Die Mär vom „Pull-Faktor“

Die These, dass die Rettung von Geflüchteten eine Kettenreaktion auslöst, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Johannes Greß seziert einen derzeit oft eingesetzten Begriff.

NGOs wollen ohne zynische Überlegungen im Mittelmeer Menschenleben retten. Im Bild Geflüchtete in einer Einrichtung von Ärzte ohne Grenzen in Samos, Griechenland. © Enri Canaj / Magnum Photos for MSF

Erst unlängst war sie wieder da, die These vom „Pull-Faktor“. Als es Mitte September in der ZIB 2 darum ging, ob Österreich nicht zumindest 100 Kinder aus dem abgebrannten Flüchtlingscamp Moria aufnehmen könne. Außenminister Alexander Schallenberg verneinte. Eine derartige Rettungsaktion würde nur noch mehr Menschen nach Europa locken, würde eine „Kettenreaktion auslösen, derer wir nicht Herr werden“.

Das Gedankenspiel, Seenotrettung und eine liberale Migrationspolitik würden mehr Menschen dazu motivieren, die gefährliche Reise übers Mittelmeer anzutreten, ist eines, das sich an Küchen- und Stammtischen genauso wiederfindet wie in Nachrichtensendungen und Talkshows.

Die Krux: Die These von den sogenannten „Pull-Faktoren“ ist wissenschaftlich nicht haltbar – und trotzdem öffentlich vielbemüht und meist unwidersprochen. Wie kommt es dazu? „Auffällig ist, dass die ersten Anschuldigungen bezüglich eines vermeintlichen Pull-Faktors aus einem vertraulichen Bericht der EU-Grenzbehörde Frontex stammen“, schreibt der Migrationsforscher Matteo Villa.

Den 2015 angefertigten Bericht hält Frontex bis heute unter Verschluss. Villa ist einer der wenigen, der empirisches Material zum Thema sammelte. Sein Resümee: „Für die Zeit zwischen Januar 2019 und Mitte Februar 2020 lässt sich ein Pull-Faktor ausschließen“.

Emotionen statt Fakten

Die Wissenschaftler Elias Steinhilper und Rob Gruijters untersuchten den Zeitraum von November 2013 bis Dezember 2016 und kommen zum selben Ergebnis: ein „Pull-Faktor“ kann empirisch nicht belegt werden – was hingegen belegt werden kann, ist, dass das Fehlen von Rettungsschiffen im Mittelmeer die Todesrate bei Überfahrten erhöht.

Dass sich die „Pull“-These so wacker hält, liegt laut Steinhilper und Gruijters daran, dass das Thema Migrationspolitik so emotionalisierend und polarisierend ist.

Empirische Belege würden dann oftmals in einer „selektiven und irreführenden“ Art und Weise kommuniziert werden, um die jeweilige politische Agenda zu untermauern, so die Forscher.

Vom wissenschaftlichen Fachbegriff sei der „Pull-Faktor“ mittlerweile zur „Angst-Vokabel“ mutiert, schreibt der Sprachwissenschaftler Eric Wallis. Unabhängig von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes werde die Vokabel von MigrationsgegnerInnen heute benutzt, um ein restriktives Grenzregime zu legitimieren: „Wer jetzt 100 Kinder rettet, muss morgen Tausende retten. Wer jetzt 5.000 Leute rettet, muss Millionen retten. In der Logik der Ausländerangst wird alles zum Pull-Faktor.“

Migration bleibt komplex

Die These vom „Pull-Faktor“ reduziert ein komplexes Phänomen mit vielerlei Einflussfaktoren (die wirtschaftliche und politische Situation eines Landes, Krieg, Diskriminierung, Verfolgung oder die Veränderung des Klimas) auf einen einzigen Mechanismus: das Recht auf Asyl und Seenotrettung würden wie ein „Magnet“ auf MigrantInnen aus dem Globalen Süden wirken.

In einer Fernsehdebatte mag ein solches Argument durchaus „griffiger“ wirken als ein langatmiger Exkurs über die komplexen Dynamiken und Mechanismen globaler Migrationspolitik. „Wahrer“ wird es dadurch nicht.

Johannes Greß, geb. 1994, arbeitet als freier Journalist in Wien, studiert Politikwissenschaft im Master und arbeitet überwiegend zu den Themen Ökologie, Demokratie, Verkehr und Konsum.

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