Liebe Südwind-Redaktion!

Stellt man einen Argentinier vor die Möglichkeit, 100 Pesos jetzt oder 1.000 Pesos in einem Jahr zu bekommen, dann wählt er die 100 Pesos. Denn wer weiß schon, was in einem Jahr sein wird. Vielleicht gibt es dann mich oder dich schon gar nicht mehr, oder es gibt das Bankkonto nicht mehr, auf dem die 1.000 Pesos in der Zwischenzeit eigentlich „sicher“ liegen sollten.

Sparen ist bei der vorhandenen Inflation kaum möglich und vielleicht auch nicht sinnvoll. Und wenn sparen, dann sicher nicht auf einer Bank, weil die könnte ja plötzlich die Konten einfrieren und man sieht sein Geld nie wieder. Was also tun mit den paar Scheinen, die man am Ende eines Monats vielleicht übrig hat? „Hazte un colchón“, wird mir geraten, „steck das Ganze in deine Matratze.“

Die ArgentinierInnen sind Wirtschaftskrisen gewohnt. Es scheint, als könnte sie wirklich nichts mehr erschüttern, nach allem, was sie erlebt haben. Wenn’s ums Finanzielle oder um Arbeit geht, hat es also keinen Sinn, sich sonderlich aufzuregen.

Als Krisenprofis sind die ArgentinierInnen Weltmeister der Improvisation und entwickeln dabei einen erstaunlichen Einfallsreichtum. Da baut man seinen eigenen kleinen Kiosk in der Garage auf oder man wird halt Taxifahrer, oder man verkauft selbstgemachte Empanadas (Teigtäschchen) in der Nachbarschaft. Aufgeben gibt’s nicht.

Aus der Ruhe kommen sie jedoch, wenn jemand Nordamerika als „Amerika“ bezeichnet. „Wir sind auch Amerika“, rufen sie dann entrüstet und sind stolz darauf. Amerika also mit allem, was dazu gehört, auch mit dem Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“.
Yvonne Kienesberger

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