Die unbekannte Öldiktatur am Äquator

Äquatorialguinea ist der drittgrößte Erdölproduzent Afrikas südlich der Sahara und das einzige afrikanische Land mit Spanisch als Amtssprache. 2008 begeht es offiziell 40 Jahre Unabhängigkeit – Jahre, die der Bevölkerung zwei Diktaturen und nicht viel Grund zu feiern gebracht haben.

Von Mischa G. Hendel
Madrid, Paris, Frankfurt. Die Flugzeuge von Europa nach Äquatorialguinea befördern Arbeiter der Erdölindustrie aus aller Welt. Sie sehen nicht viel vom Leben im Land, sondern werden direkt vom Flughafen der Hauptstadt Malabo für einige Wochen auf die Ölplattformen vor der Küste verfrachtet. Mittlerweile ist Äquatorialguinea der drittgrößte Erdölproduzent Afrikas südlich der Sahara. Viel mehr weiß die Welt nicht über das Land. Auch in Spanien haben die Menschen beinahe keine Kenntnisse von der ehemaligen Kolonie am Golf von Guinea, trotz der sprachlichen Gemeinsamkeiten und der historischen Beziehungen aus der Kolonialzeit.
Der wachsende Ölreichtum hinterlässt Spuren. In Stadt und Land gibt es viele Baustellen, die aber der Bevölkerung selbst wenig Fortschritt bringen. Anstatt verbesserten Zugang zu Strom und Wasser zu sichern, werden Regierungsgebäude, Uferpromenaden und Prunkstraßen gebaut. In der Hauptstadt Malabo gibt es keine öffentlichen Transportmittel, abgesehen von Sammeltaxis und einigen Minibussen für die Langstrecken auf der Hauptinsel Bioko oder am kontinentalen Teil des Landes. Der Präsident Teodoro Obiang Nguema benutzt die Hauptstadt gern als seine persönliche Bühne, die EinwohnerInnen als seine Marionetten. So lässt die Polizei stets die Avenida de Independencia von Fahrzeugen und deren EigentümerInnen räumen, wenn der Konvoi des Präsidenten die Straße zum Flughafen nimmt. Zudem werden ständig Kontrollen an Straßensperren, vorgeblich für die Sicherheit, durchgeführt. Die Leute sind sichtlich genervt von derartigen Maßnahmen, doch lehnt sich kaum jemand auf.
2008 hätte für die Bevölkerung Äquatorialguineas ein bedeutendes Jahr der Veränderungen sein können. Im Jubiläumsjahr der 40-jährigen Unabhängigkeit von Spanien fanden Parlaments- und Gemeindewahlen statt. Die PDGE (Partido Democrático de Guinea Ecuatorial), Partei des Präsidenten, geht jedoch seit Jahrzehnten mit bis zu unglaubwürdigen 99 Prozent der Stimmen als Wahlsieger hervor. So auch 2008, und im Land bleibt alles beim Alten. Die Regierung ist korrupt, immer wieder werden Wahlen manipuliert, Menschenrechte verletzt. Es gibt eine einzige Oppositionspartei, die im Parlament zugelassen ist und die auch kritisch auftritt. Diese Partei wird strengstens überwacht. Formell ist die Regierung Äquatorialguineas eine Koalition und besteht aus mehreren Parteien. "Doch im Wesentlichen sind dies reine Regierungslager, und von 100 Parlamentssitzen gehört ein einziger einer wirklichen Opposition", schildert Menschenrechtsexperte und UN-Sonderberichterstatter Manfred Nowak die politische Realität (siehe Interview S. 23). Zusätzlich gibt es eine Reihe von verbotenen Parteien mit sehr geringem Spielraum sowie einige Parteien im Exil.

Kreativität und Kultur leiden deutlich unter der Repression der Regierung. Modernes kulturelles Leben existiert außerhalb der Mauern des spanischen sowie französischen Kulturzentrums nicht. "Es ist nicht nur das Schweigen unter Diktator Macías, es ist auch das Schweigen unter Obiang", bringt es Francisco Zamora, Schriftsteller und Sportreporter mit Wohnsitz in Spanien, auf den Punkt. "Äquatorialguinea ist das einzige Land der Welt ohne Tageszeitung, ohne staatliche Bücherei, ohne Museum, ohne Theater oder Kino." In das Centro Cultural Español, das in den Städten Malabo und Bata als geschützter Raum fungiert, kommen täglich hunderte Jugendliche, um die Zeit zu verbringen oder um zu studieren. Die Bibliothek ist jeden Abend bis auf den letzten Platz gefüllt, die Menschen können sich hier entfalten und sagen, was sie denken. Viele kommen, um die Veranstaltungen zu besuchen. Die meisten kommen jedoch wegen des Lichts, das sie im eigenen Haus nicht haben. Diejenigen, die lesen können und wollen, nutzen alle nur erdenklichen Lichtquellen - von Laternen in den Straßen bis zur Dekorationsbeleuchtung öffentlicher Plätze. Trotz der Einnahmen aus der Erdölförderung werden viele Menschen in Stadt und Land Äquatorialguineas nicht oder nur sporadisch mit Strom versorgt und haben keinen Zugang zu Wasser.
"Die Menschen in diesem Land lesen fast gar nicht, sie haben keine Bücher oder Enzyklopädien in ihren Regalen. Warum? Weil sie das Geld dafür brauchen, Essen zu kaufen", erzählt Justo Bolekia, Exilautor und Professor für Sprachwissenschaft an der Universität von Salamanca. Die meisten EinwohnerInnen profitieren kaum vom Ölboom. Der Großteil betreibt Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Das Geld für das tägliche Überleben wird durch den Verkauf von Früchten oder Gemüse verdient. Manche leben auch von der Fischerei, von der Arbeit in den Kakao- und Kaffeeplantagen oder in der Holzindustrie. Die meisten Produkte werden aus den Nachbarländern sowie von anderen Ländern Afrikas bzw. Europas importiert.
Steckbrief Äquatorialguinea
Äquatorialguinea teilt sich in das Festlandgebiet Río Muni und die der Küste Kameruns vorgelagerte Hauptinsel Bioko mit der Hauptstadt Malabo. Mit weiteren kleineren Inseln hat das Land etwa ein Drittel der Fläche Österreichs und rund eine halbe Million EinwohnerInnen. Offizielle Sprachen sind Spanisch und, seit dem Eintritt in die französische Währungszone (CFA), Französisch. Neben Pidgin-Englisch werden die Sprachen der verschiedenen Ethnien gesprochen: Fang, Bubi, Ndowe u.a.
Nach der spanischen Kolonialzeit folgten ab der Unabhängigkeit 1968 elf Jahre Terrorherrschaft unter Diktator Francisco Macías Nguema. Spanien und der Rest der Welt schwiegen zu den Ereignissen dieser schrecklichen Epoche. Der heutige Präsident Teodoro Obiang Nguema stürzte seinen Onkel Macías und stellte liberale Reformen in Aussicht. Doch erwies auch er sich rasch als Diktator. Seit beinahe 30 Jahren hält sich sein Regime an der Macht, dies jedoch unter dem Deckmantel einer Demokratie. Der Schweizer Äquatorialguinea-Experte Max Liniger-Goumaz prägte dafür den Begriff "Demokratur".
M.H.

Vom spanischen Exil aus beobachtet Justo Bolekia das Land, in dem er geboren wurde und aufwuchs. Wie viele seiner SchriftstellerkollegInnen darf er nicht mehr dort einreisen. In der schlimmsten Phase, der Macías-Diktatur 1968 bis 1979, floh mehr als ein Drittel der Bevölkerung vor der Tyrannei des damaligen Diktators. Sie flüchteten vor allem in die Nachbarländer Kamerun und Gabun sowie in weiterer Folge nach Spanien. Das Exil ist seitdem für viele GuineerInnen zu einer täglichen Realität geworden. "Ich denke, dass wir ein Labor sind, um festzustellen, bis zu welchem Grad Menschen zwei Diktaturen ertragen können", beschreibt Francisco Zamora Äquatorialguinea auf seine ironische Art und Weise. "Diese beiden Diktaturen werden von Spanien, Frankreich und den USA auch unterstützt oder zumindest totgeschwiegen."
Bolekia, Zamora und andere Exilierte kämpfen von Spanien aus gegen die Missstände in ihrem Land. Ein schwieriges Unterfangen, das keine Unterstützung erfährt, weder durch die spanische Regierung noch durch die westliche Presse. "Ich fühle mich manchmal wie ein Mensch auf dem offenen Ozean", meint Bolekia. "Er weiß, dass er sterben wird, aber er muss weiter schwimmen, weiter kämpfen." Justo Bolekia kämpft auf seine Weise gegen das Regime. "Ich schreibe Bücher, und möchte, dass zumindest die Bücher dorthin gelangen, wo ich physisch nicht mehr hinkommen kann. Die Leute, die sie lesen, sollen sagen: ‚Es kann etwas getan werden, dieser Bolekia hat etwas versucht.'"

Mischa G. Hendel studierte Afrikanistik an der Universität Wien. Derzeit arbeitet er an einer Filmdokumentation (VÖ 2009) über die Literatur Äquatorialguineas.

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