Karin Kneissl: Die Gewaltspirale

Warum Orient und Okzident nicht miteinander können

Von Ralf Leonhard
Ecowin Verlag, Salzburg 2007, 301 Seiten, EUR 22,-

Vor hundert Jahren, so die These der Autorin, waren Orient und Okzident einander näher als heute. Sie belegt das mit Fakten über Verkehrsverbindungen, akademischen Austausch, gegenseitiges künstlerisches Interesse, aber vor allem die Bereitschaft, voneinander zu lernen und einander zu befruchten. Diese Neugier im positiven Sinn ist den Gesellschaften unserer Zeit abhanden gekommen. Zum Nachteil beider Kulturen. Dass sich die Kluft seit den Ereignissen vom 11. September 2001 und den nachfolgenden Kriegen noch vertieft hat, bedarf keines wissenschaftlichen Beweises.
Die bekannte Nahost-Expertin Karin Kneissl versucht, uns westlichen LeserInnen verständlich zu machen, warum die islamische Welt den Westen ablehnt. Es beginnt mit etwas Nachhilfeunterricht in Sachen Nahost und Basiswissen über den Islam in seiner sunnitischen und schiitischen Ausformung. Dass der Westen noch immer mit Ratlosigkeit darauf reagiert, wenn seine Bemühungen, autokratische Systeme zu demokratisieren, mit der Stärkung der islamistischen Radikalen enden, führt sie auf die geringe Bereitschaft, sich wirklich auf den Anderen einzulassen, zurück. Von der islamischen Revolution im Iran über die Annullierung des Wahlsieges der FIS in Algerien bis zum Triumph der Hamas im palästinensischen Autonomiegebiet hat man bei uns wenig dazugelernt. Vor allem in Israel/Palästina sei die einseitige Parteinahme für Israel mit schuld an der Verhärtung der Fronten.
Kneissl fordert mehr europäisches Engagement im Nahostkonflikt. Die Juristin und Arabistin versteht es, den arabischen Blick auf die Ursachen der Konflikte plausibel zu machen, und macht den Westen immer wieder für die Konsequenzen seiner verkürzten Sichtweise verantwortlich. So spricht sie von Konflikten, die in den islamischen Raum „hineingetragen“ wurden.
Patentlösungen hat auch die Autorin nicht parat. Für sie ist aber klar, dass sich die Konflikte vom Libanon bis Afghanistan nur verhärten können, wenn weiterhin mit Scheuklappen und militärischer Gewalt agiert wird. Wer das Buch liest, wird sich mit mehr Sachkenntnis über die europäische Politik gegenüber der islamischen Welt ärgern können.

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