Die Prinzessin der Rhythmen

Véro La Reine will die kamerunische Bikutsi-Musik von Österreich aus in die Welt tragen. Ein Porträt der Sängerin von Nermin Ismail.

Voller Elan und für ihre Bühnenperformance bekannt: Véro La Reine singt am 30. Mai beim Südwind Straßenfest im Alten AKH in Wien. (Foto: Alexander Chitsazan)

Ohne Musik geht es nicht. Wenn Véro La Reine morgens aufsteht, legt sie Bikutsi auf und tanzt los. Bikutsi? Das ist der Name der traditionellen Musik der Béti in Südkamerun. Das Wort weist auf eine typische Tanzbewegung der Musikrichtung hin. „Bikutsi ist mein Leben. So muss der Tag anfangen“, sagt Véro La Reine.

Ihr Großvater war König der Mvog Manga, einer Untergruppe der Béti. Véro ist Prinzessin. Sie wuchs mit der Singkunst ihrer Mutter Delphine Mbazoa auf. In der Schule sang die junge Véro im Chor. Später arbeitete sie als Büroangestellte, war aber nebenbei immer schon Sängerin.

Vor 25 Jahren lernte sie dann in Kamerun einen Österreicher kennen, ihren späteren Ehemann. Mit ihm kam sie hierher, und Mozarts Heimat zog sie in seinen Bann. „Das Land faszinierte mich.“

Sie wohnten in Klagenfurt. Anfangs waren die österreichischen Schwiegereltern geschockt. „Eine Afrikanerin! Das gibt’s doch nicht!“, erinnert sich Véro La Reine an erste Reaktionen. Bald wurde sie zur Lieblingsschwiegertochter. Man müsse den Menschen eben nur Zeit geben.

Ihr Künstlername („La Reine“ heißt auf Französisch „die Königin “) ist durch ihren österreichischen Nachnamen Lamreiner entstanden. Am Kärntner Landeskonservatorium fand die heute 49-Jährige schließlich zurück zur Musik, die sie dachte zu Hause gelassen zu haben: „Jazz und Blues haben mich berührt und ich erkannte Bikutsi-Elemente darin“, erklärt sie.

Irgendwann wurde ihr Kärnten zu klein und sie zog nach Wien.

2001 veröffentlichte sie ihr erstes Album. Vier sind es mittlerweile, das aktuellste, „Ekang Héritage“, kam vor zwei Jahren auf den Markt. Mit dabei war ein multikulturelles Team: „In meiner Band habe ich Südamerikaner, waschechte Österreicher und Afrikaner.“ Sie selbst singt nicht nur, sondern komponiert auch Songs.

Bikutsi, Bikutsi, Bikutsi. Die Lebensfreude in Person und voller Elan – Véro La Reine beeindruckt. Ihr Styling, mit bunten, gemusterten Kleidern und kunstvoll um ihren Kopf gebundenen Tüchern, betont ihren optimistischen Charakter.

Quelle ihrer Kraft sei die Musik, sagt sie selbst. Sie will Bikutsi neu beleben, etwa mit modernen Instrumenten, und weitertragen – aus Kamerun über Österreich in die ganze Welt. Gesungen wird zwar in Eyondo, der Sprache der Béti. Doch, so Véro La Reine, der Rhythmus berühre alle Herzen: „Musik braucht keine Sprache. Sie holt die Leute, packt sie und nimmt sie mit.“

Der Ursprung von Bikutsi beschäftigt die Künstlerin schon lange. „Mein Volk kam aus Ägypten nach Kamerun.“ Unterwegs und in der Heimat der Béti im heutigen Kamerun hätten vor allem Frauen durch Musik Nachrichten kommuniziert. „Es ist wie eine Zeitung“, sagt die Sängerin und lacht.

Frauen haben Bikutsi auch als Widerstandsmedium gegen Sklaverei eingesetzt und um andere Frauen zu ermutigen. Bis heute sind sie die tragende Säule des Bikutsi, erklärt Véro La Reine.

In den Liedern geht es oft um Themen des Alltags, des Lebens. Und um die Mythen und Märchen, die schon die Großmütter erzählt haben. In diesen stecke viel Weisheit und Erfahrung, ist sich Véro La Reine sicher.

Brückenbauerin. Véro La Reine ist Sängerin und vierfache Mutter. Daneben engagiert sie sich für ihre Heimat. In von ihr mitinitiierten Projekten sollen junge Menschen in Kamerun zu Brunnenmacherinnen und Brunnenmachern ausgebildet werden. In weiterer Folge sollen mehr Menschen Zugang zu sauberem Wasser bekommen. „Wenn ich jemanden helfen will, bringe ich ihm nicht Fische, sondern bringe ihm das Fischen bei“, zitiert die Musikerin eine afrikanische Weisheit.

Und auch in Österreich ist sie sozial aktiv. So hat sie ein Kochbuch von Migrantinnen und Migranten in Kärnten herausgegeben. „Wir wollten Migranten erleichtern, Deutsch zu lernen und konnten mit dem Kochbuch Deutschkurse finanzieren.“

Ob durch Projekte, Kochbücher oder ihre Musik: Véro La Reine will Lebensfreude vermitteln. Hautnah können das Besucherinnen und Besucher des diesjährigen Südwind Straßenfestes am 30. Mai im Alten AKH in Wien spüren. Auf dem Programm steht auch ein Konzert der austro-kamerunischen Sängerin. Das Publikum wird die Véro La Reine, die für ihre Bühnenperformance bekannt ist, wohl nicht so schnell vergessen. Und schon gar nicht die Bikutsi-Rhythmen.

Nermin Ismail ist Journalistin in Wien. www.nerminismail.com

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