„Wissensmodus statt Krisenmodus“

Der deutsche Entwicklungsforscher Dirk Messner sieht die SDGs, die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Weltgemeinschaft, als machtvolles Instrument zur ökologischen Transformation. Und er erklärt, was sich Österreich von Deutschland abschauen könnte.

© Irmgard Kirchner

Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit existieren als Handlungsfeld immer noch. Wie zeitgemäß ist das Entwicklungsdenken?

Entwicklungspolitik als Kooperation mit Entwicklungsländern und auch Schwellenländern – in allen möglichen Bereichen – muss immer wichtiger werden. Die globalen Interdependenzen werden immer dichter. Wir haben die Flüchtlingskrise und die Ebola-Epidemie erlebt. Wir haben gesehen, wie unsere Nachbarregion, der Nahe Osten, kollabiert. Wir sehen, wie eng die Dinge zusammenhängen. Die einzige Antwort darauf kann nur Kooperation sein.

Welche Bedeutung haben die SDGs, die Nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO, in diesem Feld?

Die SDGs sind wichtig, weil sie am Ende des Tages ein neues Entwicklungsparadigma darstellen. Mit dem Washington Consensus der 1980er und 1990er Jahre dominierte international die Entwicklungsvorstellung, dass ein möglichst hohes Maß an Marktwirtschaft automatisch Entwicklung generiere. In den letzten 20 Jahren haben wir gelernt, dass das nicht der Fall ist. Markt ist sehr wichtig. Wettbewerb ist sehr wichtig, aber wir brauchen einen komplexeren Politikansatz, damit die Marktwirtschaft den Menschen zu Gute kommt und ökologische Schäden zugleich minimiert werden. Man versucht in den SDGs auszudrücken, wie Entwicklung die Armutsbekämpfung voranbringt, Ungleichheit in Gesellschaften reduziert und zugleich ökologische Schäden von wirtschaftlicher Entwicklung und wirtschaftlichem Konsum reduziert – in Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern.  Das ist ein neues Entwicklungsverständnis.

Es wird kritisiert, dass die SDGs auch dem Wachstumsparadigma verhaftet sind.

Ich finde es sehr wichtig, dass in der Agenda 2030 und in den SDGs die wichtigsten Leitplanken des Erdsystems, die wir nicht überschreiten sollten, und deren Grenzen, benannt sind. Und innerhalb dieser Grenzen kann auch Wachstum stattfinden. Wachstum darf nicht da stattfinden, wo diese planetaren Grenzen überschritten werden. Das ist für mich eine der Kernbotschaften der Agenda 2030.

Wie kann es unter dem Gesichtspunkt ökologischer Grenzen globale Gerechtigkeit geben?

Ich nehme das Beispiel Klima, weil das am intensivsten diskutiert wird. Wir haben in Paris vereinbart, dass wir wollen, dass die globale Erwärmung nicht über 1,5 bis 2 Grad hinausgeht. Bei 1,5 Grad plus ist das Treibhausgas-Budget, das uns weltweit zur Verfügung steht, 250 Gigatonnen. Das sind ungefähr fünf Jahresemissionen auf dem jetzigen Stand. Es sind etwa 750 bis 1.000 Gigatonnen, wenn man zwei Grad nicht überschreiten will. Der einzige robuste Gerechtigkeitsindikator, der in der internationalen Kooperation standhält, ist, dass jeder Erdenbürger das gleiche Verschmutzungsrecht hat. Wir brauchen ein System, das Gerechtigkeit und Ausgleich organisiert. Und wenn Entwicklungsländer Beiträge zum Klimaschutz leisten, indem sie weniger emittieren, dann müssen wir sie entsprechend dafür kompensieren.

Es wird ja auch argumentiert, dass die Industrieländer schon 200 Jahre Vorsprung bei der Verschmutzung der Erdatmosphäre haben.

Darüber wird leidenschaftlich debattiert. Meine afrikanischen und indischen Kollegen argumentieren, dass wir die historischen Emissionen seit Beginn der industriellen Revolution miteinberechnen müssen. Dadurch seien die Industrieländer wohlhabend geworden und hätten ein großes Weltproblem geschaffen. Ich denke, wir sollten die historischen Emissionen ab 1990 berücksichtigen. Seit 1990 wissen wir mit großer wissenschaftlicher Bestimmtheit und Genauigkeit, dass Treibhausgase menschengemacht sind und dass Treibhausgase verantwortlich sind für die globale Erwärmung, die wiederum Menschen weltweit schädigt.

Wie werden die SDGs in den Ländern des globalen Südens gesehen?

Für Entwicklungsländer am bedeutsamsten ist, dass die SDGs eine universelle Agenda sind. Die Millennium Development Goals waren vernünftige Ziele. Aber aus Sicht der Entwicklungsländer hatte sich das so dargestellt: Der Norden muss überhaupt nichts ändern, aber wir sollen uns an internationalen Zielen ausrichten. Die SDGs fordern auch die Industrieländer zum Handeln auf.

Was braucht es für die Umsetzung der SDGs? Wie schaut die Situation in Deutschland aus?

Der Gradmesser des Erfolges ist, wie man mit den SDGs umgeht. Werden sie im Wesentlichen als entwicklungspolitische Agenda gesehen, dann wäre man aus meiner Sicht zu kurz gesprungen. Es geht darum zu schauen, was man insgesamt als Gesellschaft tun kann, damit man innerhalb des Rahmens, der von den SDGs abgesteckt wird, gesellschaftliche Entwicklung und Wohlfahrt sowie internationale Kooperation voranbringen kann. Das ist der Geist der SDGs. In Deutschland sind die SDGs ein wichtiger Impuls für die nationale Politik. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung wird jetzt vollständig auf die SDGs ausgerichtet. Und da tragen alle Ressorts bei. Das ist ein Prozess, der mit viel öffentlicher Konsultation zu tun hat. Gesellschaftliche Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, die Kirchen und die Wissenschaft kommentieren den Nachhaltigkeitsstrategie-Entwurf der Bundesregierung, der bis Ende 2016 verabschiedet wird. SDGs und die Agenda 2030 spielen auch bei der deutschen Präsidentschaft der G-20 im kommenden Jahr 2017 eine wichtige Rolle. Ich habe den Eindruck, die deutsche Bundesregierung kämpft dafür, dass die Agenda 2030 zum überwölbenden Ziel der G-20 wird. Wäre das der Fall, müsste man das klassische Wachstumsdenken der G-20, das sich ja zunächst nicht wahnsinnig viel um ökologische und soziale Implikationen gekümmert hat, zurücknehmen. Keine gute Lösung wäre es, würde die Agenda 2030 nur in der entwicklungspolitischen Arbeitsgruppe der G-20 landen.

Wer oder was hat dazu beigetragen, dass in Deutschland die SDGs zu einer Art gesamtgesellschaftlichem Anliegen geworden sind?

Die Bundesregierung nimmt das Zielsystem ernst. Es wird versucht, die Nachhaltigkeitsstrategie neu auszurichten. Alle Ressorts arbeiten in diese Richtung. Im Außenministerium ist z. B. eine Taskforce angesiedelt, die sich mit der Frage beschäftigt, wie die Außenpolitik mit der Agenda 2030 zusammenhängt. Die Bundesregierung hat einen starken Impuls gesetzt, zudem haben sich Nichtregierungsorganisationen aus dem entwicklungspolitischen und dem sozialpolitischen Bereich stark eingebracht. Und letztendlich hat sich auch die Wissenschaft stark engagiert. Im deutschen Sustainable Development Solutions Network arbeiten ca. 15 Forschungsinstitute mit. Sie schauen darauf, dass die SDGs für die deutsche Politik eine relevante Rolle spielen.

Wie nachhaltig ist dieser Prozess? Sie haben nächstes Jahr Bundestagswahl.

Die Partei Alternative für Deutschland, mit etwa zwölf Prozent Wählerstimmen, bestreitet die Bedeutung des Klimawandels. Die anderen fast 90 Prozent nehmen den Klimawandel ziemlich ernst. In Deutschland ist die Bekämpfung des Klimawandels fast Staatsräson. Nicht, dass es nicht Streitereien gäbe, wann man die Kohleverbrennung einstellt oder wie man das Problem Autoverkehr angeht. Aber es gibt eine große Übereinstimmung, dass bis 2050 die deutschen Emissionen im Vergleich zu 1990 um 95 Prozent gesenkt werden sollen.

Was sind die größten Hindernisse am Weg zur globalen Nachhaltigkeit?

Wenn man die Gesellschaft aus der ökologischen Perspektive umbaut – hin zu einer vollkommen dekarbonisierten Weltwirtschaft und zu einer kompletten Welt-Kreislaufwirtschaft bis 2050, spätestens bis 2070, dann ist das natürlich ein gigantischer Strukturwandel. Und der hat sehr viele Gewinner, vor allem in der Zukunft. Wir wollen ja ein stabilisiertes Erdsystem und eine stabile Umwelt erhalten als Grundlage menschlicher Zivilisation. Aber wir müssen auch an die Verlierer dieses Strukturwandels denken. Und wir müssen diesen Strukturwandel sozial gestalten. Wenn wir das vernachlässigen, werden die Trumps dieser Welt an Bedeutung gewinnen und eine globale Friedens- und Kooperationsordnung erschweren.

Wer sind zum Beispiel solche Verlierer des Strukturwandels?

In Deutschland beispielsweise die Braunkohleindustrie in der Lausitz im Osten von Deutschland. Dort machen sich viele Menschen große Sorgen. Wenn es einen schnellen Ausstieg aus der Braunkohle gibt, was bleibt denn dann in der Region an wirtschaftlicher Aktivität? Da muss man wirtschaftliche Programme auflegen und Strukturprogramme entwickeln.

Wie sehen Sie – aus optimistischer und aus pessimistischer Perspektive – die Chancen für die Verwirklichung globaler Nachhaltigkeit?

Erstens sage ich als Optimist, dass es eine unglaubliche Erfolgsgeschichte ist, wie schnell eine Diskussion international in Gang gekommen ist, dass die globale Energiewirtschaft der Zukunft erneuerbar sein muss. Vor zehn Jahren, als wir ähnliche Thesen formuliert haben, wurde das entweder als naive oder als wirtschaftlich verrückte Weltsicht wahrgenommen. 2008/2009 war der Anteil von Neuinvestitionen im globalen Energiesektor im fossilen und nuklearen Bereich bei 80 Prozent. Und heute liegt der Anteil der Investitionen in erneuerbare Energien weltweit bei über 60 Prozent. Der Energiesektor ist auf dem richtigen Weg. Auch da gibt es noch viele Schwierigkeiten zu überwinden, aber innerhalb einer Dekade hat sich die Diskussion völlig gedreht.

Meine zweite Beobachtung bezieht sich auf den globalen Urbanisierungsprozess. Von heute 2016 bis 2050 wird sich die urbane Bevölkerung von dreieinhalb Milliarden Menschen auf sieben Milliarden verdoppeln. Schon heute leben gut 50 Prozent der Menschen in den Städten weltweit. Dann werden es zwischen 70 und 80 Prozent sein. In den Städten werden heute schon 70 Prozent der globalen Emissionen verursacht. 80 Prozent des Ressourcenverbrauchs hängen mit der Organisation der Städte zusammen. Wenn wir für diese dreieinhalb Milliarden Menschen, die jetzt in die Städte wandern, die Städte so bauen, wie wir sie bisher in der Vergangenheit gebaut haben, dann ist keines unserer Klima- oder Ressourcenprobleme lösbar. Das ist ein sehr wuchtiger und rascher Prozess, der noch gar nicht auf den Agenden der internationalen Politik steht. Da mache ich mir große Sorgen.

Meine dritte Beobachtung ist historisch. Unsere Gesellschaften haben sich vielfach transformiert. Die Verwandlung der Agrargesellschaften in die Industriegesellschaft, die Durchsetzung der Menschenrechte, die Erfindung der Demokratie, das waren enorme Neuerungen, die die Menschheit durchgemacht hat. Aber oft waren in solchen großen Transformationen Krisen, Konflikte und Gewalt die Treiber dieser Prozesse. Die europäische Union als Friedens- und Kooperationsprojekt baut auf zwei Weltkriegen auf. In der ökologischen Thematik stellt sich die historische und zivilisatorische Frage, ob wir diesmal den Krisenmodus ersetzen können durch einen Wissensmodus. Weil wir wissen, welche Risiken wir eingehen, wenn wir uns nicht an der Agenda 2030 orientieren. Wir müssen alles tun, damit die Neo-Nationalisten und „Our-Country-First“-Bewegungen diesen Prozess globaler Verständigung nicht in ein Krisenszenario verändern.

Gespräch: Irmgard Kirchner

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