Liebe Südwind-Redaktion!

„Was machen die ganzen Menschen hier?“, dachte ich mir unlängst. Es war schon fast Mitternacht. Auf dem Heimweg musste ich über die Brücke des 6. Oktobers gehen, die den Osten mit dem Westen Kairos verbindet. Als ich bei der Mitte der Brücke ankam, bemerkte ich, dass sie bevölkert war. So spät?

Je weiter ich ging, desto gedrängter wurde es. Auf der anderen Seite ist der Tahrir Platz nicht weit – jenes Schlachtfeld, das sowohl Schauplatz von blutigen Zusammenstößen als auch von wilden Feierlichkeiten wurde; dieser heilige Platz, zu dem die VerfechterInnen von Freiheit pilgern.

Ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass das Volksfest dem Wahlsieg von Abdel Fattah al-Sisi in den Präsidentschaftswahlen galt. Die Menschen waren so fröhlich, weil sie die Hoffnung auf ein Ende von mehr als drei Jahren zerstörter Träume, politischer Unruhen und Chaos haben. Ein Jahr hat gereicht, um die politische Unfähigkeit der Muslimbruderschaft aufzuzeigen. Und auch, dass sie die Hoffnungen der ÄgypterInnen enttäuschen.

Während ein Feuerwerk am Stadthimmel Kairos explodierte, kniete ein alter Mann auf dem Boden, um Gott seine Dankbarkeit zu zeigen. Eine Gruppe Frauen, gekleidet in den Farben der ägyptischen Flagge, tanzte und sang. „Ägypten ist zurück!“, hörte man immer wieder.

Die vergangenen Jahre waren nicht leicht für die ÄgypterInnen. Viele verzweifelten, schwankten zwischen der Hoffnung auf Demokratie und der Angst, dass das Land in einem unendlichen Bürgerkrieg versinkt, wie Syrien.

Die geliebte Heimat kann so schnell verloren sein! Die Menschen in Ägypten wissen das.
Huda Abdel Kader

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