„Bildung bedeutet nicht, Menschen zu programmieren“

Friedenspädagoge Werner Wintersteiner über das Veränderungspotenzial  durch Bildung, Selbstermächtigung und die Definition von WeltenbürgerInnen.

Was ist das Besondere am Entwicklungsziel 4 Bildung?

Bildung ist einerseits ein Ziel für sich, zugleich aber auch ein Mittel, um alle anderen Ziele zu erreichen: zum Beispiel Frieden, Gesundheit, ökologische und ökonomische Ziele.

Kann Bildung zur Veränderung der Gesellschaften in Richtung Nachhaltigkeit beitragen?

Einerseits ja: Tatsächliche Nachhaltigkeit würde eine große sozial-ökologische Transformation bedeuten: der Produktion, der Eigentumsverhältnisse, der Lebensweisen. Zu diesem Umbau gehört wesentlich auch die Bildung in einem weiten Sinn – als Selbstaufklärung der Menschheit.

Andererseits kann man auch zweifeln: Denn Bildung bedeutet nicht, Menschen zu programmieren – eigentlich das Gegenteil: Die Hoffnung ist, dass die Leute schon das Richtige tun werden, wenn sie die Möglichkeit bekommen, sich je nach Fähigkeit umfassend zu entwickeln.

1970 konnte ein Drittel der Menschen nicht lesen und schreiben, heute sind es rund 14 Prozent. Haben wir die größten Hürden zum SDG „Hochwertige Bildung“ schon genommen?

In diesem elementaren Sinn schon. Aber dem steht auch Wissen gegenüber, das verschwunden ist, auch verdrängt durch die Alphabetisierung: Zum Beispiel Wissen indigener Völker, also genau das, was uns heute fehlt. Die globalen Probleme sind seit 1970 viel größer geworden: Durch wirtschaftliche Entwicklung, durch die allseitige Inbesitznahme des Planeten. Wir brauchen heute mehr Wissen, um Probleme zu lösen, die es damals noch gar nicht gegeben hat.

In den 1970er Jahren gab es die radikale Forderung, die formale Bildung abzuschaffen. Ivan Illich postulierte, es werde das Falsche vermittelt, nicht das, was die Menschen brauchen. Allerdings übersieht dieser Ansatz die Gefahren der informellen medialen „Bildung“ und unterschätzt die Chancen, die trotz aller Kritik im formalen Bildungssystem stecken.

Gerade heute wird Bildung oft als „Humankapital“ verstanden, als Schlüssel zu mehr Produktivität. Kann man die Einführung der Schulpflicht als Aufdrängen unserer westlichen Lebensweise deuten?

Mittlerweile sind weltweit Technologien verbreitet, an denen man nur mit einem gewissen Bildungsstand teilhaben kann. Dass wir zurück könnten in eine andere Welt, in der man keine formale Basisbildung braucht, ist eine romantische Vorstellung. Die Schulpflicht zu befürworten sollte man aber nicht vermischen mit der falschen Vorstellung von Bildung als Humankapital. Die Unterordnung der Bildungsorganisation, der Inhalte und der Prüfungsmethode unter die vermeintlichen oder wirklichen Interessen der Wirtschaft ist heute der absolute Mainstream, auf den alle Bildungssysteme ausgerichtet werden. Zum Glück gibt es aber immer noch Spielräume, sich dagegen aufzulehnen, sowohl von Seiten der Lehrenden wie der Lernenden.

Wie stellt man sicher, dass Bildung die Menschen selbst ermächtigt?

Indem man sie immer wieder herausfordert. Und jene ermutigt, die sich abgeschrieben fühlen. Es gibt viele Menschen, die erzählen, dass einzelne Lehrer entscheidend für ihren Lebensweg waren.

Auf der strukturellen Ebene gehen wir im Moment leider in die falsche Richtung. Es geht immer mehr um standardisierte Kompetenzen, das Bildungswesen wird ganz auf Tests ausgerichtet. So entstehen falsche Wertigkeiten. Was man nicht so einfach messen kann, geht dabei verloren. Und es schränkt die Freiräume engagierter Lehrkräfte ein, ihren Interessen und denen der SchülerInnen nachzugehen.

Was ist Bildung außer Schule noch?

Im SDG-Kontext wird Bildung stark auf die Schule bezogen. Das ist in Ländern gerechtfertigt, wo die Schulsysteme sehr stark ausgebaut sind. Obwohl die SDGs den Ausbau der schulischen Bildung in allen Ländern fordern, muss doch auch der Tatsache Rechnung getragen werden, dass dies noch nicht überall der Fall ist. Daher ist es wichtig, auch den anderen Bereichen Aufmerksamkeit zu schenken: Erwachsenenbildung, Wissen, das in der Familie weitergegeben wird, oder in Gemeinschaften.

Wie hängen Bildung, Krieg und Frieden zusammen?

Man kann für den Frieden oder für den Krieg erziehen. Ohne Kriegserziehung würden Kriege nicht funktionieren. Nicht nur in den USA trainiert die Armee mit psychologischen Mitteln Soldaten darin, ihre Tötungshemmung zu überwinden. Und es gibt Friedenserziehung – Wissen über Kriegsursachen und über Friedensstrategien, Lernen von gewaltfreier Kommunikation und internationale Begegnungen, Austauschprogramme beispielsweise.

Die Bildung scheint vielen der Hebel zu sein, um etwas zu verändern. Sind die Erwartungen zu hoch?

Ja. Und oft wird mit dem Ruf nach Bildung davon abgelenkt, dass man nicht bereit ist, die entsprechenden ökonomischen, ökologischen oder politischen Weichen zu stellen. Und doch ist der Ansatz sinnvoll. Selbstverständlich sollte Bildung bei einer positiven Gesellschaftsänderung mithelfen. Am besten, indem in Bildungseinrichtungen das gelebt wird, was vermittelt werden soll: Respekt vor den Menschen, egal aus welchem Land und welcher sozialen Gruppe sie kommen, ob sie sich freundlich verhalten oder nicht.

Schulen sind auch Brennpunkte, in denen sich bestehende Probleme der Gesellschaft spiegeln. Doch sie sind dafür schlecht ausgerüstet, es gibt z.B. kaum SozialarbeiterInnen in Österreichs Schulen. Insofern ist die Schule doppelt überfordert.

Weil Ressourcen fehlen?

Es ist oft eine Frage der Ressourcen. Aber auch die Vorurteile einer Gesellschaft kommen in die Schulen. Wenn Parteien an der Macht sind, deren Strategie darin besteht, dass sie eine gesellschaftliche Gruppe diffamieren und infrage stellen, dann ist es schwierig, in der Schule dagegen anzukämpfen. Solche starken Strömungen in der Gesellschaft kriegt man nicht einfach im Unterricht weg.

Was macht die bzw. den globale/n WeltbürgerIn aus?

Wir bilden Menschen aus, das Politische über den Nationalstaat hinaus zu denken. Mit allen Unwägbarkeiten und utopischen Momenten, die das hat. Denn viele unserer Probleme sind mit nationalem Denken nicht mehr zu bewältigen. Wir müssen den „methodischen Nationalismus“ überwinden und nach Wegen eines weltweiten solidarischen Zusammenlebens suchen.

Interview: Ruth Fulterer

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