Ein Tal sucht sein Glück

Wie eine Schule jungen Menschen in den Bergen des Hohen Atlas in Marokko neue Chancen bringen soll. Eine Reportage von Richard Solder.

Blick vom Campus der École vivante im Gebirgstal Aït Bougoumez auf die Berge des Hohen Atlas. Das Berber- Symbol steht für die Freiheit und ist in den Dörfern sehr präsent.© Richard Solder

Großer Bahnhof im sonst so ruhigen Aït Bougoumez-Tal im Hohen Atlas. Man hat sich herausgeputzt, Politiker aus der Hauptstadt haben sich angekündigt, 300 Gäste aus dem In- und Ausland. Es gibt feierliche Ansprachen und ein buntes Fest mit Tanz. Der Anlass: Die 2010 eröffnete private Schule École vivante bekommt einen neuen Gebäudeteil. In das Collège, die dreijährige Sekundarschule, sollen ab Herbst jene elf Kinder gehen, die die sechs Jahre Grundschule absolviert haben.

In Marokko ist nach wie vor fast die Hälfte der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft und der Fischerei beschäftigt. Auch im farbenprächtigen Aït Bougoumez, der Name wird oft mit „das glückliche Tal“ übersetzt, dominiert die Landwirtschaft das Leben der Menschen. Die Lehmhäuser der Dörfer schmiegen sich eng an die karg bewachsenen Berge. Den Feldern wird so viel Fläche wie möglich gegeben. In den warmen Jahreszeiten verwandeln sich die Anbauflächen neben Fluss- und Bachläufen zu wahren Oasen. Vor allem Äpfel werden hier angebaut, aber auch Getreide, Marillen oder Nüsse.

„Ich mag das Leben als Bauer nicht, es ist hart“, gibt Abcessamad offen zu. Der 13-Jährige, er ist Schüler der École vivante, kommt aus einer bäuerlichen Familie. Er glaubt, dass er später in eine Stadt ziehen muss, um Arbeit zu finden. 

Jobsuche. Die Perspektiven für junge Menschen sind im Aït Bougoumez und in vielen anderen Regionen Marokkos begrenzt, Landflucht und fehlende Jobs eine zentrale Herausforderung. Es ist anzunehmen, dass die Arbeitslosenquote über den offiziellen neun Prozent liegt, besonders bei Jugendlichen. Über 25 Prozent der HochschulabsolventInnen finden keinen Job.

In den vergangenen zehn Jahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt Marokkos. König Mohammed VI. und die Regierung modernisieren den Dienstleistungssektor und die Industrie, durch den „Plan Vert“, den „grünen Plan“, soll der Agrarsektor effizienter und in internationale Märkte integriert werden.

Die Infrastruktur wurde in den vergangenen Jahren landauf, landab verbessert. Auch die Straße ins Aït Bougoumez wird Stück für Stück asphaltiert. Fast jeder Haushalt hier hat Strom, die meisten eine Wasserleitung im Haus. Die Satellitenschüsseln sind nicht zu übersehen. Mit jenen Freunden, die in der nächsten Universitätsstadt Beni Mellal, im rund 200 km entfernten Marrakesch oder in Europa leben, kommunizieren die Menschen via Whatsapp oder Skype.

Doch abseits davon spürten viele nie einen Effekt des Aufschwunges.

Der Bildungssektor ist eine weitere Baustelle: Viele Kinder schließen die Schule nicht ab. 30 Prozent der Menschen über 50 Jahre sind offiziell Analphabeten. Im Aït Bougoumez können rund die Hälfte der Männer kaum oder gar nicht lesen und schreiben, bei den Frauen sind es noch mehr. Die öffentlichen Schulen sind überlastet – zu wenige LehrerInnen, zu schlechte Infrastruktur.

Die École vivante will im Tal Abhilfe leisten. Mit Unterricht nah an der Lebensrealität: Wissen über die lokalen Pflanzen oder den Kreislauf der Natur haben Platz im Lehrplan. Im Collège gibt es eine Werkstätte. Die AbsolventInnen sollen später moderne Landwirtschaft betreiben, UmwelttechnikerInnen oder HandwerkerInnen werden.

Aufgewertet. 34 Dörfer zählen zum langgestreckten Tal, in dem rund 18.000 Menschen leben. Dass man sich hier in Berber-Territorium befindet, zeigen die Berber-Symbole in Form einer Person, die die Hände nach oben hält. Haustüren sind damit markiert, Steine auf Grashügeln so geformt. Die Menschen sind stolz auf ihre Kultur und die Sprache, die lange unterdrückt wurde. Geschätzt wird, dass 40 Prozent aller MarokkanerInnen zusätzlich mit einer Berbersprache als Muttersprache aufwachsen. Die Berber machen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung aus. Unter Mohammed VI., seit 1999 König von Marokko, wurde die Berberkultur offiziell als Teil der nationalen Identität anerkannt.

Seit 2011 gibt es zudem eine neue Verfassung, die Regierung und Parlament mehr Rechte gewährt. Und immer öfter werden Ämter von BerberInnen besetzt.

Mohammed VI. reagierte damit auf Demonstrationen, die im Zuge des Arabischen Frühlings auch in Marokko aufflammten. Doch der König behielt den Großteil seiner allumfassenden Macht, vielen ging die Öffnung nicht weit genug.

In der Rif-Region im Norden Marokkos, wie das Aït Bougoumez ein Berber-Gebiet, entstand nach dem Tod eines Fischverkäufers 2016 eine neue Protestbewegung, die seit Monaten gegen soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Arbeitslosigkeit demonstriert.

Partnerschaften. Im Aït Bougoumez ist von den Unruhen in der Rif-Region nichts zu spüren. Hier geht das Leben seinen gewohnten Gang. Kinder beäugen hier durchkommende EuropäerInnen neugierig. Meist sind es TouristInnen unterwegs auf einer Bergtour.

Die École vivante bringt auch immer wieder Gäste ins Tal. Die Schule ist ein Projekt, das Einheimische mit EuropäerInnen vernetzt: Schul-Initiatorin Itto Tapal-Mouzoun ist gebürtige Deutsche. Sie fand ihr privates Glück im Aït Bougoumez und gründete hier mit ihrem marokkanischen Mann eine Familie.

Sie fingen an, mit Kindern zu lernen, dann Sommerkurse zu organisieren, schließlich bauten sie eine Schule.

In der Scuola Vivante in der Schweiz fand Tapal-Mouzoun eine Partnerinstitution, auch mit dem Österreicher Christian Hlade und seinem Reiseunternehmen Weltweitwandern ist sie eng vernetzt.

Neben unternehmerischer Expertise stand Weltweitwandern der Schule auch finanziell zur Seite. Für das neue Collège wurden 120.000 Euro an Spenden gesammelt. „Die Menschen, die das Projekt durchführen, sind im Ort verwurzelt“, betont Hlade. „Ich finde, das ist besser, als wenn man es mit europäischen Projektleitern beschickt, die dann nach ein paar Jahren wieder gehen.“

Dass es Risiken mit sich bringt, wenn Projekte stark von Einzelnen abhängen, ist Tapal-Mouzoun bewusst. Sie sieht ihre Zukunft zwar im Tal, „die Verantwortung für die Schule soll aber in jedem Fall in den kommenden Jahren auf den Schultern mehrerer Personen verteilt werden“.

Die Einrichtung will offen sein. Kinder aus ärmeren Familien, die sich das Schulgeld nicht leisten können, bekommen Stipendien.

Abcessamad ist einer von ihnen. Er will Lehrer werden. Vielleicht kann er ja selbst einmal an der École vivante unterrichten und im Aït Bougoumez leben.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Weltweitwandern.

www.weltweitwandernwirkt.org

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