„Wir haben die klügsten Köpfe der Welt“

Rund 5.000 Menschen pakistanischer Herkunft leben in Österreich. Drei von ihnen haben dem Südwind-Magazin erzählt, wie es ihnen hierzulande geht und was sie für Pakistan erhoffen.

Von Nora Holzmann / Irmgard Kirchner
Afzaal Deewan, Jasmin Ghakhar, Adalat Khan

Afzaal Deewan
Restaurantbetreiber

Ein köstlicher Geruch nach Koriander und Chili liegt in der Luft. Studierende, TouristInnen und Familien drängeln sich um das Buffet im Restaurant „Deewan“ im 9. Bezirk in Wien. Literweise werden Lamm- und Zucchinicurry auf die Teller geschöpft. Für Afzaal Deewan, den Betreiber des Lokals, sind ruhige Momente selten. Schnell rührt er noch einmal in den Töpfen um, bevor er sich zum Gespräch setzt. „Als ich nach Österreich kam, habe ich schnell bemerkt, dass das Essen hier sehr teuer, aber nicht besonders gut ist“, erzählt der 49-jährige leidenschaftliche Koch. Eigentlich war er 2004 auf dem Weg nach London gewesen, als er in Österreich aufgehalten wurde und dann hier um Asyl ansuchte. Ein Jahr später eröffnete er das Lokal, gemeinsam mit seiner Frau, der Österreicherin Nathalie Deewan. Ihr Konzept schlug ein wie eine Bombe: Preise gibt es keine, „Zahl, soviel du willst“ lautet die Devise. „Das funktioniert bestens. Wenn es den Leuten schmeckt, sind sie auch bereit, dafür entsprechend zu zahlen“, sagt Afzaal Deewan. Trotz des Erfolgs musste der Pakistaner um sein Aufenthaltsrecht kämpfen, im Jahr 2007 wurde es ihm endlich gewährt.

Nach Pakistan reist er zwei Mal im Jahr, zuletzt war er eigens wegen der Wahlen dort. „Ich bin hingefahren, um Imran Khan zu wählen. Mit ihm hätte sich wirklich etwas ändern können.“ Das Wahlergebnis hält er für Betrug. „Ich bin nach den Wahlen noch eine Woche geblieben und habe auf den Straßen protestiert.“

Pakistan hat ein unglaubliches Potenzial, meint Afzaal Deewan. Europa und die USA würden die falschen Leute unterstützen, anstatt wirklich zu helfen. Man müsse viel mehr in Bildung investieren. „Wir haben die klügsten Köpfe der Welt.“

Noch mehr als von gutem Essen schwärmt Afzaal Deewan von seiner Frau Nathalie. „Es war das größte Glück, dass ich sie getroffen habe. Von ihr habe ich viel gelernt, sie hat meine Art zu leben verändert.“ Gott sei Dank hätte er es damals nicht bis nach London geschafft, sagt Afzaal Deewan und lächelt. noh

Jasmin Ghakhar
Juristin und Künstlerin

„Ich bin ein Remix“, sagt Jasmin Ghakhar und lacht. Die 32-Jährige ist in Vorarlberg geboren, ihre Mutter stammt aus dem Ländle, ihr Vater aus Pakistan. Als ältestes von zehn Kindern ging er in den 1970er Jahren in die Schweiz, um dort als Hilfsarbeiter Geld für die Familie zu verdienen. Dann traf er Jasmin Ghakars Mutter und zog nach Vorarlberg. „Die Rollenverteilung bei uns daheim war sehr ungewöhnlich“, erzählt die junge Frau. „Meine Mutter arbeitete als Volksschullehrerin, mein Vater kümmerte sich zuhause um uns fünf Kinder.“ Ihre Kindheit sei pakistanisch geprägt gewesen. Werte wie Familie und Respekt vor den Älteren seien für ihren Vater, der Muslim ist, zentral. „Meine Mutter wiederum hat streng christliche Werte, aber das hat sehr gut zusammengepasst.“ Wichtig war beiden, dass die Kinder „etwas Ordentliches“ studieren. So wurde Jasmin Ghakar Juristin, versucht zur Zeit aber gerade, sich beruflich umzuorientieren. Viel Spaß macht ihr die Kunst, vor kurzem hatte sie ihre erste Ausstellung als Malerin.

Pakistan hat sie nun schon mehrere Jahre nicht mehr besucht, als Kind verbrachte sie aber häufig die Sommermonate dort. „Ich habe starke Eindrücke aus dieser Zeit mitgenommen.“ Die Wahlen im Mai hat Jasmin Ghakhar nicht näher verfolgt, in der unmittelbaren Zukunft erwartet sie sich wenig Veränderung. „Aber es gibt viele starke Menschen in dem Land. Ich bin mir sicher, die Dinge werden sich zum Positiven ändern, doch es wird noch einige Jahrzehnte dauern.“

Ihr Leben zwischen zwei Kulturen war für Jasmin Ghakhar nicht immer einfach. In der Schule in Vorarlberg wurde sie als Ausländerin behandelt und auch in Pakistan gehörte sie nie so richtig dazu. Mittlerweile sieht sie ihre gemischte Herkunft aber als große Bereicherung.

„Ich bin stolz auf beides. Aber ich lebe lieber hier. Hier kann ich alles sein, was ich möchte, ohne mich fürchten zu müssen, unterdrückt oder eingesperrt zu werden.“ noh

Kunst von Jasmin Ghakhar:  www.buja.at

Adalat Khan
Asylwerber

Adalat Khan wirkt erschöpft. Schon oft hat er seine Geschichte erzählt. Der 47-jährige Pakistaner ist eines der Gesichter des „Refugee Protest Camps“, das Ende November vor der Votivkirche in Wien errichtet wurde. 28 der 63 Männer, die großteils aus Pakistan kommen, haben mittlerweile einen negativen Asylbescheid. Ihnen droht die Abschiebung.

Adalat Khans Asylverfahren läuft noch. Seine Flucht – „ein einziger böser Traum“ – hat ihm das Leben gerettet und insgesamt etwa 15.000 Euro gekostet.

Khan stammt aus dem Swat-Tal im Nordwesten von Pakistan, das von den Taliban terrorisiert wird. Jüngstes prominentes Opfer in der Region ist die Schülerin Malala Yousafzai, die bei einem Attentat schwer verletzt wurde. „Wir Paschtunen haben Pech“, erklärt Khan. Die Volksgruppe lebt im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan und ist schon mehrmals zwischen die Fronten geraten: bei der Trennung von Indien und Pakistan, beim Krieg gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan 1979, beim Krieg gegen den Terror ab 2001.

Khan und seine Familie unterstützen die Awami National Party (ANP) – eine nationalistische paschtunische Partei. Zur Zeit der sowjetischen Invasion strebte sie einen unabhängigen paschtunischen Staat aus pakistanischen und afghanischen Gebieten an. Heute steht sie links und versteht sich als sekulär, womit sie zur Zielscheibe der pakistanischen Taliban wurde. 2005 flüchtete Khan. Sieben Jahre lebte er in Griechenland auf der Straße. Dann wurde dort der rechtsextreme Terror gegen Flüchtlinge immer stärker. Khan machte sich auf den Weg nach Deutschland. In Österreich wurde er aufgegriffen.

Hier vermisst er so ziemlich alles: seine Familie, die Landschaft und vor allem eine Lebensperspektive. Khan stammt aus einer Mittelschichtfamilie, der eine Ziegelei mit 300 Arbeitskräften gehörte. Frau und Kinder sind in Pakistan geblieben. Die drei erwachsenen Söhne leben in wechselnden Unterkünften in Karachi. Aus Angst vor gezielten Tötungen der Taliban, deren langer Arm bis in die großen Städte reicht, verändern sie häufig ihr Aussehen.

Auch Khan hat Angst, in Pakistan ermordet zu werden, wie hunderte andere ANP-Mitglieder.
In Österreich will er nicht bleiben. Was er will, ist ein normales Leben. ki

Die Österreichische P.E.N-Club dokumentiert die Lebensgeschichten der pakistanischen Flühtlinge im Refugee Protest Camp in ihrer Muttersprache Urdu und veröffentlicht die Übersetzungen spätestens ab September auf www.dastandard.at

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