Die große Ausrede

In seinem jüngsten Film „Population Boom“ beschäftigt sich der österreichische Filmemacher Werner Boote nach „Plastic Planet“ (2009) erneut mit einem global brisanten Thema. Irmgard Kirchner und Richard Solder haben mit ihm über den Mythos der Überbevölkerung gesprochen.

Werner Boote - mit Zeitung und vielen Menschen in Dhaka, Bangladesch.

Geplant hatte Werner Boote einen Film darüber, wie man der globalen Überbevölkerung Herr werden kann. Herausgekommen ist eine Dokumentation, die Überbevölkerung als Märchen entlarvt, als Ausrede dafür, die wirklich brisanten Themen der Welt nicht anzugehen: wie etwa Hunger, Armut, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit, Finanzmärkte …

Im Zuge der aufwändigen Recherchen für den Film hat sich dessen Kernaussage um 180 Grad gedreht. Möglich gemacht haben das öffentliche Förderungen, meint Boote: „Hätte ich den Film in der Privatwirtschaft gemacht, wäre ich zu jemandem gegangen, der daran interessiert ist, dass die Weltbevölkerung reduziert wird. Dem kann ich nach einem Dreivierteljahr nicht erzählen, dass ich darauf gekommen bin, dass das ein Blödsinn ist.“

Boote und sein Team reisen im Film von den USA über Mexiko, Kenia, Japan, Indien und China nach Bangladesch. Er spricht mit vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung. Ein mexikanischer Anwalt erzählt von den Bemühungen der USA, in den 1970er Jahren mit der Weltbevölkerung auch den Kommunismus einzudämmen. Eine junge Kenianerin, die gerade ihr zweites Kind auf die Welt bringt, relativiert ihre momentanen vorübergehenden Schmerzen angesichts der lebenslangen Freude über den zusätzlichen Menschen. Ein Beamter des Familienministeriums in China erklärt, um wieviel sinnvoller es sei, das Geld, das ein zweites Kind kosten würde, in ein eigenes Unternehmen zu stecken. Farida Akhter, Menschenrechtsaktivistin aus Bangladesch, fordert Familienplanung für Autos.

Ob Großmutter aus einem Slum im Mumbai, UN-Spitzenbeamter, Umweltaktivist oder Top-Wissenschaftlerin: Die Frage, wie viele Menschen die Erde verträgt, kann niemand beantworten. Und sie ist auch nicht entscheidend. Boote ist optimistisch wie sein Film: „Wenn wir es gemeinsam wollen, können wir auch 9,5 Milliarden locker ernähren.“

Manche Menschen hätten allerdings ein Interesse am Mythos der Überbevölkerung.

Boote: „In der Antwort auf die Frage, wer von uns zuviel ist, findet man schnell heraus, worum es geht: um die Angst vor dem Fremden, die Angst vor wirtschaftlichem Verlust, die Angst, teilen zu müssen.“ Es sei interessant, welchen anderen Blick auf die Themen man bekomme, wenn man den Begriff Überbevölkerung ad acta legt.

Werner Boote ist ein körperlich großer Mann, der aus den Menschenmengen, in die er sich im Film begibt, herausragt. In einer der ersten Einstellungen steht er allerdings umfahren von gelben Taxis mitten auf einer Straße in New York – mit Zeitung und aufgespanntem  Regenschirm. Schließlich ist Regen zumindest vorhergesagt. Meistens hat Boote seinen blauen Schirm mit dem Logo der Weltbank bei sich und meistens trägt er Anzug, auch verknittert, er ist ja unterwegs. Immer wieder ist Boote im Film zu sehen, wie er sich die lokale Zeitung kauft. Boote: „Medien haben die Kampagne von der Überbevölkerung weitergetragen. In Gestalt eines Printmediums ist das am leichtesten optisch darzustellen.“

Der Film nutzt die Kraft gängiger Symbole. Der siebenmilliardste Mensch wird von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon just an Halloween 2011 verkündet.

Ein anderes Symbol wird verändert: „Es war mir irrsinnig wichtig, das Bild von einem überfüllten Zug mit einer Menschentraube auf dem Dach im Film zu haben. Das wird immer als Symbol für Überbevölkerung genommen.“

Boote zeigt im Film ein religiöses Fest mit fünf Millionen Menschen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Am Ende fahren alle mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause. Mit einem Kameramann klettert Boote selbst auf einen solchen Zug und macht sich auf die abenteuerliche Reise. „Anfangs habe ich schon Schiss gehabt. Doch dann war rasch klar: Einer hält den anderen und wenn wir so eine homogene Menschentraube sind, kann uns nichts passieren. Dass sich dieses Bild dann im Film als Symbol für den Zusammenhalt der Menschen herausstellt, war eine Überraschung und sehr schön.“

Der Filmemacher ist als Fragender in der Art des US-amerikanischen Filmemachers Michael Moore im Film sehr präsent. Freundlich, neugierig und unaufgeregt. Allerdings stolpert er auch, verspricht sich, tanzt oder bringt durch Ungeschicklichkeit ein Boot fast zum Kentern. Boote: „Meine Sichtweise spielt in dem Film eine entscheidende Rolle. Es gibt eine Reihe Hoppalas, die wir nicht rausgeschnitten haben.“ Dies trägt zur Leichtigkeit des Films trotz seiner ernsten Themen bei.

Boote sieht seinen Film auch als Aufruf zu mehr Menschlichkeit in allen Bereichen und zu sozialer Gerechtigkeit.
Selten macht ein politischer Film so glücklich wie „Population Boom“. 

Population Boom
Dokumentarfilm. Ö, 2013
Ab 20. September im Kino

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