Krise, Kriege und Corona

Vor einem Jahr wurden Millionen Corona-Tote in Afrika prognostiziert. Die Ankündigung des Horrorszenarios war ein weiterer Tiefpunkt der Afrika-Berichterstattung. Warum Journalist*innen so pessimistisch sind, wenn es um den Kontinent geht.

Von Martin Sturmer 

© Sharon Dawn/ CC BY-SA 4.0

Das Urteil stand bereits fest, bevor das Virus den Kontinent überhaupt erreicht hat. Wenige Stunden vor der Bekanntgabe des ersten Corona-Falls in Afrika am 14. Februar 2020 hielt Bill Gates in Seattle eine vielbeachtete Rede. Der Microsoft-Gründer warnte davor, dass in Afrika die Gesundheitssysteme kollabieren könnten. Dann wäre mit Millionen Corona-Toten zu rechnen.

Die deutschsprachigen Leitmedien stimmten in die Untergangsstimmung  mit ein: „Die Folgen werden für Afrika verheerend sein“, titelte die Online-Ausgabe der Salzburger Nachrichten (25. März 2020), „Afrika steht alleine am Abgrund“ hieß es in einer Schlagzeile der Süddeutschen Zeitung (4. April 2020), der Schweizer Tagesspiegel rechnete mit „Hundertausenden, wenn nicht Millionen von Opfern“ (31. März 2020).

Woher kam der überbordende Pessimismus? Die Antwort liegt in der Entwicklung der Afrika-Berichterstattung der vergangenen sechs Jahrzehnte, die zu einer weitgehend negativen Wahrnehmung des Kontinents führte.

So wurde bereits der Übergang in die politische Selbstverwaltung in den 1960er Jahren als „völlig chaotisch“ und „bestialisch“ dargestellt. Das Bild verfestigte sich in den nachfolgenden Jahrzehnten durch die Schreckensherrschaften von Diktatoren wie Jean-Bédel Bokassa (Zentralafrikanische Republik), Idi Amin Dada (Uganda) oder Mobutu Sese Seko (Kongo). Dazu kamen die extreme Gewalt in Bürgerkriegen wie in Liberia oder Sierra Leone und der Genozid in Ruanda. Die Hungerkatastrophen im Biafra-Krieg, in der Sahel-Zone oder in Äthiopien drückten Afrika den Stempel des „hilfsbedürftigen Kontinents“ auf.

Kurzes „Africa Rising“. Eine optimistischere Afrika-Berichterstattung war erst um das Jahr 2010 feststellbar: Das hohe Wirtschaftswachstum in vielen afrikanischen Ländern sowie die erfolgreiche Fußballweltmeisterschaft in Südafrika führten zu deutlich mehr Berichten über die Fortschritte auf dem Kontinent. Das Narrativ von „Africa Rising“ verlor aber bald wieder an Fahrt: Durch die Ebola-Epidemie in Westafrika machte sich wieder Ernüchterung breit.

Mit ihrer durch und durch pessimistischen Berichterstattung über die Corona-Pandemie in Afrika setzten deutschsprachige Leitmedien diese Tradition fort. Gegenteilige Meinungen fanden kaum Gehör. So meinte etwa der britische Epidemiologe Paul Hunter in der „Financial Times“ vom 24. März 2020: „Ich denke, Afrika wird nicht annähernd so schwer unter der Pandemie leiden wie Europa oder Nordamerika.“ Das niedrige Durchschnittsalter, die günstigen klimatischen Bedingungen und die geringe Bevölkerungsdichte würden die Ausbreitung des Virus bremsen, war Hunter zuversichtlich.

Kaum Stimmen aus Afrika. Die Redaktionen zeigten sich von solchen Einwänden unbeeindruckt. Kaum ein Medium ließ Stimmen aus Afrika zu Wort kommen. Eine Ausnahme war die Süddeutsche Zeitung. Dort verfasste der senegalesische Sozialwissenschaftler Felwine Sarr am 7. April 2020 eine wütende Replik auf die angekündigten Horrorszenarien.

Sarr bezeichnete diese als „alte rassistische Herablassung“, welche die Wirklichkeit verkennen würde: „Man sagt uns das Schlimmste voraus. Es ist Afrika! Unvorstellbar, dass der Kontinent glimpflich davonkäme. Man vergisst dabei, dass Afrika eine lange Erfahrung mit Infektionskrankheiten hat. Und eine größere Belastbarkeit Schocks gegenüber. Wir sprechen uns nach der Krise!“

Freilich muss attestiert werden, dass das tatsächliche Ausmaß der Corona-Pandemie in Afrika schwer einzuschätzen ist. Nach Angaben von Africa CDC (Afrikanische Zentren für Krankheitsbekämpfung und Schutzmaßnahmen, eine Institution der Afrikanischen Union) sind auf dem Kontinent mit Stand 11. März 2021 rund 107.000 Menschen an Covid-19 verstorben – das ist deutlich weniger als die Opferzahlen in Großbritannien allein. Klar ist aber auch, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt: So wird die Zahl der Corona-Toten für Südafrika von der John Hopkins Universität mit 51.110 angegeben (11. März 2021), die Übersterblichkeit ist mit 143.000 Todesfällen laut South African Medical Research Council allerdings fast dreimal so hoch.

Das Thema Corona in Afrika ist aber seit geraumer Zeit ohnehin aus den Schlagzeilen verschwunden. Den Entwicklungen fehlt es offenbar an Dynamik, um die mediale Dramatisierungsschwelle zu durchbrechen. Unweigerlich kommen einem die Worte des Schriftstellers Henning Mankell in den Sinn: „Wenn wir uns am Bild der Massenmedien orientieren, lernen wir heute alles darüber, wie Afrikaner sterben, aber nichts darüber, wie sie leben.“

Martin Sturmer ist promovierter Afrikanist und Kommunikationswissenschaftler. Mit seiner Online-Nachrichtenagentur afrika.info setzt er sich für eine differenzierte Wahrnehmung des Kontinents ein.

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