Helfer in Lebensgefahr

Nur wenige Ärztinnen und Ärzte wagen es, den Menschen in Mogadischu zu helfen.

Von Bettina Rühl
In der Kinderstation des Benadir- Krankenhauses gibt es fast immer zu wenig Betten.

Das Auto steht immer noch auf dem Parkplatz des Krankenhauses. Rund um das Lenkrad ist die Frontscheibe von Einschusslöchern durchsiebt, die Heckscheibe ist völlig zerschossen. Mohamed Yusuf Hassan hat sein Auto seit rund zwei Jahren nicht mehr benutzt, seit dieser letzten Fahrt im Mai 2009. „Ich war am Morgen auf dem Weg zur Arbeit“, erzählt der Direktor des Madina-Krankenhauses in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. „Plötzlich hielt das Auto vor mir, vier maskierte Männer sprangen heraus und eröffneten das Feuer.“ Mohamed Yusuf Hassan schaffte es, dem Kugelhagel aus vier Kalaschnikows zu entkommen – mit seinem Auto Haken schlagend wie ein Hase auf der Flucht. Der Arzt fuhr im Zickzack bis zum Krankenhaus, stellte das Auto ab, zeigte seinen MitarbeiterInnen das Wrack, zog sich den grünen Kittel an und ging in den Operationssaal. Seitdem hat der 56-Jährige das Gelände des Madina-Krankenhauses nicht mehr verlassen.

„Sie wollten, dass ich damals beerdigt werde. Aber ich habe überlebt.“ Mohamed Yusuf bleibt so sachlich, als schildere er den Verlauf einer Routineoperation. „Ich habe solche Szenen in vielen Filmen gesehen, vielleicht hat mir das geholfen“, sagt der Chirurg. Wer die Täter sind und wer deren Auftraggeber, weiß er bis heute nicht. Es gab keine polizeilichen Ermittlungen, keine Anklage, keinen Prozess vor Gericht. Denn für das alles bräuchte es einen funktionierenden Staat, und Somalia hat seit zwanzig Jahren keine Regierung mehr. Jedenfalls keine, die diesen Namen verdiente. Die ihre Bürger vor Gewalttaten schützte, die Krankenhäuser und Schulen betriebe, die Straßen baute oder für Strom sorgte. Denn der Staat Somalia ging unter, als der letzte Diktator Siad Barre im Jänner 1991 gestürzt wurde. Danach begann ein Bürgerkrieg, der bis heute nicht beendet ist.

Zwar gibt es inzwischen eine sogenannte Übergangsregierung, die von der internationalen Gemeinschaft anerkannt wird. Doch der somalische Präsident Sheikh Sharif kann sich nur in der Hälfte der Hauptstadt bewegen, und auch das nur dank der militärischen Unterstützung durch eine afrikanische Friedenstruppe mit gut 8.000 Soldaten. Die andere Hälfte von Mogadischu und die meisten Teile des Landes werden von islamistischen Gruppen kontrolliert. Einige davon haben Kontakte zu dem internationalen Terrornetzwerk El Kaida.

Deshalb wird der Arzt Mohamed Yusuf wahrscheinlich nie erfahren, wer die Täter waren und wer die Auftraggeber. Vielleicht machte er sich radikale Islamisten zu Feinden, weil das Madina-Krankenhaus Geld aus dem Ausland bekommt, es wird vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes unterstützt. Womöglich gelten er und seine KollegInnen deshalb als ParteigängerInnen des Westens, und damit als PartnerInnen der somalischen Übergangsregierung, die von der Internationalen Gemeinschaft unterstützt und deshalb von islamistischen Gruppen bekämpft wird. „Dabei behandeln wir jeden, der kommt“, sagt Mohamed Yusuf. „Wir wollen den Hintergrund unserer Patientinnen und Patienten gar nicht kennen. Wir sind bedingungslos neutral.“

Der Arzt sitzt jetzt im Aufenthaltsraum des Personals, zwischen Spinden aus Metall auf einer einfachen Pritsche. Die kargen Räume hier sind seit zwei Jahren sein zu Hause, und seine Frau hat er seit dem Mordanschlag nur noch stundenweise gesehen. Trotzdem sagt der Arzt: Nein, er lebe nicht wie im Gefängnis, das Krankenhausgelände sei ja groß und das Leben innerhalb der Mauern nicht schwer. „Ich bin immer beschäftigt. Ich arbeite, werde müde, schlafe, und fange am nächsten Tag wieder an. Meine Arbeit ist interessant. Das reicht mir.“

Zu seiner Arbeit gehört auch die Ausbildung von Nachwuchs-Ärztinnen und Pflegern, die dann in ganz Somalia helfen. „Meine Arbeit bereitet mir große moralische Befriedigung“, sagt der Arzt. „Was kann ich mehr vom Leben verlangen?“ Dabei könnte er Somalia verlassen – lange Zeit hat er in Rom praktiziert, dann in mehreren afrikanischen Ländern. Erst 2002 kam er nach Mogadischu zurück. Jetzt will er trotz allem bleiben. „Wir dürfen nicht vor denen zurückweichen, die das Leben verachten. Sonst ist dieses Land verloren.“

Viele HelferInnen, vor allem AusländerInnen, haben das Land längst verlassen. Wer bleibt, kennt das tödliche Risiko. Nach Angaben der UNO wurden in Somalia in den letzten 14 Jahren mehr als 80 HelferInnen getötet. Vielleicht, weil ihre Organisationen Geld aus dem Westen bekamen. Oder weil sie einen Job hatten und deshalb etwas mehr Geld als andere – wer will das schon sagen in einem Land, in dem das Recht des Stärkeren gilt und keine Polizei ermittelt.

Von draußen ist der Lärm der Generatoren zu hören. Weil es kein öffentliches Stromnetz gibt, laufen die Stromerzeuger rund um die Uhr. „Das ist unser größtes Problem“, sagt der Direktor des Madina-Krankenhauses. „Diesel ist teuer, die Kosten für den Strom fressen uns auf.“ Das Budget des Krankenhauses reicht nur, um die wichtigsten Medikamente kühlen zu können. Für die Kühlung der Leichenhalle reicht es nicht.

Eine Krankenschwester klopft an die Tür. Der nächste Patient liegt in Narkose bereit, ein älterer Mann mit einem Prostataleiden. Der Arzt hat seine kurze Pause durch das Gespräch längst überschritten und will zurück in den OP. Er bittet den leitenden Pharmazeuten, dem Besuch aus dem Ausland das Krankenhaus zu zeigen. Auf dem Gelände sind überall Menschen. Sie kochen auf offenen Feuerstellen, waschen Wäsche, warten. Der Pharmazeut wirkt angespannt, spielt ständig mit einem Schlüsselbund. Nach schweren Gefechten sei das Krankenhaus regelmäßig überfüllt: Dann hätten sie bis zu 600 PatientInnen bei nur 150 Betten. Medikamente und Verbandsmaterial, Ärztinnen, Ärzte und PflegerInnen würden knapp. Immerhin kommt vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes regelmäßig Nachschub.

Das Benadir-Krankenhaus liegt nur ein paar Kilometer vom Madina entfernt. Dort arbeitet eine der ehemaligen Schülerinnen von Mohamed Yusuf, die mittlerweile 26-jährige Kinderärztin Khartoum Mohamed Siad Hassan. Die Fahrt zum Benadir führt an zerschossenen Gebäuden vorbei, an Ruinenfeldern voller Trümmer. Auch das Krankenhaus wirkt von außen, als sei es längst aufgegeben worden: Zwischen den Betonplatten im Boden wuchert Unkraut, der große Parkplatz ist leer. Dann erst fallen die Milizionäre ins Auge, die Ärztinnen, Ärzte und PatientInnen mit ihren Kalaschnikows schützen.

Hinter den Mauern arbeiten Khartoum Mohamed Siad Hassan und die beiden anderen Ärztinnen des Hauses. Die 26-Jährige steht jetzt vor dem Bett eines Häufleins Mensch: ein anderthalbjähriges Kleinkind, das vor fünf Monaten mit einem Gewicht von nur drei Kilo eingeliefert wurde. Der kleine Junge war nicht nur unterernährt, sondern hatte außerdem Tuberkulose. Inzwischen hat sich sein Gewicht verdreifacht, und er wird es wohl schaffen. Dass er im Bett schläft, ist ein kleiner Luxus, viele andere PatientInnen liegen wegen der Überfüllung der Kinderstation auf Matratzen auf dem Boden. Sie sind unter- oder mangelernährt, haben Tuberkulose oder Hirnhautentzündung, schwere Malaria oder Tetanus. In vielen Fällen ist Hilfe nur theoretisch möglich. „Wir päppeln die Kinder auf, dann werden sie entlassen“, sagt die Ärztin. „Ein halbes Jahr später sind sie wieder da, weil ihre Eltern sie immer noch nicht ernähren können.“ In anderen Fällen sind die nötigen therapeutischen Eingriffe zu komplex für die bescheidenen Mittel des Krankenhauses.

Khartoum Mohamed Siad Hassan musste sich erst spät an die Anarchie und den Mangel in Somalia gewöhnen. Ihre Eltern, ein Labortechniker und eine Krankenschwester, hatten die alte Heimat vor dem Beginn des Krieges verlassen und ihren Lebensunterhalt in Saudi-Arabien verdient. Als Hassan 19 Jahre alt war, fühlten sich ihre Eltern in Mogadischu so sehr gebraucht, dass sie zurückkehrten. „Ich wusste gar nichts von meiner Heimat“ sagt Hassan, „und war glücklich, nach Hause zu kommen.“ Da sah sie das Trümmerfeld, das früher eine Hauptstadt war und begriff, dass sie von der Welt noch gar nichts wusste.

Ihre Eltern schickten sie in Mogadischu auf die „Benadir University“ und zahlten dafür jedes Jahr 1.800 Dollar. Das Geld dafür verdiente ihr Vater mit einer Apotheke, die er nach seiner Rückkehr in Mogadischu eröffnet hatte. Sechs Jahre lang lernte Hassan die Theorie und Praxis des Helfens. Dann hatte sie ihr Examen und mit ihren damals 25 Jahren schon genug zerfetzte und unterernährte Kinder gesehen, um die Arbeit im Benadir-Krankenhaus nicht mehr zu fürchten. „Wir dürfen nicht aufgeben“, sagt sie. Für sie ist es keine Frage, dass sie in Mogadischu bleibt. „An keinem Ort der Welt werde ich so dringend gebraucht wie hier.“

Bettina Rühl ist seit 1988 freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Afrika. Zuletzt arbeitete sie über den kollabierten Staat Somalia, den Krieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo und den Uranabbau im westafrikanischen Niger.

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