Um Grund und Boden

Durch Landraub sichern sich die Reichsten der Welt Zugriff auf die künftig vielleicht wichtigste Ressource: Boden. Warum unsere Lebensgrundlagen zerstört werden, wenn wir nichts gegen diesen Raubzug unternehmen, dokumentiert Kurt Langbein.

Kenianische Schulkinder protestieren gegen Landraub auf dem Gelände ihrer Schule in Nairobi.© Dai Kurokawa / EPA / picturedesk.com

Spätestens mit der Finanzkrise 2008 hat das globale Finanzkapital die Äcker der Welt als Geschäftsfeld entdeckt. Banken, Pensions- und Investmentfonds sowie Großkonzerne eignen sich in zunehmendem Maße enorme Ländereien an. Meist schließen sie dafür Mega-Deals mit den jeweiligen Regierungen ab, die ihnen Riesenflächen für 50 bis 100 Jahre zur Pacht überlassen. Diese als „Landraub“ bezeichnete Praxis dominiert den Wettstreit um die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen der Erde. An Stelle der Bäuerinnen und Bauern bestimmen vielerorts bereits Profitinteressen über die Böden. Spricht man mit den an den Investitionen Beteiligten, wird schnell eines deutlich: Ihre Wahrnehmung könnte unterschiedlicher nicht sein. Die einen sprechen von gesundem Wirtschaften, Sicherung der Nahrungsversorgung für die Welt und Wohlstand für alle. Die anderen erzählen von Vertreibung, Versklavung und vom Verlust der wirtschaftlichen und sozialen Lebensgrundlagen.

 „Es ist sehr attraktiv, ich spreche von 40 Millionen Jahresgewinn über 20 Jahre, sie werden stets mit einem Lächeln zur Bank gehen“, sagt der Investmentberater Suriya Moorthy in Kuala Lumpur auf die Frage, warum jemand in Palmöl investieren solle, wenn er zum Beispiel 100 Millionen Euro zur Verfügung habe. Die kambodschanische Bäuerin Yiey Loeum erzählt eine andere Geschichte. „Sie haben uns das Reisfeld genommen, das wir seit Generationen bearbeitet haben, wir haben nichts mehr“, sagt sie. Insgesamt 1.000 Familien wurden von ihrem Land vertrieben, damit dort Zuckerrohrplantagen errichtet werden konnten. Zucker wurde zu einem attraktiven Investitionsfeld, seit die EU mit ihrem Programm „Everything but Arms“ Importe aus den ärmsten Entwicklungsländern begünstigt.

 Landgrabbing passiert an den unterschiedlichsten Orten, derzeit konzentrieren sich viele Bemühungen neben Teilen Asiens vor allem auf einen Kontinent: Afrika.

 „Für Investoren ist Afrika der Ort, wo die Chancen liegen“, sagt Investmentberater Christof Walter auf der Londoner Investmentmesse. „Für Agrarunternehmer ist Äthiopien der Himmel auf Erden“ sekundiert Jan Pins, der dort Gemüse für die Tophotels in Dubai produziert. Er hat das dafür bebaute Land für fünf Euro pro Hektar und Jahr von der Regierung gepachtet. „Ich bekomme 24 Euro im Monat, damit kann ich meine Kinder kaum ernähren“, sagt Alemgema Alemayoh, die sich als Arbeiterin in den riesigen Gewächshäusern verdingt. Hunger ist in Äthiopien immer noch bittere Realität.

Schiefe Bilanz. Sind die Investitionen in großem Stil die Zukunft? „Für mich ist das Kolonialismus 2.0, der uns eines Tages teuer zu stehen kommen wird“, sagt Felix Löwenstein, Agrarwissenschaftler und Biobauer in Deutschland. Denn industrielle Landwirtschaft bewahrt die Menschheit nicht vor Hunger. Immer noch 70 Prozent aller Nahrungsmittel werden von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und gewerblichen Fischerinnen und Fischern produziert. Und entgegen dem medial transportierten Bild ist die Agrarindustrie insgesamt keineswegs effizienter: Der Ertrag pro Hektar ist zwar insgesamt höher, aber mit modernen Methoden kann der Ertrag der Kleinbäuerinnen und -bauern auch annähernd auf das Industrie-Niveau gesteigert werden. Viel wesentlicher ist jedoch, dass die industrielle Landwirtschaft mit ihrem enormen Materialeinsatz für Maschinen und Hybrid-Saatgut, mit ihrem gewaltigen Energieeinsatz für chemische Düngung, Pestizide und künstliche Bewässerung sowie mit ihrer langfristigen Zerstörung der Böden eine weit schlechtere Gesamt-Ökobilanz aufweist.

Der Potsdamer Agrarforscher Peter Clausing hat hochgerechnet, dass Kleinbauern zehnmal mehr Energie produzieren als sie verbrauchen. Genau umgekehrt ist es bei der industriellen Landwirtschaft mit ihrem massiven Einsatz an Maschinen, Treibstoff und Chemie – sie verbraucht zehnmal so viel Energie wie sie herstellt.

Wachsende Ungleichheit. Boden lässt sich nicht vermehren. Jedes Jahr geht das Äquivalent von zehn Millionen Hektar Agrarfläche durch Erosion verloren, weil die industrielle Landwirtschaft immer weniger Bäume und Sträucher als Windschutz wachsen lässt. Zudem hat in riesigen Monokulturen Wasser leichtes Spiel, die Krume wegzuschwemmen.

Weltweit werden jedes Jahr drei Millionen Hektar verbaut oder zubetoniert, mehr als die doppelte Fläche des Ackerlands in Österreich. Deshalb steht auch immer weniger Ackerfläche für die Ernährung jedes einzelnen Menschen zur Verfügung. 1960 waren es durchschnittlich noch 0,5 – ungleich verteilte – Hektar. Parallel zur wachsenden globalen Ungleichheit von Vermögen, Einkommen und Bildung steigt auch die Ungleichheit der Verfügbarkeit von landwirtschaftlicher Fläche. BewohnerInnen der Industriestaaten verbrauchen heute pro Person immer noch Pflanzen, die auf 0,5 Hektar wachsen.

Im Rest der Welt müssen sich DurchschnittsbürgerInnen dagegen mit 0,2 Hektar begnügen. Fast 60 Prozent der Lebensmittel und Agrarprodukte, die Europäerinnen und Europäer derzeit konsumieren, wachsen nicht in Europa, sondern in den ärmeren Ländern, wo ohnehin schon Knappheit herrscht. Und die Ungleichheit wird zunehmend größer: Im Jahr 2050, so schätzen die Forscher der Heinrich-Böll-Stiftung, werden die BewohnerInnen der Industriestaaten immer noch 0,4 Hektar nutzen können, überall sonst müssen dann 0,1 Hektar reichen.

Mittlerweile sind europäische Investmentfonds und Banken im Weltmaßstab die eifrigsten Investoren. Die OECD hat erhoben, dass 44 Prozent aller Finanzmittel, die weltweit in Bodenwerte fließen, aus europäischen Geldhäusern stammen. Und die Politik der EU gestaltet die entscheidenden Rahmenbedingungen, die großflächigen Landraub für Agrosprit, Palmöl, Soja und Exportfrüchte wie z.B. Zucker begünstigen und damit Millionen Bäuerinnen und Bauern ihre Lebensbasis und Entwicklungschancen rauben. Das ist bitter und ermutigend zugleich: Politik lässt sich verändern. Noch ist der dazu nötige Wille freilich nicht in Sicht.

Kurt Langbein ist Journalist und Filmemacher und lebt in Wien.

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