simentov als gescheitert. Er bezieht sich diesbezüglich auf die wirtschaftliche Komponente und die massive Korruption in Afghanistan.

Ex-Präsident Hamid Karzai (im Amt von 2001-2014) und seine Regierung seien für die meisten Probleme, die weiterhin bestehen, verantwortlich. „Wahre Teufel sind das!“, sagt er verärgert.

Auswanderung geplant. Mittlerweile erwägt er seine eigene Auswanderung nach Israel, wo seine Ex-Frau, eine turkmenische Jüdin, und seine zwei Töchter leben.

Simentovs Nachbar*innen und Freund*innen sind skeptisch und meinen, dass er in der Vergangenheit immer wieder angekündigt habe, Afghanistan zu verlassen. „Ich bin ein stolzer Afghane und ich liebe mein Land. Doch ich will in Ruhe leben“, resümiert Simentov. Er müsse noch einige „geschäftliche Dinge“ regeln, sagt er. Dann sei er weg.

Emran Feroz ist österreichischer Journalist und Autor mit afghanischen Wurzeln. Zu Recherchezwecken war er zuletzt im Februar und März 2021 in Afghanistan. Feroz ist mit Zabulon Simentov lange befreundet und schreibt gerade an einem Buch über das Judentum in Afghanistan.

Hinweis der Redaktion: Nach der Machtübernahme Afghanistans durch die Taliban Mitte August verließ Simentov das Land.

Poesie im Bild

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Der ehemalige Banker Guillermo Lasso profitiert von der gespaltenen Linken und bringt dem Andenstaat nach 14 Jahren einen Machtwechsel.

Ecuador hat gewählt. Der rechtskonservative Guillermo Lasso hat im April die Präsidentschaftswahl im zweiten Wahlgang gewonnen. Er übernimmt ein von Wirtschaftskrise, strenger Sparpolitik und Pandemie schwer gebeuteltes Land.

Die Wahlversprechen des ehemaligen Bankers und Opus-Dei-Anhängers Lasso: Steuersenkungen, Freihandel, effizienter Staat, Ende der Korruption. Der Wahlerfolg seiner Partei Creando Oportunidades, kurz CREO, verdeutlicht die Spaltung des linken Lagers in Ecuador.

Um den Machtwechsel zu verstehen, muss man auf die Ära des Langzeitpräsidenten Rafael Correa (im Amt 2007-2017) und seiner Partei Alianza País blicken: Nachdem er 2007 zum Präsidenten gewählt wurde, beendete der Ökonom eine Dekade politischer Instabilität und neoliberaler Strukturanpassung.

Correas Regierung machte sich die hohen Weltmarktpreise für Ecuadors primäres Exportgut Rohöl geschickt zunutze und erhöhte die Abgaben für internationale Konzerne. Dadurch konnten Sozialprogramme und Infrastrukturprojekte finanziert werden.

Correa ließ zahlreiche Schulen, Krankenhäuser und tausende Kilometer neue Straßen im ganzen Land bauen. 2008 bekam Ecuador zudem eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt: U.a. wurden indigene Völker im „plurinationalen Staat“ anerkannt und der Natur unverletzliche Rechte zugestanden. Die Armutsquote sank zwischen 2007 und 2014 von über 36 Prozent auf unter 23 Prozent der Gesamtbevölkerung. 2013 wurde Correa im ersten Wahlgang wiedergewählt.

Risse im System. Correas vermeintlich erfolgreiches Modell zeigte allerdings zunehmend Schattenseiten: Die indigenen Territorien wurden vom Voranschreiten der Ölförderung und dem aufkommenden Bergbauboom (siehe Südwind-Magazin 9-10/2019) bedroht – jeglicher Widerstand wurde kriminalisiert, zahlreiche indigene Aktivist*innen wurden festgenommen, einige sogar getötet.

Gegen Ende seiner Amtszeit kritisierten linke Kräfte im Land die rücksichtslose Ausbeutung der Natur und die Unterdrückung sozialer Bewegungen; das rechte Lager wiederum stellte sich gegen hohe Steuern und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft.

Noch bekamen er und seine Partei Alianza País Unterstützung von weiten Teilen der urbanen Unterschichten, die von seiner Sozialpolitik und dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung profitiert hatten.

Ecuador

Hauptstadt: Quito

Fläche: 256.370 km2 (mehr als dreimal die Fläche Österreichs), 24 Provinzen

Einwohner*innen: 17,562 Millionen (2021); ca. 1,1 Millionen Angehörige der 14 anerkannten indigenen Nationalitäten (2019)

Human Development Index (HDI): Rang 86 von 189 (Österreich 18)

BIP pro Kopf: 6.183,8 US-Dollar (2019, Österreich: 50.121,6 US-Dollar)

Gini-Koeffizient (Einkommensungleichheit): 45,7 (2019, Österreich: 30,8, 2018)

Regierungssystem: Demokratische plurinationale Präsidialrepublik; Staatsoberhaupt ist Präsident Guillermo Lasso, seit 24. Mai 2021.

Die Wahl 2017 gewann Correas ehemaliger Vizepräsident und Parteikollege Lenín Moreno. Unter dem Druck fallender Rohstoffpreise und überbordender Auslandsverschuldung legte er eine politische Kehrtwende hin: Die Regierung schaffte viele Sozialprogramme ab und privatisierte staatliche Unternehmen. Darüber hinaus begann Moreno mit der politischen Verfolgung seiner ehemaligen Weggefährten – u.a. Correas. Dieser wurde wegen Bestechung schuldig gesprochen und entzieht sich seither in Belgien dem Zugriff der ecuadorianischen Justiz.

Repression und Verarmung. Als die Regierung im Oktober 2019 den Auflagen des Internationale Währungsfonds (IWF) für neue Kredite nachgab und die historisch hohen Subventionen für Treibstoff per Dekret abschaffen ließ, drohten die Lebenskosten zu steigen und es kam zu Massenprotesten.

Die Regierung antwortete mit harter Hand: Elf Menschen wurden durch die Polizei ermordet, mehr als 1.500 Demonstrant*innen verletzt und über 1.300 festgenommen.

Während Morenos Amtszeit wuchs der Anteil der Ecuadorianer*innen, die in Armut lebten, von rund 22 auf über 32 Prozent der Gesamtbevölkerung; der Anteil der Menschen in extremer Armut verdoppelte sich fast – auf 15 Prozent. Als Moreno abdankte, lagen seine Zustimmungswerte bei unter fünf Prozent.

Machtwechsel 2021. Im Zuge dieser Krise war Alianza País zerbröckelt und die Linke trat gespalten zur Präsidentschaftswahl 2021 an: Die neu gegründete Partei Unión por la Esperanza (UNES) schickte Andrés Arauz ins Rennen und verschrieb sich dem Ziel, das Erbe von Correa wiederzubeleben. Knapp 33 Prozent und Platz 1 im ersten Wahlgang stimmten zunächst zuversichtlich.

Yaku Pérez, der für die indigene Partei Pachakutik angetreten war, landete nur hauchdünn hinter Lasso auf dem dritten Platz im ersten Wahlgang. Dennoch konnte Pachakutik, die vor allem für Umweltschutz und indigene Rechte eintritt, ihr bisher bestes Wahlergebnis verzeichnen. Pérez ortete Wahlbetrug und rief zusammen mit CONAIE, der größten indigenen Organisation des Landes, dazu auf, in der Stichwahl ungültig zu wählen.

Die Spaltung der Linken und der Wahlboykott kamen dem rechtskonservativen Lasso zugute, der sich in der Stichwahl mit 52 Prozent der gültigen Stimmen gegen Arauz durchsetzte.

Seltsame Allianzen. Weil CREO nur über 12 der 137 Sitze im Parlament verfügt, ist der neue Präsident auf Allianzen mit den beiden stärksten Fraktionen angewiesen: UNES und Pachakutik.

In seiner Antrittsrede beschwor Lasso den Dialog und die Zusammenarbeit. Correa, der von Brüssel aus weiterhin die UNES anführt, zeigte sich zuletzt gesprächsbereit, scheint sich aber vor allem um seine eigene Straffreiheit zu sorgen.

Guadalupe Llori von Pachakutik wurde u.a. von CREO zur Parlamentspräsidentin gewählt und kündigte dankbar an, Lassos Regierungsfähigkeit garantieren zu wollen. Weite Teile der CONAIE kritisieren den Opportunismus vieler Pachakutik-Abgeordneter.

Sollte Lasso im Parlament die nötige Unterstützung für seine neoliberalen Reformvorhaben finden, ist mit neuen Demonstrationen zu rechnen. Bereits unmittelbar nach der Wahl kündigte Leonidas Iza, eine der Führungspersonen der CONAIE, an: „Die Straßen und Territorien werden das Schlachtfeld unseres Widerstandes sein.“

Die Massenproteste gegen die neoliberale Regierung von Iván Duque im Nachbarland Kolumbien und die Erinnerung an Oktober 2019 sollten Lasso jedenfalls als Warnung dienen.

Manuel Preusser lebt seit fünf Jahren in Quito. Er absolviert ein Doktoratsstudium und unterrichtet an der FLACSO (Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales). Seine Schwerpunkte sind Internationale Politische Ökonomie und soziale Bewegungen in Lateinamerika.

Wer ist … Flávio Falcone?

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Von: Anna Steinmann

Betreff: Über den Wolken

Liebe Redaktion,

manchmal denke ich, dass ich statt aus einem Flugzeug aus einer Zeitmaschine gestiegen bin – ein Leben (fast) wie vor Corona. In Almaty, der einstigen Hauptstadt Kasachstans, trifft man sich mit Freund*innen zum Schaschlik, den beliebten Grillspießen, zum Biertrinken oder zu Ausflügen in die umliegenden Berge.

Gerade komme auch ich von einer kleinen Bergtour zurück – zum ersten Mal auf knapp 4.000 Meter auf den „Pik Turistov“. Erst war ich nicht ganz sicher, ob ich es bis nach oben schaffe, schließlich bin ich als Berlinerin höchstens an kleine Hügel gewöhnt. Aber Bergführer Vitalij meinte: „Anna, du darfst nie zweifeln, ob du das kannst. Du musst immer denken: Ich schaffe das. Bei den meisten ist nur der Kopf das Problem.“ Ja, da hat Vitalij wohl recht!

Von hoch oben aus blicke ich fasziniert auf die Gipfel um mich herum, die zum Teil im Nebel liegen; auch die Stadt Almaty lässt sich unter einer Smogglocke im Tal erahnen. Ob bald noch mehr Tourist*innen die Berge Kasachstans erkunden? Vitalij glaubt es nicht, die Coronapandemie ist ja noch nicht vorbei und viele haben Bedenken. Schade eigentlich – aber auf der anderen Seite gut für mich, so habe ich diese traumhafte Landschaft zumindest für einen Moment quasi für mich allein.

Liebe Grüße,
Anna

Tödlicher Grenzschutz

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Im Dialog mit Geflüchteten: Auch wenn die Lebenswege noch so unterschiedlich sein mögen, lernen können wir allemal voneinander.

Ronny Kokert, Kampfsportweltmeister, Coach und Buchautor, ist manchen Südwind-Leser*innen durch ein Interview in der Ausgabe 1-2/2021 schon bekannt.

Neu ist sein im April im Verlag Kremayr & Scheriau erschienenes  Buch „Der Weg der Freiheit“. Er schildert darin seine Geschichte mit den Angekommenen und teilt ihre Geschichten mit den Leser*innen.

Sie handeln von der Flucht vor dem Krieg, dem Zurechtkommen in Österreich, Wettkämpfen und Training im Sport, Bangen um Aufenthaltstitel, sowie vom Überleben der Geflüchteten in den Lagern auf Lesbos, die Kokert selbst besucht hat.

Umgang mit Angst. Verwoben mit diesen Geschichten beschreibt Kokert seinen eigenen Lebensweg, seine Erfahrungen mit Ängsten, Furcht, Verzweiflung und Aggression. Er zeigt auf, was er und die Geflüchteten alles voneinander und miteinander im Umgang damit gelernt haben: Mut, Bewunderung und Kraft – im respektvollen Kampf auf der Matte und im Leben abseits davon.

Es ist angewandte Philosophie und es sind Lebensweisheiten, die Kokert in Worte und Geschichten packt, die einen geradewegs ins Herz gehen und von denen man viel fürs eigene Leben mitnehmen kann.

Ronny Kokert:  

Der Weg der Freiheit

Kremayr & Scheriau, Wien 2021, 192 Seiten, € 22

Global-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Wie sich die EU aus der Verantwortung für die Situation am Mittelmehr stehlen will und welche Rolle dabei die sogenannten Pullbacks spielen, darüber spricht der Jurist Omer Shatz.

Was genau ist ein Pullback?

Ein Pullback beschreibt die Verhinderung der Ausreise und Verletzung des Rechts einer jeden Person, ein Land zu verlassen. Im Gegensatz zu einem Pushback, der die Verhinderung der Ankunft beschreibt und die Verletzung des Rechts, Schutz zu suchen. Im Kontext der EU-Politik im zentralen Mittelmeer korrelieren die Begriffe: Was an libyschen Handlangern der EU liegt. Die EU orchestriert und implementiert Migrationspolitik – ihre libyschen Söldner führen sie aus.

Die EU spricht von der Rettung der Geflüchteten durch die libysche Küstenwache. Würden Sie dem zustimmen?

Nein. Die EU hat zuallererst einmal die Voraussetzungen für das massenhafte Ertrinken von Geflüchteten geschaffen, um später zu rechtfertigen, dass Überlebende in libysche Folterlager gebracht werden. So gelingt es der EU, das eigentliche Abfangen als Rettung zu framen. Tatsächlich aber fangen sie alle Boote ab, egal, ob sie in Seenot sind oder nicht. Dieses Abfangen ist keine Rettung, wenn es Menschen nicht aus der Gefahr in Sicherheit bringt, sondern dorthin, von wo sie fliehen.

Und welche Rolle spielen die Flugzeuge dabei?

Omer Shatz ist internationaler Strafrechtsanwalt, Dozent für Völkerrecht an der Universität Sciences Po in Paris und leitet die Rechtsabteilung der Initiative Front-LEX. 2019 reichte er beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eine Klage gegen EU-Beamte wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein, die im Rahmen der EU-Migrationspolitik im zentralen Mittelmeerraum begangen wurden. 2021 verklagte er Frontex zum ersten Mal in der Geschichte der EU-Grenzschutzbehörde wegen Menschenrechtsverletzungen im östlichen Mittelmeerraum vor dem EU-Gerichtshof.

Die sogenannten Pullbacks beginnen damit, dass ein Frontex-Flugzeug das Boot entdeckt. Der Standort wird dann der libyschen Küstenwache mitgeteilt. Um diese Richtlinie zu verschleiern, behauptet Frontex, dass diese Informationen auch an andere Küstenstaaten weitergegeben werden, etwa an Malta oder Italien. Aber auch die Rettungszentren in Italien und Malta informieren im Zweifelsfall zuerst die libysche Küstenwache.

Aber es ist nicht so, dass die EU kriminelle Handlungen legalisiert, indem sie diese an Libyen auslagert. Im Gegenteil: Nicht die EU „hilft“ den Libyern, Verbrechen zu begehen. Die Haupttäter sind die Europäer und die Libyer nur Gehilfen.

Woran machen Sie das fest?

Die EU handelt mit der Absicht, Menschen von Europa fernzuhalten. Sie weiß, was passiert, wenn sie die Koordinaten an die libysche Küstenwache weitergibt.

Wie ist das Verhältnis zwischen der EU und der libyschen Küstenwache?

Die libysche Küstenwache besteht aus einer Reihe von Milizen, die von der EU gesponsert und ausgebildet werden. Sie ist eine Erfindung der EU und erhält von ihr Anweisungen. In der Zeit nach Muammar al-Gaddafi hatte Libyen weder politisches Interesse noch technische Kapazitäten, um Flüchtende an der Ausreise zu hindern. Dann kam die EU ins Spiel. Bis 2011 hat die EU die Pushbacks selbst durchgeführt, aber als der Europäische Menschenrechtsgerichtshof geurteilt hat, dass das illegal ist, hat man nach jemand anderem gesucht, der sie ausführt. Aber wie gesagt, rechtlich macht es keinen Unterschied, ob die EU selbst die Geflüchtete „zurückschiebt“ – oder ob sie es Libyen befiehlt, sie „zurückzuziehen“.

Interview: Vera Deleja-Hotko, Bartholomäus von Laffert

Vom Urlauben

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Weg der Unendlichkeit: So betitelt der iranische, in den Niederlanden lebende Künstler Iman Rezaee, 29, diese Karikatur, mit der er die verzweifelte Situation vieler Geflüchteter illustriert. Rezaee hat Malerei an der Firdausi-Universität in Maschhad, der zweitgrößten Stadt des Landes, studiert und ist seit 2010 in verschiedenen künstlerischen Bereichen tätig. Neben Cartoons macht er u.a. konzeptuelle Kunst und gestaltet Wände mit Malereien.

Lärmsalven gegen Menschen

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Trotz angekündigtem US-Abzug und laufenden Friedensgesprächen: Die Gewalt in Afghanistan geht weiter.

Nach zwei Jahrzehnten soll der längste Krieg der US-amerikanischen Geschichte beendet werden. Vor wenigen Wochen verkündete Präsident Joe Biden den vollständigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan. Als Stichtag nannte er dabei ein symbolträchtiges Datum, den 11. September 2021.

Später wurde bekannt, dass die derzeit noch rund 3.500 verbliebenen Truppen – die genaue Anzahl ist aufgrund der Intransparenz des Pentagons praktisch unbekannt – bereits jetzt im Sommer abziehen sollen.

Ein Ende des Krieges am Hindukusch ist allerdings nicht in Sicht, trotz des US-Taliban-Deals, der im Frühling 2020 im Golfemirat Katar unterzeichnet wurde. Die Kampfhandlungen haben sich seither sogar intensiviert. Während sich die internationalen Truppen aus den meisten Gefechten heraushalten, ist eine zunehmende „Afghanisierung“ des Krieges zu beobachten: sprich, Afghanen töten Afghanen. Die meisten Opfer sind dabei Zivilpersonen.

Laut den Vereinten Nationen wurden im ersten Quartal 2021 mindestens 1.783 afghanische Zivilistinnen und Zivilisten getötet oder verletzt.

Nach zwei Jahrzehnten soll der längste Krieg der US-amerikanischen Geschichte beendet werden. Vor wenigen Wochen verkündete Präsident Joe Biden den vollständigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan. Als Stichtag nannte er dabei ein symbolträchtiges Datum, den 11. September 2021.

Später wurde bekannt, dass die derzeit noch rund 3.500 verbliebenen Truppen – die genaue Anzahl ist aufgrund der Intransparenz des Pentagons praktisch unbekannt – bereits jetzt im Sommer abziehen sollen.

Ein Ende des Krieges am Hindukusch ist allerdings nicht in Sicht, trotz des US-Taliban-Deals, der im Frühling 2020 im Golfemirat Katar unterzeichnet wurde. Die Kampfhandlungen haben sich seither sogar intensiviert. Während sich die internationalen Truppen aus den meisten Gefechten heraushalten, ist eine zunehmende „Afghanisierung“ des Krieges zu beobachten: sprich, Afghanen töten Afghanen. Die meisten Opfer sind dabei Zivilpersonen.

Laut den Vereinten Nationen wurden im ersten Quartal 2021 mindestens 1.783 afghanische Zivilistinnen und Zivilisten getötet oder verletzt.

Dialog ohne Bürger*innen. Währenddessen liefen die innerafghanischen Gespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung von Präsident Ashraf Ghani alles andere als erfolgreich ab. Ein Grund hierfür ist auch der nahezu vollkommene Ausschluss der afghanischen Zivilgesellschaft inklusive Menschen- oder Frauenrechtler*innen.

Stattdessen sind es Taliban-Führer, Warlords oder korrupte Politiker, die in erster Linie ihren Egos freien Lauf lassen. Es ist unwahrscheinlich, dass sich dieser Umstand innerhalb weniger Wochen ändern wird. Umso vorhersehbarer ist eine Fortführung des seit 2001 herrschenden Konfliktes, dem „längsten Krieg“ der USA, der für viele Afghaninnen und Afghanen nur ein Kapitel einer deutlich längeren Kriegsgeschichte darstellt. In Afghanistan herrscht nicht „erst“ seit zwanzig Jahren Krieg, sondern seit vier Jahrzehnten.

Ein Rückblick in die Vergangenheit verdeutlicht, welche Szenarien nach dem Abzug eintreten könnten: 1989 verließ der letzte sowjetische Soldat Afghanistan. Die kommunistische Diktatur in Kabul konnte sich allerdings drei weitere Jahre halten. Sowjetische Militär- und Geheimdienstberater verblieben in Kabul.

Gestürzt wurde die Regierung erst, nachdem der Geldfluss aus Moskau gestoppt wurde und die Mudschaheddin-Rebellen die Hauptstadt erobern konnten.

Noch lange nicht weg. Dass Washington seine Verbündeten in Kabul vollkommen fallen lassen wird, ist unwahrscheinlich. Kriegsgerät, darunter etwa bewaffnete Drohnen, sollen eine Einnahme Kabuls durch die Taliban verhindern. Hierfür sollen einigen Berichten zufolge Hunderte Militärs von ausländischen Armeen zuständig sein. Sie sollen nach dem Abzug in der Hauptstadt verbleiben, um etwa Botschaften zu sichern. Präsent sind auch ausländische Söldner, lokale Milizen und afghanische CIA-Milizen.

Dass die westlichen Botschaften sich nicht mehr sicher fühlen, wurde erst vor Kurzem deutlich: Die australische Botschaft wird demnächst ihre Pforten schließen und abziehen.

Emran Feroz

© Amir Kaufmann

Emran Feroz ist österreichischer Journalist und Autor mit afghanischen Wurzeln. Auf Seite 22 in dieser Ausgabe ist ein von ihm verfasstes Porträt über Zabulon Simentov zu lesen.

Nicht nur die Tafel im Blick

Von Redaktion · · 2021/Jul-Aug

Die Umweltpionierin Kehkashan Basu über die Lehren aus der Corona-Pandemie, die Sustainable Development Goals (SDGs), und warum es eine feministische Klimagerechtigkeit braucht.

Was sind derzeit die dringendsten Herausforderungen in Bezug auf Umweltschutz und Klimagerechtigkeit?

Wir müssen verstehen, dass die Klimakrise in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Auswirkungen hat; und dass diejenigen, die am meisten davon betroffen sind, in ihren Gesellschaften auch mit anderen Herausforderungen und Ungerechtigkeiten zu kämpfen haben.

Gerechtigkeit ist ein entscheidendes Thema, wenn wir die Klimakrise als Ganzes angehen wollen und dabei die Intersektionalität in den Blick nehmen.

Also die Verschränkung verschiedener Diskriminierungskategorien in Bezug auf einzelne Personen?

Mir geht es um feministische Klimagerechtigkeit und darum, verständlich zu machen, wie die Klimakrise mit so vielen frauenspezifischen Herausforderungen in unserer Welt zusammenhängt.

Oft denken die Leute, dass sie ohnehin zu wenig zum Klimaschutz beitragen können oder sie verschieben ihren Beitrag auf später. Unser Handeln, egal, wie unbedeutend es uns erscheint, wird einen positiven Einfluss auf unsere zukünftigen Generationen haben. Dass Menschen ihren Zustand der Gleichgültigkeit überwinden, ist definitiv eine der größten Herausforderungen, aber es ist machbar.

Stichwort Klimagerechtigkeit: Wie unterscheiden sich Ihrer Einschätzung nach die Perspektiven des Globalen Südens von jenen des Globalen Nordens?

Die Menschen im Globalen Süden sehen die Probleme in ihrem Alltag. Gerade weil sie die Konsequenzen teilweise schon durchleben, verstehen sie, dass diese Krise mit mehr zusammenhängt als mit den Umweltauswirkungen. Viele Menschen im Globalen Süden erkennen, dass es darum geht, zusammenzuarbeiten.

Ich würde sagen, dass im Globalen Norden immer noch eine Mentalität vorherrscht, erst einmal anderen zu sagen, was sie zu tun haben, anstatt zuzuhören, die Perspektiven anderer verstehen zu wollen und gewohnte Praktiken zu ändern.

Ich habe aber die Hoffnung, dass es auf der ganzen Welt Menschen gibt, die zusammenkommen, zusammenarbeiten und versuchen, eine bessere Welt für alle zu schaffen.

Gibt es internationales Kooperationsabkommen auf politischer Ebene, wo Sie das Potenzial für Veränderung sehen – etwa das Pariser Abkommen?

Für mich ist individuelles Handeln zentraler als es internationale Protokolle und Vereinbarungen sind. Und das Pariser Abkommen ist ja auch kein bindendes.

Individueller Aktivismus liegt Ihnen sehr am Herzen. Sind Sie ein Fan von Greta Thunberg?

Meine Arbeit konzentriert sich auf die Ausbildung von Kindern, weil ich weiß, was für ein Segen es ist, die Möglichkeit zu haben, ausgebildet zu werden, zur Schule und zur Universität gehen zu können.

An meinem Schaffen sieht man, dass ich keine Zeit damit verliere, Regierungen zu kritisieren oder irgendwo mit Plakaten zu demonstrieren. Das ist nicht meine Art. Mit zehn Worten schwächt man die Klimakrise nicht ab, aber wenn man zehn Bäume pflanzt, hat das direkte positive Auswirkungen.

Die Green Hope Foundation bei der Arbeit in einem Rohingya-Flüchtlingslager. Foto: Green Hope Foundation

Wie baut die Green Hope Foundation die SDGs in ihrer Arbeit ein?

Jede einzelne unserer Aktionen zielt auf die SDGs ab. Wir haben zum Beispiel zu SDG 11, zu nachhaltigen Städten und Siedlungen, eine „Grow your own food“-Kampagne. Da zeigen wir Kindern, wie sie bei ihnen zuhause auf ihren Terrassen, in ihren Häusern oder in ihren Gärten urbane Landwirtschaft betreiben und Lebensmittel anbauen können. Sie stellen auch ihren eigenen Kompost her. So sind sie in der Lage, auf ihre eigene kleine Art und Weise viele Kreislaufwirtschaften zu schaffen.

Und natürlich spielt SDG 17 – Partnerschaften zur Erreichung der Ziele – eine große Rolle. Wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die mit uns einen generationenübergreifenden und multidisziplinären Ansatz verfolgen, um eine nachhaltige Welt zu erreichen.

Folgen Sie in Ihren Projekten einem bestimmten pädagogischen Zugang?

Viele kreative Wege kommen da zum Zug, u.a. Musik, Kunst oder Tanz. Als wir, zum Beispiel, zu Neujahr 2018 in einem syrischen Flüchtlingslager an der libanesisch-syrischen Grenze waren, sangen und rappten wir zum Thema Klima. Ein achtjähriger Junge kam nach vorne und rappte über seine Erfahrungen und das Trauma, das er erlebt hatte. Später erzählte uns die Leiterin des Camps, dass er zuvor monatelang nicht gesprochen hatte. In den Workshops öffneten sich so einige Kinder nach den ersten Tagen.

Was sind die größten Chancen für uns als Gesellschaft, auch im Hinblick auf die Corona-Krise?

Die Pandemie hat die Ungleichheiten und Unzulänglichkeiten in unseren sozioökonomischen Systemen aufgedeckt und uns zu verstehen gegeben, dass wir jetzt wirklich initiativ werden müssen, nicht nur um die Gesundheitskrise zu bewältigen. Wir müssen eine andere Normalität schaffen, bei der es um Gleichheit und Gerechtigkeit geht und bei der die drei Säulen der Nachhaltigkeit – Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt – im Fokus stehen.

Covid-19 war ein Weckruf für alle. Ich war schon immer eine Optimistin. Ich denke, dass die Pandemie Folgen für die Bewältigung anderer Herausforderungen wie der Klimakrise haben wird.

Was lernen Sie aus Ihrer Arbeit?

Dass sich harte Arbeit immer auszahlt. Und dass es sehr wichtig ist, an der Basis aktiv zu werden.

Was motiviert Sie, morgens aufzustehen?

Das Lächeln auf den Gesichtern der Kinder, mit denen ich arbeite. Bei der Green Hope Foundation arbeiten wir mit einigen der am stärksten ausgegrenzten Gruppen der Welt zusammen. Es ist erschreckend zu sehen, mit welchen Entbehrungensie jeden Tag konfrontiert sind. Aber gemeinsam arbeiten wir daran, dass sie Hoffnung und die Möglichkeit haben können, Kinder zu sein.

Interview: Rosalie Marktl & Joshua Mingers

Zur Person

Kehkashan Basu ist als Kind indischer Eltern in Dubai geboren und aufgewachsen. Mit zwölf Jahren gründete sie die Green Hope Foundation, die mit Bildung für nachhaltige Entwicklung Kinder aus benachteiligten Verhältnissen für zukunftsfähiges Handeln sensibilisieren will. Mittlerweile ist die NGO in 25 Ländern vertreten und hat 130.000 Nachhaltigkeitsbotschafter*innen ausgebildet.
Die heute 21-Jährige ist seit 2012 Jugendbotschafterin des World Future Council. 2013 wurde sie Global Coordinator for Children and Youth beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), als bisher jüngste Person in dieser Funktion. Basu studiert Umweltwissenschaften an der Universität von Toronto.

Rosalie Marktl ist Journalismus-Studentin und arbeitet als Yogalehrende in Wien.

Joshua Mingers ist Sozioökonomie-Student und arbeitet neben der Uni als Drachenboot-Steuermann in Wien.

Ein Königreich für eine positive Klimabilanz

Von Redaktion · ·

Internationale Abkommen zur Emissionsreduktion waren bisher von mäßigem Erfolg. Der US-amerikanische Ökonom William Nordhaus hat mit dem Climate Club ein Modell entwickelt, das Klimavereinbarungen neu konzipiert – zumindest in der Theorie.

William Nordhaus macht sich seit den 1970er Jahren Gedanken über marktorientierte Instrumente der Klimapolitik. Für sein Modell des Climate Clubs wurde er 2018 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.
Worum geht es im Climate Club? Nachdem die Anzahl der Staaten, die ihre Klimaziele nicht erreichen, nach wie vor groß ist, setzt Nordhaus auf eine Koalition aus veränderungswilligen Ländern. Die Gründungsmitglieder des Clubs einigen sich auf die Einführung einer verbindlichen CO2-Steuer. Durch die Bepreisung des Treibhausgases sollen ressourcenintensive Produktions- und Konsumptionsweisen reduziert und die Entwicklung ressourcensparender Technologien beflügelt werden.
Waren und Dienstleistungen von Ländern, die nicht mitmachen, werden mit Einfuhrzöllen belegt. Ist der Climate Club groß genug, so die Idee, entsteht dadurch ein solcher Druck auf die Nichtmitgliedsstaaten, dass es für sie billiger wäre, die mit der CO2-Steuer verbundenen Einkommenseinbußen in Kauf zu nehmen, als sich den Strafzöllen auszusetzen. Damit wäre erstmals Umweltschutz billiger als Umweltzerstörung.

Trittbrettfahrer unterwegs. Aktuell klafft nach wie vor eine große Kluft zwischen einem breiten gesellschaftlichen Bekenntnis zum globalen Klimaschutz und der Bereitschaft der Menschen vielerorts, dafür auch zu zahlen – also auf Gewinne und Einkommen zu verzichten oder neue Steuern zu akzeptieren.
Die Strategie der meisten Regierungen lautet daher, mit Blick auf die nächsten Wahlen, auf das Engagement anderer Staaten zu hoffen und die eigenen Aufwendungen den potenziellen Wähler*innen zuliebe möglichst niedrig zu halten – Trittbrett zu fahren also.
Ein Climate Club könnte das ändern. Denn: Wenn Umweltschutz plötzlich günstiger ist als Strafzölle zu zahlen, könnte sich die CO2-Steuer in das beste Wahlzuckerl verwandeln.
Die Einfuhrzölle als Strafe können dabei im Modell von Nordhaus von den Mitgliedstaaten des Clubs autonom beschlossen werden und sind daher unabhängig von den politischen Launen der anderen Regierungen.
Die Androhung von Strafzöllen erfüllt jedoch nur dann ihren Zweck, wenn der Climate Club über ausreichende Durchsetzungsmacht verfügt.. Je mehr Mitglieder der Club hat, desto größer auch die Menge an Zöllen, die für Außenstehende fällig werden.

Schwierige Umsetzung. Eine Gruppe norwegischer Politikwissenschafter*innen bemängelt, dass bei dem Modell unbehandelt bleibt, wie die schwierige Anfangsphase überwunden werden kann und wie ein solcher Climate Club genügend Mitglieder gewinnt, um mit seinen Zollandrohungen effektiven Druck aufbauen und auch andere Staaten zum Einlenken bewegen zu können.
Denn: Wie viel Druck auf die anderen Staaten über Zölle ausgeübt werden kann, entscheidet auch darüber, welcher CO2-Steuersatz durchsetzbar ist. Laut den Berechnungen von Nordhaus werden die höchsten Partizipationsraten bei einer CO2-Steuer von 50 US-Dollar pro Tonne erreicht. Es ist jedoch umstritten, ob das ausreicht, um das zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen.
In einem 2018 veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen wird empfohlen, eine solche Steuer auf mindestens 135 Dollar pro Tonne anzusetzen, um die Erderwärmung effektiv bekämpfen zu können.
Bei dieser Größenordnung gerät das Modell von Nordhaus jedoch an seine Grenzen. Bereits ab einem Preis von 100 US-Dollar pro Tonne würde es nicht mehr gelingen, ausreichend Staaten zu einer Teilnahme zu bewegen.

Soziale Dimension einbeziehen. Bis heute wurden noch keine Anstrengungen unternommen, Climate Clubs zur Realität werden zu lassen. Sollte es doch zu einer globalen CO2-Besteuerung kommen, fordert eine Reihe namhafter Ökonom*innen, dass auch die sozialen Auswirkungen einer solchen Steuer in Betracht gezogen werden. Sie wollen unter anderem erreichen, dass die CO2-Steuer als Instrument der Umverteilung genutzt wird, d.h. um das Einkommen von Menschen zu erhöhen, die wenig verdienen und nur wenig CO2-Emissionen verursachen. Auf diese Weise könnten die sozialen Folgen der ökologischen Reform abgefedert werden.

Joshua Mingers ist Sozioökonomie-Student und arbeitet neben der Uni als Drachenboot-Steuermann in Wien.

Der Hut brennt

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun



Viele wollen von Yoga profitieren. Auch auf höchsten, politischen und wirtschaftlichen Ebenen gibt es konkurrierende Positionen.

Narendra Modi ist Indiens Premierminister, Hindu-Nationalist und begeisterter Yoga-Praktizierender. Er hat einen eigenen Yoga-Kanal auf Youtube und präsentiert Yoga als einen Weg zu mehr Gesundheit und Frieden.

2014 schlug er die Einführung eines Weltyogatags bei den Vereinten Nationen vor – und bekam ihn. Seit damals stehen jedes Jahr am 21. Juni Yoga-Praktizierende in Indien und auf der ganzen Welt auf der Matte, um gemeinsam zu üben.

Modi lässt sich gerne dabei mitten in den Massen ablichten. Für ihn ist Yoga nicht zuletzt ein Mittel, um das Bild Indiens im Ausland zu bereichern sowie um den Nationalstolz in Indien zu stärken.

Rund 80 Prozent der indischen Bevölkerung sind Hindus, 15 Prozent gehören dem Islam an, der die zweitgrößte Religion im Land ist. Besonders in den ersten Jahren nach seiner Einführung kritisierten muslimische Gruppen in Indien den Yogatag. Sie sehen u.a. den beliebten Yoga-Sonnengruß als hinduistische Religionspraktik, auch weil im Hinduismus die Sonne als Gott verehrt wird.

Modi ist nicht der erste indische Politiker, der sich für die Verbreitung von Yoga stark macht. Schon der erste Premierminister des seit 1947 unabhängigen Staates, Jawaharlal Nehru (im Amt bis zu seinem Tod 1964), war von den gesundheitsfördernden Auswirkungen von Yoga auf Körper und Geist überzeugt. Er praktizierte selbst und wollte die Bevölkerung dafür begeistern.

Nehru schrieb ein Buch über Yoga, setzte sich für seine wissenschaftliche Erforschung und seine Bekanntmachung im Ausland ein und legte die Grundlagen für die Verankerung von Yoga-Unterricht in staatlichen indischen Institutionen, z.B. in Schulen.

Vermarktung. In den 1990er und 2000er Jahren machte der Yoga-Guru, Aktivist und Unternehmer Baba Ramdev vor, wie man Yoga massentauglich machen kann: Er propagierte im Fernsehen die vielerlei positiven gesundheitlichen Wirkungen des Yoga und brachte bis zu 20.000 Yoga-Übende in großen Sportstadien zusammen.

Ramdev engagierte sich als Anhänger der Hindu-Nationalisten politisch und unterstützte 2014 den Wahlkampf von Modi. Mittlerweile erreicht er mit seinem 2006 begründeten Unternehmen Patanjali Ayurved Umsätze in Milliardenhöhe vor allem mit dem Verkauf von ayurvedischen Produkten und Yoga-Literatur.

Premierminister Modi rief kurz nach seiner Amtseinführung 2014 ein Ministerium für Ayurveda und Yoga ins Leben: das sogenannte Ayush-Ministerium steht für „Ayurveda, Yoga and Naturopathy, Unani, Siddha and Homoeopathy“.

Das Ziel: Indien soll das globale Zentrum für traditionelle Medizin in Forschung und Praxis werden. Zuletzt kochte jedoch landesweit heftige Kritik hoch, weil das Ministerium, das neben dem Gesundheitsministerium existiert, einen Leitfaden für Corona-Prophylaxe herausgab, die auf der Einnahme von homöopathischen Mitteln basiert.

Weniger umstritten war die Aufnahme von Yoga-Klassen im Schulunterricht. Darüber hinaus nahmen diese Einzug in Gefängnissen, Polizei- und Militärausbildungen. 2018 wurden verpflichtende, tägliche Yoga-Stunden mit Atemübungen sowie Entspannung und Meditation zudem Teil des Ausbildungsprogramms der indischen Anti-Terror-Einheit „Black Cats“.

Begehrlichkeiten. Mit dem internationalen Erfolg von Yoga kam es zu – teils heftig ausgetragenen – Diskussionen und Rechtsstreitigkeiten um Yoga-Patente.

Das prominenteste Beispiel: Bikram Choudhury, ein Inder aus Kalkutta, der in Hollywood in den 1990er Jahren mit einer schweißtreibenden Art von Yoga zum Millionär aufstieg. Bikram Yoga nannte er eine Reihe von 26 Yoga-Positionen und zwei zusätzliche Atemübungen, die bei 40 Grad durchgeführt werden.

Die Abfolge ließ er sich patentieren und baute damit ein Franchise-Unternehmen auf, das Anfang der 2000er Jahre über 900 Studios weltweit zählte.

Als Yoga-Studios anfingen eigene Varianten davon anzubieten, begann er, diese rechtlich zu verfolgen. Nach vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen wurde ihm vom US-Patentamt 2012 das Urheberrecht entzogen.

Die sinngemäße Begründung: Yoga-Übungen seien nicht innovativ, weil sie vor Jahrtausenden erfunden wurden und auch eine Sequenz sei nicht patentierbar.

Sorge ums Erbe. In Indien zeigten sich viele empört von derartigen „Vereinnahmungsversuchen“ aus dem Ausland. Der Unternehmer Ramdev etwa forderte als Yoga-Lehrer und einflussreicher Geschäftsmann die indische Regierung auf, aktiv zu werden und das Yoga-Erbe zu schützen.

Die Regierung reagierte und bestellte zehn sorgfältig ausgewählte Yoga-Meister*innen, die seitdem unter der Aufsicht von Wissenschaftler*innen eine nach der anderen alle bekannten Übungen so darstellen sollen, wie sie in den alten Schriften beschrieben sind.

Die Videoaufnahmen davon werden in die Traditional Knowledge Digital Library (TKDL) in Delhi aufgenommen. Dabei handelt es sich um eine Datenbank, die auch das alte medizinische Ayurveda-Wissen enthält und auf die internationale Patentprüfer*innen Zugriff haben. So soll vermieden werden, dass Patente auf uraltes Yoga-Wissen angemeldet werden können.

Doch die Zahl der Yoga-Übungen lässt sich schwer eingrenzen: Nach der traditionellen Yoga-Lehre zählt man laut Überlieferungen 84.000 Asanas, also Yoga-Stellungen. Das ist aber eher als eine symbolische Zahl zu sehen. Damit gemeint war, dass es so viele Übungen gibt wie Menschen, die sie ausführen.

Ob Indiens ehrgeiziges Unterfangen, alle Asanas zu dokumentieren, je zu einem umfassenden Abschluss kommen kann, ist also fraglich.

Gundi Lamprecht ist Redakteurin des ORF in der Abteilung „Religion und Ethik multimedial“. Ihre Spezialgebiete sind Buddhismus und Hinduismus. Seit vielen Jahren lernt und lehrt sie Ashtanga Yoga.

Krishnamacharya, der Brückenbauer

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Nach den Wahlen in Uganda wurden zahlreiche Oppositionelle verhaftet oder sind spurlos verschwunden. Das Regime setzt auf Einschüchterung.

Er verstecke sich, flüstert ein ugandischer Oppositioneller ins Telefon. Aus Sicherheitsgründen will er seinen Namen nicht veröffentlicht wissen. Der Grund: Seit den jüngsten Wahlen in Uganda im Jänner würden er und seine Mitstreiter*innen verfolgt und verhaftet: „Sie entführen uns aus unseren Häusern“, berichtet er.

Deswegen sei er umgezogen. „Sie lesen in unseren Chatgruppen mit“, weiß er. Deswegen habe er sein Smartphone ausgeschaltet. Beim jüngsten Verhaftungsversuch sei er gerade so davongekommen, berichtet er: „Bei uns geht die Angst um.“

Ugandas Regierung ist unter Druck. Die im vergangenen Jahr neu gegründete Oppositionsbewegung der NUP (Nationale Einheitsplattform) unter ihrem Anführer Robert Kyagulanyi, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Bobi Wine, gewann im Jänner rund 35 Prozent der Stimmen in dem kleinen ostafrikanischen Land. Die Regierungspartei NRM (Nationale Widerstandsbewegung) des amtierenden Präsidenten Yoweri Museveni holte rund 58 Prozent. Dies war das schlechteste Ergebnis in den 36 Jahren an der Macht. Für den mittlerweile 76-jährigen Staatschef quasi eine Majestätsbeleidigung.

Seither bemüht sich Ugandas Sicherheitsapparat, die Oppositionsbewegung des berühmten Musikers Bobi Wine zu zerschlagen. Über 450 seiner Anhänger*innen seien „entführt“ worden, klagt Wine.

Bei seinen Wahlkampfveranstaltungen seien zudem 54 seiner Leute erschossen worden, darunter minderjährige Jugendliche. Wine bezeichnet Ugandas Regime daher als „Diktatur“, die willkürlich Menschen „entführt und foltert“.

Präsident Museveni hingegen beschimpfte in seiner jüngsten TV-Ansprache die jungen Oppositionellen als „Terroristen“. Er gibt offen zu, dass seine Spezialeinheiten die Menschen in Gewahrsam genommen hätten – um die Bevölkerung vor ihnen zu schützen. Mit erhobenem Zeigefinger mahnt er wie ein Großvater Ugandas Jugend davor, sich von diesen „Terroristen“ verführen zu lassen.

Beliebter „Ghetto-Präsident“. Die jüngste Wahlrunde in Uganda wirkt auf den ersten Blick wie ein Generationenkonflikt: Der 38-jährige Musikstar Bobi Wine sitzt seit 2017 als jüngster Abgeordneter im Parlament. Unter dem Motto „people power“ (übersetzt: Volksmacht) hatte er in den vergangenen Jahren eine gleichnamige Bewegung gegründet, die im Vorfeld der Wahlen dann in der bereits registrierten Partei NUP aufging.

Wine hat dabei zwar ein politisches Programm vorgelegt, doch dieses fokussiert auf die Versprechen, Millionen von Arbeitsplätzen für junge Erwachsene zu schaffen sowie die Gehälter für Lehrer*innen und Soldat*innen zu erhöhen. Im Wesentlichen reduzieren sich seine Forderungen darauf, das „korrupte“ Regime von Museveni loszuwerden. Im Interview gibt er offen zu, von Wirtschaft und Finanzpolitik keine Ahnung zu haben.

Viel lieber mischt er durch Krawalle im Parlament und Massenaufläufe im Stadtzentrum die Politik gewaltig auf. Denn Wine braucht keine politische Bühne, um seine Botschaften zu verbreiten. Er ist bekannt für seine kritischen Songtexte sowie die schrägen roten Outfits und roten Mützen, ein Markenzeichen seiner Bewegung. Mit seinen kritischen Songtexten vermittelt er seine politischen Botschaften: „Wenn Lehrer zu Peinigern werden, wenn Meinungsfreiheit zum Ziel der Unterdrückung wird – dann wird die Opposition unser Standpunkt“, heißt es in seinem Wahlkampf-Song „Situka“, übersetzt: „Lehnt euch auf!“

Seine eingängigen Afro-Beats laufen landesweit in Radios, Bars und den zahlreichen Nachtclubs. Auch außerhalb der Hauptstadt Kampala füllte er mit seinen Konzerten die Fußballstadien.

Doch seit der Musiker 2019 seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen angekündigt hat, sind alle seine Konzerte verboten. Seitdem verlagert er seine Kommunikationsstrategie mehr und mehr ins Internet und in die Sozialen Medien. Auch dies versucht der Geheimdienst zu verhindern. Als er Mitte März eine Ansprache via Facebook halten wollte, wurde ihm der Internetanschluss blockiert. Als er kurz darauf ins Stadtzentrum fuhr, um seine Rede öffentlich zu halten, wurde er von Polizisten eingefangen und nach Hause gefahren. Politik in Uganda ist ein Katz-und-Maus-Spiel.

Wines Popularität haben die repressiven Methoden nicht geschadet, im Gegenteil. Je rigoroser das Regime vorgeht, umso mehr Menschen in Uganda solidarisieren sich mit ihm – nicht nur musikalisch, sondern auch politisch.

Uganda

© SWM / NordNordWest / CC BY-SA 3.0

Hauptstadt: Kampala

Fläche: 241.037 km2 (Österreich: 83.880 km²)

Einwohner*innen: 41,58 Millionen (Schätzung 2020)

Human Development Index (HDI): Rang 159 von 189 (Österreich 18)

BIP pro Kopf: 794,3 US-Dollar (2019, Österreich: 50.137,7 US-Dollar)

Gini-Koeffizient (Einkommensungleichheit): 42,8 (2016)

Regierungssystem: Präsidentielle Republik, Präsident Yoweri Museveni ist seit 1986 im Amt.

Seine Fans sind vor allem arbeitslose junge Männer, die durch Wines Texte politisiert wurden. Drei Viertel der 43 Millionen Ugander*innen sind unter 35 Jahre alt und haben in ihrem Leben noch nie einen anderen Präsidenten als den amtierenden Museveni erlebt. Sie geben dem Regime die Schuld für die enorme Jugendarbeitslosigkeit und kritisieren Museveni dafür, dass er trotz seines Alters nicht zurücktritt. „Ghetto-Präsident“, nennen sie Wine, weil er wie sie in armen Verhältnissen aufgewachsen ist.

Deftig dichtende Feministin. Die gebildete Mittelklasse sowie Ugandas junge Frauen lassen sich weniger von Wine mobilisieren als vielmehr von Stella Nyanzi. Die 46-jährige promovierte ehemalige Universitätsdozentin ist in dem eher konservativen Uganda bekannt für ihre unzüchtigen Gedichte auf Social Media.

Bis vor kurzem saß sie im Gefängnis. 16 Monate lang, weil sie dem Staatschef zu seinem Geburtstag via Facebook ausrichten ließ, sie wünschte, „der saure Eiter in der Vagina“ seiner Mutter hätte „ihren ungeborenen Fötus verbrannt“. Es war nicht das erste Mal, dass sich die mittlerweile suspendierte Lektorin für medizinische Anthropologie mit dem Langzeitherrscher anlegte. Seit Jahren kämpft sie für Menschenrechte, darunter vor allem für die Rechte von Frauen und LGBTIQ.

Im Streit um kostenlose Monatsbinden für Mädchen bezeichnete sie Museveni sowie dessen Frau und gleichzeitige Bildungsministerin, Janet Museveni, 2017 als „ein Paar Arschbacken“. Nyanzi hat sich damit die Strategien der „radical rudeness“ zu eigen gemacht, übersetzt „radikale Unhöflichkeit“, die ugandische Freiheitskämpfer*innen unter der britischen Kolonialherrschaft entwickelt haben.

Für ihr Fluchen wurde sie direkt darauf verhaftet und saß mehrere Wochen lang im Luzira-Hochsicherheitsgefängnis für Frauen im Südosten von Kampala. Offiziell wurde sie vom Gericht damals wegen „Cyber-Belästigung“ und „Beleidigung des Präsidenten“ angeklagt. Die Richter ordneten zuerst ein psychiatrisches Gutachten an, ließen sie später auf Kaution frei. Sie floh nach den Wahlen ins Nachbarland Kenia und beantragte dort Asyl, da sie politisch verfolgt würde. Seitdem postet sie täglich politische Gedichte und solidarisiert sich zunehmend mit Wine.

Sorge ums Vermächtnis. Präsident Museveni nimmt die Kritik persönlich. Für ihn geht es derzeit nicht nur um den reinen Machterhalt, sondern auch darum, wie er in die Geschichtsbücher eingehen wird. Der mittlerweile 76-Jährige hat vor 35 Jahren das Land gewaltsam erobert und die vorherige Diktatur gestürzt.

Er porträtiert sich bis heute als Befreiungskämpfer, der dem Land Sicherheit und Wohlstand gebracht hat. Zu Beginn galt er als Reformer, der den Diktatoren des Kontinents offen sagte, sie seien das Problem, warum Afrika nicht vorankomme. Über 30 Jahre später muss er sich von Wine und Nyanzi nun anhören, er sei der Grund, warum Uganda nicht vorankomme.

Die Corona-Pandemie verschaffte dem Präsidenten während des heißen Wahlkampfes Vorteile. Damit gelang es ihm, seine Gegner gekonnt auszuschalten. Symbolträchtig gekleidet in grüner Armeeuniform und Safarihut tourte der Staatschef mit seinen alteingesessenen Anhängern, Generälen und Soldaten durch das Land. Wo er auch hinkam, strömten abertausende, meist ältere Menschen zusammen. Nur die Wenigsten trugen dabei einen Mund-Nasen-Schutz oder hielten sich an die Abstandsregeln. Von einer Gefährdung der öffentlichen Gesundheit hinsichtlich Corona war hier nicht die Rede.

Wines Wahlveranstaltungen wurden hingegen stets von der Polizei brutal aufgelöst, weil sich dessen Fans nicht an die Corona-Auflagen halten würden. Dabei flogen neben Tränengas und Gummigeschossen auch Kugeln – es gab über 50 Tote, darunter Kinder und Jugendliche.

Während bei Wines Kampagne Chaos herrschte, hielt Museveni in den Dörfern ruhig stundenlange Reden, schwelgte in Erinnerungen an den Freiheitskampf von 1986 und erteilte Ratschläge: Die jungen Leute, die er „Bazukulu“ (übersetzt: Enkelkinder) nennt, sollten arbeiten, statt mit ihren Handys „falsche Gerüchte zu verbreiten“.

Eine Wirtschaft am Boden

Uganda steht kurz vor dem Staatsbankrott. Das hat Gründe: Die Regierung hat in den vergangenen Jahren mit Hilfe chinesischer Kredite in große Infrastrukturprojekte wie Staudämme und Straßenbau investiert. Jetzt kommt die Coronakrise hinzu und es wird brenzlig.Ugandas höchster Wirtschaftsprüfer hat im März gewarnt: Steigen die Schulden weiterhin an, werde der Staat nicht mehr in der Lage sein, sie zu bedienen. Rund 80 Prozent der Steuereinnahmen muss das Finanzamt in diesem Jahr für laufende Kredite und Zinszahlungen aufwenden. Da bleibt für andere Ausgaben kaum mehr etwas übrig. Dabei sind in der Pandemie die Ausgaben des Gesundheitssektors besonders hoch.Nach fast einem Jahr des Lockdowns öffnete die Regierung die Schulen wieder landesweit, hat aber kein Geld, um in Schutz- oder Hygienemaßnahmen zu investieren. Selbst für die Löhne für die Lehrer*innen fehlt das Geld. Die Folge: nur wenige Lehrkräfte stehen jetzt zum Schulstart in den überfüllten Klassenzimmern.    S. S.

Soziale Medien abgedreht. Rechtzeitig wurden in der Nacht zum Wahltag Twitter, Facebook und Whatsapp abgeschaltet, um jegliche Aufstände zu verhindern.

Bereits 2018 hatte die Regierung eine Steuer auf die Nutzung sozialer Netzwerke eingeführt. Bei den Aufständen des Arabischen Frühlings in Nordafrika 2011 oder den jüngsten Umbrüchen im Sudan waren diese Medien ein zentrales Kommunikationsmittel der Protestierenden. Dem wirkt Musevenis Sicherheitsdienst seitdem entgegen.

Schon bei der Einführung der Steuer rief Wine zu Protesten auf. Die Regierung reagierte hart: Seitdem stehen vor Wines Haus in einer abgelegenen Seitenstraße am Stadtrand von Kampala, der „Freedom Lane“ (Freiheitsweg), rund um die Uhr Nachrichtendienst-Beamte.

Nach der Wahl ließen sie Wine nicht einmal mehr zum Supermarkt fahren. Sie fürchteten, er würde zu Protesten aufrufen. Tagelang saß er mit seiner Frau und Kindern zu Hause fest wie in einem Gefängnis. Erst ein Gerichtsentscheid sorgte dafür, dass die Agenten abzogen.

Bobi Wine und seine Anhängerschaft. © Sumy Sadurni

Familiendynastie. Museveni verlässt sich auf einen gewaltigen Sicherheitsapparat, der ihm persönlich hörig ist. Dafür sorgt sein Sohn und Kommandant der Spezialkräfte: Muhoozi Kainerugaba. Der 45-jährige General hat auf den besten Militärschulen der Welt seine Ausbildung absolviert und gilt neben seinem Onkel, Musevenis Bruder Salim Saleh, der sich um die Wirtschaft kümmert, als einer der ranghöchsten Offiziere im Land. Seinem Sohn wird nachgesagt, er sei als Nachfolger Musevenis auserkoren, um die Familie an der Macht zu halten.

Die derzeitige Krise in Anbetracht einer rebellierenden Jugend ist demnach nicht nur als ein Generationenkonflikt zu verstehen, sondern lässt sich auch als Streit innerhalb der jungen Generation begreifen: zwischen den Gewinner*innen des Systems von Präsident Museveni und den Verlierer*innen.

Kainerugaba vertritt dabei die Kinder derjenigen Generäle, die mit Museveni das Land erobert haben und bis heute kontrollieren. Diese junge Machtelite kam in den vergangenen Jahren von ihren Privatschulen in den USA oder Europa zurück und will nun politisch und wirtschaftlich in die Fußstapfen ihrer Väter treten.

Doch Wines Bewegung macht ihnen das streitig. „Ich garantiere, wer auch immer Uganda durcheinanderbringen will, wird einen schlechten Tag erleben“, warnte Kainerugaba via Twitter vor den Wahlen. Sofort reagierten Wines Fans: „Du hast wohl zu viel Donald Trump geschaut, General!“

Unter den jungen Soldaten, die offiziell wahlberechtigt sind, hat Musevenis Sohn viele Anhänger. Aber auch Ugandas Mittelklasse und die Elite sehen in ihm einen Garant, dass es unter seiner möglichen Nachfolgerschaft nicht zu radikalen Umbrüchen oder gar bürgerkriegsähnlichem Chaos kommt. Der letzte Krieg in Uganda, gegen die „Lord’s Resistance Army“ im Norden des Landes (vgl. Karte S. 11), ist erst 2006 zu Ende gegangen. Die städtische Wirtschaftselite sowie die Bäuerinnen und Bauern auf dem Land sehnen sich mehr nach Frieden und Stabilität als nach politischen Freiheiten und Demokratie.

Panzer zur Abschreckung. Damit spielt das Regime. Pünktlich am Tag vor den Wahlen ließ Kainerugaba Dutzende gepanzerte Fahrzeuge durch das Zentrum der Hauptstadt rollen, Soldaten mit Maschinengewehren marschierten durch die Straßen. Fotos und Videos des Machtaufgebots zirkulierten im Web – eine eindeutige Machtdemonstration und die Warnung an das Volk: Wer Chaos stiftet, der zahlt mit dem Leben. Diese Drohung hat das Regime letztlich wahr gemacht.

Das brutale Vorgehen gegen die Opposition sorgt nun für Kritik von Gebern. Bislang galt Museveni als Liebling des Westens, weil er eine offene Flüchtlingspolitik betreibt und sich an den Friedenseinsätzen in Somalia beteiligt.

Zu Österreich unterhält er besondere Beziehungen, denn seine Befreiungsbewegung NRM hat der einstige Revolutionäre 1985 im Dorfwirtshaus „Zum grünen Jäger“ in Unterolberndorf in Niederösterreich auf einer geheimen Sitzung im Exil gegründet: Seine Anhänger*innen schworen sich, den damaligen Diktator zu stürzen.

Seit 1992 ist Uganda Schwerpunktland der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Dabei unterstützt Österreich vor allem den Wassersektor, aber bemüht sich auch um die Stärkung von Frauenrechten und Demokratie sowie den Aufbau einer unabhängigen Justiz – Programme, die nun von Museveni mit Füßen getreten werden.

Simone Schlindwein ist freie Journalistin in der Region der Großen Seen in Afrika und lebt in Uganda und Deutschland.

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Denkmahnmal

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun

Arcadio Esquivel aus Costa Rica erinnert mit dieser Zeichnung an die öffentliche Debatte nach dem TV-Interview von Herzogin Meghan und Prinz Harry.

Neben seiner Lehrtätigkeit zu Karikaturen an der Universität von Costa Rica produziert Esquivel TV-Programme und schreibt Bücher über Zeichnen und Malen. Als Karikaturist arbeitet er für nationale und internationale Magazine und Tageszeitungen.

Wir sind so frei

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Patente auf Covid-19-Impfstoffe auszusetzen ist möglich – und dringend notwendig.

Zufällig am gleichen Tag wie ich sind auch die ersten Impfstoffdosen gegen Covid-19 in Nigeria angekommen – mit großem Brimborium wurden sie am Flughafen in Empfang genommen. Auch wenn die Freude darüber nachvollziehbar ist, muss man sich vor Augen halten, dass diese gerade mal ausreichen, um ein Prozent der Bevölkerung des Landes zu impfen. Weltweit haben zwar schon viele Länder begonnen, großflächig zu impfen, der Großteil hat aber noch keine einzige Dosis erhalten. Derzeit verfügen vor allem die einkommensstarken Nationen über Impfdosen. Diese ungleiche Verteilung prangern wir von Ärzte ohne Grenzen massiv an.

Es braucht dringend eine faire, planbare Verteilung über multilaterale Mechanismen wie der Impfkoalition COVAX, durch die zwei Milliarden Impfdosen weltweit verteilt werden sollen. Und keine Almosen für Afrika, Asien oder Lateinamerika.

Aber selbst wenn Initiativen wie COVAX nützliche Notfallinstrumente darstellen, können sie bestenfalls einen Bruchteil der für die Eindämmung des Virus erforderlichen Impfdosen liefern. Essenziell ist daher, das Tempo und den Umfang der Impfstoffproduktion dramatisch zu erhöhen. Dafür braucht es die Aufhebung von Patenten auf Covid-19-Impfstoffe, Medikamente oder Hilfsmittel. Würde der Kampf gegen die Pandemie nach gesundheitlichen statt marktwirtschaftlichen Prioritäten geführt, wäre das rasch entschieden.

© Herwig Prammer


Marcus Bachmann ist Berater für humanitäre Angelegenheiten von Ärzte ohne Grenzen Österreich und derzeit als Einsatzleiter in Nigeria.

Patente teilen. Und es wäre möglich, die Rechte auf geistiges Eigentum für die Dauer der Pandemie auszusetzen, auch wenn gerne das Gegenteil behauptet wird. Dafür gibt es Positivbeispiele aus der Vergangenheit: So hatte 2010 ein von Ärzte ohne Grenzen mitinitiierter Patentpool eine Struktur für Patentinhaber geschaffen, ihre Eigentumsrechte auf HIV-Medikamente zu teilen und im Gegenzug fair festgesetzte Lizenzgebühren zu erhalten. Medikamentenhersteller nutzen die Patente im Pool, um preisgünstigere Versionen der Arzneien zu produzieren. Dank Generika aus Indien sank so der Preis für eine Therapie innerhalb von zehn Jahren von mehr als 10.000 US-Dollar auf rund 100 pro Patientin oder Patient und Jahr – das rettete Millionen Menschen das Leben.

Würden Pharmafirmen ihr Know-how und ihre Technologien – die zudem mittels massiver staatlicher Förderungen in Milliardenhöhe entwickelt wurden – teilen, wäre eine raschere globale Versorgung mit Covid-19-Impfstoffen möglich. Bereits jetzt produzieren Länder wie Indien Impfstoffe nach höchsten Qualitätsstandards. Sie könnten so zeitnah den Kampf gegen Corona unterstützen.

Auch Österreich gefragt. In diversen Gesprächsrunden wird die von Südafrika und Indien in der WTO vorgeschlagene Aufhebung des geistigen Eigentums immer noch von einer kleinen Zahl von Regierungen, vor allem im Globalen Norden, blockiert. Auch Österreich gehört zu diesen Staaten. Wir haben deshalb gemeinsam mit Amnesty International einen offenen Brief an die österreichische Regierung geschrieben und fordern auch weiterhin, dass Österreich und die EU sich nicht länger ihrer Verantwortung entziehen. Was es jetzt braucht, sind mutige Entscheidungen und internationale Solidarität, denn: Eine Pandemie ist erst dann zu Ende, wenn sie überall beendet ist.

Dehnbar von Tradition zu Trend

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Von den Niederlanden über Österreich bis nach Pakistan und Kolumbien – immer öfter klagen Initiativen erfolgreich in Sachen Klima.

Schon über Preisunterschiede zwischen Zug und Flug nachgedacht? Transnationale Flüge sind im Vergleich zu grenzübergreifenden Bahnfahrten umsatzsteuerbefreit.

Und: Für Flüge innerhalb Österreichs entfällt die Kerosinsteuer, die Bahn zahlt Energieabgaben und Eigenstromsteuern.

Dadurch hätten Airlines gegenüber der Bahn einen unlauteren Wettbewerbsvorteil, obwohl Erstere 31 mal mehr Umweltschäden verursachen als Letztere, argumentiert die Umweltschutzorganisation Greenpeace Österreich – und zog im Sommer 2019 vor den Verfassungsgerichtshof (VfGH). Der ersten sogenannten „Klimaklage“ Österreichs schlossen sich mehr als 8.000 Österreicher*innen an.

Immer mehr Initiativen rund um den Globus klagen ihre Regierungen, teils mit überraschenden Erfolgen.

Doch was können derlei Klagen bewirken? Und was bedeutet das für die Gewaltenteilung, wenn Gerichte zu Klimaschützer*innen werden, und die Judikative die Versäumnisse von Legislative und Exekutive glattbügeln soll?

„Wir pochen seit 30 Jahren auf Klimaschutz und wir wissen alle, dass uns die Zeit davonläuft“, erklärt Jasmin Duregger, Klima-Expertin bei Greenpeace Österreich, den Gang vor den VfGH. Sie spricht von einem „letzten Eskalationsschritt“, den man gehen musste, um das „Recht auf Zukunft“ von der Regierung einzufordern.

Der VfGH lehnte die Greenpeace-Klimaklage allerdings im Oktober 2020 ab, weil die persönliche Betroffenheit der Klagenden nicht ausreichend gegeben sei.

Gute Erfolgsaussichten hat Dureggers Meinung nach Mex M. Der an Multipler Sklerose Erkrankte gab Anfang März bekannt, mit Unterstützung der renommierten Rechtsanwältin Michaela Krömer und Fridays For Future vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) zu ziehen.

Denn je höher die Temperatur, desto stärker hat M. unter seiner Krankheit zu leiden, ab 25 Grad Celsius ist er auf einen Rollstuhl angewiesen.

M. will ein Recht auf Klimaschutz erwirken, abgeleitet vom Recht auf Leben und Gesundheit. Ob der Antrag zugelassen wurde, stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

Etappensiege. In Europa ließ 2015 der gerichtliche Erfolg der Urgenda Foundation gegen die niederländische Regierung erstmals aufhorchen. Die Niederlande wurde zu einer Reduktion von Treibhausgasen verpflichtet.

In letzter Zeit hatten vergleichbare Klimaklagen in mehreren europäischen Staaten Erfolg.

Und nicht nur in unseren Breitengraden: In Kolumbien verklagten 25 Jugendliche 2018 erfolgreich Teile der Regierung, weil diese nicht genug gegen die Abholzung kolumbianischer Wälder unternehmen. Die Umweltschutzorganisation Earth-life Africa konnte 2017 den Bau eines Kohlekraftwerks in Südafrika verhindern.

Der peruanische Bauer Saúl Luciano Lliuya verklagte den deutschen Energiekonzern RWE (das Südwind-Magazin berichtete in der Ausgabe 1-2/2019), im Mittelpunkt steht der Vorwurf der Mitverantwortung an der globalen Erwärmung. In einer historischen Entscheidung nahm ein deutsches Oberlandesgericht 2019 die Klage an. Die aufwendige Beweisaufnahme wird – verzögert durch die Corona-Pandemie – fortgesetzt.

Für Aufsehen sorgte auch der Fall Asghar Leghari. Der Bauer aus Pakistan klagte 2015 seine Regierung wegen deren umweltpolitischer Untätigkeit. Das Gericht gab Leghari Recht und wies die Regierung an, innerhalb weniger Monate einen Klimaschutz-Aktionsplan zu erarbeiten, dessen Einhaltung von einer Kommission überwacht wird.

Internationale Beachtung fand der Fall, weil Pakistan nicht als Verursacher, sondern als Opfer der Klimakrise gilt.

Chance, Druck aufzubauen. Dass der Fall des Österreichers Mex M. vor dem EGMR Erfolg hat, wäre laut Umweltrechtsexpertin Judith Fitz „eine Überraschung, aber nicht auszuschließen“. Die Europäische Menschenrechtskonvention, erklärt Fitz, werde vom EGMR als ein „living instrument“ behandelt. Das heißt, die Behörde in Straßburg orientiert sich bei ihren Entscheidungen auch an gesellschaftspolitischen Entwicklungen.

Die Sorge mancher, dass durch klimapolitische Entscheidungen von Gerichten die Gewaltenteilung in Bedrängnis gerät, will Fitz indes nicht gelten lassen. Einerseits habe der Gesetzgeber den Reduktionszielen im Pariser Klimaabkommen selbst zugestimmt, andererseits würde ein Gericht einer Regierung nicht vorschreiben, wie sie Klimaschutz konkret umzusetzen hat.

Klimaklagen seien vor allem ein Instrument, um Druck aufzubauen. Ein Sieg von Mex M. etwa hätte enorme symbolische Wirkung.

Johannes Greß, geb. 1994, arbeitet als freier Journalist in Wien, studiert Politikwissenschaft im Master und arbeitet überwiegend zu den Themen Ökologie, Demokratie, Verkehr und Konsum.

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Im Osten viel Hoffnung

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun

In den vergangenen Jahren kamen immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs durch Yoga-Lehrer ans Tageslicht. Der bekannteste Fall ist der rund um Bikram Choudhury in den USA: Er baute in Hollywood ein viele Millionen schweres Yoga-Imperium mit seinem Namen auf und schaffte einen Kult um seine Person. Dabei bildete er tausende Lehrer*innen aus – und wurde schließlich wegen Mobbing, sexueller Belästigung, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung von mehren Frauen geklagt.

Nur eine davon gewann, Minakshi Jafa-Bodden – sie hatte davor für sein Unternehmen als Anwältin gearbeitet. Das Urteil: Choudhury muss ihr umgerechnet rund sechs Millionen Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz zahlen. Was er allerdings bis heute nicht gemacht hat. Er flüchtete 2017 aus den USA und gilt seither als untergetaucht. Heute haben sich die meisten der hunderten Yoga-Studios weltweit, die Bikram Yoga anbieten, von ihm distanziert.

Choudhury ist aber kein Einzelfall. Von anderen populären Yoga-Lehrern sind ähnliche Gewalttaten publik geworden. So wurde etwa nach dem Tod des Ashtanga Yoga-Gurus Krishna Pattabhi Jois bekannt, dass dieser eine seiner ehemaligen Schülerinnen jahrelang körperlich missbraucht haben soll.

Und auch Yogis wie John Friend (Gründer von Anusara Yoga), Vishnudevananda (Sivananda Yoga) oder Kausthub Desikachar (Vini Yoga) sollen ihre Schülerinnen sexuell belästigt und missbraucht haben. Das Verfahren gegen Letzteren wurde eingestellt, nach einem Jahr Pause unterrichtet er wieder.

Durch diese Fälle wurde die Yoga-Szene sensibilisiert. Verschiedene Plattformen tragen heute zur Aufklärung bei und fordern ein Ende der kultischen Verehrung von Yoga-Lehrern.

Die Yoga Alliance, der größte professionelle Yoga-Verband mit über 80.000 Mitgliedern weltweit, hat auf die vielen Vorwürfe in der Yoga-Branche reagiert. Seit Februar 2020 müssen sich alle anerkannten Lehrer*innen einer aktualisierten, zeitgemäßen ethischen Verpflichtung inkl. Verhaltenskodex anschließen.  G. L.

Der lange Frühling der Frauen

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun

Im Februar hat die kolumbianische Regierung unerwartet einen neuen Kurs in ihrer Asylpolitik eingeschlagen: Rund eine Million geflüchtete Venezolaner*innen können für zehn Jahre offiziell im Land bleiben.

Eltern sitzen mit ihren erschöpften Kindern am Straßenrand. Bei sich haben sie nur Rucksäcke, Wasser und die Kleidung, die sie tragen. Die Bilder von Venezolaner*innen, die sich zu Fuß auf den Weg in ein neues Leben machen, sind zu einem gewohnten Bild auf den Straßen der kolumbianischen Grenzregion geworden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben seit 2015 bis zu fünf Millionen Menschen ihr Land verlassen. Sie versuchen den katastrophalen Lebensbedingungen und der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat zu entfliehen.

Von den Millionen geflüchteten Venezolaner*innen sind nach Angaben der kolumbianischen Grenzkontrollbehörde rund 1,7 Millionen Menschen nach Kolumbien gekommen, um ihr Glück zu suchen.

Zum 31. Oktober 2020 waren davon nur 770.000 mit regulärem Status im Land. Asylberechtigung, Grenzmobilitätskarte, Sondergenehmigung für Daueraufenthalt, Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung – je nach Einreisedatum gibt es verschiedene Varianten dafür. Wer sich ohne Papiere im Land aufhält, hat es schwer. Und das betrifft tausende Geflüchtete. Von dem Geld, das sie in der informellen Wirtschaft verdienen, kommen sie gerade so über die Runden.

Historischer Schritt. Doch nun ist Besserung in Sicht. Am 8. Februar brachte Kolumbiens Präsident Iván Duque von der rechts-konservativen Partei Centro Democrático ein Schutzstatut für die venezolanischen Migrant*innen auf den Weg. Das Statut gilt für alle Venezolaner*innen, die bis Ende Jänner diesen Jahres eingereist sind, und wird zehn Jahre gültig sein.

Kolumbien

Hauptstadt: Bogotá

Fläche: 1.141.748 km2 (etwa das 13,5-fache der Fläche Österreichs)

Einwohner*innen: 50,37 Millionen (2020)

Human Development Index (HDI): Rang 83 von 189 (Österreich 18)

BIP pro Kopf: 6.428,7 US-Dollar (2019, Österreich: 50.137,7 US-Dollar)

Gini-Koeffizient (Einkommensungleichheit): 51,3 (2019)

Regierungssystem: Präsidialdemokratie. Staatsoberhaupt ist Iván Duque Márquez (seit 08/2018) von der rechts-konservativen Partei Centro Democrático mit wirtschaftsliberaler Ausrichtung.

Für diesen Zeitraum können sie sich ganz offiziell in Kolumbien aufhalten. Es gewährt ihnen den Zugang zum regulären Arbeitsmarkt und zum Gesundheitssystem, wodurch sie in den nationalen Corona-Impfplan integriert werden. Was mit denjenigen passiert, die ab Februar ins Land kamen bzw. kommen, war Ende März noch nicht klar.

Die Ankündigung Duques erfolgte in einer gemeinsamen Erklärung mit Filippo Grandi, dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Grandi verdeutlichte, dass Kolumbien mit der Zusammenarbeit und Solidarität der internationalen Gemeinschaft rechnen könne. Und er bezeichnete die Maßnahme als die wichtigste humanitäre Geste auf dem Kontinent seit 1984, als die Erklärung von Cartagena zum Schutz von Flüchtlingen verabschiedet wurde.

Auch UN-Generalsekretär António Guterres begrüßte die Entscheidung Kolumbiens und bekräftigte die Entschlossenheit der Vereinten Nationen, Kolumbien bei seinen Bemühungen zu unterstützen.

Wie es zum Exodus kam

Die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen, Alena Douhan, erklärte nach ihrem Besuch in Venezuela Anfang Februar 2021 in einem vorläufigen Bericht, dass die Ursachen für die massive Abwanderung von Venezolaner*innen in einer Mischung aus wirtschaftspolitischen Fehlern und Sanktionen begründet lägen.

Laut Douhan begann der wirtschaftliche Niedergang Venezuelas mit dem Rückgang der Ölpreise im Jahr 2014: Die nicht ausreichend diversifizierte Wirtschaft war stark vom Ölabsatz abhängig. Die meisten Produkte wie Maschinen und Ersatzteile bis hin zu Nahrungsmitteln und Medizin wurden hauptsächlich aus den USA und Europa importiert.

Doch die Verhängung der Sanktionen durch die USA, EU und andere seit 2015 untergräbt die Fähigkeit des Staates, die Infrastruktur zu erhalten und soziale Projekte umzusetzen. Dem öffentlichen Sektor und privaten Unternehmen bleiben letztendlich keine Möglichkeiten, die fehlenden Güter zu beschaffen.

Erschwerend sind außerdem Sanktionen gegen Dritte, die mit Caracas handeln. Die UN-Sonderberichterstatterin erläuterte, dass die Behinderung von Nahrungsmittelimporten (die mehr als 50 Prozent des Nahrungsmittelverbrauchs decken) dazu geführt habe, dass die Unterernährung in den vergangenen sechs Jahren stetig zunahm – mehr als 2,5 Millionen Menschen sind von Ernährungunsicherheit stark betroffen.

Die humanitäre Notlage bewirkt eine massive Abwanderung, die wiederum die Not im Land erhöht. So beklagt Venezuela im öffentlichen Dienst den Verlust von 30 bis 50 Prozent der Fachkräfte in Bereichen wie Medizin, Ingenieurwesen, Bildung oder Justiz. Das hat nicht zuletzt eine erhöhte Arbeitbelastung für das verbliebene Personal zur Folge. A. G. B.

Stolz & Verwunderung. Die kolumbianische Presse zeigt sich stolz. So bezeichnet die konservative Tageszeitung El Nuevo Siglo den Vorstoß von Präsident Duque als beispielhaft für die Welt. Schließlich erhalte das Land globale Anerkennung.

Zugleich löste Duques Schutzstatut Verwunderung aus: Denn bis vor kurzem war die Regierung keinesfalls bestrebt, die Situation der Venezolaner*innen zu verbessern. Viel mehr wollte die Regierung die Geflüchteten alsbald wieder des Landes verweisen und verwehrte den irregulären Immigrant*innen die Möglichkeit, eine Corona-Impfung in Kolumbien zu erhalten.

Dabei schielte die Regierung auf die Stimmung im Land: Umfragen zufolge haben die Menschen im Land mehrheitlich Ressentiments gegenüber venezolanischen Zuwander*innen. Sie befürchten eine weiter steigende Kriminalität, Lohndumping und die Verknappung des Corona-Impfstoffs.

Die Wirtschaft profitiert. Ganz selbstlos erscheinen die Beweggründe Duques auch abseits davon nicht zu sein. Denn neben dem internationalen Prestige spielen etwa fiskalpolitische Faktoren eine Rolle: Der Internationale Währungsfonds sieht durch den geschätzten Zuzug von Migrant*innen bis 2030 für Kolumbien ein potenzielles jährliches Wachstum von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten. Schließlich sind von den 1,7 Millionen venezolanischen Migrant*innen in Kolumbien fast zwei Drittel zwischen 18 und 39 Jahre alt, während 28 Prozent sogar noch unter 18 Jahre alt sind. Das durchschnittliche Bildungsniveau der Migrant*innen ist dabei moderat höher als das der einheimischen Bevölkerung. Durch die Immigrant*innen erhöht sich die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um drei Prozent, was zu einer höheren Produktivität beitragen soll. Und dies könnte die wirtschaftlichen und fiskalischen Auswirkungen einer alternden Bevölkerung mildern.

Für den Schutz und die Integration der Geflüchteten kann sich die kolumbianische Regierung auf Budgethilfe der Europäischen Union in Höhe von zwölf Millionen Euro freuen. Und auch die Vereinigten Staaten lassen sich die Folgen ihres politischen Drucks gegen Venezuela einiges kosten. Im Februar vergangenen Jahres stellte ein Bericht des US-Außenministeriums fest, dass die US-Regierung seit 2017 mehr als 656 Millionen US-Dollar für humanitäre Hilfe zugunsten venezolanischer Migrant*innen ausgegeben hat.

Wer war … Ani Pachen?

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Von: Jürgen Vogt
Betreff: Endlich wieder Asado

Liebe Redaktion,

neulich habe ich nach über einem Jahr wieder einen Kartoffelsalat gemacht. Also meinen deutschen Kartoffelsalat, der sich auf den argentinischen Asados, den gemeinsamen Grillfesten, allergrößter Beliebtheit erfreut.

Sozialwissenschaftler*innen würden das Asado zweifellos als Eckpfeiler der hiesigen Freundschaftspflege definieren. Doch in den Zeiten der „pandemia“ und der „distancia social“ fand das nur noch im allerengsten Kreis statt. Das Asado ist ein Ritual, das mindestens drei Stunden dauert. Dabei wird eine bestimmte Folge von verschiedenen Würsten und Fleischstücken verzehrt, die zum richtigen Zeitpunkt richtig gegart sein müssen.

Nach der über 100 Tage anhaltenden strikten Quarantäne im vergangenen Jahr wird nun zum Glück wieder gemeinsam unter freiem Himmel gegrillt. Nur der Mate-Tee macht nicht mehr die Runde: Vor Corona sogen alle an derselben „bombilla“, einem silbernen Saugröhrchen, aus derselben Kalebasse, die stets nachgefüllt im Kreis herumgereicht wird.

Als Nicht-Mate-Tee-Freund lehnte ich immer dankend ab, wenn ich an die Reihe kam. Das bleibt mir seit Corona erspart. Dafür genieße ich es jetzt, der „alemán“ mit dem begehrten Kartoffelsalat zu sein.

Liebe Grüße,
Jürgen

Neue Frauenstimmen

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun

Von Kairo bis Kapstadt: Analysen, Hintergrundinfos und spannende Geschichten gibt´s auf Africalink zu hören.Die Deutsche Welle, der Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland, sendet täglich von Montag bis Freitag ein 30-minütiges Programm auf Englisch.Zu finden auf dw.com/en unter „Radio“ bzw. auf verschiedenen Podcast-Apps.

Die Redaktion empfiehlt: Neues muslimisches Sprachrohr

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Drei ausgewählte Bücher zum Thema Geschlecht, Identität und Diskriminierung.

Strukturelle Diskriminierung von Frauen und Mädchen existiert auch im 21. Jahrhundert weltweit weiter. In Kim Jiyoung, geboren 1982 (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, 208 Seiten, € 18,50) beschreibt Cho Nam-Joo das Leben einer südkoreanischen Frau, die in einer Gesellschaft aufwächst, in der Männern mehr Wert beigemessen wird.

Cho umreißt ihr Leben in einer klaren Sprache – vom Aufwachsen als Schwester eines Bruders, der bevorzugt wird, über das Schülerinnen- und Studentinnen-Dasein bis hin zum Berufseinstieg, der jungen Frauen durch die Möglichkeit des Kinderkriegens erschwert wird.

Perspektivenwechsel: In der wahren Geschichte Kleiner Bruder (Suhrkamp Nova, Berlin 2021, 139 Seiten, € 14,40) wiederum leidet Ibrahima Balde unter seinem Geschlecht, da die Verantwortung, für seine Familie zu sorgen, schwer auf ihm lastet. Er berichtet vom Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen in Guinea, und von seiner Suche nach seinem kleinen Bruder.

Dieser scheint auf dem Weg nach Europa ertrunken zu sein. Schonungslos und authentisch veranschaulicht das Buch die Gefahr für Menschen auf der Flucht.

Das Buch Ana (Goldmann, München 2020, 576 Seiten, € 22,70) ist ein spannender historischer Roman. Was wäre, wenn Jesus eine Frau gehabt hätte? Im Buch von Sue Monk Kidd begegnen uns emanzipierte Frauenfiguren ebenso wie Schilderungen über das Leben in Galiläa und Ägypten zu Zeiten des Neuen Testaments. Damals war es Frauen verboten, zu lernen und zu schreiben. Doch die junge Ana ist klug und rebellisch. Sie geht ihren Weg, indem sie sich Regeln und herrschenden Rollenbildern widersetzt. Große Empfehlung!

Nadia Mürwald ist Filialleiterin der Südwind Weltmusik in 1070 Wien.

Diese Bücher und noch viele mehr erhalten Sie in beiden Filialen in Wien bzw. im Onlineshop:

suedwind-buchwelt.at

Film ab

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Warum die dringendsten Probleme der Welt auch ins Museum gehören, führt das Projekt „17 Museen x 17 SDGs“ vor Augen. Hier treffen die UN-Nachhaltigkeitsziele auf die österreichische Kulturszene.

Von Covid-19 bis zum Klima: Welche Rolle spielen Museen bei der Suche nach möglichen Wegen und Strategien aus der globalen Krise? Dieser Frage widmet sich das Projekt „17 Museen x 17 SDGs“. 17 heimische Museen erarbeiten dabei Vermittlungsformate, die sich inhaltlich und strategisch an den 17 Nachhaltigkeitszielen orientieren. Mit dabei sind sehr unterschiedliche Ausstellungshäuser von Bregenz bis Wien.

Initiiert wurde das Projekt vom Österreich-Zweig des internationalen Museumsrates ICOM in Kooperation mit dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport. Im Februar wurden per Live-Verlosung die 17 SDGs 17 interessierten Museen zugeordnet.

Die Sustainable Development Goals, also Ziele für nachhaltige Entwicklung (kurz SDGs), die bis 2030 erreicht werden sollen, wurden 2015 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) von allen 193 Mitgliedstaaten verabschiedet. Sie dienen als Vorlage für alle Mitgliedsstaaten, Maßnahmen für eine zukunftsfähige Transformation auf ökologischer, sozialer und ökonomischer Ebene zu entwickeln.

Museum als Resonanzraum. Von der Eliminierung von Armut und Hunger über den Erhalt von Frieden und Gerechtigkeit bis zu Maßnahmen zum Klimaschutz: Die SDGs beschränken sich als Ziele erstmals in der Geschichte der UN nicht auf eine bestimmte Anzahl von Anliegen, sondern verlangen Fortschritte in allen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung.

Genau diese Verbindung von lokaler und planetarischer Perspektive in den SDGs schätzt Angelika Fitz. Sie ist Direktorin des Architekturzentrums Wien (AZW). Im Rahmen des Projekts beschäftigt sich das AZW mit der Umsetzung des siebten SDGs, das für alle Menschen den Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher und nachhaltiger Energie sicherstellen soll.

Insbesondere die Länder des Globalen Südens sollen dabei unterstützt werden, ihre Energieinfrastruktur auszubauen und Energietechnologien weiterzuentwickeln. „Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit Strategien gegen den Klimawandel“, sagt Fitz. Die aktuelle Ausstellung im AZW „Boden für Alle“ thematisiert noch bis Juni weitreichende Perspektiven auf Bodenpolitik, die Ressourcen schont und den Klimawandel abfedert.

„Uns ist es wichtig, zu zeigen, dass es anders geht. Wir wollen keine spekulativen, sondern konkrete Projekte zeigen.“

So wurde im Rahmen der Ausstellung „Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“ 2019 zum Beispiel ein temporärer Garten angelegt, der im Sommer Kühlungseffekte erzielte – ganz ohne Technologie und Klimaanlage.

Mehr als konsumieren. Mit dabei ist auch das Werner Berg Museum in Bleiburg/Pliberk. Die Kärntner Sammlung, die dem Maler Werner Berg (1904-1981) gewidmet ist, wurde für das Ziel Nummer fünf „Gleichberechtigung der Geschlechter“ nominiert.

Geschlechtergleichstellung und eine Befähigung aller Mädchen und Frauen zur Selbstbestimmung soll anhand diverser Unterziele wie dem Beenden der Gewalt gegen Mädchen und Frauen, der Abschaffung schädlicher Praktiken bei Frauen und Mädchen oder der Wertschätzung von unbezahlter Pflege- und Hausarbeit erreicht werden.

Für Museumsleiter Arthur Ottowitz bietet diese Zuordnung Anlass, Gespräche anzuregen und Diskussionen auf Augenhöhe zu führen.

Geplant ist eine Gegenüberstellung der Werke von Berg und der Fotografien von Karlheinz Fessl im Rahmen der Ausstellung „doma/daheim – Unterwegs zu den Kärntner Sloweninnen und Slowenen“.

Dazu Ottowitz: „Was das Geschlechterbild angeht, wird das sehr interessante Aspekte aufzeigen. Da hat sich in den vergangenen 100 Jahren sehr viel getan.“

Vorträge und Podiumsdiskussionen zum Thema Transgender sind ebenso in Planung. Angesichts der gegenwärtigen Pandemie könnten daraus aber virtuelle Formate werden, befürchtet Ottowitz.

Apropos Pandemie: Vor dem Hintergrund von Covid-19 und den massiven Auswirkungen auf den Kulturbereich erklärt AZW-Direktorin Fitz zur tragenden Rolle der Museen: „Wir haben gemerkt, die Leute sind kulturell ausgehungert!“ Denn: „Es würde sonst schon von einem sehr engen Menschenbild zeugen – nur konsumieren und arbeiten, sonst nichts. Das Kreieren von Öffentlichkeit, das gemeinsam im Raum sein, das ist wichtig.“ Auf dass die Museen lange geöffnet bleiben bzw. rasch wieder öffnen.

Rosalie Marktl ist Journalismus-Studentin und arbeitet als Yoga-Lehrende in Wien.

Weitere Infos zum Projekt finden sich auf der Website von ICOM Österreich: icom-oesterreich.at

Geschmackswelten: Alles Karotte

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Haben wir ein Ende des Wirtschaftswachstums erreicht und bringen die Coronakrisen einen notwendigen Neustart? Über Alternativen, Maßnahmen und Post-Corona-Utopien.

Ein Gedankenspiel: Einige Jahre sind seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie vergangen. Rückblickend betrachtet war sie ein punktuelles Ereignis, aber entscheidend für das, was danach kam: Rekordarbeitslosigkeit und Zukunftsängste prägten die Menschen damals. Überfordert trat die Bundesregierung zurück.

Inmitten dieser Turbulenzen bot sich der Anlass für einen grundlegenden Kurswechsel. Eine Allianz aus NGOs, Klimaaktivist*innen, Gewerkschaften und engagierten Bürger*innen erreichte bei Neuwahlen die absolute Mehrheit. Ihre Selbstbezeichnung: „Koalition der Zukunftsträchtigen“.

Als erste Maßnahme zur Überwindung der Krise verpflichtete sie die Reichsten der Gesellschaft zu einer einmaligen Abgabe. Das nannten sie: Corona-Lastenausgleich, wie einst von der NGO Attac vorgeschlagen.

Mit diesem Geld konnte in eine sozial und ökologisch verträgliche Umgestaltung der Wirtschaft investiert werden. Das Gemeinwohl der Menschen trat in den Vordergrund. Arbeitszeiten wurden, bei gleichem Lohn, stark reduziert.

Der öffentliche Verkehr wurde ausgebaut. Landwirtschaftliche Produkte sowie Energie werden seither vorwiegend regional und nachhaltig produziert.

Eine Utopie in weiter Zukunft – zusammengesetzt aus Vorschlägen jener Expert*innen, die sich gegenwärtig fragen: Wie kann es nach der Pandemie weitergehen? Und wie können wir die soziale Ungleichheit, die Klimakrise und unser zerstörerisches Wirtschaftssystem überwinden? Immer mehr Menschen wird bewusst, dass es kein Zurück in die alte Normalität geben kann, sondern einen Wandel braucht. Denn: Das derzeitige Wachstums- und Profitstreben verbraucht immer mehr Energie und Ressourcen und verursacht damit weitere Umweltzerstörungen.

Frage der Verteilung. „Wirtschaftswachstum war jahrzehntelang ein Erfolgsmodell“, sagt Heinz Högelsberger, Mitarbeiter in der Abteilung Umwelt und Verkehr der Arbeiterkammer Wien. Im Zeitraum von den 1920er bis zu den 1970er Jahren führte mehr Produktivität zu hohen Wachstumsraten, die steigende Löhne mit sich brachten und tatsächlich Wohlstand für immer mehr Menschen ermöglichten.

Die Grenzen scheinen jedoch erreicht: „In den vergangen 20, 30 Jahren wächst zwar die Wirtschaft weiter, aber bei denen, die das Wachstum erarbeiten, kommt dieses nicht an.“

Als Messzahl für die Entwicklung von Wirtschaften gilt nach wie vor das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es beinhaltet, grob gesagt, die Summe aller Markttransaktionen innerhalb eines Nationalstaates. Aus dem BIP ergibt sich durch eine einfache Rechnung der derzeit bestimmende Maßstab für Wohlstand: das BIP pro Kopf.

Das heißt, dass das Wachstum statistisch gleichmäßig auf alle Einwohner*innen aufgeteilt wird. Soziale Ungleichheiten in der Bevölkerung bleiben dadurch unsichtbar. Und Wachstum bedeutet nicht automatisch Wohlstand für alle.

Das BIP ermöglicht es, die wirtschaftliche Performance von Nationalstaaten miteinander zu vergleichen und damit den Wettbewerb anzutreiben. Es wurde zum allgemeinen Indikator für das Prestige von Ländern, schreiben Matthias Schmelzer und Andrea Vetter in ihrem Buch „Degrowth/Postwachstum“ (Junius Verlag, 2019).

Viele Bereiche der Gesellschaft sind auf dieser Idee aufgebaut, u.a. das Sozialsystem. Hier genauso die Logik: Durch ein steigendes BIP werden mehr Einnahmen generiert, die man auf die Bevölkerung verteilen kann. In dieser Abhängigkeit von Wachstum fällt es schwer, abseits davon zu denken.

Es scheint, als wäre derzeit auf verschiedenen Seiten die Angst vor Verteilungskämpfen sehr groß, als Folge wird am Prinzip Wachstum nicht gerüttelt. Auch Interessenvertretungen wie die Gewerkschaften setzen auf Wachstum: „Ein wachsender Kuchen ist leichter zu verteilen“, erklärt Högelsberger.

Größer, schneller, weiter. Dass die Pandemie zu einem völligen Umdenken in Sachen Wachstum führt, bezweifelt Wirtschaftsforscherin und Regionalökonomin Anna Kleissner.

Sie sieht zwei parallele Trends, die weiterhin bestehen werden: Zum einen die Rückkehr zu Regionalität, vor allem beim Konsum. Gleichzeitig setzt sich das globale Streben nach dem Motto „größer, schneller und weiter“ fort. Hinweise dafür liefert ein Blick auf die internationale Ebene: „Die Exporte springen jetzt schon wieder an“, so Kleissner. „Wir haben auf den internationalen Gütermärkten eine Aktivität auf Vor-Krisen-Niveau.“

In China, wo die Pandemie ihren Ursprung nahm, folgte nach einem Wirtschaftseinbruch im ersten Halbjahr 2020 wieder ein Wachstum.

In Bezug auf Österreich schätzt Kleissner: „Laut Berechnungen werden die Wachstumsraten so hoch ausfallen, dass wir bis Ende 2022 wieder auf dem Niveau von Anfang 2020 zurück sind.“

Mit einer höheren Impfrate in der Bevölkerung komme eine gewisse Sicherheit und mit der Sicherheit springe die Wirtschaft wieder an. Davon gehen auch große Forschungsinstitute wie das Institut für Höhere Studien (IHS) aus.

Auf globaler Ebene prognostiziert der Internationale Wirtschaftsfonds (IWF) einen Aufschwung von 5,5 Prozent in diesem Jahr.

„No Covid“ und „Zero Covid“

Eine 13-köpfige Expert*innengruppe startete „No Covid“: Sie wollen ein schnelles Absenken der Infektionszahlen auf Null, u.a. durch strenge (Mobilitäts-)Kontrollen.

Pandemiebekämpfung direkt mit Kapitalismuskritik verbindet die Initiative „Zero Covid“. Für das Ziel null Ansteckungen befürwortet(e) sie einen europaweiten Shutdown aller „nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft“.

Dafür bräuchte es ein Rettungspaket für Personen mit niedrigen Einkommen, beengten Wohnverhältnissen, in einem gewalttätigen Umfeld und Obdachlose. Zudem u.a. einen Ausbau der sozialen Gesundheitsinfrastruktur sowie eine Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne und Finanztransaktionen.

red

Die derzeitige Verflechtung Österreichs in einen internationalen Wettbewerb mache es unmöglich, sich als Nation dem Wachstumsparadigma zu entziehen, so Kleissner. Außerdem hätten einige Regionen sehr wohl Wachstum nötig. Kleissner verweist etwa auf Länder in Ost- und Südeuropa: „Da wird es schwierig zu erklären, dass Gewinne sekundär sind.“

Deshalb fordern Globalisierungskritiker*innen eine Änderung des Systems: „Wir dürfen nicht auf einem Wachstumspfad sein, der dazu führt, dass wir die Erde und damit unsere Lebensgrundlage ruinieren“, warnt etwa Kai Lingnau von der globalisierungskritischen NGO Attac.

Das Streben nach mehr Profit und Ressourcen müsse eingedämmt werden und ein gutes Leben für alle das Ziel sein. Das gelinge vor allem durch Umverteilung von Vermögen und Arbeit, sowie eine Orientierung am Gemeinwohl.

Wachstum selektieren. Aus dem Globalen Süden kommt durchaus Kritik am Modell des schnellen Wachstums. Der philippinische Ökonom Walden Bello etwa warnt Länder des Südens davor. Vielmehr solle der Fokus auf Strategien für mehr Gerechtigkeit liegen. Die Pandemie sieht er als Chance für ökonomische Transformationen, beispielsweise, indem Länder ihre lokalen Produktionen und Landwirtschaften fördern. So seien sie zudem weniger von internationalen Lieferketten abhängig. Er plädiert für ein globales Wirtschaftssystem, das weg von den Interessen transnationaler Konzerne führt, hin zu den Bedürfnissen nationaler und lokaler Communities.

Wachstum wird von den Kritiker*innen nicht pauschal abgelehnt. Aus ihrer Sicht gilt es zu unterscheiden, was schrumpfen soll und wovon es mehr braucht – beispielsweise Gesundheit und Bildung. Laut Högelsberger müsse Österreich vor allem in den Sozialstaat investieren, der in den vergangenen Jahren immer mehr „zurechtgestutzt“ worden sei.

Schrumpfen sollen hingegen – Stichwort Klimakrise – emissionsintensive Bereiche, sagt Daniela Kletzan-Slamanig, Umweltökonomin am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Sie schlägt dafür eine CO2-Steuer vor: „Viele Entscheidungen werden anders ausfallen, wenn der Umweltpreis, also ein CO2-Preis, eine Rolle spielt.“ Andere Steuern sollen gleichzeitig aber gesenkt werden, um einkommensschwache Gruppen zu entlasten.

Der Fokus soll Kletzan-Slamanig zufolge auf erneuerbaren Energien liegen, sowie auf alternativen Mobilitätskonzepten und öffentlichem Verkehr. Auch im Bereich Gebäudesanierung müsste mehr investiert werden.

„Eine Transformation wird stattfinden“, sagt Kletzan-Slamanig, und zeigt sich optimistisch. Impulse sieht sie da vor allem von Seiten der Europäischen Union im Rahmen der EU-Klimaziele und eines Aufbauplans, der zusätzlich als Antwort auf die Pandemie formuliert wurde. Dieser verspricht ein „grüneres, digitaleres und resilienteres“ Post-Corona-Europa.

1,8 Billionen Euro sollen dorthin führen. Der Handlungsdruck auf Österreich, allen voran auf die Bundesregierung, mehr in ökologische Maßnahmen zu investieren, steige damit, so die Ökonomin.

© Illustration: Thomas Kussin

Erde mit Grenzen. Andere Expert*innen sind da skeptischer. Für Attac-Mitarbeiter Lingnau bedeuten „grüne Investitionen“ ein Festhalten am Wachstumsparadigma: „Wir sehen die Profitidee dahinter kritisch.“ Der Begriff „Grünes Wachstum“ nähre zwar die Hoffnung, dass Nachhaltigkeit und weiteres Wachstum in den Ländern des Nordens vereinbar wären.

Einige Studien widerlegen diese Idee mittlerweile. In der ökologischen Wachstumskritik gibt es Versuche, den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch an Zahlen festzumachen. Dazu wurden neun planetarische Belastungsgrenzen definiert, u.a. der Klimawandel mit der CO2-Konzentration in der Atmosphäre als Messgröße, die Landnutzung, das Artensterben und der Stickstoffkreislauf. In den genannten Beispielen seien Forschungen zufolge die Belastungsgrenzen bereits überschritten und die Folgen möglicherweise irreversibel.

Dass fossiles Wirtschaftswachstum nicht nachhaltig ist, darüber herrscht laut Autor*innen Schmelzer und Vetter wissenschaftlicher Konsens. Und: „Die Hoffnung auf grünes Wachstum entpuppt sich als Illusion“, betonen die Wissenschaftler*innen in ihrem Degrowth-Buch. Die Alternative liege darin, Wege zu finden, mit dem auszukommen, was Mensch und Natur zumutbar ist.

Einen anderen Vorschlag liefert die Arbeiterkammer mit fünf Zieldimensionen, die zeigen, wie Wohlstand abseits vom BIP definiert werden kann: Vollbeschäftigung und gute Arbeit; Lebensqualität; faire Verteilung; eine intakte Umwelt und ökonomische Stabilität.

Die Indikatoren zur Bewertung dieser Ziele orientieren sich u.a. an den UN-Nachhaltigkeitszielen, den SDGs (Sustainable Development Goals).

Der aktuelle AK-Wohlstandsbericht von 2020 zeigt bereits, wie sich die Covid-19-Pandemie auswirkt: In keiner der fünf Zieldimensionen konnte die AK Fortschritte feststellen, weshalb sie einige Maßnahmen vorschlägt, vor allem für den Arbeitsmarkt. „Man wird die Arbeitszeit verkürzen und die Arbeit gerechter auf alle aufteilen müssen“, stellt Högelsberger fest.

Kein Weg zurück. Ökonomin*innen verschiedener Richtungen glauben in der Pandemiezeit an die viel zitierte „Krise als Chance“: Unterschiedlich fällt aber die Definition dessen aus, was diese Chance beinhaltet.

Einen Schritt weiter geht Högelsberger. Er sieht die Zeit für „radikale“ Veränderungen gekommen. Die Pandemie habe gezeigt, wie schnell es zu Einschnitten und Verhaltensänderungen kommen kann, beispielsweise in der Reduktion des Flugverkehrs.

Österreich könne zudem sehr wohl unabhängig von internationalen Zwängen Veränderungen umsetzen, etwa im Energiesystem, in der Besteuerung, der Mobilität, Öko-Landwirtschaft, Arbeitsmarktpolitik und in der Förderung von Regionen.

Zurück zum gewohnten Gang, zur Normalität der Vor-Corona-Zeit werde es in jedem Fall nicht gehen – darüber sind sich viele einig.

Die Frage ist, wie tiefgreifend zukünftige Veränderungen sein werden. Werden es „grüne“ Investitionen bei Erhalt des Systems oder eine Transformation des Gesellschaftsmodells? Fest steht: Echte Veränderung verlangt ein visionäres Denken, viel Steuerung und Planung.

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und lebt in Wels/Oberösterreich.

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Österreich tritt internationaler Allianz bei

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Dieses Mal im Wohnzimmer-Café Nook mit Nina und Estuardo.

Von Wien nach Guatemala, und wieder zurück: Nina wollte in der kleinen Stadt Antigua im Süden Guatemalas eigentlich nur einen dreimonatigen Spanischkurs machen, dann lernte sie Estuardo kennen – und blieb zwei Jahre.

Antigua ist umgeben von Kaffeeplantagen, fast an jeder Ecke der Stadt gibt es ein Kaffeehaus. Estuardo ist hier mit der Liebe zum Kaffee groß geworden und steckte Nina bald damit an. So entstand die Idee, die guatemaltekische Kaffeekultur nach Wien zu bringen.

Gelandet sind sie mit dem Nook und sehr überzeugenden Röstungen in Hietzing. Nina: „Wir dachten uns, perfekt, ein junges modernes Café fehlt hier. Eine Art Wohnzimmer, wo jeder willkommen ist.“

Obwohl beide Design studiert haben, war der Start eine große Herausforderung. Dass es in Ninas Familie einiges an Erfahrung mit der Gastronomie gibt, half sehr.

Die aktuellen Hindernisse durch die Pandemie meistern sie gemeinsam, stützen sich. Und denken weiter: „Wir gestalten das Nook gerade um und machen eine kleine Greißlerei mit Kaffeehaus daraus.“ In ein paar Jahren soll es dann übrigens wieder gemeinsam nach Guatemala gehen – mit ganz neuen Projekten.  sol

Nook
Altgasse 12, 1130 Wien

nookvienna.com

„Viel mehr als Körperübungen“

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Sophia Bisilliat gibt kostenlose Yoga-Klassen in den Favelas von São Paulo, Brasilien. Sie ist überzeugt: Yoga hebt das Selbstbewusstein und hilft den Alltag zu meistern.

Es ist Samstag. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als die 58-jährige Sophia Bisilliat das Haus verläßt. Per Rad macht sie sich auf den Weg in das 23 Kilometer entfernte Viertel Capão Redondo, eines der ärmsten in der brasilianischen Zwölf-Millionen-Metropole São Paulo. Woche für Woche lehrt sie da seit zwei Jahren Yoga.

Wie gut das tut, hat sich unter den Menschen hier schnell herumgesprochen und aus einer Gruppe wurden zwei. Nach und nach begann Bisilliat, auch in anderen Favelas zu unterrichten. Heute hat sie 400 Schülerinnen und Schüler an sechs Orten in São Paulo; einige Klassen finden auf ungenutzten Hausdächern statt, die von den Yoga-Praktizierenden dafür zur Verfügung gestellt werden.

Bei der Namensgebung für ihr Yoga-Projekt ließ sich Bisilliat davon inspirieren und nennt es „treino na laje”, auf Deutsch sinngemäß „Training am Dach”.

Das ganze Wochenende ist sie mit dem Yoga-Unterricht und mit der Organisation von Lebensmittel-, Medikamenten- und Kleiderspenden für Familien beschäftigt, die darauf angewiesen sind. „Das ist extrem befriedigend. Yoga hat mein Leben verbessert. Es gibt mir Kraft, Sicherheit und Sinn. Das will ich auch anderen zugänglich machen”, sagt sie.

Große Nachfrage. Als sie um 7:30 Uhr das Gemeinschaftszentrum von Capão Redondo betritt, wird sie schon von rund 20 Schüler*innen erwartet; die meisten Frauen, von jung bis alt. Sie legen ihre Matten auf, ziehen die Schuhe aus und warten auf die Anweisungen der Lehrerin. Die beginnt die Klasse mit Atem- und Konzentrationsübungen, es geht weiter mit Yoga-Positionen, gegen Ende wird gedehnt und meditiert.

Bisilliat hat eine klassische Tanzausbildung zur Ballerina gemacht, ist aber im Theater und im Zirkus gelandet. Zwischen 1987 und 2000 gab sie Theaterunterricht in der Haftanstalt Carandiru, damals die größte Südamerikas. Heute ist sie Miteigentümerin einer Zirkusschule, in der sie auch unterrichtet.

Zum Yoga kam sie durch befreundete Lehrer*innen. Oft wurde sie eingeladen mitzumachen, lange Zeit traute sie es sich nicht zu, weil sie vor Yoga sehr viel Achtung hatte. Nachdem der Vater ihrer Kinder mit 45 Jahren ganz unerwartet aus dem Leben geschieden war, überwand sie ihre Berührungsängste mit dem Yoga, fand daran großen Gefallen und ließ sich zur Lehrerin ausbilden.

Bisilliat fordert ihre Schüler*innen: sie korrigiert die Haltung, unterstützt, motiviert und drängt sie aus der Komfortzone. Die Weiterentwicklung der Praktizierenden ist für sie rasch an der Haltung sichtbar. Viele erzählen ihr, dass sie durch Yoga körperliche und auch geistige Verbesserungen und Erleichterungen bemerken.

„Yoga ist in Brasilien eigentlich eine Sache der gehobenen Schichten. Das möchte ich ändern, weil es allen gut tun soll”, merkt Bisilliat an.

Selbstbewusstsein. Bisilliats Ziel ist es, das Selbstbewusstsein ihrer Schüler*innen zu stärken und damit den sozialen Unterschieden in São Paulo beizukommen.

Denn: in Capão Redondo liegt die Lebenserwartung bei 61,7 Jahren, das durchschnittliche monatliche Familieneinkommen bei knappen 500 Euro. Im Nobelviertel Jardim Paulista hingegen leben die Menschen im Schnitt 81,5 Jahre und das Familieneinkommen ist drei Mal höher.

„In den Vierteln, in denen ich Yoga unterrichte, ist das Leben sehr hart. Die Menschen arbeiten von früh bis spät und haben weite Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen. Ihnen begegnet viel Gewalt im Alltag. Das ist anstrengend. Yoga und die Atemübungen helfen ihnen täglich, in Balance zu bleiben”, sagt Bisilliat und fährt fort: „Meditation und eine aufrechte Haltung kann man auch im Bus oder während der Hausarbeit üben.”

Eine ihrer Schüler*innen ist die 60-jährige Arlete José da Silva. Sie arbeitet als Reinigungskraft: „Yoga hat mir geholfen, besser mit mir selbst zurechtzukommen, inbesondere in schwierigen Momenten”, betont sie. „Ich esse bewusster und bin achtsamer im Umgang mit meinen Mitmenschen. Meine Arbeit ist körperlich sehr anstrengend, aber ich nehme mir jeden Tag ein paar Minuten Zeit, um ein paar Übungen zu machen.”

Das hört Bisilliat gerne. Nach der Klasse schnappt sie sich ihr Rad und radelt weiter, zur nächsten Yoga-Gruppe.

Sarah Fernandes ist Journalistin und Geografin aus Brasilien. Ihr Fokus liegt auf dem Schreiben von Reportagen mit Bezug zu Menschenrechten und entwicklungspolitischen Themen in Lateinamerika und Asien.

„Corona kommt zum täglichen Überlebenskampf hinzu“

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun


Sie begegnen Ihrem 18-jährigen Ich. Welchen Rat geben Sie sich?

Bleib dran an deinen Zielen, du wirst schaffen, was du dir vornimmst! Ich habe schon mit 18 gewusst, dass ich Ärztin und Entwicklungshelferin werden will, auch wenn die Voraussetzungen dafür schwierig waren. Bestärkt darin hat mich auch die große Liebe, die ich von meiner Mutter bekommen habe.

Welche Weisheit haben Sie als letzte gelernt?

Jetzt mit fast 80 Jahren bin ich manchmal schon müde, aber ich glaube an die Worte von Benediktinerpater Anselm Grün, wonach du mit deinen Aufgaben stärker wirst und die Kraft mit deinen Zielen wächst.

Wo sind Sie am liebsten?

Eindeutig in der Natur – besonders mit Blick auf fließendes Wasser. Wenn ich einen großen Ast darin sehe, wie er sich erst irgendwo spießt und dann schließlich doch weitertreibt, dann vergleiche ich dieses Bild mit menschlichem Leid und wie das auch vorbeigehen kann. Das Glück ist ein Fluss …


© Rita Newman

Maria Hengstberger, 79, wuchs in Wien auf, studierte Gynäkologie und praktizierte dann als Fachärztin in ihrer Ordination im zwölften Wiener Gemeindebezirk. 1988 leistete sie auf Einladung von Karl-Heinz Böhm ihren ersten Entwicklungshilfeeinsatz in einer Gesundheitsstation in Äthiopien. Da wurde ihr bewusst, wie wichtig Familienplanung für die Bewältigung von Armut ist.

Ein Jahr später gründete sie die NGO Aktion Regen mit dem Ziel, genau dieses Bewusstsein zu schaffen, und den Menschen dafür anschauliche didaktische Materialien zur Verfügung zu stellen. Beispiele: der Handschuh (siehe Foto), der zeigt, warum Familienplanung wichtig ist; die „Babykette“ zur Berechnung des Zyklus und Klitorismodelle. Aktion Regen ist heute in zwölf afrikanischen Ländern mit über 800 Multiplikator*innen aktiv.

aktionregen.at

Welcher Gedanke bringt Sie in der Früh aus dem Bett?

Ich liebe das Leben und bin dankbar für jeden Tag, an dem ich aufstehen darf!

Was bringt Sie auf die Palme?

Nichts und niemand! Als Ärztin und Mensch ist mir bewusst, dass Ärger Gift ist und das trinke ich nicht. Diese Einstellung habe ich geübt, im Unterbewusstsein abgespeichert und hole sie hervor, wenn ich sie brauche.

Was macht Ihnen Angst?

Die mangelnde Beschäftigung bzw. mangelhaften Entscheidungen der Politikerinnen und Politiker zu Problemen, die die Zukunft der Jugend betreffen.

Was würden Sie ändern, wenn Sie die Macht dazu hätten?

Noch mehr in den Köpfen verankern, dass Wissen um Notwendigkeiten wie beispielsweise die Menschenrechte eine Chance sind, um Bedürfnisse zu stillen und sich selbst zu helfen.

Welche gute Tat kann jede*r hierzulande heute noch tun?

Sehen – Denken – Handeln. Das heißt: Problematische Situationen wahrnehmen, sich damit auseinandersetzen, Lösungen erarbeiten und diese dann umsetzen; erst im Kleinen. Die Schritte werden größer, wenn sich andere anschließen.

cs

Global-Mix Kurzmeldungen

Von Redaktion · · 2021/Mai-Jun

Zutaten für vier Personen:

1-2 Zwiebeln

2 Tl Butter

1 kg Karotten

1 Tl Zucker

2 El Currypulver oder Kurkuma

2 El Rosinen je nach Geschmack

½ Liter Bio-Karottensaft

60 g rote Linsen

50 g grob gehackte und geröstete Mandeln, Erdnüsse oder Cashewkerne

2 Tl Zitronensaft

1 Bund Petersilie

1-2 Tl Salz je nach Geschmack

Koriandergrün je nach Geschmack zum Drüberstreuen

Zwiebel klein hacken und in Butter mit dem Zucker rösten und leicht karamellisieren. Dann in dünne Scheiben geschnittene Karotten, Rosinen und Currypulver zugeben, mit dem Karottensaft aufgießen und zum Kochen bringen. Dann die Linsen untermischen und 15 Minuten köcheln lassen. Zitronensaft, Petersilie und Salz zugeben und – wenn möglich – 2 oder 3 Stunden ziehen lassen. Vor dem Servieren aufwärmen, Nüsse/Kerne und Koriander drüberstreuen und mit Reis genießen.

Guten Appetit!

cs

Rassismus im Bildungstempel

Von Redaktion · ·

Dieses Mal zurück bei „Nice to meet me“ von Maicol Herrera.

© Leonardo Ramirez

Vor vier Jahren haben wir an dieser Stelle Maicol Herrera vorgestellt. Seit 2009 lebt und arbeitet der gebürtige Kolumbianer als Designer von Yoga-Bekleidung in Österreich. Zunächst vertrieb er die nachhaltig produzierten Kollektionen seines Labels „Nice to meet me“ vorwiegend online und bei Messen.

2020 erfüllte sich sein Traum vom Atelier und Geschäft. Im zehnten Wiener Bezirk entwirft und näht er Prototypen, die in Tschechien, Litauen und Portugal produziert werden.

Coronabedingt sei die Nachfrage nach der bequemen Yoga-Bekleidung gestiegen. „Viele finden wohl Gefallen daran, sie im Homeoffice den ganzen Tag über anzuhaben“, meint Herrera.

„Am liebsten tragen die Menschen hierzulande einfarbige, dunkle Stücke“, sagt er und fügt hinzu: „Als Designer liebe ich es bunt, aber ich passe mich auch dem Geschmack der Menschen an. Als selbst Yoga Praktizierender bin ich da flexibel.“

„Black Lives Matter war für mich eine Befreiung“

Von Redaktion · · 2021/Mar-Apr

Migration, Geschlechtergerechtigkeit, Klimawandel und Globale Ungleichheit sind wichtige Themen, fürs Leben und in der Schule. Besonders geeignet für die Aufbereitung ist dabei das Konzept des Globalen Lernens. Neben einer neuen Info-Broschüre dazu bietet Südwind Tirol Unterrichtsmaterialien, Infos zu Lehrplananknüpfung, Evaluierungsbögen zur Selbstüberprüfung für Schüler*Innen, nützliche Links und weiterführende Literaturtipps zum kostenlosen Download an.

Projekte gesucht!

Von Redaktion · · 2021/Mar-Apr

Hindou Oumarou Ibrahim erklärt im Interview, wie indigene Völker die Natur bewahren.

Wie würden Sie das Verhältnis indigener Völker zur Natur beschreiben?

Indigene Völker rund um die Welt anerkennen, dass andere Arten Teil der Natur sind, und dass wir als Menschen ebenfalls Teil der Natur sind. Wir betrachten andere Arten nicht als etwas Separates.

Wenn wir Mbororo einen Ort verlassen, um einen anderen aufzusuchen, geben wir dem Ökosystem die Möglichkeit, sich zu erholen. Wir wissen, dass wir von den Vögeln, den Insekten, dem Vieh, den Bäumen und Blumen lernen können, weil wir sie beobachten. Sie geben uns Informationen, die wir für unsere Ernährung, für unsere Arzneien brauchen. Alle Arten sind wichtig für uns und von gleicher Bedeutung; wir respektieren jede einzelne.

Wie lässt sich eine Weidewirtschaft mit dem Zusammenleben mit Prädatoren, also Raubtieren und Beutegreifern, und anderen Arten in Einklang bringen?

In meiner Region, der Savanne, gibt es alle möglichen Prädatoren, alles, was man sich vorstellen kann. Aber ein Bub von sieben Jahren kann mit hundert Rindern anderer Leute den ganzen Tag unterwegs sein, und er wird wieder zurückkommen. Er wird nicht von einem Löwen oder von anderen Prädatoren angegriffen. Sie wissen, wie man in Harmonie lebt, wie man sich in Harmonie bewegt.

Wie sieht das aus?

Ein Prädator kommt zu einer bestimmten Zeit, um Wasser zu trinken. Das ist nicht die Zeit, in der das Vieh zur Wasserstelle kommen kann. Wenn wir uns in der Natur bewegen, dann wissen wir um die Tiere, die sich auf unserem Weg befinden, wo sie sich aufhalten und wie sie aussehen, und sie wissen, dass wir sie respektieren. Sie greifen uns nicht an, weil wir über ein jahrhundertealtes Wissen über das Verhalten jedes einzelnen Tiers verfügen.

In der Trockenzeit, wenn es für den Löwen oder andere Prädatoren im Busch nicht genug zu essen gibt, kommen die Gemeinschaften zusammen und opfern einige Rinder. Sie füttern die Prädatoren, wenn sie nichts anderes zu essen haben. Dann greifen sie nicht an. Dass Menschen Angst haben, mit ihren Herden an einen Ort zu ziehen, bloß weil es dort einen Löwen gibt, das kommt bei uns nicht vor.

Was halten Sie von dem Ansatz, die Natur durch „Schutzgebiete“ zu erhalten? Es ist vorgekommen, dass indigene Völker aus ihrem Gebiet vertrieben wurden, um Nationalparks zu schaffen.

Wir sind nicht damit einverstanden, dass Nationalparks geschaffen und dann völlig abgesperrt werden, denn das entspricht nicht dem Leben der Natur. Sie sperren auch die Vielfalt des Ökosystems ein.

Wir wissen, wie das Gleichgewicht bewahrt werden kann, wie man vermeidet, dass eine Art dominant wird. Gemeinschaften, die vom Jagen und Sammeln leben, wissen, welche Tiere sie jagen können und welche nicht.  Aber wenn man ein Gebiet absperrt, verlieren die Hirten ihren Zugang zum Wasser, man muss um den Park herumwandern.

Nationalparks erstrecken sich über hunderte Kilometer, manche über Grenzen hinweg. Sie glauben, sie können die Natur in eine Schachtel stecken, sie zumachen und sagen: „Seht her, wir schützen sie.“ Aber so schützt man die Natur nicht.

Es ist letztlich zu einem Geschäft geworden. Wir wollen nicht, dass die Natur zu einem Geschäft wird. Wenn man sie einsperrt, wer hat das Geld, um hineinzukommen und sie zu beobachten? Das sind die reichen Touristen.

Es gibt keinen Stammesangehörigen, der das Geld hat, um Zakouma zu besuchen (ein 3.000 km² großer Nationalpark im Südosten des Tschad, Anm. d. Red.) und dann zu sagen: „Toll, ich habe eine Giraffe gefüttert und das war ein wunderbarer Tag“. Wir leben ja schon mit ihnen, wir fotografieren sie nicht, wir lassen sie ihr Leben leben.

Auf UN-Ebene ist nun anerkannt, dass indigene Gemeinschaften beim Schutz der Biodiversität beteiligt werden müssen. Geschieht das in der Praxis?

Nein. Daher fordern wir ja eine unbeschränkte und effektive Beteiligung auf allen Ebenen. Wenn wir nur auf internationaler Ebene einbezogen werden, wird das nur eine Erklärung auf einem Stück Papier sein, aber es sind Leute auf nationaler und lokaler Ebene, die das umsetzen werden. Wenn sie akzeptieren, was wir vorschlagen – Achtung unserer Rechte, Einbeziehung, Mitwirkung –, müssen sie das in Gesetzen festhalten, in Entscheidungen auf nationaler Ebene. Und das geschieht nicht.

Interview: Dinyar Godrej
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© Fatakaya / CC 4.0

Hindou Oumarou Ibrahim ist Umweltaktivistin und gehört den Mbororo (auch Bororo, Wodaabe) an, einer Gemeinschaft im Tschad, die traditionell Weidewirtschaft betreibt. Die Geografin ist Gründerin der Association des femmes peules autoch-tones du Tchad (AFPAT).

Wearfair wird Wefair – Premiere auf nächstes Jahr verschoben

Von Redaktion · · 2021/Mar-Apr

Österreich hat in Sachen Biodiversität großen Handlungsbedarf: Über 80 Prozent der hierzulande durch die EU-Umweltagentur bewerteten Arten weisen einen mangelhaften bis schlechten Zustand auf, so ein im Herbst 2020 veröffentlichter Bericht. Damit liegt Österreich auf dem vorletzten Platz von 28 untersuchten Ländern.

Umweltministerin Leonore Gewessler kündigte 2020 die Einrichtung eines Biodiversitäts-Fonds an. 2021 soll dieser im Rahmen des Klimschutz-Budgets mit fünf Millionen Euro dotiert sein. Viel zu wenig, wie etwa die NGO Global 2000 kritisiert: „Wir schließen uns der Forderung des Österreichischen Biodiversitätsrates an, den Fonds auf mindestens eine Mrd. Euro jährlich aufzustocken“, betont Sprecher Michael Lachsteiner.

Zudem arbeitet das Umweltministerium (BMK) an einer Biodiversitätsstrategie. Dafür wurden die Ergebnisse einer öffentlichen Konsultation im Herbst/Winter ausgewertet. Neben nationalem Input sollen auch die Entwicklungen zur Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie so-wie zu den neuen globalen Biodiversitätszielen miteinbezogen werden.

Einen Termin, wann die Biodiversitätsstrategie vorliegt, nennt das BMK nicht. Der Umweltdachverband rechnet in den kommenden Monaten damit und hofft, dass erste Umsetzungsprojekte noch im ersten Halbjahr 2021 starten können. Derzeit funktioniere „die öffentliche Einbindung recht gut“, so Karin Hartmeyer vom Umweltdachverband gegenüber dem Südwind-Magazin.

Global 2000 sieht noch einige To-dos: „Im Strategieentwurf fehlen die konkreten, messbaren Ziele und vor allem auch die Zuständigkeiten und zeitliche sowie finanzielle Vorgaben“, so Lachsteiner. Und: „Generell braucht es besonders für die Landwirtschaft einen geeigneten Rahmen, um die Biodiversität in den Agrarlandschaften wieder zu erhöhen.“

Geschmackswelten: Hibiskusblüten – schön und gut

Von Redaktion · · 2021/Mar-Apr

Eine Forscherin verleiht einem Wesen von erstaunlichem ökologischem Wert ihre Stimme, das Menschen in der Regel als Plagegeist bei sommerlichen Aufenthalten im Freien betrachten.

Ich bin wichtig für euch, weil ich eine der bedeutendsten natürlichen Schädlingsbekämpferinnen bin. Ich bin eine Jägerin. Ich jage die Spinnen in den Regenwäldern Nordaustraliens, vor denen ihr euch so fürchtet. In den endlosen Savannen Afrikas ernähre ich mich von den Fliegen, die eure Krankheiten übertragen. Auf den bunten Wiesen Europas jage ich die Insekten, die sich vom Phloem* der Blumen ernähren, die ihr so bewundert.

Ich bin wichtig, denn ohne mich, wo immer ihr auch lebt, könnt ihr von Scharen von Fliegen, von Heuschreckenschwärmen, Armeen von Spinnen, Raupen und Grashüpfern heimgesucht werden.

Und für euch, die ihr in Vorstädten lebt, bin ich die Haushälterin eures Gartens: Ich pflücke die Blattläuse, die den Saft aus euren Tomatenpflanzen saugen; ich jage die Raupen, die eure Gartenfrüchte verschlingen.

Ich bin wichtig für dich, Bäuerin oder Bauer, besonders in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ich bin Teil deiner Lösung, deine Familie zu ernähren, deinen Lebensunterhalt zu sichern. Du weißt das vielleicht noch nicht: Ich bin dein Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft. Du weißt, dass die Chemikalien, die du auf deine Felder sprühst, schlecht für deine Gesundheit und für die der Natur sind; sie sind ein Todesurteil für die kleinen Dinge, die die Welt in Gang halten.

Ich verstehe, es geht ums Überleben: für deine Familie, deine Kinder muss diese Pflanze wachsen und darf nicht von einer Raupe angenagt und vertilgt werden. Ich kann helfen.

Lass mich helfen. Ich helfe, wenn du wegsiehst und mich nicht bemerkst. Lass mich die Arbeit tun: Lass mich diese saftigen Würmer von deinen Pflanzen pflücken. Lass mich meine Babies ernähren, damit du deine ernähren kannst.

Ich helfe, wenn ich inkognito bin; mit euch, unter euch, unentdeckt. Wenn ihr mich findet, tötet ihr mich. Ich verstehe, warum. Aber das nächste Mal: Tut es nicht! Lasst meine Familie leben: Wir sind auf eurer Seite. Arbeite mit uns, nicht gegen uns. Benutze uns. Wir profitieren beide.

Ich bin wichtig, weil meine Familie widerstandsfähig ist. Wir fürchten euch nicht. Das ärgert euch. Ihr hasst unsere Widerstandskraft, unseren Mut, unsere Kampfbereitschaft. Dass ihr unentwegt Lärm macht, dieses ständige Brummen, Rasseln und Dröhnen, mit dem ihr die Symphonie der Natur übertönt, kümmert uns wenig. Dass ihr euch Licht zunutze macht, um die Nacht zum Tag zu machen, beschert uns leichte Beute, rund um die Uhr. Danke.

Wir haben die Chemikalien bemerkt, die ihr versprüht wie billiges Parfum, und einige von uns sterben daran. Aber wir sind viele, und unsere Jagdstrategien sind vielfältig – wir konzentrieren uns selten auf eine einzige, giftgetränkte Beute.

Ihr habt vielleicht einige unserer Bruthabitate vernichtet, die den Erfolg unserer Vorfahren ermöglicht haben, aber uns auch neue verschafft: eure Dachböden, Schuppen, Scheunen sind ausgezeichnete Kinderstuben für unsere Horden von Babies.

Gut geölte Maschine. Ich bin wichtig, selbst wenn ich nur ein kleines Rädchen unter tausenden in der am besten geölten Maschine bin, die ihr euch vorstellen könnt. Ihr habt Fabriken gebaut, Industrien, die ständig produzieren, die Ressourcen des Planeten verschlingen, mit eurer Effizienz. Das ist euer Erfolg. Und euer Untergang. Bravo. Aber wir haben das schon Millionen Jahre vor euch gemacht. Wir sind Meisterinnen der Arbeitsteilung; wir zerlegen die Aufgabe des Lebens in kleine, präzise Segmente, die für Effizienz und Perfektion sorgen. Millionen Jahre Evolution haben dieses Fließband perfektioniert.

Ihr könnt viel von uns lernen, wenn ihr euch bloß die Zeit nehmt, uns zu beobachten und zu staunen. Ja, wir sind ein Wunder. Wir sind ein Superorganismus. Wir können es mit euren größten Fabriken, euren Städten, eurer modernen Gesellschaft aufnehmen, mit unserer Fähigkeit zur Zusammenarbeit, Arbeitsteilung und Effizienz.

Ich bin wichtig, weil ich keine Biene bin, aber ich bin die ursprüngliche Biene. Die Bienen sind meine Nachfahren in der Evolution, die vergessen haben, wie man jagt. Sie sind eine vegetarische Version von mir.

Im Rahmen der natürlichen Selektion haben einige von meiner Familie den Appetit auf Fleisch verloren, ihre Nachkommen gewöhnten sich an eine neue Diät aus Pollen und Nektar, und die Biene war geboren.

Artenreich & wertvoll. Aber wir sind alles andere als überflüssig. Wir sind reicher an Arten als unsere neuen Cousinen: für jede Bienenart gibt es mindestens fünf Arten meiner Familie. Und doch überseht ihr uns.

Ihr liebt unsere Cousinen, ihr pflanzt spezielle Blumen für sie, ihr baut ihnen sogar eigene Häuser. Das tut ihr, weil ihr versteht, dass sie nützlich und wertvoll sind für euch, für eure Gesellschaft, euer Wohlbefinden, eure Ernährung. Aber wir haben schon Millionen Jahre vor den Bienen Pflanzen bestäubt; heute sind wir für mehr als 700 Pflanzenarten von mehr als 100 Familien wichtig.

Einige, etwa Orchideen, brauchen uns, nicht Bienen, um sich zu vermehren. Sie entwickelten sich, um uns zu täuschen, uns zu ködern als sexuelle Lockvögel, und eingehüllt in Pollen flitzen wir von einer Verlockung zur nächsten. Aber merkt euch: Bienen bestäuben, weil wir bestäuben.

Ich bin wichtig für zukünftige Krebskranke, weil ich bestimmte Chemikalien produziere. Mein Gift ist eine ungenutzte Apotheke, ein komplexer Cocktail von Toxinen, Allergenen, Enzymen und Aminen.

Die Evolution hat mich mit diesem pharmakologischen Werkzeugkasten ausgestattet. Einige von meiner Familie verwenden diese Chemikalien, um Leben zu beenden, lebende Beute in Nahrungsbeutel für hungrige Babies zu verwandeln; andere dazu, ihre Festungen vor Prädatoren zu verteidigen. Ich erzeuge eine mächtige chemische Verbindung, ein Peptid namens Mastoparan, das Zellwände explodieren lässt und den Zelltod herbeiführt. Das tue ich, um mich und meine Gesellschaft zu verteidigen. Ihr lernt, die Macht meines Giftes zu nutzen; meine Mastoparane sind toxischer für Krebszellen als für normale Zellen. Ich bin ziemlich wichtig für euch Krebskranke der Zukunft.

Ich bin für euch alle wichtig, weil ich eine Wespe bin.

Seirian Sumner (@waspwoman) ist Professorin für Verhaltensökologie am University College London. Sie erforscht die Ökologie und Entwicklung des Verhaltens von Wespen und leitet das Citizen-Science-Projekt bigwaspsurvey.org

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* Phloem, auch Siebteil: Siebröhren, ein Teil des Transportgewebes der Pflanzen für Zucker, Hormone und Aminosäuren.

Mit Rhythmus & Rückgrat

Von Redaktion · · 2021/Mar-Apr


Der Reichtum der Natur

8 Mio. – geschätzte Gesamtzahl der Tier-und Pflanzenarten, dokumentiert und nicht dokumentiert.

5,5 Mio. davon sind Insektenarten.1 Frühere Schätzungen der Zahl unbekannter Arten reichten bis 100 Millionen.

>90 % der Pilzarten sind der Wissenschaft nach wie vor unbekannt.2

50 % der Weltwirtschaftsleistung – 44.000 Mrd. US-Dollar – hängen von der Natur und ihren Dienstleistungen ab.3

Vom Aussterben bedroht

1.000.000 – geschätzte Zahl der vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten, darunter eine von drei Süßwasserarten und zwei von fünf Pflanzenarten.1,3,2

50 % davon sind Insektenarten.

27 %  der dokumentierten Arten sind vom Aussterben bedroht.4

Die Ursachen

Die Zerstörung der Natur ist hauptsächlich auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen.

3,3 Mio. km² – Fläche der unberührten Landgebiete der Welt, die zwischen 1993 und 2009 verloren gingen – mehr als die Fläche Indiens.5

47 % – die Indikatoren des Erhaltungszustands natürlicher Ökosysteme haben sich im Vergleich zu den frühesten Schätzungen um 47 % verschlechtert.1

300-400 Mio. Tonnen  zum Teil hochgiftiger Industrieabfälle werden jährlich in den Binnengewässern und Meeren der Welt entsorgt.1

400 „Tote Zonen“ in Meeren und großen Seen, verursacht durch abfließende Düngemittel – zusammen größer als die Landfläche Großbritanniens (Stand 2008).1

Quellen:

1 IPBES, Global assessment report on biodiversity and ecosystem services, Mai 2019, ipbes.net/global-assessment; Presseaussendung: ipbes.net/news/Media-Release-Global-Assessment

2 Royal Botanic Gardens Kew, State of the world’s plants and fungi 2020, www.kew.org/science/state-of-the-worlds-plants-and-fungi 

3 WWF, Living planet report 2020, livingplanet.panda.org/en-us

4 The IUCN Red List of Threatened Species, iucnredlist.org

5 Secretariat of the Convention on Biological Diversity, Global Biodiversity Outlook 5, 2020, www.cbd.int/gbo5

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Film ab

Von Redaktion · · 2021/Mar-Apr

Wir haben unsere natürliche Umwelt und ihre Vielfalt an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Welcher Schaden angerichtet wurde und wie wir ihn reparieren können.

Ende 2019 wurde ein seltsames, schönes Lebewesen für ausgestorben erklärt. Seine Art hatte mindestens 200 Millionen Jahre lang existiert; sie überlebte auch die Auslöschung der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Wir Menschen, Homo sapiens, treiben uns dagegen erst seit vielleicht 300.000 Jahren auf diesem Planeten herum: Der Schwertstör, auch bekannt als Chinesischer Schwertfisch, konnte bis zu drei, vielleicht sogar bis zu sieben Meter lang werden, mit einer langen Schnauze, mit der er elektrische Felder wahrnehmen und seine Beute lokalisieren konnte, mit lustigen kleinen Augen und einem breiten Maul. Sein Verschwinden hatte keine natürlichen Ursachen. Er wurde überfischt – noch in den 1970ern wurden jedes Jahr 25 Tonnen aus dem Wasser geholt.

Der Todesstoß waren aber wohl die neuen Staudämme am Jangtsekiang, seinem Habitat, die den Weg zu seinen Laichgebieten flussaufwärts blockierten. Als man versuchte, ihn zu retten, war es zu spät. Der letzte Schwertstör wurde 2003 gesichtet, und ausgestorben war er wohl schon Jahre vor der offiziellen Traueranzeige, wie das Magazin National Geographic recherchierte.

515 Wirbeltierarten droht schon bald dasselbe Schicksal, so eine im Juni 2020 veröffentlichte Studie – ihre Populationen sind auf weniger als 1.000 Individuen geschrumpft, bei mehr als der Hälfte dieser Arten sogar auf weniger als 250. Insgesamt, so eine Schätzung des Weltbiodiversitätsrats IPBES, dürfte eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sein – viele Arten sind bisher nicht dokumentiert und unbekannt.

Für Biologinnen und Biologen ist das drohende Artensterben ein ebenso dringliches Problem wie die Klimakatastrophe, vielleicht sogar das größere – Aussterben ist unumkehrbar; verschwindet eine Art, ist sie für immer verloren.

Mit ihr verschwinden eine Vielzahl einzigartiger, über Millionen von Jahren erworbener Eigenschaften, ihr Genom, ihre Phänotypen und ihre Interaktionen mit ihrem Ökosystem. Es ist gefährlich, wenn im Netz der Natur, in der alles mit allem verwoben ist, eine Lücke entsteht – die Auslöschung einer Art kann eine Kettenreaktion auslösen und weitere Arten zum Untergang verdammen.

Dass Arten aussterben, ist nichts Besonderes – dazu kam es schon seit den Anfängen des Lebens auf der Erde. Aber der Prozess hat sich beschleunigt. Aus dem Studium von Fossilien lässt sich ableiten, dass eine Wirbeltierart bisher ein bis drei Millionen Jahre überlebte – eine zugegeben sehr grobe Schätzung, aber die beste, die wir haben. Heute dagegen hat etwa eine Vogelart eine erwartete Lebensdauer von nur 5.000 Jahren, und Pflanzenarten sterben 500 Mal schneller aus als unter natürlichen Verhältnissen zu erwarten wäre.

Globaler Kollaps. Das Artensterben ist die Spitze des Eisbergs einer weit dramatischeren, weltweiten Entwicklung. Während die Populationen der wenigen Tierarten, die Menschen für ihre Zwecke züchten, explosionsartig zugenommen haben, bezeichnen Fachleute das, was mit wildlebenden Tieren passiert, als „biologische Vernichtung“. Zwischen 1970 und 2016 verringerten sich die Populationen von wildlebenden Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien um 68 Prozent, so der „Living Planet“-Bericht 2020 der Umweltorganisation WWF.

Mit Insektenarten befassen sich einschlägige Studien oft gar nicht. Unzählige könnten verschwinden, ohne dass die Menschheit von ihrer Existenz gewusst hätte. Einer aktuellen, im April 2020 im Fachmedium Science veröffentlichten Metastudie zufolge, der langfristige Erhebungen in 41 Ländern in fünf Kontinenten zugrunde lagen, schrumpfen die Populationen und die Biomasse von Landinsekten jedes Jahr um fast ein Prozent.

Wie würden wir reagieren, wenn wir Menschen von einer solchen Katastrophe betroffen wären? Bei Verfassung dieses Artikels waren 0,017 Prozent der Weltbevölkerung an oder mit Covid-19 gestorben, und was das mit uns angerichtet hat, ist offensichtlich.

Tatsächlich ist die Pandemie zum Teil auf dieselben Faktoren zurückzuführen, die dem Niedergang der Biodiversität zugrunde liegen, in diesem Fall auf den engen Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren durch die Fragmentierung von Habitaten.

Heute warnen Wissenschaftler*innen vor einem sechsten Massenaussterben. Während die früheren ideale Szenarien für B-Movies hergaben, mit gigantischen Vulkanausbrüchen und einschlagenden Meteoriten, ist die aktuelle Version auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen. Die menschlichen Eingriffe in die natürliche Umwelt haben ein Ausmaß erreicht, das manche veranlasst, unser Zeitalter als „Anthropozän“ zu bezeichnen, ein Begriff, den der niederländische Chemiker Paul Crutzen 2002 geprägt hat.

Links zum Thema

Weltbiodiversitätsrat: Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik

ipbes.net

Rote Liste der gefährdeten Arten

iucnredlist.org

Übereinkommen über die biologische Vielfalt

cbd.int

Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen

cites.org

Es scheint so, als ob wir eine Art von Jenga oder Mikado im planetaren Maßstab spielen würden. Die ersten paar Steine, die wir beim globalen Geschicklichkeitsspiel herausziehen, scheinen dem Stapel nichts anzuhaben, aber mit jedem Stein wird er immer wackeliger, bis er plötzlich einstürzt. Der Kollaps des Ökosystems ist heute nicht mehr bloß eine dystopische Fantasie. Er könnte zu unserem eigenen Aussterben führen oder uns eine Zukunft bescheren, die kaum weniger düster ist: Die Menschheit könnte mit knapper Not überleben, aber in einer „leeren Welt“, warnte Elizabeth Maruma Mrema, Exekutivsekretärin des Übereinkommen über die biologische Vielfalt (UN-Biodiversitätskonvention, CBD).

Naturschutz-Blues. Diese Schreckensvisionen müssen aber nicht eintreten. Ökosysteme können sich erholen, wenn man ihnen die Chance dazu gibt, ihnen Raum lässt und sie schützt. Aber jetzt noch umzusteuern erfordert herkulische Anstrengungen, einen Kampf an vielen, miteinander verbundenen Fronten: gegen die laufende Zerstörung von Habitaten, die rücksichtlose Ausbeutung von Wildpflanzen und Wildtieren (darunter der illegale internationale Wildtierhandel), den Klimanotstand, die Umweltverschmutzung, invasive Arten und eingeschleppte Krankheiten. Und all diese Bemühungen sind in einer von Ungleichheit geprägten Welt viel schwieriger.

Die unmittelbare Reaktion auf die Zerstörung der Natur ist der Versuch, sie zu bewahren, indem man sich auf den Schutz bestimmter Habitate und Arten konzentriert. Eine schwierige Aufgabe, erst recht in der Klimakrise.

Wie begegnet man etwa dem Rückgang der Populationen insektenfressender Vogelarten im Amazonasgebiet, wenn die steigenden Temperaturen ihre Nahrungsgrundlage vernichten? Was ist mit Pflanzenarten, die in höher gelegene Gebiete wandern müssten, um die Erwärmung zu überleben, aber in einer unmöglichen Geschwindigkeit? Oder Tierarten, die dasselbe tun müssten, aber nicht können, weil es keine Migrationskorridore oder nicht einmal neue geeignete Habitate gibt?

Für Robert Watson, vormals Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats IPBES, ist die Antwort klar: „Wir können die Bedrohungen durch die menschlich verursachte Klimakrise und den Verlust an Biodiversität nicht voneinander getrennt bekämpfen“, so Watson im britischen Guardian: „Entweder wir lösen beide Probleme oder keines von beiden.“

River of People with Blind Rhino, This Empty World. © Nick Brandt / Courtesy of Atlas Gallery, London

Teil des Problems. Doch auch der Naturschutz selbst steckt in einer Krise und stößt immer wieder an enge Grenzen. Viel zu oft fehlen die politischen Rahmenbedingungen und mangelt es an politischem Willen, und es sind NGOs, die versuchen, die Lücke zu füllen. Die ganz großen unter ihnen haben oft auf die Strategie gesetzt, den wirtschaftlichen Wert der Natur und ihrer Dienstleistungen in den Vordergrund zu rücken, im Gegensatz zum Wert der unberührten Natur an sich.

Das macht es schwierig, sich für Arten einzusetzen, die keinen wirtschaftlichen Wert haben, zumindest nicht unmittelbar. Darüber hinaus waren diese Organisationen nur zu gerne bereit, Spenden von Unternehmen zu akzeptieren, die aktiv an der Zerstörung der Natur beteiligt sind, darunter Bergbaukonzerne und die Öl- und Gasbranche.

Mit dem Angebot von „Credits“ für die Erhaltung der Biodiversität und CO2-Ausgleichszahlungen, die nichts am angerichteten Schaden ändern, helfen sie ihnen noch dazu, ihre Aktivitäten grün zu waschen.

Schlimmer noch war die von ihnen praktizierte Version von Naturschutz, von Kritiker*innen als „Fortress Conservation“ bezeichnet – man könnte auch sagen: Naturschutz ohne Menschen. Im Namen der Biodiversität zäunt man ganze Landstriche ein, während die indigenen Gemeinschaften, die auf und von diesem Land leben, an den Rand gedrängt und oft verfolgt und vertrieben werden. Dabei sind sie es, die die Natur tatsächlich schützen.

Wer Letzteres bezweifelt, dem sei eine in Environmental Science & Policy 2019 veröffentlichte Studie ans Herz gelegt, bei der mehr als 15.000 Standorte in Australien, Brasilien und Kanada miteinander verglichen wurden.

Das Ergebnis: Die Artenvielfalt in den Gebieten, die von indigenen Gemeinschaften verwaltet wurden, war etwas höher als in den Naturschutzgebieten, und in Brasilien und Kanada beherbergten sie sogar mehr bedrohte Arten als Schutzgebiete – obwohl die Indigenen diese Gebiete weiter zum Jagen und Sammeln nutzten. (Siehe Interview mit Hindou Oumarou Ibrahim auf Seite 36.)

Kürzlich entzog die US-Regierung Naturschutzorganisationen, darunter dem WWF und der Wildlife Conservation Society, wegen Menschenrechtsverletzungen in Afrika Förderungen von 12,5 Mio. US-Dollar. Ohne Zustimmung indigener Gemeinschaften zu ihren Aktivitäten, so die Warnung, würde es kein Geld mehr geben.

River Bed with Hyenas, This Empty World. © Nick Brandt / Courtesy of Atlas Gallery, London

Unersättlicher Appetit. Es ist kein Wunder, dass die jüngste, im Rahmen der Biodiversitätskonvention erhobene Forderung für Alarmstimmung bei Organisationen gesorgt hat, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzen: Ein Drittel des Planeten soll zum Naturschutzgebiet erklärt werden.

Wenn das nach dem Schema der „Fortress Conservation“ geschähe, könnte sich das zum „größten Landraub der Geschichte“ auswachsen, so Stephen Corry, CEO von Survival International. Die Einbeziehung indigener Gemeinschaften taucht heute zwar allenthalben in Zielformulierungen und Grundsatzpapieren auf, auch auf höchster Ebene. Es bleibt aber noch viel zu tun, um diese Versprechen einzulösen.

Mehr Raum für die Natur könnte auch entstehen, wenn es weniger Druck gäbe, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen immer weiter voranzutreiben. Einer verbreiteten Vorstellung nach wird die Erde von der wachsenden Zahl der Menschen einfach „überrannt“, wie es David Attenborough formulierte, der Superstar in der Welt des Naturschutzes. Mit der Wirklichkeit hat diese Vorstellung jedoch wenig zu tun. Für den Druck auf die Natur ist in erster Linie der Ressourcenhunger der reichsten Länder verantwortlich.

Beispiel Ernährung, hier ist sich die Wissenschaft einig: Wir erzeugen bereits ausreichend Nahrungsmittel, um alle zu ernähren, und es besteht kein Bedarf, zusätzliche Flächen landwirtschaftlich zu nutzen – selbst ohne zu berücksichtigen, dass ein Drittel der Nahrungsmittel weggeworfen wird oder verdirbt.

Doch zwei Drittel der Entwaldung in den tropischen Breiten gehen laut Recherchen der Plattform Mongabay auf das Konto großer Agrokonzerne, die den Wald roden, um Soja, Rindfleisch und Palmöl zu produzieren.

Die Viehzucht benötigt fast 80 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen, liefert aber nur 20 Prozent des Kalorienangebots.

Wenn alle Menschen sich so ernähren würden wie der Durchschnitt der US-Bevölkerung, rechnete die Forscherin Hannah Ritchie von der University Oxford vor, bräuchte man 137 Prozent der bewohnbaren Flächen der Erde allein für die Landwirtschaft, aber nur 22 Prozent, wenn wir alle indische Ernährungsgewohnheiten übernähmen.

Um das Bild der Ungleichheit zu komplettieren: Nur ein Prozent der Landwirtschaftsbetriebe kontrolliert 70 Prozent aller agrarischen Nutzflächen (Quelle: International Land Coalition, 2020). Von wem die Welt „überrannt“ wird, ist offensichtlich.

Heute findet in vielen Ländern des Globalen Südens ein massiver Ausbau der Infrastruktur statt.

Ein Erfordernis der „Entwicklung“? Mitnichten. Die meisten dieser Projekte sind nicht dazu gedacht, lokale Gemeinschaften voranzubringen, ihnen Zugang zu medizinischer Versorgung oder zu Erwerbsmöglichkeiten zu eröffnen, sondern bloß dazu, die Ausbeutung und den Abtransport natürlicher Ressourcen zu ermöglichen.

Den Motor runterfahren. Um diesen unaufhörlichen – und oft unnötigen – Druck auf die Natur zu verringern, wird es erforderlich sein, sich vom Streben nach ständigem Wachstum und exponentieller Steigerung des Konsums zu verabschieden. Nicht nur von linken „Randgruppen“, auch von etablierten Persönlichkeiten der Umweltbewegung ist nun Kritik an der kapitalistischen Konsumkultur zu vernehmen.

Es gibt auch ernst gemeinte Appelle an den Westen, dass es an der Zeit sei, mit dem Nehmen aufzuhören und die Entwicklungszusammenarbeit wieder hochzuschrauben. Zwischenstaatliche Institutionen wie der Weltbiodiversitätsrat IPBES erwecken den Anschein, die technokratischen Schuppen wären ihnen endlich von den Augen gefallen, und plädieren für einen tiefgreifenden Wandel.

Unter den erfolgversprechenden Ansätzen, laut IPBES: „Übernahme diverser Visionen eines Guten Lebens; Gesamtverringerung von Konsum und Abfall; Verringerung der Ungleichheit; Gerechtigkeit und Inklusion im Naturschutz“ etc.

Wird dieses Heraufdämmern des Bewusstseins rechtzeitig echte Veränderungen bewirken? Die 196 Unterzeichnerstaaten der Biodiversitätskonvention hatten 20 Ziele für die Biodiversität für das Jahrzehnt 2011-2020 vereinbart. Kein einziges davon war mit Ende der Dekade erreicht. Die nächste Gesprächsrunde ist für Mai 2021 im chinesischen Kunming anberaumt.

Wird der Turbokapitalismus, mit der Hoffnung auf Impfungen und in Anbetracht des auf 26.000 Mrd. Dollar geschätzten Schadens der Covid-19-Pandemie, wieder Fahrt aufnehmen?

Oder kann uns die politische Transformation gelingen, die nötig ist, damit wir Menschen uns gegenüber dem Rest der Natur weniger wie rachsüchtige Götter verhalten? Der Schlüssel dazu ist Gleichheit.

Der Rechtswissenschaftler und Kommentator Jedediah Purdy bringt es in einem Beitrag für das Magazin Dissent prägnant auf den Punkt: „Ohne wirtschaftliche und soziale Sicherheit wird die Welt zu einem unsicheren Ort, einem Ort, an dem man niemals zu viel Schutz haben kann, soll heißen zu viel Reichtum. Unsicherheit sorgt daher für unersättliche Ansprüche an die Natur“, betont der Autor des Buches „Die Welt und wir – Politik im Anthropozän.“

Und weiter: „Hier treffen sich Umweltschutz und Egalitarismus. Nur eine Wirtschaft mit mehr Sicherheit wird wahrscheinlich politische Kräfte hervorbringen, die sich für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums einsetzen, denn nur eine sichere Wirtschaft würde es ermöglichen, einen wirtschaftlichen Abschwung zu tolerieren.“ Das Netz des Lebens wird immer löchriger. Mit Behutsamkeit und Vernunft können wir verhindern, dass es zerreißt.

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Quellen der Originalversion

Douglas Main, „The Chinese paddlefish, one of world’s largest fish, has gone extinct“, National Geographic, 8. Jänner 2020, www.nationalgeographic.com/animals/2020/01/chinese-paddlefish-one-of-largest-fish-extinct

G Ceballos, P.R. Ehrlich und P.H. Raven, „Vertebrates on the brink as indicators of biological annihilation and the sixth mass extinction“, PNAS, 1. Juni 2020, www.pnas.org/content/117/24/13596

IPBES, Global assessment report on biodiversity and ecosystem services, 2019, ipbes.net/global-assessment

Arne Mooers, „Bird species are facing extinction hundreds of times faster than previously thought“, The Conversation, 16. Jänner 2020, theconversation.com/bird-species-are-facing-extinction-hundreds-of-times-faster-than-previously-thought-129134

WWF, Living planet report 2020, livingplanet.panda.org/en-us

Stuart Reynolds, „Insects: worldwide study reveals widespread decline since 1925“, The Conversation, 23. April 2020, theconversation.com/insects-worldwide-study-reveals-widespread-decline-since-1925-137089

Robert Watson, „Loss of biodiversity is just as catastrophic as climate change“, The Guardian, 6. Mai 2019, www.theguardian.com/commentisfree/2019/may/06/biodiversity-climate-change-mass-extinctions

Jeremy Hance, „Has big conservation gone astray?“, Mongabay, 26. April 2016, news.mongabay.com/2016/04/big-conservation-gone-astray

Richard Schuster et al, „Biodiversity on Indigenous lands equals that in protected areas“, bioRxiv, 15 Mai 2018, www.biorxiv.org/content/10.1101/321935v1.full

Survival International, 2. Oktober 2020, „Atrocities prompt US authorities to halt funding to WWF, WCS in major blow to conservation industry“, www.survivalinternational.org/news/12475

Stephen Corry, „The big green lie“, CounterPunch, 26. Juni 2020, www.counterpunch.org/2020/06/26/the-big-green-lie

Claire Asher, „Brazil soy trade linked to widespread deforestation, carbon emissions“, Mongabay, 3. April 2019, news.mongabay.com/2019/04/brazil-soy-trade-linked-to-widespread-deforestation-carbon-emissions

Hannah Ritchie, „How much of the world’s land would we need in order to feed the global population with the average diet of a given country?“, Our World in Data, 3. Oktober 2017, ourworldindata.org/agricultural-land-by-global-diets

International Land Coalition, Uneven Ground, 2020, www.landcoalition.org/en/uneven-ground

Damian Carrington, „Megaprojects risk pushing forests past tipping point“, The Guardian, 19. November 2020, www.theguardian.com/environment/2020/nov/19/megaprojects-risk-pushing-forests-past-tipping-point-report

Jedediah Britton-Purdy, „An environmentalism for the Left“, Dissent, Herbst 2015, www.dissentmagazine.org/article/after-nature-left-environmentalism-jedediah-purdy

Lesestoff: Starker Frühling für Bücherwürmer

Von Redaktion · · 2021/Mar-Apr

Die Redaktion empfiehlt: Europas Gegenwart ist stark von seiner kolonialen Vergangenheit geprägt. Das macht Johny Pitts in seinem preisgekrönten Buch „Afropäisch“ sichtbar.

Europäisch gilt immer noch als ein Synonym für „weiß“. Daran werden Europäer*innen nichtweißer Hautfarbe ständig erinnert. Etwa bei Passkontrollen, oder – scheinbar harmlos – bei der Frage: „Und woher kommst du eigentlich?“

Für den britischen Schriftsteller und Fotograf Johny Pitts ist es das Gefühl, „nicht drinnen zu sein“, nicht hierher zugehören.

Als er den Begriff „afropäisch“ zum ersten Mal hörte, begann er sich selbst „als komplett und ohne Bindestrich zu begreifen“. Der Ausdruck eröffnete ihm eine Möglichkeit, „mit dem Globalen Süden und dem Westen, ohne gemischt-dies, halb-jenes oder schwarz-anderes“ zu leben.

Und: Dass Schwarzsein in Europa nicht automatisch bedeute, ein*e Immigrant*in zu sein.

Schwarze Spurensuche.