„Fragend schreiten wir voran“

Der Autonomieprozess der zapatistischen Bewegung im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas stellt ein gelungenes Beispiel einer Alternative zum herkömmlichen Wachstums- und Fortschrittsmythos dar.

Von Bettina Moser und Dominik Gilgenbach
Trotz einer verstärkten Armeepräsenz in Chiapas und allen möglichen Einschüchterungsversuchen bauen die ZapatistInnen unentwegt ihre autonomen Räume aus.

Als 2003 die zapatistische Bewegung in Mexiko entschied, sich neu zu organisieren, betonte sie, dass sie sämtliche Beziehungen zur mexikanischen Regierung abbrechen werde. Fortan wolle sie keine Regierungsprojekte oder -gelder mehr auf ihrem Territorium akzeptieren, die sie nur als Almosen verstehen: „Wir haben vielen Menschen gegenüber betont, dass der Widerstand der zapatistischen Gemeinden nicht Mitleid hervorrufen will, sondern Respekt. Hier ist Armut eine Waffe, die von unseren Völkern aus zwei Gründen gewählt worden ist: um zu bezeugen, dass wir nicht Wohlfahrt suchen, und um mit unserem Beispiel zu demonstrieren, dass es möglich ist, zu regieren, und zwar uns selbst zu regieren, ohne den Parasiten, der sich Regierung nennt“, erklärte Subcomandante Marcos stellvertretend für die zapatistische Bewegung.

Hier zeigt sich eine klare Übereinstimmung mit der zentralen Aussage des Post-Development-Ansatzes: Selbstbestimmung statt „Entwicklung“. Am obigen Zitat ist auch bemerkenswert, dass Marcos die zapatistische Revolution als Beispiel und nicht etwa als Modell versteht. Hier zeigt sich das anti-avantgardistische Selbstverständnis, das gepaart mit einem pluralistischen Weltbild dem Entwicklungsparadigma entgegensteht – fordern die Zapatistas doch „eine Welt, in die viele Welten passen“.

Alternativen zur „Entwicklung“, so wie sie auch der Politikwissenschaftler Aram Ziai versteht, bestehen in gemeinschaftlicher Solidarität, informeller Ökonomie und traditionellem Wissen. Mit diesem Fokus soll im Folgenden die Praxis in den zapatistischen Gemeinden beleuchtet werden.

Die Räte der Guten Regierung: „Ein Ästchen allein zerbricht. Aber viele davon sind nicht leicht zu zerbrechen. Diese Idee verwenden wir in der zapatistischen Organisation. Es geht darum, zusammen zu stehen, nur so können wir stark sein“. Mit diesen Worten erklärt ein circa 15-jähriger Schüler der zapatistischen Oberschule in Morelia das Fundament der Autonomie, die seit über 15 Jahren in Chiapas entsteht. Genauso lange versucht die mexikanische Regierung, einen Keil in die Bewegung zu treiben, indem sie finanzielle Zuwendungen verspricht. Gespaltene Dörfer sind heute Realität in den indigenen Regionen, denn materielle Entbehrungen sowie Übergriffe durch Militär und Paramilitärs haben viele dazu verführt, die Almosen der Regierung anzunehmen. Die Waffe „Armut“ scheint oft stumpf zu sein. Nicht zuletzt aus diesem Grund stellt die selbstbestimmte Verbesserung der Lebensbedingungen der Basis ein zentrales Element der zapatistischen Autonomie dar. Doch worin unterscheidet sich der zapatistische Weg von dem der – wie sie selbst sagen – „schlechten Regierung“?

An Regierungsprojekten kritisieren die Zapatistas, dass die Bedürfnisse der Menschen nicht beachtet würden und die Bevölkerung keine Mitsprache darüber besitze. So könne beispielsweise im Bildungsbereich nicht über Lerninhalte entschieden werden. Dem gegenüber steht das zapatistische Motto des „gehorchenden Befehlens“, was bedeutet, dass alle Entscheidungen durch die Basis getroffen werden und die politischen AmtsträgerInnen diese lediglich ausführen, wobei sie jederzeit, sollten sie ihr Amt missbrauchen, abgewählt werden können. Diese basisdemokratischen Entscheidungsmechanismen gibt es auf Ebene des Dorfes, des Landkreises und der „Caracol“ (Schnecke) genannten größten autonomen Verwaltungseinheit. In jedem der fünf Caracoles arbeitet ein „Rat der guten Regierung“, dessen Mitglieder im Wochen- oder Monatsrhythmus rotieren und wie alle anderen zapatistischen AmtsträgerInnen ohne Bezahlung arbeiten.

Aus diesen basisdemokratischen Strukturen heraus entstand seit 1996 das zapatistische Bildungssystem, das von den Gemeinden als bedeutender Aspekt des Kampfes um Autonomie verstanden wird. Bei unserem Besuch der „Technischen Oberschule“ des Caracols Morelia 2009 hatten wir die Gelegenheit, bei einem Rundgang durchs Schulgelände mehr über die zapatistische Bildung zu erfahren. Mehrere Jugendliche zeigten stolz die Früchte ihrer Arbeit am schuleigenen Maisfeld und Gemüsegarten und präsentierten die Ergebnisse ihrer Fisch-, Bienen- und Schafzucht. Schnell wurde klar, dass die Zapatistas die kleinbäuerliche Landwirtschaft auch weiterhin als zentralen Wirtschaftsbereich sehen. Denn anders als die staatlichen Schulen orientieren sich die autonomen Schulen an der ländlichen Realität. Deshalb werden die Mondzyklen und deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft genauso gelehrt wie Gewicht mit den Händen zu schätzen, oder wie viel der Tauschwert eines Huhns beträgt. Besonderes Augenmerk legen die Lehrkräfte auf den Unterricht in den indigenen Sprachen, die je nach Region variieren. Wird in den staatlichen Schulen den Kindern noch eingeredet, sich für ihre indigene Herkunft zu schämen und das Sprechen der eigenen Sprache zu unterlassen, so findet in den zapatistischen Schulen eine besondere Wertschätzung dieser statt.

Charakteristisch für das autonome Bildungssystem ist der wechselseitige Austausch zwischen Schule und Gemeinden. Um etwas über die Hintergründe des Aufstands zu lernen, werden die SchülerInnen beauftragt, ihre Großeltern zu befragen. Aber auch in vielen anderen Bereichen wird das Wissen der Alten geschätzt und wiederbelebt. Im Caracol La Realidad befragen zapatistische KräuterheilerInnen z.B. die Gemeindeältesten zu ihrem Wissen über Heilpflanzen, um so Alternativen zur Schulmedizin zu stärken.

Die nächste Station bei unserem Rundgang durch die Schule war das modern ausgestattete Computerlabor. Der zapatistische Lehrplan hat die lokalen Bedürfnisse und Gegebenheiten als Grundlage, gleichzeitig erkennen die Zapatistas die Bedeutung „westlicher“ Bildung. Die zapatistische Bildung bleibt also nicht auf das Lokale begrenzt. Rechnen und Schreiben sowie Computerkenntnisse ermöglichen ihnen die Kommunikation mit der Welt um sie herum. Mit diesem Zugang können die globalen Zusammenhänge, in die ihr Kampf eingebettet ist, erfasst werden. Weil die Zapatistas formale Bildung nicht ablehnen, unterscheidet sich ihre Praxis von den Konzepten einiger Post-Development-Autoren wie Rajid Rahnema oder Gustavo Esteva.

Das zapatistische Bildungsmodell ist ein wichtiger Teil der Autonomie und somit Teil einer Alternative zur „Entwicklung“. Besonders die Verschmelzung von altem und neuem Wissen sowie die basisdemokratischen, selbstverwalteten Strukturen entsprechen einer progressiven Post-Development-Idee.

Zwischen Subsistenz und Weltmarkt: Die Zapatistas bedienen sich eines dezidiert antikapitalistischen Diskurses und verweisen dabei in Übereinstimmung mit dem Post-Development auf die Partikularität dieses historisch gewachsenen Wirtschaftsmodells: Der Kapitalismus „zerstört und verändert alles, was ihm nicht passt, und eliminiert alles, was ihn stört. Zum Beispiel stören ihn jene, die die Waren der Modernität weder produzieren noch kaufen, noch verkaufen, oder jene, die gegen diese Ordnung rebellieren. Und die, die dem Kapitalismus nichts nützen, werden verachtet. Deshalb stören die Indígenas die neoliberale Globalisierung, und deshalb verachtet man sie und will sie eliminieren“. (Aus der „Sechsten Erklärung aus dem Lacandonischen Urwald“ der zapatistischen Bewegung von 2005.)

Dem setzen die Gemeinden vielfältige Wirtschaftsmodelle entgegen. Subsistenz existiert neben der Produktion für den Weltmarkt und kollektiver Landbesitz neben privatem. Bemerkenswert ist aber die Existenz von Kooperativen in fast allen Bereichen: vom Kaffeeexport über Landwirtschaft bis zur Schuhmanufaktur. Zumeist stehen hier basisdemokratische Entscheidungsstrukturen und solidarisches Wirtschaften im Zentrum. So fließen die Überschüsse der Kooperativen oft in Bildungs- und Gesundheitsprojekte der verschiedenen Caracoles.

Die zapatistische Autonomie gründet auf basisdemokratischen Strukturen abseits repräsentativer Demokratie und Staat, auf solidarischer Ökonomie sowie einer Wiederaneignung des indigenen Wissens. Sicher ist der Weg zur Autonomie kein widerspruchsfreier, viele Probleme und Herausforderungen harren einer Lösung. Doch nicht umsonst lautet ein zapatistisches Motto „fragend schreiten wir voran …“

Bettina Moser studierte in Wien Internationale Entwicklung. Derzeit lebt und arbeitet sie als Trainerin für Deutsch als Fremdsprache in Berlin und ist in der zapatistischen Solidaritätsbewegung aktiv.

Dominik Gilgenbach studierte in Bonn Politikwissenschaft und arbeitet dort zur Zeit an seiner Promotion zum Thema „Postkoloniale Herrschaftskritik“. Er ist ebenfalls in der zapatistischen Solidaritätsbewegung aktiv und schreibt für die Zeitschrift der „Informationsstelle Lateinamerika“ (ila).

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