Der Merker

Freie Eizellen

Von Karl-Markus Gauss
Der Freihandel, lässt man ihn gewähren, wie er will, ist bekanntlich so frei, mit allem zu handeln, was ihm einträglich ist. In der Ära des alten Kolonialismus wurde außer mit Rohstoffen bevorzugt mit Menschen gehandelt, die vom einen Kontinent in den anderen verschleppt und verkauft wurden. Auch der neue Kolonialismus hat es noch immer mit Rohstoffen und Menschen zu tun, und mitunter ist es der Mensch selbst, der als Rohstoff gehandelt wird. Ganz neue Märkte sind auf diese Weise entstanden.
Besonders gut florierte in den letzten Jahren beispielsweise der Handel mit Eizellen, namentlich der zwischen dem armen Rumänien und dem reichen Großbritannien. Wie das vor sich geht? Da gibt es in England viele Frauen in wohlhabenden Kreisen, die gerne Kinder haben würden, aber leider nicht und nicht schwanger werden. Und da gibt es in Rumänien in den bedürftigen Schichten viele Frauen, die gebären könnten, aber nicht wollen, beispielsweise weil sie schon drei Kinder haben oder weil ihnen das Geld für ein Familienleben in Würde fehlt.

Aus England werden nun tiefgekühlte Samenzellen englischer Männer angeliefert und in eine Bukarester Spezialklinik verbracht; dort werden die Eizellen rumänischer Frauen, die sich ein bisschen was dazuverdienen wollen oder müssen, mit den zur angemessenen Temperatur aufgetauten britischen Samenzellen befruchtet. (Gibt es das überhaupt: „britische“ Samenzellen - haben auch sie schon eine Nationalität?) Die geschäftliche Transaktion findet ihren Abschluss, wenn die solcherart befruchteten Eizellen nach Großbritannien ausgeflogen und dort in die aufnahmebereiten Gebärmütter der englischen Ehefrauen verpflanzt wurden, auf dass diese nach neun Monaten kleine Originalbriten mit rumänischem Gütesiegel zur Welt bringen.
Die Zukunft des Kolonialismus ist nicht der Handel mit Sklaven, dafür ist die menschliche Arbeitskraft schlicht zu billig geworden. Aber er handelt weiterhin mit Rohstoff und mit Menschen, und die rumänischen Frauen, die an dem ganzen Deal am wenigsten verdienen, sind die Rohstofflieferantinnen.

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