Extraktivismus: Die offenen Adern der Natur

Die Ausbeutung und der Export von Rohstoffen haben in den letzten Jahren weltweit stark zugenommen und unter dem Schlagwort „Extraktivismus“ zu einer heftigen Debatte über die Auswirkungen dieses „Entwicklungsmodells“ geführt.

Von Alberto Acosta
Eine deutliche Sprache: „Nein zum Bergbau“, sagen die BewohnerInnen von Kasibu auf den Philippinen.

Die koloniale und neokoloniale Ausbeutungsform des Extraktivismus, also der Ausbeutung von Rohstoffen aus der Erde für den Export, diente als unentbehrliche Grundlage für die industrielle Entwicklung und den Wohlstand des globalen Nordens. Und trotz ihres ungeheuren Umfanges blieb nur ein geringer Teil der Wertschöpfung im Ursprungsland selbst. Der Großteil der Rohstoffausbeutung im globalen Süden ist nicht für den internen Markt bestimmt, sondern für den Export. Und genauso stammen der Großteil der Einsatzgüter für die Produktion und für die Dienstleistungen des Unterfangens aus dem Ausland.

Die Abhängigkeit von den Zentren durch den Abbau und Export von Rohstoffen hält bis heute in fast unveränderter Form an. Nur dass einige Länder in der letzten Zeit begannen, über eine stärkere Intervention des Staates die Einkünfte aus diesen wirtschaftlichen Aktivitäten neu zu verteilen. Doch steht die extraktivistische Akkumulation bei neoliberalen genauso wie bei fortschrittlichen Staaten im Mittelpunkt ihres Entwicklungsmodells.

Überraschenderweise zeigen viele historische Erfahrungen, aber auch solche aus der jüngsten Vergangenheit, dass dieses Akkumulationsmodell keinen Entwicklungsschub mit sich bringt. Vor allem die rohstoffreichen Länder scheinen in einer perversen Logik zur Unterentwicklung verurteilt zu sein, ein Phänomen, das man auch als „Paradoxon des Überflusses“ oder „Fluch des Ressourcenreichtums“ bezeichnet. Es verzerrt die Struktur und die Zuteilung der wirtschaftlichen Ressourcen, verstärkt die ungleiche Einkommensverteilung und die Krisenanfälligkeit, verbreitet Armut, schwächt die staatliche Institutionalität und stärkt die Korruption.

Die Schwächung der demokratischen Institutionen fördert die Herausbildung autoritärer, gieriger und klientelistischer Regime. Trotz ihres Rohstoffreichtums schaffen es diese Länder nicht, der Armutsfalle zu entkommen – und sie zeichnen sich auch nicht durch eine besonders demokratische Regierungsführung aus. Andere Wertschöpfungsformen, die mehr auf der menschlichen Kreativität als auf dem Reichtum der Natur beruhen, werden vernachlässigt.

Paradoxerweise besteht ein breites Spektrum von Mechanismen und Faktoren, die viele Länder, die in ihrer Wirtschaftspolitik auf den Extraktivismus setzen, trotzdem im Zustand der Unterentwicklung belassen. Dieses Übel des exportorientierten Rohstoffreichtums wirkt wie ein Virus, das ein Land befällt, wenn ein Ausfuhrgut stark im Preis steigt oder wenn neue Lagerstätten gefunden werden. Dadurch wird ein Exportboom ausgelöst, der zu einer Verschlechterung der Terms of Trade und durch die Überproduktion zu einem Preisverfall führen kann. In Holland hatte sich dieses System in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Rahmen rasant steigender Preise für die Tulpenzwiebel herausgebildet, weshalb man später von der „holländischen Krankheit“ sprach.

Neben den bekannten starken Schwankungen bei den Weltmarktpreisen von Rohstoffen wirken sich die Herausbildung einer auf Importen basierenden Konsummentalität und die Vernachlässigung einer nationalen Industrie schädlich für die Volkswirtschaften aus. Die auf der Rohstoffausbeutung basierende Aktivität schafft keinen dynamischen Wirtschaftskreislauf; der entsprechende Exportsektor bleibt normalerweise vom Rest der Wirtschaft isoliert.

Zauberformel Neo-Extraktivismus? In den letzten Jahren haben einige Staaten Lateinamerikas mit fortschrittlichen Regierungen wie Bolivien und anfänglich auch Ecuador bedeutsame Veränderungen in der Verteilungspolitik vorgenommen. Dennoch gibt es abgesehen von den Diskursen und offiziellen Plänen keine deutlichen Anzeichen für eine Überwindung dieses Akkumulationsmodells.

Diese Länder verstärken sogar die Bedeutung der extraktivistischen Sektoren für ihre Volkswirtschaften. Der uruguayische Soziologe Eduardo Gudynas interpretiert diese Fortschrittsideologie als „einen Extraktivismus neuer Art, wegen einiger seiner Komponenten und wegen der Kombination alter und neuer Attribute“, sieht aber in der gegenwärtigen Akkumulationsstruktur keine wesentlichen Veränderungen. Dieser so genannte „Neo-Extraktivismus“ halte „eine der Globalisierung untergeordnete und funktionelle internationale Einmischung“ aufrecht.

In Potosí, dem einstigen Silberberg in Bolivien, arbeiten heute hunderte Mineros in kleinen Genossenschaften und mit armseligsten technischen Mitteln auf eigene Rechnung.

Als positive Veränderungen des neuen Ansatzes führt Gudynas „eine stärkere Präsenz und eine aktivere Rolle des Staates durch ein direktes und indirektes Eingreifen“ an. Mit dieser nationalistischen Haltung soll der Staat über die Erlöse besser verfügen können. Doch wird dabei nur die Rolle der transnationalen Unternehmen kritisiert und nicht das Extraktionsmodell an sich. Im Austausch gegen soziale Investitionen für die Gesamtheit der Bevölkerung werden sogar einige schwerwiegende ökologische und soziale Schäden in Kauf genommen. „Mit einem Teil dieser Erlöse werden wichtige und umfassende Sozialprogramme finanziert, wodurch sich der Staat neue Quellen sozialer Legitimität sichert.“ In dieser Hinsicht erscheint der Neo-Extraktivismus unerlässlich für den Kampf gegen die Armut und die Förderung der Entwicklung.

Zweifellos entspricht dieses Modell einer zeitgenössischen Sicht der lateinamerikanischen Entwicklungsideologie, wo der Mythos des Fortschritts über eine Steigerung der Produktion und der Mythos der Entwicklung weiterleben, vor allem in seiner mechanistischen Sicht des wirtschaftlichen Wachstums.

Eine stärkere staatliche Kontrolle über die extravistischen Aktivitäten ist nicht genug. Die wirkliche Kontrolle über die Exporte liegt in der Hand der Staaten des Zentrums, ohne dass dies notwendigerweise mit hohen Investitionen für den Abbau verbunden sein muss. Perverserweise scheinen viele staatlichen Unternehmen rohstoffexportierender Länder darauf programmiert, ausschließlich auf Impulse von außen zu reagieren, während sie innerhalb ihrer Grenzen hinsichtlich Umwelt und Menschen entsprechend der Logik der Multis handeln. Dieses Modell behält und reproduziert Schlüsselelemente des Extraktivismus kolonialen Zuschnittes.

Dank dem Erdöl und dem Bergbau, das heißt durch die massiven Geldzuflüsse durch den Export dieser Produkte, verhalten sich die fortschrittlichen Regierenden oft wie die Träger des Gemeinwohls und versuchen den Sprung zur ersehnten Modernität. Genau das ist es, was sich in Venezuela, Ecuador oder Bolivien in jüngster Zeit abspielte.

Diese Staaten erlebten in den letzten Jahren einen beträchtlichen Zuwachs ihrer Macht. Vom neoliberalen Minimalstaat ausgehend, wurden – mit voller Berechtigung – der Wiederaufbau und die Erweiterung der staatlichen Präsenz und Aktion unternommen. Doch gibt es in diesen Ländern keine ernsthaften Bemühungen zur Durchsetzung tiefer struktureller Veränderungen. Die mächtigen Unternehmen wurden wohl von der Brandung der „revolutionären Diskurse“ gestreift, fahren jedoch auch unter diesem erneuerten Extraktivismus weiterhin satte Gewinne ein.

Alberto Acosta war zu Beginn der Regierungszeit von Präsident Rafael Correa Energie- und Bergbauminister von Ecuador und später Präsident der Verfassunggebenden Versammlung. Heute unterrichtet der ausgebildete Ökonom an der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften (FLACSO) in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Am 1. September wurde Alberto Acosta in einer Versammlung von linken, sozialen und indigenen Gruppen, die sich in der „Plurinationalen Koordination für die Einheit der Linken“ zusammengeschlossen haben, zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Februar gewählt.
Übersetzung des Textes: Werner Hörtner.

Zumindest bis jetzt haben in den Ländern mit fortschrittlichen Regierungen, die ein neo-extraktivistisches Schema eingeführt haben, die marginalisierten Bevölkerungsschichten dank der gerechteren Verteilung der staatlichen Dividenden eine relative Verbesserung ihrer Lebensumstände erreicht. Doch dabei blieb es; man wagte sich nicht an eine radikale Umverteilung der Einkünfte und Aktiven, ebenso wenig wie an eine Veränderung des Akkumulationsmodells. Dieser Umstand erklärt sich aus der Tatsache, dass es relativ leicht ist, aus der großzügigen Natur Gewinn zu schöpfen, anstatt sich mit komplizierten sozialen und politischen Umverteilungsprozessen zu befassen.

Wie in früheren Zeiten, so landet auch heute der Großteil des Gewinns aus dieser wirtschaftlichen Orientierung bei den reichen Ökonomien, die mit der Verarbeitung und Vermarktung der Rohstoffe ihren Profit machen. Die exportierenden Länder hingegen fahren nur einen kleinen Teil der Rente ein, tragen dafür aber die ökologischen und sozialen Lasten.

Häufig fehlt es an den notwendigen staatlichen Einrichtungen, um die ökologischen, sozialen und politischen Kosten abzufedern, die die Konflikte rund um die extraktivistischen Aktivitäten mit sich bringen. Außerdem muss man auch die Auswirkungen dieser quasi vorprogrammierten sozialen Instabilität auf andere produktive Tätigkeiten im regionalen Umfeld in Betracht ziehen. Etwa wenn durch den Bergbau die ansässige Bevölkerung vertrieben wird.

Die Auswirkungen dieser Konflikte und dieser Gewalt berühren auch die Lokal- und Provinzregierungen. Diese werden oft von den Sirenenklängen der Unternehmen oder der mit diesen verbundenen nationalen Regierungen verlockt, im Austausch gegen finanzielle Leistungen extraktivistischen Projekten zuzustimmen. Doch letzten Endes müssen die Gemeinschaften die Kosten dieser komplizierten und konflikthaften Beziehung zwischen Gemeinden, Unternehmen und dem Staat tragen. Lokale Entwicklungspläne können gefährdet werden, denn die Förderung der Rohstoffe wird jeder anderen wirtschaftlichen Tätigkeit übergeordnet.

Das schmerzhafteste und auch kostspieligste Erbe der Extraktionspolitik sind jedoch die Umweltschäden, die normalerweise nicht von den Unternehmen getragen werden.

Wenn man die wirtschaftlichen Kosten der sozialen und ökologischen Auswirkungen der Förderung von mineralischen Rohstoffen oder Erdöl in die Waagschale legt, so gelangt man zu einem Nullsummenspiel. Doch eine umfassende Schaden-Nutzen-Rechnung stellen nicht einmal die fortschrittlichen Länder auf, die blind an die Dividenden aus den Rohstoffexport-Aktivitäten glauben.

Kurz: Ein großer Teil des Krankheitsbildes des herkömmlichen Ausbeutungsmodells von natürlichen Ressourcen wird auch vom Neo-Extraktivismus übernommen. Deshalb führt die Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Bodenschätzen vielfach zur Bildung von personenzentrierten, autoritären Regierungen. Das Fehlen von Regeln und von Transparenz fördert einen willkürlichen Umgang mit öffentlichen Geldern und Allgemeingütern. Verteilungskämpfe zwischen einzelnen Machtgruppen verringern die Investitionen und das Wirtschaftswachstum.

Der Ausweg ist ein geplantes Schrumpfen des Extraktivismus. Diese Option stärkt nachhaltige Wirtschaftsformen im Bereich des Gewerbes, der Landwirtschaft, des Tourismus, in den Wissenschaften. Es ist höchste Zeit, die Natur nicht weiter zu zerstören.

Wenn man das extraktivistische Ausbeutungsmodell beibehält oder sogar noch vertieft, wird man keine Lösung für dieses komplexe Dilemma von rohstoffreichen und gleichzeitig verarmten Ländern finden.

Literatur:

Lili Breininger und Michael Reckordt (Hg.): Rohstoffrausch. Die Auswirkungen von Bergbau in den Philippinen. Philippinenbüro, Essen 2011, 150 Seiten, EUR 9,90.

Irene Knoke, Jan Binnewies: Wem nutzt der Rohstoffreichtum? Südwind-Institut, Siegburg, November 2011, 60 Seiten. Download: www.suedwind-institut.de

Brigitte Reisenberger, Thomas Seifert: Schwarzbuch Gold. Gewinner und Verlierer im neuen Goldrausch. Verlag Deuticke, Wien 2011, 240 Seiten, EUR 18,40. (Siehe Rezension in SWM 11/11 S.48.)

FDCK Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hg.): Der Neue Extraktivismus. FDCL-Verlag, Berlin 2012, 168 Seiten.

Erklärung von Bern (Hg.): Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz. Salis Verlag, Zürich 2012 (2. Auflage), 434 Seiten, EUR 24,90.

Links:

Interview im „Spiegel“ über die Gefahren des Goldabbaus: www.spiegel.de/wirtschaft/gefaehrlicher-goldabbau-ein-ehering-produziert-20-tonnen-giftmuell-a-542725.html

Dokumentarfilme (auf Spanisch) über den Tagebau von Gold: www.youtube.com/watch?v=D1TTZr5mlIM, www.youtube.com/watch?v=M3pjPBsDDPY

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