Liebe Südwind-Redaktion!

Nach sechs Jahren in Argentinien glaubt man, man hätte alles gesehen, was an politisch motivierter (Des)information möglich ist. Ich habe es mir deshalb zur Angewohnheit gemacht, neben den argentinischen auch deutsch- und englischsprachige Medien zu lesen, um aus den unterschiedlichen Berichten einen goldenen Mittelweg abzuleiten. Dieses Mal ist das nicht möglich. Artikel über die finanzielle Situation des Landes unterscheiden sich nämlich derart in Gehalt und Stimmung, dass es keine goldene Mitte gibt – nur noch ganz schwarz oder ganz weiß.

Außerhalb -Südamerikas liest man – meine Oma in Europa nervös -machende – Schlagzeilen wie „Zahlungsunfähiges Argentinien kurz vor Staatsbankrott und Chaos“. Im Land Argentinien selbst liest man hauptsächlich heldenhaftes Getöne wie: „Wir hätten ja das Geld, wir wollen nur diese Geier nicht bezahlen.“ Bis hin zu ganz absurden Überschriften wie: „Ist Wirtschaftsminister Kicillof das neue Sexsymbol?“

Kurz (und zur Beruhigung meiner Oma): von Chaos kann (noch) keine Rede sein. Das liegt aber daran, dass die armen ArgentinierInnen seit Jahrzehnten schlechte Wirtschaftsnachrichten gewohnt sind, dass sie sich alle zehn Jahre auf eine neue Krise einstellen und derzeit an einer Inflationsrate von bis zu 40% leiden, die sich im ersten Moment sehr viel akuter auf das Leben der Menschen auswirkt als Richtersprüche in New York. Die großen Gewerkschaften haben vor kurzem einen Generalstreik angekündigt. Aber auch der wird wenig mit den Staatsschulden bei Hedgefonds zu tun haben. Und ein Generalstreik kann einen „gelernten Argentinier“ auch nicht mehr erschüttern.
Yvonne A. Kienesberger

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