Blut für Gold

Die Regierung Ecuadors fördert gemeinsam mit internationalen Konzernen den Abbau von Gold, Silber und Kupfer – auf Kosten seines Naturreichtums, und der eigenen Bevölkerung.

Von Manuel Preusser, Ecuador

Wo einst Menschen lebten, befahren nun die Lastwägen unermüdlich Ecuadors größte Kupfermine in Tundayme.© Rodrigo Buendia / AFP / picturedesk.com

Ecuador setzt auf Bergbau im großen Stil: „Wir können keine Bettler sein, die auf einem Sack voll Gold sitzen!“ Mit diesen Worten legitimierte der von 2007 bis 2017 regierende, an und für sich linksgerichtete, von manchen aber auch als linkspopulistisch kritisierte Präsident Rafael Correa die Ausweitung des Bergbaus.

Nun setzt auch sein Amtsnachfolger Lenín Moreno darauf, seines Zeichens Verfechter einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Über 32.000 Arbeitsplätze will er so bis 2021 schaffen, 3,8 Milliarden US-Dollar an Einnahmen lukrieren.

Anders als sein progressiver Amtsvorgänger versucht Moreno allerdings, die internationalen Investitionen durch schwächere staatliche Regulierung und Besteuerung zusätzlich zu befeuern.

Wo der Bergbau-Boom ungebremst voranschreitet, werden vielerorts seit Jahren die Schattenseiten sichtbar. Ein Extrembeispiel dafür ist Tundayme in der südlichen Amazonasprovinz Zamora Chinchipe. Mit den Konzernen kam eine Katastrophe nach der anderen für die Menschen vor Ort: Als die ecuadorianische ECSA, eine Tochter des Konsortiums der chinesischen Konzerne CRCC und Tongling, 2009 mit der Entwicklung des Megaprojekts Mirador begann, der bislang größten Gold- und Kupfermine des Landes, war schlicht kein Platz mehr für die lokale Bevölkerung. Viele Einheimische ließen sich von den Versprechen der Regierung und der Betreiberfirma überzeugen: Für die Aussicht auf Arbeitsplätze in der Mine gaben sie ihre Häuser und Grundstücke auf.

Die 50 Familien, die sich weigerten, das Land zu verlassen, wurden vertrieben – in Nacht-und-Nebel-Aktionen von privaten Sicherheitskräften oder bewaffneten Polizei- und Militäreinheiten. Ihre Häuser wurden zerstört.

Auch die in traditioneller Gemeinschaftsarbeit errichtete örtliche Schule und die lokale Kirche wurden von ECSA-Maschinen platt gemacht. Bereits vor den Zwangsenteignungen wurden BewohnerInnen des konzessionierten Gebiets bedroht, die sich gegen das Projekt stemmten. Der indigene Aktivist José Tendetza wollte 2014 nach Lima reisen, um von Menschenrechtsverletzungen in Tundayme zu berichten. Sicherheitskräfte von ECSA hatten gemeinsam mit ecuadorianischen Polizisten sein Haus verwüstet und seine Anbauflächen verbrannt. Kurz vor seiner geplanten Abreise wurde sein Leiche vom Fluss angespült, Hände und Füße waren gefesselt. Bis heute wurde niemand für Tendetzas Tod zur Rechenschaft gezogen.

Enorme Umweltverschmutzung. Im Juli wurde das Projekt Mirador eröffnet – fünf Monate vor dem ursprünglich geplanten Termin. Wo die Vertriebenen ihr Leben lang Mais, Maniok, Bananen und Süßkartoffel anbauten, thronen heute die Abwasserbecken für die Abfälle der Mine Mirador. Bis 2036 soll das Megaprojekt etwa eine Million Tonnen Kupfer und 500.000 Unzen Gold produzieren. Lebensdauer und Produktion könnten aber noch deutlich ausgeweitet werden. Jedenfalls sollen täglich 54.000 Tonnen Erdreich bewegt werden.

Während die Metallerze leicht verarbeitet nach China exportiert werden, wo der Großteil der Wertschöpfung stattfindet, bleiben in Tundayme pro Tag fast 30.000 Tonnen toxischer Abfälle zurück.

Laut einer kürzlich durchgeführten Studie werden die Abwasserbecken aber nur die Menge der ersten acht Jahre des Projektes fassen. Zudem benötigt die Mine pro Sekunde über 200 Liter Wasser, weshalb die lokalen Flüsse umgeleitet und angezapft werden.

Druck & Ausbeutung. Abgesehen von den verheerenden ökologischen Folgen – an einem der Orte mit der höchsten Biodiversität weltweit – verschärft Mirador auch die sozialen Konflikte in Tundayme. Die vertriebenen Familien gerieten in eine Spirale der Abhängigkeit: Ihre Grundstücke haben sie verloren, neue Anbau- und Weideflächen zu finden ist angesichts der zunehmenden Verschmutzung der Böden schwierig.

Eine der wenigen Alternativen ist die Arbeit in der Mine. Während die Führungspositionen im Projekt Mirador für Chinesen reserviert sind, ist die Konkurrenz um die prekären Arbeitsplätze in der Mine enorm. Einerseits schickt die chinesische Regierung Strafhäftlinge, andererseits kommen aus ganz Ecuador und aus einigen Nachbarländern junge Männer, die im Bergbau ein stabiles Einkommen sowie eine sichere Zukunft suchen.

Schnell aber kommt die Enttäuschung. Die ArbeiterInnen verdienen in der Mine zwar den gesetzlichen Mindestlohn von 394 Dollar pro Monat, davon müssen sie aber auch die Unterkunft und das Essen im Lager bezahlen. Was übrig bleibt, reicht selten für das eigene Auskommen, geschweige denn für die ganze Familie. Gearbeitet wird 22 Tage am Stück, danach sind acht Tage frei.

Wenn die Leistung nicht stimmt, ist man den Job schnell wieder los. Unfälle bei der gefährlichen Arbeit auf den Hängen der entstehenden Mine haben bereits vor der Inbetriebnahme mehrere Todesopfer gefordert. Die Leichen wurden aus dem konzessionierten Gebiet gebracht – offiziell starben sie bei Freizeitunfällen.

Verfassungwidrig. Während die Regierung und die internationalen Investoren die Vorzüge des angeblich nachhaltigen Bergbaus beschwören, verweisen die Gegner meist vergeblich auf die Verfassung des Landes. Die unvermeidliche Umweltverschmutzung widerspreche den konstitutionell verankerten Rechten der Natur. Zudem müssten die BewohnerInnen eigentlich vor jedem extraktivistischen Projekt in ihrem Territorium verbindlich befragt werden. Nur im Falle mehrheitlicher Zustimmung dürfte das Projekt initiiert werden.

Trotz der Proteste von Betroffenen, Umwelt-NGOs und indigenen PolitikerInnen kam es seit Inkrafttreten der aktuellen Verfassung im Jahr 2008 erst zu einem ordnungsgemäß durchgeführten Referendum über ein extraktivistisches Großprojekt: Im März 2019 sprach sich die lokale Bevölkerung von Girón, einem Kanton der Andenregion Azuay, mit über 87 Prozent gegen das Bergbauprojekt Kimsacocha aus.

Präsident Moreno gab dieser demokratische Entscheidung allerdings keine große Bedeutung, er wollte die internationalen Investoren nicht verschrecken und forderte von der lokalen Bevölkerung einen Plan, wie die im Falle eines Verzichts auf den Bergbau ausfallenden Einnahmen kompensiert werden sollen. Der indigene Präfekt von Azuay sammelt unterdessen Unterschriften, um den Bergbau in der gesamten Provinz zu verbieten.

Der Boom geht weiter. Kürzlich wurde nördlich der Hauptstadt Quito eine der größten Gold-, Silber- und Kupferlagerstätten der Welt entdeckt: Das Projekt Cascabel soll Mirador in Zukunft als größte Mine Ecuadors ablösen, 7.000 Arbeitsplätze schaffen und durch Steuern Staatseinnahmen von etwa 1,3 Milliarden Dollar generieren.

Ecuadors Vizepräsident, Otto Sonnenholzner, ließ bereits wissen: „Wo es Mineralien gibt, wird es Bergbau gegeben.“

Präsident Moreno bezeichnet die Bergbaugebiete gerne als „Opferzonen“. Die Ökosysteme und die lokale Bevölkerung müssten geopfert werden, auch wenn die Einnahmen kurzfristig sind und es sich um eine einseitige, exportorientierte Strategie der Modernisierung handelt. Biodiversität und nachhaltige kleinbäuerliche Lebensweisen bleiben auf der Strecke.

Manuel Preusser studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Seit drei Jahren lebt er in Quito, Ecuador, wo er an der FLACSO, einer länderübergreifende Organisation zur Forschung, Lehre und Förderung der Sozialwissenschaften in Lateinamerika, ein Doktoratsstudium in Internationale Studien absolviert. Im April besuchte er Tundayme.

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