Das Tal der Schatten

2010 hat die indische Regierung ihren Sicherheitskräften in dem von ihr kontrollierten und von Pakistan beanspruchten Teil Kaschmirs eine neue, als „nicht tödlich“ deklarierte Waffe geliefert: Schrotpistolen mit hunderten Bleiprojektilen, um Aufstände (muslimischer Unabhängigkeitsbewegungen) in Schach zu halten.

Nachdem 2016 der Anführer einer Guerilla-Gruppe, Burhan Wani, bei einem Zusammenstoß getötet worden war, kam es zu monatelangen Protesten vor allem junger Menschen gegen die „indische Besatzung“. Dabei setzten die indischen Sicherheitskräfte verstärkt die Schrotpistolen ein und trafen dabei auch ZivilistInnen – viele von ihnen in den Kopf. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen von 2018 erblindeten dadurch tausende Menschen, mehrere Dutzend starben an den Folgen.

Viele Betroffene leben noch heute mit den Bleikugeln im Körper und werden ein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen haben. Der italienische Fotograf Camillo Pasquarelli hat ihre Geschichten mit Porträts und Röntgenbildern auf eindringliche Art und Weise dokumentiert. Die Fotos wurden auf der ganzen Welt ausgestellt und oftmals ausgezeichnet.

Asif Ahmad Sheik, 10: „Eine Woche nach dem Tod von Burhan Wani wurde die Ausgangssperre aufgehoben. Ich ging raus, um Süßigkeiten zu kaufen. Da fuhr in der Nähe ein Polizeiwagen vorbei und ein paar Buben fingen an, Steine nach ihm zu werfen. Die Polizisten eröffneten sofort das Feuer und trafen auch mich – mit 15 Kugeln.“ Asif hat eine Kugel in sein rechtes Auge getroffen, seine gesamte Sehkraft wurde dadurch zerstört.© Camillo Pasquarelli
Shakeela Begum, 35: „Einmal wurde ich Augenzeugin einer gewalttätigen Ausschreitung vor meinem Haus, da schrie ich einen Polizisten an. Als er mich bei einem neuerlichen Zusammenstoß wieder sah, fing er an zu schießen. Bevor ich ohnmächtig wurde, glaube ich ihn lachen gehört zu haben.“ Dutzende Projektile durchdrangen Schakeelas Brust, drei blieben in ihren Augen stecken. Sie überlebte, verlor aber 90 Prozent ihrer Sehkraft.© Camillo Pasquarelli

Fotos: Camillo Pasquarelli

www.camillopasquarelli.com

Umkämpftes Kaschmir

Die Region Kaschmir war einst ein Fürstentum, dann Teil Britisch-Indiens. Im Zuge der Teilung des indischen Subkontinents nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 war sie immer wieder umkämpft, es kam zu Kriegen zwischen Indien und Pakistan bzw. Indien und China. Heute ist Kaschmir eine der militarisiertesten Regionen der Welt.

Aktuell wurde über den von Indien verwalteten, seit jeher mehrheitlich von MuslimInnen bewohnten Teil, den indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir, der Ausnahmezustand verhängt. Der indische Premier Narendra Modi, ein Hindu-Nationalist, hat dem Bundesstaat im August den Sonderstatus entzogen, der weitgehende Autonomie und eine eigene Verfassung ermöglicht hatte. Pakistan reagierte wütend. Die Zeichen stehen, einmal mehr, auf Konflikt.    cs

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen