

In China gibt es aufgrund der vor zehn Jahren beendeten Ein-Kind-Politik immer weniger junge Menschen, die Familien gründen wollen. Sowohl die Regierung als auch die älteren Generationen ergreifen Maßnahmen, um das zu ändern.
Ordentlich gereiht sind rosafarbene oder blaue Informationsblätter aneinander gefädelt: jeweils vierzehn horizontal, vier vertikal, jedes laminiert, immer entweder alle blau oder alle rosa. Es sind dutzende solcher löchriger Papierwände, die neben den Wegen eines Volksparks in der chinesischen Millionenstadt Chengdu im Südwesten Chinas Spalier stehen. Auf den pinken Blättern finden sich Steckbriefe von Frauen, und auf den blauen sind Männer beschrieben – allesamt sollen dabei helfen, dass Alleinstehende einen Partner oder eine Partnerin finden.
Die Informationen sind knapp: Geburtsjahr, Geschlecht, Größe und Merkmale wie: „Spielt nicht um Geld, raucht nicht, hat ein starkes Verantwortungsbewusstsein und stammt aus einer guten Familie.“ Auch, wie potentielle Partner:innen sein sollen, steht darauf, also Geschlecht, genaue Größenangabe und Voraussetzungen: „Gute Gesundheit, keine problematische Familiengeschichte“.
Interessen oder Zukunftspläne scheinen weniger auf. Ein älterer Herr studiert die Informationen, er bewegt sich kaum, lässt seine Augen von Blatt zu Blatt wandern. Generell sind die Interessent:innen hier höheren Alters. Es sind jene, die sich an einem Dienstagmittag dafür Zeit nehmen können, das Angebot zu sichten: pensionierte Eltern mit heiratsfähigen Kindern. Nur zwei junge Männer sind hier und tauschen mit einer älteren Mutter Telefonnummern aus.
Arrangierte Dates
„Manchmal wissen die Singles gar nicht, dass ihre Eltern für sie nach einem Partner suchen”, erzählt die junge Chinesin Chen. Sie kennt den Anblick – solche sogenannten Hochzeitsmärkte gibt es in vielen Städten. Den mit Abstand größten sogar in ihrer Heimatstadt Shanghai.
Anwärter:innen werden im nächsten Schritt von den Eltern angepriesen. „Mütter und Väter erzählen zu Hause dann, sie hätten den Sohn einer Freundin oder die Tochter eines Bekannten kennengelernt und bitten ihre Kinder um einen Kennenlerntermin. Das Blind Date wird so zur ausgemachten Sache. Die meisten, die ich kenne, tun ihren Eltern den Gefallen”, sagt Chen, die Mitte zwanzig ist.
Selbst eine Partnerin oder einen Partner zu suchen, wäre für viele zeitlich auch gar nicht möglich, erklärt sie und nennt das „996-Arbeitsmodell“: In vielen großen Städten arbeiten die meisten Menschen von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, sechs Tage die Woche. Das war auch Chens Alltag, bis sie ihre Stelle bei einer bekannten Social-Media-App kündigte. Sie ließ das hohe Gehalt und den Bürojob hinter sich. Heute ist sie Tourguide und zeigt Menschen aus fernen Ländern ihre Stadt, ihr Land.
China wurde im Jahr 2023 von Indien als bevölkerungsreichstes Land der Welt abgelöst. Wie auch in einigen anderen Ländern Ostasiens ist die Geburtenrate stärker als im Rest der Welt gesunken und liegt auf einem Rekordtief von etwa einem Kind pro Paar. Die hohen Lebenskosten und die langen Arbeitszeiten sind ein Grund dafür, ausschlaggebend in China aber sind die Folgen der Ein-Kind-Politik: Weil viele werdende Eltern Mädchen abtrieben, gibt es heute 35 Millionen Männer mehr als Frauen. Auf Anreize wie Kindergeld und -betreuung folgen immer extremere Maßnahmen. Chinesinnen berichteten der US-amerikanischen Zeitung New York Times vor wenigen Monaten von übergriffigen Erlebnissen: von Ärzten, die von Verhütungsmitteln abraten, und von Standesbeamt:innen, die nach Schwangerschaftsvitaminen oder der letzten Periode fragten.
Kinder unerwünscht
Auch Chen will keine Kinder: „Meine Generation ist wie dünnes Fleisch in einem Sandwich: Wenn wir heiraten, dann müssen wir uns um Eltern und Schwiegereltern kümmern. Und dann auch noch mehr als ein Kind bekommen? Nein. Wir sind es so sehr gewohnt, allein zu sein, dass wir gar nicht heiraten wollen – geschweige denn Kinder bekommen.” Ihre Eltern sehen das möglicherweise anders. Vielleicht hängt irgendwo ein rosa Zettel mit ihrem Namen unter vielen anderen – laminiert, beschrieben und mit Telefonnummer zur Kontaktaufnahme.
Carina Bauer will Kulturen und Menschen verstehen. Wann immer sie kann, geht sie auf Reisen. In den vergangenen zehn Jahren arbeitete sie überwiegend als Redakteurin beim Fernsehen, heute schreibt sie für verschiedene Magazine – zuletzt für das Branchenmagazin Österreichs Journalist:in.
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