Symbol für Freiheit

Dass es auch ohne Abschottung Europas ginge und ein Zusammenleben ohne Grenzen im Mittelmeerraum möglich ist, zeigt Christian Reder eindrucksvoll anhand von historischen Beispielen in seinem neuen Buch „Mediterrane Urbanität“. Eine Empfehlung.

Von Alexander Behr

Alexandria, Ägypten: Um 1900 drittwichtigster Mittelmeerhafen. Foto: Delengar / GNU Free Documentation License / Wiki Commons

Anfang September brannte das Lager Moria auf Lesbos vollständig ab. Die Lebensbedingungen für die dort festgehaltenen Migrantinnen und Migranten bezeichnete Jean Ziegler zu Recht als die „Schande Europas“. Moria ist der aktuell grauenvollste Ausdruck der Abschreckungspolitik Europas.

Christian Reder, emeritierter Professor für Kunst- und Wissenstransfer, unermüdlicher Autor und Universalgelehrter, hat ein Buch vorgelegt, das den – traurigen – gegenwärtigen Zustand des Mittelmeerraums historisch einordnet. Verschüttetes legt er darin offen und skizziert Perspektiven für ein Zusammenleben ohne Grenzen.

Denn: Während das Mittelmeer seit den 1990er Jahren zu einem Massengrab für Flüchtende und Migrantinnen und Migranten geworden ist, war der mediterrane Raum von der Ägäis bis Gibraltar über lange Perioden hinweg ein Raum der Freiheit und des friedlichen Zusammenlebens. So gab es rund um das Mittelmeer über weite Strecken der Geschichte weltoffene Phasen akzeptierter urbaner Vielfalt.

Städtetour

Mit atemberaubendem Detailreichtum betätigt sich Reder als sorgfältiger und akribischer Archäologe des emanzipatorischen Wissens des Mittelmeerraums. Die Spurensuche macht dabei in 20 Städten halt: Wir erfahren, dass Alexandria um 1900 als drittwichtigster Mittelmeerhafen nach Genua und Marseille unter den zehntausenden EinwanderInnen aufgrund der sich für sie bietenden Möglichkeiten als „neues Kalifornien“ galt.

Unaufgeregt zitiert der Autor Quellen, die belegen, dass es lange Zeit undenkbar war, Urbanität rund um das Mittelmeer „ethnisch“ oder „national“ zu denken.

Der Abschnitt zu Istanbul bzw. Konstantinopel verdeutlicht, welche Freiheitsgrade und Phasen der Toleranz dort bereits erreicht wurden.

Das Kapitel über Odessa ruft in Erinnerung, dass die Stadt einst für Fremde errichtet wurde und seit jeher für Revolutionäre unterschiedlichster Herkunft attraktiv war.

Anhand der Stadt Sewastopol weist Reder darauf hin, dass die Region Krim und das Schwarze Meer endlose Bezugsfelder für die soziale und politische Geschichte Zentraleuropas eröffnen.

Und in Saloniki war es um 1900 durchaus üblich, sechs oder sieben Sprachen zu sprechen. Die multi-konfessionelle, außerordentlich polyglotte osmanische Welt transformierte sich durch Ankommende und Wegziehende fortwährend.

Aktuelle Beispiele für einen anderen, offenen Umgang mit Migration bieten beispielsweise die Stadt Palermo und Gemeinden wie Riace in Kalabrien, auf die im Buch Bezug genommen wird.

Christian Reder: „Mediterrane Urbanität. Perioden vitaler Vielfalt als Grundlagen Europas“, € 27, 480 Seiten Mandelbaumverlag

Halbherzige Mittelmeer-Union

Neben den Städteporträts unterzieht Reder die seit dem Jahr 2008 von Barcelona aus agierende „Union für den Mittelmeerraum“ einer kritischen Analyse.

Denn der halbherzig agierenden Institution gelingt es aktuell kaum, den in Europa vorherrschenden Fantasien von Ausschluss, Abschottung und Abwehr etwas entgegenzusetzen.

Auch im Kampf gegen die Klimakatastrophe sei es ungeheuer wichtig, das „dynamische Netzwerk der mediterranen Städte“ zu aktivieren: Meeresschutz, Sonnen- und Windenergie, Ausbildungsoffensiven im Sinne eines Green New Deal oder sanfter Tourismus mit Rückbau der bestehenden und oft extrem klimaschädlichen Infrastrukturen (v.a. im Bereich des Massentourismus und der Kreuzschifffahrt) sind dringendst notwendig - und können von den Mittelmeerstädten initiiert werden.

Reder zeigt, wie der Mittelmeerraum und Europa immer wieder den absurden Tendenzen von Abschottung und Exklusion getrotzt haben. Ein unerlässliches, gerade jetzt so wichtiges Buch.
 

Weiterlesen:

Südwind-Magazin: Dossier Flucht übers Mittelmeer

Projekt Snapshots from the Borders

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