Sahara – Leben im Transit

NomadInnen, Sesshafte, GrenzgängerInnen: Die Sahara und ihre BewohnerInnen wecken zunehmend das Interesse moderner Forschung, wie eine internationale Konferenz in Wien zeigt.

Von Anja Fischer und Ines Kohl
In der rechten Hand hält er eine kleine Umhängtasche, in der Linken einen Fünf-Liter-Wasserkanister. Die traditionelle Kopfbedeckung, ein blauer Schesch, ist lose um seinen Hals geschwungen, seine Kleidung von der langen Reise verstaubt. Elegant springt er von der Ladefläche eines rostigen Toyota-Pickups, schultert sein Gepäck, grüßt noch einmal in die Runde und geht. Er, das ist Akoni: 30 Jahre alt, in Nordniger in einem Nomadenlager auf die Welt gekommen, mit Ziegen und Dromedaren groß geworden und infolge der Dürreperioden im Sahel in den 1980er Jahren in die Uranabbaustadt Arlit gezogen. Nach Jahren erfolglosen Bemühens, mehr als nur ein paar Cent am Tag zu verdienen, beschließt er nach Libyen zu gehen, ins „Europa der Armen“. Seitdem quert er jedes Jahr mehrmals die Grenzen zwischen Algerien, Libyen und Niger. Er bewegt sich in einem von Tuareg geschaffenen transregionalen Handlungsraum, in dem die Grenzen zwischen Handel, Schmuggel und Migration verschwimmen und die Akteure sich über staatliche Loyalitäten hinwegsetzen.

Doda faltet gekonnt die Plane ihres Zeltes zusammen, während ihr Mann die Dromedare für den Umzug holt. Das gesamte Nomadenlager bricht die Zelte ab und macht sich wieder auf den Weg durch die zentrale Sahara zu einem neuen Lagerplatz. Auf ihrem braunen Dromedar sitzend, zieht die junge Frau hinter sich ein Dromedar her, das ihre Tochter, ihre Kochutensilien und ein neugeborenes Zicklein trägt. Doda ist eine Kel Ahaggar-Nomadin im südlichen Algerien. Sie trägt eine Armbanduhr aus Japan, trinkt grünen Tee aus China und besitzt Plastiksandalen, die aus Italien kommen. Sie kennt das Leben in der Sahara sehr genau. Dass ihr Territorium in einem Staat namens Algerien liegt, ist für sie ohne Bedeutung.
Der Lebensraum der Tuareg, die sich selbst u.a. Imuhar oder Imasheren nennen, liegt in der zentralen Sahara an einer Schnittstelle zwischen afrikanischem und arabischem Einflussbereich, eingebettet zwischen Maghreb und Sahel. Die Sahara ist seit jeher ein Raum der Bewegung, der Durchquerung und des Austauschs von Menschen, Waren und Ideen. Infolge kolonialer Grenzziehungen, postkolonialer Nationalstaatenbildungen, wiederkehrender Dürren und der politischen und ökonomischen Marginalisierung haben ihre BewohnerInnen neue Lebensweisen entwickelt. Während die einen, wie Doda, erfolgreich Viehzucht betreiben, queren andere, wie Akoni, die Grenzen und schaffen mit ihren Überlebensstrategien die Grundlage für einen Transitraum, der zunehmend in den Mittelpunkt des geopolitischen Machtspiels zwischen Afrika und Europa rückt. Afrikanische MigrantInnen nutzen die von Imasheren aufgebauten transregionalen Strukturen im Grenzland zwischen Algerien, Libyen, Mali und Niger, um nach Europa zu gelangen.

Gleichzeitig rückt die Sahara auch immer mehr in den Mittelpunkt moderner Forschung. Wien hat die Chance, sich als neues Zentrum in der Sahara-Forschung zu etablieren. Auftakt war jüngst eine internationale AnthropologInnen-Konferenz an der Akademie der Wissenschaften. Unter dem Titel „‚Tuareg‘ Moving Global“ beschäftigten sich führende WissenschafterInnen wie Jeremy Keenan, André Bourgeot, Gerd Spittler oder Georg Klute mit den Transformationsprozessen in der Sahara. Mit welchen abschottenden, beeinflussenden oder assimilierenden Herausforderungen sind NomadInnen, Sesshafte und GrenzgängerInnen des Sahararaums konfrontiert und welche Strategien nutzen sie? Wie definiert sich das soziokulturelle Leben im Übergang? Was bedeutet Globalisierung für eine Gesellschaft, die über mehrere Länder im Transitraum zwischen Maghreb und Sahel verstreut ist? Die Konferenz ist der Beginn eines strukturellen und thematischen Aufbaus einer multidimensionalen Anthropologie der Sahara. Der seit Jahrzehnten bestehende und wissenschaftlich ausgezeichnete Nahostschwerpunkt in Österreich wird damit um einen Nordafrika-Sahara-Fokus erweitert. Veraltete Forschungsfelder mit kolonialer Belastung, wie die soziale Stratifizierung nach „Noblen“ und „Vasallen“ oder Matriarchatstheorien sollen dabei überwunden, rezente globale Transformationsprozesse betont werden.
Denn auch ländliche NomadInnen sind in Globalisierungsprozesse eingebunden. Wie Doda verwenden sie Waren aus der internationalen Marktwirtschaft. So sind digitale Armbanduhren aus Japan derzeit begehrte Objekte bei ländlichen Nomadinnen, obwohl die Bemessung der Zeit nach Minuten keine Relevanz im Alltag besitzt und die Uhren zudem meist nicht funktionieren. Doch verleihen sie ihrer Trägerin Prestige. Sahara-NomadInnen sind nicht „Opfer“ der Globalisierung. Vielmehr nutzen sie Produkte aus globalen Netzwerken, jedoch stark selektiv und mit neuer lokalkultureller Bedeutung versehen.

Eine neue Bedeutung erlangt auch die traditionelle Kopfbedeckung. „Der Chèch ist der Reisepass der Imasheren“ meint Akoni lachend und fährt fort: „Wir besitzen die Freiheit zu gehen, wohin wir wollen. Wir kennen keine Grenzen. Aber andererseits besitzen wir keine Papiere. Keinen Reisepass, keine Geburtsurkunde, nichts. Wir sind Gefangene der Sahara.“ Während sich afrikanische MigrantInnen auf den von Imasheren aufgebauten Handlungsraum stützen, um nach Europa zu gelangen, queren sie selbst lediglich die innersaharischen Grenzen. Diese transregionale Arena deckt sich mit ihrem ehemaligen nomadischen Aktionsradius, wenn er auch infolge der postkolonialen Staatenbildung zerschnitten und eingeschränkt wurde.
Am Beispiel Akonis, der als Grenzgänger eine neue Generation von entwurzelten NomadInnen verkörpert, und anhand von Dodas modernen Adaptionen in ihrer traditioneller Lebensweise zeigt sich, dass Imasheren vielfältige Strategien entwickelt haben, um in der Sahara aktiv zu handeln: Das globalisierte Leben im Transit.


AutorenInfo:
Ines Kohl von der Forschungsstelle Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht seit 1997 in Libyen und Niger zu Fragen der Migration, Transnationalität und Identität von Tuareg zwischen Algerien, Libyen und Niger. Anja Fischer vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien forscht seit 2002 bei Kel Ahaggar-NomadInnen in Algerien zu Ökonomie und Adaption. Sie haben die Konferenz
‚Tuareg‘ Moving Global vom 31.5.2007 bis 2.6.2007 an der ÖAW veranstaltet.

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