Mangroven: Der schöne Wald

Es gibt hier keine klaren Grenzen zwischen Süß- und Salzwasser, zwischen Fluss und Meer. Die Flut dringt dreihundert Kilometer landeinwärts vor, und jeden Tag verschwinden Tausende Morgen Wald im Wasser und tauchen Stunden später wieder auf. Die Strömungen sind so stark, dass sie die Inseln fast täglich umgestalten – mitunter reißt das Wasser ganze Vorgebirge und Halbinseln weg, dann wieder wirft es neue Schelfe und Sandbänke auf, wo vorher keine waren.

Wo die Gezeiten neues Land entstehen lassen, wächst über Nacht Mangrove, die solch eine neue Insel unter günstigen Bedingungen innerhalb weniger Jahre vollständig bedecken kann. Ein Mangrovenwald ist eine Welt für sich, völlig anders als andere Waldgebiete oder Dschungel. Es gibt dort keine hoch aufragenden, mit Kletterpflanzen berankten Bäume, keine Farne, keine Wildblumen, keine schnatternden Affen und Kakadus. Mangrovenblätter sind zäh und ledrig, die Äste knorrig, das Laub oft undurchdringlich dicht. Die Sicht im Mangrovenwald ist eingeschränkt, die Luft reglos und übel riechend. Ein Mensch bleibt keinen Moment im Zweifel darüber, wie feindselig ihm ein solcher Wald gegenübersteht, wie raffiniert und einfallsreich er ist, wie fest entschlossen, ihn zu vernichten oder zu vertreiben. Jedes Jahr fallen in der Umarmung seines dichten Laubes Dutzende von Menschen Tigern, Schlangen und Krokodilen zum Opfer.

Es gibt hier nichts Liebliches, was den Fremden einladen würde, und doch ist der Archipel unter dem Namen Sundarbans bekannt, was wörtlich „der schöne Wald“ heißt.

Aus: „Hunger der Gezeiten“ von Amitav Ghosh, btb-Verlag, München 2004. S. 13 – 14.
© der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Karl Blessing Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Wir danken dem Verlag für die Abdruckgenehmigung.
Der Roman spielt im Mündungsdelta von Ganges und Brahmaputra.

Leben in Fülle

Die tropischen Küsten der Erde werden von einem faszinierenden und einzigartigen Ökosystem besiedelt. Zweimal am Tag findet ein Wechsel von Ebbe und Flut statt. Beim Hochwasser werden die Gehölzarten der Mangrovenwälder bis zum Kronenbereich überflutet, bei Niedrigwasser stehen selbst die unteren Teile der Stämme mitsamt ihren Wurzeln im Trockenen.

Die 54 Mangrovenarten zeigen spezielle Anpassungen an ihren Lebensraum. Ihr verzweigtes Stelzwurzelsystem gibt ihnen Halt auf den Weichböden, auf denen sie wachsen. Luftwurzeln nehmen zusätzlich zu den Blättern Sauerstoff auf. Die Pflanzen können Salzaufnahme verhindern oder haben Mechanismen zur Salzausscheidung entwickelt. Im Verlauf der Evolution haben sich unterschiedliche Formen der Vermehrung unter den Mangroven herausgebildet.

Mangroven zählen gemeinsam mit Korallenriffen und Regenwäldern zu den produktivsten Ökosystemen der Welt. Durch abfallende Blätter, Blüten und Früchte produzieren sie mehr als drei Kilogramm organisches Material pro Jahr und Quadratmeter. Dieses wird von Bakterien und Pilzen zersetzt und in die Nahrungskette zurückgeführt. Das verflochtene, fast undurchdringliche Wurzelsystem der Mangroven bietet einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen Lebensraum. Algen, Schnecken, Muscheln, Fische, Vögel, Krebse, Insekten und andere Kleinlebewesen finden im Gezeitenwald Schutz vor Räubern, Nahrung und einen geeigneten Ort zur Fortpflanzung. Schätzungen zufolge sind Mangroven die Kinderstube für zwei Drittel aller im Meer lebenden Fischarten.

In den oberen Etagen des Mangrovenwaldes leben Reptilien, Vögel und Säugetiere. Eines der letzten Rückzugsgebiete für den bengalischen Tiger stellen die Sundarbans dar.

Nachhaltige Nutzung

Traditionell stellen Mangroven die Lebensgrundlage der einheimischen Bevölkerung dar. Da die Bäume ständig im Wasser stehen, ist ihr hartes, zähes Holz durch Einlagerung Fäulnis verhütender Sekundärstoffe gegen Verrottung und Insektenbefall geschützt. Es dient daher dem Hausbau und Wasserbauten aller Art wie Anlegestellen, Bootsstege, Pfosten für Pfahlbauten, aber auch für Telegrafenmasten und Eisenbahnschwellen. Die Rinde wird wegen ihres hohen Tanningehalts für die Ledergerberei genutzt. Aus allen Mangrovegewächsen wird Holzkohle gewonnen. Außerdem ist das organische Material gutes Viehfutter für Haustiere. Honig und Heilpflanzen für den Eigenbedarf werden gesammelt.

Für Tausende von Küstengemeinden rund um den Globus stellen Meerestiere die wichtigste Ernährungsbasis dar. Auch die industrielle Fischerei ist von intakten Mangrovenwäldern abhängig. Studien aus Zentralamerika zufolge kommt an Küstenabschnitten mit Mangrovenbeständen 25 Mal mehr Fisch vor als dort, wo Mangroven abgeholzt wurden.


Küsten- und Klimawächter

Mangroven verhindern durch ihr weit verzweigtes Wurzelwerk, dass die teilweise sehr große Sedimentfracht der Flüsse ungebremst ins offene Meer gelangt. Ohne diese natürliche Filterbarriere würden viele Riffe und Seegraswiesen quasi unter dem Schlamm begraben werden und ersticken.

Mit der Zerstörung der Wälder fällt außerdem der natürliche Schutzgürtel gegen Stürme, Flutwellen, Überschwemmung und Erosion für die Küstenregionen weg. Mangroven dämpfen die zerstörerischen Kräfte von Sturmfluten. Bei dem Tsunami 2004 in Südostasien zeigte sich deutlich, dass die flexiblen Zweige und weit verzweigten Wurzelsysteme wie Schockhemmer gegen das Meer wirken. Hoch gewachsene Mangroven stellen natürliche Deiche dar. So traf die Welle im indischen Chidambaram-Distrikt mehrere Dörfer weniger hart als Nachbargemeinden, weil bei ersteren ein Mangrovenwald verhinderte, dass die zurückweichenden Fluten die Menschen mit sich reißen konnten. Die Einheimischen nennen ihre Mangroven deshalb auch den Wald, der die Wellen zähmt. Auch vor der Küste der vom Tsunami besonders verheerend getroffenen indonesischen Provinz Aceh standen einst viele Mangroven, die als besonders widerstandsfähiges Bauholz gerodet und exportiert worden waren.

Der Einfluss von Mangroven auf das globale Klima ist enorm. Bodenproben ergaben, dass Gezeitenwälder sehr hohe Kohlenstoffkonzentrationen enthalten. Die Pflanzen wandeln Kohlendioxid per Photosynthese in organisches Material um, das sich zum Teil als Humus im Boden ablagert. Andererseits werden bei Abholzung höhere Kohlendioxid-Mengen frei. Obwohl Mangroven weniger als ein Prozent aller tropischen Wälder ausmachen, ist ihre Zerstörung für zehn Prozent der globalen Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich.


Durch Shrimpsfarmen zerstörte Mangrovenwälder in Thailand.


Entwaldung und ihre Folgen

Ungefähr 35 Prozent der vorhandenen Mangrovenwälder sind in den vergangenen Jahrzehnten weltweit zerstört worden. Die traditionelle Entnahme von vergleichsweise geringen Holzmengen durch die Küstenbevölkerung hat die Mangroven in ihrem Bestand nicht gefährdet, wenngleich sich auch hier die Anzeichen zu starker Nutzung mehren.

Erst großflächige Umwandlung von Mangrovenwäldern in Reis- und Kokospalmenplantagen, die Trockenlegung etwa für den Bau von Tourismus-Ressorts, hat dafür gesorgt, dass sich die Situation zuspitzt. Einen besonders hohen Anteil an der Zerstörung tragen die Zuchtbetriebe von Garnelen. Das Brackwasser, in dem Mangroven besonders gut gedeihen, liefert gleichzeitig für die Shrimpszucht beste Bedingungen. Allerdings nur für kurze Zeit. Nach nur drei bis zehn Jahren ist die Farmfläche in unkontrollierten Zuchten durch Pestizide und Antibiotika verseucht und auf Jahre hin unfruchtbar.

Einige Beispiele der Zerstörung: Auf den Philippinen sind mittlerweile etwa 70 Prozent der Mangrovenwälder abgeholzt worden. Zwischen 1975 und 1993 fiel fast die Hälfte des thailändischen Bestandes den Shrimpsfarmen zum Opfer. Indien rodete zu Gunsten der begehrten Krustentiere zwischen 1963 und 1977 die Hälfte seiner Mangrovenhaine. Bedrohung für die Mangroven entstand in den Sundarbans nicht zuletzt durch die Versalzung der Brackwassergebiete in Folge zu hoher Ableitungen von Süßwasser aus dem Ganges für die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen.

In Ostafrika wurde von Sansibar aus Jahrhunderte lang Mangrovenholz in den mittleren Osten exportiert. In Brasilien führte das verwendete Quecksilber bei der Goldgewinnung zu einer Überbelastung der Mangrovenwälder. Auch die Abwasserbelastung naher Wohn- und Industriegebiete ist hoch.

Schutz und Aufbau

Erst allmählich dringt das Bewusstsein für die große Bedeutung der Mangroven durch. In vielen Regionen wird vor dem Hintergrund spürbarer negativer Folgen der Zerstörung der Wälder mit unterschiedlicher Intensität gearbeitet. Einen naturnahen Zustand wieder herzustellen, ist jedoch schwierig und zeitaufwändig. Im indischen Kerala etwa haben die Erfahrungen bei der Tsunami-Katastrophe dazu geführt, sensible Gebiete wieder mit Mangroven zu bepflanzen.

Zielführend wäre in allen betroffenen Gebieten eine Raumplanung, die den Wert intakter Mangrovenwälder einschließt und großflächige Umwandlung in Bauland und landwirtschaftliche Flächen verhindert. Aufforstungen müssen sich auf zusammenhängende Gebiete konzentrieren und sowohl national als auch regional koordiniert werden. Langfristig würde der Schutz der Gezeitenwälder auch der Wirtschaft betroffener Staaten mehr bringen als der rasche Raubbau. Erfolg versprechend sind besonders jene Projekte, die die einheimische Bevölkerung als KennerInnen und NutzerInnen der Mangroven einschließen.

Wir danken dem WWF Österreich für die Bereitstellung von Infos und Fotos.

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