Liebe Südwind-Redaktion!

Auf unserem Weg zum Nevado de Chañi, dem mit knapp 6.000 m höchsten Gipfel im Andenabschnitt der argentinischen Provinz Jujuy, schlagen wir unsere Zelte in der „Ovejería“ auf. Hier, auf 3.500 m, hat eine Bergbauernfamilie ihren Hauptwohnsitz. Je nach Jahreszeit und Wetterlage führt Vater Eusebio seine Schafherde (Schaf = „oveja“) auch auf höhergelegene Almen. Um uns zu begrüßen, ist er eigens von einem dieser Sommersitze abgestiegen. Auch Mutter Virginia ist ganz aufgeregt, uns zu sehen. Das Leben in den Bergen ist zunehmend einsamer geworden und die beiden freuen sich über jeden Gast.

Die Ovejería ist eine Ansiedlung niedriger Steinbauten, neben einem Bach gelegen. Vor vielen Jahren hat die Familie eine kleine Kapelle mit zwei Türmen errichtet. Ihr Inneres ist mit Handarbeiten, Zeichnungen, Plastikblumen und Kerzen geschmückt. Eines der Häuschen diente über Jahrzehnte hinweg als Schule. Aber auf der Tafel, die an der Wand lehnt, wurde schon lange nichts mehr notiert. Die Schule wurde geschlossen, als nur noch Eusebio und Virginia am Berg zurückgeblieben waren. Die Nachbarn und auch ihre eigenen Kinder sind mittlerweile in die Stadt gezogen, auf der Suche nach einer besseren Ausbildung und Arbeit. 

Ins Tal kommt das Ehepaar nur selten. Alles, was sie dringend zum Überleben benötigen, produzieren sie selbst. Keiner der beiden würde das – oft mühsame und entbehrungsreiche – Leben auf ihrem Berg für ein einfacheres Leben in der Stadt eintauschen. Trotzdem ist Virginia traurig, als wir uns verabschieden müssen und bittet uns eindringlich: „Vergesst uns hier oben nicht!“
Yvonne A. Kienesberger

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