„Aussteigen funktioniert nicht“

Die Agrarexpertin Andrea Heistinger erklärt im Gespräch mit Irmgard Kirchner die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstversorgung mit Lebensmitteln.

Agrarexpertin Andrea Heistinger. Fotos: Tobias Pilz

Frau Heistiner, Sie haben gerade ein fast fünfhundertseitiges Buch zum Thema Selbstversorgung aus Biogärten geschrieben. Stellen Sie einen Boom zur Selbstversorgung fest?

Jein. Auf der einen Seite gibt es einen Boom am Buchmarkt. Das Thema Selbstversorgung interessiert viele Menschen. Auf der anderen Seite nimmt die Selbstversorgung ab. Am Land werden immer mehr potentielle Anbauflächen einfach zugeschüttet, weil Gärtnern natürlich auch Arbeit ist und Zeit braucht. In der Landwirtschaft wurden im Jahr 2017 sechs Höfe pro Tag aufgelassen. Und um die städtischen Zentren wird immer mehr fruchtbarster Gartenboden verbaut. Das sind Dimensionen, die diesen Trend zur individuellen Selbstversorgung sehr in Frage stellen. 

Sie schreiben, dass wir uns in punkto Selbstversorgung in einer historisch einmaligen Situation befinden.

Wir leben in einem Land, in dem die meisten von uns wirklich gut versorgt sind. Wir haben einen Freiraum, die Selbstversorgung tatsächlich neu zu erlernen.

Die neuen Selbstversorger können also innovativer und risikofreudiger sein als die traditionellen Bauern?

Ich denke schon. Wirkliche Innovationen in der biologischen Landwirtschaft kommen oft von Quereinsteigern oder Quereinsteigerinnen, die nicht durch die klassischen Bildungswege gegangen sind.

Fotos: Tobias Pilz

Was sind die ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen, damit jetzt jeder oder jede mit der Selbstversorgung beginnen kann?

Die neue Form von Selbstversorgung ist ein Aussteigen und gleichzeitig ein Dableiben. Jeder von uns braucht in größerem oder kleinerem Umfang eine Lohnarbeit.
Bei der Selbstversorgung stellt sich die Frage, was das Selbst ist. Auf den alten Bauernhöfen haben zum Selbst nicht nur die Kernfamilie gehört, sondern auch Menschen, die nicht blutsverwandt waren. Und es gab vielfältige Austauschbeziehungen mit anderen Höfen. Nach solchen Vorbildern können wir eine neue gemeinschaftsgetragene Selbstversorgung aufbauen.

Was sind die neuen Abhängigkeiten der neuen Selbstversorger?

Es sind Abhängigkeiten von sozialen Beziehungen. Aussteigen funktioniert aus meiner Sicht überhaupt nicht. Es kann sich ja nicht halb Wien einen Bauernhof im Waldviertel oder im Südburgenland kaufen. Wenn ich tatsächlich biologisches Gemüse oder Fleisch aus einer artgerechten Tierhaltung haben will, dann muss ich neue Netzwerke, Vertrauensverhältnisse zu anderen Menschen aufbauen. Das ist tatsächlich schwierig und auch ein Lernprozess. Wenn ich Bio-Eier im Supermarkt kaufe, dann sind dort bis zu 17 Labels auf der Packung, die den gleichen Sinn haben: sie sollen Vertrauen erwecken.

Wo beginnt Selbstversorgung?

Selbstversorgung beginnt dort, wo ich von der Beliebigkeit weggehe. Wo ich mir wirklich ernsthaft die Frage stelle: Was bedeutet eine gute Versorgung mit guten Lebensmitteln für mich und meine Familie? Es geht nicht darum, von heute auf morgen hundertprozentig auszusteigen, sondern vielleicht jedes Jahr ein paar Prozent mehr in diese Richtung zu gehen. Vielleicht habe ich meine Tee- und Gewürzkräuter von der eigenen Terrasse, habe einen Bauern, der mich mit Obst versorgt. Die Lagerstrukturen für kollektive Selbstversorgungsstrukturen müssen erst aufgebaut werden. Da muss man sich auch neue Finanzierungsformen überlegen.

Welche politischen Rahmenbedingungen müssten zur Förderung der Selbstversorgung gesetzt werden?

Der erste Aspekt ist die Flächenwidmung. Ich kenne kein Beispiel, wo bei einer Umwidmung in Bauland ein Teil der Fläche als Dauergartenland neu gewidmet wird. Das wäre eigentlich sehr einfach.

Wieviel Fläche braucht es denn, um einen Menschen zu versorgen?

Ein Quadratmeter guter Gartenboden - und die meisten Flächen, die verbaut werden, sind gute Böden, bringt im langjährigen Durchschnitt drei Kilo Gemüse oder zwei Kilo Erdäpfel oder ca. eineinhalb Kilo Obst pro Jahr.
Die Ernährungswissenschaft empfiehlt, nicht öfter als eineinhalb Mal pro Woche Fleisch zu essen. Wenn wir dem folgen, sind wir beim Gemüse bei 60 Quadratmeter pro Person und Jahr.

Zurück zu den politischen Rahmenbedingungen…

Die intensive oder kommerzielle Form der Landwirtschaft verursacht sehr hohe externe Kosten -  Stichworte Klimawandel, Verwüstung der Agrarböden, Verlust and Bodenfruchtbarkeit. Da hat die Politik tatsächlich Möglichkeiten, über Förderungen lenkend einzugreifen.

Was sind Voraussetzungen für eine erfolgreiche Selbstversorgung? 

Zugang zu Land, ob individuell oder gemeinschaftsgetragen, Zugang zu Wasser, Zugang zu Wissen. Und dann: dranbleiben und sich nicht entmutigen lassen!

Andrea Heistinger / Arche Noah

Basiswissen Selbstversorgung aus Biogärten. Individuelle und gemeinschaftliche Wege und Möglichkeiten.

Löwenzahnverlag, Innsbruck 2018, 472 Seiten, Euro 39,90.

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