„Eine Intervention würde alles schlimmer machen“

In westlichen Medien geht es meist um Boko Haram, wenn über Nigeria berichtet wird. Wie konnte sich die Bewegung zu einer ernsten Bedrohung für Nigeria und die ganze Region entwickeln? Südwind-Redakteur Richard Solder fragte bei dem Afrika-Wissenschaftler Bashir Alhaji-Shehu nach.

Bashir Alhaji-Shehu

Boko Haram und kein Ende. In den vergangenen Monaten kam die nigerianische militante islamistische Bewegung kaum aus den Schlagzeilen westlicher Medien: Alle paar Tage wurden neue Angriffe gemeldet.

Bashir Alhaji-Shehu kennt das Umfeld, in dem die Bewegung entstanden ist: „Zuerst einmal: Boko Haram gibt es nicht. Das ist ein Name, der der Bewegung mit der Zeit gegeben wurde.“ Ursprünglich nannte sich die Gruppe ğamā’at ahl as-sunna li-d-da’wa wa-l-ğihād, was im Deutschen zumeist mit „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“ übersetzt wird. Die mittlerweile eingebürgerte Bezeichnung „Boko Haram“ (Boko bedeutet auf Hausa „Westliche Bildung“, Haram auf Arabisch „verboten“) sei eine Losung, die tiefe Wurzeln in der Kultur der Region hat. „Ich bin mit der Idee, dass ‚Boko’ nun mal ‚Haram’ ist, aufgewachsen. Das ist nichts Neues.“

Die ursprüngliche Idee von Boko Haram geht zurück bis in die Zeit der Kolonisierung und Christianisierung des Gebietes des heutigen Nigeria. Missionare aus Europa waren nur im Süden der Kolonie erfolgreich, der Norden blieb muslimisch geprägt – und ist es bis heute. Religion und Kultur vermischen sich dabei. Das in der Region allseits bekannte „Boko Haram“ meine, dass alles „Westliche“ außerhalb der religiös-kulturellen Werte stehe. Es sei allerdings nicht als offensive Ablehnung des Westens zu verstehen.

Der Prediger Mohammed Yusuf, der die militante Bewegung in ihrer aktuellen Form 2002 in Maiduguri gründete, dachte radikaler. Alhaji-Shehu: „Seine Interpretation war, dass alles Wissen abseits islamischer Lehren schlecht ist.“ Was selbst in der muslimischen Region auf nur wenige offene Ohren stieß: „Die allermeisten Menschen aus der lokalen Bevölkerung erkannten keinen Sinn in dem, was er sprach.“

Wie kann die Bewegung dann bis heute Mitglieder rekrutieren? Für Alhaji-Shehu hat das viel mit der Perspektivlosigkeit in der Region zu tun: „Wenn es keine Jobs, keine Schulen, keine Infrastruktur, keine Strukturen gibt – dann lassen sich Menschen von einem eloquenten Prediger einnehmen, der Geld und Möglichkeiten hat.“

Das Verhalten von Polizei und Militär habe die Bewegung von Anfang an radikalisiert. Die potenzielle Gefahr von Mohammed Yusuf sei lange unterschätzt worden. Später schaffte er es, Einfluss auf Behörden zu bekommen. 2009 wurde er von der Exekutive getötet, eine Hinrichtung ohne Gerichtsverfahren.

Anfangs sei Boko Haram nicht so militant wie heute gewesen, die Exekutive habe allerdings fallweise überhart eingegriffen und damit Reaktionen provoziert, analysiert Alhaji-Shehu.

Jetzt sei ein Umdenken gefragt: „Kurzfristig geht es darum, eine Waffenruhe auszuhandeln oder das Militär so auszustatten, dass es Boko Haram kontrollieren kann. Das fängt schon damit an, dass die Soldaten regelmäßig ihren Lohn bekommen müssen.“ Mittel- und langfristig gehe es um Investitionen im Nordosten – in das Bildungssystem, in die Infrastruktur und die Landwirtschaft, in der Alhaji-Shehu viel Potenzial sieht.

Boko Haram ist mittlerweile eine internationale Herausforderung, operiert in Nachbarstaaten Nigerias – und auch europäische Länder mit großen nigerianischen Communitys wie Großbritannien oder Frankreich seien gefährdet.

Alhaji-Shehu rät davon ab, dass europäische Staaten direkt in Nigeria aktiv werden, etwa in Form einer internationalen Eingreiftruppe: „Das würde alles nur noch schlimmer machen.“ Europa solle lieber Investitionen in die Regionen Nordnigerias unterstützen.

Boko Haram, Korruption sowie die Spaltung des Landes in den Norden und den Süden – Nigeria steht vor Mammutaufgaben. Alhaji-Shehu glaubt trotz allem an sein Land: „Nigeria schafft es, sehr unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Einheiten zusammenzuhalten!“

Neben den PolitikerInnen, die endlich mit gutem Beispiel voran gehen sollten, läge es an den BürgerInnen, stärker aktiv zu werden. Sie sollten sich nicht immer auf die EntscheidungsträgerInnen ausreden: „Jeder hat in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Lasst uns zusammenarbeiten!“

Bashir Alhaji-Shehu ist PhD-Student, Lektor am Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien und Mitglied des Vereins Afrikanischer Studierender in Österreich (VAS). Er hat seine Masterarbeit zu ethno-religiöser Gewalt in Nordnigeria verfasst und referiert regelmäßig zum Thema Boko Haram, u.a. bei einer Veranstaltung des VIDC und des VAS im Juni. Alhaji-Shehu stammt aus Maiduguri im Staat Borno im Nordosten Nigerias.

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