Liebe Südwind-Redaktion!

Ja, ich schreibe aus der Stadt, in der „wir“ bei der Fußball-WM 1978 „die Deutschen“ 3:2 geschlagen haben. Seit einem Monat lebe ich hier. Rund um meine Wohnung habe ich alles, was ein österreichisches Herz begehrt: einen Platz mit Park, Kirche und Wirtshaus, einen Kiosk, einen kleinen Supermarkt mit Fleischerei und Gemüsehändler, wo man die Eier noch einzeln kaufen kann. Eine Uralt-Wäscherei, eine Schreibwarenhandlung, die auch als Copy-Shop und Postamt fungiert.

Und dann gibt’s da noch die Bäckerei mit Kaffeehaus, wo ich jetzt, um sieben Uhr, auf mein Frühstück warte. Man wird mir „un completo“ servieren. Das ist Milchkaffee, Mineralwasser, Orangensaft und zwei „media lunas“ („Halbmonde“, also Croissants oder Kipferln auf wienerisch). Macht zusammen elf Pesos, umgerechnet 1,83 Euro. Ein Kaffee „sólo“ würde acht Pesos (Euro 1,33) kosten. Wie sich diese Rechnung ausgeht, verstehe ich nicht, sie ist aber der Grund dafür, dass jeder die Komplettversion bestellt.

Da sind auch schon die übrigen Stammkunden! Der ältere Herr mit Hund, mit dem ich in stillem Einvernehmen die Zeitung teile, die Lehrerin, die noch schnell Schularbeiten korrigiert. Dann ist da der Geschäftsmann im Anzug, dessen Handy schon ab halb acht zu klingeln beginnt. Und schließlich kommt auch – wie immer etwas abgehetzt – der junge Vater mit kleiner vierjähriger Tochter, die von allen zur Begrüßung geherzt und geküsst wird.

Gerade wird mir von dem älteren Herrn der Hauptteil der Zeitung entgegengestreckt in der Erwartung, dass ich ihm den Sportteil reiche, obwohl ich den noch gar nicht gelesen habe. Doch heute muss ich bereits früh los.

Yvonne A. Kienesberger

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