Liebe Südwind-Redaktion!

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. So beschreibt man den Gemütszustand der argentinischen Bevölkerung am besten. Sieht man in der U-Bahn jemanden weinen, dann muss das nicht unbedingt heißen, dass derjenige eine schlechte persönliche Nachricht erhalten hat. Handelt es sich um eine Dame, kann es genauso gut sein, dass sich das Liebespaar der Nation in der Telenovela wieder einmal gestritten hat und damit die Traumhochzeit am Ende der Saison in weite Ferne gerückt ist. Ist es ein Herr, dann kann es sein, dass sein Fußballclub am Vorabend verloren hat.

GewinnerInnen sind die PsychologInnen, zu denen man in Argentinien geht wie zu FreundInnen.Mittlerweile kommen in Buenos Aires auf 100.000 EinwohnerInnen 800 PsychologInnen, das ist in etwa achtmal so viel wie in New York und Weltrekord.

Alles, was gut ist, wird von den ArgentinierInnen (im wahrsten Sinne des Wortes) in den Himmel gehoben. Diego Maradona wurde zum Fußballgott, Messi wird recht schnell zum Messias, Evita war der Engel der Armen, die neue holländische Königin argentinischer Abstammung wird schon jetzt wie eine Heilige verehrt und nun kommt auch noch der Papst aus Argentinien. Das Himmelreich scheint also für immer gesichert!

Andererseits wird alles, was emotional weh tut, sofort als Anlass genommen, in tagelanges Trauern zu verfallen, allerdings nicht im stillen Kämmerlein, sondern in einem lautstarken Lamento. Zum Glück, muss man fast sagen, denn der Tango ist nichts anderes als Ausdruck des zu Tode Betrübtseins aus Liebeskummer oder Heimweh – ein wunderschönes Manifest der argentinischen Melancholie.
Yvonne A. Kienesberger

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