„Linke“ und „rechte“ Kämpferinnen

In Kolumbien sind Frauen sowohl bei der linken Guerilla als auch bei den rechten paramilitärischen Verbänden aktiv. Entsprechend unterschiedlich ist ihre Stellung innerhalb der bewaffneten Gruppierungen.

Von Maria Hörtner
In Kolumbiens FARC-Guerilla stellen Frauen mindestens ein Drittel der „Revolutionären Streitkräfte“.

In Kolumbien herrscht seit mehreren Jahrzehnten ein bewaffneter Konflikt – hauptsächlich zwischen zwei Guerilla-Organisationen (FARC und ELN) auf der einen und staatlichen Sicherheitskräften sowie paramilitärischen Gruppierungen auf der anderen Seite. Die Erfahrungen von Frauen bei den nicht-staatlichen Akteuren variieren sehr stark – die ideologische Ausrichtung der jeweiligen bewaffneten Gruppierung, strukturelle Rahmenbedingungen und nicht zuletzt das individuelle Verhalten der Comandantes prägen die Situation von Frauen in den bewaffneten Organisationen Kolumbiens zwischen Gleichberechtigung und Diskriminierung.

Je nach politisch-ideologischer Ausrichtung der irregulären bewaffneten Organisationen variiert der Frauenanteil zwischen 6% (Paramilitärs) und 30 bis 40% (Guerilla, an einigen Fronten der Guerilla bis zu 50%). Betrachtet man die Unterschiede bei der Frauenrekrutierung, aber auch die Situation der Frauen innerhalb der bewaffneten Gruppierungen, zeigt sich die Relevanz der Ideologie im bewaffneten Konflikt Kolumbiens. Klar ist, dass in den letzten Jahrzehnten andere Interessen in den Mittelpunkt gerückt sind und sich zu den ideologisch-politischen Zielen der jeweiligen AkteurInnen auch ökonomisch-territoriale gesellt haben. Nichtsdestotrotz ist das Selbstverständnis und auch das Handeln der bewaffneten Gruppierungen von ideologischen Unterschieden bestimmt.

Nicht so bei der einzelnen Kämpferin oder dem einzelnen Kämpfer. Die Motivation, in den bewaffneten Kampf einzutreten, hat sich stark gewandelt. Waren in den 1970er und 1980er Jahren noch politisch-ideologische Prinzipien ausschlaggebend dafür, mit der Waffe in der Hand für seine Ziele zu kämpfen, sind es heute eher so genannte „Push-Faktoren“, die hauptsächlich junge, aus ärmlichen und prekären Verhältnissen stammende Jugendliche in den bewaffneten Kampf treiben. Der Eintritt der Paramilitärs in die bewaffnete Auseinandersetzung sowie der lang andauernde und immer weiter eskalierende Konflikt haben zusätzlich zu einer Verschiebung der Motive beigetragen.

Familiäre Probleme, mangelnde Zukunftsperspektiven und Armut sind häufige Impulse, die „Flucht“ nach vorne – in den bewaffneten Kampf – anzutreten. Bei Frauen existieren noch zusätzliche Gründe, den Weg in den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Vor allem Erfahrungen von sexueller, physischer und psychischer Gewalt lassen oftmals keinen anderen „Ausweg“ zu. Doch so sehr die Ideologie mittlerweile als Motiv zum Eintritt der Kämpfer und Kämpferinnen in die bewaffneten Organisationen in den Hintergrund getreten ist, so präsent ist sie innerhalb derselben.

Besonders ersichtlich werden die ideologischen Unterschiede zwischen den Guerilla-Organisationen und den Paramilitärs nicht nur bei Betrachtung der Anzahl weiblicher Kämpferinnen in den jeweiligen bewaffneten Gruppierungen, sondern vor allem bei den Rollen, welche sie im bewaffneten Kampf ausüben. Frauen bei der Guerilla sind ihren männlichen compañeros nahezu gleichgestellt. Kochen, Holz holen, Schützengräben graben – die alltäglichen Aufgaben verrichten Angehörige beider Geschlechter gleichermaßen. Hinzu kommen spezifische „Arbeitsfelder“, wo sich auch Frauen in der Logistik, in Kämpfen, im Kommunikationswesen etc. beweisen können. Diese Tatsache stellt für Frauen aus dem sonst so patriarchal-machistisch geprägten Kolumbien eine Möglichkeit dar, aus den traditionellen Geschlechterrollen auszubrechen und andere Dinge zu erlernen bzw. zu erleben. Dass dies für die individuelle Kämpferin einen Gewinn darstellt, berichten viele ehemalige Kämpferinnen, wenn sie ihre Zeit in der Guerilla Revue passieren lassen. Begründet liegt diese gleichberechtigte Arbeitsteilung in der linksgerichteten Orientierung der beiden (größten) Guerillagruppierungen in Kolumbien.

Die FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), die größte Guerillabewegung auf dem amerikanischen Kontinent mit zwischen 9.000 bis 11.000 KämpferInnen und das ELN (Nationales Befreiungsheer), die zweitgrößte Guerilla Kolumbiens mit ca. 3.000 Guerilleras und Guerilleros in ihren Reihen, beanspruchen für sich selbst den Kampf für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, inklusive der Geschlechterverhältnisse.

Hundertprozentig gleichberechtigt geht es jedoch auch in der Guerilla nicht zu, machistische Prägungen und militärisch-hierarchische Strukturen behindern auch hier ein vollkommen gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis. Plastisch ersichtlich wird diese Grenze beispielsweise in Form der gläsernen Decke, die Guerilleras behindert, in höhere Positionen zu gelangen. So gibt es Kommandantinnen einzelner Einheiten, Fronten, Gebietsbereiche etc., in den obersten Kommandostrukturen fehlen Frauen jedoch gänzlich.

Bei den paramilitärischen Organisationen in Kolumbien zeigt sich ein ganz anderes Bild. Offiziell 2006 unter dem damaligen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez aufgelöst, sind die paramilitärischen Gruppierungen keineswegs von der Bildfläche verschwunden – im Gegenteil, neue Gruppierungen zeigen mittlerweile wieder starke Präsenz in weiten Teilen Kolumbiens. Wenig ist bekannt über die weibliche Beteiligung innerhalb der aktuellen paramilitärischen Gruppierungen, es dürfte jedoch keinen großen Unterschied zu den Frauen bei den AUC, den „Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens“ – dem paramilitärischen Dachverband, welcher offiziell bis 2006 existierte – geben. Gegründet vor allem, um die Verbreitung der Guerilla, aber gleichzeitig auch jeglicher legalen Opposition im Lande zurück zu schlagen, ziel(t)en die Paramilitärs auf eine Verteidigung des Status quo und nicht, wie die Guerilla, auf eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ab.

Diese Tatsache spiegelt sich auch in der geringen Frauenbeteiligung und dem traditionellen Frauenbild der „Paras“ wider. Den Status quo verteidigen bedeutet nämlich auch, die vorherrschenden konservativen Geschlechterbilder zu verteidigen bzw. noch zu übertrumpfen. Frauen finden zwar auch Eingang in die rechten paramilitärischen Gruppierungen – aber vor allem zum Ausüben klassisch weiblicher Tätigkeiten. Krankenschwestern, Köchinnen, Wäscherinnen, dafür sind Frauen bei den Paramilitärs „gut“ genug. An realen bewaffneten Auseinandersetzungen und Kämpfen sind sie – im Gegensatz zur Guerilla – wenig beteiligt. Auch die Rekrutierung von Frauen als Sexsklavinnen bzw. als „Freundinnen“ der Comandantes war und ist bei den Paramilitärs gang und gäbe. Diese – und auch alle anderen Frauen in den Reihen der Paramilitärs – sind permanenter sexueller und physischer Gewalt ausgesetzt, eine Tatsache, die wiederum auf die Vision der Frau als Sexualobjekt und nicht handelndes Subjekt verweist.

Innerhalb der Guerilla hingegen wird jegliche gewalttätige Handlung gegen Frauen strengstens bestraft, Vergewaltigung mit der Todesstrafe geahndet. So gleichberechtigt und respektvoll also der Umgang zwischen den beiden Geschlechtern in der Guerilla ist, so markant zeigen sich Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen, wenn es um Intimität und Schwangerschaft geht.

In jedem bewaffneten Kampf stellt sich grundsätzlich die Frage des Umgangs mit Schwangerschaft. Kinder in so einem Kontext groß zu ziehen, gestaltet sich als besondere Herausforderung für die bewaffneten Organisationen. War es früher (bzw. durch die Glorifizierung der Mutterrolle heute bei den Paramilitärs auch noch) üblich, Babys bei Familienangehörigen oder engen FreundInnen zu lassen, existiert heute in der Guerilla strenges Schwangerschaftsverbot. Zwangsweise Verabreichung von Verhütungsmitteln mit teilweise gesundheitsschädlichen Folgen für die Kämpferinnen und Zwangsabtreibungen sind nun gängige Praxis. Das oberste Gebot ist hier die Effizienz und Kostengünstigkeit – je nach finanziellen Ressourcen stehen manchmal auch Kondome zur Verfügung, je nach Einstellung bzw. Charakter der Kommandanten können auch Ausnahmen gemacht werden.

Ideologische Ausrichtung, strukturelle Rahmenbedingungen, individuelles Verhalten der comandantes – all diese Faktoren prägen die Situation von Kämpferinnen in Kolumbien zwischen Gleichberechtigung und Diskriminierung. Der weiter andauernde bewaffnete Konflikt in Kolumbien und die patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen führen jedoch dazu, dass für den Großteil der ehemaligen Kämpferinnen die Rückkehr in das zivile Leben auch eine Rückkehr in die „Normalität“ der Geschlechterverhältnisse bedeutet.

Maria Hörtner ist Soziologin mit den Schwerpunkten feministische Theorie und Konfliktforschung. Die Forschung zu (ehemaligen) Kombattantinnen in Kolumbien erschien 2009 unter dem Titel „Die unsichtbaren Kämpferinnen. Frauen im bewaffneten Konflikt in Kolumbien zwischen Gleichberechtigung und Diskriminierung“ im PapyRossa Verlag.

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