24 Lügen pro Sekunde

Das katalanische Filmarchiv OVNI sammelt koloniale Dokumentar- und Propagandafilme sowie antikolonialistisches Film- und Videomaterial von politischen AktivistInnen und unabhängigen FilmemacherInnen. Eine Auswahl davon wurde auf der Grazer Diagonale gezeigt.

Von Michaela Krimmer
Film ist 24 mal Wahrheit pro Sekunde“, lautet einer der bekanntesten Aussprüche des Filmemachers Jean-Luc Godard. Doch wurde und wird gerade Film auch intensiv zur Stärkung der eigenen Ideologie eingesetzt. Umso mehr besteht Bedarf, die auf Zelluloid gebannte „Wahrheit“ aus politisch brisanten Zeiten wie der Kolonialzeit zu hinterfragen. Unter dem Titel „Koloniale Träume – Autonome Zonen“ präsentierte das Filmarchiv Objetos de Video Non Identificados aus Barcelona bei der Diagonale eine ausgewählte Filmschau im Forum Stadtpark in Graz. „Hier werden all unsere Träume und Albträume versammelt, die der Kolonialismus hinterlassen hat. Siehst du dir dokumentarische Filme an, dann merkst du, wie fragil die Wirklichkeit ist – ganz zu schweigen von die Wahrheit“, meint Simona Marchessi, Mitarbeiterin des Archivs.
„Unbekannte Videoobjekte“ ist Name und Motto des Archivs, die Abkürzung OVNI entspricht dem deutschen „UFO“. Seit 1992 hat es sich zum Ziel gesetzt, die Welt „da draußen“ nach wenig bekanntem dokumentarischen Filmmaterial zu durchsuchen. Audiovisuelle Archive verwalten einen Teil unseres kollektiven Gedächtnisses, doch gerade das Material aus der Kolonialzeit ist oft nur schwer zugänglich. „200 Euro pro Sekunde: das war der Preis eines römischen Archivs, um eine Dokumentation aus der Kolonialzeit sichten zu dürfen. Da ist es ganz egal, ob man von einer Non-Profit-Organisation kommt“, ärgert sich Simona Marchessi, wenn sie sich an die Odysseen durch die heiligen Hallen der Archive erinnert.
In „Una Cruz en la Selva“ – „Ein Kreuz im Wald“ – von 1940 lässt sich ein spanischer Missionar auf den Schultern einiger Afrikaner übers Wasser heben. Mit dem Kreuz in der Hand will er Frieden und Erlösung auf den dunklen Kontinent bringen. Nichts Neues aus der Kolonialgeschichte, denkt man, und doch läuft der Betrachterin angesichts der bewegten Bilder ein Schauer über den Rücken. Sie schaffen es, Machtverhältnisse in wenigen Sekunden plakativ zur Schau zu stellen. „Gerade in Spanien ist die Kolonialgeschichte etwas verschwommen Undeutliches. Sie ist nie wirklich aufgearbeitet worden“, erklärt Joan Leandre Martínez, Mitbegründer des OVNI-Archives.

„Afrique 50“ aus dem Jahre 1950 ist ein Meilenstein des antikolonialen Films. „Die einzigen Weißen, die je in dieses Dorf kamen, waren entweder der administrateur, der Steuern eintreiben wollte, oder der recruteur, der unsere Männer für die Armee verpflichtet hat.“ Mit diesen Worten wird der damals 21-jährige Filmemacher René Vautier in einem Dorf des heutigen Côte d’ Ivoire begrüßt, damals Teil der Kolonie Französisch-Westafrika. Er kommt mit der Aufgabe, einen Schulfilm über Afrika zu produzieren, ist aber bald schockiert über die ausbeuterischen Zustände vor Ort. Mit dem ersten antikolonialen Film Frankreichs in der Tasche, der das Kolonialsystem als Form der Sklaverei anprangert, kehrt er zurück in seine Heimat. 13 Mal wird Anklage gegen ihn erhoben, ein Jahr lang wurde er sogar inhaftiert. Fast 50 Jahre lang war der Film in Frankreich verboten, erst Ende der 1990er Jahre durfte er wieder über die Filmrollen laufen.
Vor kurzem reiste René Vautier nach Barcelona. „Es war umwerfend, wie er da im Zug angereist kam, mit einem verknautschten Hut, alter Jacke und glänzenden Augen“, schwärmt Simona Marchessi. „Er traf dort auf junge aktivistische Filmemacher – Männer und Frauen –, die 50 Jahre später genauso ihr Filmschaffen in den Dienst des ‚cinéma engagé‘ stellen – des engagierten Kinos.“

Joan Leandre sieht in der Zusammenführung von kolonialen, imperialistischen und links-aktivistischen Filmen das große Potenzial des Archivs. Die Ideologien kolonialer Filme sind keineswegs überwunden. Eurozentrismus, Rassismus, aber auch Idealisierung der gefilmten Objekte wurden in unser heutiges Leben in veränderter Form weiter getragen.
Dennis O’Rourke gelang 1988 ein intimer Blick in das Verhältnis von Reisenden und Bereisten. „Cannibal Tours“ zeigt eine weiße TouristInnengruppe, die sich auf die Suche der ehemaligen Kannibalen in Papua Neuguinea macht. Doch wer ist hier bizarrer? „There is nothing so strange in a strange land, as the stranger who comes to visit it“, stellt O’Rourke an den Anfang seines Films.
Noch immer werden die TouristInnen mit den Worten „the dead ones have arrived“ begrüßt. „Als die Weißen zum ersten Mal hierher kamen, kamen sie auf Schiffen. Meine Vorfahren dachten, sie seien die toten Seelen, die zurückkommen“, schmunzelt ein alter indigener Mann im Film. „Natürlich glauben wir nicht mehr, dass sie unsere toten Vorfahren sind. Aber es ist ein passender Name.“
In Gesprächen untereinander versuchen die Reisenden, das Phänomen Kannibalismus einzuordnen: Wurde nur symbolisch ein kleiner Finger gegessen, war das ganze Dorf beteiligt oder war es purer Blutrausch? Ein deutscher Tourist, geschützt von einem weißen Hut mit Leopardenband, posiert vor einem Holzgerüst: „Ach, und hier haben sie die Menschen aufgespießt, um sie dann zu essen?“ Ein Gespräch zwischen den Reisenden und Bereisten, das über den Handel von Holzmasken hinausgeht, findet nicht statt. Es ist einfacher, sich auf die eigenen Phantasien zu beschränken.

„Das Fremde“ – gefürchtet, wenn es uns zu nahe kommt, belächelt, wenn es noch „im Dschungel“ wohnt – ist nach wie vor eine so starke Kategorie, dass es vor der Kameralinse mit unveränderter Faszination thematisiert wird. Müssen wir das Fremde beherrschen, lächerlich machen oder auch nur dokumentieren, um es uns dadurch verständlich, ja verdaulich zu machen? Was treibt JournalistInnen und FilmemacherInnen noch immer in die Welt hinaus, um schlussendlich ihr eigenes subjektives Bild der Welt mit nach Hause zu bringen?
Unter dem passenden Titel „The World According to Austria“ – die Welt gemäß Österreich – lud das Forum Stadtpark österreichische FilmemacherInnen innerhalb der OVNI-Filmschau zur Diskussion. So wie die Kolonialfilme den Anspruch hatten, die Wahrheit zu zeigen, wird auch heute Dokumentarfilmen ein hoher Grad an Authentizität zugestanden. Doch FilmemacherInnen sehen das, was sie sehen wollen oder können, sie setzen den Schnitt, wo etwas nicht mehr interessant ist und stellen die Fragen, die vor allem ihnen selbst wichtig sind.
Oliver Ressler wollte in seinem Film „5 Fabriken“ den Wandel der Produktionsbetriebe in Venezuela seit der „bolivarianischen Revolution“ aufzeigen. „Die Menschen vor Ort wollten, dass ich ihren folkloristischen Begrüßungstanz filme und nicht diese Fabriken. Das hat mir natürlich gar nicht ins Konzept gepasst“, gab er zu.
Jeder Filmemacher verfolgt sein Ziel. „Wichtig ist es immer, den Respekt als deinen Begleiter zu haben“, betont Astrid Heubrandtner. Sie setzt sich filmisch mit der Beziehung zu ihrer Kusine auseinander, die zum Islam konvertierte und in Syrien lebt. In „Marhaba Cousine“ trifft Heubrandtner auf ein Leben, das in ihr Unverständnis hervorruft.
Ihr Grundsatz ist auch Resümee der Diskussion: Filmemachen muss von Respekt und Reflexion getragen sein. Denn Film kann auch mit 24 Bildern pro Sekunde lügen – gerade wenn er die Wahrheit für sich beansprucht.
„Er kann immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen. Und auch dann ist er ein Kind seiner Zeit“, denkt Simona Marchessi über die Bedeutung des Filmmaterials des OVNI-Archivs nach. „Wichtig ist es, das kollektive Gedächtnis der Kolonialzeit nicht verstauben zu lassen und diese Zusammenstellung an Material kritischen Augen zugänglich zu machen.“ Denn Film gewinnt seine Wahrheit erst durch den Betrachter, der ihn in den Kontext zu setzen weiß.

Michaela Krimmer arbeitet derzeit an ihrer Diplomarbeit für ihr Studium der Ethnologie. Sie ist Märchenerzählerin, freie Journalistin und Filmemacherin.

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