Zu groß, um ethisch zu handeln

Multinationale Unternehmen müssen ethische Verantwortung übernehmen. Darüber waren sich jene Expertinnen und Experten rund um den Wissenschaftler Florian Wettstein einig, die Anfang März in Wien im C3 über Unternehmenstätigkeit in Entwicklungsländern diskutierten. Die Herausforderungen heißen fehlende Transparenz und zu große Strukturen.

Von Barbara Ottawa
Florian Wettstein ist Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen in der Schweiz. Seine Thesen haben ihn bei Marktliberalen unbeliebt gemacht.

Gut fürs Image und gut für die Gesellschaft? Corporate Social Responsibility (CSR) ist nach wie vor in aller Munde. Unternehmen präsentieren gerne ihre Aktivitäten zu „sozialer Verantwortung“. Aber wie wirksam und nachhaltig ist CSR? Martin Ledolter, Geschäftsführer der Austrian Development Agency (ADA), betont, dass CSR „keine Patentlösung“ sei.

Franz Fiala vom Netzwerk Soziale Verantwortung (NESOVE) warnt gar davor, auf CSR zu setzen. Es handle sich um „eine Form neoliberaler Gehirnwäsche“. Mittlerweile sei die soziale Verantwortung von Unternehmen nichts anderes als ein Geschäft. Oftmals ginge es nicht darum, positive Veränderungen zu bewirken. „Unternehmen sind effektiver als je darin, Regierungen daran zu hindern, Regelungen zum Schutz der Menschenrechte zu verankern“, so Fiala.

Florian Wettstein ist Experte im Bereich der Unternehmensethik. Der Wissenschaftler von der Schweizer Universität St. Gallen spricht eigene Initiativen von Firmen an. Wettstein sieht die Gefahr der Verwässerung von Labels, etwa in den Bereichen Nachhaltigkeit oder Arbeitsbedingungen, wenn Unternehmen eigene Standards kreieren: „Existierende Standards können von Unternehmen mit eigenen Labels untergraben werden.“

Einig waren sich die Expertinnen und Experten, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen müssen. „CSR muss im Kern des Unternehmens ankommen“, so Werner Wutscher, Vorstandsmitglied von RespACT. Er fordert einen kombinierten Finanz- und CSR-Bericht für jedes Unternehmen.

Auch Karin Küblböck von der Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) spricht sich für mehr Transparenz der Unternehmen aus, etwa für „Country-by-country reporting“ für international aktive Firmen. Gemeint ist eine länderbezogene Berichterstattung von Gewinnen, gezahlten Steuern und öffentlichen Subventionen. Nur so könne man wirklich sehen, wo welche Gewinne erzielt und welche Steuern gezahlt oder vermieden wurden.

Wenn es um ethische Standards bei multinationalen Konzernen geht, ist Größe ein entscheidender Faktor, so Florian Wettstein. Selbst wenn es eine CSR-Abteilung gibt, bedeute das nicht unbedingt, dass alle an einem Strang ziehen: „Nicht selten gibt es gegenläufige Entwicklungen in großen Unternehmen“, so der Wissenschaftler. Während die CSR-Abteilung in eine Richtung steuert, arbeitet zum Beispiel die Rechtsabteilung in die Gegenrichtung. Zulieferer und Sub-Betriebe sind zudem oft schwierig zu kontrollieren. „Größe wirkt hier oft als erschwerender Faktor.“ Erfolg käme nur mit Kohärenz.

Wettstein ist dabei nicht allzu optimistisch: „Es zeigt sich, wie schwierig es geworden ist, große Strukturen im Sinne von Verantwortung und Nachhaltigkeit zu verwalten – nur wenn es um den Profit geht, haben die Unternehmen das im Griff“, so Wettstein.

Derzeit seien zwar einzelne Initiativen von großen Konzernen vorbildlich. Als Beispiele von gesamtheitlich ethisch handelnden Unternehmen verweist Wettstein vor allem auf kleinere Unternehmen wie den US-Sportartikelhersteller Patagonia und den US-Haushaltsreinigerproduzenten Seventh Generation.

Für Wettstein ist es unabdingbar, dass ein globaler Rahmen für ethische und nachhaltige Geschäftstätigkeit geschaffen wird: „Wenn nur ein Staat oder eine Organisation handelt, dann bringt das nichts, denn das kann meist problemlos umgangen werden.“ Deshalb bewertet er die von NGOs vielfach als „zu weich“ kritisierten UN-Guiding Principles for Business and Human Rights (UNGPs) grundsätzlich positiv: „Aus ethischer Sicht repräsentieren sie Mittelmäßigkeit. Aber es ist ein breit abgestützter Kompromiss, und viel mehr ist zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich nicht möglich.“ Der österreichische Politikwissenschaftler und UN-Sonderbeauftragte für Menschenrechte und transnationale Unternehmen John Ruggie arbeitete 2011 die UNGPs aus.

Abseits davon sieht Wettstein ein paar positive erste Schritte, wie die langsame „Verschiebung der Beweislast hin zu jenen, die sich gegen die Einbeziehung von Menschenrechten in die Unternehmensverantwortung stellen“. 

Notwendig wäre die Schaffung eines globalen Rechtsrahmens. Bis es soweit ist, müssten vor allem lokale Institutionen in jenen Ländern gestärkt werden, in denen die Unternehmen aktiv sind. Mit dem Ziel, die Firmen zur Verantwortung ziehen zu können. 

Barbara Ottawa ist freie Journalistin und berichtet für inländische und ausländische Medien, vorwiegend über Wirtschaftsthemen und Geschichte.

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