„Man schuldet niemandem eine Erklärung“

Vivian Arviso und Sam Deloria setzen sich auf unterschiedliche Weise für ihre indianische Kultur und Identität ein. Mit ihnen sprach Südwind-Redakteurin Irmgard Kirchner.

Sam Deloria und Vivian Arviso zu Besuch in Wien.

Südwind Magazin: Wie ist Ihre persönliche Erfahrung mit Anthropologen?
Vivian Arviso:
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, so waren Anthropologen in der Gemeinschaft immer irgendwie präsent. Es gibt ja diesen Navaho-Scherz, dass jede Familie ihren eigenen Anthropologen hat. Als Sam und ich uns entschieden haben zu heiraten, bat ich um eine traditionelle Hochzeit in der Navaho-Tradition. Es ist eine kurze Zeremonie. In der Mitte brennt ein symbolisches Feuer, um das man sich im Uhrzeigersinn bewegt. Es entstand eine heftige Diskussion darüber, wie man sich dabei drehen soll. Wir fragten zehn Leute und bekamen zehn verschiedene Antworten. Eine viel jüngere Verwandte von mir sagte: „So gehört es!“ Und sie beschrieb die Bewegung ganz genau. Sie hatte es im Discovery Channel im Fernsehen gesehen.

Sam Deloria: Ich war in den 1970er Jahren an der Gründung des World Council of Indigenous Peoples beteiligt. Während des vierten Treffens in Panama ging die Türe auf und vier weiße Anthropologen kamen herein. Jedem von ihnen folgten zwei Indianer, die ihre Taschen trugen – wie im Film. Sie wollten angehört werden: „Leute, ihr müsst wissen, dass es im kommenden Herbst in Genf ein Treffen geben wird, um eine Weltorganisation der indigenen Völker zu gründen.“ Und dies sei das erste Treffen in der Geschichte, das von indigenen Völkern organisiert werde. Dabei hatten sie gerade das vierte Treffen in der Geschichte, organisiert von indigenen Völkern, unterbrochen. In diesem Moment wurde mir klar, dass wir den Kampf verloren hatten. Und das war genau das, was passierte. Sie hatten ihr Treffen in Genf im nächsten Jahr und es waren Indianer dabei und die hielten alle die Reden, die die Leute von Indianern gerne hören: Wir sind Teil der Natur und das ganze Zeugs. Jetzt sind fast 40 Jahre vergangen und sie sind immer noch nicht näher dran, die harten Themen anzugehen, als sie es vor 40 Jahren waren, als ich diese Szene verlassen habe.

Was macht es für Sie persönlich aus, Indianer zu sein?
Sam Deloria:
Für mich ist es eine Frage der Familie. Es ist mehr eine Frage der Identität als der Kultur. Ich habe keine Religion und keine Meinung zu vielen der metaphysischen Fragen, die auch die indianische Kultur beschäftigen. In diesem Sinne bin ich völlig kulturlos. Meine Identität ist indianisch. Ich identifiziere mich weitgehend mit meinem Stamm, den Standing Rock Sioux, aber auch mit Indianern – Native Peoples – als Gruppe innerhalb der USA. Und mit Native Peoples auf der Welt.
Vivian Arviso: Ich sehe mich selbst als Navaho. Und das ist meine wichtigste Identität. Ich habe auch in einer anderen traditionellen Gemeinschaft gelebt, in einer Lakota-Sioux-Gemeinschaft namens Oglala, habe meine Kinder dort aufgezogen. Es gibt viele Ähnlichkeiten, doch ich komme wieder darauf zurück, Navaho zu sein.

Hat Kultur bei indigenen Völkern einen höheren Stellenwert als bei der Mehrheitsgesellschaft?
Vivian Arviso:
Für manche Leute bedeutet es mehr, Mitglieder einer Gemeinschaft oder eines Stammes zu sein. Andererseits haben wir eine erstaunliche Anzahl von jungen Leuten, die ihren Clan und ihre Familienbeziehungen nicht kennen, die keinen Gemeinschaftssinn haben. Sie sind ohne dieses Wissen aufgewachsen und sie haben die Lücke mit andern Dingen gefüllt – aus der US-amerikanischen Gesellschaft.
Sam Deloria: Auf Grund der Geschichte haben Indianer einen großen Eindruck auf viele Menschen gemacht. Wenn man einen Navaho sieht, sieht man im Hintergrund einen Hogan, ein traditionelles Haus. Diese Fixierung auf unserer Kultur hat uns dazu gebracht, dass wir selbst fixiert sind. Man macht uns ständig bewusst, dass das Weiterbestehen unserer Kultur von uns Individuen abhängt. Oft haben allerdings gerade diejenigen indianischen Menschen, die am meisten über Kultur sprechen, kein gutes Verhältnis zu ihrer Kultur. Aber sie wissen, dass sie damit die Aufmerksamkeit von Nicht-Indianern erregen können. Nicht-Indianer wollen mich nicht über Politik reden hören.

Damit wir der Außenwelt gefallen, müssen wir eine Hingabe an Kultur zeigen, die weit über die jeder anderen Gruppe hinausgeht. Man schuldet niemandem eine Erklärung, wenn man sich entscheidet, etwas aufzugeben. Auch wenn es jemand anderer als Teil der Kultur schätzt. Der Großteil der anthropologischen Forschung unter den Navahos wurde zwischen 1880 und 1940 gemacht. Wenn wir das Leben der weißen Amerikaner zwischen 1880 und 1940 mit dem Leben heute vergleichen, könnten wir auch sagen: „Ihr habt Eure Kultur verloren. Ihr fährt nicht mehr mit der Kutsche und ihr habt keine Gaslaternen mehr.“

Ist die UNDRIP, die UN-Erklärung der Rechte der Indigenen Völker, hilfreich?
Sam Deloria:
Mein Eindruck ist, dass das hauptsächlich eine Diskussion von Juristen, Anthropologen und UN-Bürokraten ist. Sie gehen dann hinaus und finden indigene Völker, die in die Kategorien passen, die ihnen nützlich sind. Weltweit werden Indigene von ihrem Land in die Städte vertrieben. Dort verlieren sie ihre Kultur und leben von Müll. Sie geben einen Dreck auf Kultur, es geht darum, ihre Kinder zu ernähren. Trotzdem ist es besser, die Deklaration zu haben, als sie nicht zu haben.

Vivian Arviso leitet ein Lehrplan-Projekt für Navaho-Jugendliche (Ways of Life: Iina), Sam Deloria ist Direktor eines Stipendienprogrammes für indianische StudentInnen (American Indian Graduate Center). In den 1970er Jahren war Deloria einer der Aktivisten, die die weltweite Organisierung indigener Völker initiierten.

Beide weilten kürzlich in Wien, als Vortragende bei der Internationalen Tagung „Wa(h)re Kultur?“ Diese größte Fachtagung der Kultur- und Sozialanthropologie im deutschen Sprachraum widmete sich dem Thema „Kulturelles Erbe, Revitalisierung und die Renaissance der Idee von Kultur“.

www.tagung2011.dgv-net.de

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