Die Angst glücklich zu sein

Von Andreas Novy
Es gehört scheinbar zum Wesen einer sich als besonders radikal verstehenden Linken, Angst zu haben, einmal zu den Siegern zu zählen. Solange Lula dreimal verlor war er ein Mythos für die Solidaritätsbewegung: Ein Metallarbeiter, den das Establishment von der Macht fernhält.

Hart schreibt: "Die Mitte-Rechts-Regierung Cardosos, resümiert Brasiliens größte Qualitätszeitung ?Folha de S?o Paulo? in einem Septemberkommentar, ?ist eine der Reichen für die Reichen und hat das Volk in acht Jahren verroht, brutalisiert?.

Um mit diesem Modell zu brechen, kandidierten Lula und PT. Heute wird ihnen vorgeworfen, von Weltbank und Economist gelobt zu werden und dubiose Allianzen einzugehen. Mit seinem moderaten Auftreten hat Lula 47% der Stimmen für die Präsidenschaftswahl bekommen, die PT aber aufgrund des Perönlichkeitswahlrechts nur 15% der Sitze im Abgeordnetenhaus. Wie soll Lula und die PT da ohne Allianzen regieren können? Wie kann ohne Allianzen jemand an die Macht kommen, der mit dem von Hart beschriebene katastrophalen Wirschaftsprogramm bricht?

Hart hat aber insofern recht, als sowohl die zunehmend autoritäre Parteiführung der PT als auch das äußerst vage Programm Anlass zur Sorge gibt. Hier Fehlentwicklungen zu beobachten gehört zur Aufgabe solidarischer Kritik.

Heute jedoch hofft die überwiegende Zahl der an Veränderung Interessierten in Brasilien und Lateinamerika auf einen Wahlsieg Lulas. Ganz im Sinne eines früheren Wahlslogans: Ohne Angst glücklich zu sein.

Andreas Novy
Roßauer Lände 23, 1090 Wien
andreas.novy@wu-wien.ac.at

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