
Aschenputtel in Jogginghose: Ist sozialer Aufstieg auch ohne Ballkleid und Vitamin B möglich? Im Theaterstück „Klassenputtel“ erforscht die Theaterpädagogin und Regisseurin Saliha Shagasi Zwischenräume, die meist unausgesprochen bleiben.
Von Monika Schneider-Mendoza
Kabel hängen an der Wand. „Wem gehören die Zigaretten“, fragt eine junge Frau. „Ach, die sind von Kabale“, antwortet eine andere Stimme. Das Drama ist gemeint. Ich trete in das Vestibül, eine Spielstätte und Studiobühne des Burgtheaters. Marmorsäulen und 140 Jahre alte Schachbrettfliesen. Vor mir steht ein Ensemble von Community-Spieler:innen – gleich werden sie „Klassenputtel“ proben. Saliha Shagasi leitet die Produktion. Sie trägt eine Trainingsjacke und goldene Ohrringe. Nach dem Probedurchlauf nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch. „Ich glaube, Klassismus bestimmt unser Leben genauso sehr wie Rassismus“, sagt Shagasi. In Vorbereitung auf das Stück hat sie nicht nur das Märchen Aschenputtel, sondern auch „Die feinen Unterschiede“ von Pierre Bourdieu gelesen. „Nicht komplett. Das Buch ist dick“, fügt sie hinzu.
Arbeitsmarkt. „Klassenputtel“ wartet weder auf den Prinzen noch auf ein Pferd, sie geht zum AMS. Mit dem Community-Theater hat Shagasi den Anspruch, Themen, die in der Stadt herumschwirren, einzufangen. So wie auch in „Hässlichkeit“, ihrer ersten Regiearbeit an der Burg, wird schauspielerische Erfahrung nicht vorausgesetzt. Interessierte konnten sich auf die Ausschreibung melden. „Wir haben im Oktober 2025 mit Impro-Theater angefangen und selber Texte gelesen und geschrieben und zusammen am Stück gearbeitet“, erzählt Long. Der 25-jährige Vietnamese studiert in Wien Theater, Film- und Medienwissenschaften. Eine Lehrveranstaltungsleiterin hat ihn auf die Community-Produktion aufmerksam gemacht. „Die Formulierungen sind sehr offen und auch persönlich. Wir teilen unsere eigenen Geschichten“, sagt Zuzi. Die Schülerin ist mit 17 Jahren die Jüngste im „Klassenputtel“-Ensemble. Neben Deutsch spricht sie Slowakisch, auch im Stück. Studierende aus Drittstaaten haben in Österreich keinen freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Selbst mit Beschäftigungsbewilligung ist nur eine geringfügige Anstellung möglich. Diese Einschränkung wird auch auf der Bühne thematisiert. „Während des Prozesses zu dem Stück ist mir aufgefallen, dass ich nach Menschen gesucht habe, die eine gewisse Form von Bildung haben, formal oder kulturell“, erklärt Shagasi.
Kapital der Kunst. Bourdieu stellte fest, dass erworbene Bildung und kulturelle Kompetenz zusammenhängen. Darauf wird auch in der Aufführung angespielt: Welche Codes werden vererbt? In welche Räume wird man hineingelassen? „Warum geht sie nicht in Jogginghose auf den Ball?“, fragt eine Schauspielerin beim Probedurchlauf. Geschmack ist laut dem 2002 verstorbenen französischen Soziologen nichts Individuelles, sondern wird vom sozialen Umfeld beeinflusst. „Die Jogginghose war ein lang verpöntes Kleidungsstück, das plötzlich im Theater Gang und Gäbe ist. Was mir missfällt ist, dass andere Menschen aufgrund dieses Kleidungsstils abgewertet werden. Auch Tattoos haben so einen Klassenwandel durchgemacht“, sagt die Theaterpädagogin Shagasi im Gespräch und fährt fort: „Der Habitus erzählt sich aber auch über die Körpersprache. Wie betrete ich einen Raum?“ Bourdieu drang zwar in das Zentrum der akademischen Macht vor, aber blieb auf Distanz zu den Institutionen. Der Sohn eines Landwirts schrieb Sätze wie: „Verkörperlichtes Kulturkapital bleibt immer von den Umständen seiner ersten Aneignung geprägt. Sie hinterlassen mehr oder weniger sichtbar Spuren, etwa die typische Sprechweise einer Klasse oder Region.“ An der Aussprache arbeiten die Schauspieler:innen mit der hauseigenen Sprechtrainerin. Übungen für Atmung und Körperhaltung können einen Unterschied machen, bestätigt die Regisseurin: „Es gibt einem Selbstbewusstsein, wenn man auf der Bühne plötzlich den Kopf etwas mehr anhebt als man es natürlicherweise tun würde.“

Netz und Werk. Zum Theater brachte Shagasi eine Lehrerin. „Wir hatten Projektwochen in der Schule, der klassische Weg für all jene, die nicht mit ihren Eltern ins Theater gehen“, erzählt sie. „Ich habe mich damals sehr gefreut, mit zwölf Jahren die freche Schwester spielen zu dürfen, mit einer Zigarre im Mund.“ Zu Hause war sie das angepasste, brave Kind. Mit 14 Jahren beginnt Shagasi im Jugendclub des Kinder- und Jugendtheaters in Krefeld in Nordrhein-Westfalen mitzuspielen. Noch als Schülerin kann sie dort im Theaterclub Regie ausprobieren. Zum Studieren geht die Tochter einer deutschen Mutter und eines afghanischen Vaters nach Köln, Lehramt Sonderpädagogische Förderung. „Der Raum Uni war für mich neu. Ich wusste überhaupt nicht, was studieren bedeutet.“ Shagasi fängt an Kontakte zu knüpfen und landet nach vielen Student:innenjobs in einem Uni-Projekt, das zum Ziel hat, ein Netzwerk zu Kulturinstitutionen in der Umgebung aufzubauen. „Ein Kontakt vom FFT (Forum Freies Theater) in Düsseldorf erzählte der Leitung des Jungen Schauspiels Düsseldorf, die gerade nach eine:r Theaterpädagog:in suchte, von mir. Obwohl ich keine theaterpädagogische Ausbildung hatte.“ Trotz langjähriger Erfahrung und nachweisbaren Erfolgen kämpft Shagasi zu diesem Zeitpunkt mit dem Imposter-Syndrom und zweifelt an ihren eigenen Fähigkeiten. Doch sie geht zum Vorstellungsgespräch und bekommt den Job. Es folgt eine Zusammenarbeit am Schauspiel Köln mit dem Import Export Kollektiv von Bassam Ghazi, einem libanesischen Regisseur. Als dieser nach Düsseldorf wechselt, bietet er Shagasi die Leitung des Kollektivs an und sie nimmt an. Stefan Bachmann hat zu diesem Zeitpunkt die Intendanz. Drei Jahre später wechselt er nach Wien ans Burgtheater und fragt Shagasi, ob sie mitkommen möchte. „So bin ich am Burgtheater gelandet. Alles Vitamin B“, sagt die Regisseurin und grinst.
Zwischenräume. „Ich lebe den Lifestyle der Yuppies oder Bobos, wie ihr sie hier nennt. Ich glaube, dass ich mich in vielen Räumen bewege, um die es in diesem Stück geht – diese Zwischenwelten.“ Ihre Mutter ist Altenpflegerin, ihr Vater konnte aufgrund seines Aufenthaltsstatus lange Zeit nicht in Deutschland arbeiten, dafür machte er die Hausarbeit. Sie bringt mich zum Ausgang zurück und sagt noch: „Ich bin in einem Raum: von außen denken Menschen, ich gehöre dazu, weil ich gelernt habe, welchen Habitus es braucht. Aber auf vielen Veranstaltungen scanne ich den Raum nach anderen People of Color und oftmals sehe ich keine einzige andere Person.“ Für Bourdieu ist das entscheidende Bindeglied zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital die Zeit, da ein Mensch Zeit für die Anhäufung von kulturellem Kapital nur so weit ausdehnen kann, wie die Familie von ökonomischen Zwängen befreite Zeit garantieren kann. Zeit ist auch für Aschenputtel der entscheidende Faktor. Um Mitternacht, beim letzten Glockenschlag, ist der Zauber vorbei. Zumindest in der Disney-Version.
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