„Wir töten uns gegenseitig“

Als Zeitzeuge wurde er zu einem Bestandteil der Geschichte Afghanistan: Der ehemalige Kommandant Mohammad Naseem im Gespräch mit Emran Feroz.

Der alte Herr mit dem weißen Bart ist in Kabul eine bekannte Persönlichkeit: Mohammad Naseem.© Emran Feroz

Mohammad Naseem schlendert am Großen Markt von Kabul, dem Mandai. Wie gewohnt, ist es voll, laut und stickig. Der greise Afghane trägt eine traditionelle Pakol-Mütze, während er getrocknete Früchte kostet. Der Obstverkäufer, ein Mann aus der Provinz Lugar nahe Kabul, starrt Naseem an, bis er ihn erkennt. Mohammad Naseem ist kein Unbekannter. In den 1980er Jahren machte er sich in der Hizb-i Islami des Mudschaheddin-Führers und Warlords Gulbuddin Hekmatyar einen Namen. Als Kommandant befehligte Naseem mehrere hundert Männer, mit denen er die Rote Armee bekämpfte. Doch Naseem war nicht nur ein Kämpfer, sondern auch ein Intellektueller, der sowohl zum Zeitzeugen als auch zu einem Bestandteil der Geschichte Afghanistans wurde, wie ein Gespräch mit ihm deutlich macht.

Herr Naseem, Sie kennen die Kriege in Afghanistan womöglich besser als viele andere, immerhin haben Sie auch selbst an einem teilgenommen. Wie würden Sie die nun jahrzehntelang andauernden Konflikte kurz und knapp beschreiben?

Es handelt sich um einen Kampf unter Brüdern. Wir töten uns gegenseitig, und das schon seit vierzig Jahren. Der Machtkampf verschiedener Ideologien wird auf den Schultern der afghanischen Bevölkerung ausgetragen.

Was genau meinen Sie damit?

Es gibt in Afghanistan viele ideologische Importe, die ihren Ursprung woanders haben. Dies betrifft nicht nur die saudisch-wahhabitische Auslegung des Islams, sondern etwa auch den Kommunismus und Sozialismus in den 1980er Jahren oder etwa die westliche Version der Demokratie, den Liberalismus und den Säkularismus. Nichts davon ist eine wirklich afghanische Erfindung.

Nun lassen sich Teile der afghanischen Gesellschaft in all diesen politischen Lagern und zahlreichen weiteren finden. Wie lässt sich ein solches Dilemma denn lösen?

Die afghanische Gesellschaft muss versöhnt und vereinigt werden. Erst dann kann auch Frieden einkehren und bleiben. Man braucht etwa eine nationale Figur, die von allen Menschen anerkannt wird und eine solche Vereinigung voranbringen kann.

Wer könnte das sein?

Wir befinden uns im 100. Jahr der afghanischen Unabhängigkeit. 1919 gewannen die Afghanen den Dritten Anglo-Afghanischen Krieg und wurden souverän. Natürlich klingt das in Anbetracht der aktuellen Umstände lächerlich. Unser Land ist besetzt und wird sind auf ausländische Gelder angewiesen. Doch der damalige Held war König Amanullah (1892-1960; 1926 bis 1929 König von Afghanistan, Anm. d. Red.). Er war eine nationale Figur, die ethnische Grenzen überwinden und das Land vereinigen konnte. Eine solche Figur brauchen wir heute. Ich denke, dass Präsident Aschraf Ghani solch ein Mann sein könnte.

Ghani ist mittlerweile auch nicht unumstritten. Kritiker sagen, er habe autoritäre Züge und sei psychisch labil. Warum könnte ausgerechnet er in Amanullahs Fußstapfen treten?

Natürlich ist er nicht unumstritten. Die Regierung hat Probleme, ist weiterhin korrupt. Im Vergleich zu allen anderen Männern, die sich aufstellen haben lassen, hat Ghani am wenigsten Dreck am Stecken. Er ist kein korrupter Drogenboss oder Warlord und hat – im Gegensatz zu seinem Vorgänger Hamid Karzai – auch nicht viel mit diesem Klientel zu tun. Er betreibt eine taktisch kluge Politik und hat vor allem den Staatsaufbau im Sinn.

Sie haben viel Einblick in das Thema. Können Sie ein wenig über Ihren eigenen persönlichen Werdegang erzählen?

Ich habe tatsächlich verschiedene Welten erlebt und studiert. In den 1970ern studierte ich nicht nur in Kabul und schloss mich der islamischen Bewegung an, sondern war auch in Europa unterwegs. Ich hatte ein Austauschjahr in Frankreich und bewunderte die europäische Idee des Liberalismus. Gleichzeitig gehörten zu meinen afghanischen Mentoren Männer wie Burhanuddin Rabbani oder Abdul Rab Rasul Sayyaf, die bereits in den 1970ern als intellektuelle Islamisten galten, die es sich mit der Kabuler Regierung von Mohammad Daoud Khan verscherzten.
Später putschten dann die Kommunisten und die Russen marschierten ein. Ich fand mich dann endgültig auf der andere Seite und wurde so zum Mudschahed oder, wie man im Westen gerne sagt, Gotteskrieger. Später kehrte ich dann an die Universität in Kabul zurück und unterrichtete dort.

Was war Ihr Fazit nach den Dschihad-Jahren und dem Abzug der Roten Armee?

Mir wurde vor allem klar, dass sich die afghanische Geschichte stets wiederholt, und das hat in erster Linie mit der nicht vorhandenen Einheit der afghanischen Gesellschaft zu tun. Hierfür gibt es mehrere Beispiele, etwa den Emir Dost Mohammad Khan, der während des ersten Anglo-Afghanischen Krieges in Kabul herrschte. Dost Mohammad war pro-britisch und regierte zentralistisch. Währenddessen führte sein Sohn, Mohammad Akbar, den Aufstand gegen die Briten, sprich, die damaligen Mudschaheddin. Dieses Szenario wiederholte sich immer und immer wieder. Stets gab es zentralistische Regierungen, die sich als fortschrittlich betrachteten und ländliche Aufstände, deren Krieger für Gott und Vaterland starben. Und natürlich fand man auf beiden Seiten stets ausländische Akteure, die ihre Interessenkonflikte auf Kosten der Afghanen austrugen.

Wie sieht denn die Konstellation dieser ausländischen Akteure heute aus?

Es gibt die Amerikaner, und die müssen raus. Das steht außer Frage. Die afghanische Bevölkerung, zumindest der größte Teil, mag einfach keine fremden Besatzer. Allerdings muss der Abzug und alles, was damit in Verbindung steht, systematisch stattfinden.
Der wohl problematischste ausländische Akteur ist Pakistan, das stets Aufständische aufgrund der eigenen Interessen unterstützt. Auch in den 1980ern ging es Islamabad nicht um unser Schicksal, obwohl es große Teile der Mudschaheddin unterstützte. Vieles hat mit der Durand-Linie zu tun, einem weiteren Geschenk der Briten.

Inwiefern?

Die Grenzlinie wurde 1893 gezogen. Sie trennte damals nicht nur Britisch-Indien und Afghanistan voneinander, sondern auch Millionen von Paschtunen. Heute trennt sie uns von Pakistan. Wir kennen unsere einstigen paschtunischen Brüder nicht mehr. Pakistans Eliten haben Angst vor einer Wiederfindung und einem damit verbundenen Aufstand, der die koloniale Linie endgültig abschaffen könnte.

Interview: Emran Feroz

Weiterlesen: Mehr zum Thema, etwa warum sich die Gräben zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban weiter vertiefen und weshalb vor allem die junge Generation am Land dringend Perspektiven braucht, finden Sie in der aktuellen Ausgabe 1/2 2021: www.suedwind-magazin.at/dschihad-oder-was-sonst

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