Vom Umgang mit Halbwahrheiten

So genannte alternative Wahrheiten und Verschwörungstheorien sind weit verbreitet, und oftmals schwer zu erkennen. Ein neues Buch klärt auf.

Von Leon Romauch

Im Spätherbst 2018 wurden die Fälschungen des journalistischen Hochstaplers Claas Relotius aufgedeckt. Der Journalist hatte einen signifikanten Teil seiner Texte erfunden und damit eine Fülle an renommierten Preisen gewonnen.

Diesen Fall führt Nicola Gess, Professorin für Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel, in ihrem Buch „Halbwahrheiten“ (Verlag Matthes, Berlin 2021, 157 Seiten, € 14,40) unter anderen als konkretes Beispiel an, um die grundlegenden Eigenschaften sowie die Auswirkungen von Halbwahrheiten aufzuzeigen und zu analysieren.

Während „Wahrheiten“ in Bezugnahme auf faktische Grundlagen definiert werden, stützen sich Halbwahrheiten vor allem auf ihre inhaltliche Stimmigkeit oder ihre Konsensfähigkeit. Laut Gess sind das die Grundeigenschaften von Halbwahrheiten und die Ursache für eine Fülle von Problemen im Umgang mit denselben.

Eines dieser Probleme ist nach Gess die Erschwerung der Widerlegbarkeit von Halbwahrheiten. Sie seien sogar schwerer zu widerlegen als Lügen, da aufgrund ihres Wahrheitsanteils die Widerlegung meist dem Muster „ja, aber“ folgen müsse: Das „Ja“ ist die Bestätigung für den faktischen Teil der Halbwahrheit. Das „Aber“ leitet die Kritik ein. Im Diskurs mit Menschen, die Halbwahrheiten propagieren, wird die Antwort „ja, aber“ oft auf das „Ja“ reduziert und damit als Bestätigung unter Vorbehalten verstanden.

Das stelle neben der erleichterten Verbreitung in Sozialen Medien einen Hauptgrund für den großen Erfolg von Halbwahrheiten dar.

Dass sich Halbwahrheiten ausgesprochen gut zur Legitimierung der eigenen politischen Positionen eignen, erläutert Gess im Buch so: „Durch ihren faktischen Anteil, zumeist die Bezugnahme auf ein reales Ereignis (…), stellen Halbwahrheiten-Geschichten eine Korrespondenz mit der erfahrbaren Realität her. Ihr fiktiver Anteil (…) hingegen ist kohärent mit dem politischen Narrativ, in dessen Rahmen sie zum Einsatz kommen (…). Zwischen den beiden vermittelt ein Fehlschluss: Weil ein Teil zu stimmen scheint, ist man bereit, auch das Ganze, das heißt die gesamte Aussage und die hinter ihr stehende Theorie zu glauben.“

Mit zahlreichen Rekursen auf Theoretiker*innen wie Theodor W. Adorno, Hannah Arendt und Walter Benjamin schafft es die Autorin, den Leser*innen ein wichtiges Werkzeug zum Verstehen von so genannten alternativen Wahrheiten und Verschwörungstheorien in die Hand zu geben.

Leon Romauch ist seit Oktober als Zivildiener für die Verwaltung der Abos und der Datenbank zuständig. Nach dem Zivildienst will er Philosophie und Soziologie studieren.

Mehr zum Thema:

Das Dossier „Fake New World“ in Südwind-Magazin 1-2/2021 widmete sich dem Thema Desinformation und digitale Manipulation.

In der Ausgabe 3-4 empfehlen wir u.a. das Buch „Einspruch!“ von Ingrid Brodnig (Brandstätter Verlag, Wien 2021, 160 Seiten, € 20). Das Buch legt dar, wie man mit Corona-Leugnern und Leugnerinnen oder anderen reden kann, die schwer nachvollziehbare Ansichten zu Politik, Klima, Migration äußern.

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