Das Gewürz der Zärtlichkeit

Nicht nur zu Weihnachten: Vanille duftet und tut der Gesundheit gut.

Von Miriam Wiegele
Tenitztli, der dritte König der Totonakendynastie, hatte mit einer seiner Frauen eine wundervolle Tochter, die Morgenstern geheißen wurde. Weil Morgenstern so betörend schön war, weihten ihre Eltern sie der Göttin der Speisen und der Webkunst. So musste die Schöne im Tempel dienen und durfte keinen Kontakt mit Männern haben. Aber ein junger Edler namens Xocoatl bekam sie zu sehen und er verliebte sich auf der Stelle in sie und begehrte sie. Auch Morgenstern erwiderte die Liebe und so entführte er sie, da die Tempeldienerinnen nicht heiraten durften.

Als die beiden durch das bewaldete Gebirge flohen, erschien plötzlich vor ihnen ein mächtiges Ungeheuer. Es konnte Feuer spucken und ließ einen Ring aus züngelnden Flammen um die Flüchtenden aus der Erde brechen. Dadurch waren sie gefangen und als die erbosten Priester kamen, köpften sie die Liebenden. Ihre Körper wurden in den Tempel geschafft und ihre Herzen der erzürnten Göttin geopfert.

An der Stelle aber, an der man sie geköpft hatte und ihr Blut in den Boden geflossen war, begann das Gras zu vertrocknen, so, als würde es vom Blut der Opfer verzehrt. Einige Monate später begann jedoch ein Busch auf diesem kahlen Flecken zu wachsen und schon nach wenigen Tagen war er zu einem prächtigen Baum mit fleischigen Blättern herangewachsen. Da schlängelte sich eine Liane aus der Erde durch das Geäst des Baumes. Die Liane umfing den Baum, als hätte sie die Arme einer liebenden Frau.

Über dieses Wunder besprachen sich die Priester. Diese Liane, deren Blüten einen bisher ungeahnt köstlichen Duft verströmten, könne nur die unschuldige Seele der geköpften Prinzessin sein. Die Pflanze wurde für heilig erklärt und Vanille genannt. Seit jener Zeit verehrten die Totonaken die Vanillepflanze und verwendeten sie als Medizin und als Gewürz für das Getränk, das aus den Samen des Baumes, den die Liane umschlungen hatte, hergestellt wurde: der xocoatl, der heißen Schokolade.

So lautet die Geschichte der Vanille. Die Maya, Tolteken und Azteken schrieben der Vanille eine herzstärkende Wirkung zu und verordneten sie bei Ermüdung und latenten Ängsten, aber auch bei sexueller Erschöpfung. Diese Empfehlung kann aus heutiger Sicht durchaus bestätigt werden.

In der Aromatherapie nutzt man den Duft der Vanille, der freundlich und heiter stimmt und ausgleichend bei Frustrationen, Ärger und Reizbarkeit wirkt. Vanille ist das Gewürz der Wärme und der Zärtlichkeit und kann denen helfen, die sich zunehmend auf das Rationale konzentriert haben.

Miriam Wiegele ist Ethno-Botanikerin und Publizistin. Sie lebt in Weiden im Burgenland.
Die Geschichte über die Vanille stammt aus dem Buch von Miriam Wiegele: Geschichten über Kräuter und Blumen, Ein Märchenbuch für Jung und Alt, das demnächst im Norka-Verlag erscheinen wird.

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