„Ereignisse von historischer Bedeutung“

Erhard Stackl, Journalist und Herausgebervertreter des Südwind-Magazins, feiert im November seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlass zeigt die Galerie Lumina in Wien Fotografien, eine eher unbekannte Seite im Schaffen des renommierten außenpolitischen Berichterstatters.

Erhard Stackl auf Feuerland. Foto: Brigitte Fuchs

Welche historischen Ereignisse haben Sie fotografiert? 

Ich habe ab Ende der 1970er Jahre drei Jahrzehnte lang aus dutzenden Ländern berichtet. Historische Ereignisse waren zum Beispiel die Streiks und die Gründung der Gewerkschaft Solidarnoc in Polen oder das Referendum gegen Augusto Pinochet in Chile. Es war eine Phase der Aufbruchstimmung im Ostblock und in einigen Staaten Lateinamerikas, wo Diktaturen herrschten. In El Salvador und Nicaragua gab es nach langen Phasen wieder freie Wahlen. Beim Krieg zwischen Iran und Irak war ich auf beiden Seiten. Beim Golfkrieg der USA gegen den Irak war ich dabei, als der damalige österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim 1990 nach Bagdad geflogen ist, um Geiseln zu retten. Ich blieb dann dort.

Sind diese Fotos damals mit Ihren Texten veröffentlicht worden?

Nur zum Teil. Ich habe zwar ständig fotografiert, aber meine Hauptaufgabe war es, mit Leuten zu reden, Interviews zu machen, zu analysieren, und das alles möglichst zeitgerecht in die Redaktion zu bekommen. Ich habe meine Fotos oft erst nach der Rückkehr in der Redaktion verwendet, zum Beispiel, wenn es am Jahresende noch einmal ein Resümee gab. Über die Geiseln im Irak habe ich als einer der wenigen westlichen Journalisten für alle möglichen internationalen Medien berichtet. Die Fotos von deutschen Geiseln zum Beispiel sind dann im Stern erschienen.

Mit welcher Absicht haben Sie damals fotografiert?

Mir war damals klar, dass ich als Reporter die Chance gehabt habe, Ereignisse von historischer Bedeutung mitzuerleben. Ich habe die Kamera immer dabei gehabt und ganz einfach geschaut, dass das Bild scharf ist, ohne künstlerischen Anspruch. Ganz einfach als Dokument.
Ich habe stets versucht, auf der Straße, bei Demonstrationen oder Besetzungen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Mit einer umgehängten Spiegelreflexkamera ist es viel einfacher, wildfremde Leute anzureden. Man tritt sozusagen offiziell als Presse gegenüber. Diese Fotos habe ich dann zum Schutz dieser Menschen kaum verwendet.

Früher war die Arbeitsteilung zwischen Bild und Text strikter als heute.

Ich bin prinzipiell für diese Arbeitsteilung. Ich war immer sehr froh, wenn bei meinen internationalen Recherchereisen ein Fotograf dabei war. Aber das ist aus finanziellen Gründen für kleinere Verlage nur selten möglich. In manchen Situationen war es schon gut, selbst zu fotografieren. Zum Beispiel, als ich 1982 Argentinien halb im Untergrund ein Interview mit dem Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel gemacht habe.

Wo ziehen Sie die Grenze beim Fotografieren?

Fotos können Emotionen wecken und Stimmungen widergeben. Mit Emotionen zu arbeiten ist allerdings auch gefährlich. Man kann mit Bildern auch manipulieren. Wenn man ständig mit Fotos von Gewalttaten und Grausamkeiten konfrontiert ist, stumpft man als Betrachter ab. Es ist auch gegen die Menschenwürde, solche Dinge zu zeigen. Ich habe zum Beispiel im Südirak in Spitälern Opfer mit verbrannten Körpern gesehen oder Folteropfer. Ich habe sie nicht fotografiert. Das kann wichtig sein für Gerichte, für die wissenschaftliche Aufarbeitung, aber nicht in der Zeitung zum Frühstück. Ich habe auch immer versucht, die Leute um ihr Einverständnis zu bitten. Ich war nie auf Sensationsbilder aus.

Wie bewerten Sie Ihr fotografisches Werk im Rückblick?

Zum Zeitpunkt, als ich es gemacht habe, war das Fotografieren sozusagen Beiwerk. Wenn ich mir die Fotos jetzt nach der langen Zeit anschaue, dann gibt es auch Entdeckungen, die ich schon längst vergessen habe, zum Beispiel der Staatsbesuch von Johanna Dohnal, damals noch Staatssekretärin, in Nicaragua, bei dem ich dabei war. Sie war das einzige österreichische Regierungsmitglied, das jemals das revolutionäre Nicaragua besucht hat. Viele Bilder sind im Laufe der Jahre verloren gegangen. Was mir gelungen ist, sozusagen als Archäologe in eigener Sache, auszugraben, scheint mir aber durchaus herzeigbar zu sein.

Interview: Irmgard Kirchner

  • Kommentar von Erna Nachtnebel,

    Ich freue mich über diese Würdigung Deiner Tätigkeit. Über Jahrzehnte bist Du aus meiner Wahrnehmung Deiner Linie des teilnehmenden Beobachters treu geblieben.

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