
Belo Monte am Xingu-Fluss zählt zu den größten Wasserkraftwerken der Welt. Gebaut wurde es trotz massiver Proteste – mit Turbinen aus Österreich. Wie leben die Menschen in Altamira heute mit den Folgen?
Vor über zehn Jahren unterstützten mehrere österreichische NGOs, darunter Südwind und die Dreikönigsaktion, brasilianische Organisationen im Widerstand gegen das Kraftwerksprojekt Belo Monte im Amazonas. Trotz massiver Proteste wegen der drohenden Folgen auf Menschen und Umwelt lieferte die österreichische Andritz AG die Turbinen und der Bau wurde 2019 abgeschlossen. Wie geht es den Menschen vor Ort? Wir haben bei Herbert Wasserbauer, langjähriger Referent für Anwaltschaft bei der Dreikönigsaktion, nachgefragt. Er hat Vertreter:inner der Bewegung von Staudamm-Betroffenen (Movimento dos Atingidos por Barragens, MAB) im Dezember 2025 in Wien getroffen.
Wie hat sich das Leben in der nahegelegenen Stadt Altamira verändert?
Leider ist vieles davon, was vor dem Bau als Befürchtung im Raum stand, auch eingetreten. Altamira erlebte einen massiven Zuzug durch den Bau des Kraftwerks. Einst wohnten dort 90.000 Menschen, heute sind es 200.000. Die Folgen: In der Stadt fehlt es an allen Ecken und Enden, auch bei der Grundversorgung. Altamira ist eine der gefährlichsten Städte im Land geworden, es kam zu Fällen von Menschenhandel und Zwangsprostitution.
Wer profitierte denn letztendlich vom Bau des Kraftwerks?
Die Firmen, die es gebaut haben und das Energieunternehmen Eletro Norte. Der Strom kommt nicht, wie versprochen, zu den Menschen in der Region. Da leben immer noch viele ohne Strom, aber mit den verheerenden Konsequenzen, die die zwei Dämme – einer zur Umleitung des Flusses und einer beim Wasser-Reservoir – mit sich bringen. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen in der Großen Schlinge, Volta Grande, des Xingu-Flusses: Dort wurde das Wasser abgeleitet und die Bewohner:innen sind nun davon abhängig, wieviel Wasser ihnen die Kraftwerksbetreiber noch durchfließen lassen. Zusätzlich gibt es große Goldvorkommen und ein kanadisches Bergbauunternehmen möchte dort die größte Goldmine Brasiliens eröffnen. Menschen die umgesiedelt wurden, haben Häuser in mangelhafter Qualität erhalten und kämpfen mit einer schlechten Verkehrsanbindung, fehlenden Einkommensmöglichkeiten und gewalttätigen Konflikten in den neuen Siedlungen. Und: Die Menschen in der Region leiden an massiven klimatischen Veränderungen durch den Klimawandel, mit denen vor zehn Jahren auch noch nicht in diesem Ausmaß gerechnet wurde.
Worauf beziehen Sie sich da?
Es gibt massive Trocken- bzw. Dürrephasen in der Amazonas-Region. Das hat Auswirkungen auf Mensch, Natur und nicht zuletzt auch auf das Kraftwerk. Belo Monte produziert nicht annähernd die Leistung, für die es ausgelegt ist. Dammbrüche wie in Mariana 2015 und Brumadinho 2019, beide auch in Brasilien, zeigten, wie Umweltverbrechen ganze Regionen nachhaltig schädigen: Menschen und Umwelt in den betroffenen Gebieten werden noch Jahrzehnte brauchen, um sich erholen.
Was steht es um die sozialen Bewegungen von damals und wie sehen sie die Zukunft vor Ort?
Das MAB ist eine brasilienweite Bewegung von Staudamm-Betroffenen. Im Kontext des Klimagipfels COP30 gehörte sie zu den Initiator:innen eines zivilgesellschaftlichen Parallelgipfels, Cúpula dos Povos, der im November 2025 stattfand, um die zivilgesellschaftlichen Stimmen der Betroffenen des Klimawandels hörbar zu machen. Sie kritisieren falsche Lösungen im Kampf dagegen und fordern eine lebenswerte Zukunft für alle. Cleidiane Vieira, eine von ihnen, ist seit ihrem 16. Lebensjahr Aktivistin des MAB. Sie meinte in Bezug auf den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro: „Wenn er eines richtig gemacht hat, dann war es, dass er durch seine klimaschädliche und menschenverachtende Politik die Linke im Land wiedervereint hat“. Sie und ihre Mitstreiter:innen sind stark aufgestellt. 2023 konnte MAB einen historischen Erfolg einfahren: Erstmals wurde in Brasilien eine nationale Policy über die Rechte der von Staudämmen betroffenen Bevölkerung verabschiedet. Sie legt Pflichten für Unternehmen fest, die Schaden angerichtet haben, sieht Richtlinien für die Wiedergutmachung vor und bindet auch die betroffene Bevölkerung in derartige Prozesse ein. Nun heißt es dranbleiben, damit diese guten Ansätze auch umgesetzt werden…
Interview: Christina Schröder
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