Globaler Süden in Warteposition

Der Tourismus boomt weltweit und gilt als Hoffnungsträger für eine nachhaltige Entwicklung. Wer daran verdient und wer auf der Strecke bleibt, hat Frank Herrmann recherchiert.

Wachstum ohne Ende: Heutzutage reisen auch Menschen aus China, Brasilien, Südafrika und Indien um die Welt.© weerayut / Fotolia

Das Geschäft mit dem Urlaub wächst weltweit – ungeachtet von Krieg, Terror und Flüchtlingskrisen. Hunderte Millionen Menschen reisen Jahr für Jahr ins Ausland, Milliarden reisen innerhalb ihrer Staatsgrenzen. Der Tourismus hat sich zu einer der weltweit größten Industrien entwickelt. Sie erwirtschaftete 2016 nach Angaben des World Travel and Tourism Councils (WTTC) rund zehn Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Jede zehnte Arbeitnehmerin und jeder zehnte Arbeitnehmer weltweit sind direkt oder indirekt im Tourismus beschäftigt – insgesamt rund 292 Millionen Menschen.

Alle Prognosen gehen von noch mehr Wachstum aus. Denn neben Millionen von EuropäerInnen, NordamerikanerInnen und AustralierInnen reisen inzwischen auch Menschen aus China, Brasilien, Südafrika und Indien in großen Zahlen um die Welt. Auch sogenannte Entwicklungsländer profitieren von diesem Boom: Für ein Drittel von ihnen ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle. Sie übersteigt die internationalen Hilfsgelder um ein Mehrfaches. Die am wenigsten entwickelten Länder der Erde konnte ihre Einnahmen aus dem Tourismus in den vergangenen zwanzig Jahren laut Weltbank in etwa verzehnfachen.

Der Preis des Booms. Mehr Tourismus bedeutet aber auch, dass Ökosysteme stärker belastet, mehr Ressourcen verbraucht, mehr Klimagase in die Luft geblasen, mehr Abfälle erzeugt, mehr Strom und Wasser verbraucht werden. Die Zunahme an Reisen geht besonders in ärmeren Ländern meist einher mit schlecht bezahlten Jobs, Landschaftszerstörung, Flächenverbrauch, Abnahme der biologischen Vielfalt, Kinderarbeit und Sextourismus.

Die Vereinten Nationen haben 2017 zum Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung ernannt. Doch ob die Ziele nachhaltiger Entwicklung der UN (Sustainable Development Goals, SDGs) an der globalen Situation etwas ändern werden, ist fraglich. „Standpunkt Tourismuswende“, eine 2016 veröffentlichte Publikation des Evangelischen Entwicklungsdienstes Brot für die Welt, betont: „In der Agenda 2030 ist wiederholt vom ‚nachhaltigen Tourismus‘ die Rede. Dabei bleibt unerwähnt, dass die Förderung allein nicht ausreicht, wenn nicht gleichzeitig eine Abkehr der bisherigen ‚nicht nachhaltigen‘ Tourismusmuster konsequent angegangen wird.“ Danach sieht es momentan nicht aus, so Brot für die Welt weiter: „Während Tourismusakteure weltweit, von Unternehmen über Regierungen bis hin zur Welttourismusorganisation (UNWTO), die positiven wirtschaftlichen Wirkungen hervorheben, werden die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen des Tourismus oft nicht deutlich benannt.“

Industrieländer profitieren. Das meiste Geld, das mit dem Tourismus gemacht wird, verbleibt bei den Reiseveranstaltern, Fluglinien, Hotelketten und Reedereien aus den Industrieländern. Oder es fließt aus ärmeren Ländern in Form von Devisen wieder an die Industriestaaten zurück, beispielsweise für importierte Lebensmittel oder Baubedarf.

Vor allem beim Pauschaltourismus bleibe vom Geld der UrlauberInnen wenig in der Region, bemängelt Professor Dirk Reiser, der Nachhaltiges Tourismusmanagement an der Cologne Business School im deutschen Köln lehrt. Die britische New Economics Foundation kommt in Fallbeispielen auf Rückflussraten für Thailand, Kuba und Gambia von 70 bis 75 Prozent, für ein Extrembeispiel – All-inclusive-Reisen nach Kenia – errechnet sie gar 85 Prozent.

Die Auswirkungen des Massentourismus auf den Wohlstand einer wenig entwickelten Nation sind begrenzt. Der so oft propagierte Sickereffekt von oben nach unten bleibt aus. Selbst in Ländern mit einem hohen Tourismusanteil wie Mexiko, Ägypten oder der Türkei haben es die Regierungen bislang nur ansatzweise geschafft, den Reichtum gleichmäßiger zu verteilen.

„Oft steigen die Lebenskosten der Einheimischen um ein Vielfaches, noch bevor sie überhaupt vom Tourismus profitieren können“, sagt Christine Plüss, Geschäftsführerin der Fachstelle Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung in Basel in der Schweiz.

Jobmotor. 2016 entstanden in dieser Branche in China rund 70 Millionen neue Jobs, in Indien etwa 40 Millionen und auf den Philippinen mehr als sieben Millionen. Aber meist handelt es sich um saisonabhängige Arbeiten mit geringer Qualifikation. „Einheimische verrichten vor allem einfache Dienstleistungen wie Putzen, während Ausländer das Management besetzen“, fasst Dirk Reiser die Situation vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern zusammen. Niedrige Löhne und Ausbeutung im Tourismus sind zudem global gesehen keine Ausnahme.

In vielen Entwicklungsländern hat der Tourismus Abhängigkeiten geschaffen. In der Hoffnung auf schnelle Devisen haben viele einseitig auf die Karte Tourismus gesetzt. Regionale und bilaterale Abkommen haben besonders in ärmeren Ländern ausländischen InvestorInnen Tür und Tor geöffnet, die Einkommens- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten lokaler AnbieterInnen hingegen beschnitten. „Unter dem Druck von Schuldensanierung und Strukturanpassungen haben sich viele Entwicklungsländer verpflichtet, ihre Wirtschaft immer weiter dem globalen Markt zu öffnen“, heißt es in der Untersuchung „Tourismus in Entwicklungs- und Schwellenländern“ des deutschen Studienkreises für Entwicklung und Tourismus. Das bringt zwar dringend benötigte Devisen, um die oftmals horrenden Auslandsschulden zu begleichen. „Doch die Gleichung ‚Mehr Tourismus – mehr Entwicklung‘ geht nicht auf“, warnt Antje Monshausen, Leiterin von Tourism Watch, einer Informationsstelle bei Brot für die Welt.

Flexible Gäste. Wenn TouristInnen ausbleiben, beispielsweise aufgrund von Terrorattacken oder Naturkatastrophen, kollabiert die „Monokultur“ schnell. In Kenia sind von 30 Charter-Airlines, die das afrikanische Land in den vergangenen Jahren anflogen, Anfang 2016 gerade einmal drei übrig geblieben. Nach zwei schweren Terroranschlägen im Jahr 2015 in Tunesien schlossen dort mehr als 80 Hotels. Zehntausende Jobs gingen verloren. Ähnlich ist die Situation in Ägypten und der Türkei.

Besonders Entwicklungsländer, die einseitig auf Tourismus setzen, hängen heutzutage von den Reisekonzernen ab und nicht umgekehrt. Die direkten Tourismuseinnahmen der Malediven waren z.B. 2016 für 40,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich. Bei den Seychellen waren es 22 Prozent und bei den Kapverden 11,2 Prozent. Die UrlauberInnen stört es wenig, wenn ein Land zu gefährlich geworden ist: Sie reisen einfach ins Nachbarland oder wechseln den Kontinent.

Umsetzung gefragt. „Tourismus kann Fluch und Segen sein“, sagte der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller im März 2017 in seiner Rede auf der ITB Berlin, der weltgrößten Tourismusmesse. Will der internationale Tourismus sein positives Potenzial entfalten, muss er sich tiefgreifend verändern. Bereits dasJahr 2017, das Internationale Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung, wird zeigen, wie ernst es internationale Organisationen, Staaten und Unternehmen mit der Umsetzung der SDGs meinen.

Frank Herrmann ist vielgereister Reisebuchautor und Tourismusexperte. Er lebt in Offenburg in Deutschland und veröffentlichte 2016 das Buch FAIRreisen, oekom Verlag München, 2016. Das Buch beinhaltet auch Reisetipps.

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